Shadow of the Night, Blutige Liebe
Kapitel 4
4
Ich sah die vielen Bäume, die sich vor mir aufragten. In dieser Jahreszeit sahen sie besonders schön aus. Überall war Vogelgezwitscher zu hören. Frühling war einfach wunderschön.
Ich schloss mein Auto ab und ging Richtung See. Dies war der einzige Ort, bei ich mir vorstellen konnte, Gerard anzutreffen, denn es war der Ort, wo Gerard und ich uns damals kennen gelernt hatten.
Früher wohnte er weit weg von hier, aber als sein Vater hier in der Nähe ein Job Angebot bekam, zogen sie hier her. Jedenfalls war es im Sommer, kurz bevor die Schule wieder begonnen hatte, weshalb ich ihn noch nicht kannte.
Ich wollte mich damals mit ihr hier am See treffen, doch sie kam nicht. Ihrer Mutter war etwas passiert und sie hatte mich angerufen und sich entschuldigt, dass sie nicht kommen würde. Es war aber ein schöner Tag gewesen und daher entschloss ich mich, noch ein wenig am Steg sitzen zu bleiben, um das schöne Wetter zu genießen.
Und da setzte er sich zu mir. Wir redeten ein wenig, lachten miteinander und irgendwann schubste er mich unerwartet in den See. Ich zog ihn natürlich auch mit hinein.
Seitdem waren wir wirklich gute Freunde und ein paar Monate später küssten wir uns an demselben Steg das erste Mal. Damals war Gerard noch so liebevoll gewesen. Er war der Gerard, den ich zur Zeit vermisste und der immer weniger zum Vorschein kam.
Ich fragte mich, woran das lag, warum er sich so stark verändert hatte, aber es half sowieso nichts. Er war jetzt nun mal so und man konnte nichts daran ändern.
Kurz bevor ich den See erreichte, blieb ich noch einen Moment stehen. Ich atmete die frische Luft ein und erlaubte einen Moment, dass all die alten Erinnerungen mich überkamen.
Hier hatte ich nicht nur Gerard kennen gelernt, hier hatte ich auch so viel Spaß mit meinen Freunden gehabt, mit ihr.
Langsam stiegen mit Tränen in die Augen, welche ich unterdrückte. Ich riss mich zusammen und lief weiter.
Ich hatte recht. Tatsächlich saß Gerard am Steg. Er blickte auf den See und war wohl ganz in Gedanken, denn als ich mich zu ihm setzte, erschrak er leicht.
»Weißt du noch, wie wir uns hier das erste Mal geküsst haben? Wir saßen genau hier, es war schon dunkel gewesen und meine Mutter hatte schon angerufen gehabt und mich angemotzt, dass ich gefälligst nach Hause kommen sollte, doch das war mir egal, ich wollte die Zeit mit dir verbringen und dann küssten wir uns...« flüsterte er gerade so laut, dass ich sie alle ganz genau verstand. Während er sprach, schloss ich meine Augen und erinnerte mich an diesen Moment.
Es war für uns beide der erste richtige Kuss gewesen und es war toll gewesen.
»Natürlich weiß ich das noch Gerard.« antwortete ich leise.
Ich legte meine Hand auf seinen Arm, was ihn aus seiner Starre löste. Er blickte mich nun direkt an und ich sah, wie verletzt er wirklich war.
»Was ist seitdem passiert, Elle? Wir waren so verliebt, und jetzt? Manchmal wünsche ich mir, einfach die Zeit zurück zu spulen, damit ich die Zeit mit dir wieder genauso genießen kann, wie damals. Früher war alles so viel leichter...« bemerkte er traurig.
Ich spürte, wie mir eine Träne über die Wange lief, ich wusste genau, was er damit meinte.
»...Gerard. Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Und ich erkenne dich kaum wieder. Du hast dich verändert, Gerard.« sagte ich vorsichtig.
Plötzlich war alles Gefühl aus seinem Gesicht verschwunden. Er riss seinen Arm weg, sodass ich ihn nicht mehr berühren konnte und blickte mich kalt an.
