Shadow of the Night, Blutige Liebe

Amboo Ambo · Kapitel 6 von 11

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Shadow of the Night, Blutige Liebe

Kapitel 5

5

 

In der Mittagspause setzte ich mich wie gewohnt mit Trish an den letzten Tisch der Cafeteria. Er war quasi schon unser Tisch. Zu uns gesellten sich noch unsere anderen guten Freunde Carl, neben dem ich in Geschichte saß und Marien, die sich auch ziemlich gut mit uns verstand. Außerdem kamen noch ein paar Anhänger von mir zu uns, die insgeheim hofften, auch irgendwann so beliebt wie ich zu sein.

Doch jeder wusste, dass das sowieso nicht ging. Ehe ich mich versah, war jeder Platz belegt.

Ich biss in meinen Sandwich hinein und merkte erst Momente später, dass alle mich anstarrten.

»Was ist?« murmelte ich mit vollem Mund, wobei ich mir Mühe gab, das Essen nicht auszuspucken.

»Ich hab gerade gesagt, dass wir heute Abend alle noch in die Stadt gehen wollten um ein bisschen zu feiern. Du weißt schon, um ein bisschen vom Schulalltag wegzukommen und so.« sagte Carl.

Er machte sich wohl große Hoffnungen, dass ich mitging, denn er sagte es mit so viel Enthusiasmus, wie nur möglich war.

»Klar, hört sich gut an. Ich komm mit.« antwortete ich locker.

Jetzt wandten sich alle wieder ihren Pausenbroten zu. Sie hatten alle gewartet, bis ich gesagt hatte, dass ich mitging? Ich war wohl doch beliebter, als ich dachte. Sie hatten mir sogar die Aktion mit dem Schreibtisch einfach so verziehen. Und das mit Gerard? Inzwischen meinten alle schon, dass ich Schluss gemacht hatte und er war inzwischen das schwarze Schaf.

»Hast du es schon gehört? Alles ist kaputt, ALLES.«

Trish versuchte es mir zuzuflüstern, aber am Ende erhob sich ihre Stimme doch soweit, dass alle am Tisch sie anstarrten.

»Was ist denn passiert?« fragte ich mitfühlend.

»Marc. Er ist jetzt offiziell mit Emba zusammen!« stieß sie aus.

Ihr stiegen Tränen in die Augen.

Mir war klar gewesen, dass es irgendwann passieren musste, nur hatte ich gehofft, dass es nicht so bald sein würde. Jetzt würde ich den ganzen Tag sagen müssen, dass sie doch viel toller als Emba war und dass Marc wohl einen sehr schlechten Geschmack haben musste, wenn er Emba ihr vorzog.

Aber was brachte es denn? Marc mochte sie eben nicht. Und ich konnte es ihm nicht verübeln.

Er stand nun mal einfach nicht auf oberflächliche Mädchen.

»Du machst einen Witz, oder? Das kann doch gar nicht sein. Seit wann weißt du es?« fragte ich und versuchte, die Worte so geschockt wie möglich hervorzubringen, doch schaffte es nicht ganz.

»Oh hatte ja vergessen, Elle. Du kannst dich ja nur um dich kümmern. Tut mir Leid, dass ich dich so nerve, das hab ich ja im Einkaufszentrum auch schon. Wird nicht mehr vorkommen, aber dann kannst du dir auch gleich neue Freunde suchen.« gab sie giftig zurück.

Sie hatte es mir immer noch nicht verziehen, dass ich sie so einfach im Einkaufszentrum stehen gelassen hatte. Komischerweise hatte ich keine Lust mich recht zu fertigen. Diese ganze Beliebtheitssache ging mir in letzter Zeit sowieso auf die Nerven. Was brachte es, beliebt zu sein, wenn man nur falsche Freunde hatte, die sich wirklich nur für sich selbst interessierten und sofort sauer auf einen waren? Vielleicht sollte ich mir ja demnächst mal andere Freunde suchen, aber vorerst wollte ich es mir mit Trish nicht versauen. Sie war jetzt eine Freundin, die ich brauchte. Ich konnte nicht noch mehr Streit ertragen.

»Oh Trish nein, tut mir Leid. Ich weiß doch wie wichtig das für dich ist. Tut mir Leid. Erzähl mir alles, ich werde dir zuhören, okay? Und du weißt doch, dass im Einkaufszentrum tut mir auch Leid! Ich hab dir das alles doch schon erklärt. Lass uns nicht streiten...« bat ich.

