Stalker

Arkadi Strugatzki · Kapitel 3 von 7 · Teil 2/7

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Stalker

Stalker

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.

»Immer schön langsam«, sag ich zu ihm. »Weniger Hektik heißt weniger Staub.«

Jetzt stehen wir beide auf dem Asphalt, die Galosche neben uns schwankt leicht, die Seile zu unseren Füßen winden sich. Tender schaut über das Geländer und folgt uns mit verzagtem Blick. Wir müssen los. Ich sag zu Kirill: »Geh mir nach, und zwar genau in meinen Fußstapfen, immer zwei Schritt Abstand. Schau immer auf meinen Rücken und pass gut auf.«

Ich geh los. Am Eingang der Garage bleibe ich stehen und blicke mich um. Tagsüber zu arbeiten ist so viel einfacher als nachts! Ich weiß noch, wie ich genau an dieser Schwelle gelegen bin. Es war dunkel wie im Bauch eines Wals, aus der Grube züngelte die Hexensülze hervor, blaue Flammen wie von Alkohol. Das Ärgerliche dabei war, dass von diesem verdammten Zeug überhaupt kein Licht ausging, im Gegenteil, von diesem Züngeln schien alles nur noch dunkler zu werden. Kein Vergleich zu der Situation jetzt. Meine Augen haben sich an das Zwielicht gewöhnt, alles liegt vor mir auf dem Präsentierteller, selbst in den dunkelsten Ecken ist der Staub zu erkennen. Und tatsächlich, da drüben ziehen sich silbrig glänzende Fäden von den Kanistern bis zur Decke – wie ein Spinnennetz. Vielleicht ist es sogar eins. Jedenfalls halten wir uns besser davon fern. Und genau das ist der Moment, in dem ich alles vermassle. Ich hätte Kirill neben mich hinstellen sollen, hätte warten sollen, bis sich auch seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, hätte ihm dieses Spinnennetz zeigen, mit dem Finger darauf deuten sollen. Aber ich bin es nun mal gewohnt, allein zu arbeiten – und während sich meine Augen anpassen, denke ich keinen Moment an Kirill.

Ich geh also rein und direkt auf die Kanister zu. Hocke mich vor dem »Leerteil« hin – das Spinnennetz scheint es nicht berührt zu haben. Ich nehme es am einen Ende und sage zu Kirill: »Pack an, und halt gut fest, das Teil ist ziemlich schwer …«

Kaum hebe ich den Blick, da schnürt es mir die Kehle zu: Ich kriege kein Wort heraus. Ich will schreien: »Halt, bleib stehen!«, aber ich kann nicht. Wahrscheinlich ist es sowieso zu spät, es geht ja alles so schnell. Kirill macht einen Schritt über das »Leerteil« hinweg, wendet sich von den Kanistern ab – und streift mit dem Rücken diesen Silberglanz. Ich schließe die Augen. Alles in mir ist taub, ich höre nichts – außer dem Reißen der Spinnweben. Ein schwaches, trockenes Knistern, wie wenn ein stinknormales Spinnennetz kaputtgeht, nur etwas lauter. Ich sitze da, mit geschlossenen Augen, spüre weder Arme noch Beine, und dann sagt Kirill plötzlich: »Also, was ist? Packen wir’s an?«

»Ja.«

Wir heben das »Leerteil« hoch und tragen es seitwärts gehend zum Ausgang. Echt schwer, das Miststück, sogar zu zweit müssen wir uns ziemlich anstrengen. Wir treten in die Sonne hinaus und bleiben erst bei der Galosche stehen. Tender steckt uns schon seine breiten Pfoten entgegen.

»Na dann«, sagt Kirill. »Eins, zwei …«

»Warte«, sag ich. »Stellen wir es erst mal ab.«

Wir stellen es ab.

»Dreh dich um«, sag ich, »mit dem Rücken zu mir.«

Wortlos dreht er sich um. Ich schaue nach – sein Rücken ist völlig unversehrt. Nichts zu erkennen, weder von der einen noch von der anderen Seite. Ich drehe mich um und werfe einen Blick zu den Kanistern. Auch dort ist jetzt alles dunkel.

»Hör mal«, sag ich zu Kirill, ohne meinen Blick von den Kanistern abzuwenden. »Hast du das Spinnennetz gesehen?«

»Was für ein Spinnennetz? Wo?«

»Egal. Hast noch mal Dusel gehabt«, sag ich und denke mir: Was sich noch erweisen muss. »Also dann, pack an.«

Wir hieven das »Leerteil« in die Galosche und stellen es hochkant, damit es nicht herumrollt. Da steht es also, das gute Stück, funkelnagelneu, die Kupferscheiben glänzen in der Sonne, und die blauen Strahlen dazwischen wabern wie Nebelschwaden. Jetzt erkennt man deutlich, dass es eben nicht »leer« ist. Es sieht aus wie eine Art Gefäß, ein Einmachglas mit dunkelblauem Sirup. Nachdem wir es eine Weile bestaunt haben, klettern wir selbst an Bord der Galosche und machen uns ohne große Worte auf den Rückweg.

