Stalker
Stalker
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
Dann ging er im behaglichen Licht verborgener Lampen auf einem weichen Teppichboden einen Korridor entlang. Es roch nach teurem Tabak, Pariser Parfum, dem schimmernden Echtleder prall gefüllter Brieftaschen, teuren Damen zu je fünfhundert Geld pro Nacht, massiven goldenen Zigarrenetuis – all diesem schnöden Tand, diesem üblen Schimmel, der sich auf der Zone gebildet, sich von ihr ernährt, von ihr schmarotzt hatte, und dem all das scheißegal war – vor allem scheißegal, was danach kommen würde, wenn er sich vollgefressen hatte, und die Dinge, die in der Zone gewesen waren, sich nun in der Welt verbreiteten. Ohne anzuklopfen, öffnete Redrick die Tür des Zimmers Nr. 874.
Der Heisere saß an einem Tisch beim Fenster und pfriemelte an einer Zigarre herum. Er war noch im Pyjama, sein schütteres Haar war nass, aber sorgfältig gescheitelt, das ungesunde, aufgedunsene Gesicht glatt rasiert.
»Ah«, machte er, ohne dabei aufzusehen. »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Ich grüße Sie, mein Junge!«
Jetzt hatte er den Kopf der Zigarre abgehobelt, hielt sie sich mit beiden Händen an den Schnauzbart und fuhr mit der Nase über sie hinweg, hin und her.
»Wo ist der gute alte Burbridge?«, fragte er und hob den Blick. Seine Augen waren schimmernd, himmelblau, engelsgleich.
Redrick stellte seine Aktentasche aufs Sofa, setzte sich und griff nach seinen Zigaretten.
»Burbridge kommt nicht«, sagte er.
»Der gute alte Burbridge«, wiederholte der Heisere gedehnt, nahm die Zigarre mit zwei Fingern und beförderte sie vorsichtig an seinen Mund. »Sind ihm doch tatsächlich die Nerven durchgegangen …«
Er schaute Redrick mit seinen himmelblauen Augen an, ohne zu blinzeln. Er blinzelte nie. Die Tür öffnete sich leicht, der Hagere zwängte sich über die Schwelle und fragte sofort: »Wer war der Mann, mit dem Sie sich unterhalten haben?«
»Ah, hallo«, grüßte Redrick ihn freundlich und aschte auf den Boden.
Der Hagere steckte die Hände in die Taschen, machte mit seinen riesigen X-Beinen ein paar große Schritte und blieb direkt vor Redrick stehen.
»Wir haben es Ihnen hundertmal gesagt«, sagte er vorwurfsvoll. »Keine Kontakte vor dem Treffen. Und was machen Sie?«
»Ich … grüße«, sagte Redrick. »Und Sie?«
Der Heisere lachte auf, und der Hagere sagte gereizt: »Jaja, guten Tag …« Er hörte auf, Redrick misstrauisch anzustarren, und ließ sich neben ihm aufs Sofa fallen. »So geht das nicht. Verstehen Sie? Das geht einfach nicht!«
»Dann verlegen Sie unser Treffen nächstes Mal an einen Ort, wo mich niemand kennt«, antwortete Redrick.
»Der Junge hat recht«, bemerkte der Heisere. »Das haben wir verbockt. Also, wer war der Mann?«
»Richard Noonan«, sagte Redrick. »Er vertritt irgendwelche Firmen, die das Institut mit Ausrüstung beliefern. Er wohnt hier, im Hotel.«
»Siehst du, so einfach ist das!«, sagte der Heisere zu dem Hageren, nahm ein gigantisches Feuerzeug in Form der Freiheitsstatue vom Tisch, beäugte es argwöhnisch und stellte es wieder zurück.
»Wo ist Burbridge denn?«, fragte der Hagere, nun schon wesentlich freundlicher.
»Burbridge ist im Eimer«, sagte Redrick.
Die beide tauschten schnelle Blicke.
»Friede seiner Asche«, sagte der Heisere, plötzlich hellhörig. »Oder hat man ihn nur verhaftet?«
Redrick schwieg und rauchte langsam seine Zigarette zu Ende. Dann warf er die Kippe auf den Boden und sagte: »Keine Panik, alles im Lot. Er ist im Krankenhaus.«
»Von wegen im Lot!«, widersprach der Hagere, sprang nervös auf und ging ans Fenster. »In welchem Krankenhaus?«
»Keine Panik«, wiederholte Redrick. »Da, wo er hingehört. Lassen Sie uns übers Geschäft reden. Ich bin ziemlich übermüdet.«
»In welchem Krankenhaus genau?«, hakte der Hagere nach. Seine Stimme klang gereizt.
»Das hab ich Ihnen schon gesagt«, antwortete Redrick. Er griff nach der Aktentasche. »Kommen wir heute noch zum Geschäftlichen, oder nicht?«
»Aber ja doch, mein Junge«, sagte der Heisere gut gelaunt. Mit überraschender Leichtigkeit stand er auf, schob flink den Couchtisch auf Redrick zu und wischte mit einer Handbewegung die darauf verstreuten Zeitungen und Zeitschriften auf den Teppich. Dann setzte er sich Redrick gegenüber und stützte sich mit seinen rosigen, behaarten Armen auf die Knie.
»Dann lassen Sie mal sehen«, sagte er.
Redrick öffnete die Aktentasche, zog die Preisliste hervor und legte sie vor dem Heiseren auf den Tisch. Dieser warf einen Blick darauf und schob sie mit dem Finger zur Seite. Der Hagere stellte sich hinter ihn und starrte über seine Schulter auf die Liste.
»Die Rechnung«, sagte Redrick.
»Das sehe ich«, antwortete der Heisere. »Also dann, zeigen Sie mal her!«
»Das Geld«, sagte Redrick.
»Was ist das für ein ›Ring‹?«, erkundigte sich der Hagere misstrauisch und tippte über die Schulter des Heiseren hinweg auf die Liste.
Redrick schwieg. Er hielt die geöffnete Aktentasche auf den Knien und blickte geradewegs in die himmelblauen Engelsaugen. Endlich schmunzelte der Heisere.
»Warum hab ich Sie nur so gern, mein Junge?«, gurrte er. »Da soll einer behaupten, es gibt keine Liebe auf den ersten Blick!« Er seufzte theatralisch. »Phil, mein Freund, wie sagen die Leute hier? Zähl ihm die Lappen ab, lass das Grünzeug rüberwachsen – und gib mir endlich ein Streichholz! Du siehst doch …« Er fuchtelte mit der Zigarre herum, die er immer noch zwischen zwei Fingern hielt.
Der Hagere Phil knurrte etwas Unverständliches, warf seinem Boss eine Streichholzschachtel hin und verschwand durch eine Tür, die hinter einem Vorhang verborgen war, im Nachbarzimmer. Man konnte hören, wie er dort verärgert zu jemandem sprach, es war nicht genau zu verstehen, irgendwas von einer Katze im Sack. Unterdessen hatte der Heisere endlich seine Zigarre angezündet und paffte genüsslich, wobei er Redrick nicht aus den Augen ließ, ein starres Lächeln auf den dünnen, blassen Lippen. Er schien nachzudenken. Redrick seinerseits legte das Kinn auf die Aktentasche, hielt dem Blick seines Gegenübers stand und versuchte, ebenfalls nicht zu blinzeln, obwohl ihm die Lider brannten und sich seine Augen allmählich mit Tränen füllten. Dann kehrte der Hagere zurück, warf zwei banderolierte Bündel Banknoten auf den Tisch und nahm mit sauertöpfischer Miene wieder neben Redrick Platz. Redrick wollte schon träge nach dem Geld greifen, als der Heisere ihm mit einer Geste Einhalt gebot. Vorsorglich entfernte er die Banderolen von den Geldbündeln und ließ sie in einer Tasche seines Schlafanzugs verschwinden.
»Wenn ich nun bitten dürfte«, sagte er.
Redrick nahm das Geld und stopfte die Bündel ohne nachzuzählen in die Innentaschen seines Sakkos. Dann begann er den Habar auszupacken. Er ließ sich dabei Zeit, damit die beiden in aller Ruhe jeden einzelnen Gegenstand begutachten und mit der Liste abgleichen konnten. Es war mucksmäuschenstill in dem Hotelzimmer, bis auf das schwere Atmen des Heiseren sowie ein schwaches, klingelndes Geräusch hinter dem Vorhang – als schlüge jemand mit einem Löffel gegen den Rand eines Glases.