Jetzt breitete sich ein leichtes Lächeln auf Trishs Gesicht aus. Ich hatte es geschafft.

»Na schön. Lass uns später darüber reden, wenn wir in die Stadt gehen, okay? Und übrigens, ich werde heute das Kleid, was ich gekauft habe, anziehen und ich will dich nur vorwarnen, ich sehe darin klasse aus! Wäre nur zu schade wenn Marc auch kommen würde...« gab sie seufzend von sich.

»Hmm ich könnte mit ihm reden. Bestimmt schaffe ich es ihn zu überreden auch zu kommen. Ach da fällt mir ein, wann treffen wir uns eigentlich in der Stadt?« fragte ich in die Runde.

Carl, der sich zeitgleich mit seinem Sandwich beschäftigt hatte, blickte jetzt auf und wandte sich mir zu.

»Ach du weißt doch, erst später, ich meine, heute ist Freitag, da wollten wir mal in die Nacht rein Party machen, oder Leute?« rief er.

Das oder Leute, sagte er lauter, sodass es alle hörten und nicken konnten.

Also hatte ich heute nichts mehr zu tun, außer zu Marc zu gehen und ihn zu überreden zu kommen. Das sollte kein Problem sein.

Als die Glocke zum Ende der nächsten Stunde läutete, rannte ich zu meinem Kurs und kam gerade noch rechtzeitig zu einer weiteren grausigen Stunde bei Herr Schuster.

Das fehlte mir gerade noch. Herr Schuster nahm mich die Stunde durchgehend dran. Das war seine Art, mir eine rein zu drücken, nachdem ich seinen Schreibtisch kaputt gemacht hatte, aber ich ließ mir das nicht gefallen. Jedes Mal wenn er mich etwas fragte, hatte ich die richtige Lösung parat und überraschte ihn damit immer wieder aufs Neue. So etwas hatte wohl selbst er nicht von mir erwartet.

Nach der Mathe Stunde fing ich Marc ab, bevor er mit Emba zur Tür hinausgehen konnte. Während der Stunde hatte er kurze Zeit mal seinen Arm um Embas Schultern gelegt, was bewies, dass sie wirklich ein Paar waren.

Als ich ihn ansprach, wirkte er fast geschockt. Ich hatte schon ewig nicht mehr mit ihm geredet, was eigentlich schade war, denn früher waren wir eigentlich richtig gute Freunde gewesen, doch irgendwann hatte er sich immer mehr von mir entfernt und seitdem habe ich mir selber auch nicht mehr die Mühe gemacht, mit ihm zu reden. Das sollte ich vielleicht einmal ändern.

»Hi Marc. Heute Abend gehen wir bisschen feiern in der Stadt. Und ja ich dachte, du hast vielleicht Lust mitzugehen? Wir haben ja schon lange nichts mehr gemacht und ich dachte, das würde unserer Freundschaft mal wieder gut tun?« fragte ich möglichst motiviert.

Als ich es aussprach, bemerkte ich allerdings, dass es wirklich stimmte. Ich vermisste Marc.

»Du lädst mich ein? Seit wann der Sinneswandel? Du hast dich doch jetzt schon ewig nicht mehr blicken lassen.« gab er schulterzuckend von sich.

Das schockte mich wirklich. So eine Antwort hatte ich nicht verdient. Oder vielleicht doch?

»Aber das lag doch nicht an mir? Du warst doch immerzu bei Emba...« versuchte ich zu erklären, doch ich kam nicht weit, denn er unterbrach mich.

»So war das nicht. Du hattest nur noch Augen für Gerard und dann wurde ich in Englisch umgesetzt. Seitdem hast du dich kein Stück mehr für mich interessiert.« erklärte er.

Jetzt erinnerte ich mich. Es war wirklich so gewesen, wie er es sagte. Ich hatte ihn wirklich vernachlässigt, seitdem ich mit Gerard zusammen gewesen war.

»Oh man, du hast recht. Aber Marc, zwischen Gerard und mir ist es doch jetzt aus und ich.. wenn ich ehrlich bin vermisse ich dich, okay? Kannst du mir noch eine Chance geben? Das zwischen uns kann doch wieder werden? Früher haben wir uns auch verstanden. Komm doch heute. Bitte. Es kann ja nur schrecklich werden, oder?« sagte ich lachend und wusste, es würde klappen. Er schüttelte leicht den Kopf, lachte schließlich aber auch.

