Shadow of the Night, Blutige Liebe
Kapitel 2
2
Elle
Ich warf einen Blick auf die Kasse.
208,99€.
Die Kassiererin lächelte mich überfreundlich an. Aus Höflichkeit erwiderte ich ihren Blick, obwohl ich mir eigentlich Gedanken darüber machte, was in ihrem Kopf vorging. Sie war gezwungen dieses falsche Lächeln bei jedem Kunden aufzusetzen und doch froh, wenn ich endlich ihre freie Zeit nicht weiter in Anspruch nahm. Doch ich beherrschte dieses Spiel genauso gut wie sie.
»Danke für ihren Kauf!« sagte sie freundlich und reichte mir die Tüte, mit dem sich darin befindenden Bon. Ein teurer Spaß.
Trish wartete am Ausgang schon ungeduldig auf mich und gab unruhige Geräusche von sich, die mich aufforderten, schneller zu machen, um sie nicht mehr warten zu lassen.
»Man beeile dich mal Elle! Wir müssen auch noch in die anderen Läden gehen!« schrie sie so laut, dass selbst die Leute am hinteren Ende des Ladens aufmerksam wurden. Eine Frau, nicht weit entfernt von mir, die bis jetzt damit beschäftigt gewesen war, Unterwäsche anzusehen, warf mir einen Blick zu, der mir Röte in die Wangen steigen lies. Beruhig dich, ermahnte ich mich und sprach in Gedanken meinen Motivationsspruch vor mir auf. Keiner konnte mir sagen, was ich zu tun hatte, ich war ein freier Mensch mit freien Entscheidungen.
Ich warf einen verstohlenen Blick zu Trish, die nun lautstark Hin – und Her lief und dabei wild mit den Armen um sich schlug. Sie schaffte es immer wieder, aus einem kleinen Stadtbummel eine gigantische Sache zu machen.
Schnell nickte ich der Kassiererin zu, nahm meine Einkaufstasche von der Theke und lief schließlich zu Trish, die sich nun endlich beruhigte. Ihr Outfit war das Gewagteste, das ich je gesehen hatte. Ausgenommen von Fasching natürlich. Ihr hellblaues, bauchfreies Top passte perfekt zu ihren hellbraunen Haare, die sie heute gelockt trug, jedoch machte der knielange, grell gelbe Rock, den sie darunter trug, alles zunichte. Sie hätte sich ein Beispiel an der Kassiererin nehmen sollen, welche zwar schlichte Sachen trug, aber dennoch wunderbar aussah.
Das erinnerte mich wieder an das Geld, dass ich eben aus dem Fenster geworfen hatte. Ich durfte wirklich nicht mehr so viel Geld ausgeben, sonst würde ich demnächst blank dastehen. Würde Trish doch nur nicht jede Woche shoppen gehen wollen, doch das war nun mal eine der unzähligen Charaktereigenschaften von Trish.
»Was hat denn da so lange gedauert? Denkst du, ich hab ewig Zeit oder was?« stieß sie genervt aus.
Ich rollte leicht meine Augen, sodass Trish es nicht sehen konnte. Manchmal nervte sie schon gewaltig, aber trotzdem war sie meine beste Freundin. Sie war fast so wie eine Schwester, man hasste sie oft, aber eigentlich liebte man sie und außerdem konnte man mit ihr lachen. Sie gehörte einfach zu mir, denn sie war fast wie sie. Doch selbst Trish konnte diese Lücke nicht füllen, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen würde.
»Was weiß ich, die Kassiererin hat eben zu lange gebraucht.« erklärte ich hastig.
Die Wahrheit war jedoch, dass ich mir noch unbedingt die neuen Mützen anschauen wollte, aber das konnte ich vor ihr natürlich nicht sagen, denn außer ein Lachen würde ich nichts zurück bekommen. Sie würde fragen, wer bitte im Sommer schon Mützen kaufen würde und was denn mit mir los sei. Für Diskussionen war ich gerade nicht in Stimmung.