Als Redrick schließlich die Aktentasche zuklappte und die Verschlüsse einrasten ließ, blickte der Heisere zu ihm auf und fragte: »Was ist mit der Hauptsache?«
»Unmöglich«, antwortete Redrick. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Noch.«
»Mit diesem ›noch‹ kann ich leben«, sagte der Heisere sanft. »Und du, Phil?«
»Immer diese dunklen Andeutungen, Shewhart«, maulte der Hagere Phil. »Fragt sich, wozu?«
»Das bringen dunkle Geschäfte so mit sich«, entgegnete Red. »Unser Beruf ist eben kompliziert.«
»Na gut«, sagte der Heisere. »Und der Fotoapparat?«
»Teufel auch!« Redrick rieb sich mit den Fingern über eine Wange und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. »Das ist meine Schuld«, sagte er. »Den hab ich glatt vergessen.«
»Dort?«, fragte der Heisere und machte eine unbestimmte Bewegung mit der Zigarre.
»Weiß ich nicht mehr … wahrscheinlich.« Redrick schloss die Augen und lehnte sich zurück. »Nein. Ist mir komplett entfallen.«
»Schade«, sagte der Heisere. »Aber Sie haben es doch wenigstens gesehen?«
»Eben nicht«, antwortete Redrick enttäuscht. »Das ist es ja. Wir sind gar nicht erst bis zu den Winderhitzern gekommen. Burbridge ist in ›Sülze‹ reingetreten, also mussten wir unverrichteter Dinge kehrtmachen … Sie können sicher sein: Hätte ich es gesehen, ich hätte es nicht vergessen …«
»Hugh, schau her!«, flüsterte der Hagere auf einmal erschrocken. »Was ist das?«
Er saß da und hielt den Zeigefinger seiner rechten Hand krampfhaft nach vorne ausgestreckt. Um den Finger drehte sich jener weiße Metallreif, den der Hagere nun mit aufgerissenen Augen anstarrte.
»Es hört nicht auf!«, sagte der Hagere. Seine großen Augen wanderten von dem Metallreif zu dem Heiseren und wieder zurück.
»Was soll das heißen, es hört nicht auf?«, fragte der Heisere vorsichtig und rückte ein wenig zurück.
»Ich hab ihn mir auf den Finger gesteckt und ihn einmal gedreht – einfach nur so. Jetzt dreht er sich schon eine Minute lang, und immer weiter!«
Der Hagere sprang auf, den ausgestreckten Finger weiter vor sich haltend, und lief zum Vorhang. Gleichmäßig und silbrig glänzend drehte sich der Metallreif vor ihm wie ein Flugzeugpropeller.
»Was haben Sie uns da mitgebracht?«, fragte der Heisere.
»Weiß der Teufel«, sagte Redrick. »Ich hatte keine Ahnung … Hätte ich das gewusst, hätte ich Ihnen noch mehr abgeknöpft.«
Der Heisere starrte ihn eine Weile an, dann stand er auf und verschwand ebenfalls hinter dem Vorhang, und sofort ertönten dumpfe Stimmen von dort. Redrick zog eine Zigarette heraus und zündete sie an, schnappte sich eine Zeitschrift vom Boden und begann wahllos darin herumzublättern. Das Magazin war voller Schönheiten mit knackigen Hintern, aber aus irgendeinem Grund widerte ihn der Anblick jetzt an. Redrick schleuderte die Zeitschrift fort und ließ den Blick durch das Hotelzimmer schweifen, auf der Suche nach etwas zu trinken. Dann zog er eines der Geldbündel aus der Innentasche hervor und begann die Scheine nachzuzählen. Alles stimmte, aber um wach zu bleiben, zählte er auch das zweite Bündel nach. Gerade als er es wieder in die Tasche zurücksteckte, kehrte der Heisere zurück.
»Sie haben Glück, mein Junge«, verkündete er und setzte sich wieder Redrick gegenüber hin. »Wissen Sie, was ein Perpetuum mobile ist?«
»Nein«, sagte Redrick. »Das hatten wir in der Schule nicht.«
»Brauchen Sie auch nicht«, sagte der Heisere.
Er zog ein weiteres Bündel Banknoten hervor.
»Für das erste Exemplar«, sagte er und riss wieder die Banderole ab. »Für jeden weiteren ›Reif‹ bekommen Sie noch mal das Doppelte. Das Doppelte, haben Sie verstanden? Aber unter einer Bedingung: Außer uns dreien darf niemand etwas von diesen Reifen erfahren. Abgemacht?«
Redrick steckte das Bündel schweigend in die Tasche und stand auf.
»Ich geh dann jetzt«, sagte er. »Nächstes Mal wann und wo?«
Auch der Heisere erhob sich.
»Wir melden uns«, sagte er. »Erwarten Sie immer freitagmorgens zwischen neun und neun Uhr dreißig einen Anruf. Jemand wird Ihnen einen Gruß von Phil und Hugh ausrichten und Ihnen die Zeit und den Ort mitteilen.«
Redrick nickte und ging zur Tür. Der Heisere folgte ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Ich will, dass Sie verstehen«, fuhr er fort. »All das ist ja ganz allerliebst, und der ›Reif‹ ist eine Sensation, aber vor allem brauchen wir zwei Dinge: Fotografien und den vollen Behälter. Bringen Sie uns unseren Fotoapparat zurück, und zwar mit Aufnahmen auf dem Film, sowie unseren Porzellanbehälter, aber nicht leer, sondern voll – dann werden Sie nie wieder in die Zone gehen müssen …«
Redrick befreite seine Schulter mit einer leichten Bewegung, öffnete die Tür und ging hinaus. Ohne sich umzudrehen, schritt er über den weichen Teppich und spürte die ganze Zeit den himmelblauen, engelsgleichen, lidlosen Blick im Nacken. Er wartete gar nicht erst auf den Aufzug, sondern lief gleich vom siebten Stock aus die Treppe hinunter.
Er verließ das Metropol, nahm ein Taxi und fuhr ans andere Ende der Stadt. Den Fahrer kannte er nicht, es war einer von den neuen, ein pickeliger Jungspund mit langer Nase, wie sie seit einigen Jahren massenhaft in Harmont einfielen, auf der Suche nach haarsträubenden Abenteuern, unermesslichen Reichtümern, weltweitem Ruhm, nach einer neuen Philosophie, einer besonderen Religion. In Massen kamen sie hier an und endeten schließlich als Taxifahrer, Kellner, Bauarbeiter oder Bordelltürsteher – hungrig, erfolglos, gequält von ihren wirren Wunschvorstellungen, unzufrieden mit allem und jedem, zutiefst enttäuscht und überzeugt, dass man sie erneut betrogen hatte. Die Hälfte von ihnen hingen ein, zwei Monate hier herum und reisten dann fluchend wieder ab, sodass sich ihre abgrundtiefe Enttäuschung auf nahezu alle Länder der Welt verteilte. Die wenigsten von ihnen wurden zu Stalkern, verloren nach kurzer Zeit ihr Leben, ohne jemals etwas begriffen zu haben, und verwandelten sich posthum in legendäre Helden. Andere wiederum, die Schlausten und Gebildetsten unter ihnen, schafften es, immerhin einen Job als Präparator am Institut zu ergattern. Die Übrigen gründeten politische Parteien, religiöse Sekten und Selbsthilfegruppen in großer Zahl, saßen ganze Abende hindurch in den Kneipen herum und prügelten sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten, wegen Mädchen oder einfach nur so, im Suff. Von Zeit zu Zeit veranstalteten sie Petitionsmärsche, Protestdemonstrationen und Streiks – sitzend, stehend und sogar liegend – und trieben damit die städtische Polizei, die Kommandantur und die Alteingesessenen zur Weißglut, doch je länger sie blieben, desto mehr beruhigten sie sich, wurden friedlich und stellten sich immer seltener die Frage, warum sie eigentlich hier waren.
