Shadow of the Night, Blutige Liebe
Kapitel 9
Mürrisch machte ich mich auf den Weg zu ihm. Was forderte er denn jetzt schon wieder? Ich hatte nicht erwartet, ein drittes Mal diese Woche in dieses verfluchte Haus zu müssen.
Nachdem ich mich angezogen hatte, rannte ich los und stand einige Sekunden später hinter ihm, er blickte wie meistens durchs Fenster.
»Fantastisch, dass es dir gelegen kam, mich zu besuchen«
Seine Worte klangen förmlich, enthielten aber viel Spott. Natürlich erwiderte ich dies mit einer untertänigen Verbeugung.
»Natürlich, Sir. Was darf ich heute für sie tun?« fragte ich ihn vorsichtig.
»Es geht mir um ein kleines Anliegen. Wusstest du, dass sie heute in der Schule war?« erkundigte er sich und drehte sich lächelnd um. Kein gutes Zeichen.
»Nein, ich, ich wusste nicht. Es tut mir Leid, ich war unvorsichtig.«
Er stieß ein lautes Lachen aus.
»Unvorsichtig! Das ist ja die Untertreibung des Jahres! Ihr hätte alles passieren können, meine Liebe! Du hattest Glück, dass ich ein Auge auf sie geworfen hatte! Das wird Konsequenzen haben! Du hast mich erneut verärgert!« rief er spöttisch aus.
Plötzlich erklang hinter mir eine Stimme.
»Liebling, lass doch das arme Mädchen in Frieden. Du hast ihr letztes Mal schon genug zugesetzt. Du weißt nicht, ob du sie tötest, wenn du so verärgert bist und wir brauchen sie doch noch. Gib ihr noch eine Chance.« sagte die Stimme lieblich.
Ich drehte mich um und sah die Gefährtin/ Freundin/ Frau meines Meisters. Sie lief oder schwebte, wie man es bezeichnen würde, an mir vorbei, was ihre langen Haaren zum flattern brachte, direkt in seine Arme und streichelte sanft seine Wange, worauf hiner nickte.
»Glück gehabt. Und nun geh!« flüsterte er mir zu.
Als ich ankam,wartete Joseph bereits auf mich. Während er im üblichen Raum auf dem Sofa saß, starrte ich ihn an und wartete, dass er etwas sagte.
»Pünktlich wie auf die Minute.« sagte er grinsend, was auch mich zum Lächeln brachte.
»Bist du gut klar gekommen heute?« fragte er neugierig und reichte mir den bereits hingerichteten Becher mit Blut, welchen ich dankend annahm. Hastig trank ich ihn aus und nickte dabei abwesend.
»Super.« murmelte ich, während ich trank.
»Das erstaunt mich. So wie es aussieht hast du ziemlichen Durst, ich hätte erwartet, dass du aus Versehen einen Menschen getötet hättest.« erläuterte er mit zu Schlitzen gewordenen Augen. Das ließ mich von meinem Drink aufschauen. Mit einem Lächeln im Gesicht, schüttelte ich stolz den Kopf und erklärte.
»Ich war heute sogar in der Schule. Naja, fast. Wirklich, ich war auf dem Weg, doch im Schulgebäude wurde ich abgefangen.«
»Du wurdest was? Ist dir etwas passiert!« schrie er mehr, als er fragte.
»Nein, im Gegenteil. Ich hatte einen tollen Tag.«
Ein gezwungenes Lächeln huschte mir übers Gesicht. Ich hatte keine Lust, ihm mehr zu erzählen, was er begriff und daher das Thema wechselte.
»Ich hatte gestern noch eine gute Idee...« äußerte er sich.
»... Mir war nicht nach Schlafen und deshalb blätterte ich eins meiner Bücher durch.«
Er begab sich zu einem Bücherregal in der Ecke und nahm ein altes, gruselig aussehendes Buch heraus. Auf dem Einband stand Sprüche der Vampire. Sprüche der Vampire? Joseph nahm meinen verwirrten Blick wahr, worauf hin er mir das Buch gab. Sofort öffnete ich es und blätterte die Seiten durch, doch alles was darauf stand waren komische Zeichen und Schriften, die ich nicht lesen konnte.
»Meine Fähigkeit. Ich kann sozusagen zaubern. Halb Hexe, wenn du verstehst was ich meine.« sagte er mit einem Grinsen.