»Du schaffst es immer wieder, Elle. So kenne ich dich doch.« gab er zu.

Sein Kichern füllte den ganzen Raum. Trish sollte mir danken, ich hatte es geschafft, aber ich hatte es nicht nur für sie getan, sondern auch für mich. Denn tief in meinem Inneren hoffte ich selber, dass wir doch wieder Freunde werden würden.

»Supi.« sagte ich erleichtert.

Ich lächelte ihn noch kurz an und verschwand dann in den Flur hinaus. Heute war eigentlich ein erfolgreicher Tag.

Während ich so über den Flur zum Ausgang der Schule lief, überlegte ich mir, ob ich Till auch einladen sollte. Wir waren zwar nur Freunde, aber würden Freunde sich zu so etwas nicht auch einladen? Oder war es doch noch zu früh, ihn jetzt schon anzurufen?

Was hätte sie wohl gemacht. Ich hätte sie jetzt wirklich gerne um Rat gefragt, sie wusste immer, wie sie mir helfen konnte. Aber ich wollte mir mit dem Gedanken an sie jetzt nicht die Stimmung ruinieren. Heute sollte immerhin ein schöner Tag werden.

Ich verließ das Schulgebäude mit dem Handy in der Hand und schrieb Till eine Nachricht.

Hi, heute Party in der Stadt, Lust zu kommen?

Als ich ins Auto einstieg wurde mir klar, dass ich nichts mehr zu essen im Haus hatte, also fuhr ich anstatt nach Hause, in den nächstgelegenen Supermarkt.

Im Radio kam das Lied »somewhere over the rainbow« bei dem ichbegeistert mitsang. Schon wieder hatte ich so gute Laune und wusste nicht, woran es lag. Am Ende des Liedes ging ich voll mit und erwischte mich dabei, wie ich lauthals lachte.

Bevor ich aus dem Auto ausstieg, als ich den Supermarkt erreicht hatte, schaute ich noch schnell auf mein Handy.

Keine neue Nachricht.

Das machte mich etwas traurig, aber ich versuchte nicht allzu geknickt zu wirken. Er würde doch wohl noch antworten. Oder hatte er schon die Schnauze voll von mir? Womöglich ging ich ihm auf die Nerven.

Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, warum er mir nicht antwortete, atmete ich tief durch und verscheuchte den Gedanken, dass er mich nicht mögen würde.

Ich ging also in den Supermarkt und suchte nach der Suppe, die ich eigentlich jeden Mittag aß. Natürlich wusste ich genau, in welchem Regal sie stand, also bog ich gezielt in einen Gang ein.

Als ich Till erblickte, blieb ich sofort stehen.

Er stand vor dem Regal und nahm sich die Suppe, die auch ich immer aß. Was für ein Zufall.

Ich setzte mein bezaubernstes Lächeln auf und stupste ihn an. Als er mich erblickte, erschien auch auf seinem Gesicht ein Lächeln, doch es war gezwungen. Er benahm sich meiner Meinung nach etwas komisch, denn nachdem er mich zur Begrüßung umarmt hatte, sah er sich hektisch nach rechts und links um und kratzte sich am Kopf. Das waren doch eindeutig Zeichen der Nervosität.

War er nervös, weil ich hier war? Vielleicht mochte er mich ja doch mehr als er zugab. Das brachte mich leicht zum lächeln.

»Warum lächelst du? Freust du dich so, mich zu sehen?«

Unglaublich wie er immer mit mir flirtete. Dabei war er es, der wollte, dass wir nur Freunde blieben.

»Oh da muss ich dich enttäuschen, ich hab eigentlich nur gelächelt, weil ich meine Lieblingssuppe endlich gefunden habe« sagte er grinsend.

Ich zeigte auf die Suppentüte in seiner Hand und er gab sie mir sofort. Da fiel mir wieder die Party heute Abend ein.

»Ach ja, du hast nicht auf meine SMS geantwortet.« sagte ich leise.

»SMS?«

Er sah mich verwirrt an, holte sein Handy raus und schlug sich gespielt gegen den Kopf.

»Oh ja, die hab ich wohl nicht gesehen, sorry. Klar komm ich. Naja jedenfalls wenn du kommst.« antwortete er gelassen.

Und wieder kam sein freches Lächeln zum Vorschein. Ich wollte schon antworten, als plötzlich eine Stimme hinter mir erklang.