Die Fahne des pickeligen Taxifahrers war schon von Weitem zu riechen gewesen, seine Augen waren rot wie die eines Kaninchens. Mächtig aufgekratzt erzählte er Redrick während der Fahrt, dass heute Morgen auf ihrer Straße ein Toter vom Friedhof aufgetaucht war. Er war zu seinem ehemaligen Haus zurückgekehrt, das schon seit Jahren vernagelt war. Alle waren längst ausgezogen – seine Witwe genauso wie die Tochter mit ihrem Mann und den Enkeln. Er selbst, sagten die Nachbarn, war gut dreißig Jahre zuvor verstorben, noch vor dem Besuch, und jetzt war er – Hallöchen! – einfach so wieder angedackelt. Hatte das Haus ein paarmal umkreist, ein bisschen dran rumgescharrt und sich schließlich am Zaun hingesetzt – und da saß er nun. Aus dem ganzen Viertel hatten sich Leute versammelt, um sich das anzusehen, nur zu ihm hinzugehen traute sich natürlich keiner. Irgendwann fiel bei jemandem der Groschen, und sie brachen die Tür zu seinem Haus auf. Und was glauben Sie? Aufgestanden ist er und reingegangen und hat die Tür hinter sich zugezogen. Ich hab zur Arbeit müssen, keine Ahnung, wie die Sache am Ende ausgegangen ist, ich weiß nur, dass irgendwer im Institut anrufen wollte, damit die ihn abholen und bloß wieder wegschaffen, in drei Teufels Namen. Wissen Sie, was man sich erzählt? Angeblich bereitet die Kommandantur eine Anordnung vor, dass wenn die Verwandten verzogen sind, die Toten ihnen an den neuen Wohnort nachgeschickt werden. Das wird die Verwandtschaft aber freuen! Und stinken tut er … na ja, typisch Toter eben …
»Stopp«, sagte Redrick. »Halt hier an.«
Er kramte in seiner Tasche. Kleingeld war keines zu finden, also musste er einen seiner neuen Scheine wechseln. Dann blieb er vor dem Tor stehen und wartete, bis sich das Taxi entfernt hatte. Aasgeiers Landhäuschen war wirklich nicht schlecht: die zwei Geschosse, der verglaste Anbau mit dem Billardzimmer, der gepflegte Garten, das Gewächshaus, die weiße Laube zwischen den Apfelbäumen. Das alles umgeben von einem eleganten schmiedeeisernen Zaun, hellgrün lackiert. Redrick drückte mehrmals auf den Klingelknopf, die Pforte öffnete sich mit leichtem Quietschen, und er ging langsam den sandigen, von Rosenbüschen gesäumten Pfad hinauf. Auf der Veranda des Hauses stand bereits Ziesel – krumm, schwarz und scharlachrot, der ganze Körper schlotternd vor Diensteifer. Ungeduldig drehte er sich zur Seite, tastete sich mit dem Fuß krampfhaft die Stufe hinab, stieß auf festen Grund, begann den zweiten Fuß in Richtung auf die untere Stufe zuzubewegen, zuckte dabei immer wieder und fuchtelte mit seiner gesunden Hand in Richtung Redrick, als wollte er sagen: gleich, gleich …
»He, Roter!«, rief eine Frauenstimme vom Garten aus.
Redrick drehte den Kopf zur Seite und erblickte zwischen all dem Grün das weiße, luftige Dach der Laube und dort – nackte, braune Schultern, leuchtend rote Lippen, eine winkende Hand. Er nickte Ziesel zu, bog vom Weg ab und ging durch die Rosenbüsche über das weiche, grüne Gras auf die Laube zu.
Auf der Wiese war eine riesige rote Matte ausgebreitet, auf der, ein Glas in der Hand, Dina Burbridge in einem fast unsichtbaren Badeanzug thronte, neben ihr ein Buch mit buntem Umschlag und an gleicher Stelle, im Schatten unter einem Busch, ein glänzender Eimer mit Eis, aus dem ein schmaler, langer Flaschenhals ragte.
»Hallo, Roter!«, sagte Dina Burbridge und hob grüßend ihr Glas. »Wo steckt Daddy? Er ist doch nicht schon wieder aufgeflogen?«
Redrick trat näher, blieb stehen, verschränkte seine Arme mitsamt der Aktentasche hinter dem Rücken und blickte von oben auf sie herab. Die Kinder, die sich Aasgeier von der Zone erbettelt hatten, waren wirklich Prachtexemplare. Dinas Körper war samtig, üppig und fest, ohne den leisesten Makel, nicht eine überflüssige Falte – hundertfünfzig Pfund köstlichen zwanzigjährigen Fleisches, dazu smaragdgrüne, von innen leuchtende Augen, ein großer, feuchter Mund mit ebenmäßigen weißen Zähnen, rabenschwarze, lässig über die Schulter geworfene Haare, die in der Sonne glänzten, und die Sonne spielte auf ihrem Körper, strömte von ihren Schultern herab auf ihren Bauch und die Hüften und warf einen Schatten zwischen ihren kaum bedeckten Brüsten. Redrick stand über ihr und musterte sie unverhohlen, und sie sah ihn von unten an, lächelte wissend, führte ihr Glas zum Mund und trank ein paar Schlucke.
»Willst du?«, sagte sie, leckte sich die Lippen, wartete gerade lange genug, damit er die Andeutung begriff – und hielt ihm dann ihr Glas hin.
Er sah sich um, entdeckte im Schatten einen Liegestuhl, nahm darin Platz und streckte die Beine aus.
»Burbridge ist im Krankenhaus«, sagte er. »Sie werden ihm die Beine amputieren.«
Immer noch lächelnd, blickte sie ihn mit einem Auge an, das andere blieb hinter einer undurchdringlichen Haarsträhne verborgen, aber nun war ihr Lächeln eingefroren – eine zuckersüße Grimasse in einem sonnengebräunten Gesicht. Sie schwenkte mechanisch ihr Glas, schien dem Klingen der Eiswürfel darin zu lauschen, und fragte dann: »Beide Beine?«
»Ja, beide. Bis zu den Knien, vielleicht sogar noch höher.«
Sie stellte das Glas ab und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Jetzt lächelte sie nicht mehr.
»Schade«, sagte sie gedehnt. »Das heißt, du …«
Ihr allein, Dina Burbridge, hätte Redrick detailliert erzählen können, wie das Ganze passiert war und worum es bei alledem ging. Wahrscheinlich hätte er ihr sogar erzählen können, wie er zum Auto zurückgekehrt war, den Schlagring griffbereit, und wie Burbridge ihn angefleht hatte – nicht um seiner selbst willen, sondern wegen seiner Kinder, wegen ihr und wegen Archie, und wie er ihm dann die Goldene Kugel versprochen hatte. Aber er sagte nichts. Schweigend griff er in seine Innentasche, zog ein Bündel Geldscheine hervor und ließ es auf die rote Matte fallen, direkt neben Dinas lange, nackte Beine. Da lagen sie, die Scheine, zu einem Regenbogen aufgefächert. Zerstreut nahm Dina ein paar davon in die Hand und betrachtete sie, als sähe sie so etwas zum ersten Mal, doch ohne besonderes Interesse.
»Die letzte Lohntüte«, murmelte sie.
Redrick griff vom Liegestuhl aus nach dem Eimer, zog die Flasche heraus und warf einen Blick auf das Etikett. Wasser floss an dem dunklen Glas hinab, und Redrick hielt die Flasche zur Seite, damit es ihm nicht auf die Hose tropfte. Er mochte teuren Whisky nicht, aber jetzt war ihm auch das recht. Er wollte schon ansetzen, um einen Schluck aus der Flasche zu nehmen, da ertönte auf einmal unverständliches Protestgemurmel von hinten. Er wandte sich um und sah, dass Ziesel aus Leibeskräften, qualvoll ein krummes Bein vor das andere setzend, über die Wiese eilte, mit beiden Händen ein hohes Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit vor sich haltend. Vor lauter Anstrengung lief ihm der Schweiß in Strömen über sein teils purpurrotes, teils schwarzes Gesicht, die blutunterlaufenen Augen quollen aus ihren Höhlen hervor, und als er bemerkte, dass Redrick ihn ansah, hielt er geradezu verzweifelt das Glas vor sich hin, und aus dem weit aufgerissenen, zahnlosen Mund drang erneut ein kraftloses Kauderwelsch, eine Mischung aus Blöken und Wimmern.
»Ist ja gut, ich warte«, sagte Redrick zu ihm und steckte die Flasche zurück ins Eis.
Als Ziesel endlich herangehumpelt war, reichte er Redrick das Glas und klopfte ihm mit seiner scherenartigen Hand schüchtern auf die Schulter.
»Danke, Dixon«, sagte Redrick ernst. »Genau das hat mir jetzt gefehlt. Du bist wie immer in Höchstform.«
Und während Ziesel ebenso verlegen wie beglückt den Kopf schüttelte und sich verkrampft mit der gesunden Hand auf den Schenkel klopfte, hob Redrick feierlich das Glas, nickte ihm zu und leerte es bis zur Hälfte. Dann blickte er Dina an.
»Willst du?«, sagte er und hielt ihr das Glas hin.
