Stalker

Arkadi Strugatzki · Kapitel 3 von 7 · Teil 3/7

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Stalker

Stalker

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.

Vorsichtig ließ Redrick den Zweig wieder los, drehte den Kopf zur Seite und horchte. Irgendwo auf der rechten Seite, weder besonders weit entfernt noch nah, aber doch hier, auf dem Friedhof, befand sich noch jemand. Wieder raschelte dort Laub und rieselte Erde, und dann fiel etwas mit gedämpftem Schlag zu Boden, etwas Schweres und Hartes. Ohne sich umzudrehen, begann Redrick vorsichtig rückwärts durch das nasse Gras zu kriechen. Erneut glitt ein Scheinwerferstrahl über seinen Kopf hinweg. Redrick hielt inne, folgte der lautlosen Bewegung mit dem Blick. Zwischen den Kreuzen schien ein Mann in Schwarz reglos auf einem Grab zu sitzen. Er saß, ohne sich zu verstecken, gegen den marmornen Obelisken gelehnt, das weiße Gesicht mit den dunklen Augenhöhlen Redrick zugewandt. Eigentlich waren all diese Einzelheiten innerhalb dieses Sekundenbruchteils gar nicht zu sehen gewesen, und doch hatte Redrick vor Augen, wie es ausgesehen haben musste. Er kroch noch ein wenig weiter zurück, ertastete in seiner Innentasche den Flachmann, zog ihn hervor und lag eine Weile da, das warme Metall gegen die Wange gedrückt. Dann kroch er weiter, die Flasche immer noch in der Hand. Jetzt horchte er auf nichts mehr und sah sich auch nicht mehr nach allen Seiten um.

Die Einfriedung war an einer Stelle durchbrochen, und genau neben diesem Loch lag Burbridge auf seinem bleigetränkten Mantel. Noch immer lag er dort auf dem Rücken, zerrte mit beiden Händen am Kragen seines Pullovers, ächzte leise und gequält vor sich hin und stöhnte dazwischen immer wieder auf. Redrick setzte sich neben ihn und schraubte seine Flasche auf. Dann fuhr er vorsichtig mit einer Hand unter Burbridges Kopf, spürte die schweißverklebte, heiße Glatze unter seiner Handfläche und hielt dem Alten den Flaschenhals an die Lippen. Es war dunkel, aber in dem schwachen Licht, das von den Scheinwerferstrahlen reflektierte, konnte Redrick Burbridges weit aufgerissene, glasige Augen und die schwarzen Stoppeln auf seinen Wangen erkennen. Burbridge schluckte ein paarmal gierig, dann tastete er unruhig nach seinem Sack mit dem Habar.

»Du bist zurückgekommen«, sagte er mit Mühe. »Bist ein guter Mann, Roter … Lässt einen alten Mann nicht … krepieren.«

Redrick legte seinen Kopf in den Nacken und nahm selbst einen kräftigen Schluck.

»Steht immer noch da, der Bulle«, sagte er. »Wie angeleimt.«

»Wundert mich nicht«, stieß Burbridge hervor. Er sprach in kurzen Sätzen, atemlos. »Irgendwer hat’s ihnen gesteckt. Jetzt warten sie.«

»Mag sein«, antwortete Redrick. »Noch einen Schluck?«

»Nein, das ist genug. Aber lass mich bloß nicht hier zurück. Wenn du mich hier rausbringst und ich überlebe, wirst du es nicht bereuen. Du lässt mich doch nicht im Stich, Roter?«

Redrick antwortete nicht. Er schaute zur Straße, auf das himmelblaue Wetterleuchten der Scheinwerfer. Der marmorne Obelisk war von hier aus zu sehen, aber es war unklar, ob DER DA immer noch dort saß oder sich inzwischen verzogen hatte.

»Hör zu, Roter. Ich meine es ernst. Du wirst es nicht bereuen. Weißt du, warum der alte Burbridge immer noch lebt? Bob der Gorilla ist weg vom Fenster, auch Pharao Banker ist futsch, als hätte es ihn nie gegeben. Was war das für ein Stalker! Aber jetzt ist er mausetot, genauso wie Schleimer. Norman der Nerd. Callohan. Pete Eiterschorf. Sie alle. Nur ich bin noch da. Und warum wohl?«

»Weil du schon immer ein Dreckskerl warst«, antwortete Redrick, ohne die Straße aus den Augen zu lassen. »Ein Aasgeier eben.«

»Ein Dreckskerl, stimmt. Anders geht es nicht. Aber das waren die anderen auch. Pharao. Schleimer. Und trotzdem bin nur ich übrig geblieben. Weißt du, was der wirkliche Grund ist?«

»Klar«, antwortete Redrick, um das Gespräch abzuwürgen.

»Du lügst. Du hast keine Ahnung … Schon mal von der Goldenen Kugel gehört?«

»Natürlich.«

»Und, glaubst du, die gibt es nur im Märchen?«

»Red nicht so viel«, sagte Redrick besorgt. »Schone lieber deine Kräfte!«

»Egal, du trägst mich ja sowieso raus. Wie oft waren wir zusammen hier draußen! Da lässt du mich doch jetzt nicht zurück, hm? Ich hab dich schon gekannt, da warst du noch … so klein. Und deinen Vater auch.«

Redrick schwieg. Was hätte er drum gegeben, jetzt eine zu rauchen. Er zog eine Zigarette hervor, krümelte sich ein wenig Tabak auf die Handfläche und schnupfte ihn. Er spürte rein gar nichts.

»Du musst mich hier rausbringen«, presste Burbridge hervor. »Du bist schließlich schuld, dass es mich erwischt hat. Weil du den Malteser nicht mitnehmen wolltest.«

Der Malteser hatte geradezu darum gebettelt mitzukommen. Den ganzen Abend über hatte er ihnen Drinks spendiert, alle möglichen Zusicherungen gemacht, geschworen, er könne sich selbst einen Spezialanzug beschaffen, und Burbridge, der neben dem Malteser saß, hatte Redrick hinter seiner faltigen Pranke heftig zugezwinkert: Nun sag schon Ja, wir verlieren doch nichts dabei. Vielleicht hatte Redrick gerade deshalb Nein gesagt.

»Wegen deiner Raffgier hat es dich erwischt«, sagte Redrick kalt. »Ich hab damit nichts zu tun. Und jetzt halt endlich die Klappe.«

Eine Zeit lang war nur der schwere Atem des Alten zu hören. Wieder schob er sich die Finger unter den Kragen und versuchte, den Kopf in den Nacken zu legen.

»Von mir aus kannst du all den Habar behalten«, ächzte er. »Wenn du mich nur nicht hier liegen lässt.«

Redrick schaute auf die Uhr. Es war nicht mehr lang bis zum Morgengrauen, doch der Streifenwagen stand immer noch da. Seine Scheinwerfer stöberten weiter durchs Gebüsch. Irgendwo dort, ganz in der Nähe der Streife, stand der getarnte Land Rover. Und jede Minute konnten sie ihn entdecken.

»Die Goldene Kugel«, sagte Burbridge. »Ich hab sie gefunden. Jede Menge Lügengeschichten hat man rund um sie gesponnen. Ich selbst auch. Dass sie angeblich jeden Wunsch erfüllt. Von wegen! Könnte sie das, wär ich längst nicht mehr hier. Dann würde ich in Europa leben. Und in Geld schwimmen.«

Redrick musterte ihn von oben bis unten. In dem immer wieder vorbeiziehenden blauen Scheinwerferlicht kam ihm Burbridges nach hinten gekipptes Gesicht wie tot vor. Doch beobachtete ihn dieser unablässig aus seinen gläsernen, weit aufgerissenen Augen.

»Von wegen ewige Jugend«, murmelte er. »Das kann ich ja wohl vergessen. Und Geld hat sie mir auch nicht gebracht. Gesundheit dagegen, die schon. Meine Kinder sind alle normal. Und ich lebe. Du kannst dir nicht mal im Traum denken, wo ich schon überall war. Und trotzdem lebe ich.« Er leckte sich die Lippen. »Mehr will ich ja nicht, nur am Leben bleiben. Und gesund sein. Und dass die Kinder …«

»Halt die Luft an«, sagte Redrick schließlich. »Was soll das Geflenne? Wenn ich kann, bring ich dich raus. Mir tut’s um deine Dina leid – das Mädel landet sonst noch auf dem Strich.«

»Dina«, krächzte Burbridge. »Mein Kindchen. Meine Allerschönste. Meine Kinder sind ja so verwöhnt, Roter. Ich hab ihnen nichts versagt. Die wären doch sonst verloren. Arthur. Mein Archie. Du kennst ihn ja. Wo findest du noch solche jungen Leute?«

»Ich sag doch: Wenn ich kann, bring ich dich hier raus.«

»Nein«, unterbrach Burbridge störrisch. »Du bringst mich hier auf jeden Fall raus. Die Goldene Kugel. Soll ich dir sagen, wo sie ist?«

»Von mir aus.«

Burbridge stöhnte auf und bewegte sich.

