Shadow of the Night, Blutige Liebe
Kapitel 10
In der Dunkelheit schien mein Körper fast unsichtbar. Ich verharrte in einem Schatten hinter dem Haus und spähte hinein.
In der Küche waren eindeutig Schritte zu hören, allerdings war ich mir nicht sicher, ob es Till war. Eine Stimme aus dem Wohnzimmer rief »Till, bring mir bitte die Zeitung!«, worauf hin eine Person im Gang zu sehen waren. Das musste Till gewesen sein.
Er gab seinem Vater die verlangte Zeitung und stieg dann die Treppe zum nächsten Stockwerk hinauf. Ein Raum wurde erleuchtet und Till war klar und deutlich zu erkennen. Zu meinem Glück beinhaltete sein Zimmer auch einen Balkon, auf dem ich landen konnte. Langsam trat ich aus dem Schatten und sprang auf ihn hinauf.
Als Till mich sah, fuhr er erschrocken auf. Sein Schrei war so laut, dass sogar ein Mensch ihn durch die Fensterscheibe hätte hören können. Die Stimme seines Vaters erklang erneut.
»Sohn, alles in Ordnung? Ich habe dich schreien hören!«
»Nichts passiert!« antwortete Till, der es zwar an seinen Vater gerichtet hatte, seine Augen aber nicht von mir abwandte.
Schüchtern stand ich da, blickte ihn an und winkte schließlich. Über sein Gesicht zog sich eine lange Wunde, die wahrscheinlich zur Narbe werden würde und sie war allein meine Schuld.Im Nachhinein schien es mir doch etwas gewagt einfach vor seinem Zimmer aufzutauchen.
»Kann ich reinkommen?« fragte ich vorsichtig.
Er löste seinen Blick von mir, lief zur Balkontür und öffnete sie. Mit einem Handzeichen lud er mich ein.
Sein Zimmer war ziemlich geräumig, in der Mitte stand ein großes Doppelbett und an den Wänden ragten sich Bücherregale auf. Neben der Tür hing eine Dartscheibe, in der sich bereits drei Pfeile befanden, die alle perfekt im Feld der dreifach zwanzig lagen.
Schweigend setzte er sich auf sein Bett und sah mich erwartungsvoll an.
»Tut mir Leid« flüsterte ich ihm zu, näherte mich ihm langsam und strich leicht über seine Wange.
»Ah, es tut noch weh!« fauchte er und schlug mir die Hand weg.
Es wunderte mich nicht, dass er noch sauer war, doch heimlich hatte ich mir das Gegenteil erhofft.
»Was war da nur mit dir los? Hattest du etwa... naja... deine... Tage?« fragte er leise, da ich keine Anstalten gemacht hatte, die Situation zu erklären. Fast fing ich an zu lachen, es war einfach zu erheiternd, wie schwer es ihm gefallen war, diese Frage zu stellen, doch der Ernst der Situation hielt mich davon ab.
»Wenn es doch nur das wäre.« murmelte ich kopfschüttelnd.
Seufzend ließ ich mich ebenfalls auf sein Bett plumpsen.
»Willst du es wirklich wissen? Es ist nicht gerade schön und wenn du es nicht hören willst, werde ich sofort wieder verschwinden. Es ist allein deine Entscheidung.« begann ich.
»Du bist ein Vampir.« sagte er wissend.
Meine Mundklappe fiel nach unten.
»Woher weißt du es!« stieß ich überrascht aus.
»Ich war nicht sicher, sonst hätte ich doch nicht gefragt, ob du... naja, du weißt schon was hast.« sagte er und ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
»Wie hast du es herausgefunden?« fragte ich immer noch fassungslos.
»Mich hat dein Verhalten damals echt aus der Fassung gebracht, die roten Tränen, die du geweint hast und die Krallen, mit den du mich geschlagen hast. Deine aggressive Art hat mich ins Grübeln gebracht und als ich Zuhause angekommen war und die Wunde verarztet hatte, habe ich mich an die Arbeit gemacht im Internet zu recherchieren.« begann er.
Niemals hatte ich geahnt, was für ein schlaues Köpfchen Till doch war.
»Ich bin auf einige Internetseiten gestoßen, wo wirres Zeug über Blut und Unsterblichkeit aufgereiht war und den Rest habe ich mir dann eben zusammen gereimt.« fuhr er fort.
»...Und was hältst du von der ganzen Sache?« fragte ich vorsichtig.
Er blickte mich einen Moment an, schnaufte aus und stand auf. Immer wieder schritt er vor mir auf und ab.
»Ich weiß es nicht.« brachte er schließlich hervor.
»Vielleicht, wenn ich dir alles erzähle?« stammelte ich verzweifelt. Auf keinen Fall gab ich so leicht auf.