Sie gab keine Antwort, sondern faltete einen Geldschein in der Mitte zusammen, dann noch einmal und noch einmal.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Ihr kommt schon über die Runden. Dein Vater hat …«
»Du hast ihn also getragen«, unterbrach sie ihn. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Du Vollidiot hast dieses Schwein auf deinem Buckel durch die ganze Zone geschleppt. Was bist du nur für ein Waschlappen, eine solche Gelegenheit zu verpassen …«
Er blickte sie an und hatte augenblicklich das Glas in seiner Hand vergessen. Dina erhob sich, kam auf ihn zu, wobei sie auf die verstreuten Geldscheine trat, und blieb vor ihm stehen. Die geballten Fäuste in ihre glatten Hüften gestemmt, stand sie zwischen ihm und der ganzen Welt mit ihrem herrlichen Körper, der nach Parfum und süßem Schweiß roch.
»So hat er euch Einfaltspinsel doch jedes Mal rumgekriegt. Und ihr habt eure Knochen, eure hirnlosen Köpfe hingehalten. Warte nur, er wird noch auf Krücken auf euren Schädeln tanzen, und dann seht ihr schon, was Bruderliebe und Barmherzigkeit ist!« Sie schrie beinahe. »Er hat dir die Goldene Kugel versprochen, stimmt’s? Eine Karte, mit allen Fallen, richtig? Du Volltrottel! Ich seh’s dir doch an deiner sommersprossigen Visage an, dass er sie dir versprochen hat. Du wirst dich noch wundern, was das für eine Karte ist, die du von ihm bekommst. Herrgott, erbarme dich der einfältigen Seele von Redrick Shewhart, dem roten Versager …«
Redrick stand langsam auf, holte aus und verpasste ihr eine Ohrfeige. Sie brach mitten im Wort ab, ihre Beine knickten ein, und sie sank ins Gras, das Gesicht in ihren Händen vergraben.
»Du bist ein Idiot, Roter«, murmelte sie undeutlich. »Eine solche Chance zu verpassen …«
Redrick sah auf sie herab, trank das Glas aus und hielt es Ziesel, ohne sich umzudrehen, mit einer unwirschen Bewegung hin. Hier gab es nichts mehr zu bereden. Wirklich tolle Kinder hatte sich Aasgeier Burbridge da in der Zone erbettelt! Kinder, die ihn liebten und ehrten.
Er ging zur Straße, winkte ein Taxi heran und bat den Fahrer, ihn zum Borczch zu bringen. Es war höchste Zeit, die ganze Sache abzuschließen. Er fühlte sich unerträglich müde, alles verschwamm vor seinen Augen, und so schlief er im Taxi ein, mit dem Oberkörper über die Aktentasche gebeugt, und wachte erst wieder auf, als der Fahrer ihn an der Schulter schüttelte.
»Wir sind da, Mister.«
»Wo?«, murmelte er, nachdem er sich verschlafen umgeblickt hatte. »Ich hab doch gesagt, zur Bank …«
»Keineswegs, Mister.« Der Fahrer grinste breit. »Sie wollten ins Borczch. Und da wären wir nun.«
»Schon gut«, brummte Redrick. »Ich muss das wohl geträumt haben.«
Er bezahlte, stieg aus und setzte mit Mühe seine eingeschlafenen Beine in Bewegung. Die Sonne hatte den Asphalt zum Glühen gebracht, es war jetzt sehr heiß. Redrick war völlig nassgeschwitzt und spürte einen widerlichen Geschmack im Mund, seine Augen tränten. Bevor er das Borczch betrat, sah er sich um. Die Straße war hier, wie immer um diese Zeit, fast ausgestorben. Die Lokale gegenüber waren noch nicht geöffnet, und auch das Borczch selbst war eigentlich noch zu, aber Ernest war bereits auf dem Posten, polierte Gläser und blickte hin und wieder mürrisch zu drei finsteren Typen hinüber, die an einem Ecktisch ihr Bier tranken. Auf den übrigen Tischen standen noch immer die umgedrehten Stühle, ein unbekannter Schwarzer mit weißem Kittel schrubbte den Boden, und ein anderer Schwarzer plagte sich hinter Ernest mit einem Kasten Bier ab. Redrick trat an den Tresen, legte die Aktentasche darauf ab und grüßte. Ernest knurrte etwas Unfreundliches zurück.
»Schenk mir ein Bier ein«, sagte Redrick und gähnte krampfhaft.
Ernest knallte ein leeres Glas auf den Tresen, holte eine Flasche aus dem Kühlschrank, öffnete sie und hielt sie schräg über das Glas. Redrick hielt sich immer noch den Mund zu und beobachtete Ernests Hand. Die Hand zitterte. Der Flaschenhals schlug mehrmals gegen den Rand des Glases. Redrick schaute Ernest ins Gesicht. Ernest hielt seine schweren Lider gesenkt, sein kleiner Mund war zusammengekniffen, die dicken Wangen hingen schlaff herunter. Der Schwarze fuhr mit dem Schrubber direkt unter Redricks Beinen herum, die Typen in der Ecke stritten sich heftig und böse über irgendein Rennen, der andere Schwarze, der immer noch mit den Bierkästen herumfuhrwerkte, stieß mit dem Hintern gegen Ernest, sodass dieser kurz schwankte. Der Schwarze murmelte eine Entschuldigung. Ernest fragte mit gedämpfter Stimme: »Hast du es dabei?«
»Was soll ich dabeihaben?«
Redrick blickte über die Schulter.
Einer der finsteren Typen erhob sich träge vom Tisch, ging zum Ausgang und blieb in der Tür stehen, wo er sich eine Zigarette anzündete.
»Komm, wir reden«, sagte Ernest.
Der Schwarze mit dem Schrubber stand jetzt ebenfalls zwischen Redrick und der Tür. Der Kerl war ein Baum, ähnlich groß wie Gutalin, nur doppelt so breit.
»Gut, gehen wir«, sagte Redrick und nahm die Aktentasche. Jetzt war er wieder hellwach.
Er ging um den Tresen herum und drängte sich an dem Schwarzen mit den Bierkästen vorbei. Dieser schien sich den Finger gequetscht zu haben – er lutschte an seinem Nagel und ließ dabei Redrick nicht aus den Augen. Auch er war sehr kräftig gebaut, mit eingeschlagener Nase und lädierten Ohren. Ernest ging ins Hinterzimmer durch, und Redrick folgte ihm. Jetzt standen alle drei Typen am Ausgang, der Schwarze mit dem Schrubber hatte sich an der Trennwand zum Lager postiert.
Im Hinterzimmer trat Ernest zur Seite und verzog sich auf einen Stuhl an der Wand. Am anderen Ende des Tisches erhob sich Captain Quarterblood, gelb und gramerfüllt, von links erschien ein gewaltiger UNO-Soldat, den Helm über die Augen gestülpt, packte Redrick routiniert an den Hüften und tastete mit riesigen Händen seine Taschen ab. An der rechten Seitentasche hielt er inne, zog den Schlagring heraus und schob Redrick auf den Captain zu. Redrick trat an den Tisch und stellte die Aktentasche vor Quarterblood ab.
»Miese Ratte«, sagte er zu Ernest.
Ernest runzelte missmutig die Stirn und zuckte mit einer Schulter. Alles klar. In der Tür standen bereits grinsend die beiden Schwarzen, weitere Ausgänge gab es nicht, das Fenster war geschlossen und von außen solide vergittert.
Captain Quarterblood wühlte mit beiden Händen in der Aktentasche. Sein Gesicht war von Abscheu erfüllt. Nach und nach legte er auf dem Tisch ab: »Leerteile«, klein, zwei Stück; »Batterien«, neun Stück; »schwarze Spritzer«, verschiedene Größen, sechzehn Stück in einer Plastiktüte; »Schwämme«, hervorragender Zustand, zwei Stück; »Sprudellehm«, ein Glas …
»Irgendwas in den Taschen?«, fragte Captain Quarterblood leise. »Wenn ja, raus damit.«
»Drecksäcke«, sagte Redrick. »Schweine.«
Er fuhr mit einer Hand in seine Innentasche und schleuderte ein Päckchen Banknoten auf den Tisch. Die Scheine flogen in alle Richtungen.