Diese Wissenschaftler haben es gut! Erstens arbeiten sie tagsüber. Und zweitens ist für sie nur der Hinweg schwierig, aus der Zone fährt sie die Galosche nämlich von ganz allein. Es gibt da so ein Gerät, eine Art Kursschreiber, der die Galosche auf demselben Weg aus der Zone hinauslotst, auf dem sie hereingekommen ist. Wir gleiten wieder zurück, wiederholen sämtliche Manöver, bleiben stehen, schweben kurz auf der Stelle, und weiter geht’s, über all meine Muttern hinweg, wenn ich wollte, könnte ich sie glatt wieder einsammeln.

Die Laune meiner beiden Novizen bessert sich natürlich sofort. Neugierig drehen sie ihre Köpfe hin und her, von Angst keine Spur mehr. Erleichtert, dass alles glimpflich verlaufen ist, fangen sie an zu reden. Mit rudernden Armen verkündet Tender, dass er jetzt erst mal was isst und dann gleich wieder in die Zone zurückgeht, um die Trasse bis zur Garage zu markieren. Kirill dagegen hält mich am Ärmel fest und versucht mir zu erklären, was es mit den Gravikonzentraten – also den »Mückenglatzen« – auf sich hat. Erst lass ich die beiden gewähren, aber nach einer Weile wird es mir zu viel, und ich stutze sie zurecht. In aller Ruhe erzähle ich ihnen, wie viele Idioten sich schon zu früh gefreut haben und auf der Rückfahrt draufgegangen sind. Seid lieber still, sag ich, und behaltet die Umgebung im Auge, sonst geht’s euch wie Shorty Lyndon. Das hat gesessen. Sie fragen nicht mal, was Shorty Lyndon passiert ist. Ist auch besser so. In der Zone kannst du eine vertraute Strecke hundertmal problemlos zurücklegen, und beim hundertersten Mal erwischt es dich dann. Wir gleiten schweigend weiter, und ich stelle mir vor, wie ich den Deckel meiner Flasche aufschraube. Auf verschiedenste Weise stelle ich mir vor, wie ich den ersten Schluck nehme. Hin und wieder blitzt dabei vor meinen Augen das Spinnennetz auf.

Mit einem Wort, wir verlassen die Zone, dann geht’s mitsamt der Galosche zur »Läuseschlachterei«, oder, wissenschaftlich ausgedrückt, zum Desinfektionsbereich. Dort werden wir nach allen Regeln der Kunst mit siedend heißem Wasser und Lauge abgeschrubbt, mit irgendwelchem Zeugs bestrahlt und bestreut, wieder abgeschrubbt und getrocknet, bis es schließlich heißt: »Zieht Leine, Jungs!«

Tender und Kirill schleppen das »Leerteil«. Inzwischen haben sich so viele Neugierige versammelt, dass wir kaum durch die Menge kommen. Wieder mal typisch: Alle gaffen nur oder rufen uns irgendwas zu, aber ein paar müden Typen beim Tragen zu helfen traut sich keiner. Was soll’s, das geht mich nichts an. Mir ist jetzt alles egal.

Ich zieh den Spezialanzug aus, lasse ihn einfach auf den Boden fallen – irgendein übereifriger Sergeant wird ihn schon aufheben – und bewege mich Richtung Dusche, denn ich bin von oben bis unten durchgeschwitzt. Ich schließe mich in der Kabine ein, hole meinen Flachmann heraus, schraube den Deckel ab und sauge mich fest wie ein Floh. Ich sitze auf der Bank, die Beine taub, der Kopf so leer wie meine Seele, und schlucke meinen Hochprozentigen, als wär es Wasser. Ich lebe. Bin der Zone noch mal entkommen. Sie hat mich gehen lassen, das Miststück. Das alte Luder, so vertraut und doch so hinterhältig. Ich lebe. Die Neuen haben nicht die leiseste Ahnung, was das bedeutet. Das versteht nur ein Stalker, sonst keiner. Schon kullern mir Tränen über die Wangen – sei es von dem Hochprozentigen oder von irgendwas anderem, keine Ahnung. Ich leere den Flachmann bis zum letzten Tropfen, bin selber nass, die Pulle dagegen jetzt staubtrocken. Noch ein letzter Schluck, das wär schön gewesen. Egal, das kriegen wir auch noch hin. Jetzt kriegen wir alles hin. Ich lebe. Stecke mir eine Zigarette an und bleibe erst mal sitzen. Ich merke, wie es allmählich nachlässt. Mir fällt die Prämie ein. Bei uns im Institut ist das glasklar organisiert. Ich könnte sofort losziehen und mir den Umschlag abholen. Vielleicht bringen sie ihn sogar hierher, direkt in die Dusche.