»Till? Schatz, was machst du da? Wer ist dieses Kind? Hast du jetzt endlich meine Suppe? Ich will nach Hause!«

Ruckhaft drehte ich mich um und erblickte eine wahre Naturschönheit. Ein kleines Stück meiner Welt brach in diesem Moment zusammen. Ich warf Till einen Blick zu und sah, wie er mich verzweifelt anschaute.

Alles, was ich wollte, war verschwinden. Tränen stiegen mir langsam in die Augen und da ich nicht wollte, dass Till sie sah, drehte ich mich, um weg zu rennen, doch Till hielt meinen Arm fest. Er flüsterte mir »bitte lass mich erklären« zu, doch ich riss meinen Arm weg und rannte so schnell ich konnte aus dem Supermarkt zu meinem Auto.

Wie dumm ich nur gewesen war! Wie konnte ich mir einbilden, dass jemand wie Till mich wollte. Ich war so dumm. Jetzt machte alles Sinn. Deshalb wollte er mich nicht küssen. Weil er bereits eine Freundin hatte. Was war er nur für ein mieser Kerl. Ich hatte ihm vertraut und er hatte einfach mit mir geflirtet, obwohl er schon vergeben gewesen war. Jetzt bereute ich, dass ich ihn für heute Abend eingeladen hatte. Was wenn er auftauchen würde? Ich würde ihn einfach nicht beachten. Am besten sollte ich heute Abend gar nicht hingehen.

Während ich Auto fuhr, weinte ich mir meine Seele aus dem Leib. Ich durfte jetzt nicht schwach sein, am Ende würde ich noch einen Unfall bauen. Ich versuchte mich ein Wenig zu beruhigen, doch es half alles nichts. Es kam mir vor, als wäre ein Teil meines Herzens für immer zerstört.

Als ich Zuhause ankam, wurde mir klar, dass ich jetzt nichts zu essen hatte, doch das war mir egal. Nie im Leben würde ich erneut in diesen Supermarkt fahren.

Ich rannte ins Haus, schmiss die Tür hinter mir zu und warf mich aufs Bett. Es kam mir so vor, als ob ich stundenlang weinte, bis ich Trish anrief, um ihr alles zu erzählen. Die Einzige, die mich tröstete, war Cookie. Sie war einfach immer für mich da.

»Hi hier ist Trish, wer ist da?« fragte sie mit fröhlicher Stimme

»Ich bins, Elle. Du Trish, etwas...« begann ich, doch ich kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.

»Ooh sorry, das hier ist übrigens nur mein Anrufbeantworten, bin gerade voll ausgebucht. Bis später!«

Fassungslos starrte ich das Telefon an und legte nach ein paar Sekunden auf. Wenn ich sie brauchte, war sie nie da. Hätte ich mich nicht zusammen gerissen, wäre ich wahrscheinlich erneut in Tränen ausgebrochen, aber ich hatte mich gut unter Kontrolle. Ich brauchte jetzt jemanden zum Reden, ich konnte das nicht alleine durchstehen.

Bevor mir klar war, wen ich anrief, wählte ich eine Nummer. Nach kurzem läuten nahm eine mir bekannte Stimme ab.

»Ja, Marc hier?« fragte er.

»Hallo, hier ist Elle... Ich weiß du hast mich wahrscheinlich als letzte erwartet, aber, aber, ich brauch jemanden zum reden...« erklärte ich und fing wieder an zu Weinen. Alles kam einfach raus, ohne, dass ich es kontrollieren konnte.

»Oh Elle, was ist passiert? Ich bin für dich da!« gab es besorgt von sich.

»K-K-K-Kann ich bei d-d-dir vorbeischauen?«

Ich fürchtete, dass es ein bisschen zu aufdringlich war, aber so wie ich Marc kannte, würde er immer für mich da sein, egal wie sehr ich ihn vernachlässigte.

»Natürlich Elle, komm vorbei. Du kannst mir alles erzählen.« sagte er.

»O-O-Okay, ich bin in 10 Minuten da. Bis gleich.« murmelte ich, legte auf, packte meine Sachen und flitzte aus dem Haus.

***

Dieses Haus hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, wie lange es her war, dass ich zuletzt hier gewesen war. Aber trotzdem kamen mit dem Anblick des kleinen, aber wunderschönen Hauses viele Erinnerungen zurück.

