Schwedenklees Erlebnis
Kapitel 16
Immer noch sah er sie vor sich, wie sie, die schlanken Hände verkrampft, mit
dem Ausdruck letzter Inbrunst, Andacht, Aufgelöstheit vor dem Bette kniete, das
bleiche, schöne Antlitz verklärt von unbegreiflichem Schmerz. Eigentlich, sagte
er sich, sah sie aus, als ob sie grenzenlos erstaunt wäre, ja, Staunen,
Verwunderung – nein, ich weiß nicht, es ist jedenfalls nicht in Worten
auszudrücken.
Unauslöschlich hatte sich dieses Bild in sein Gedächtnis eingegraben.
Er liebte es, sich diesem Anblick hinzugeben, obschon ihn die Dampfwolke
peinigte, die aus dem verzerrten Munde des Sterbenden über die rauhe
Wolldecke fuhr.
Dann sah er sie, in letzter Schärfe, in ihrer Trauerkleidung vor sich. Das
schwarze Hütchen, der schwarze Schleier, der ihr Gesicht ganz durchsichtig
erscheinen ließ – ihre Lippen, ihr atmender Mund, ihr scheues Tierauge, die
Grübchen in ihren glatten Wangen – und wie bei ihrer Mutter war das Grübchen
auf der rechten Wange etwas tiefer als auf der linken. Die schwarze Halskrause,
aus der ihr feiner Nacken stieg, ganz wie Ellens, der Mutter, Nacken. Und nun
war sie hier!
Lieber Himmel, Schwedenklee war ganz verwirrt!
Es war nicht leicht gewesen, Ellen, die der Schmerz fassungslos gemacht
hatte, in ein Magazin für Trauerkleider zu bringen. Hundertmal wiederholte
Schwedenklee mit unendlicher Geduld: „Aber Sie können doch nicht so Ihren
Vater beerdigen, seien Sie doch vernünftig!“
Endlich ließ sie sich bewegen. Aber sie wünschte das Kleid so einfach wie nur
möglich. Die Verkäuferinnen, gerührt von ihrer Schönheit und Hilflosigkeit,
bemühten sich um sie. Schließlich stand sie fertig angekleidet vor dem Spiegel.
Sie blickte hinein und errötete! Blitzschnell ergoß sich die Röte, zart, wie ein
Hauch, über ihr Gesicht und ihren Nacken – ganz wie bei ihrer Mutter. Sie
errötete, weil sie sich in der Trauerkleidung gefallen hatte.
„Und nun neue Schuhe, Ellen!“
Sie sah ihn verständnislos an, während sie im Wagen weiterfuhren.
„Aber Sie können doch nicht in diesen abgetretenen Schuhen –?“
„Aber weshalb sorgen Sie sich um mich?“ fragte sie unwillig, die kleine Stirn
zerknittert, und preßte die Hände an die zarten Schläfen.
„Sie vergessen es immer wieder: ich bin ein Freund Ihrer Mutter und Ihres
Vaters.“
Ellen nickte. „Ich vergaß es, ja!“
„Nun will ich alles tun, wie Sie es wünschen“, sagte sie und schmiegte sich an
ihn, in kindlicher Aufwallung, obschon sie neunzehn, zwanzig Jahre alt sein
mußte. „Ich will gehorsam sein.“
Schwedenklee sagte ihr, daß sie sich wegen ihrer Zukunft keine Sorgen zu
machen brauche.
Sie sah ihn ohne jedes Verständnis an. „Ich mache mir ja keine Sorgen.“
„Ich verstehe wohl. Sie müssen aber doch irgendwo bleiben.“
„Bleiben?“ Feindselig blendete ihr Blick.
„Ja, natürlich. Sie müssen essen, trinken, schlafen.“
„Nein, nein“ – unterbrach sie ihn – „nein, das muß ich nicht!“
„Sie haben mir versprochen, an all diese Dinge für Sie denken zu dürfen.“
„Ja!“
Nach einer Pause fühlte er ihren Blick.
„Papa ist sehr arm gewesen, aber er war trotzdem ein großer Künstler!“
„Ein großer Künstler!“
Ellens scheues, verstörtes Tierauge wanderte ruhelos.