»Meine Beine … Fühl mal, was da ist.«

Redrick streckte die Hand aus und tastete das Bein unterhalb des Knies ab.

»Knochen«, flüsterte Burbridge heiser. »Sind da noch Knochen?«

»Klar sind da welche«, log Redrick. »Keine Panik.«

In Wirklichkeit hatte er nur die Kniescheibe gespürt. Weiter unten hatte sich das Bein bis zum Fuß weich wie ein Gummiknüppel angefühlt. Wahrscheinlich hätte man es verknoten können.

»Du lügst doch«, sagte Burbridge. »Warum lügst du? Denkst du vielleicht, ich weiß nicht Bescheid?«

»Die Knie sind ganz«, antwortete Redrick.

»Auch gelogen, wahrscheinlich«, sagte Burbridge gramerfüllt. »Egal. Hauptsache, du bringst mich hier raus. Dann bekommst du die Goldene Kugel, versprochen. Ich zeichne dir auch eine Karte. Mit sämtlichen Fallen drauf. Die ganze Geschichte …«

Er redete weiter, versprach noch mehr, aber Redrick hörte nicht mehr hin. Er blickte zur Straße. Die Scheinwerfer streiften nicht mehr durch die Büsche, sondern verharrten reglos an einer Stelle. Ihre Strahlen trafen an dem Marmorobelisken aufeinander, und in dem grellen blauen Nebel erkannte Redrick deutlich eine gebückte, schwarze Gestalt, die zwischen den Kreuzen umherirrte. Die Gestalt schien sich wie blind zu bewegen, direkt auf die Scheinwerfer zu. Redrick beobachtete, wie sie gegen ein riesiges Kreuz lief, zurückzuckte, noch einmal dagegenstieß und erst dann außen herumging und weiterlief, die langen Arme mit den gespreizten Fingern nach vorn gestreckt. Dann verschwand sie plötzlich, als hätte die Erde sie verschluckt, tauchte wenige Sekunden später in einiger Entfernung weiter rechts wieder auf und marschierte mit ungelenker, unmenschlicher Beharrlichkeit weiter wie ein aufgezogener Mechanismus.

Plötzlich erloschen die Scheinwerfer. Die Kupplung knirschte, der Motor heulte auf, durch das Gebüsch begann rot-blaues Signallicht zu blinken. Dann setzte sich der Streifenwagen mit einem Ruck in Bewegung, nahm rasch Fahrt auf und raste schließlich in Richtung Stadt davon, bis er hinter einer Mauer verschwand. Redrick schluckte krampfhaft und zog den Reißverschluss seines Overalls auf.

»Die sind tatsächlich weg. Los, Roter, mach schnell!«, murmelte Burbridge fieberhaft, begann hin und her zu rutschen, griff mit den Armen um sich, packte den Sack mit dem Habar und stemmte sich hoch. »Los jetzt, was sitzt du noch rum!«

Redrick beobachtete noch immer die Straße. Sie lag jetzt in völliger Dunkelheit, aber irgendwo war da noch DER DA, marschierte herum wie eine Aufziehpuppe, stolperte, fiel, stieß gegen Kreuze, verhedderte sich im Gesträuch.

»Na gut«, sagte Redrick laut. »Gehen wir.«

Er hob Burbridge auf. Der Alte umklammerte Redricks Hals mit dem linken Arm wie mit einer Zange. Unfähig, sich zu erheben, zog Redrick ihn auf allen vieren durch das Loch in der Mauer, wobei er sich mit den Händen am nassen Gras festhielt.

»Los, los«, krächzte Burbridge. »Keine Angst, ich lass den Habar nicht fallen. Mach schon!«

Den Pfad kannte er, aber das nasse Gras war glitschig, die Vogelbeerzweige peitschten ihm ins Gesicht, und der stämmige Alte lag schwer wie ein Toter auf ihm. Immer wieder blieb der Sack, in dem der Habar klirrte und klapperte, an irgendwas hängen, und dann war da noch die Angst, auf DEN DA zu treffen, der womöglich noch immer irgendwo in der Finsternis umherirrte.

Als sie die Straße erreichten, war es noch dunkel, doch kündigte sich bereits die Morgendämmerung an. In dem Wäldchen auf der anderen Straßenseite begannen schläfrig und unsicher die ersten Vögel zu zwitschern, über den schwarzen Häusern am fernen Stadtrand mit den wenigen gelben Straßenlampen färbte sich die Finsternis der Nacht bereits dunkelblau, und eine frische, feuchte Brise kam von dort auf. Redrick legte Burbridge am Straßenrand ab, blickte sich um und lief geduckt, wie eine große, schwarze Spinne, auf die andere Seite hinüber. Kurz darauf stieß er auf den Land Rover, entfernte die Tarnung aus Zweigen von Motorhaube und Karosserie, setzte sich ans Steuer und manövrierte den Wagen vorsichtig, ohne die Scheinwerfer einzuschalten, auf den Asphalt. Burbridge saß da, den Sack mit dem Habar fest in der einen Hand, während er mit der anderen seine Beine betastete.

»Schnell!«, rief er heiser. »Fahren wir! Die Knie, meine Knie sind noch ganz. Vielleicht sind sie noch zu retten!«

Redrick hob ihn auf und hievte ihn, vor Anstrengung mit den Zähnen knirschend, in den Wagen. Burbridge plumpste geräuschvoll auf den Rücksitz und stöhnte auf, ließ aber den Sack nicht aus den Händen. Redrick warf ihm den bleigetränkten Mantel über. Irgendwie hatte Burbridge es geschafft, den auch noch mitzuschleppen.

Redrick zog seine Taschenlampe hervor und suchte am Straßenrand nach Spuren. Im Grunde war kaum noch etwas zu sehen. Beim Ausfahren hatte der Land Rover zwar das hohe, dichte Gras zu Boden gedrückt, aber das würde sich in ein paar Stunden wieder aufrichten. Rings um die Stelle, wo der Streifenwagen gestanden war, lagen jede Menge Zigarettenkippen. Redrick fiel wieder ein, dass auch er längst eine hatte rauchen wollen. Er zog eine Zigarette heraus und steckte sie sich an, obwohl er viel lieber gleich wieder zum Wagen zurück gerannt wäre und Gas gegeben hätte, weg, weg, weg von hier, so schnell wie möglich. Aber Gas geben durfte er noch nicht. Alles musste langsam erledigt werden, mit Bedacht.

»Was ist?«, ertönte da Burbridges weinerliche Stimme aus dem Wagen. »Vergiss nicht, Wasser über die Ausrüstung zu gießen … Was stehst du noch rum? Versteck den Habar!«

»Halt die Klappe, du störst«, entgegnete Redrick und zog an der Zigarette. Dann sagte er: »Wir fahren außenrum, zum südlichen Stadtrand.«

»Außenrum, spinnst du? Du ruinierst meine Knie, du Scheißkerl! Meine Knie!«

Redrick zog ein letztes Mal an der Zigarette und ließ die Kippe in seiner Streichholzschachtel verschwinden.

»Reg dich ab, Aasgeier«, sagte er. »Quer durch die Stadt ist keine Option. Drei Straßenposten, mindestens einer von denen hält uns an.«

»Na und?«

»Sobald die deine Gummistelzen sehen, ist alles aus.«

»Was soll mit denen sein? Hab mir beim Dynamitfischen eben die Haxen gebrochen, mehr nicht!«

»Und wenn einer dich abtasten will?«

»Dann brüll ich so laut, dass ihm gleich die Lust vergeht.«

Aber Redrick hatte seine Entscheidung bereits getroffen. Er hob den Fahrersitz an, machte sich mit der Taschenlampe Licht, öffnete eine versteckte Klappe und sagte: »Reich den Habar rüber.«

Der Tank unter dem Sitz war eine Attrappe. Redrick nahm den Sack und stopfte ihn hinein. Man konnte hören, dass etwas darin klirrte und hin und her rollte.