»Am Ende wirst du mich vielleicht verstehen. Gib mir eine Chance.« bat ich. Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens nickte er einverstanden.
»Danke.« sagte ich lächelnd und fing an, die Geschichte erneut von vorne zu erzählen. Den Punkt mit Joseph und der Prophezeiung ließ ich allerdings weg, da ich ihn nicht eifersüchtig machen wollte und er sich keine Sorgen um mich machen sollte.
»... aber jetzt habe ich mich unter Kontrolle, Till. Ich spüre kein Verlangen mehr! Vertrau mir, ich bin keineswegs mehr gefährlich für dich.« erklärte ich, während ich auf die von mir entstandene Wunde starrte. Einen Moment legte er den Kopf schief und strich schließlich sanft über meine Wange.
»Ich hab dich vermisst, Baby.« flüsterte er liebevoll und gab mir einen leichten Kuss. Wenn ich mich nicht irrte, konnte ich Tränen in seinen Augen sehen.
Seine Lippen waren flammend heiß und fühlten sich im Gegensatz zu meiner federweich an. Das Feuerwerk, das ich bei unserem ersten Kuss gespürt hatte, erschien erneut.
»Also, nun habe ich wohl eine unsterbliche Freunden,was?« fragte er grinsend, doch ich machte mir noch immer Sorgen.
»Und für dich ist das wirklich okay? Ich meine, es könnte gefährlich für dich werden...« murmelte ich und erwartete, dass sein Lächeln nun schwand, was allerdings nicht geschah.
»Mehr als nur okay. Ich hab dich wirklich gern und würde dir sogar vertrauen, wenn du der Teufel wärst. Da ist Vampir im Vergleich doch schon viel besser, nicht wahr? Also hör auf dir Sorgen zu machen!« sagte er spitz und hofften, damit ein Lächeln von mir zu erhalten. Eigentlich war ich nicht in Stimmung dazu, aber es geschah trotzdem. Er hatte mal wieder gewonnen. Mit einem Grinsen im Gesicht warf ich mich in seine Arme.
»Du bist der beste Freund, den man haben kann!« stieß ich freudig aus, worauf er den Arm fester an mich drückte. Dieses Gefühl war wunderschön, die Wärme, die von seinem Körper ausging und sein Geruch. Mir wurde klar, dass er der Richtige war.
»Weißt du, dass du eiskalt bist?« flüsterte er in mein Ohr.
»Dafür bist du warm.« antwortete ich kichernd. Langsam schob er mich von sich weg. Dieser Moment war meines Erachtens viel zu schnell vorbei.
»Du hast vorhin von speziellen Fähigkeiten gesprochen. Welche hast du?« fragte er neugierig.
»Bis jetzt keine... Wahrscheinlich habe ich einfach nicht das nötige Glück welche zu bekommen.« sagte ich mehr zu mir selbst, als zu ihm.
»Sicher hast du eine, du bist viel zu besonders, um keine Gabe zu bekommen!« heiterte er mich überzeugt auf. Um ihn zufrieden zu stellen, nickte ich.
»Wenn ich doch eine erhalte, bist du der Erste, der davon erfährt.« versprach ich ihm, legte meine Hand auf seine Brust und drückte ihn auf sein Bett. Er grinste mich an, legte seine Hände an meine Taille und zog mich an sich. Bevor er allerdings die Chance hatte, fortzufahren, kuschelte ich mich in seine Arme.
»Lass es uns langsam angehen.« flüsterte ich und hatte Angst vor seiner Reaktion. Er streichelte meine Haare und antwortete.
»Das wollte ich sowieso. Vorfreude ist doch bekanntlich die schönste Freunde.« gestand er grinsend. So blieben wir liegen bis spät in die Nacht hinein. Als ich irgendwann leichte Schnarchgeräusche wahrnahm, drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange und machte mich auf den Weg zur Tür.
»Was machst du da?«
Hörte ich ihn plötzlich fragen. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte ihn an. Er sah mich müde an.
»Es ist Zeit zu gehen.« sagte ich.
»Schon? Willst du nicht noch ein bisschen bleiben?« fragte er traurig.
»Es ist doch noch reichlich Zeit.« fuhr er fort.
»Schau auf die Uhr, Till, es ist schon fast sechs Uhr. Wir müssen doch beide in die Schule.«
Er gab ein Grummeln von sich, nickte dann aber widerwillig.
»Komm bald wieder, Baby.« flüsterte er mir zum Abschied zu. Ich war ihm einen Handkuss zu, öffnete die Balkontür und sprang mit einem Satz herunter.
Tag der Veröffentlichung: 04.10.2014
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