»Oho!«, sagte Captain Quarterblood. »Sonst noch was?«
»Stinkende Schnüffler!«, brüllte Redrick, zog das zweite Päckchen aus der Tasche und pfefferte es mit voller Wucht vor sich auf den Boden. »Da, fresst! Ersticken sollt ihr dran!«
»Höchst interessant«, sprach Quarterblood ruhig. »Und jetzt heb das alles auf.«
»Kannst du vergessen!«, sagte Redrick und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Das können deine Lakaien aufsammeln. Oder du selber!«
»Heb das Geld auf, Stalker«, sagte Quarterblood mit derselben ruhigen Stimme wie zuvor. Dabei stützte er sich mit den Fäusten auf den Tisch und lehnte seinen ganzen Körper nach vorn.
Einige Sekunden lang blickten sie einander schweigend in die Augen, dann ging Redrick leise fluchend in die Hocke und begann unwillig das Geld einzusammeln. Die Schwarzen hinter ihm kicherten, der UNO-Mann schnaubte höhnisch.
»Hör auf, deinen Rotz hier zu verteilen!«, fuhr Redrick ihn an.
Er kroch auf den Knien herum, sammelte die Scheine einzeln ein, näherte sich immer mehr dem dunklen Kupferring, der friedlich in einer schmutzverkrusteten Vertiefung im Parkett ruhte. Während er langsam seinen Körper so positionierte, wie es am sinnvollsten war, stieß er einen dreckigen Fluch nach dem anderen aus, jedes Schimpfwort, an das er sich erinnerte, und dazu noch einige, die er spontan erfand. Als der richtige Moment gekommen war, hörte er auf zu fluchen, spannte seinen ganzen Körper an, packte den Ring, riss ihn mit aller Kraft in die Höhe, und noch bevor der aufgeklappte Lukendeckel wieder zu Boden sauste, tauchte er bereits kopfüber, die Arme vor sich gestreckt, in die feuchtkalte Dunkelheit des Weinkellers hinab.
Er landete auf den Händen, rollte kopfüber ab, sprang auf, und rannte los, noch bevor er etwas erkennen konnte. Sich allein auf sein Gedächtnis und das Glück verlassend, stürzte er den engen Korridor zwischen hoch aufgestapelten Kisten entlang, riss im Vorbeilaufen an ihnen, brachte sie ins Schwanken und hörte, wie sie hinter ihm krachend zu Boden fielen. Schlitternd rannte er einige unsichtbare Stufen hinauf, warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die mit rostigem Blech beschlagene Tür und stand auf einmal in Ernests Garage. Er zitterte am ganzen Körper und atmete schwer, vor seinen Augen tanzten blutrote Flecken, er spürte das stechende Schlagen seines Herzens in der Kehle und zögerte doch keine Sekunde. Im nächsten Augenblick stand er in der hinteren Ecke und begann einen Haufen Schrott beiseitezuräumen, wobei er sich die Hände aufschürfte. Dahinter waren einige Bretter in der Garagenwand herausgebrochen. Er legte sich auf den Bauch und kroch durch das Loch hindurch, hörte, wie sein Sakko aufriss. Draußen auf dem Hof, der kaum breiter war als ein Brunnen, hockte er sich zwischen den Mülltonnen hin, zog das Sakko aus, riss sich die Krawatte herunter und warf sie weg, prüfte hastig sein Äußeres, klopfte sich die Hose ab, richtete sich auf, lief weiter und tauchte durch einen niedrigen, stinkenden Tunnel in den Nachbarhof, der genauso aussah wie der erste. Während er weiterlief, horchte er auf die Geräusche ringsum, aber noch war kein Sirenengeheul irgendwelcher Streifenwagen zu vernehmen. Er begann noch schneller zu laufen, trieb verschreckte Kinder auseinander, tauchte unter trocknender Wäsche hindurch, schlüpfte durch Löcher in morschen Zäunen und versuchte, dieses Viertel schnellstmöglich hinter sich zu lassen, ehe Captain Quarterblood es abriegeln ließ. Er kannte sich hier bestens aus. In all diesen Höfen, Kellern, verlassenen Wäschereien und Kohlelagern hatte er schon als Junge gespielt, überall hatte er hier Bekannte und sogar Freunde, und unter anderen Umständen hätte es ihn nichts gekostet, hier einfach unterzutauchen und nötigenfalls eine ganze Woche auszuharren, aber das war ja nicht der Grund, warum er diesen »dreisten Fluchtversuch zum Zwecke des Haftentzugs« verübt hatte, dazu noch vor Captain Quarterbloods Augen, was ihm noch einmal zwölf Monate zusätzlich einbringen würde.
Er hatte Glück. Über die Siebte Straße wälzte sich lärmend und Staub aufwirbelnd einer dieser Umzüge irgendeiner Liga – gut zweihundert langhaarige Idioten und kurz geschorene Idiotinnen. Diese schwenkten irgendwelche dämlichen Transparente, die genauso zerfleddert und ungepflegt aussahen wie sie selbst oder noch schlimmer, als hätten auch sie sich alle gerade eben durch irgendwelche Schlupflöcher gezwängt, Mülleimer über sich ausgekippt und eine wilde Nacht in einem Kohlelager zugebracht. Er rannte aus der Toreinfahrt, bohrte sich in vollem Lauf in die Menge, versuchte sich diagonal den Weg zu bahnen, trat auf anderer Leute Füße, steckte Ohrfeigen ein und teilte sie wieder aus, bis er auf die andere Straßenseite gelangte und erneut in einer Einfahrt verschwand – exakt in dem Augenblick als weiter vorn die vertraute, hässliche Sirene der Streifenfahrzeuge ertönte, den Protestzug zum Stehen brachte und wie einen Balg zusammendrückte. Doch da war Redrick schon in einem anderen Häuserblock verschwunden, und Captain Quarterblood konnte nicht wissen, in welchem genau.
Seiner Garage näherte er sich von der Seite, wo sich das Elektrowarenlager befand. Er musste eine ganze Weile warten, bis die Arbeiter die riesigen Kartons mit den Fernsehern in ihren Truck geladen hatten. Er zog sich unter die verkümmerten Fliederbüsche auf der fensterlosen Seite des Nachbarhauses zurück, ruhte etwas aus und zündete sich eine Zigarette an. Er rauchte gierig, mit dem Rücken an den harten Putz der Brandmauer gelehnt, legte von Zeit zu Zeit eine Hand an die Wange, um diesen nervösen Tick zu beruhigen, und dachte nach, dachte nach, dachte nach. Als der Truck mit den Arbeitern dann dröhnend aus der Einfahrt fuhr, musste er lachen und sagte, während er ihnen nachblickte: »Besten Dank, Jungs, dass ihr diesen Idioten aufgehalten habt. So hatte er Zeit zum Nachdenken.« Von da an handelte er schnell, aber ohne Hast, arbeitete zielstrebig und überlegt, geradeso, als befände er sich in der Zone.
Durch eine geheime Klappe stieg er in seine Garage ein, entfernte lautlos das alte Sitzpolster, fuhr mit einer Hand in den Korb, nahm vorsichtig das Bündel aus dem Sack und verstaute es in seinem Hemd. Dann nahm er eine alte, abgewetzte Lederjacke von einem Nagel, fand in einer Ecke ein ölverschmiertes Käppi und zog es sich mit beiden Händen tief in die Stirn. Durch die Torschlitze drangen schmale Streifen aus Sonnenlicht ins Halbdunkel der Garage, voll von glitzernden Staubkörnern. Im Hof spielten Kinder, sie schrien fröhlich und übermütig durcheinander. Er wollte schon wieder gehen, als er plötzlich die Stimme seiner Tochter erkannte. Er hielt ein Auge an den breitesten Spalt und sah eine Weile zu, wie Äffchen um die neue Schaukel herumlief und dabei mit zwei Luftballons herumwedelte. Drei alte Frauen aus der Nachbarschaft saßen unweit auf einer kleinen Bank, ihr Strickzeug im Schoß, und starrten sie an, die Lippen unfreundlich zusammengepresst. Sie lästerten wohl gerade wieder über sie, die alten Kohlstrünke. Die Kinder dagegen waren in Ordnung, sie spielten mit ihr, als ob nichts wäre, nicht umsonst hatte er sich bei ihnen angebiedert, sogar eine Holzrutsche hatte er ihnen gebaut, ein Puppenhaus und die Schaukel … Auch die Bank, auf der sich jetzt die alten Kohlstrünke breitmachten, hatte er gezimmert. Also gut, sagte er lautlos zu sich selbst, löste sich von dem Spalt, sah sich ein letztes Mal in der Garage um und tauchte durch die Klappe hinaus ins Freie.
