Stalker
Stalker
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
Du kannst mich mal kreuzweise mit deinen Auszeichnungen, dachte Noonan, ließ ein Bein baumeln und starrte missmutig auf seine immer wieder kurz hervorschießende Stiefelspitze. Deinen blöden Orden häng ich mir ins Klo. Spielst hier den Moralisten, den großen Erzieher, dabei weiß ich doch genau, mit wem ich es zu tun habe. Hör auf zu predigen, dass mein Gegner so ist oder anders, sondern sag einfach klar und deutlich, was ich verbockt habe, was für eine Nummer die Dreckskerle diesmal abgezogen und welche Schlupflöcher sie genutzt haben. Spar dir das ganze Vorgeplänkel. Ich bin kein grüner Junge mehr, habe mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und muss hier nicht wegen irgendwelcher dämlichen Orden meine Zeit vergeuden …
»Was wissen Sie über die Goldene Kugel?«, fragte Herr Lemchen plötzlich.
Grundgütiger, dachte Noonan gereizt, was hat denn die Goldene Kugel mit all dem zu tun? Du kannst mich mal mit deiner Art der Gesprächsführung …
»Die Goldene Kugel ist eine Legende«, trug er mit monotoner Stimme vor. »Ein sagenumwobenes Gebilde in der Zone, das in Form und Aussehen einer goldenen Kugel ähnelt und angeblich dazu dient, menschliche Wünsche zu erfüllen.«
»Jegliche?«
»Laut der kanonischen Überlieferung ja. Es existieren jedoch unterschiedliche Versionen …«
»Soso«, sagte Herr Lemchen. »Und was wissen Sie über die ›Todeslampe‹?«
»Vor acht Jahren«, fuhr Noonan genauso schleppend und monoton fort, »brachte ein Stalker namens Stephen Norman, genannt Nerd, ein Objekt aus der Zone mit, das, soweit es sich beurteilen lässt, eine Art System aus mehreren Strahlenquellen darstellt, die auf irdische Organismen todbringend wirken. Erwähnter Nerd bot das Aggregat dem Institut an. Da sich die Parteien nicht über den Preis einigen konnten, ging Nerd erneut in die Zone und kehrte nicht mehr zurück. Wo sich das Aggregat derzeit befindet, ist nicht bekannt. Im Institut rauft man sich heute noch die Haare darüber. Der Ihnen bekannte Hugh aus dem ›Metropol‹ hat dafür jede Summe ausgeschrieben, die auf das Blatt eines Scheckbuchs passt.«
»Ist das alles?«, fragte Herr Lemchen.
»Ja«, antwortete Noonan. Demonstrativ blickte er sich im Zimmer um. Es war ein trostloses Zimmer, nichts darin weckte sein Interesse.
»Soso«, sagte Herr Lemchen. »Und was wissen Sie über das ›Krebsauge‹?«
»Was für ein Auge?«
»Das Krebsauge. Krebs. Kennen Sie das?« Herr Lemchen schnitt mit zwei Fingern durch die Luft. »Mit Scheren.«
»Höre ich zum ersten Mal«, sagte Noonan und runzelte die Stirn.
»Und was wissen Sie über die ›Knalltücher‹?«
Noonan löste sich von der Tischkante und baute sich, die Hände in den Hosentaschen, vor Lemchen auf.
»Nichts«, sagte er. »Und Sie?«
»Leider auch nichts. Weder über das ›Krebsauge‹ noch über die ›Knalltücher‹. Und doch existieren sie.«
»In meiner Zone?«, fragte Noonan.
»Setzen Sie sich«, sagte Herr Lemchen und machte eine einladende Handbewegung. »Unsere Unterredung hat gerade erst begonnen. Nehmen Sie ruhig wieder Platz.«
Noonan ging um den Tisch herum und ließ sich auf den harten Stuhl mit der hohen Lehne nieder. Worauf will er hinaus?, dachte er fieberhaft. Was sind das für Neuigkeiten? Wahrscheinlich hat man in den anderen Zonen etwas gefunden, und jetzt will er mich aushorchen, der Dreckskerl, ob es stimmt oder nicht. Er hat mich noch nie gemocht, der alte Teufel, nimmt mir immer noch mein Gedicht von damals übel …
»Setzen wir unseren kleinen Test fort«, verkündete Lemchen, hob den Vorhang hoch und blickte aus dem Fenster.
Nach einer Weile verlautbarte er: »Es gießt noch immer. Ich mag dieses Wetter.«
Er ließ den Vorhang wieder los, lehnte sich im Sessel zurück, blickte zur Decke und sagte: »Wie geht es dem alten Burbridge?«
»Burbridge? Aasgeier Burbridge ist unter ständiger Beobachtung. Ein Krüppel, aber nicht mittellos. Mit der Zone hat er nichts mehr zu tun. Betreibt vier Bars, eine Tanzschule und veranstaltet Picknicks für Garnisonsoffiziere und Touristen. Seine Tochter Dina pflegt einen unsteten Lebenswandel. Sein Sohn Arthur hat kürzlich sein Jurastudium abgeschlossen.«
Herr Lemchen nickte zufrieden.
»Klar und deutlich«, lobte er. »Und was treibt Kreon der Malteser so?«
»Einer der wenigen noch aktiven Stalker. Stand mit der Gruppe Quasimodo in Verbindung, jetzt verkauft er seinen Habar an das Institut, über mich. Ich lasse ihn frei herumlaufen, irgendwann wird schon jemand anbeißen. Allerdings hat er zuletzt stark zu trinken begonnen, und ich fürchte, dass er nicht mehr lang durchhalten wird.«
»Kontakte mit Burbridge?«
»Er umwirbt Dina. Aber ohne Erfolg.«
»Sehr gut«, sagte Herr Lemchen. »Und was gibt’s Neues von Red Shewhart?«
»Wurde vor einem Monat aus der Haft entlassen. Keine finanziellen Probleme. Hat versucht zu emigrieren, aber …« Noonan machte eine Pause. »Kurz gesagt, es gibt da gewisse familiäre Probleme. Die Zone interessiert ihn derzeit gar nicht.«
»Das war alles?«
»Ja.«
»Nicht gerade viel«, sagte Herr Lemchen. »Wie laufen denn die Geschäfte von Lucky Carter?«
»Der ist schon seit Jahren nicht mehr als Stalker unterwegs. Handelt mit Gebrauchtwagen und betreibt eine Werkstatt zur Umrüstung von Fahrzeugen auf ETAC-Antrieb. Vier Kinder, die Ehefrau ist vor einem Jahr verstorben. Eine Schwiegermutter.«
Lemchen nickte.
»Und, wen von den alten Herren hab ich noch vergessen?«, erkundigte er sich verbindlich.
»Jonathan Miles, den Kaktus. Der ist im Krankenhaus, Krebs im Endstadium. Und dann ist da noch Gutalin.«
»Ach ja, was ist mit Gutalin?«
»Gutalin ist immer noch derselbe«, sagte Noonan. »Hat eine Gruppe aus drei Mann. Verschwindet wochenlang in der Zone. Alles, was er findet, zerstört er an Ort und Stelle. Seine Gesellschaft der Engelskrieger dagegen ist zerfallen.«
»Warum?«
»Nun, wie Sie sich erinnern, kauften sie Habar auf, den Gutalin dann wieder in die Zone zurückbrachte. Dem Teufel, was des Teufels ist. Aber nun gibt es ja nichts mehr aufzukaufen, und außerdem hat der neue Filialleiter ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt.«
»Verstehe«, sagte Herr Lemchen. »Und die jungen Leute?«
»Na ja, die Jungen … die kommen und gehen, von denen haben vielleicht fünf oder sechs ein bisschen mehr Erfahrung, aber in letzter Zeit nimmt ihnen niemand ihren Habar ab, also sind sie ziemlich durcheinander. Ich mache sie mir einen nach dem anderen gefügig und bringe sie so allmählich unter Kontrolle … Ich gehe davon aus, Chef, dass es mit der Stalkerei in meiner Zone so gut wie vorbei ist. Die Alten sind abgetreten, die Jugend ist unfähig, und der Beruf ist auch nicht mehr so angesehen wie früher. Die Technik ist auf dem Vormarsch, es gibt ja inzwischen Stalker-Automaten.«
»Ja, davon hab ich gehört«, sagte Herr Lemchen. »Aber diese Automaten leisten noch nicht genug, um ihren Energieverbrauch zu decken. Oder irre ich mich?«
»Alles eine Frage der Zeit. Bald sind sie so weit.«
»Wie bald?«
»In fünf bis sechs Jahren …«
Herr Lemchen nickte wieder.