»Also? Hast du vor hier den ganzen Nachmittag zu verbringen, oder können wir endlich gehen?« fragte sie und riss mich damit völlig aus Gedanken. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie mich mit erhobenen Augen anblickte. Brav nickte ich und wir gingen weiter.
»Ich habe mir überlegt meine Haare blond zu färben. Was meinst du, würde es gut aussehen?« fragte sie.
Nein.
»Würde bestimmt super aussehen!« antwortete ich und unterstrich diese Aussage mit einem Lächeln und gab mir dabei wirklich Mühe, es echt aussehen zu lassen. Doch es fühlte sich falsch an. Mein arrogantes Ich war mir unangenehm, aber in Gegenwart von Trish kam es oft zum Vorschein. Meines Erachtens zu oft. Sie allerdings war viel zu beschäftigt die vielen Schaufenster zu betrachten, als dass ihr meine gespielte Geste aufgefallen wäre.
»Ich meine, Marc würde das bestimmt gefallen! Weißt du, ich hab gehört er hat sich mit so einer Traicy getroffen! Und die soll angeblich blonde Haare haben!...« erzählte sie geschockt.
Schwer vorzustellen, dass Marc sich mit jemandem getroffen hatte, der nicht Amber war... meines Erachtens war er unsterblich in sie verliebt und würde sich nicht von einem Tag auf den Anderen eine Neue suchen.
»...Also das heißt, er steht auf Blondinen! Vielleicht hat er mir deshalb nie eine Chance gegeben! Ich habe einfach schon immer die falsche Haarfarbe! Jetzt wird mir so einiges klar... man, ich war doch so dämlich! Ich hätte das schon viel länger in Erwägung ziehen sollen!...« meinte sie, während sie ein Grinsen auf dem Gesicht trug und sich demonstrativ durch die Haare fuhr. Kichernd schüttelte ich leicht den Kopf.
»Elle, können wir nachher noch in einen Salon gehen, dann kann ich meine Idee gleich umsetzten! Dann muss ich nicht noch einen Tag verkraften, an dem er mich nicht beachtet... Also, kommst du mit?« fragte sie, ohne mir einen Blick zu schenken. Ihre volle Aufmerksamkeit hatte der seriöse Laden, an dem wir soeben vorbeischlenderten.
Das passte mir so gar nicht. Mein Plan war es gewesen,später noch bei Gerard vorbei zu schauen, denn ich hatte ihn mit dieser Shoppingtour schon versetzt, doch bevor ich recht überlegen konnte, hatte ich auch schon geantwortet.
»Ja, klar...«
Sofort hätte ich mir eins auswischen können.
Plötzlich blieb sie wie erstarrt stehen und hielt mich am Arm fest. Ich wollte sie gerade fragen, was mit ihr los war, als sie mich mit funkelnden Augen ansah. Sie sah aus, als hätte sie der Blitz getroffen. Schon lange hatte ich diesen Gesichtsausdruck nicht mehr bei ihr gesehen. Oder bei irgendjemand anderem.
»OMG! Guck dir doch dieses tolle Kleid da im Schaufenster an! Das muss ich unbedingt haben! Damit bekomme ich Marc bestimmt rum!« rief sie aus und zeigte mit ihrem Finger auf eins der Schaufenster.
Sogleich war enttäuscht. Ich hatte etwas viel erschütternderes erwartet. Ein Kleid, das war alles?
Eine Bestätigung von mir brauchte sie nicht mehr, sie drückte mir lautlos ihre Tüten in die Hand, ohne nur ein Stück darauf zu achten, wie ich reagierte und rannte mit strahlendem Gesicht in den Laden.
Wäre ich nicht so eine gute Freundin gewesen, hätte ich ihre Einkaufstüten jetzt auf den Boden geschmissen und hätte mich vom Acker gemacht, aber nein, so war ich natürlich nicht.
Was war sie bloß für ein modeverrücktes Mädchen... ich glaubte kaum, dass dieses Kleid Marc gefallen würde, es war ihm viel zu glitzernd. Bisher dachte ich immer, ihr wäre klar, dass er den einfachen Typ mehr schätzte, als den Aufgesetzten, aber da hatte ich mich wohl geirrt, sie tappte immer noch im Dunkeln. Nachdem sie ihre Haare blond färben wollte, hätte mir klar sein sollen, dass sie es immer noch nicht verstanden hatte.