Am südwestlichen Stadtrand, neben der stillgelegten Zapfsäule am Ende der Miner’s Street, stand eine Telefonzelle. Gott weiß, wer die hier noch nutzte – ringsum nichts als verrammelte Häuser und weiter südlich die grenzenlose Ödnis der alten städtischen Mülldeponie. Redrick kauerte sich im Schatten der Telefonzelle auf den Boden und schob seine Hand in den Spalt unter der Kabine. Er ertastete staubiges Ölpapier und den Griff der darin eingewickelten Pistole, auch die verzinkte Patronenschachtel war noch da, der Beutel mit den »Armbändern« und die alte Brieftasche mit den gefälschten Dokumenten – das Geheimversteck war also intakt. Er zog die Lederjacke aus, legte das Käppi ab und holte das Bündel aus dem Hemd. Etwa eine Minute lang saß er da, wog den Porzellanzylinder auf seiner Handfläche, der den unbezwingbaren, unvermeidlichen Tod enthielt. Er spürte, dass seine Wange erneut zu zucken begann.
»Shewhart«, murmelte er, ohne seine eigene Stimme zu hören. »Was hast du vor, du Hurensohn? Ein Aas bist du, mit diesem Teil knipsen die uns alle aus …« Er presste seine Finger gegen die zuckende Wange, doch das half nichts. »Ihr Idioten«, sagte er dann und meinte damit die Arbeiter, die die Fernseher in den Truck geladen hatten. »Dass ihr mir ausgerechnet jetzt in die Quere kommen musstet … Hätt ich das Teufelszeug doch einfach in die Zone zurückgeschmissen, Klappe zu, Affe tot …«
Beklommen blickte er sich um. Über dem rissigen Asphalt flirrte heiße Luft, vernagelte Fenster starrten missmutig in die Gegend, Staubteufel irrten durch die menschenleere Landschaft. Er war allein.
»Was soll’s«, sagte er entschlossen. »Jeder für sich und Gott für alle. So läuft das heutzutage eben.«
Hastig, damit er es sich nicht noch einmal anders überlegte, legte er den Zylinder in das Käppi und wickelte dieses dann in die Lederjacke ein. Dann ging er in die Knie und stemmte sich gegen die Kabine, bis sie leicht nach hinten kippte. Das dicke Bündel wanderte auf den Grund der Vertiefung, in der sogar noch reichlich Platz übrig blieb. Vorsichtig stellte er die Kabine wieder gerade, ruckelte sie mit beiden Händen zurecht, erhob sich und klopfte sich ab.
»Das war’s«, sagte er. »Schluss, aus, Ende.«
Er betrat die glühende Kabine, warf eine Münze ein und wählte eine Nummer.
»Guta«, sagte er. »Reg dich bitte nicht auf. Ich bin wieder mal aufgeflogen.«
Er hörte ihren zitternden Atem und fügte hastig hinzu: »Das Ganze ist Kinderkram, sechs bis acht Monate maximal, mit Besuchsrecht. Das überleben wir. Um Geld brauchst du dir keine Sorgen zu machen, man wird dir welches schicken.« Sie schwieg noch immer. »Morgen früh werden sie dich in die Kommandantur einbestellen, da sehen wir uns. Bring Äffchen mit.«
»Wird es eine Hausdurchsuchung geben?«, fragte sie tonlos.
»Und wenn schon. Bei uns ist alles sauber. Das wird schon, halt die Ohren steif und lass den Kopf nicht hängen. Du hast einen Stalker geheiratet, also beschwer dich nicht. Also dann, bis morgen … Und denk dran, ich hab dich nie angerufen. Küsschen aufs Näschen.«
Mit einer heftigen Bewegung legte er auf. Einige Sekunden stand er mit zusammengekniffenen Augen da und biss die Zähne so fest aufeinander, dass es ihm in den Ohren dröhnte. Dann warf er eine weitere Münze ein und wählte eine andere Nummer.
»Ich höre«, meldete sich der Heisere.
»Hier ist Shewhart«, sagte Redrick. »Hören Sie gut zu, und unterbrechen Sie mich nicht …«
»Shewhart?«, fragte der Heisere. Es klang sehr verwundert. »Was für ein Shewhart?«
»Ich sagte doch, unterbrechen Sie mich nicht! Ich bin aufgeflogen, konnte abhauen und werde mich jetzt stellen. Die geben mir vielleicht zweieinhalb oder drei Jahre. Meiner Frau wird das Geld ausgehen. Sie werden sich um sie kümmern. Es darf ihr an nichts fehlen, verstanden? Ob Sie das verstanden haben!«
»Fahren Sie fort«, antwortete der Heisere.
»Nicht weit von der Stelle, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben, gibt es eine Telefonzelle. Es gibt dort nur eine, Sie werden sie nicht verfehlen. Das Porzellan liegt darunter. Wenn Sie wollen, nehmen Sie’s, wenn nicht, dann nicht. Hauptsache, meiner Frau fehlt es an nichts. Wir werden noch jede Menge miteinander zu tun haben, Sie und ich. Aber wenn ich zurückkomme und erfahre, dass Sie unsauber gespielt haben … Tun Sie’s lieber nicht. Verstanden?«
»Vollkommen«, sagte der Heisere. »Danke.« Dann, nach einem kurzen Zögern: »Vielleicht einen Anwalt?«
»Nein«, sagte Redrick. »Das ganze Geld, bis auf den letzten Cent, geht an meine Frau. Mit schönem Gruß.«
Er legte auf und sah sich um. Dann vergrub er die Hände tief in den Hosentaschen und begann langsam zwischen den leeren, vernagelten Häusern der Miner’s Street in die Stadt zurückzugehen.
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3
Richard H. Noonan, 51 Jahre, Vertreter der
Elektrogerätelieferanten bei der Harmonter Filiale des
IIAK
Richard H. Noonan saß an seinem Schreibtisch im Büro und kritzelte etwas in den riesigen Notizblock, den er fürs Geschäftliche verwendete. Er lächelte teilnahmsvoll und nickte mit dem kahlen Schädel, ohne seinem Besucher wirklich zuzuhören. Er wartete auf einen Anruf, während Dr. Pillman, sein Besucher, ihn lässig abkanzelte. Oder sich einbildete, dass er ihn abkanzelte. Oder sich selbst einzureden versuchte, dass er ihn abkanzelte.
»Wir werden das alles berücksichtigen, Valentin«, sagte Noonan schließlich, nachdem er – der geraden Zahl wegen – die zehnte Kritzelei fertig gemalt hatte, und schlug den Notizblock zu. »Sie haben recht, es ist ja wirklich ein Skandal.«
Valentin streckte seine schmale Hand aus und streifte seine Zigarette sorgfältig am Rand des Aschenbechers ab.
»Was genau werden Sie berücksichtigen?«, erkundigte er sich höflich.
»Alles, was Sie gesagt haben«, antwortete Noonan jovial und lehnte sich im Sessel zurück. »Bis aufs letzte Wort.«
»Was habe ich denn gesagt?«
»Das spielt keine Rolle«, sprach Noonan. »Was immer Sie sagen, alles wird berücksichtigt.«
Valentin (Dr. Valentin Pillman, Nobelpreisträger usw. usf.) saß vor ihm in einem tiefen Sessel. Er war klein, elegant, ordentlich, kein einziger Fleck auf dem Sämischleder-Jäckchen, nicht eine Falte in der leicht gerafften Hose; ein blendendweißes Hemd, eine strenge einfarbige Krawatte, glänzende Halbstiefel, auf den schmalen, blassen Lippen ein spöttisches Lächeln, die Augen hinter einer riesigen Sonnenbrille verborgen, ein schwarzer Igelschnitt über der breiten, flachen Stirn.