»Ein Vampir, der halb Hexe ist?«
Mit Bemühung konnte ich mir gerade noch so ein Lachen verkneifen, doch er lächelte selber auch.
»Ganz genau. Hört sich zwar total bescheuert an, ist aber echt nützlich. Aber kommen wir zum Punkt. Ich hab mich ein bisschen an die Arbeit gemacht und habe tatsächlich einen Spruch gefunden, der den Blutdurst etwas einschränkt. Ich dachte, dir käme das vielleicht ganz gelegen.« erzählte er.
Meine Augen weiteten sich und ich sprang zu ihm und umarmte ihn stürmisch.
»Oh danke Joseph, das ist wirklich toll. Du bist mir so eine große Hilfe, lass es uns gleich durchziehen.« rief ich.
Er grinste, befahl mir die Augen zu schließen und tat es selbst auch. Einen Moment später spürte ich seinen Atem an meinem Gesicht und öffnete die Augen. Er stand direkt vor mir und blickte mich lächelnd an.
»Erschrecke dich nicht.« flüsterte er und trat zur Seite.
Der Raum hatte sich vollständig verändert. Er kein Büro mehr, nein, er war zum Zaubersaal einer Hexe geworden. Die Wände waren alle schwarz, die Decke war voller Spinnenweben und in der Mitte stand ein riesiger Kochtopf und daneben ein kleiner Tisch. Ich kam mir vor, wie in einem dieser Fantasyfilme und kicherte leise vor mich hin.
»Hey, das ist nicht lustig!« verteidigte er sich, doch konnte sich das Lachen selbst nicht verkneifen.
»Okay kommen wir zur Sache.« sagte er mit einem Nicken. Er nahm mir das Buch aus der Hand, was mich aufschrecken ließ. Ich hatte völlig vergessen, dass ich es immer noch in der Hand hielt.
Fast schwebend begab er sich zum Tisch und legte es darauf ab. Mit grübelnder Miene, hob er seine geöffneten Handflächen darüber und das Buch öffnete sich auf magische Weise an einer bestimmten Stelle. Angeberisch schaute er mich einen Moment an. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
»Doch cool, oder?« fragte er spielerisch, worauf ich hastig nickte.
Sein Blick glitt wieder auf das Buch unter ihm und er las konzentriert jede Zeile. Langsam ging ich auf ihn zu, um ihm besser zugucken zu können, aber ihn nicht zu erschrecken. Gebannt murmelte er einige undeutliche Worte wie Schlungenkraut und Abermehl und sobald er es aussprach, erschienen kleine Gefäße mit bunten Flüssigkeiten darin neben dem Buch auf dem Tisch. Dieser Vorgang wiederholte sich solange, bis 10 kleine Gefäße vor ihm aufgereiht waren.
Er schenkte mir einen Blick und fragte dann ernst.
»Bereit?«
»Leg los.« antwortet ich gebannt.
Er fing an, die Zeilen in dem Buch laut zu lesen und die Tränke nacheinander in den nun kochenden Topf zu schütten. Ich verstand kein einziges Wort, doch es überzeugte mich völlig.
Schließlich hatte er jedes einzelne Gefäß geleert und stellte sich über den Topf.
»Salomono Graziosano Blabazio Snarrados Enis.« rief er in den Topf hinein und plötzlich kamen tausende kleiner Funken aus dem Topf und flogen direkt auf mich zu. Aus Reflex wollte ich mich ducken, doch ich konnte mich nicht bewegen. Als der Funkenregen schließlich vor meinem Körper war, schloss ich ängstlich die Augen.
Doch anstatt Schmerzen zu bekommen, spürte ich ein Gefühl der Erleichterung. Mich durchfuhr eine Art Licht, ich spürte wie es von meinem Kopf zu meinen Füßen durchfloss und anschließend wieder meinen Körper verließ. Das Gefühl allerdings blieb. Fast schon erlöst stoß ich einen Seufzer aus, es schien mir, als wäre eine schwere Last von mir abgefallen. Der Hunger und das Verlangen, die mich in meinem Hinterkopf dazu gedrängt hatten, Leute anzugreifen, war vollends verschwunden. Seit Tagen fühlte ich mich das erste Mal wieder richtig gut. Ich genoss dieses Gefühl noch einige Minuten lang, bis ich meine Augen anschließend langsam öffnete.
Der Raum war wieder der alte.
Joseph stand vor mir und lächelte triumphierend.