Arme Trish, so würden ihre Gefühle zu Marc nie erwidert werden. Wenn diese überhaupt existierten.
Marcs Eltern waren zufälligerweise reich und früher hatte mir Trish immer davon geschwärmt, später mal einen reichen Freund zu haben. Einen, der ihr alles kaufen würde, was sie wollte. Einer, der sie wie eine Göttin behandeln würde, so wie sie fand, es auch verdient zu haben.
Eigentlich sollte ich mitleidig auf Trish hinab sehen, aber wie gesagt, so war ich eben nicht. Keineswegs war ich perfekt, aber es gab weitaus oberflächlichere Leute als mich. Auch wenn ich zugeben musste, dass ich manchmal ziemlich stur sein konnte. Da ich nichts besseres zu tun hatte als zu warten, setzte mich auf die nächstgelegene Bank.
Es würde eine halbe Ewigkeit dauern, bis sie wieder heraus kam. Ich kannte ihre Gewohnheiten. Sie würde das Kleid anprobieren, es ausziehen, es erneut anziehen, sich an die Kasse stellen, um es sich dann wieder anders zu überlegen und das Kleid noch einmal anprobieren, um sicher zu gehen, dass es ihr auch wirklich passte und ob sie es nicht doch eine Nummer kleiner kaufen könnte, um vor mir mit ihrer perfekten Figur anzugeben. Erst dann würde sie das Kleid kaufen und mir dann ganz stolz präsentieren.
Um die Zeit zu überbrücken, schaute ich mir erneut meine Einkäufe an.
Zuerst holte ich einen Pulli aus der Einkaufstüte. Ein braunen Seidenpullover, wie ich ihn früher einmal hatte. Einen, wie den, den ich damals verloren hatte, der mit viel Schmerz verbunden war, ohne den ich aber trotzdem nicht leben konnte. Er war ein Geschenk von ihr gewesen und ich hatte es mir nie verzeihen können, dass ich ihn dabei verloren hatte. Wenigstens hatte ich jetzt eine Art Ersatz, allerdings war auf diesem Seidenpulli oben rechts ein kleines Symbol , das der andere Pullover nicht besaß, aber mir war vom Anfang an klar gewesen, dass es diesen Pullover sowieso nicht mehr geben würde, welcher Laden hatte schon Ein und den Selben Seidenpullover 2 Jahre lang? Ich nahm an keiner.
Dann hatte ich noch eine schwarze Hose und ein grünes gestreiftes Top gekauft, die ich natürlich nur gekauft hatte, weil sie gerade IN waren. Eigentlich gefielen sie mir überhaupt nicht, aber wie sollte ich mich denn sonst in der Schule blicken lassen? In meinem braunen Seidenpulli und einer weiten Jeans? Nein, dann wäre nicht nur mein Ruf zerstört, ich würde womöglich sogar ein Außenseiter werden. Würde das nicht passieren, hätte ich solche Klamotten angezogen, aber ich wusste natürlich, dass es so werden würde und das fehlte mir gerade noch.
Ich holte den Taschenspiegel raus, den ich mir ebenfalls gekauft hatte und warf einen kurzen Blick auf mein Gesicht. Schon viel besser.
Die Augenringen waren dank des vielen Make-Ups kaum noch zu sehen. Es war allerdings immer noch kreidebleich. Würde meine Haut jetzt immer so bleiben? Natürlich sah immer noch ziemlich mitgenommen aus, das war kein Wunder. Dieses Erlebnis von heute Morgen erschrak mich immer noch.