»Ich habe mich verändert? Ich?! Dass ich nicht lache. Ich war derjenige, der sich Mühe gegeben hat, dieses ganze Schlamassel aufzuklären, ich habe dich sogar angerufen, damit wir es klären können, aber anstatt mir entgegen zu kommen, hast du einfach aufgelegt. Und da sagst du, ich hätte mich verändert! Früher hättest du so etwas niemals getan.« rief er wütend.
Er hatte recht. Alles was er sagte, stimmte, doch ich wusste nicht, wie ich erklären sollte, dass das alles nicht mein Fehler war.
»Ja ich weiß, aber es ist nicht so einfach! Mein Leben hat sich zur Zeit so stark verändert und ich kann diesen Stress mit dir jetzt einfach gerade nicht auch noch vertragen! Ich würde es dir ja gerne erklären, aber...«
Bevor ich den Satz zu Ende sprechen konnte, fiel er mir ins Wort.
»Was aber? Ich weiß schon was du sagen willst Elle. Ich tu es für dich. Es ist aus. Du brauchst mich nicht mehr anrufen und versuch dich jetzt nicht zu verteidigen. Es musste sowieso mal so kommen.« sprach er und blickte mich ernst an.
Eigentlich wollte ich noch etwas sagen, aber er stand auf, verschwand und zerstörte damit meine Chance. Er ließ mich allein am See zurück.
Mal wieder verlassen.
Plötzlich kamen alle Gefühle hoch und ich fing an zu weinen. Hatte ich nun alles verloren? Mein Leben änderte sich gerade wirklich drastisch und ich konnte es nicht mehr aushalten.
Nach einer Weile hörte ich auf zu Weinen. Wie musste es wohl aussehen, ein Mädchen, das allein am See sizt und weint. Wenn mich jetzt jemand aus der Schule hier sehen würde, müsste ich den ganzen Tag Ausreden dafür erfinden und darauf hatte ich keine Lust.
Ein Gutes gab es wenigstens. Heute Abend konnte ich Till ohne schlechtes Gewissen treffen. Ich hoffte nur, dass er mich ein wenig von Gerard ablenkte.
Da fiel mir ein, dass es ja ein Schultag war und ich stand auf, warf noch einen letzten Blick auf den See und schloss für immer mit Gerard ab.
Die Schule war an diesem Tag so schlimm wie schon lange nicht mehr. Gerard hatte wohl verbreitet, dass wir nicht mehr zusammen waren, weshalb ich den ganzen Tag durchgehend böse Blicke von den verschiedensten Leuten zugeworfen bekam. Den ganzen Tag merkte ich, wie das Geflüster immer lauter wurde, wenn ich in Gängen erschien. Doch das war nicht das einzige Problem. Ich war gezwungen, dem Direktor einen Besuch abzustatten. Zu meinem Glück bekam ich allerdings keinen Schulverweis.
Ich quälte mich durch weitere 6 Stunden Schule und hatte es am Ende doch überlebt.
Als ich von der Schule nach Hause fuhr, war ich schon fast überglücklich, weil ich mich so auf das Treffen mit Till freute. Es verwirrte mich ein wenig, weil ich diesen Jungen noch gar nicht kannte, doch ich sah es als gutes Zeichen, dass ich ihn von Anhieb so sehr mochte.
Wie immer wenn ich von der Schule kam, ging ich zuerst in die Küche, machte mir eine Suppe und meinen gewöhnlichen Erdbeer-Himbeer Tee.
Normalerweise beruhigte mich der Tee immer, doch heute war es anders. Kurz nachdem ich ihn ausgetrunken hatte, fühlte ich mich viel schlechter, ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und musste mich eine Weile hinlegen. So ein Gefühl hatte ich bisher nie bekommen und es war ungewöhnlich, dass gerade mein Tee es verursachte.
Doch ich ließ mir meine gute Laune nicht nehmen. Kaum dass es mir besser ging, stand ich auf, flitzte in mein Zimmer und suchte das passende Outfit für heute Abend aus. Danach sprang ich unter die Dusche und schmierte mich großzügig mit meiner Kokos Bodylotion ein. Heute wollte ich besonders gut riechen.