»Sie haben Ihr exorbitantes Gehalt nicht verdient, Dick«, sagte er. »Mehr noch, ich halte Sie für einen Saboteur.«
»Pssst!«, flüsterte Noonan. »Um Gottes willen, nicht so laut.«
»Es ist wirklich so«, fuhr Valentin fort. »Ich beobachte Sie schon ziemlich lang. Mir scheint, Sie arbeiten überhaupt nicht.«
»Moment mal!«, unterbrach ihn Noonan und wackelte protestierend mit seinem dicken, rosafarbenen Finger. »Was soll das heißen, ich arbeite nicht? Ist jemals auch nur eine einzige Reklamation folgenlos geblieben?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Valentin und schnippte erneut Asche in den Becher. »Manchmal bekommen wir gute Geräte geliefert, manchmal schlechte. Gute bekommen wir häufiger, aber was Sie damit zu tun haben, entzieht sich meiner Kenntnis.«
»Nun, wenn ich nicht wäre«, erwiderte Noonan, »würden Sie gute Geräte seltener bekommen. Außerdem machen Sie und Ihre Kollegen Wissenschaftler die guten Geräte ständig kaputt, und dann schreiben Sie eine Reklamation, und wer hilft Ihnen dann aus der Klemme? Was ist zum Beispiel damals mit dem ›Spürhund‹ passiert? Das war eine hervorragende Maschine, robust und autonom, hatte sich bei geologischen Erkundungen glänzend bewährt. Sie aber haben sie unter völlig abnormalen Bedingungen eingesetzt, haben das Getriebe hochgejagt, als wäre es ein Rennpferd …«
»Und es nicht rechtzeitig getränkt und ihm keinen Hafer gegeben«, bemerkte Valentin spitz. »Sie sind vielleicht ein Stallbursche, Dick, aber kein Industrieller!«
»Ein Stallbursche«, wiederholte Noonan nachdenklich. »Das klingt schon besser. Vor ein paar Jahren hat hier mal ein Dr. Panow gearbeitet. Vielleicht haben Sie ihn sogar gekannt, er ist damals umgekommen … Jedenfalls war er der Meinung, ich hätte besser Krokodilzüchter werden sollen.«
»Ich habe seine Arbeiten gelesen«, sagte Valentin. »Alles sehr seriös und fundiert. An Ihrer Stelle würde ich seinen Rat ernstlich in Erwägung ziehen.«
»Jaja, ich denk drüber nach, wenn ich mal Zeit habe … Sagen Sie mir lieber, wie gestern der Probeeinsatz des SC-3 gelaufen ist?«
»SC-3?«, wiederholte Valentin und runzelte die blasse Stirn. »Ach ja, ›Scaramouche‹. Keine besonderen Vorkommnisse. Ist seiner Route gefolgt und hat ein paar ›Armbänder‹ mitgebracht. Außerdem eine Scheibe, deren Funktionsweise noch unbekannt ist …« Er schwieg eine Weile. »Und eine Hosenträgerschnalle der Firma Lux.«
»Was ist das für eine Scheibe?«
»Eine Vanadiumlegierung. Genaueres lässt sich bislang kaum sagen. Sie ist vollkommen inaktiv.«
»Warum hat SC-3 sie dann angeschleppt?«
»Fragen Sie die Firma. Das fällt ja in Ihren Bereich.«
Noonan klopfte nachdenklich mit dem Bleistift auf seinen Notizblock.
»Letztlich war ja es nur ein Probeeinsatz«, murmelte er. »Vielleicht war die Scheibe entladen … Wissen Sie, was ich Ihnen rate? Setzen Sie sie noch mal in der Zone ab und lassen Sie sie nach ein, zwei Tagen von einem ›Spürhund‹ zurückholen. Ich weiß noch, vorletztes Jahr …«
Das Telefon klingelte. Sofort schien Noonan Valentin vollkommen vergessen zu haben und griff nach dem Hörer.
»Mister Noonan?«, fragte die Sekretärin. »Noch einmal Herr Lemchen für Sie.«
»Stellen Sie durch.«
Valentin erhob sich, drückte seinen erloschenen Zigarettenstummel in den Aschenbecher, legte zum Abschied zwei Finger an die Schläfe und ging hinaus – klein, aufrecht und akkurat.
»Mister Noonan?«, erklang im Hörer die vertraute, gedehnte Stimme. »Am Apparat.«
»Es ist nicht gerade leicht, Sie am Arbeitsplatz zu erreichen, Mister Noonan.«
»Eine neue Lieferung ist eingetroffen …«
»Das weiß ich bereits. Mister Noonan, ich bin nur für kurze Zeit hier. Es gibt ein paar Fragen, die wir bei einem persönlichen Treffen diskutieren sollten. Es geht um die letzten Verträge mit Mitsubishi Denshi. Die juristische Seite.«
»Zu Ihren Diensten.«
»Dann also, wenn Sie nichts dagegen haben, in etwa dreißig Minuten im Büro unserer Filiale. Passt das für Sie?«
»Absolut. In dreißig Minuten.«
Richard Noonan legte auf, erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Er rieb sich die fleischigen Hände und stimmte sogar einen dieser neumodischen Schlager an, doch schon nach wenigen Tönen überschlug sich seine Stimme, und er lachte gutmütig über sich selbst. Dann nahm er den Hut, warf sich das Regencape über den Arm und trat ins Vorzimmer hinaus.
»Kindchen«, sagte er zu der Sekretärin, »ich bin auf Kundenbesuch. Sie übernehmen hier einstweilen das Kommando, ja? Seien Sie, wie man so schön sagt, der Fels in der Brandung. Ich bring Ihnen auch eine Schoki mit.«
Die Sekretärin strahlte übers ganze Gesicht. Noonan warf ihr eine Kusshand zu und trippelte hinaus in den Korridor. Auf dem Weg durchs Institut hielten ihn immer wieder Mitarbeiter am Ärmel fest, doch entwand er sich jedes Mal, redete sich mit einem Scherz heraus, bat darum, die Stellung ohne ihn zu halten, die Nerven zu schonen, jeglichen Stress zu vermeiden, und so trat er schließlich, ohne dass ihn jemand hatte aufhalten können, aus dem Gebäude auf die Straße, nachdem er zuvor gewohnheitsmäßig mit dem zugeklappten Dienstausweis vor der Nase des wachhabenden Sergeanten herumgewedelt hatte.
Über der Stadt hingen niedrige Wolken, die Luft dampfte, die ersten unsicheren Tropfen zerplatzten auf dem Asphalt zu schwarzen Sternchen. Noonan zog sich das Regencape über Kopf und Schultern, trabte an der Autophalanx vor dem Institutsgebäude entlang zu seinem Peugeot, tauchte ins Wageninnere hinein, riss sich das Cape wieder vom Kopf und warf es auf den Rücksitz. Aus der Seitentasche seines Jacketts zog er ein schwarzes, rundes Stäbchen – einen ETAC – hervor und schob es mit dem Daumen in die Buchse, bis es einrastete. Dann wackelte er ein wenig mit dem Hintern, bis er bequem hinterm Steuer saß, und stieg aufs Gas. Der Peugeot rollte lautlos auf die Straße und schoss auf die Ausfahrt der Pufferzone zu.
Plötzlich begann ein Platzregen, als hätte jemand im Himmel einen Bottich voller Wasser ausgekippt. Das Straßenpflaster wurde glatt, der Wagen geriet in den Kurven ins Schleudern. Noonan schaltete die Scheibenwischer ein und fuhr langsamer weiter. Ist der Bericht also angekommen, dachte er. Wahrscheinlich eine Belobigung. Na, ich hab nichts dagegen. Lob höre ich immer gern. Und besonders wenn es von Herrn Lemchen persönlich kommt – was ihm sicher nicht leichtfällt. Seltsam, warum freuen wir uns so, wenn man uns lobt? Kaufen kann ich mir nichts davon. Ist es der Ruhm? Aber von welchem Ruhm kann bei uns schon die Rede sein? Er ist berühmt geworden: Jetzt wissen drei von ihm. Na gut, sagen wir, vier, wenn man Baileys mitrechnet. Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Offenbar mögen wir das Lob um seiner selbst willen. Wie Kinder ein Eis. Das liegt an unserem Minderwertigkeitskomplex. Genau: Wenn wir gelobt werden, lindert das unsere Komplexe. Was eigentlich totaler Quatsch ist. Wie kann ich bitteschön mein Ansehen vor mir selbst erhöhen? Kenne ich mich denn nicht selbst? Den fetten, alten Richard H. Noonan? Augenblick, wofür steht noch mal dieses »H«? So was aber auch! Keiner da, den man fragen könnte. Und Lemchen zu fragen hat ja wohl keinen Sinn … Ach ja, jetzt weiß ich’s wieder: Herbert. Richard Herbert Noonan. Mann, das gießt ja in Strömen …
Er bog auf die Central Avenue ein und dachte auf einmal: Wie sehr doch die kleine Stadt in den letzten Jahren gewachsen ist. Welche Wolkenkratzer die hier hingeklotzt haben … Da drüben wird noch einer gebaut. Was soll das denn werden? Stimmt, der Luna Complex – ein Weltklasse-Jazzclub, Varieté und ein Bordell mit tausend Plätzen, alles für unsere heldenhafte Garnison, die wackeren Touristen, insbesondere die betagten, und die edlen Ritter der Wissenschaft. Die Randbezirke dagegen sterben aus. Kein Ort mehr da, wohin die Toten zurückkehren können.