»Ich rate mal, es hat funktioniert?« fragte er stolz.
»Oh Joseph, es fühlt sich toll an! Ich muss dir wirklich danken!« rief ich überglücklich aus.
»Da bin ich aber froh. Sonst wäre der ganze Kraftaufwand umsonst gewesen.«
Erst jetzt bemerkte ich, wie die Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. Seine sonst gesund aussehende Haut, war nun blass wie Mamor.
»Geht es dir gut?« erkundigte ich mich besorgt.
»Ja, keine Sorge. Ich bin dieses Gefühl gewohnt. In 2 Stunden bin ich wieder so gut wie neu.« antwortete er und versuchte dabei zu lächeln.
»Okay. Wie wärs mit ein bisschen Blut?« fragte ich, worauf hin er wirklich lachen musste.
»Was ist daran so lustig?«
»Naja, bisher war ich es immer, der dir Blut angeboten hat und jetzt ist es umgekehrt.« neckte er mich, ging aber zum Kühlschrank und nahm sich einen Blutbeutel. Kaum hatte er ihn aufgemacht, war er auch schon komplett leer und seine Gesichtsfarbe war etwas mehr zurück gekehrt.
»Und was machen wir jetzt?« fragte ich ihn neugierig.
»Wir? Ich eher sagen du gehst jetzt nach Hause und schläfst dich eine Runde aus! So weit ich es verstanden hab, hast du seit wir uns das erste Mal getroffen haben, nicht mehr geschlafen! Du musst unglaublich müde sein.«
Sobald er es sagte, spürte ich, dass ich wirklich eine Runde Schlaf vertragen könnte.
»Wir Vampire brauchen zwar nicht viel Schlaf, aber nach 2 Tagen Abenteuern brauche selbst ich mal meine Ruhe. Wir können uns morgen Abend wieder treffen, beide frisch ausgeschlafen und fit.« sagte er zu mir.
»Morgen Abend kann ich nicht. Ich hab noch etwas zu erledigen. Aber ich werde wieder kommen, ich verspreche es dir!« erklärte ich ihm lächelnd.
Zuerst musste ich die Sache mit Till klären. Zwar machte es wirklich Spaß mit Joseph abzuhängen, aber Till ging mir trotzdem nicht aus dem Kopf und solange ich die Sachen nicht geklärt hatte, egal ob es gut oder schlecht ausging, würde ich nicht vollends glücklich sein.
Er nickte mir verständnisvoll zu und mir schien es fast so, als könnte auch er meine Gedanken lesen.
Winkend verließ ich den Raum.
Als ich aufwachte, war die Sonne schon untergegangen. Mir war nicht klar gewesen, dass ich so müde war, doch der Schlaf hatte mir gut getan.
Ich blieb noch einige Minuten liegen, aus Angst, mich Till zu stellen. In Gedanken ging ich nochmal meinen Plan durch. Da ich fürchtete, dass er nicht antworten würde, wenn ich ihm eine SMS schrieb, würde ich im Telefonbuch seine Adresse ausfündig machen. Sicher war er dort verzeichnet. Dann würde ich mich zu seinem Haus begeben und mich im Garten verstecken, bis ich herausgefunden hatte, welches sein Zimmer war. Sobald ich dies wusste, würde ich zu ihm hinaus springen und an seiner Scheibe klopfen. Beim Gedanken daran musste ich leicht lächeln. Er würde sich vermutlich zu Tode erschrecken, wenn er mich dort sah, doch das hielt mich nicht davon ab. Diesmal ließ ich es darauf ankommen.
Ich sprang aus dem Bett und duschte mich schnell. Keine Ahnung, wann ich mich das letzte Mal gewaschen hatte, aber ich fühlte mich sowieso nicht schmutzig, doch für Till wollte ich lieber auf Nummer sicher gehen. Nachdem ich mich sauber gemacht hatte, suchte ich mir ein passendes Outfit aus, das nicht zu freizügig, aber auch nicht zu brav aussah und versuchte mich dann ein wenig zu schminken, was ohne Spiegel leichter gesagt als getan war. Als ich schließlich an mir hinunter sah, war ich zufrieden und suchte das Telefonbuch. Nach kurzer Zeit hatte ich Tills Adresse ausgemacht, schlug es zu und kramte nach meinen Autoschlüssel, bis mir einfiel, dass ich ihn ja sowieso nicht brauchte.