»Apropos, das dürfte Ihnen noch nicht bekannt sein: Unser Gegner hat auch begonnen, diese Stalker-Automaten einzusetzen.«
Noonan stutzte und fragte: »In meiner Zone?«
»Unter anderem. Für Ihre Zone haben sie eine Basis in Rexopolis, von dort verlegen sie die Maschinen mit Hubschraubern über die Berge in die Schlangenklamm und zum Schwarzen See am Fuße des Bolder Peak.«
»Aber das ist doch die Peripherie«, sagte Noonan misstrauisch. »Da ist alles leer, was können sie dort schon finden?«
»Wenig, sehr wenig. Und doch finden sie etwas. Aber das ist nur zu Ihrer Information, eigentlich geht Sie das nichts an. Fassen wir also zusammen: Professionelle Stalker gibt es in Harmont so gut wie keine mehr. Diejenigen, die noch übrig sind, haben mit der Zone nichts mehr zu tun. Die Jungen sind orientierungslos und werden derzeit gefügig gemacht. Der Gegner ist zerschlagen, zurückgeworfen, ist untergetaucht und leckt sich die Wunden. Habar ist keiner da, und wenn doch welcher auftaucht, gibt es keine Abnehmer. Der illegale Materialschwund aus der Harmonter Zone ist schon vor drei Monaten versiegt. Korrekt?«
Noonan schwieg. Gleich, dachte er, gleich würgt er’s mir rein. Wo ist denn bloß das Schlupfloch? So, wie sich das anhört, muss es sich um eine gewaltige Bresche handeln. Na los, komm schon, alte Runkelrübe! Spann mich nicht auf die Folter.
»Ich höre keine Antwort«, sagte Herr Lemchen und legte die Hand an sein runzliges, behaartes Ohr.
»Ist ja gut, Chef«, sagte Noonan finster. »Es reicht. Sie haben mich genug gegrillt. Zeit, dass Sie die Karten auf den Tisch legen.«
Herr Lemchen schnaubte unbestimmt, und als er zu sprechen begann, lag unerwartet Bitterkeit in seiner Stimme: »Nicht mal was zu sagen haben Sie. Da sitzen Sie vor Ihrem Vorgesetzten und staunen Bauklötze, aber was in mir vorgegangen ist, als vorgestern …« Er brach ab, erhob sich und ging langsam durch den Raum auf den Safe zu. »Um es kurz zu machen: In den letzten beiden Monaten haben die Verbände des Gegners – allein nach den uns vorliegenden Erkenntnissen – über sechstausend Einheiten Material aus verschiedenen Zonen erhalten.« Er blieb neben dem Safe stehen und fuhr mit der Hand die lackierte Seitenwand entlang, dann drehte sich dann mit einer heftigen Bewegung zu Noonan um und brüllte los: »Bilden Sie sich bloß nichts ein! Fingerabdrücke von Burbridge! Vom Malteser! Von Langnas Ben-Halevi, den Sie vorhin offenbar nicht einmal für erwähnenswert hielten! Fingerabdrücke von Leiermaul Garesh und Klein-Tsmyg! So machen Sie sich also die jungen Leute gefügig! ›Armbänder‹! ›Nadeln‹! ›Weiße Kreisel‹! Und jetzt auch noch irgendwelche ›Krebsaugen‹, ›Metzenrasseln‹ und ›Knalltücher‹, verdammt noch mal!«
Erneut brach er ab, kehrte in den Sessel zurück, legte wieder die Finger zusammen und fragte höflich: »Was meinen Sie dazu, Richard?«
Noonan zog ein Taschentuch hervor und wischte sich über Hals und Genick.
»Gar nichts meine ich«, gestand er heiser. »Verzeihen Sie, Chef, ich bin doch etwas … Einen Moment noch … Burbridge! Sie können meine Erfolgsbilanz durch den Schmutz ziehen, wie es Ihnen beliebt, aber Burbridge kann mit der Zone einfach nichts zu tun haben! Ich weiß über jeden seiner Schritte Bescheid. Er veranstaltet Saufgelage und Picknicks an den Seen und scheffelt dabei jede Menge Geld. Der hat das einfach nicht nötig. Sie müssen entschuldigen, vielleicht rede ich nur wirres Zeug, aber ich versichere Ihnen, ich habe Burbridge, seit er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, nicht aus den Augen gelassen.«
»Ich will Sie nicht weiter aufhalten«, sagte Herr Lemchen. »Sie haben eine Woche, dann präsentieren Sie mir Ihre Überlegungen dazu, wie die Materialien aus Ihrer Zone in die Hände von Burbridge geraten konnten … und in die der anderen Mistkerle auch. Auf Wiedersehen!«
Noonan stand auf, nickte steif dem Profil von Herrn Lemchen zu und schlich ins Vorzimmer hinaus, wobei er sich ständig den schweißgebadeten Hals wischte. Der dunkelhäutige junge Mann rauchte und starrte noch immer nachdenklich ins Innere der weit aufgerissenen Elektronik. Flüchtig sah er zu Noonan auf – sein Blick war leer, nach innen gerichtet.
Richard Noonan stülpte sich fahrig den Hut über, klemmte sich das Regencape unter die Achsel und machte sich davon. So was ist mir noch nie passiert, dachte er aufgewühlt. Nicht zu fassen: Langnas Ben-Halevi! Sogar einen Spitznamen hat er schon. Seit wann denn das? Der ist doch ein Dreikäsehoch, noch nicht mal trocken hinter den Ohren … Da ist doch was faul. Na warte, Aasgeier, du beinloser Dreckskerl! Du hast mich verarscht. Mich kalt erwischt und nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt. Wie konnte das nur passieren? Unmöglich! Genauso wie damals in Singapur, Fresse auf den Tisch und Schädel gegen die Wand …
Er setzte sich ins Auto und tastete eine Weile völlig ratlos unter dem Armaturenbrett nach dem Zündschlüssel. Von der Hutkrempe tropfte es ihm auf die Oberschenkel. Er nahm den Hut ab und schleuderte ihn ohne hinzusehen auf den Rücksitz. Der Regen lief über die Frontscheibe, und auf einmal schien dies der Grund zu sein, warum Richard Noonan nicht mehr weiterwusste. Als ihm dies klar wurde, holte er aus und rammte seine Faust mit voller Kraft gegen die kahle Stirn. Jetzt war ihm leichter. Sogleich fiel ihm ein, dass es gar keinen Zündschlüssel gab und auch gar nicht geben konnte, denn er hatte ja den ETAC in der Tasche. Den ewigen Akku. Den musste er doch bloß aus der Tasche ziehen, in drei Teufels Namen, ihn in die Buchse stecken, und dann würde er wenigstens irgendwohin fahren können – so weit weg wie möglich von diesem Haus, von dem aus ihn die alte Runkelrübe sicher gerade beobachtete …
Noonans Hand mit dem ETAC verharrte auf halbem Weg in der Luft. Augenblick. Immerhin weiß ich jetzt, bei wem ich anfangen soll. Genau, bei dem fang ich an. Oh, und wie ich bei dem anfange! Noch nie hat irgendwer bei irgendwem so angefangen, wie ich jetzt bei dem anfange. Und mit solchem Vergnügen … Er schaltete die Scheibenwischer ein und gab Gas, trieb den Wagen den Boulevard entlang. Obwohl er kaum etwas vor sich sah, war er jetzt bedeutend ruhiger. Also gut. Von mir aus so wie in Singapur. In Singapur ist schließlich alles glatt gelaufen … Einmal die Fresse auf den Tisch, was ist das schon! Hätte auch schlimmer sein können. Zum Beispiel nicht die Fresse und nicht auf den Tisch, sondern auf irgendwas mit Nägeln. Mein Gott, wie einfach das alles gewesen wäre! Das ganze Pack zusammenzutreiben und für, sagen wir, fünfzehn Jahre einzubuchten. Oder gleich auszuweisen, verdammt! In Russland zum Beispiel hat man von Stalkern noch nie was gehört. Dort ist rings um die Zone wirklich alles leer, auf hundert Kilometern niemand, den man nicht brauchen kann, weder Dreckstouristen noch irgendwelche Burbridges. Einfacher, meine Herren, einfacher! Wozu die ganze Sache noch verkomplizieren, bei Gott. Wenn du in der Zone nichts zu suchen hast, dann Auf Wiedersehen, ab mit dir zu Kilometer 101 … Zurück zum Thema. Wann kommt denn endlich meine kleine Spaßbude? Nichts zu sehen … Ah, da ist sie.