»Ich darf nichts riskieren«, murmelte er. »Dazu habe ich kein Recht.«

Er schloss die Klappe wieder, verteilte etwas Krempel darüber, deckte alles mit ein paar Lumpen zu und klappte den Sitz zurück. Burbridge ächzte und stöhnte, trieb ihn wehleidig zur Eile, versprach ihm erneut die Goldene Kugel, während er sich selbst andauernd auf dem Sitz hin und her drehte und nervös in die immer dünner werdende Dunkelheit starrte. Redrick ignorierte ihn. Er riss einen mit Wasser gefüllten Plastiksack auf, in dem ein paar Fische schwammen, verteilte das Wasser über der Anglerausrüstung auf dem Boden der Ladefläche und kippte die zappelnden Fische in einen Beutel aus Zeltbahn. Den Plastiksack faltete er zusammen und steckte ihn in eine Tasche seines Overalls. Jetzt war alles in Ordnung: zwei Angler, auf der Rückfahrt von einem nicht sonderlich erfolgreichen Fang. Er setzte sich ans Steuer und fuhr los.

Bis zur Abbiegung fuhr er, ohne die Scheinwerfer einzuschalten. Links verlief die mächtige, drei Meter hohe Mauer, die die Zone abriegelte, rechter Hand zogen dichtes Gebüsch, lichte Wäldchen sowie hin und wieder ein verlassenes Cottage mit vernagelten Fenstern und abgeblätterter Fassade vorbei. Redricks Augen sahen gut in der Dunkelheit, die sich ohnehin allmählich auflöste, er wusste, was jetzt passieren würde, und als vor ihm eine gebückte Gestalt erschien, die gleichmäßig einen Fuß vor den andern setzte, bremste er gar nicht erst, sondern duckte sich nur hinters Lenkrad. DER DA marschierte mitten auf der Fahrbahn – wie sie alle ging er auf die Stadt zu. Redrick drückte den Wagen an den Straßenrand, überholte die Gestalt und gab Gas.

»Heilige Mutter Gottes!«, murmelte Burbridge hinter ihm. »Roter, hast du das gesehen?«

»Ja«, antwortete Redrick.

»Herrje! … Das hat uns noch gefehlt«, murmelte Burbridge und begann auf einmal laut zu beten.

»Klappe!«, schnauzte Redrick ihn an.

Die Abbiegung musste hier irgendwo sein. Redrick fuhr etwas langsamer weiter und starrte auf die Reihe windschiefer Hütten und Zäune auf der rechten Seite. Das alte Transformatorhäuschen … der Strommast mit dem Stützpfeiler … der morsche Steg über den Straßengraben … Redrick schlug das Lenkrad ein. Der Wagen fuhr über ein Schlagloch.

»Was machst du denn?!«, schrie Burbridge wütend auf. »Du ruinierst mir noch die Beine, du Drecksack!«

Redrick drehte sich blitzschnell um und schlug dem Alten mit voller Wucht ins Gesicht. Er spürte die stachelige Wange auf seinem Handrücken. Burbridge brach mitten im Satz ab und sagte kein Wort mehr. Immer wieder wurde der Wagen heftig durchgeschüttelt oder die Reifen drehten auf der regennassen Erde durch. Redrick schaltete die Scheinwerfer ein. Weißes, hüpfendes Licht beschien eine alte, von Gras überwachsene Fahrrinne, riesige Pfützen und morsche, schiefe Zäune auf beiden Seiten. Burbridge heulte Rotz und Wasser, versprach nichts mehr, sondern wimmerte noch vor sich hin und murmelte Verwünschungen, dies jedoch so leise und undeutlich, dass Redrick nur einzelne Worte verstand. Irgendwas von Beinen, Knien, dem schönen Archie … Schließlich verstummte er ganz.

Die Ortschaft zog sich am westlichen Stadtrand hin. Einst waren dies Landhäuser mit Gemüse- und Obstgärten gewesen, die Sommerresidenzen des Stadtrats und der Fabrikleitung – grüne, unbeschwerte Orte, kleine Seen mit sauberen, sandigen Ufern, lichtdurchflutete Birkenhaine und Karpfenteiche. Der Gestank und die giftigen Abgase der Fabrik waren nie bis hierher gelangt, auch die städtische Kläranlage befand sich in weiter Ferne. Nun aber war hier alles verlassen und verwahrlost, während der ganzen Fahrt trafen sie nur auf ein einziges Haus, das bewohnt schien: Gelb leuchtete ein kleines Fenster, der Vorhang war zugezogen, regennasse Wäsche hing an Leinen im Hof, und ein riesiger Köter flog wutschäumend von der Seite heran und jagte in dem Wirbel aus Schmutzklumpen, die unter den Hinterrädern hervorspritzten, eine Zeit lang dem Wagen nach.

Vorsichtig fuhr Redrick über eine alte, schiefe Brücke, und als weiter vorn die Auffahrt auf die Westliche Landstraße sichtbar wurde, hielt er den Wagen an und stellte den Motor ab. Dann stieg er aus, ohne sich nach Burbridge umzusehen, und ging fröstelnd, die Hände in die klammen Taschen des Overalls geschoben, zu Fuß weiter. Es war bereits hell geworden. Die Landschaft ringsum lag nass, still und schläfrig da. Er ging bis zur Landstraße vor und steckte vorsichtig den Kopf durchs Gebüsch. Der Kontrollposten der Polizei war von hier aus gut zu sehen: ein kleiner Wohnwagen, drei hell erleuchtete Fenster, dünner Rauch aus einem schmalen, langen Kaminrohr. Der Streifenwagen stand am Straßenrand, unbesetzt. Eine Weile stand Redrick da und schaute. Nichts regte sich: Offenbar war es den Streifenpolizisten zu kalt geworden, die Nacht hatte sie erschöpft, und nun wärmten sie sich in dem Wohnwagen, der eine oder andere war vielleicht mit seiner Zigarette eingepennt, die ihm noch an der Unterlippe klebte.

»Bullen«, sagte Redrick.

Er ertastete den Schlagring in seiner Tasche, schob die Finger durch die Ösen, presste das kalte Metall in seine Faust und ging, noch immer fröstelnd vornübergebeugt, die Hände tief in den Taschen vergraben, wieder zurück. Der Land Rover stand leicht schief im Gebüsch. Die Gegend war leblos und verlassen – wahrscheinlich war hier seit einem Jahrzehnt niemand mehr vorbeigekommen.

Als Redrick den Wagen erreichte, richtete sich Burbridge auf und starrte ihn an, den Mund leicht geöffnet. Er sah jetzt noch älter aus als sonst – ein faltiger, kahler Schädel mit ungepflegten Bartstoppeln und faulen Zähnen. Eine Zeit lang sahen sie sich schweigend an, dann murmelte Burbridge auf einmal: »Ich zeichne dir ne Karte … mit allen Fallen … Du findest sie, wirst es nicht bereuen …«

Redrick hörte zu, wie versteinert. Dann öffnete er die Faust, ließ den Schlagring in der Tasche los und sagte: »Also gut. Du tust so, als wärst du ohnmächtig, verstanden? Du stöhnst hin und wieder und lässt dich vor allem von niemandem berühren.«

Er setzte sich ans Steuer, ließ den Motor an und fuhr los.

Alles lief glatt. Niemand kam aus dem Wohnwagen, als der Land Rover, sämtliche Verkehrsregeln und Hinweisschilder brav befolgend, ganz langsam daran vorbeirollte, dann allmählich beschleunigte und schließlich über die südlichen Außenbezirke auf die Stadt zuraste. Es war sechs Uhr morgens, die Straßen waren leer, der Asphalt nass und schwarz, die automatischen Ampeln blinkten sich an den Kreuzungen einsam und nutzlos zu. Sie kam an einer Bäckerei mit hohen, hell erleuchteten Fenstern vorbei, und für einen kurzen Augenblick wogte über Redrick ein warmes, ungemein köstliches Aroma hinweg.

»Was zu beißen wär jetzt nicht schlecht«, sagte Redrick, lockerte die vor Anspannung angeschwollenen Muskeln und drückte sich mit gestreckten Armen vom Steuer ab.

»Was?«, fragte Burbridge nervös.