Ich überspielte es zwar sehr gut, aber trotzdem machte ich mir Gedanken um meine Gesundheit. Nicht nur über meine körperliche, sondern auch um meine Geistige. Dieses Black Out konnte nichts Gutes heißen, ich sollte in nächster Zeit genauer auf mich achten, sonst lande ich in ein paar Wochen womöglich noch in der Psychiatrie oder noch schlimmeres. Seit dem Unfall war ich oft genug bei Psychologen gewesen und hatte keinerlei Drang noch einmal zu einem zu gehen, also spielte ich einfach ein rundum glückliches Mädchen und alles war gut. Inzwischen war ich ziemlich gut darin geworden, immerhin hatte im letzten Jahr niemand meine Fassade durchschaut. Naja, bis auf Josh eben. Er kannte mich viel zu gut. Wenigstens tat er mir den Gefallen und sagte niemandem etwas von meinem echten Zustand, der nun wirklich nicht labil war... Dafür sollte ich ihm irgendwann einmal danken.
Ein leises Ringen erhob sich aus der Menge. Erst nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass das Klingeln von meinem Handy ausging, also nahm ich es heraus, mit dem Wissen, dass ich jetzt von Gerard Vorwürfe angeworfen bekommen würde, warum ich nicht zu ihm gekommen war und ob ich ihn überhaupt noch liebte.
Ich überlegte kurz, ob ich ihn nicht doch einfach wegklicken sollte, so wie ich es heute schon 3 Mal getan hatte, entschied mich dann aber dagegen, weil ich gerade eh nichts besseres zu tun hatte, als auf Trish zu warten. Ich gab noch einen Seufzer von mir ab und nahm dann ab.
»Ja?« fragte ich genervt.
Dieses »Ja?« hätte ich mir eigentlich ersparen können, ich hätte gleich zur Sache kommen sollen, dann müsste ich mir jetzt nicht seine Rede anhören, doch jetzt konnte ich ihn eh nicht mehr stoppen, also stellte ich mich auf lange Minuten ein, die hoffentlich bald vorbei sein würden.
»Achja, Ellen, schön, dass du auch mal dran gehst! Bis jetzt konntest du mich wohl immer wegdrücken. Hattest es wohl nicht nötig mit mir zu reden, nicht wahr?! Du hast gesagt, du kommst um 15 Uhr zu mir und jetzt ist es 17 Uhr und du bist immer noch nicht da! Hast du mich etwa versetzt? Ach, spar dir die Antwort, ich weiß sie eh schon! Und, bei welchem Kerl treibst du dich gerade rum! Mit mir willst du nicht schlafen, aber hintergehen kannst du mich! Ich wusste schon immer, dass du untreu bist!...« sagte er wütend.
Ungerührt schaute ich auf die Uhr. Es waren erst 20 Sekunden vergangen, seit er angerufen hatte. Mir kam es allerdings vor wie eine Ewigkeit.
»Weißt du Elle, von dir hatte ich wirklich mehr erwartet! Ich dachte das mit uns wäre etwas besonderes! Da habe ich mich wohl geirrt. Und ich denke es ist für uns beide leichter wenn ich es jetzt endgültig beende.« fuhr er fort. Ich musste das Telefon einige Zentimeter von meinem Ohr weghalten, da sein Schreien in meinen Augen stach.
Was dachte er nur von mir! Er hielt mich wirklich für das Letzte! Er kannte mich anscheinen gar nicht! Doch ich wusste, er war noch lange nicht fertig.
»Ellen, ich bin auch nur ein Mensch! Ich habe auch Gefühle! Und ich dachte, du wüsstest das! Und weißt du, wie ich mich jetzt fühle?! Ich fühle mich schrecklich, ich fühle mich ausgenutzt! Ich bin nicht nur der immer coole Gerard! Ich kann auch anders! Hast du überhaupt eine Ahnung wie egoistisch das ist? Du denkst immer nur an dich! Du machst nie das, was ich will!...« rief er.