Es war die falsche Tageszeit, aber die Lichter des Five Minutes strahlten mindestens so hell wie die des Metropol. Noonan betrat den hell erleuchteten Empfangsbereich und schüttelte sich wie ein Hund am Flussufer. Es roch hier nach Tabak, Parfum und abgestandenem Champagner. Der alte Benny saß, noch ohne Livree, an der Theke schräg gegenüber vom Eingang und schlang gerade eine Mahlzeit hinunter. Die Gabel hielt er dabei in der Faust. Vor ihm thronte Madame. Sie hatte ihren ungeheuerlichen Busen zwischen den leeren Gläsern abgelegt und sah ihm missmutig beim Essen zu. Im Eingangsbereich war seit gestern nicht sauber gemacht worden. Kaum war Noonan eingetreten, als Madame ihm auch schon ihr breites, zugekleistertes Gesicht zuwandte, dessen anfängliche Verärgerung sich augenblicklich in einem verbindlichen Lächeln auflöste.
»Ha!«, dröhnte ihre tiefe Stimme. »Doch nicht etwa Herr Noonan selbst! Haben Sie Sehnsucht nach unseren Mädchen?«
Benny kaute weiter vor sich hin. Er war taub wie ein Pfosten.
»Grüß dich, altes Haus!«, antwortete Noonan, während er näher kam. »Wozu brauche ich Mädchen, wenn ich eine richtige Dame vor mir habe?«
Endlich nahm Benny von ihm Notiz. Seine furchterregende Fratze, durchzogen von blauen und tiefroten Narben, verzog sich mühevoll zu einem freundlichen Lächeln.
»Hallo, Chef!«, krächzte er. »Sie suchen wohl ein Plätzchen zum Trocknen?«
Noonan antwortete ihm mit einem Lächeln und winkte ab. Er redete nicht gern mit Benny, denn das bedeutete, dass er die ganze Zeit schreien musste.
»Sagt mal, Kinder, wo ist mein Geschäftsführer?«
»Bei sich im Büro«, antwortete Madame. »Morgen muss er Steuern zahlen.«
»Ach ja, die Steuern!«, sagte Noonan. »Also gut, Madame, würden Sie mir mein Lieblingsgericht zubereiten, ich bin gleich zurück.«
Lautlos ging er über den dicken Kunstfaserteppich den Korridor entlang, vorbei an den verhangenen Nischen. Neben jeder davon hing die Abbildung irgendeiner Blume an der Wand. Dann bog er in einen unauffälligen Seitengang ein und öffnete, ohne anzuklopfen, eine lederbeschlagene Tür.
Kallus Katjuscha thronte hinter seinem Tisch und betrachtete in einem kleinen Spiegel eine übel entzündete Stelle auf seiner Nase. Dass morgen die Steuerzahlung anstand, ging ihm offenbar am Allerwertesten vorbei. Der Tisch vor ihm war gähnend leer, bis auf ein Döschen mit Quecksilbersalbe und ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Kallus Katjuscha hob die blutunterlaufenen Augen, ließ den Spiegel fallen und sprang auf. Ohne ein Wort zu sagen, nahm Noonan ihm gegenüber in einem Sessel Platz und musterte das Schlitzohr eine Weile schweigend, während dieser undeutlich etwas von dem verfluchten Regen und seinem Rheumatismus murmelte. Dann sagte Noonan: »Schließ doch bitte die Tür ab, mein Bester.«
Hastig trampelte Kallus mit seinen platten Quadratlatschen zur Tür, klirrte mit dem Schlüssel herum und kehrte an den Tisch zurück. Wie ein haariger Berg ragte er vor Noonan auf und hing ergeben an dessen Lippen. Noonan musterte ihn die ganze Zeit über mit fast geschlossenen Lidern. Ihm fiel ein, dass Kallus’ Vorname eigentlich Rafael war. Kallus hatte man ihn wegen seiner ungeheuer knochigen, teils roten, teils graublauen Fäuste genannt, die nackt aus dem dicken Fell seiner Arme herausragten wie aus Manschetten. Katjuscha wiederum hatte er sich selbst getauft, da er absolut überzeugt war, dies sei ein traditioneller Name der großen mongolischen Herrscher gewesen. Rafael also. Gut, Rafael, fangen wir an.
»Wie geht’s?«, fragte Noonan sanft.
»Alles in bester Ordnung, Boss«, rapportierte Kallus-Rafael.
»Den Ärger von neulich hast du in der Kommandantur geregelt?«
»Hab hundertfünfzig Geld abgedrückt. Alle sind zufrieden.«
»Du schuldest mir also hundertfünfzig«, sagte Noonan. »Deine Schuld, mein Bester. Hättest besser aufpassen müssen.«
Kallus machte ein unglückliches Gesicht und breitete ergeben die riesigen Hände aus.
»Das Parkett am Eingang gehört erneuert«, sagte Noonan.
»Wird gemacht.«
Noonan schürzte schweigend die Lippen.
»Habar?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.
»Ein bisschen was ist vorhanden«, antwortete Kallus ebenso leise.
»Zeig her.«
Kallus stürzte zum Safe, holte ein Päckchen heraus, legte es vor Noonan auf den Tisch und schlug es auf. Noonan fuhr mit einem Finger in dem Haufen »schwarze Spritzer« herum, nahm ein »Armband« in die Hand, betrachtete es von allen Seiten und legte es wieder zurück.
»Das ist alles?«, fragte er.
»Es kommt nichts rein«, sagte Kallus schuldbewusst.
»Es kommt nichts rein …«, wiederholte Noonan.
Er nahm sorgfältig Maß und rammte Kallus dann mit voller Kraft die Stiefelspitze gegen das Schienbein. Kallus ächzte, wollte sich schon bücken, um nach der geprellten Stelle zu greifen, richtete sich aber sogleich wieder auf und stand stramm. Jetzt sprang Noonan auf, als hätte man ihm in den Hintern gestochen, schleuderte den Sessel beiseite, packte Kallus am Hemdkragen und ging auf ihn los, trat ihn, rollte mit den Augen und stieß zischend Verwünschungen hervor. Kallus ächzte und stöhnte, legte den Kopf nach hinten wie ein verschrecktes Pferd und wich zurück, bis er schließlich auf die Couch plumpste.
»Arbeitest du noch für jemand anderen, du Aas?«, fauchte Noonan und starrte direkt in Kallus’ schreckgeweitete Augen. »Aasgeier badet in Habar, und du hast mir nichts als einen Lappen voller Flitterkram zu bieten?« Er schlug Kallus mit voller Wucht ins Gesicht, wobei er genau auf die wunde Stelle auf der Nase zielte. »Ich lass dich im Knast verfaulen! Den Rest deines Lebens wirst du im Dreck verbringen und Pferdemist fressen. Du wirst noch bedauern, dass du geboren wurdest!« Wieder boxte er genau auf die wunde Stelle. »Woher hat Burbridge den Habar? Warum bekommt er welchen, aber du nicht? Wer beliefert ihn? Warum weiß ich nichts davon? Für wen arbeitest du Borstenschwein? Pack endlich aus!«
Kallus öffnete und schloss den Mund, ohne einen Ton von sich zu geben. Noonan ließ von ihm ab, kehrte in den Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch.
»Also?«, sagte er.
Kallus zog blutigen Rotz hoch und sagte: »Boss, ich schwör … Was wollen Sie denn? Woher soll Aasgeier Habar haben? Nix dergleichen hat der. Keiner hat irgendwelchen Habar jetze …«
»Du willst mir also widersprechen?«, fragte Noonan sanft, und nahm die Beine vom Tisch.
»Aber nein, Boss … ich schwör …«, entgegnete Kallus hastig. »Wie käm’ ich denn da drauf! Nicht im Traum würd ich Ihnen …«
»Ich schmeiß dich raus«, drohte Noonan finster. »Denn du hast dich entweder verkauft oder weißt nicht, wie man arbeitet. So oder so, was zum Teufel soll ich mit so einem wie dir anfangen? Solche wie dich krieg ich im Zehnerpack für einen Vierteldollar. Für dieses Geschäft brauch ich einen richtigen Mann, du dagegen verdirbst mir nur die Mädchen und säufst das Bier weg.«
»Warten Sie, Boss«, sagte Kallus und wischte sich das Blut übers Gesicht. Er schien angestrengt nachzudenken. »Warum voreilige Schlüsse ziehen? Klären wir doch erst mal, was Sache ist.« Vorsichtig berührte er mit den Fingerspitzen seine wunde Stelle. »Sie sagen, Burbridge hat ne Menge Habar? Also, ich weiß ja nicht. Entschuldigung, aber da veräppelt Sie einer. Momentan hat keiner Habar. In die Zone gehen zurzeit nämlich nur irgendwelche Grünschnäbel, und die kommen da nicht mehr raus. Nein, Boss, echt, da macht Ihnen einer was vor …«
Noonan beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Wie es aussah, wusste Kallus tatsächlich nichts. Es hätte ihm auch nichts gebracht zu lügen – mit Aasgeier war kein Blumenstrauß zu verdienen.
»Diese Picknicks, die er macht, sind die lukrativ?«, fragte er.