Schon bevor ich klingeln konnte, machte Marc die Tür auf und umarmte mich. Es war eine innige Umarmung, so eine, wie ich jetzt brauchte. Mir wurde erst jetzt klar, wie sehr ich Marc wirklich vermisst hatte.

»Alles wird wieder gut Elle, egal was passiert ist« flüsterte er mir zu.

Ich wusste gar nicht, wie ich ihm danken sollte, aber das war auch in diesem Moment nicht nötig. Ich drückte mein Gesicht nur noch mehr in den Oberkörper.

Als ich mich langsam von ihm löste, bat er mich ins Haus und wir setzten uns an den Essenstisch. Er setzte mir einen Tee auf und kam dann zu mir.

Er hatte wirklich nicht vergessen, dass Tee mir immer unheimlich half.

»Erdbeer – Himbeer ist richtig, oder?«

Mir fuhr ein kleines Lächeln übers Gesicht. Ich nickte kurz, aber dann senkte ich schon wieder das Gesicht. Es ging mir wirklich nicht gut.

Als der Tee fertig war, trank ich einen Schluck und danach brach alles aus mir heraus. Ich erzählte Marc alles. Von dem Punkt an, wie ich Till kennen gelernt hatte, bis zu dem Punkt, wo er mich im Supermarkt so enttäuscht hatte.

»Hast du dir angehört, was er zu sagen hatte?« war das Erste, was er sagte, nachdem ich mich ausgesprochen hatte.

»Nein, ich wollte einfach nur noch weg. Ich konnte ihn in dem Augenblick einfach nicht mehr sehen...«

Ich hatte immer noch das Bild im Kopf, wie er mich ansah, als ich die Frau hinter mir erblickte...

»Siehst du! Vielleicht hat er eine gute Erklärung dafür! So wie du es mir erzählt hast, kommt er mir nicht als Herzensbrecher vor. Er scheint doch eigentlich ein netter Kerl zu sein, oder nicht?«

Marc wusste, wie er mich trösten musste. Er machte mir Hoffnung, aber keine Hoffnung, die nicht gerechtfertigt war. Er hatte doch irgendwie recht, oder nicht?

»Danke Marc, du weißt nicht, wie du mir gerade hilft. Und du hast recht. Ich glaube, ich sollte mir echt anhören, was er zu sagen hat. Aber weißt du, ich habe Angst, was dann seine Erklärung ist. Was wenn es seine Frau ist und er einfach eine Ablenkung wollte? Oder er ist wirklich ein Aufreißer und ich war nur sein neues Opfer? Ich hab einfach Angst Marc.«

Er nickte kaum merklich.

»Nein, ich glaube nicht, dass er so jemand ist. Aber natürlich, ich kann dich verstehen! Ich hätte an deiner Stelle auch Angst. Aber stell dir vor, es ist etwas total simples, zum Beispiel, dass es seine Schwester war? Was wäre dann? Willst du dir wirklich diesen Jungen durch die Finger gehen lassen?«

Ich konnte mir mein Lachen nicht verkneifen.

»Was?«

Durch mein unvorhersehbares Lachen war er etwas aus der Fassung gekommen, schmunzelte dann aber auch.

»Ach, ich dachte gerade nur daran, wie ich es solange ohne dich als Freund ausgehalten habe. Du bist wirklich toll und du heiterst mich gerade wirklich auf. Danke.«

Ich lächelte ihm mitfühlend zu und schaute auf die Uhr.

18:00 Uhr.

»Marc, wir sollten los oder?«

Er schien nicht zu wissen, was ich meine, schaute dann aber auch auf seine Uhr und begriff.

»Oh ja. Aber willst du dich nicht ein wenig auffrischen, Elle?«

Er grinste mich an und dadurch wurde mir klar, dass ich wohl schrecklich aussehen musste. Kein Wunder, ich hatte gefühlte 10 Stunden geweint. Ich lachte kurz auf und begab mich dann ins Bad.

Als ich zurück kam,wartete er schon an der Tür auf mich und wir fuhren mit seinem Auto in die Stadt.

Ich nahm mir vor, heute so richtig zu feiern. Ich wollte mich nicht von einem einzigen Jungen unterkriegen lassen. Ich war kein Mädchen, dass nur von einem Jungen abhängig war und deshalb wollte ich mein Leben einfach weiter genießen.