Was? Dass ich mich von ihm in einem Geräteschuppen entjungfern lasse? Dass ich nicht streiten wollte? Nicht gerade überzeugende Argumente. Er zerstörte womöglich noch unsere ganze Beziehung, wenn er mich nicht endlich zu Wort kommen lies. »...Und jetzt hintergehst du mich auch noch. Das ist das Letzte! Du bist das Letzte! Es ist aus! Oder hast du noch irgendetwas vorzubringen?! Denn wenn du jetzt keine logische Erklärung für das, was du getan hast, vorzubringen hast, meine ich meine Worte ernst. Jedes einzelne! Also, ich höre? Und spare dir deine billigen Ausreden! Ich hatte schon genug Freundinnen, die mich belogen und betrogen haben!«
So weit war es also schon zwischen uns gekommen. Das wollte ich doch alles gar nicht, ich wollte mich doch nur ablenken, wollte nach dem schrecklichen Tag an etwas Anderes als ihn oder mein bleiches Gesicht, Josh oder dem Black Out denken und jetzt hatte ich alles nur zerstört. Er unterstützte mich dabei aber auch nicht gerade! Gerard wusste doch gar nicht was in mit vorging, doch da ich mich ja entschieden hatte ihm noch eine Chance zu geben, wollte ich alles erklären. Seine Worte einfach vergessen. Ich öffnete meinen Mund schon, als ich sie sah.
Sie, wie sie mitten in der Menge stand und mich anstarrte.
Ich konnte nicht anders als mein Handy zuzuklappen, es auf der Stelle liegen zu lassen und auf sie zuzugehen. Ich lies alles an seinem Platz, wusste es würde wenn ich zurück kommen werde nicht mehr da sein, doch das hielt mich nicht auf weiter zu gehen. Ich musste einfach zu ihr. Irgendetwas drängte mich dazu. Ich kam immer näher, doch sie bewegte sich kein Stück. Auf ihrem Gesicht erschien nun ein freundliches aber zugleich auch unheimliches Lächeln. Eigentlich wollte ich sofort kehrtmachen, ich wollte einfach umdrehen, meine Taschen nehmen und Trish suchen, doch ich konnte nicht. Sie zog mich förmlich an.
Ich blieb erst stehen als ich ganz nah bei ihr stand. Sie roch ganz vertraut, als würde ich sie schon mein ganzes Leben lang kennen, doch ich hatte sie bisher erst einmal gesehen.
Ihre schwarzen Haare unterstrichen ihren schlanken, kleinen Körper perfekt. Sie trug Gothic Klamotten, welche zu ihren Haaren und Augen passten. Man könnte auch sagen, ein Mädchen in schwarz, doch sie roch wie das Meer.
Wie das Meer, das ich so liebte, das Meer, indem ich früher immer mit Josh schwamm. Und mit ihr... bis zu dem Unfall.
Ich bemerkte erst, wie versunken ich in meine Gedanken war, als sie mir zunickte, sich umdrehte und davon ging. Irgendwie wusste ich, dass ich ihr folgen musste. Ich musste herausfinden, wer sie war, warum ich sie noch nie in der Schule gesehen hatte und warum sie mich immer so ansah.
Und natürlich waren mir unsere gleichen Augen auch ein Rätsel, doch das musste wohl warten, denn sie lief immer weiter, aus dem Einkaufzentrum hinaus und es sah nicht so aus, als würden wir demnächst stoppen, also folgte ich ihr den ganzen Weg lang.
Wir liefen durch die ganze Stadt, sogar an Gerards Haus vorbei. Einen Moment lang fragte ich mich, was er wohl gerade machte? Wahrscheinlich würde er sich immer noch unglaublich über mich aufregen... unsere Beziehung war womöglich endgültig vorbei. Hätte ich doch nur nicht einfach aufgelegt... und Trish?
Die würde sich höchstwahrscheinlich auch total aufregen, denn nicht nur ich war weg, sondern auch ihre teuren Einkäufe. Wenigstens hatte sie ihr Kleid noch, aber ich glaubte kaum, dass das ihre Stimmung noch rettete.
Ich zerstörte langsam mein ganzes Leben und das nur wegen diesem komischen Mädchens. Warum folgte ich ihr eigentlich, es war alles so mysteriös, wahrscheinlich war sie einfach nur ein Junkie, der auf sich aufmerksam machen wollte und jetzt führt sie mich zu ihren Freunden...? Damit ich mich ihr anschloss?
Doch so sehr ich mir auch befahl umzukehren, weg zu gehen, dieses Mädchen ein für alle Male zu vergessen, es ging nicht. Ich musste ihr folgen.