»Die Picknicks? Nicht besonders. Ist nicht so, als könnte man damit haufenweise Geld scheffeln … Lukrative Geschäfte gibt es in der Stadt sowieso keine mehr.«
»Wo finden diese Picknicks statt?«
»Wo die stattfinden? Also, an unterschiedlichen Orten. Beim Weißen Berg, manchmal auch bei den Heißen Quellen, an den Regenbogenseen …«
»Und für welche Kundschaft?«
»Welche Kundschaft?« Kallus berührte erneut seine wunde Stelle, musterte seine Finger und sagte in vertraulichem Tonfall: »Wenn Sie daran denken, dieses Geschäft selber zu übernehmen, Boss, würd ich Ihnen davon abraten. Gegen Aasgeier kommen Sie nicht an.«
»Warum?«
»Aasgeiers Kunden sind erstens Blauhelme« – Kallus begann, an den Fingern abzuzählen –, »zweitens Offiziere aus der Kommandantur und drittens Touristen aus dem Metropol, dem White Lily und dem Aliens. Außerdem hat er überall seine Werbung aufgestellt, und die Einheimischen gehen auch zu ihm. Boss, ich schwör, es bringt nichts, da mitmachen zu wollen. Für die Mädels bezahlt er uns – wenn auch nicht unbedingt fürstlich …«
»Die Einheimischen gehen auch zu ihm?«
»Vor allem die Jugend.«
»Und was geht da so ab, bei diesen Picknicks?«
»Was da abgeht? Also, wir fahren immer mit Bussen hin. Da stehen dann schon Zelte bereit, es gibt Imbissstände, Musik … Na ja, jeder hat auf seine Weise Spaß. Die Offiziere mehr mit den Mädchen, die Touristen dagegen wollen unbedingt die Zone sehen – von den Heißen Quellen zum Beispiel ist es ja ein Katzensprung, die Zone geht gleich hinter der Schwefelklamm los. Aasgeier wirft für sie Pferdeknochen rein, und sie schauen mit Ferngläsern zu.«
»Und die von hier?«
»Die von hier? Die finden das natürlich langweilig. Na ja, jeder sucht sich eben das, was ihm Spaß macht.«
»Und Burbridge?«
»Was soll mit dem sein? Burbridge macht genau dasselbe wie alle.« »Und du?«
»Ich? Ich mach auch dasselbe wie alle. Achte drauf, dass niemand den Mädchen wehtut, und … also … Na, wie alle halt.«
»Und wie lange dauert das Ganze so?«
»Kommt drauf an. Manchmal drei Tage, manchmal eine ganze Woche.«
»Und was kostet der ganze Spaß?«, fragte Noonan weiter, während er über etwas ganz anderes nachdachte.
Kallus antwortete etwas, aber Noonan hörte nicht mehr zu. Da ist sie, die Bresche, dachte er. Mehrere Tage und Nächte. Unter diesen Umständen war es schlichtweg unmöglich, Burbridge zu kontrollieren, selbst wenn man nur dieses eine Ziel verfolgte, und nicht mit irgendwelchen Mädels abhing oder Bier nuckelte, so wie mein mongolischer Herrscher hier … Und dennoch war das alles völlig unverständlich. Er hatte doch keine Beine mehr, und das mit der Klamm … Nein, irgendwas stimmte da nicht.
»Wer von den Hiesigen fährt da immer hin?«
»Von den Hiesigen? Sag ich doch: meistens die jungen Leute. Die durchgeknalltesten Typen der ganzen Stadt, Halevi, Razhba … Chick Zapf … der, äh, wie hieß der noch mal … der Tsmyg … Ach ja, und der Malteser ist auch manchmal dort. Eine feine Gesellschaft. Sie nennen es Sonntagsschule. Wie wär’s, sagen sie, gehen wir in die Sonntagsschule? Die fahren nämlich hauptsächlich wegen der älteren Touristinnen hin, mit denen verdient man nicht schlecht. Braucht nur ne alte Dame aus Europa aufzuschlagen …«
»Sonntagsschule«, wiederholte Noonan.
Plötzlich kam ihm ein merkwürdiger Gedanke. Eine Schule. Er erhob sich.
»Na gut«, sagte er. »Die können mir gestohlen bleiben, diese Picknicks. Das geht uns nichts an. Aber dass du’s weißt: Aasgeier hat Habar, und der geht uns sehr wohl was an, mein Bester. Das können wir so nicht dulden. Schau dich um, Kallus, sonst schick ich dich dahin, wo der Pfeffer wächst. Woher bekommt Burbridge den Habar, wer ist sein Lieferant? Bring das alles raus, dann biete zwanzig Prozent mehr als er. Verstanden?«
»Verstanden, Boss«. Kallus stand nun wieder stramm, seine blutverschmierte Visage ein Bild der Folgsamkeit.
»Und hör auf, mir die Mädels zu verderben, du Tier!«, brüllte Noonan plötzlich und ging hinaus.
An der Bar im Empfangsbereich trank er gemächlich seinen Aperitif, unterhielt sich mit Madame über den Verfall der Sitten, deutete an, er plane, das Etablissement in nächster Zukunft zu erweitern, und bat mit vertraulich gesenkter Stimme um Rat, wie sie mit Benny umgehen sollten: Der gute Mann wurde doch langsam alt, dazu die Taubheit, auch reagierte er nicht mehr so wie früher, kam einfach nicht mehr nach. Es war bereits sechs, und Noonan wurde allmählich hungrig, doch war da dieser Gedanke, der unaufhörlich in seinem Kopf kreiste, ein winziger, nagender Gedanke, der eigentlich überhaupt nicht ins Bild passte und doch so manches erklärte. Aber auch so war ihm jetzt einiges klar geworden, über der ganzen Sache lag jetzt nicht mehr jener irritierende, beängstigende Schleier des Geheimnisvollen. Es blieb der Ärger über sich selbst, dass er diese Möglichkeit nicht schon früher in Erwägung gezogen hatte, aber das war jetzt nicht die Hauptsache. Die Hauptsache war dieser winzige Gedanke, der in seinem Kopf kreiste und kreiste und ihm keine Ruhe ließ.
Noonan verabschiedete sich von Madame, drückte Benny die Hand und fuhr direkt ins Borczch. Das Problem ist ja, dachte er, dass wir nicht merken, wie die Jahre vergehen. Vergiss die Jahre – nichts kriegen wir mit, keine einzige Veränderung. Wir wissen, dass sich alles verändert, man bringt uns schon als Kindern bei, dass sich alles verändert, wir haben so oft mit eigenen Augen gesehen, wie sich alles verändert, aber gleichzeitig sind wir völlig unfähig zu bemerken, wann genau sich die Veränderung vollzieht, oder wir suchen die Veränderung nicht dort, wo wir eigentlich sollten. Und zack, auf einmal sind diese neuen Stalker da, die kybernetischen. Der alte Stalker war immer schmutzig und schlecht gelaunt und schob sich mit der Verbissenheit eines Tieres Millimeter für Millimeter vorwärts, kroch auf dem Bauch durch die Zone, um sich seine Beute zu verdienen. Der neue Stalker war ein Geck mit Krawatte, ein Ingenieur, der irgendwo einen Kilometer von der Zone entfernt in seinem Sessel hockte, eine Zigarette zwischen den Zähnen, neben sich ein Glas mit einer aufputschenden Mixtur, und auf Bildschirme starrte. Ein Gentleman mit festem Gehalt. Ein sehr logisches Bild. Derart logisch, dass einem sämtliche anderen Optionen gar nicht erst einfielen. Dabei gab es durchaus andere Optionen – eine Sonntagsschule zum Beispiel.
Auf einmal, wie aus heiterem Himmel, stieg Verzweiflung in ihm hoch. Alles war sinnlos. Alles war umsonst. Mein Gott, dachte er. Wir werden komplett scheitern! Es lässt sich nicht mehr aufhalten! Keine Macht der Welt ist mehr in der Lage, dachte er voller Entsetzen, diesen gärenden Hefeteig im Topf zu halten. Nicht etwa, weil wir schlecht arbeiten. Und auch nicht, weil sie schlauer und geschickter sind als wir. Die Welt ist einfach so. Der Mensch ist so. Hätte der Besuch nicht stattgefunden, wäre es eben irgendetwas anderes gewesen. Ein Schwein findet immer einen Ort zum Suhlen.