Fragmente ihrer kurzen Gespräche fielen Schwedenklee ein, Blicke,
Bewegungen. Als man den Sarg abholte, kniete Ellen in der Ecke der Stube. Bei
der Beerdigung war Ellen gefaßt. Sie stand wie versteinert, den Blick zu Boden
gerichtet. Sie waren nur zu dritt. Ellen, er, die weißblonde Schwester, die heftig
weinte.
Bei ihrer Mutter waren es nur zwei, dachte Schwedenklee: Blank und Ellen.
Und er erinnerte sich, daß Blank ihm schrieb, er habe sich auf die Erde geworfen
...
Augusta servierte mit feuchten Augen, mit reuevoller Weichheit, das
Abendessen.
„Sie werden uns also nicht im Stich lassen?“ fragte Schwedenklee, kauend,
ohne vom Teller aufzusehen.
„Sagte ich denn das?“ Schon weinte Augusta, diese gute Seele. „Ich habe ihr
zugeredet, und sie hat eine Tasse Tee getrunken. Nun will ich sehen, daß sie
noch ein Ei ißt, dieses arme Kind!“
Schwedenklee verbrachte den Abend zu Hause. Die Aufregungen der letzten
Tage hatten ihn so sehr mitgenommen, daß es ihm unerträglich gewesen wäre,
Menschen zu sehen. Er genoß jede Minute des Alleinseins. Seit vielen Jahren hatte er einen solch zufriedenen, ausgeglichenen Abend nicht gehabt. Er strich
an seiner Bibliothek entlang. „Ich werde ein schönes Buch lesen, ja!“ Seit Jahren
hatte er nicht mehr die Sammlung besessen, sich auf ein umfangreicheres Werk
einzulassen.
Er zog eine Reihe von Büchern heraus, ohne sich entschließen zu können. Die
„erotische Abteilung“ betrachtete er mit einem verächtlichen Lächeln.
„Augusta?“ Schwedenklee erschien in der Küchentür! „Was macht unser
Gast?“
„Sie hat jetzt den Hut abgenommen. Sie will versuchen zu schlafen, sagte
sie.“
„Hat sie das Ei gegessen?“
„Sie versprach es zu essen.“
Schwedenklee klopfte an Ellens Türe.
„Ich will Ihnen gute Nacht sagen“, sagte er mit väterlicher Wärme, indem er
den Kopf ins Zimmer streckte. „Haben Sie noch irgendwelche Wünsche?“
„O nein, danke“, antwortete Ellens kleine Stimme, ganz fern.
Ellen hatte wirklich den Hut abgenommen. Sie stand mitten im Zimmer und
wandte ihm ihr scheues, helles Auge zu.
„Schlafen Sie wohl. Und wenn Sie Wünsche haben, so klingeln Sie.“
„Ich habe keine Wünsche, danke!“
„Hier ist jener Brief, den Ihr Vater mir hinterließ. Ich lege ihn hierher,
vielleicht haben Sie jetzt Sammlung genug, ihn zu lesen.“
„Danke!“ Regungslos stand Ellen.
Das Leben hat merkwürdige Einfälle, dachte Schwedenklee verwundert und
triumphierend zugleich. Ist es nicht sonderbar, daß Ellens Tochter, die
wiedergeborene und verjüngte Ellen, bei mir ist? Wer hätte sich das je träumen
lassen?
Dank einer Fügung des Schicksals habe ich, ohne mein Zutun, plötzlich eine
Tochter bekommen – ein wunderbares Wesen, ein Kleinod dazu – den
angebeteten Liebling unglücklicher Eltern ...
Ja, in der Tat, es war das alte Glück Schwedenklees, immer noch folgte es ihm
wie sein Schatten. Wie man sich erinnern wird, erhielt er den Titel eines
„Oberbaurats“ vom Oberkellner des Cafés, ohne jede Anstrengung – ohne jedes
Verdienst hatte ihn das Schicksal plötzlich, gänzlich unerwartet, mit einer
Tochter beschenkt.
Schwedenklee war ganz erfüllt von seinem Glück. Als Blank, dieser gute,
arme Blank, dachte er, mir seinerzeit auflauerte, ahnte ich damals nicht, daß
diese merkwürdige Begegnung eine besondere Bedeutung für mein Leben haben
wird? Wie? Und Blanks unverständliche Bemerkungen, Anspielungen, seine
prüfenden Blicke – ja, nun verstehe ich alles. Sie ist in guten Händen bei mir,
teuerster Freund – unwillkürlich hatte er Blanks Tonfall nachgeahmt, als er
„teuerster Freund“ sagte.