»Ich sag, was zu beißen wär nicht schlecht … Wohin willst du? Nach Hause oder gleich zum Fleischer?«

»Zum Fleischer, zum Fleischer«, murmelte Burbridge hastig und lehnte seinen ganzen Körper nach vorn, sodass Redrick seinen fiebrigen, heißen Atem im Nacken spürte. »Gleich zu ihm! Auf direktem Weg! Er schuldet mir noch siebenhundert Geld. Mach schon, tritt aufs Gas, was kriechst du hier rum wie eine Laus in der Blutlache!«

Und er begann zu fluchen, kraftlos und böse, mit düsteren, schmutzigen Worten, geifernd, sich verschluckend und immer wieder krampfhaft hustend.

Redrick entgegnete nichts. Er hatte weder die Zeit noch die Kraft, den tobenden Alten zur Räson zu bringen. Es war höchste Zeit, all das hier abzuschließen, damit er vor dem Treffen im Metropol noch eine Mütze Schlaf bekam, wenigstens eine halbe Stunde. Er bog in die 16. Straße ein, fuhr zwei Blöcke weiter und hielt den Wagen vor einer grauen, zweigeschossigen Villa an.

Der Fleischer machte ihm selbst auf – offenbar war er gerade erst aufgestanden und auf dem Weg ins Bad. Er trug einen luxuriösen Hausmantel mit goldenen Quasten und hielt in der einen Hand ein Glas mit seinem Gebiss. Seine Haare waren zerzaust, unter seinen trüben Augen waren dunkle Ringe zu erkennen.

»Ah!«, sagte er. »Waf gibf, Roter?«

»Setz deine Zähne ein und komm mit«, antwortete Redrick.

»Mhm.« Der Fleischer machte mit dem Kopf eine einladende Bewegung, ließ Redrick in den Hausflur eintreten und schlurfte in seinen persischen Pantoffeln erstaunlich flink in Richtung Badezimmer.

»Um wen geht es?«, fragte er von dort.

»Burbridge«, antwortete Redrick.

»Was?«

»Die Beine.«

Im Badezimmer begann das Wasser zu laufen, man hörte Prusten und Plätschern, etwas fiel zu Boden und rollte über die Fliesen. Redrick sank müde in einen Sessel, zündete sich eine Zigarette an und blickte sich um. Ja, die Eingangshalle machte schon was her. Der Fleischer scheute offenbar keine Ausgaben. Er war ein sehr erfahrener und gefragter Chirurg, eine Koryphäe nicht nur in der Stadt, sondern in der gesamten Region, und wenn er sich mit Stalkern einließ, dann natürlich nicht des Geldes wegen. Auch er verdiente gut an der Zone: in Form von Naturalien, also verschiedenstem Habar, den er für seine Medizin verwendete; dank der Erkenntnisse, die er gewann, indem er an den versehrten Stalkern bis dato unbekannte Krankheiten, Missbildungen und Schädigungen des menschlichen Organismus studierte; durch den Ruhm, der erste Arzt auf dem Planeten zu sein, der sich auf menschliche Erkrankungen außerirdischen Ursprungs spezialisiert hatte. Na ja, in Form von Geld natürlich auch, und durchaus gern.

»Was genau ist mit seinen Beinen?«, fragte er, während er aus dem Bad kam, ein riesiges Handtuch auf der Schulter, an dem er sich sorgfältig die langen, feinnervigen Finger trockenrieb.

»Ist in ›Sülze‹ reingetreten«, antwortete Redrick.

Der Fleischer pfiff durch die Zähne.

»Das ist also das Ende von Burbridge«, murmelte er. »Schade, er war ein berühmter Stalker.«

»Quatsch«, sagte Redrick und lehnte sich im Sessel zurück. »Du machst ihm einfach Prothesen, mit denen er dann durch die Zone hüpfen kann.«

»Also gut«, sagte der Fleischer. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war jetzt rein geschäftlich. »Warte, ich zieh mich gleich an.«

Während der Fleischer sich anzog und dann jemanden anrief, wahrscheinlich in seiner Klinik, damit dort alles für die OP vorbereitet wurde, blieb Redrick reglos, halb liegend in dem Sessel sitzen und rauchte. Nur einmal bewegte er sich, um seinen Flachmann hervorzuziehen. Er trank mit kleinen Schlucken – in der Flasche war nur noch ein kleiner Rest übrig – und versuchte, an nichts zu denken. Er wartete einfach.

Dann gingen sie gemeinsam zum Wagen, Redrick setzte sich ans Steuer, der Fleischer nahm daneben Platz und beugte sich sogleich über den Sitz nach hinten, um Burbridges Beine abzutasten. Burbridge war jetzt still und in sich zusammengesunken. Er murmelte wehleidig vor sich hin, versprach Gold, redete in einer Tour von seinen Kindern und seiner verstorbenen Frau und flehte, man möge wenigstens seine Knie retten. Als sie die Klinik erreichten, fluchte der Fleischer, denn es standen keine Krankenpfleger am Eingang bereit. Er sprang noch im Fahren aus dem Wagen und verschwand in der Eingangstür. Redrick begann wieder zu rauchen, und Burbridge sagte auf einmal mit klarer und deutlicher, vollkommen ruhiger Stimme: »Du wolltest mich umbringen. Das werde ich mir merken.«

»Hab’s aber nicht getan«, antwortete Redrick gleichgültig.

»Stimmt, hast du nicht.« Burbridge schwieg. »Auch das werde ich mir merken.«

»Jaja, merk’s dir nur«, sagte Redrick. »Du an meiner Stelle hättest mich natürlich niemals umgebracht …«

Er drehte sich um und sah Burbridge ins Gesicht. Der Alte verzog unsicher den Mund, seine trockenen Lippen zuckten.

»Du hättest mich einfach zurückgelassen«, sagte Redrick. »Hättest mich in der Zone gelassen, und fertig. Wie damals den Nerd.«

»Der Nerd ist von selber draufgegangen«, wandte Burbridge mürrisch ein. »Ich hatte damit nichts zu tun. Er steckte fest.«

»Ein Scheißkerl bist du«, sagte Redrick gleichgültig und wandte sich wieder ab. »Aasgeier.«

Ein paar zerzauste und verschlafen aussehende Krankenpfleger traten hastig aus dem Eingang der Klinik, liefen auf den Wagen zu und klappten währenddessen eine Trage auf. Redrick zog von Zeit zu Zeit an seiner Kippe und sah zu, wie sie Burbridge geschickt vom Rücksitz auf die Trage bugsierten und zum Eingang beförderten. Burbridge lag reglos da, die Hände auf der Brust gefaltet, und blickte entrückt gen Himmel. Seine riesigen, von der »Grütze« schwer verätzten Füße schienen unnatürlich verdreht.

Er war der Letzte der alten Stalker-Riege, einer von denen, die gleich nach dem Besuch begonnen hatten, nach außerirdischen Schätzen zu jagen, noch bevor die Zone überhaupt so genannt wurde, bevor Institute gegründet, eine Mauer errichtet und Polizeikräfte der Vereinten Nationen eingesetzt wurden, damals, als noch das Grauen die Stadt lähmte und die Welt über die neueste Märchengeschichte der Zeitungsmacher lachte. Redrick war damals zehn und Burbridge noch ein kräftiger, zupackender Mann gewesen, der es liebte, auf anderer Leute Kosten zu trinken, sich zu prügeln und dem nächstbesten Mädchen nachzustellen. Die eigenen Kinder interessierten ihn damals noch nicht, und doch war er schon derselbe Mistkerl wie heute: Kam er betrunken nach Hause, schlug er mit abscheulicher Lust auf seine Frau ein, lautstark und vor aller Augen – bis er sie eines Tages totgeprügelt hatte.

Redrick wendete den Land Rover und trat aufs Gas. Ohne auf irgendwelche Ampeln zu achten, jagte er den Wagen zu sich nach Hause, schnitt unterwegs sämtliche Kurven und verscheuchte gelegentliche Passanten mit kläffendem Hupen.

Vor seiner Garage hielt er an, stieg aus und erblickte den Hausverwalter, der auf dem Vorplatz gestanden hatte und nun auf ihn zukam. Der Verwalter war wie immer schlecht gelaunt, sein zerknautschtes Gesicht mit den geschwollenen Säcken unter den Augen verriet äußersten Widerwillen, als ginge er nicht auf einfacher Erde, sondern watete durch stinkende Gülle.

»Guten Morgen«, grüßte Redrick höflich.

Der Verwalter blieb in zwei Schritt Entfernung stehen und deutete mit dem Daumen über seine Schulter.

»Ist das Ihre Arbeit?«, fragte er unwirsch. Es war deutlich zu hören, dass dies seine ersten Worte seit dem vergangenen Abend waren.