Auch das Borczch hatte sich verändert: Es war lichtdurchflutet und voller köstlicher Gerüche. Nichts erinnerte mehr an Saufgelage und wilde Feten. Gutalin kam nicht mehr vorbei, es widerte ihn an, auch Redrick Shewhart hatte sicherlich mal seine sommersprossige Nase hier reingesteckt, aber sofort das Gesicht verzogen und sich wieder getrollt. Ernest saß immer noch hinter Gittern, den Laden schmiss jetzt seine Alte. Sie hatte sich ihren Herzenswunsch nach einer seriösen Stammkundschaft erfüllt: Das ganze Institut aß hier zu Mittag, sogar die Stabsoffiziere kamen vorbei. Es gab behagliche Nischen, das Essen schmeckte, die Preise waren günstig, das Bier immer frisch. Ein vorzügliches Speiselokal.
In einer der Nischen erblickte Noonan Valentin Pillman. Der Nobelpreisträger saß mit einer Tasse Kaffee am Tisch und las in einer Zeitschrift, die er in der Mitte umgeschlagen hatte. Noonan trat hinzu.
»Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«, fragte er.
Valentin hob ihm die Sonnenbrille entgegen.
»Ah«, sagte er. »Bitte sehr.«
»Einen Moment, ich wasche mir nur noch die Hände«, sagte Noonan, der plötzlich an Kallus’ wunde Stelle denken musste.
Hier kannte man ihn gut. Als er zurückkam und Valentin gegenüber Platz nahm, stand bereits ein Pfännchen mit dampfendem Churrasco auf dem Tisch, daneben ein schlankes Glas Bier – weder zu kalt noch zu warm, so wie er es mochte. Valentin legte die Zeitschrift beiseite und nippte an seinem Kaffee.
»Hören Sie, Valentin«, sagte Noonan, während er sich ein Stück Fleisch abschnitt und es in die Soße tunkte. »Was glauben Sie, wie wird das alles enden?«
»Wovon sprechen Sie?«
»Der Besuch, die Zone, die Stalker, die militärisch-industriellen Komplexe … Worauf läuft das alles hinaus?«
Valentin musterte ihn lange durch seine undurchdringlich schwarzen Gläser. Dann zündete er sich eine Zigarette an und sagte: »Etwas konkreter bitte. Für wen?«
»Sagen wir, für die ganze Menschheit.«
»Das hängt davon ab, ob wir Glück haben oder nicht«, antwortete Valentin. »Wir wissen jetzt, dass der Besuch für die Menschheit insgesamt im Großen und Ganzen folgenlos geblieben ist. Für die Menschheit bleibt das alles ohne Folgen. Allerdings: Wenn wir weiterhin willkürlich nach den Kastanien im Feuer greifen, ist nicht auszuschließen, dass wir irgendwann Dinge zutage fördern, die uns das Leben auf diesem Planeten schlichtweg unmöglich machen. Dann haben wir eben Pech gehabt. Aber Sie werden mir zustimmen, dass diese Gefahr der Menschheit schon immer drohte.« Er verscheuchte den Zigarettenrauch mit seiner Hand und lächelte. »Sehen Sie, ich habe es mir längst abgewöhnt, über die Menschheit als Ganzes nachzudenken. Das System der Menschheit als Ganzes ist viel zu stabil, um es einfach so aus dem Gleichgewicht zu bringen.«
»Meinen Sie?«, fragte Noonan enttäuscht. »Tja, das kann natürlich sein.«
»Hand aufs Herz, Richard«, sagte Valentin sichtlich belustigt. »Für Sie als Geschäftsmann, was hat sich mit dem Besuch geändert? Na gut, Sie wissen jetzt, dass es im Universum noch mindestens eine weitere vernunftbegabte Lebensform außer der menschlichen gibt. Und?«
»Äh, was soll ich da sagen?«, stammelte Noonan. Er bedauerte bereits, dieses Gespräch überhaupt begonnen zu haben. Da war nichts, worüber es sich zu reden lohnte. »Was sich für mich verändert hat? Also, zum Beispiel fühle ich mich schon seit vielen Jahren auf eine gewisse Art unwohl, irgendwie angespannt. Gut, sie waren da und sind gleich wieder gegangen. Was aber, wenn sie wiederkommen und dann plötzlich bleiben wollen? Verstehen Sie, für mich als Geschäftsmann ist diese Frage durchaus relevant: Wer sind sie, wie leben sie, was brauchen sie? Im einfachsten Fall müsste ich mir überlegen, wie ich meine Produktionsabläufe umstelle. Darauf sollte ich vorbereitet sein. Was aber ist, wenn ich in ihrem System überhaupt nicht mehr gebraucht werde?« Er redete sich langsam in Fahrt. »Was, wenn wir alle nicht mehr gebraucht werden? Und wenn wir schon dabei sind, Valentin: Gibt es eigentlich Antworten auf diese Fragen? Wer sie sind, was sie hier wollten, und ob sie zurückkommen oder nicht?«
»Antworten gibt es«, sagte Valentin lächelnd. »Sogar sehr viele. Suchen Sie sich eine aus.«
»Was glauben Sie denn?«
»Ehrlich gesagt, habe ich mir nie erlaubt, darüber ernsthaft nachzudenken. Für mich ist der Besuch vor allem ein einzigartiges Ereignis, das uns theoretisch ermöglicht, mit einem Mal gleich mehrere Stufen der Erkenntnis zu überspringen. Eine Art Reise in die Zukunft der Technologie. Etwa so, als würde in Isaac Newtons Labor plötzlich ein heutiger Quantengenerator auftauchen.«
»Newton würde nichts kapieren.«
»Da täuschen Sie sich! Newton war ein äußerst scharfsinniger Mensch.«
»So? Na gut, von mir aus. Aber lassen wir Newton mal beiseite. Wie interpretieren Sie denn nun den Besuch? Selbst wenn es keine ernsthaften Gedanken sind.«
»Na gut, ich will Ihnen antworten. Aber ich muss Sie warnen, Richard, dass Ihre Frage in den Bereich einer Pseudowissenschaft namens Xenologie fällt, einer kuriosen Mischung aus Science-Fiction und formaler Logik. Ihre Methode beruht auf der unzulässigen Annahme, dass eine außerirdische Intelligenz über eine menschliche Psyche verfügt.«
»Warum ist das unzulässig?«
»Weil sich seinerzeit bereits die Biologen die Finger daran verbrannt haben, als sie die Psychologie des Menschen auf die Tiere zu übertragen versuchten. Die Tiere unseres Planeten wohlgemerkt.«
»Mit Verlaub«, wandte Noonan ein. »Das ist doch etwas völlig anderes. Hier geht es doch um die Psychologie intelligenter Wesen …«
»Ja. Und alles wäre wunderbar, wenn wir denn wüssten, was Intelligenz ist.«
»Wissen wir das etwa nicht?«, fragte Noonan verwundert.
»Stellen Sie sich vor, nein. Für gewöhnlich geht man von einer sehr flachen Definition aus: Intelligenz ist jene Eigenschaft des Menschen, durch die sich sein Handeln von dem eines Tieres unterscheidet. Man versucht, hier gleichsam eine Trennlinie zwischen Herrn und Hund zu ziehen, verstehen Sie? Der Hund versteht zwar alles, kann es aber nicht sagen. Aus dieser banalen Definition folgen jedoch weitere, die um einiges geistreicher sind und auf schmerzvollen Beobachtungen des erwähnten menschlichen Handelns basieren. So ist Intelligenz beispielsweise auch die Fähigkeit eines Lebewesens, zweckfreie oder unnatürliche Handlungen zu vollziehen.«
»Ja, das trifft auf uns zu«, pflichtete Noonan bei.