Ich beginne mich auszuziehen. Als ich die Uhr ablege, fällt mir auf, dass wir über fünf Stunden in der Zone waren – meine Herren! Ich schüttle mich. Klar, in der Zone vergeht die Zeit wie im Flug. Aber fünf Stunden … Andererseits, was sind schon fünf Stunden für einen Stalker? Das ist wie einmal kurz hingespuckt und weggewischt. Wie wär’s mit zwölf? Oder mit zwei vollen Tagen? Du brauchst nur mal nachts nicht rechtzeitig fertig werden, schon liegst du den ganzen Tag über in der Zone, die Fresse im Dreck, betest nicht mal mehr, sondern faselst nur noch und hast keine Ahnung, ob du noch lebst oder schon tot bist. In der zweiten Nacht erledigst du dann alles, schaffst es mit dem Habar bis zur Absperrung, aber da sind die Mützen mit ihren MG-Streifen, die hassen dich und werden einen Teufel tun, dich zu verhaften, denn die fürchten dich wie die Pest, du könntest ja ansteckend sein, also machen sie dich lieber gleich kalt, sie haben schließlich alle Trümpfe in der Hand: Versuch mal zu beweisen, dass sie dich gesetzwidrig umgelegt haben. Also noch mal die Fresse in den Dreck, beten bis zum Morgengrauen und weiter, bis es wieder dunkel wird, neben dir der ganze Habar, und du hast keine Ahnung, ob er da einfach nur rumliegt oder dich allmählich umbringt. Oder wie bei Itzhak Knochenmann, der ist damals in aller Herrgottsfrühe auf offenem Feld stecken geblieben, war vom Weg abgekommen und plötzlich zwischen zwei Gräben gelandet – weder rechts noch links ging es weiter. Zwei Stunden lang schossen sie auf ihn, ohne ihn zu treffen. Zwei Stunden lang stellte er sich tot. Zum Glück glaubten sie es irgendwann und verzogen sich wieder. Als ich ihn danach wiedersah, hab ich ihn nicht mehr erkannt. Sie hatten ihn gebrochen, es war, als hätte es ihn nie gegeben …

Ich wische mir die Tränen ab und stelle das Wasser an. Ich wasche mich lange. Heiß, dann kalt, dann wieder heiß. Ein komplettes Stück Seife verbrauche ich. Dann reicht es mir. Als ich die Dusche abdrehe, hör ich, wie jemand gegen die Tür hämmert, und dann schreit Kirill fröhlich: »Hey, Stalker, komm raus da! Es riecht nach grünen Scheinchen!«

Grüne Scheinchen sind gut. Ich öffne die Tür, Kirill steht vor mir in der Unterhose, fröhlich, von Melancholie keine Spur, und streckt mir einen Umschlag entgegen.

»Da«, sagt er. »Mit herzlichem Dank von der Menschheit.«

»Deine Menschheit kann mich mal! Wie viel ist da drin?«

»Ausnahmsweise, in Anerkennung Ihres heldenhaften Verhaltens, hundert Prozent Gefahrenzulage!«

So lässt es sich leben. Würde man mir hier für jedes »Leerteil« mein Gehalt verdoppeln, hätte ich Ernest längst in die Wüste geschickt.

»Und, zufrieden?«, fragt Kirill. Er grinst von einem Ohr zum anderen.

»Kann nicht klagen«, sag ich. »Und du?«

Er sagt nichts. Stattdessen packt er mein Genick, zieht mich an seine verschwitzte Brust, drückt mich, schiebt mich wieder zurück und verschwindet in der Kabine nebenan.

»He!«, rufe ich ihm hinterher. »Was ist mit Tender? Wäscht er noch seine Unterhosen?«

»Von wegen! Der wird gerade von einem Haufen Korrespondenten belagert, das solltest du sehen, wie wichtig er tut. Und mit welcher Expertise er ihnen alles erklärt.«

»Mit welcher was?«

»Expertise.«

»Alles klar, Sir. Nächstes Mal nehm ich ein Wörterbuch mit, Sir.« 

Und dann durchzuckt es mich wie ein Stromschlag.