»Was meinen Sie?«

»Diese Schaukel … Haben Sie die aufgestellt?«

»Ja.«

»Wozu?«

Wortlos ging Redrick zum Garagentor und begann es aufzusperren. Der Verwalter folgte ihm und blieb hinter ihm stehen.

»Ich frage Sie, wozu Sie diese Schaukel aufgestellt haben. Wer hat Sie darum gebeten?«

»Meine Tochter«, antwortete Redrick in aller Ruhe und rollte das Garagentor auf.

»Ich habe Sie nicht nach Ihrer Tochter gefragt!«, sagte der Verwalter, nun deutlich lauter. »Das ist ein völlig anderes Thema. Ich frage Sie, wer das genehmigt hat. Wer hat Ihnen erlaubt, über den Vorplatz zu verfügen?«

Redrick drehte sich zu ihm um. Eine Zeit lang stand er reglos da und fixierte die blasse, von Äderchen durchzogene Nasenwurzel seines Gegenübers. Der Verwalter machte einen Schritt zurück und sprach eine Stufe leiser: »Und den Balkon haben Sie auch nicht nachgestrichen. Wie oft hab ich Ihnen schon …«

»Sie bemühen sich umsonst«, sagte Redrick. »Ich ziehe nicht aus.«

Er ging zum Wagen zurück und ließ den Motor an. Als er die Hand aufs Steuer legte, fiel ihm auf, wie weiß seine Fingerknöchel waren. Dann steckte er den Kopf aus dem Fenster und sagte frei heraus: »Aber wenn ich doch ausziehen muss, dann gnade dir Gott, du Dreckskerl.«

Er fuhr den Wagen in die Garage, schaltete das Licht an und schloss das Tor. Dann holte er aus dem falschen Kraftstofftank den Sack mit dem Habar, räumte im Wagen auf, verstaute den Sack in einem alten Flechtkorb, legte das noch feuchte Angelzeug mit den daran klebenden Gräsern und Blättern obenauf und drapierte alles mit den bereits leicht müffelnden Fischen, die Burbridge gestern Abend in irgendeinem Laden am Stadtrand gekauft hatte. Dann überprüfte er aus reiner Gewohnheit das Auto noch einmal von allen Seiten. Am rechten Hinterreifen entdeckte er eine platt gedrückte Zigarettenkippe. Redrick zog sie ab – die Marke war schwedisch. Redrick überlegte einen Augenblick, dann steckte er sie in seine Streichholzschachtel zu den drei anderen Kippen.

Im Treppenhaus begegnete er niemandem. Vor seiner Wohnung blieb er stehen, und noch ehe er den Schlüssel hervorgeholt hatte, öffnete sich die Tür. Er trat seitlich ein, den schweren Korb unter dem Arm, und fand sich in der vertrauten Wärme und den vertrauten Gerüchen seiner Wohnung wieder, und Guta schlang ihm die Arme um den Hals, drückte ihr Gesicht gegen seine Brust und verharrte lange dort. Selbst durch den Overall und sein dickes Hemd spürte er das wilde Pochen ihres Herzens. Er ließ sie gewähren, blieb geduldig stehen und wartete, bis sie zurücktreten würde, obwohl er nun endlich merkte, wie sehr er sich verausgabt hatte und wie erschöpft er war.

»Na gut«, sagte sie schließlich mit leiser, leicht belegter Stimme, löste sich von ihm, machte in der Diele Licht und ging, ohne sich umzudrehen, in die Küche. »Ich mache dir gleich Kaffee«, rief sie von dort.

»Ich hab ein paar Fische dabei«, sagte er mit betont munterer Stimme. »Brat sie uns doch, am besten gleich alle miteinander, ich hab einen Bärenhunger!«

Sie kam zurück, das Gesicht in den aufgelösten Haaren verborgen. Er stellte den Korb ab und half ihr das Netz mit den Fischen herauszuheben, dann trugen sie es zusammen in die Küche und ließen die Fische in die Spüle gleiten.

»Geh ins Bad«, sagte sie. »Wenn du dich gewaschen hast, ist alles fertig.«

»Wie geht es Äffchen?«, fragte Redrick, während er sich setzte und sich die Stiefel von den Füßen zog.

»Sie hat den ganzen Abend vor sich hingeplappert«, sagte Guta. »Ich hab sie mit Müh und Not ins Bett bekommen. Ständig hat sie mich gefragt: Wo ist Papa, wo ist Papa? Als könnte ich ihren Papa einfach so aus der Tasche hervorzaubern.«

Geschickt und lautlos bewegte sie ihren kräftigen, wohlgeformten Körper in der Küche, schon begann der Wasserkessel auf der Platte zu kochen, flogen die Schuppen unter dem Messer hervor, brutzelte das Fett in der größten Pfanne und begann es herrlich nach frischem Kaffee zu duften.

Redrick stand auf, ging barfuß in den Flur zurück, nahm den Korb und brachte ihn in die Vorratskammer. Dann warf er einen Blick ins Schlafzimmer. Äffchen ratzte friedlich vor sich hin, ein Zipfel der Decke hing über dem Boden, und das Nachthemd war ihr hochgerutscht, da war es, mit den Händen zu greifen – ein kleines, tief atmendes Tierchen. Redrick konnte nicht widerstehen, ihr über den Rücken zu streichen, über ihr warmes, golden schimmerndes Fell. Zum tausendsten Mal stellte er verblüfft fest, wie seidig und lang dieses Fell war. Am liebsten hätte er Äffchen jetzt in die Arme genommen, doch fürchtete er sie zu wecken, außerdem war er ja schmutzig wie der Teufel, vollgesogen mit dem Geruch der Zone und des Todes.

Er kehrte in die Küche zurück, setzte sich wieder an den Tisch und sagte: »Schenk mir eine Tasse Kaffee ein. Waschen gehe ich mich später.«

Auf dem Tisch lag ein Stapel Abendkorrespondenz: die Harmont News, der Athlete, der Playboy – ein ganzer Haufen Zeitschriften war da zusammengekommen, darunter auch ein paar wissenschaftliche mit grauem Einband, etwa die Berichte des Internationalen Instituts für außerirdische Kulturen, Nummer 56. Redrick nahm von Guta eine Tasse mit dampfendem Kaffee entgegen und nahm sich die Berichte vor. Schnörkel, Symbole, Skizzen … Die Fotos zeigten bekannte Gegenstände aus ungewöhnlichen Perspektiven. Außerdem gab es einen Artikel von Kirill, posthum veröffentlicht: »Über eine überraschende Eigenschaft magnetischer Fallen des Typs 77-b«. Der Name »Panow« war schwarz umrahmt, darunter klein gedruckt die Anmerkung: »Dr. Kirill A. Panow, UdSSR, kam im April 19... bei einem Experiment tragisch ums Leben.« Redrick legte die Zeitschrift zurück, nippte an dem brühheißen Kaffee und fragte: »Ist jemand vorbeigekommen?«

»Gutalin«, antwortete Guta nach kurzem Zögern. Sie stand am Herd und sah ihn an. »Sternhagelvoll war er. Ich hab ihn vor die Tür gesetzt.«

»Und wie hat Äffchen reagiert?«

»Natürlich wollte sie ihn nicht gehen lassen. Fast hätte sie losgeheult, aber dann hab ich ihr gesagt, dass Onkel Gutalin sich nicht wohlfühlt. Und auf einmal sagt sie ganz verständnisvoll: ›Gutalin hat wieder mal gebechert!‹«

Redrick schmunzelte und nahm noch einen Schluck. Dann fragte er: »Und die Nachbarn?«

Wieder zögerte Guta etwas, bevor sie antwortete.

»Na ja, wie immer«, sagte sie schließlich.

»Ist schon gut, brauchst es mir nicht zu erzählen.«

»Ach!«, sagte sie und winkte verärgert ab. »Gestern Nacht hat die Alte von unten geklopft. Solche Augen und Schaum vorm Mund. Was uns einfällt, mitten in der Nacht im Bad zu sägen …«

»Miststück«, sagte Redrick mit zusammengebissenen Zähnen. »Hör mal, vielleicht sollten wir doch wegziehen? Wir kaufen uns irgendwo was am Stadtrand, wo niemand wohnt, irgendein verlassenes Landhaus …«

»Und Äffchen?«

»Mein Gott«, sagte Redrick. »Wir beide können doch dafür sorgen, dass es ihr gut geht, oder nicht?«

Guta schüttelte den Kopf. »Sie liebt die Kinder. Und die Kinder lieben sie. Sie sind doch nicht schuld, dass …«

»Ja«, murmelte Redrick. »Natürlich sind sie nicht schuld.«

»Lassen wir das« sagte Guta. »Jemand hat angerufen, wollte dich sprechen. Hat sich aber nicht vorgestellt. Ich hab gesagt, dass du beim Angeln bist.«

Redrick stellte die Tasse ab und stand auf.