Schwedenklee hatte die Briefe, die ihm Schwester Anna als ein Vermächtnis
Blanks in der eisigen Küche überreichte, schon flüchtig durchflogen. Nun aber
war er in der ausgeglichenen, ruhigen Verfassung, sie genauer zu lesen.
Es waren im ganzen sechs Briefe, kürzere und längere, die er an Ellen von
Paris aus geschrieben hatte. Er erkannte seine Handschrift wieder – seine
Handschrift vor zwanzig Jahren –, heute schrieb er etwas kräftiger und klarer.
In dem ersten Briefe nach Ellens Abreise schrieb er ihr, daß er in ihr Zimmer
gezogen sei (im Hotel Panthéon) und daß sie gegenwärtig sei in Möbeln und
Wänden und tausend kleinen Dingen.
Es lag ja so nahe, dies zu schreiben! Aber, sagte sich Schwedenklee, welch
bodenlose Verlogenheit! Um 9 Uhr abends reiste Ellen, ich weiß es noch genau –
um 10 Uhr speiste ich mit Fräulein Svenska, mit der rotbäckigen Schwedin, in
diesem Zimmer – und am nächsten Morgen schrieb ich diesen Brief.
Und hier, das war offenbar die Antwort auf einen Brief Ellens, in dem sie ihm
für ein Darlehen dankte.
„Kein Wort, liebste Freundin,“ schrieb er, „ich bin glücklich, Dir gefällig sein
zu können. Es ist ja so selbstverständlich! Es gibt eine Solidarität des Adels, der
Reichen, sollte es nicht auch eine Solidarität der Künstler und geistig
Schaffenden geben?“
Lesen wir dies nochmals, sagte Schwedenklee, habe ich wirklich diese
Phrasen geschrieben? Ja, er hatte Ellen ganze tausend Franken geschickt und auf
ihren Dankesbrief mit derartig hochtrabenden Worten geantwortet!
In einem anderen Brief entwickelte er mit großer Beredsamkeit und vieler
Wärme ein System, wie die Künstler und geistig Schaffenden zu leben hätten!
Wie Mönche, nicht anders, arm, anspruchslos, materielle Genüsse und Güter
verachtend, nur ihrer Kunst ergeben, in einer kameradschaftlichen Gemeinschaft.
Alle, die dem „Orden“ angehörten, hätten ihre Einnahmen der Gemeinschaft zu
überweisen – um der Welt ein Beispiel zu geben, wie die Menschen eigentlich
leben sollten. Es sollte künftig nicht mehr Maler geben, die Millionen
verdienten, während ihre Kollegen darbten – nein, die Millionen der
Erfolgreichen sollten in die Kasse der Gemeinschaft der Maler fließen. Wie bei
den Malern, so bei den Musikern, den Schriftstellern –
„Sind das meine Worte, wahrhaftig? Habe ich je solchen Anschauungen
gehuldigt?“
Schwedenklee war erstaunt, ja förmlich verblüfft, auf diesen ihm gänzlich
fremden, jungen Schwedenklee zu stoßen.
War dieser Einfall vielleicht schlecht? O nein, nein!
War es nicht im Gegenteil ein herrlicher Gedanke? Und was ist daraus
geworden?
Nichts, nichts.
Schwedenklee erhob sich, verlegen. Wirklich nichts! Ich habe diese Idee ganz
einfach – vergessen.
Je länger er in den Briefen las, desto mehr erkannte er, daß der frühere
Schwedenklee und er eigentlich zwei völlig verschiedene Personen waren.
Schwedenklee der Jüngere, der leidenschaftlich soziale Probleme erörterte,
dessen Religion, wie er schrieb, die „Kameradschaft“ war – und Schwedenklee
der Ältere, der sich, Gott weiß es, den Kopf nicht mehr mit derartigen Dingen
zerbrach. Ja, in der Tat: zwei Welten. Ein behaglicher Bourgeois war aus dem
jungen Schwedenklee geworden, gestehen wir es nur – ein Bourgeois wie die
andern, mit genau den gleichen Ansichten wie der Kaufmann Jaffe, der
Kinderkleider fabriziert.