Wir mussten schon kilometerweit gelaufen sein, als wir in ein schäbiges Gebäude eintraten. Ich hatte wohl doch recht mit der Junkie Tatsache. Komischerweise taten meine Füße auch nach dem langen Weg nicht im Geringsten weh.
Wir stiegen die Treppen empor und sie führte mich in ein Zimmer. Dort setzte sie sich mit einem Seufzer auf das Bett und zog ihre Schuhe aus, ich jedoch blieb einfach neben der Tür stehen.
Ich spürte, wie ich plötzlich wieder die Kontrolle über mich bekam, war schon bereit wegzurennen, zählte schon bis drei, als sie meinen Arm ergriff und mich böse anblickte. Sie stand auf und Schloss die Tür hinter mir ab, damit ich nicht mehr abhauen konnte. Was wollte sie bloß von mir?
»So Elle, hier wären wir also. Und hier bleiben wir auch, ist das klar?« fragte sie so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Woher kannte sie meinen Namen? Was wusste sie alles über mich?
»Ich weiß deinen Namen, weil ich alles über dich weiß, Elle Rise.« erklärte sie ungerührt.
Konnte sie etwa meine Gedanken lesen, oder wie machte sie das? Ich brachte kein Wort mehr von mir, konnte mich nicht mehr bewegen, konnte sie lediglich anstarren. Sie nickte kurz. Was wollte sie mir damit sagen? Wollte sie meinen Verdacht bestätigen, dass sie Gedanken lesen konnte, oder doch, dass sie ein Junkie war? Wer war dieses Mädchen? Warum hatte sie es auf mich abgesehen?
Innerhalb von wenigen Sekunden gingen mir tausende dieser Fragen durch den Kopf. Als sie jedoch ein Seufzen von sich gab, richtete sich meine volle Aufmerksamkeit wieder auf sie.
Sie wirkte ziemlich genervt, als verschwende ich nur ihre Zeit und als wolle sie das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen. Das gleiche empfand ich jedoch auch, noch länger mit ihr in diesem Raum zu bleiben, war für mich keine Freunde. Im Gegenteil. Ich konnte es kaum erwarten von hier raus zukommen und sie nie wieder sehen zu müssen.
»Ich denke wir haben die selbe Meinung, was dieses Treffen hier angeht.« sagte sie und lächelte mich verschmitzt an.
Ich machte mir nicht die Mühe zu antworten. Wenn sie sowieso meine Gedanken lesen konnte, warum sollte ich dann noch das auszusprechen, was ich dachte?
Dies erschien sie zu erfreuen, denn ihre Mundwinkel gingen sofort nach oben.
Ja. Und es wäre wohl höflicher, nicht jeden meiner Gedanken mitzuhören.
Sie wandte sich von mir ab, murmelte etwas Undeutliches vor sich hin und setzte sich dann auf den Stuhl neben mir.
»Spar dir deine überflüssigen Gedanken einfach. Wir können hier auch ganz anders reden! Oder soll ich dich lieber gleich töten?« fragte sie und kam mir gefährlich nah.
Sie bluffte. Ich merkte es daran, wie sie es sagte. Niemals würde sie mir nie etwas tun, nicht nachdem sie mich durch die ganze Stadt geführt hatte. Dann wäre doch die ganze Mühe umsonst gewesen.
Mach doch. dachte ich kalt.
Sie sah aus, als würde sie am liebsten sofort von ihrem Stuhl springen und mich angreifen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Ich nahm an, sie durfte diese Entscheidung nicht selber treffen. Plötzlich fing sie an zu klatschen.
»Schlaues Mädchen, ich muss schon sagen.« sagte sie und es schien ihr Spaß zu machen, mich zu provozieren.
Anstatt endlich mal zur Sache zu kommen, lächelte sie mich an, ohne irgendetwas zu sagen.Sie wartete auf irgendeinen Gedanken von mir, doch diese Freude wollte ich ihr nicht bereiten.
Ich zuckte kurz mit den Schulten und lies mich auf auf einen Stuhl fallen. Dieses Gespräch hier würde wohl ewig dauern.