»Na gut«, sagte er. »Ich geh mich jetzt doch waschen. Ich hab noch eine Menge zu tun.«

Er schloss sich im Bad ein, warf seine Kleider in den Bottich und legte den Schlagring, die übrig gebliebenen Muttern, die Zigaretten und den anderen Kleinkram auf der Konsole ab. Lange wand er sich unter der siedend heißen Dusche, ächzte und rieb sich mit dem harten Schwammhandschuh ab, bis seine Haut purpurrot war. Schließlich stellte er das Wasser ab, setzte sich auf den Rand der Badewanne und zündete sich eine Zigarette an. Das Wasser gurgelte in den Rohren, Guta klapperte in der Küche mit dem Geschirr, und es roch nach gebratenem Fisch. Guta klopfte an die Tür und reichte ihm frische Unterwäsche herein.

»Beeil dich«, kommandierte sie. »Der Fisch wird kalt.«

Sie war jetzt wieder ganz die Alte, hatte alles unter Kontrolle. Grinsend zog sich Redrick an, das heißt, er schlüpfte in Unterhemd und Unterhose und kehrte in diesem Aufzug in die Küche zurück.

»Na dann, Essenszeit«, sagte er, während er sich setzte.

»Die Klamotten hast du in den Bottich gelegt?«, fragte Guta.

»Mhm«, machte er mit vollem Mund. »Sehr lecker, der Fisch!«

»Hast du Wasser dazugegeben?«

»N-nein … Pardon, soll nicht mehr vorkommen, Boss … Komm schon, bleib sitzen, das geht doch auch später!«

Er hielt ihre Hand fest und versuchte, sie zu sich auf den Schoß zu ziehen, aber sie befreite sich aus seinem Griff und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

»So behandelst du also deinen Mann«, sagte Redrick mit vollem Mund. »Zeigst ihm die kalte Schulter.«

»Was für ein Mann bist du denn jetzt?«, sagte Guta. »Kein Mann, sondern ein leerer Schlauch. Der erst mal wieder gefüllt werden muss.«

»Wer weiß? Es soll ja noch Wunder geben auf dieser Welt!«

»Von dir habe ich solche Wunder aber noch nicht erlebt. Willst du vielleicht was trinken?«

Redrick spielte unentschlossen mit seiner Gabel herum.

»N-nein, lieber nicht«, sagte er gedehnt. Er warf einen Blick auf die Uhr und erhob sich. »Ich mach mich gleich auf den Weg. Leg mir meinen Anzug hin, den für die besonderen Anlässe. Hemd, Krawatte und so …«

Er genoss das Gefühl, barfuß über den kühlen Boden zu laufen, betrat die Vorratskammer und schob den Riegel vor. Dann legte er die Gummischürze an, zog die unterarmlangen Gummihandschuhe über und begann den Inhalt des Sacks auf dem Tisch auszuleeren. Zwei »Leerteile«. Eine Schachtel mit »Stecknadeln«. Neun »Batterien«. Drei »Armbänder«. Eine Art Reif, ähnlich wie ein »Armband«, aber aus weißem Metall, leichter und etwas größer im Durchmesser, vielleicht dreißig Millimeter. Sechzehn Stück »schwarze Spritzer« in einer Plastiktüte. Zwei großartig erhaltene »Schwämme«, etwa faustgroß. Drei »Kribbler«. Eine Dose »Sprudellehm«. Und dann gab es da noch diesen schweren Porzellanbehälter, sorgfältig in Glaswolle verpackt, aber den rührte Redrick nicht an. Er griff nach seinen Zigaretten und betrachtete rauchend die auf dem Tisch ausgelegte Beute.

Schließlich zog er die Schublade auf und nahm ein Blatt Papier, einen Bleistiftstummel und einen Abakus heraus. Die Zigarette im Mund, die Augen wegen des Rauchs leicht zusammengekniffen, notierte er sämtliche Beträge in drei Spalten und zählte dann die ersten beiden zusammen. Es kamen beeindruckende Summen heraus. Er drückte die Kippe im Aschenbecher aus, öffnete vorsichtig die Schachtel und schüttete die »Stecknadeln« auf das Papier. In dem elektrischen Licht schimmerten die »Stecknadeln« himmelblau, nur hin und wieder versprühten sie plötzlich die reinen Spektralfarben Gelb, Rot und Grün. Er nahm eine »Stecknadel« und hielt sie vorsichtig, um sich nicht stechen, zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann schaltete er das Licht aus und wartete ein wenig, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Die »Stecknadel« blieb stumm. Er legte sie beiseite, ertastete eine andere und drückte auch diese mit den Fingern zusammen. Nichts. Also drückte er etwas fester zu, auf die Gefahr hin, sich zu verletzen, und da begann die »Stecknadel« auf einmal zu sprechen: Schwache rötliche Blitze glitten über sie hinweg und gingen dann auf einmal in ein noch fahleres, grünliches Flackern über. Einige Sekunden lang betrachtete Redrick fasziniert dieses seltsame Lichterspiel, das, wie er aus den Berichten wusste, etwas zu bedeuten hatte, womöglich etwas von großer Wichtigkeit. Er legte die »Stecknadel« mit etwas Abstand zur ersten auf den Tisch zurück und nahm eine neue …

Insgesamt waren es dreiundsiebzig »Stecknadeln«, zwölf davon sprachen, die anderen blieben stumm. Das heißt, man konnte sie schon zum Sprechen bringen, aber nicht mit den bloßen Fingern – das ging nur mit einer speziellen Maschine, die etwa so groß war wie ein Tisch. Redrick machte das Licht wieder an und fügte zu den bereits aufgeschriebenen Beträgen noch zwei weitere hinzu. Erst dann traf er seine Entscheidung.

Er steckte beide Hände in den Sack, holte mit angehaltenem Atem das weiche Bündel hervor und legte es auf dem Tisch ab. Eine Zeit lang betrachtete er es und rieb sich mit dem Handrücken nachdenklich das Kinn. Schließlich überwand er sich, nahm den Bleistift, drehte ihn in seinen unbeholfenen Gummifingern und warf ihn wieder hin. Zog eine weitere Zigarette hervor und rauchte sie zu Ende, ohne das Bündel aus den Augen zu lassen.

»Teufel!«, sagte er laut, nahm das Bündel mit einer entschlossenen Bewegung und steckte es zurück in den Sack. »Schluss jetzt. Das reicht.«

Hastig kippte er die »Stecknadeln« zurück in die Schachtel und stand auf. Er musste los. Er hätte sich wohl noch eine halbe Stunde hinlegen können, um den Kopf klarer zu bekommen, doch war es vernünftiger, wenn er etwas früher ankam und sich vor Ort erst mal ein wenig umsah. Er zog die Handschuhe aus, hängte die Schürze auf und verließ die Vorratskammer, ohne das Licht auszuschalten.

Der Anzug lag auf dem Bett bereit, und Redrick begann sich anzuziehen. Er band sich gerade die Krawatte vor dem Spiegel, als plötzlich die Dielen hinter ihm leicht knarzten und ein übermütiges Schnaufen ertönte. Schnell setzte er ein mürrisches Gesicht auf, um nicht gleich loszulachen.

»Buh!«, rief plötzlich neben ihm ein dünnes Stimmchen, und jemand umschlang sein Bein.

»A-a-ah!«, rief Redrick und fiel wie ohnmächtig aufs Bett.