Als wir ankamen, waren alle schon da, bis auf Trish, aber das fiel sowieso keinem auf, denn als uns alle zusammen kommen sahen, blieben den meisten der Mund offen stehen.

Ich blieb in der Mitte stehen und musste mir ein Lachen verkneifen. Als ich zu Marc rüber sah, merkte ich, dass es ihm genauso ging wie mir.

»Leute entspannt euch, zwischen mir und Marc läuft nicht das Geringste!«

Sofort merkte man, wie sich die Menge entspannte. Marc und ich aber schüttelten uns vor Lachen. Wir verstanden uns wirklich gut, aber uns war beiden klar, dass nie mehr zwischen uns sein würde, als Freundschaft.

Als langsam die Nacht einbrach, gab ich schon die Hoffnung auf. Ich ließ mir davon aber nichts anmerken. Ein paar aus meiner Klasse hatten für Musik gesorgt und das reichte auch schon. Wir waren kreativ genug, um Spaß mit Musik in einem Park zu haben. Ich genoss gerade die Musik, tanzte völlig versunken, als Marc mich packte und mit sich riss.

»Was ist denn los?« schrie ich.

Die Musik war so laut, dass man sich kaum verstehen konnte, aber egal, was Marc zu sagen hatte, konnte nicht so wichtig sein, dass er mich von meinem Tanzen ablenken musste.

»Der da drüber sieht aus, wie dieser Till, den du mir beschrieben hast!«

Er schrie auch, doch ich verstand so gut wie nichts und drehte mich einfach in die Richtung um, in die er zeigte.

Dort stand Till.

Er blickte mich an und sah unglaublich gut aus, wie immer. Er hatte ein blaues Hemd an und eine kurze beige Hose, was seine Augen noch mehr strahlen ließ, als sonst. Er bewegte sich langsam auf mich zu und ich wusste nicht was ich tun sollte.

»Elle, du gehst jetzt zu ihm und klärst das, verdammt!«

Marc riss mich aus meiner Starre. Ich nickte ihm kurz zu und ging dann auf Till zu. Wir trafen uns in der Mitte, was natürlich das Aufsehen der anderen erregte. Aber das war mir in diesem Moment egal, es zählten gerade nur Till und ich.

Als ich direkt vor ihm stand und ihm in die Augen sah, sagte er etwas, doch das Einzige was ich hörte, war Musik. Es kam mir vor, als hätte jemand die Musik extra laut gestellt, damit ich ihn nicht verstehen konnte.

Till musste wohl merken, dass ich ihn nicht hörte, denn er griff sofort nach meinem Arm und zog mich mit sich hinaus aus der Masse und weg von der Musik.

Als wir an einem Baum unter einer Straßenlaterne etwas entfernt von den Anderen waren, blieb er stehen. Er drehte sich zu mir um und brauchte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden, denn er öffnete und schloss immer wieder seinen Mund.

Mir fiel auf, was für einen tollen Mund er hatte. Er war perfekt. Perfekt, genauso, wie er selber.

Erst einige Sekunden später wurde mir klar, wie dämlich ich wohl aussehen musste. Ich konnte einfach nicht aufhören ihn an zu schwärmen. Ich musste mich konzentrieren, ich war sauer auf ihn.

»Elle, lass mich erklären, was da vorhin im Supermarkt passiert ist.«

Er erwartete eine Antwort, doch ich gab ihm keine, und so sprach er einfach weiter.

»Um das alles zu erklären, die Frau, die du im Supermarkt gesehen hast, ist meine Freundin, Ann. Und bevor du jetzt wieder gleich wegrennst, lass mich ausreden. Ich bin vor etwa einem Jahr mit ihr zusammen gekommen, aber nur, weil mein Vater mich praktisch dazu gezwungen hatte. Er hat mir gedroht, mir Jerry wegzunehmen und du verstehst doch bestimmt, dass man einen Hund nicht einfach so weggeben kann. Mein Hund ist mir wirklich wichtig und deshalb habe ich nachgegeben und mir Ann angetan.«

Ich verstand ihn wirklich. Wenn es um meinen Hund Cookie ging, hätte ich auch alles getan, damit ich ihn behalten könnte.

»Und naja, dann habe ich dich kennen gelernt... und mich verliebt. Deshalb habe ich mich auch dazu entschieden mit Ann Schluss zu machen.«

Jetzt ergab alles Sinn. Als wir ein Eis essen waren, hatte er, als ich ihn küssen wollte gesagt, dass er noch etwas erledigen musste...