Ich zog mir die Klamotten an, schminkte mich frisch und kaum dass ich mich versah, war es schon 17:30.
Da ich es sowieso nicht mehr Zuhause aushalten konnte, entschied ich mich, jetzt schon los zu gehen, auch wenn dann die Gefahr bestand, dass ich ziemlich lange warten musste.
Als ich die Tür hinter mir zuschlug, erwischte ich mich dabei, wie ich vor mich hin summte. So etwas passierte mir normalerweise nie, ich war wohl so gut gelaunt wie lange nicht mehr und das alles nur wegen diesem Jungen? Das kam mir seltsam vor. Aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich mit ihm alles richtig machte.
Als ich ankam, war er unerwarteterweise schon da. Ich rannte die letzten Meter und sprang förmlich in seine Arme. Ihm entfuhr ein kleines Lachen, er war wohl überrascht von meiner fröhlichen Geste.
»Da ist heute aber jemand gut gelaunt.« stellte er grinsend fest.
Das brachte mich auch zum Lachen. Seine Stimme war schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich schob ihn etwas zurück, sodass ich ihm in seine Augen sehen konnte und antwortete mit einem strahlenden Lächeln.
»Ja, wohl schon. Das ist eigentlich komisch, heute war ein Tag wo so ziemlich alles schief gelaufen ist, aber ich bin trotzdem fröhlich wie nie. Muss wohl an dir liegen«
Er schob mich leicht von sich weg.
»An mir? Ich kann nicht sagen, dass mir nicht gefällt was ich hier höre« gab er zu.
In seinem Gesicht erschien ein freches Lächeln, aber mir gefiel es. Es war richtig ansteckend, denn ohne es zu wollen, fing auch ich schon wieder an zu lächeln. Nach ein paar Sekunden aber hatte ich mich wieder gefunden.
»Okay und auf was hast du jetzt Lust? Ich meine, wir können unser Date auch hier im Busch verbringen, aber vielleicht hast du doch eine bessere Idee.« fragte ich und sofort hätte ich mich selbst schlagen können. Wie bescheuert war ich eigentlich? Musste ich gleich beim ersten Satz den ich sagte, etwas so zweideutiges benutzten?
»Ich würde ja gern mein erstes Date mit dir im Busch verbringen, aber ich glaube wir sollten es langsam angehen lassen und, wie wärs, erst mal ein Eis essen gehen?« gab er neckend zurück und ein Lachen konnte er sich auch nicht verkneifen. Ich war froh, dass er es mit so viel Humor nahm, so hätte sie es vermutlich auch getan.
»Hört sich gut an.« antwortete ich lächelnd.
Mit diesen Worten liefen sie los.
Die nächste Eisdiele war nicht weit von hier entfernt, aber auf dem Weg hatten wir trotzdem Zeit sich ein wenig zu unterhalten. Bei der Hälfte vom Weg nahm er überraschend meine Hand.
Ich war zuerst ein bisschen erstaunt, aber es fühlte sich so gut an, dass ich es zuließ. Als wir bei der Eisdiele ankamen, ließ er meine Hand los, um die beiden Eiswaffeln zu nehmen und gab mir mein Schokoladeneis, aber sofort danach nahm er sie wieder.
Wir gingen ein Stück weiter zu einem Park und setzten uns auf die nächste Bank.
»Weißt du, es passiert mir nicht so oft, dass ich ein Mädchen kennen lerne und mich sofort so gut mit ihr verstehe« sagte er zu mir mit strahlenden Augen.
Ich musste lachen. Genau so war es bei mir auch und ich hatte schon die ganze Zeit gehofft, dass es auch ihm so ginge.
»Da bin ich aber froh. Ich dachte schon, ich bin die Einzige hier die sich so fühlt.« gab ich lachend zu.
Er lächelte mich an. Sein Lächeln war der Traum. Schon allein für dieses Lächeln würde ich alles tun. Ich würde nie genug von diesem Anblick bekommen.