»Der Auferstand’ne fand sein Haus versperrt«, deklamierte er, »so ward er traurig und zutiefst empört.«
Ich würde ja zu gern wissen, womit das alles endet. Wobei, vor zehn Jahren wusste ich das noch ganz genau. Unüberwindliche Absperrungen. Ein leerer Grenzstreifen, fünfzig Kilometer breit. Wissenschaftler und Soldaten, sonst niemand. Das furchtbare Geschwür auf dem Körper meines Planeten, ein für alle Mal isoliert … Schon seltsam, offenbar haben das damals alle geglaubt, nicht nur ich. Was für Reden wurden damals geschwungen, welche Gesetze entworfen! Heute dagegen weiß kaum noch einer, wohin sich die allgemeine Entschlossenheit von damals verflüchtigt hat. Einerseits kommen wir nicht umhin, dies einzuräumen, andererseits wäre es falsch, dem nicht zuzustimmen. Und begonnen hat es wohl, als die Stalker die ersten ETACs aus der Zone mitbrachten. Die Batterien – ja, ich glaube, mit denen ging es damals los. Besonders als man entdeckte, dass sich die ETACs vermehren. Auf einmal war das Geschwür gar nicht mehr so schlimm, ja, eigentlich gar kein Geschwür mehr, sondern im Gegenteil eine Schatzkammer … Heute weiß ja niemand mehr so genau, was die Zone eigentlich ist: ein Geschwür, eine Schatzkammer, eine Versuchung des Teufels, eine Büchse der Pandora … Erst jetzt gelingt es uns allmählich, ein wenig Profit daraus zu ziehen. Zwanzig Jahre hat man sich abgeplagt und Milliarden versenkt, und noch immer gibt es keinen koordinierten Plan für die Ausbeutung. Jeder macht seine kleinen Geschäfte damit, und die gelehrten Köpfe vermelden mit wichtiger Miene: Einerseits kommen wir nicht umhin, dies einzuräumen, andererseits wäre es falsch, dem nicht zuzustimmen, zumal Objekt soundso bei einer Röntgenbestrahlung im Winkel von achtzehn Grad quasithermische Elektronen im Winkel von zweiundzwanzig Grad freisetzt … Zur Hölle damit! Das Ende werde ich sowieso nicht mehr miterleben.
Der Wagen passierte die Villa von Aasgeier Burbridge. Im gesamten Haus brannte wegen des Platzregens Licht, und man konnte sehen, wie sich in den Fenstern des Obergeschosses, in den Gemächern der schönen Dina, tanzende Paare bewegten. Entweder hatten sie schon in aller Herrgottsfrühe damit angefangen, oder der gestrige Abend hatte noch kein Ende gefunden. Das war die neueste Mode in Harmont: tagelang durchzufeiern. Eine widerstandsfähige junge Generation wuchs da heran, die hartnäckig und unermüdlich ihre eigenen Absichten verfolgte …
Noonan parkte den Wagen vor einem ziemlich hässlichen Gebäude mit dem unscheinbaren Schild: »Rechtsanwälte Korsh, Korsh & Symak«. Er zog den ETAC heraus und ließ ihn in einer Tasche verschwinden, zog sich wieder das Regencape über, schnappte sich den Hut und stürzte Hals über Kopf in den Hauseingang – vorbei an dem in seine Zeitungslektüre vertieften Portier, die Treppe mit dem abgenutzten Teppichboden hinauf und mit hämmernden Absätzen den dunklen Korridor der oberen Etage entlang, in der ein spezieller Geruch herrschte, den er einst vergeblich versucht hatte zu identifizieren. Am Ende des Korridors angelangt, öffnete er eine Tür und betrat das Vorzimmer. Auf dem Platz der Sekretärin saß ein ihm unbekannter, sehr dunkelhäutiger junger Mann. Ohne Jackett und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln machte er sich an den Innereien eines komplizierten elektronischen Geräts zu schaffen, das anstelle der Schreibmaschine auf dem Tisch stand. Richard Noonan hängte Regencape und Hut an einen Haken, glättete mit beiden Händen das spärliche Haar hinter seinen Ohren und blickte den jungen Mann fragend an. Als dieser nickte, öffnete Noonan die Tür zum Büro.
Herr Lemchen hob sich ihm schwerfällig aus einem großen Ledersessel beim Fenster entgegen. Der Vorhang war zugezogen. Sein rechteckiges Generalsgesicht legte sich in Falten, was sowohl ein freundliches Lächeln als auch Trauer über das schlechte Wetter signalisieren konnte – oder aber einen mit Mühe gebändigten Niesreiz.
»Da sind Sie ja«, sagte er bedächtig. »Kommen Sie herein, nehmen Sie Platz.«
Noonan suchte im Zimmer nach einer Möglichkeit, wo er Platz nehmen konnte, entdeckte jedoch nichts außer einem unter den Tisch geschobenen, ungepolsterten Stuhl mit steifer Rückenlehne. Noonan zog es vor, sich gegen die Tischkante zu lehnen. Seine fröhliche Stimmung begann sich zu verflüchtigen – warum, war ihm selbst noch nicht ganz klar. Er begriff sofort, dass man ihn wohl doch nicht belobigen würde. Eher das Gegenteil. Ein Tag des Zorns, dachte er gelassen und machte sich aufs Schlimmste gefasst.
»Rauchen Sie ruhig«, bot Herr Lemchen an und ließ sich wieder in den Sessel sinken.
»Danke, ich rauche nicht.«
Herr Lemchen nickte mit einer Miene, als hätten sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet, legte vor seinem Gesicht die Fingerspitzen beider Hände aneinander und musterte eine Zeit lang aufmerksam die so entstandene Figur.
»Ich denke mal, die juristischen Angelegenheiten der Firma Mitsubishi Denshi sind heute eher nicht Gegenstand unserer Unterredung«, sagte er schließlich.
Das war ein Scherz. Richard Noonan lächelte bereitwillig und sagte: »Ganz wie Sie wünschen!«
Auf dem Tisch zu sitzen war höllisch unbequem, seine Beine reichten nicht bis zum Boden, die Kante bohrte sich in seinen Hintern.
»Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, Richard, dass Ihr Bericht oben einen außerordentlich positiven Eindruck gemacht hat.«
»Ach«, machte Noonan. Es geht los, dachte er.
»Man wollte Sie sogar für einen Orden vorschlagen«, fuhr Herr Lemchen fort, »doch habe ich dafür plädiert, damit noch etwas zu warten. Was sich als richtig herausgestellt hat.« Endlich riss er sich von der Betrachtung seiner Zehn-Finger-Figur los und blickte Noonan unfreundlich an. »Sie werden mich fragen, was mich dazu veranlasste, eine derartige, auf den ersten Blick übertrieben scheinende Vorsicht an den Tag zu legen.«
»Sie werden Ihre Gründe gehabt haben«, sagte Noonan tonlos.
»Allerdings. Denn was ergibt sich aus Ihrem Bericht, Richard? Die Gruppe Metropol konnte dank Ihrer Bemühungen vernichtet werden. Die Gruppe Grüne Blume wurde auf frischer Tat ertappt, und das auch noch in voller Besetzung. Erneut eine brillante Arbeit von Ihnen. Die anderen Gruppen – Varr, Quasimodo, die Fahrenden Musikanten, wie immer sie auch heißen – haben sich daraufhin von selbst aufgelöst, als ihnen klar wurde, dass sie als Nächstes auffliegen würden. Das ist alles belegt, wir haben das mehrfach prüfen lassen. Das Schlachtfeld ist geräumt. Man hat es Ihnen überlassen, Richard. Der Gegner sah sich aufgrund seiner beträchtlichen Verluste gezwungen, den ungeordneten Rückzug anzutreten. Habe ich die Lage so korrekt beschrieben?«
»Jedenfalls«, antwortete Noonan vorsichtig, »sind in den letzten drei Monaten die über Harmont laufenden Materialverluste aus der Zone zum Erliegen gekommen … Zumindest nach meinen Informationen«, fügte er hinzu.
»Der Gegner hat sich zurückgezogen, nicht wahr?«
»Nun, wenn Sie auf dieser Formulierung bestehen … Das stimmt.«
»Eben nicht!«, sagte Herr Lemchen. »Das ist es ja gerade: Dieser Gegner wird sich niemals zurückziehen. Das weiß ich genau. Ihr voreiliger Siegesbericht zeugt von großer Unreife, Richard. Und genau deshalb habe ich darum gebeten, Sie nicht sofort für eine Auszeichnung vorzuschlagen.«