»Leider. Oder nehmen wir folgende hypothetische Definition: Intelligenz als ein komplexer, aber noch nicht zur Gänze ausgebildeter Instinkt. Hier liegt die Annahme zugrunde, dass instinktives Handeln immer zweckmäßig und natürlich ist. In einer Million Jahren, wenn sich dieser Instinkt vollkommen herausgebildet hat, werden wir aufhören, jene Fehler zu machen, die anscheinend untrennbar mit der Intelligenz verbunden sind. Und wenn sich dann im Universum etwas verändert, werden wir fröhlich aussterben – eben weil wir nicht mehr in der Lage sein werden, Fehler zu machen, also verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren, die in unserem starren Programm nicht vorgesehen sind.«
»So, wie Sie es formulieren, klingt es irgendwie … erniedrigend.«
»Bitte, hier noch eine weitere Definition – diesmal eine sehr erhabene und edle. Intelligenz ist die Fähigkeit, die Kräfte der uns umgebenden Welt zu nutzen, ohne diese Welt zu zerstören.«
Noonan runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er. »Das geht zu weit … Das trifft auf uns nicht zu … Aber wie steht es mit dem unwiderstehlichen Wissensdurst des Menschen im Unterschied zu den Tieren? Das hab ich irgendwo mal gelesen.«
»Ich auch«, sagte Valentin. »Das Problem ist nur, dass der Mensch, zumindest die breite Masse, diesem Wissensdurst sehr leicht widersteht. Ich bin sogar der Meinung, dass er über keinerlei derartiges Verlangen verfügt. Er besitzt ein Verlangen zu begreifen, das ja, aber Wissen benötigt er dafür nicht. Die Hypothese von der Existenz Gottes ermöglicht ihm beispielsweise in einzigartiger Weise, absolut alles zu begreifen, ohne dabei irgendetwas zu lernen … Sie brauchen dem Menschen nur ein extrem vereinfachtes Weltsystem hinzustellen und jegliches Ereignis auf der Basis dieses vereinfachten Modells zu interpretieren. Eine solche Herangehensweise bedarf keines Wissens. Dafür genügen ein paar auswendig gelernte Formeln plus die sogenannte Intuition, die sogenannte praktische Auffassungsgabe, der sogenannte gesunde Menschenverstand.«
»Warten Sie«, sagte Noonan. Er trank sein Bier aus und stellte das leere Glas mit einem Knall auf den Tisch zurück. »Zurück zum Thema. Nehmen wir an, ein Mensch trifft auf ein außerirdisches Wesen. Wie finden sie gegenseitig heraus, dass beide intelligent sind?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte Valentin amüsiert. »Alles, was ich dazu gelesen habe, läuft auf einen Zirkelschluss hinaus. Wenn sie fähig sind, miteinander in Kontakt zu treten, bedeutet dies, dass sie intelligent sind. Und umgekehrt: Sind sie intelligent, sind sie auch in der Lage, Kontakt aufzunehmen. Und überhaupt, wenn dem außerirdischen Wesen die Ehre der menschlichen Psyche zuteilwird, so ist es auch intelligent. Wie das so ist, Richard. Haben Sie Vonnegut gelesen?«
»Sieh mal an«, sagte Noonan. »Ich dachte, Sie hätten längst alles fein säuberlich in Schubladen einsortiert …«
»In Schubladen einsortieren kann auch ein Affe«, bemerkte Valentin.
»Moment mal.« Noonan fühlte sich irgendwie betrogen. »Wenn Sie selbst so einfache Sachen nicht wissen … Lassen wir das mit der Intelligenz jetzt mal beiseite. Daraus mag der Teufel klug werden. Aber was ist mit dem Besuch? Was halten Sie denn nun davon?«
»Na schön«, sagte Valentin. »Stellen Sie sich ein Picknick vor …«
Noonan zuckte zusammen. »Was haben Sie gesagt?«
»Ein Picknick. Stellen Sie sich einen Wald vor, einen Feldweg, eine Wiese. Ein Auto fährt vom Feldweg auf die Wiese, junge Leute steigen aus, Flaschen, Proviantkörbe, Mädchen, Transistorradios, Kameras … Sie machen ein Lagerfeuer, bauen Zelte auf, lassen Musik laufen. Und am nächsten Morgen fahren sie wieder ab. Die Tiere, Vögel und Insekten, die das nächtliche Treiben mit Entsetzen verfolgt haben, kriechen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Und was sehen sie? Motoröl ist aufs Gras ausgelaufen, jemand hat Benzin verschüttet, jemand anders seine defekten Zündkerzen und den alten Ölfilter weggeworfen. Putzlappen liegen herum, durchgebrannte Glühbirnen, jemand hat versehentlich einen Schraubenschlüssel dagelassen. Aus dem Profil der Autoreifen ist Schlamm herausgebröckelt, der aus einem fremden Moor stammt … Und dann sind da natürlich noch die Spuren des Lagerfeuers: Apfelreste, Bonbonpapier, Konservendosen, leere Flaschen, ein Taschentuch, ein Taschenmesser, altes, zerfetztes Zeitungspapier, Münzen, welke Blumen von anderen Waldlichtungen …«
»Verstehe«, sagte Noonan. »Ein Picknick am Wegrand.«
»Genau. Ein Picknick auf dem Weg durch den Weltraum. Und da wollen Sie von mir wissen, ob sie wieder zurückkommen oder nicht?«
»Jetzt muss ich erst mal eine rauchen«, sagte Noonan. »Zum Henker mit Ihrer Pseudowissenschaft! Irgendwie hab ich mir das alles ganz anders vorgestellt.«
»Das ist Ihr gutes Recht«, bemerkte Valentin.
»Das heißt also, die haben uns nicht mal bemerkt?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Jedenfalls haben sie uns keine Beachtung geschenkt …«
»An Ihrer Stelle würde ich mir das nicht zu Herzen nehmen«, riet Valentin.
Noonan inhalierte, musste husten und warf die Zigarette weg.
»Trotzdem«, sagte er starrsinnig. »Das ist doch unmöglich. Der Teufel soll euch Wissenschaftler holen! Woher kommt das bloß, dass ihr den Menschen so gering schätzt und ihn andauernd kleinreden wollt?«
»Nicht so schnell. Hören Sie«, sagte Valentin und begann zu zitieren: »›Ihr fragt mich: Worin liegt die Größe des Menschen? Dass er eine zweite Natur erschaffen hat? Dass er nahezu kosmische Kräfte in Bewegung gesetzt hat? Dass er innerhalb kürzester Zeit einen Planeten erobert und das Fenster zum Weltall aufgestoßen hat? Nein! Die Größe des Menschen liegt darin, dass er trotz allem überlebt hat und auch weiterhin zu überleben beabsichtigt.‹«
Sie schwiegen. Noonan dachte nach.
»Möglich«, sagte er unsicher. »So gesehen natürlich …«
»Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen«, wiederholte Valentin freundlich. »Das mit dem Picknick ist nur eine Hypothese von mir. Nicht mal das, eigentlich nur so ein Bild, zur Illustration. Die seriösen Xenologen arbeiten da an wesentlich fundierteren Theorien, die deutlich schmeichelhafter für die menschliche Eitelkeit sind. Zum Beispiel die, dass der Besuch noch gar nicht stattgefunden hat, sondern uns erst noch bevorsteht. Dass eine höher entwickelte Zivilisation einige Behälter auf unsere Erde abgeworfen hat, in denen sich Muster ihrer materiellen Kultur befinden. Und dass man von uns erwartet, dass wir diese Muster studieren, einen technologischen Quantensprung vollziehen und dann eine Antwort übermitteln, die unsere tatsächliche Bereitschaft zur Kontaktaufnahme signalisiert. Wie gefällt Ihnen das?«
»Schon wesentlich besser«, sagte Noonan. »Wie ich sehe, gibt es unter den Wissenschaftlern auch anständige Leute.«
»Oder wie wäre es damit: Der Besuch hat tatsächlich stattgefunden, aber er ist keineswegs zu Ende. Wir befinden uns also faktisch im Zustand des Kontakts, nur ahnen wir nichts davon. Die Besucher haben sich in den Zonen eingenistet und studieren uns von dort aus mit größter Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bereiten sie uns auf die grausamen Wunder des Künftigen vor.«
»Das leuchtet mir ein!«, sagte Noonan. »Dann wäre wenigstens klar, was hinter dem seltsamen Treiben in den Ruinen der Fabrik steckt. Ihre Picknick-Hypothese liefert dafür ja keine Erklärung.«
»Wieso nicht?«, wandte Valentin ein. »Vielleicht hat ja irgendein Mädchen auf der Wiese sein geliebtes Aufziehbärchen vergessen …«
»Jetzt hören Sie aber auf«, sagte Noonan entschieden. »Aufziehbärchen … Dort bebt doch die Erde! Wobei, möglich ist alles. Nehmen Sie auch ein Bier? Rosalia, altes Haus! Zwei Bier für die Herren Xenologen! … Tut jedenfalls gut, mich mit Ihnen zu unterhalten. Das bläst einem mal richtig das Hirn durch, wie ne Prise Bittersalz unter der Schädeldecke. Unsereins schuftet ja nur von früh bis spät, ohne jemals nachzudenken, was das Ganze überhaupt soll, was die Zukunft bringen wird, wie man seinen Seelenfrieden findet …«
Das Bier kam. Noonan schlürfte an dem Schaum und bemerkte, dass Valentin angewidert auf sein Glas starrte.
»Mögen Sie das nicht?«, fragte er und leckte sich die Lippen.
»Eigentlich trinke ich nicht«, antwortete Valentin unentschlossen.
»Ach so?«, fragte Noonan verblüfft.