Lachend und quietschend kletterte Äffchen sogleich auf ihn. Sie stapfte auf ihm herum, zog ihn an den Haaren und überschüttete ihn mit einem Schwall unterschiedlichster Neuigkeiten. Nachbarskind Willy hatte der Puppe ein Bein ausgerissen. Im zweiten Stock hatte man sich ein Kätzchen zugelegt, ganz weiß und mit roten Augen – wahrscheinlich hatte es nicht auf seine Mama gehört und war in der Zone gewesen. Zum Abendessen hatte es Brei mit Konfitüre gegeben. Onkel Gutalin hatte wieder mal gebechert und war deshalb krank gewesen, sogar geweint hatte er. Warum ertranken Fische nicht im Wasser? Warum hatte Mama nachts nicht schlafen können? Warum haben wir fünf Finger, aber nur zwei Hände und eine Nase? … Redrick schloss das warme Geschöpf, das auf ihm herumkroch, vorsichtig in seine Arme, blickte in die riesigen, dunklen Augen, denen jegliches Weiß fehlte, drückte seine Wange gegen das rundliche, von goldenem, seidenweichem Flaum bedeckte Bäckchen und sagte immer wieder: »Äffchen … Ach, mein Äffchen … Was bist du nur für eine …«

Dann klingelte grell das Telefon direkt neben ihm. Er streckte die Hand aus und nahm den Hörer ab.

»Ja bitte.«

Keine Reaktion.

»Hallo«, sagte Redrick. »Hallo!«

Niemand antwortete. Dann machte es klick, und er hörte nur noch kurzes Tuten. Redrick erhob sich, ließ Äffchen zu Boden gleiten, hörte nicht mehr, was sie zu ihm sagte, und zog sich Hose und Jackett an. Äffchen plapperte ständig weiter, aber er lächelte nur noch zerstreut, nur noch mit den Mundwinkeln, sodass er sich schließlich anhören musste, Papa habe wohl seine Zunge verschluckt, mit seinen Zähnen abgebissen, worauf sie von ihm abließ.

Er ging in die Vorratskammer zurück, packte alles, was sich auf dem Tisch befand, in eine Aktentasche, lief ins Bad, um den Schlagring zu holen, ging wieder zurück in die Vorratskammer, nahm die Tasche in die eine Hand, den Korb mit dem Sack in die andere, trat hinaus, verschloss sorgfältig die Tür der Kammer und rief Guta zu: »Ich geh dann!«

»Wann kommst du wieder?« Guta kam aus der Küche. Sie war bereits frisiert und geschminkt, und sie trug jetzt nicht mehr den Morgenmantel, sondern ein Hauskleid, sein Lieblingskleid, das leuchtend blaue mit dem weiten Ausschnitt.

»Ich ruf dich an«, sagte er und sah sie an. Dann ging er zu ihr, beugte sich zu ihr hinab und küsste sie aufs Dekolleté.

»Geh schon«, sagte Guta leise.

»Und ich? Und ich?«, zeterte Äffchen los und drängte sich zwischen die beiden. Er bückte sich noch tiefer. Guta blickte ihn unbewegt an.

»Nichts Besonderes«, sagte er. »Mach dir keine Sorgen. Ich ruf dich an.«

Auf dem Treppenabsatz ein Stockwerk tiefer traf Redrick auf einen korpulenten Mann in einem gestreiften Pyjama, der gerade am Schloss seiner Wohnungstür herumfummelte. Aus dem dunklen Inneren der Wohnung schlug ihm ein warmer, säuerlicher Geruch entgegen. Redrick blieb stehen und sagte: »Guten Tag.«

Der Dicke blickte argwöhnisch über seine breite Schulter und murmelte etwas.

»Ihre Gattin ist letzte Nacht bei uns vorbeigekommen«, sagte Redrick. »Angeblich sollen wir etwas gesägt haben. Das muss ein Missverständnis sein.«

»Was geht mich das an?«, brummte der Mann im Pyjama.

»Meine Frau hat gestern Abend gewaschen«, fuhr Redrick fort. »Wenn wir Sie gestört haben, bitte ich um Verzeihung.«

»Ich hab doch gar nichts gesagt«, entgegnete der Mann im Pyjama. »Kein Problem.«

»Dann bin ich ja froh«, sagte Redrick.

Er ging nach unten, betrat die Garage, stellte den Korb mit dem Sack in eine Ecke, legte ein altes Sitzpolster darüber, warf noch einmal einen prüfenden Blick auf das Ganze und ging hinaus auf die Straße.

Es war nicht weit zu Fuß – erst die zwei Querstraßen bis zum Platz, dann durch den Park und schließlich noch einen Häuserblock weiter bis zur Central Avenue. Vor dem Metropol stand wie immer eine bunte Formation von Fahrzeugen, Chrom und Lack glänzten um die Wette, Hotelboys in himbeerfarbenen Jacken schleppten Koffer zum Eingang, ein paar fremdländisch anmutende, ehrenwerte Personen unterhielten sich zu zweit oder dritt, Zigarren rauchend, auf der Marmortreppe. Redrick beschloss, noch nicht hineinzugehen. Stattdessen nahm er unter dem Sonnendach eines kleinen Cafés auf der anderen Straßenseite Platz, bestellte einen Kaffee und begann zu rauchen. Zwei Schritte von ihm entfernt saßen an einem Tischchen drei Beamte der internationalen Polizei in Zivil, verputzten schweigend und hastig ihre Harmonter Bratwürste und tranken dazu dunkles Bier aus hohen Gläsern. Auf der anderen Seite, etwa zehn Schritt entfernt, machte sich ein Sergeant finster über eine Portion Bratkartoffeln her, die Gabel fest in seiner Faust. Der Blauhelm lag umgedreht neben seinem Stuhl auf dem Boden, der Gurt mit dem Halfter hing über der Rückenlehne. Andere Gäste gab es nicht. Die Bedienung des Cafés, eine ihm unbekannte ältere Dame, stand abseits und gähnte von Zeit zu Zeit, wobei sie diskret die Hand vor den geschminkten Mund hielt. Es war zwanzig vor neun.

Redrick sah Richard Noonan aus dem Hoteleingang kommen. Er kaute etwas im Gehen und stülpte sich einen weichen Hut auf den Kopf. Flink glitt er die Treppe hinab – klein, untersetzt, rosig, durch und durch wohlhabend und gut gelaunt, frisch gewaschen und fest davon überzeugt, dass ihm dieser Tag keine unangenehmen Überraschungen bereiten würde. Er winkte jemandem zu, warf sich den zusammengefalteten Mantel über die rechte Schulter und steuerte auf seinen Peugeot zu. Auch Dicks Peugeot war rundlich, kurz, frisch gewaschen und schien ebenso zuversichtlich in den Tag zu blicken.

Hinter vorgehaltener Hand beobachtete Redrick, wie sich Noonan umständlich und energisch ans Steuer setzte, etwas vom Vorder- auf den Rücksitz legte, sich nach etwas bückte und den Rückspiegel einstellte. Dann spuckte der Peugeot blaugrauen Rauch hervor, hupte zweimal kurz einen Afrikaner im Burnus an und rollte flink auf die Straße hinaus. Offenbar war Noonan unterwegs ins Institut, würde also einmal um den Springbrunnen herumfahren und unweigerlich am Café vorbeikommen. Es war zu spät, um aufzustehen und unbemerkt zu verschwinden, also verbarg Redrick sein Gesicht zur Gänze hinter der Hand und beugte sich über seine Kaffeetasse. Es half nichts. Der Peugeot hupte direkt neben ihm, Bremsen quietschten, und Noonans muntere Stimme rief: »Hey, Shewhart! Red!«

Innerlich fluchend hob Redrick den Kopf. Noonan ging bereits auf ihn zu und streckte ihm mit strahlendem Lächeln die Hand entgegen.

»Was machst du hier zu so früher Stunde?«, fragte Noonan, als er ihn erreicht hatte, und rief im nächsten Moment der Bedienung zu: »Besten Dank, Fräulein, ich möchte nichts.« Dann wieder zu Redrick: »Hab dich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Bist du abgetaucht? Was treibst du so?«

»Ach …«, sagte Redrick unwillig. »Lauter Kleinkram.«

Er sah zu, wie Noonan mit der für ihn typischen, umständlichen und peniblen Art auf dem Stuhl gegenüber Platz nahm und mit seinen Wurstfingern erst das Glas mit den Servietten zur einen und dann den Sandwichteller zur anderen Seite schob. Dabei schwafelte er die ganze Zeit leutselig vor sich hin.