O ja, wahr! Wahr!
Ähnliche Anschauungen kehrten in all den Briefen wieder. Tapfer hatte sich
Schwedenklee der Jüngere den Problemen entgegengeworfen.
„Vorurteilslosigkeit und Mut brauchen wir,“ schrieb er, „um dem Leben
entgegenzugehen, das vor uns liegt ...“
Schwedenklee las und staunte. War er das wirklich? Etwas wie ein leises
Schamgefühl überkam ihn.
In einem Briefe fand sich diese Stelle: „Ich finde ja an und für sich, daß wir
schon korrumpiert sind. Wir Künstler müßten gekleidet sein wie Monteure und
Arbeiter, in Manchesterhosen, wir müßten betonen, daß wir und die Bourgeoisie
verschiedene Welten sind.“
Er? Er, Schwedenklee in Manchesterhosen? Er bekam einen roten Kopf.
Ja, was ist doch aus diesem Schwedenklee geworden? Mit einem verlegenen
Lächeln erhob sich Schwedenklee. Was ist aus mir geworden? Sein ganzes
Leben, das Leben der letzten zehn, zwanzig Jahre erschien ihm plötzlich
unverständlich ...
Herr Schwedenklee!“
Jemand pochte an der Türe. Es war Augustas Stimme.
Schwedenklee streifte die Uhr mit einem Blick. Es war schon spät in der
Nacht.
„Was wollen Sie, Augusta?“ fragte Schwedenklee, weich und versöhnlich
gestimmt.
„Es ist etwas nicht in Ordnung mit dem Fräulein.“
„Wie –?“
„Ja, es ist etwas nicht in Ordnung!“
Augenblicklich erschien Schwedenklees fahles Gesicht in der Türe.
„Erst stöhnte sie so eigentümlich und jetzt antwortet sie nicht mehr.“
Tödlich erschrocken eilte Schwedenklee an Ellens Türe und pochte. Erst leise,
dann ohne jede Rücksicht.
Nichts regte sich, kein Laut. Aber durch das Schlüsselloch schimmerte Licht.
Schwedenklees Blicke begegneten dem entsetzten Auge Augustas. Das Haus
schwankte.
Rasch, ohne zu denken, eilte er durch die Zimmer und klinkte die Tür auf, die
vom Speisezimmer in Ellens Räume führte. Diese Türe war offen: Auf das Sofa
gekauert sah er Ellen, in ihren Trauerkleidern, bleich, still, die blutleeren Lippen
schmerzvoll geöffnet, die Augen erschrocken, wie die eines überraschten Tieres,
auf ihn gerichtet. Ihre kleine Hand hing herab, wie gebrochen ... es tropfte und
rieselte –
Sofort übersah Schwedenklee alles.
„Aber mein Kind!“ rief er aus und berührte die schmale Schulter. Er war
selbst totenbleich und zitterte an allen Gliedern. In diesem Augenblicke erkannte
er ganz die Größe der Leidenschaft, die ihn für dieses Wesen erfaßt hatte.
Mit den gleichen Augen eines überraschten, erschrockenen Tieres blickte ihn
Ellen an.
„Verzeihen Sie mir“, flüsterte sie, ohne jede Regung.
Mit der Scherbe eines zerschlagenen Glases hatte Ellen sich die Pulsader
geöffnet.
Um den Teppich nicht zu beflecken, hatte sie eine Blumenvase unter die
herabhängende Hand gestellt.
Im Hause wohnte ein Arzt. In kaum zehn Minuten war er da. Es bestand keine
Gefahr für Ellens Leben.
Schwedenklee schloß die ganze Nacht kein Auge. Kreidebleich, zuweilen in
Ellens Zimmer lauschend, schlich er schwankend in seiner Wohnung hin und
her. Er zitterte und fror entsetzlich. Laß sie leben, großer Gott im Himmel! Ja, in der Tat, Schwedenklee betete.
Und wieder stand er im dunkeln Speisezimmer und lauschte gegen die offene
Tür. Sie schlief – ruhig und langsam ging ihr Atem. Der Arzt hatte ihr Morphium
gegeben. Unbegreiflich schön schien es ihm, hier zu stehen, im dunkeln Zimmer,
und ihren leisen Atemzügen zu lauschen.