»Zum Teufel!«, sagte Valentin. »Es muss in dieser Welt doch zumindest einen Menschen geben, der nicht trinkt.« Mit einer entschiedenen Bewegung schob er das Glas von sich. »Wenn es unbedingt sein muss, bestellen Sie mir lieber einen Kognak.«
»Rosalia!«, bellte Noonan. Er war jetzt richtig in Fahrt, und als der Kognak für Pillman eintraf, nahm er den Faden wieder auf: »Trotzdem, so geht das doch nicht. Und ich meine jetzt nicht Ihr Picknick, das ist sowieso eine Schweinerei. Aber selbst wenn wir die Version akzeptieren, dass das alles nur eine Art Vorspiel für die eigentliche Kontaktaufnahme ist, ist da noch immer was faul. ›Armbänder‹ und ›Leerteile‹, das geht ja noch an … Aber wozu die ›Hexensülze‹? Wozu die ›Mückenglatzen‹ und dieser widerliche Flaum …«
»Verzeihen Sie«, unterbrach Valentin, der gerade überlegte, welche der Zitronenspalten er nehmen sollte. »Ich verstehe Ihre Terminologie nicht ganz. Was sind das bitte für Glatzen?«
Noonan lachte.
»Das ist Folklore«, erklärte er. »Stalker-Jargon. ›Mückenglatzen‹ sind Bereiche mit erhöhter Schwerkraft.«
»Ach so, Gravitätskonzentrate … gerichtete Schwerkraft. Darüber würde ich sehr gern reden, aber wahrscheinlich würden Sie nichts verstehen.«
»Warum nicht? Ich bin immerhin gelernter Ingenieur.«
»Weil ich es selbst nicht verstehe«, sagte Valentin. »Ich habe zwar meine Gleichungssysteme, aber nicht die leiseste Ahnung, wie ich diese interpretieren soll. Und mit ›Hexensülze‹ meinen Sie vermutlich dieses kolloide Gas?«
»Genau. Haben Sie das mit der Katastrophe in den Carrigan-Labors mitbekommen?«
»Am Rande«, antwortete Valentin unwillig.
»Diese Idioten haben einen Porzellanbehälter mit ›Sülze‹ in eine hyperisolierte Spezialkammer gesteckt. Das heißt, für sie war die Kammer wohl hyperisoliert, aber als sie dann das Gefäß mit mechanischen Greifarmen geöffnet haben, ist die ›Sülze‹ durch Metall und Kunststoff hindurchgegangen wie Wasser durch Löschpapier, hat sich überall verteilt und alles, was sie berührte, in ›Sülze‹ verwandelt. Fünfunddreißig Menschen sind dabei ums Leben gekommen, es gab über hundert Verletzte, und das Laborgebäude ist jetzt völlig unbrauchbar. Sind Sie da schon mal gewesen? Eigentlich ein großartiger Bau, nur hat sich die ›Sülze‹ bis in die Keller und unteren Stockwerke durchgefressen. Wirklich großartig, Ihr Vorspiel zur Kontaktaufnahme.«
Valentin hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt.
»Das weiß ich doch alles«, sagte er. »Aber Sie müssen zugeben, Richard, dass die Außerirdischen hier keine Schuld trifft. Woher sollten sie wissen, dass es bei uns militärisch-industrielle Komplexe gibt?«
»Sie hätten es eben wissen müssen!«, antwortete Noonan belehrend.
»Worauf sie antworten würden: Ihr hättet eure militärisch-industriellen Komplexe längst vernichten sollen.«
»Stimmt«, gab Noonan zu. »Dann sollen die das doch gleich mal erledigen, wenn sie schon so mächtig sind.«
»Sie schlagen also eine Einmischung in die Angelegenheiten der Menschheit vor?«
»Hm«, machte Noonan. »Das könnte natürlich zu weit führen. Aber lassen wir das. Zurück zum Anfang unseres Gesprächs. Worauf läuft das alles hinaus? Was ist zum Beispiel mit euch Wissenschaftlern? Spekuliert ihr darauf, in der Zone eine fundamentale Entdeckung zu machen, die wirklich in der Lage ist, die Wissenschaft, die Technologie, unsere Lebensweise auf den Kopf zu stellen?«
Valentin trank sein Glas aus und zuckte mit den Schultern.
»Da fragen Sie den Falschen, Richard. Ich mag es nicht, einfach so ins Leere zu fantasieren. Wenn es um derart schwerwiegende Dinge geht, setze ich lieber auf vorsichtige Skepsis. Was wir bisher bekommen haben, eröffnet ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, da lässt sich nichts Definitives sagen.«
»Rosalia, noch einen Kognak!«, rief Noonan. »Na gut, versuchen wir es andersherum. Was denken Sie, was Sie bereits bekommen haben?«
»So komisch es klingen mag: ziemlich wenig. Wir haben viele Wunder entdeckt. In einigen Fällen haben wir sogar gelernt, diese Wunder für unsere eigenen Bedürfnisse zu nutzen. Wir haben uns sogar an sie gewöhnt … Drückt der Affe auf den roten Knopf, bekommt er eine Banane, drückt er auf den weißen, eine Orange, aber wie er an die Bananen und Orangen kommt, ohne den Knopf zu drücken, das weiß er nicht. Auch die Beziehung zwischen den Knöpfen und den Bananen und Orangen ist ihm unbegreiflich. Nehmen wir zum Beispiel die ETACs. Wir haben gelernt, sie zu nutzen. Wir haben sogar Bedingungen entdeckt, unter denen sie sich durch Teilung vermehren. Und doch haben wir es bis heute nicht geschafft, auch nur einen einzigen ETAC selbst herzustellen. Wir wissen nicht, wie sie aufgebaut sind, und wie es scheint, werden wir dies so bald nicht herausfinden … Ich würde es so formulieren: Es gibt bestimmte Objekte, für die wir eine Verwendung gefunden haben. Wir nutzen sie, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so, wie sie die Außerirdischen verwenden. Ich bin absolut überzeugt, dass wir in der überwiegenden Zahl der Fälle Nägel mit Mikroskopen einschlagen. Aber immerhin wissen wir das eine oder andere für unsere Zwecke zu nutzen: ETACs, ›Armbänder‹, die Lebensvorgänge stimulieren, verschiedene Typen quasibiologischer Massen, die die Medizin geradezu revolutioniert haben, neue Tranquilizer, neue Arten von Mineraldünger, die für einen Quantensprung in der Agrarwissenschaft gesorgt haben … Aber wozu soll ich Ihnen das alles aufzählen? Sie wissen das genauso gut wie ich – und wie ich sehe, tragen Sie sogar selbst ein ›Armband‹. Bezeichnen wir diese Gruppe mal als nützliche Objekte. Man könnte durchaus sagen, dass sie in gewisser Weise ein Segen für die Menschheit sind. Aber wir dürfen dabei niemals vergessen, dass in unserer euklidischen Welt jede Medaille zwei Seiten hat.«
»Unerwünschte Einsatzbereiche?«, bemerkte Noonan.
»Genau. Zum Beispiel ETACs in der Rüstungsindustrie … Aber das meinte ich nicht. Die Wirkung jedes der nützlichen Objekte ist von uns weitestgehend erforscht, und wir können sie erklären. Derzeit kommen wir technologisch nicht weiter, aber in gut fünfzig Jahren werden wir gelernt haben, diese Königssiegel selbst herzustellen, und werden damit nach Herzenslust Nüsse knacken. Wesentlich komplizierter ist die Sache dagegen bei den übrigen Objekten, weil wir derzeit für sie keine Verwendung haben und sich ihre Eigenschaften im Rahmen unserer heutigen Vorstellungswelt schlichtweg nicht erklären lassen. Zum Beispiel diese verschiedenen Magnetfallen. Wir wissen, dass es sich um eine Magnetfalle handelt, das hat Panow auf sehr originelle Weise nachgewiesen. Aber wir verstehen nicht, wo sich die Quelle dieses enormen Magnetfelds befindet und was der Grund für dessen extreme Stabilität ist. Nichts davon verstehen wir. Wir können nur fantastisch anmutende Hypothesen anstellen über bestimmte, bis dato völlig ungeahnte Raumeigenschaften. Oder nehmen wir K-23 … Wie nennen Sie sie, diese schönen schwarzen Kügelchen, die man als Schmuck verwendet?«
»›Schwarze Spritzer‹«, sagte Noonan.