»Aber ich hatte es noch nicht gemacht und dann hast du uns zusammen im Supermarkt gesehen... Es tut mir wirklich Leid Elle, dass ich dich angelogen habe, aber ich wollte damit alles richtig machen und hab alles falsch gemacht. Jetzt habe ich Schluss gemacht und ich bin gekommen, um dir das zu sagen.«

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Er hatte mit ihr Schluss gemacht, für mich!

Ich warf mich in seine Arme und er legte seine Hände an meine Hüfte.

»Du hast dich in mich verliebt?« flüsterte ich ihm zu.

»Ja«

Er stieß mich ein wenig von ihm weg, sodass er mir in die Augen schauen konnte, als er das sagte.

»Ich habe mich in dich verliebt, Baby.«

Normalerweise hätte ich jetzt etwas gesagt, da es eigentlich immer total arrogant klingt, wenn ein Junge seine Freundin Baby nennt, aber Till sagte es mit so viel Liebe und Funkeln in den Augen, dass mir der Spitzname auf Anhieb gefiel.

Er kam mir näher und ich wusste, er würde mich nun küssen.

Ich schloss meine Augen und dann stießen seine weichen, vollen Lippen auf meine. Sie schmeckten fantastisch.

Als wir uns küssten, sah ich förmlich die Funken sprühen. Ich wusste, ich hatte mich auch verliebt.

Langsam wurden die Küsse starker und wilder, seine Hand glitt unter mein T-shirt meinen Rücken hinauf und als wir uns dann voneinander lösten, atmete ich schwer. Ihm ging es genauso wie mir, denn auch seine Brust hieb sich öfter als normalerweise.

»Ich will jetzt wirklich nicht die Stimmung ruinieren, aber ich muss gehen.«

Ich schmiegte mich an ihn, wunderte mich dann aber und guckte ihn fragend an.

»Was, jetzt? Warum das denn?«

»Ich hab dir doch erzählt, dass mein Vater will, dass ich mit Ann zusammen bin. Naja, jetzt habe ich Hausarest und ehrlich gesagt habe ich mich raus geschlichen, um dich jetzt hier zu sehen.«

Er lächelte leicht, so als hätte er es gerne getan. Mein Herz ging auf. Wie konnte ich nur an diesem Jungen zweifeln, er war ein purer Engel.

»Okay, aber ruf mich bald an... jetzt wo ich weiß, was ich haben kann, will ich nicht darauf verzichten.«

Ich fuhr mit meinem Finger über seine Brust, er war erstaunlich muskulös.

»Alles klar. Bis bald, Baby.«

Er gab mir noch einen flüchtigen Kuss, lächelte mich noch einmal an und verschwand dann hinter den Bäumen. Ich starrte ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.

Plötzlich wurde mir klar, wie dunkel es hier eigentlich war und ich ging schnell zurück zu den Anderen. Seit ich weg war, hatte sich nicht viel verändert, es tanzten mehr Leute als zuvor und ein paar waren gegangen, aber die Party schien immer noch voll im Gange zu sein.

Ich suchte das Feld nach Marc ab und fand ihn auch nach kurzer Zeit. Er stand am Rand der Tanzfläche und unterhielt sich mit einem Mädchen aus unserer Schule, das mir allerdings nicht besonders bekannt war.

Ich schlenderte zu ihm hin und wartete, bis die beiden fertig mit ihrer Unterhaltung waren, bis ich mich praktisch auf ihn schmiss, um ihm zu danken und ihm zu erzählen, was passiert war.

»Na also, Elle. Ich hab dir doch gesagt, dass es eine Erklärung gibt. Jetzt ist doch alles gut«

Ich konnte mein Glück noch gar nicht fassen, aber ich wusste, dass ich heute darauf feiern wollte. Ich war vollkommen glücklich und freute mich einfach nur noch auf die nächsten Monate meines Lebens mit Till.

»Komm, lass uns darauf feiern! Ich will es heute mal so richtig krachen lassen!«

Ich riss meine Arme in die Höhe und stürmte auf die Tanzfläche.

Irgendwann wusste ich nicht mehr, wo ich war, ich wollte einfach nur noch tanzen und Spaß haben.

Ich wusste nicht, wie viel ich in dieser Nacht getrunken hatte und wie lang ich getanzt hatte, aber was ich wusste, war, dass meine Leben jetzt schön werden würde.