» Gut. Bringen wir es hinter uns. Also, du bist sicher, du willst wissen, was ich dir nun zu sagen habe?« fragte sie ohne den kleinsten Funken Sorge. Sie sagte es spöttisch, was mich nur noch aggressiver machte.
Raus damit.
Ihre Augen verengten sich.
Sie sollte endlich ihre Geschichte loswerden, damit ich von hier verschwinden konnte und endlich zu Gerard gehen konnte, um alles zu erklären.
»Dir ist sicherlich schon aufgefallen, dass wir beiden die selbe Augenfarbe haben, nicht wahr? Und deine Haut verändert sich. Und dir war heute doch ziemlich schlecht, nicht wahr? Und was war das heute in der Schule? Ich habe gehört, du hast einen.... Schreibtisch zerstört?« sagte sie mit einem Grinsen.
Ich hatte nicht vor zu antworten, sollte sie sich eben ihre Antwort zusammen reimen.
»Und du kannst dich natürlich nicht daran erinnern. Ein Jammer, es war wirklich lustig, dir dabei zuzusehen.« fuhr sie fort.
Dabei zuzusehen? Sie war nicht mal in meiner Klasse, wie hätte sie es sehen können. Außerdem war dies mein Problem, mein Leben, mein Black Out.
»Es gibt eine sinnvolle Erklärung für das. Für alles,was heute passiert ist. Und noch viel mehr. Weißt du, in letzter Zeit hast du dich ziemlich verändert, Elle. Dir ist es nur nicht aufgefallen.« erklärte sie, als wäre es etwas ganz Normales. Ich würde womöglich noch von der Schule fliegen und sie blieb so ruhig! Das machte mich rasend!
»Entspann dich. Deinen Schulabschluss wirst du nicht brauchen.« informierte sie mich schulterzuckend.
Aber sicher doch, ich fliege von der Schule und werde Penner. So habe ich mir mein Leben immer vorgestellt.
Das wäre doch schrecklich. Ich brauchte meinen Abschluss. Einen Moment fragte ich mich, wie ich wohl im Moment aussehen würde. Wahrscheinlich war mein ganzes Gesicht verzerrt. Genauso gleichgültig, wie sie, sah ich sie an. Diesen Triumph wollte ich ihr nicht gönnen.
»Denk was du willst. Aber ich sage es dir, du wirst keinen Abschluss brauchen! Wie auch immer. Also, es gibt einen guten Grund für das alles. Wir beide – du und ich – wir sind Schwester.«
Niemals. Sie und ich? Sie log. Außerdem hätten mir meine Eltern so etwas nie verschwiegen. Sie hatten noch nie eine Schwester erwähnt. Meine Eltern waren zwar nie viel Zuhause, aber wenigstens diese Information hätten sie mir nicht verschwiegen. Dieses Mädchen musste vollkommen verrückt sein. Sie musste mich verwechseln, es gab bestimmt noch eine Elle Rise in dieser Stadt. Oder Elle Ris oder ähnliches.
»Deine Eltern haben es dir wirklich nicht gesagt? Oder sollte ich sagen, unsere Eltern? Naja, wahrscheinlich haben sie es dir einfach nicht gesagt, da sie es vergessen haben. Oder verdrängt. Wer weiß. Ich fand die beiden schon immer gruselig.« gab sie gleichgültig zu, was mein Fass zum Überlaufen brachte. Ich sprang von meinem Stuhl und stürzte mich auf. Niemand durfte solche Lügen über meine Familie erzählen, und vor allem nicht jemand, der sie überhaupt nicht kannte!
Ich holte schon zu einem Schlag aus, doch ehe ich mich versah stand sie am anderen Ende des Zimmers und ich schlug ins Leere.
Hatte ich mir das nur eingebildet, oder hatte sie sich übernatürlich schnell bewegt? Eben saß sie doch noch auf diesem Stuhl, doch plötzlich war sie weggewesen. Jemand Menschliches könnte sich nie so schnell bewegen. Es war, als hätte sie sich gar nicht bewegt, sie war einfach plötzlich an einem anderen Ort gestanden.