Plötzlich fing es an zu regnen. Ich verspürte die Lust, einfach aufzuspringen und mich in den Regen zu werfen und da ich mich heute so gut fühlte, entschloss ich mich dazu, es zu tun.
Als ich von der Bank aufstand, warf mir Till einen verwirrten Blick zu, aber das hielt mich davon nicht ab. Ich rannte von der Bank, sprang in den schüttenden Regen und drehte mich darin lachend.
»Till, komm auch her, es macht so Spaß!« rief ich ihm mit einem Grinsen zu.
Ich war schon klitschnass, aber das machte mir nichts. Till warf mir einen schrägen Blick zu, doch dann stand er ebenfalls auf, legte sein Eis ab und kam zu mir. Auch er war sofort durchnässt.
Ich sprang glücklich in die Luft, es fühlte sich so gut an, einfach mal verrückt herum zu springen, nachdem so viel in letzter Zeit passiert war.
Plötzlich spürte ich Tills Arme an meiner Taille, er zog mich von hinten an sich heran und drehte mich herum.
Ernst blickte ich ihm in die Augen und wir waren uns nun so nahe, dass alles um uns herum nicht mehr zählte, alles was im Moment existierte, waren wir Beide.
Ich dachte, er würde mich küssen, was mich dazu brachte, mich seinem Mund zu nähern, aber kurz bevor ich ihn erreicht hatte, schob er mich ein wenig weg von sich. Er spürte, wie weh mir das tat und fing an zu lachen.
»So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.« versuchte er die Situation zu retten, doch selbst er schaffte es nicht mehr. Ich war gekränkt und hatte nicht mehr wirklich Lust noch etwas zu machen. Schnell sah ich mich nach irgendetwas um, mit dem ich mich ablenken konnte, aber es war nichts vorhanden, also ging ich zur Bank zurück und nahm mein schon geschmolzenes Eis wieder in die Hand.
»Oh, das wars dann wohl mit meinem Eis... naja, ich muss sowieso nach Hause, es ist schon spät und ich muss noch meine Hausaufgaben machen.« sagte ich ohne eine Miene zu machen.
Natürlich wusste ich wie einfallslos diese Ausrede war, doch zu mehr brachte ich es in diesem Moment nicht. Er merkte auch, dass ich log, aber er ließ es zu.
»Es... ich muss noch ein paar Dinge erledigen, bevor das mit uns geht, okay? Lass uns erst mal Freunde bleiben.« bat er.
Er nahm meine Hand und zwang mich dazu, ihm in die Augen zu schauen. Seine Augen schimmerten so schön, dass ich nichts anderes machen konnte, als zu lächeln.
Das reichte für ihn und so warf er sein Eis in den Müll und wir gingen klitschnass wieder zusammen nach Hause.
Ich hätte es nicht erwartet, aber es wurde doch noch ziemlich lustig. Er erzählte mir einen schlechten Witz nach dem Anderen, bis ich mich irgendwann auf dem Boden krümmte vor Lachen. Am Ende gab er mir noch seine Handynummer und ich ihm meine, damit wir uns auch wiedersehen konnten.
Vielleicht würden wir ja doch gute Freunde werden.
Zum Abschied umarmten wir uns kurz und ich ging dann etwas gekränkt, aber doch glücklich nach Hause.
Mich hatte noch nie ein Junge abgewiesen und jetzt war das mit Gerard vorbei und ich hatte Hoffnung gehabt, dass das mit Till was wird. Es kratzte schon ein wenig an meinem Selbstbewusstsein, aber es schien mir nicht so, als würde er mich nicht toll finden und außerdem, wer wusste schon, was die Zukunft für einen bereithielt. Man muss es eben manchmal einfach auf sich zukommen lassen.
Heimlich glaubte ich sogar ans Schicksal.
Als ich Zuhause ankam, machte ich sogar wirklich noch meine Hausaufgaben, schaute mir den kleinen Zettel an, wo Tills Handynummer drauf stand und malte ein Herz darauf. Danach fütterte ich Cookie und erzählte ihm alles von unserer Verabredung.
In dieser Nacht schlief ich mit einem Lächeln im Gesicht ein.