»Ach ja, ›schwarze Spritzer‹, sehr passend. Nun, deren Eigenschaften kennen Sie ja. Richtet man einen Lichtstrahl auf eine dieser Kugeln, so tritt das Licht erst mit einer gewissen Verzögerung wieder aus, wobei diese Verzögerung vom Gewicht der Kugel abhängt, von ihren Abmessungen und von einigen weiteren Parametern. Dabei ist die Frequenz des austretenden Lichts stets geringer als die des eintretenden. Was ist das? Wie lässt es sich erklären? Es gibt eine verrückte Idee, dass diese ›schwarzen Spritzer‹ in Wirklichkeit gigantische Weiten eines Raumes sind, der andere Eigenschaften aufweist als der uns bekannte Raum, und dass sie erst unter den Bedingungen unseres Raumes diese Kugelform angenommen haben.« Valentin zog eine Zigarette hervor und steckte sie sich an. »Kurz, die Objekte dieser Gruppe sind für unsere heutige Praxis vollkommen untauglich, aus wissenschaftlicher Sicht jedoch von fundamentaler Bedeutung. Sie sind vom Himmel herabgefallene Antworten auf Fragen, die wir noch nicht zu stellen vermögen. Der vorhin erwähnte Sir Isaac hätte womöglich nicht verstanden, wie ein Laser funktioniert, aber er hätte zumindest erkannt, dass so ein Ding möglich ist, was wiederum enormen Einfluss auf seine wissenschaftliche Weltanschauung gehabt hätte. Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren, aber allein die Existenz von Objekten wie Magnetfallen, K-23 oder eines ›weißen Reifs‹ hat mit einem Schlag eine ganze Reihe von Theorien widerlegt, die bis vor Kurzem noch unumstößlich schienen, und gleichzeitig völlig neuen Ideen Auftrieb gegeben. Und dann gibt es ja noch die dritte Gruppe …«
»Ja«, sagte Noonan. »›Hexensülze‹ und ähnliches Zeug …«
»Nein, nein. Auch diese gehören entweder zur ersten oder zur zweiten Gruppe. Ich meine vielmehr Objekte, die wir entweder gar nicht oder nur vom Hörensagen kennen, weil wir sie niemals in Händen gehalten haben. Das, was uns die Stalker vor der Nase wegschnappen, an irgendwelche Unbekannten verkaufen oder insgeheim bei sich gebunkert haben. Worüber sie kein Wort verlieren. Legenden und Halbwahrheiten: die ›Wunschmaschine‹, ›Dick, der Vagabund‹, ›fröhliche Gespenster‹ …«
»Moment, Moment«, sagte Noonan. »Was sagen Sie da? Die ›Wunschmaschine‹ kenn ich ja noch …«
Valentin lachte auf.
»Sehen Sie, auch wir haben unseren Fachjargon. ›Dick, der Vagabund‹ heißt der bereits erwähnte aufziehbare Bär, der angeblich in den Ruinen der Fabrik sein Unwesen treibt. Und als ›fröhliche Gespenster‹ bezeichnen wir bestimmte gefährliche Turbulenzen, die in einigen Bereichen der Zone vorkommen.«
»Das hör ich zum ersten Mal«, sagte Noonan.
»Verstehen Sie, Richard«, erklärte Valentin, »wir stochern nun schon seit zwei Jahrzehnten in der Zone herum und kennen doch nicht mal ein Tausendstel von dem, was sie enthält. Ganz zu schweigen davon, wie sie den Menschen beeinflusst. Apropos: An dieser Stelle müssen wir unsere Klassifikation um eine vierte Gruppe erweitern, die keine Gegenstände, sondern Auswirkungen beinhaltet. Diese Gruppe ist skandalös schlecht erforscht, obwohl aus meiner Sicht inzwischen mehr als genug Fakten vorliegen. Sie wissen ja, Richard: Als Physiker bin ich von Natur aus skeptisch. Aber auch mir läuft es bisweilen kalt den Rücken runter, wenn ich an diese Fakten denke.«
»Die Toten …«, murmelte Noonan.
»Wie bitte? Ach so. Nein, das ist zwar rätselhaft, aber mehr auch nicht. Wie soll ich mich ausdrücken … Es ist in gewisser Weise vorstellbar. Aber wenn sich Menschen aus heiterem Himmel mit Erscheinungen konfrontiert sehen, die sich weder physikalisch noch biologisch erklären lassen …«
»Ach so, Sie meinen die Auswanderer.«
»Richtig. Wissen Sie, die mathematische Statistik ist eine sehr exakte Wissenschaft, auch wenn sie mit zufälligen Größen operiert. Und sie ist eine sehr beredte Wissenschaft, sehr anschaulich.«
Valentin war offenbar angetrunken. Er redete jetzt lauter, seine Wangen waren leicht gerötet, die Augenbrauen hatte er über den schwarzen Augengläsern hochgezogen, dass sich die Stirn wie eine Ziehharmonika in Falten legte.
»Rosalia!«, platzte es aus ihm heraus. »Noch einen Kognak! Ein großes Glas!«
»Ich schätze Menschen, die abstinent leben«, sagte Noonan respektvoll.
»Lenken Sie nicht ab!«, mahnte Valentin streng. »Hören Sie lieber zu, was ich Ihnen sage. Das ist sehr merkwürdig.«
Er hob das Glas, leerte es mit einem Schluck zur Hälfte und fuhr fort: »Was mit den armen Harmontern zum Zeitpunkt des Besuchs geschehen ist, wissen wir nicht. Aber dann beschließt einer von ihnen auszuwandern. Ein völlig durchschnittlicher Spießbürger, von Beruf Friseur, wie bereits sein Vater und sein Großvater vor ihm. Er zieht also um, sagen wir, nach Detroit. Dort macht er wieder einen Friseurladen auf, und dann beginnt ein verdammter Albtraum. Mehr als neunzig Prozent seiner Kunden sterben innerhalb eines Jahres: haben einen Autounfall, stürzen aus dem Fenster, werden von Gangstern und Schlägertypen ermordet, ertrinken in seichtem Wasser und so weiter und so weiter. Mehr noch: Auf einmal steigt die Zahl der kommunalen Störfälle in Detroit sprunghaft an. Doppelt so häufig explodieren Gasthermen. Dreieinhalbmal so oft kommt es zu Bränden wegen defekter Stromnetze. Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt auf das Dreifache. Doppelt so viele Menschen wie sonst sterben während der Grippeepidemie. Mehr noch: Die Zahl der Naturkatastrophen in Detroit und Umgebung steigt. Wie aus dem Nichts entstehen Tornados und Orkane mit einer Gewalt, wie man sie in diesen Breiten seit siebzehnhundertirgendwas nicht mehr erlebt hat. Die Abgründe des Himmels öffnen sich, Lake Ontario – oder ist es Lake Michigan, egal, wo immer Detroit auch liegt – tritt über die Ufer … Na ja, und so immer weiter. Diese Kataklysmen ereignen sich in jeder Stadt, in jeder Gegend, wo sich ein Auswanderer aus einer besuchten Region niederlässt, und ihre Häufigkeit verhält sich proportional zur Anzahl der Auswanderer, die sich dort ansiedeln. Und beachten Sie: Eine solche Wirkung geht nur von denjenigen Auswanderern aus, die den Besuch persönlich miterlebt haben. Wer erst später geboren wurde, hat auf die Statistik der Unglücksfälle keinerlei Einfluss. Wenn Sie seit zehn Jahren in Harmont leben, aber erst nach dem Besuch hierhergezogen sind, könnten Sie sich ohne Risiko auch im Vatikan niederlassen. Wie lässt sich das erklären? Wovon müssen wir uns hier verabschieden: von der Statistik? Oder vom gesunden Menschenverstand?«
Valentin packte sein Glas und trank es mit einem Schluck aus.
Richard Noonan kratzte sich am Ohr. »Tja«, sagte er. »Von diesen Sachen hab zwar schon mal was gehört, aber ehrlich gesagt, kam mir das alles, um es vorsichtig auszudrücken, immer ein wenig übertrieben vor … Wie ein Vorwand, um die Auswanderung zu verbieten.«
Valentin lächelte bitter. »Schöner Vorwand! Wer glaubt denn an so einen Wahnsinn? Nein, da hätte man doch irgendwelche Epidemien vorgeschoben, die Gefahr der Verbreitung subversiver Gerüchte, was weiß ich!«
Frustriert stützte er die Ellenbogen auf und vergrub das Gesicht in den Händen.
»Ich kann Sie verstehen«, sagte Noonan. »Klar, aus der Sicht unserer mächtigen positivistischen Wissenschaft betrachtet …«
»Oder nehmen wir den mutagenen Einfluss der Zone«, unterbrach ihn Valentin. Er nahm die Brille ab und fixierte Noonan mit seinen schwarzen, kurzsichtigen Augen. »Bei jedem, der nur lang genug mit der Zone in Kontakt ist, kommt es zu Veränderungen – sowohl phänotypischer als auch genotypischer Art. Sie wissen, wie sich das bei den Kindern der Stalker manifestiert, und welche Folgen es für die Stalker haben kann. Warum? Wo ist der mutagene Faktor? Radioaktive Strahlung gibt es in der Zone nicht. Die chemische Struktur der Luft und des Bodens in der Zone weist zwar gewisse Besonderheiten auf, birgt aber keinerlei mutagenes Risiko. Was bleibt mir unter diesen Umständen noch übrig: Soll ich anfangen, an Magie zu glauben? An den bösen Blick? Kommen Sie, Richard, genehmigen wir uns noch einen. Ich bin ganz schön in Fahrt gekommen, hol’s der Teufel …«