Langsam drehe ich durch, vielleicht sollte ich es doch in Erwägung ziehen, wieder zum Psychiater zu gehen... Jedoch brachte das meiner Meinung nach nicht viel, ich konnte auch alleine ''UNO'' und ''Wer ist es?'' spielen. Als ich ein kleines Kind war, hatte ich immer wieder diesen gleichen schrecklichen Alptraum. Ich wurde von einem Mann ganz in schwarz verfolgt und er sah mich am Ende des Traums mit seinem schwarzen kalten Augen an. Jede Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Es ist schon länger her, dass ich diesen Albtraum hatte, aber ich konnte mich immer noch genau an ihn erinnern. Damals war ich deshalb zum Psychiater gegangen, aber als es nichts half, brach ich es ab.
»Du bist nicht verrückt. Du hast schon richtig gesehen. Tut mir Leid wenn ich das sagen muss, okay, nein, es tut mir nicht Leid, dir das sagen zu müssen, es macht mir viel mehr Spaß, aber deine Eltern haben dir wohl oder Übel sehr lange Zeit verheimlicht, dass du noch eine Schwester hast. Arme Elle.« sagte sie und ein freudiges Lächeln entstand auf ihrem Gesicht.
»Schätzchen, das ist nur die Wahrheit. Wenn du sie nicht hören willst, dann geh eben.« gab sie kühl von sich. Die Kälte ihrer Stimme überraschte mich aufs Neue. Wie konnte jemand nur so gefühllos reden.
Ich stand auf und ging durch die Tür, entschied mich einfach zu gehen. Warum sollte ich noch länger hier bleiben und mir anhören, was eine Irre zu sagen hatte? Das wäre pure Zeitverschwendung.
Schnell stand ich auf und war schon fast an der Tür angelangt, als sie plötzlich vor mir auftauchte.
»Wie du willst. Dann viel Glück dabei, dich weiterhin durchs Leben zu schlagen! Wenn du die Wahrheit nicht wissen willst, dann sage ich sie dir nicht.« stieß sie vor und ich schaute sie verwirrt an.
Das bestätigte nur meinen Verdacht, dass sie irre war. Meiner Meinung nach sollte definitiv mal einen Therapeuten aufsuchen. Ohne zu antworten drückte ich mich an ihr vorbei und ging hinaus.
Ich kam mein ganzes Leben schon gut zurecht, also würde ich weiterhin ebenso gut durchs Leben kommen, und das auch ohne ein so verrückte Mädchen. Ich versprach mir, nie wieder auch nur in Erwägung zu ziehen, hierhin zurück zukehren und ich hatte nicht vor dieses Versprechen zu brechen. Heute nicht und auch in ferner Zukunft nicht. Doch bevor ich ich vollends aus dem Zimmer war, sagte sie so leise, dass ich es fast überhört hätte:
»Er will dich.«
Als ich Zuhause ankam, war es 21:28 Uhr.
Eigentlich wollte ich noch Gerard besuchen, doch ich entschied mich dagegen. Frühstens um 22 Uhr würde ich bei ihm ankommen, das war mir zu spät. Wir würden sowieso nur streiten und so wie ich ihn kannte, würde er mich nicht gehen lassen, bevor alles geklärt sein würde. Ich würde bis zum frühen Morgen bei ihm bleiben müssen und um diese Uhrzeit durfte ich sowieso nicht mehr Auto fahren. Entspannt nahm ich mir einen Apfel aus der Küche und begab mich auf den Weg zu meinem Zimmer. Ich hatte fürchterlichen Hunger, denn ich hatte schon seit heute früh nichts mehr gegessen und ich liebte Äpfel. Besonders die grünen sauren. Sie mochte sie auch... eigentlich sollten sie mich viel zu sehr an den Unfall erinnern, aber das taten sie komischerweise nicht. Ganz im Gegenteil: Sie heiterten mich auf, wenn es mir schlecht ging. Erinnerten mich an die schönen Zeiten mit ihr.
Ich öffnete die Tür zu meinem Zimmer und blieb sofort stehen. Vor lauter Schreck vergaß ich zu atmen. Sekunden später verlor ich das Bewusstsein.