»Du siehst ganz schön fertig aus – schläfst du schlecht? Weißt du, ich bin derzeit auch ständig auf Achse wegen dieser neuen Automaten, aber der Schlaf, mein Lieber, der Schlaf ist mir heilig, da können mir sämtliche Automaten gestohlen bleiben.« Plötzlich drehte er sich um. »Entschuldige, erwartest du jemanden? Ich störe doch nicht?«

»Überhaupt nicht«, sagte Redrick schlapp. »Ich hab gerade ein wenig Zeit, also dachte ich mir, dann trink ich wenigstens einen Kaffee.«

»Na, ich will dich nicht aufhalten«, sagte Dick und schaute auf seine Uhr. »Hör mal, Red, lass doch deinen Kleinkram, und komm zurück ins Institut. Du weißt, die würden dich jederzeit wieder nehmen. Vielleicht wieder zu einem Russen? Ist erst kürzlich einer neu angekommen.«

Redrick schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er. »Ein zweiter Kirill muss erst noch geboren werden. Und außerdem hab ich in eurem Institut sowieso nichts zu suchen. Bei euch läuft doch jetzt alles automatisch, in die Zone gehen nur noch die Roboter, und die heimsen dann, wenn ich das richtig sehe, auch die Prämien ein. Von den paar Groschen, die ich als Laborant verdienen würde, kann ich mir nicht mal Tabak kaufen.«

»Ach was«, widersprach Noonan. »Das lässt sich alles einrichten.«

»Ich mag es aber nicht, wenn mir alles eingerichtet wird«, sagte Redrick. »Ich hab mich schon immer selber eingerichtet. Und das hab ich auch weiterhin vor.«

»Stolz bist du geworden«, sagte Noonan missbilligend.

»Nein, überhaupt nicht. Ich mag es nur nicht, wenn ich jeden Cent zweimal umdrehen muss.«

»Hast ja recht«, sagte Noonan zerstreut. Geistesabwesend betrachtete er Redricks Aktentasche auf dem Stuhl neben sich und strich mit dem Finger über das silberne Schildchen mit den eingravierten slawischen Buchstaben. »Sicher, der einzige Sinn des Geldes ist, dass man nicht dran denken muss … Hat dir Kirill die geschenkt?«, fragte er und deutete mit einem Kopfnicken auf die Tasche.

»Ein Erbstück«, sagte Redrick. »Warum lässt du dich eigentlich in letzter Zeit nicht mehr im Borczch blicken?«

»Ich würde eher sagen, dass du es bist, der sich nicht mehr blicken lässt«, entgegnete Noonan. »Ich esse dort fast täglich zu Mittag, hier im Metropol ziehen sie einem für jede kleine Boulette das Fell über die Ohren … Hör mal, wie gut bist du gerade bei Kasse?«

»Brauchst du einen Kredit?«, fragte Redrick.

»Nein, im Gegenteil.«

»Du willst mir was leihen?«

»Ich hätte Arbeit für dich«, sagte Noonan.

»Ach nee«, rief Redrick. »Du auch!«

»Wer denn noch?«, fragte Noonan sofort.

»Von euch … Auftraggebern gibt es eine ganze Menge.«

Als hätte er erst jetzt verstanden, lachte Noonan auf: »Aber nein, nicht in deinem Hauptberuf.«

»In was für einem dann?«

Noonan schaute erneut auf seine Uhr.

»Folgendes«, sagte er, während er sich erhob. »Komm heute gegen Mittag ins Borczch, so um zwei. Dann reden wir.«

»Um zwei könnte schwierig werden«, sagte Redrick.

»Dann eben abends, so um sechs. Abgemacht?«

»Ich schau mal«, sagte Redrick und blickte ebenfalls auf seine Uhr. Es war fünf vor neun.

Noonan hob zum Abschied die Hand und dackelte zu seinem Peugeot zurück. Redrick folgte ihm mit dem Blick, rief die Bedienung, bat um eine Packung Lucky Strike, zahlte, nahm die Aktentasche und ging langsam über die Straße zum Hotel. Die Sonne stach bereits vom Himmel herab, die Straßen füllten sich mit schwüler Luft, und Redrick spürte, dass seine Lider brannten. Er kniff die Augen fest zusammen und bedauerte, dass er es nicht mehr geschafft hatte, vor dieser wichtigen Angelegenheit wenigstens noch ein Stündchen zu schlafen. Und dann rollte es über ihn hinweg.

Außerhalb der Zone war ihm das noch nie passiert, und selbst in der Zone hatte er es nur zwei oder drei Mal erlebt. Plötzlich schien er sich in einer anderen Welt zu befinden. Millionen Gerüche stürzten mit einem Mal auf ihn ein – scharf, süß, metallisch, zart, gefährlich, beunruhigend, riesig wie Häuser, winzig wie Staubkörner, grob wie Pflastersteine, feingliedrig und komplex wie Uhrwerke. Die Luft verfestigte sich, war plötzlich voller Kanten, Oberflächen, Ecken, überall im Raum schienen riesige Kugeln, spiegelglatte Pyramiden und gigantische stachelige Kristalle zu schweben, zwischen denen er sich hindurchzwängen musste. Es war, als würde er im Traum durch einen dunklen, mit alten, hässlichen Möbeln vollgestopften Gebrauchtwarenladen wandeln … Es dauerte nur einen Moment. Er öffnete die Augen, und alles verschwand. Es war keine andere Welt – es war die alte, bekannte Welt, die ihm eine andere, unbekannte Seite ihrer selbst zugewandt hatte. Diese Seite hatte sich ihm für einen Augenblick geöffnet und dann wieder geschlossen, noch ehe er sich darin hatte zurechtfinden können …

Neben ihm bellte eine genervte Hupe. Redrick beschleunigte den Schritt, rannte los und blieb erst vor der Fassade des Metropol stehen. Sein Herz klopfte wild, er stellte die Aktentasche ab, riss hastig die Zigarettenpackung auf und zündete sich eine an. Er inhalierte tief, fühlte sich so erschöpft wie nach einem Kampf. Ein Polizist auf Streife blieb neben ihm stehen und fragte besorgt: »Benötigen Sie Hilfe, Mister?«

»N-nein«, presste Redrick hervor und hustete. »Es ist nur ziemlich schwül …«

»Soll ich Sie ein Stück begleiten?«

Redrick bückte sich und hob die Aktentasche auf.

»Geht schon wieder«, sagte er. »Alles in Ordnung, Kollege. Danke.«

Mit schnellen Schritten ging er die Stufen zum Hoteleingang hinauf und betrat das Foyer. Hier war es kühl, es herrschte Dämmerlicht, und die Geräusche hallten. Am liebsten wäre er jetzt in einem dieser massiven Ledersessel versunken, um ein wenig Atem zu holen, zur Ruhe zu kommen, doch war er auch so schon spät dran. Also gestattete er sich nur, die Zigarette zu Ende zu rauchen. Währenddessen beobachtete er mit halb geschlossenen Augen die Menschen, die sich im Foyer drängten. Der Hagere war bereits vor Ort – mit verärgerter Miene wühlte er sich durch die Magazine am Zeitungsständer. Redrick warf die Kippe in einen Abfalleimer und betrat die Fahrstuhlkabine.

Noch bevor sich die Tür schloss, zwängten sich ein strammer, asthmatischer Fettwanst, eine zierliche, schwerstparfümierte Dame in Begleitung eines finster dreinblickenden, Schokolade mampfenden Jungen sowie eine voluminöse Alte mit schlecht rasiertem Kinn in den Fahrstuhl und drängten Redrick in eine Ecke. Er schloss die Augen, um den schokoladigen Speichel nicht sehen zu müssen, der über das Kinn des Jungen floss, dessen vollkommen haarloses Gesicht ansonsten frisch und sauber erschien … oder seine Frau Mama, deren kümmerliches Dekolleté eine Halskette aus großen, in Silber gefassten »schwarzen Spritzern« zierte … oder das sklerotische Weiß in den Glupschern des Dicken, oder die furchterregenden Warzen in der aufgedunsenen Fresse der Alten. Als sich der Fettwanst eine Zigarette anstecken wollte, stutzte die Alte ihn zurecht und schalt ihn weiter bis zum vierten Stock, und kaum war sie auf den Flur hinausgetippelt, zündete sich der Fettwanst doch noch eine an, mit einem Gesicht, als hätte er gerade seine Menschenrechte verteidigt, bekam aber sofort einen Hustenanfall, schnappte keuchend und rasselnd nach Luft, schürzte die Lippen wie ein Kamel und stieß Redrick den krampfhaft abgespreizten Ellenbogen in die Seite.

Im siebten Stock stieg Redrick aus. Um wenigstens ein bisschen Dampf abzulassen, sagte er laut und betont deutlich: »Verflucht sollst du sein, unrasierte Vettel, solls dir der schwindsüchtige Idiot doch besorgen! Fahr zur Hölle, und nimm den Schokolade sabbernden Rotzlöffel gleich mit …«

Weiter: Teil 4 von 7