»Warte mal, Kirill. Komm kurz raus.«

»Ich hab aber nichts mehr an.«

»Komm schon, ich bin keine Tussi!«

Er kommt also raus. Ich packe ihn an den Schultern und drehe ihn um. Nein, war doch nur Einbildung. Der Rücken ist makellos. Nur etwas angetrockneter Schweiß.

»Was interessierst du dich plötzlich für meinen Rücken?«, fragt er.

Ich gebe ihm einen Klaps auf den nackten Hintern, verschwinde in meiner Duschkabine und schließe mich ein. Meine Nerven, verdammt. Ständig bilde ich mir Dinge ein, erst dort, dann hier … Zum Teufel damit! Heute lass ich mich so richtig volllaufen. Vielleicht zieh ich Richard diesmal sogar das Fell über die Ohren, das wär’s doch! Der Mistkerl spielt wirklich gut, alle Achtung. Egal, was du für ne Karte hast, du kriegst ihn nicht unter. Ich hab schon probiert, beim Mischen zu mogeln, Karten unterm Tisch gezinkt und alles Mögliche …

»Kirill!«, rufe ich. »Kommst du heute mit ins Borczch?«

»Das heißt nicht ›Borczch‹, sondern ›Borschtsch‹, wie oft soll ich dir das noch sagen?«

»Lass die Haarspalterei, da steht Borczch, und basta. Also, kommst du oder nicht? Ich will Richard heute über den Tisch ziehen.«

»Ich weiß nicht, Red. Du einfältige Seele hast offenbar noch gar nicht begriffen, was für ein Ding wir da angeschleppt haben.«

»Aber du schon?«

»Nein, ich begreife es genauso wenig. Aber erstens ist jetzt klar, wozu diese ›Leerteile‹ dienten, und zweitens, wenn meine Idee funktioniert … Meinen Artikel werde ich dir persönlich widmen: Für Redrick Shewhart, den ehrenhaften Stalker, in Ehrfurcht und Dankbarkeit.«

»Und dann geh ich für zwei Jahre in den Bau.«

»Aber auch in die Annalen der Wissenschaft ein. Am Ende wird das Teil noch nach dir benannt. ›Shewhart-Büchse‹, wie klingt das?«

Während wir so weiterreden, ziehe ich mich an. Stecke den leeren Flachmann in die Tasche, zähle die Scheinchen nach und mache mich auf den Weg.

»Na dann, viel Spaß beim Zuhausebleiben, du komplizierte Seele.«

Er antwortet nicht – das Wasser rauscht zu laut.

Im Gang sehe ich Tender höchstpersönlich, mit hochrotem Kopf steht er da, aufgeblasen wie ein Truthahn, umringt von einer Menschentraube – Mitarbeiter, Korrespondenten, dazwischen ein paar Sergeanten (die gerade vom Essen kommen und in ihren Zähnen herumstochern). Unbekümmert faselt er vor sich hin: »Die Technik, über die wir heute verfügen, garantiert uns nahezu hundertprozentig Erfolg und Sicherheit …« Als er mich sieht, schrumpft er sofort zusammen, lächelt unsicher und macht eine Handbewegung, aber ich denk mir, nichts wie weg hier. Gerade will ich mich vom Acker machen, da höre ich Schritte hinter mir.

»Mister Shewhart! Mister Shewhart! Nur ein paar Worte zur Garage!«

»Kein Kommentar«, antworte ich und fange an zu laufen, werde sie aber einfach nicht los. Schon läuft einer mit einem Mikro rechts und ein anderer mit einem Fotoapparat links neben mir her.

»Haben Sie in der Garage etwas Ungewöhnliches gesehen? Wirklich, nur ein Satz!«

»Kein Kommentar!«, wiederhole ich und versuche dem Objektiv auszuweichen. »Eine Garage wie jede andere auch …«

»Vielen Dank. Und was ist Ihre Meinung zu den Turboplattformen?«

»Tolle Sache«, antworte ich und nehme Kurs auf den Abort.

»Was glauben Sie, welchen Zweck hatte der Besuch?«

»Fragen Sie die Wissenschaftler«, sage ich, schlüpfe hinein und schließe die Tür.

Ich höre es draußen kratzen, also sage ich durch die verschlossene Tür: »Ein heißer Tipp für Sie: Fragen Sie doch mal Mister Tender, woher er seine rote Nase hat. Er ist zu bescheiden, um es von selbst zu erwähnen, dabei war dies das Interessanteste an unserem Abenteuer.«

Wie die Horde da auf einmal den Gang zurückgaloppiert! Ich warte eine Minute ab – alles still. Stecke den Kopf aus der Tür – keiner da. Und mache mich pfeifend davon. Beim Rausgehen zeige ich dem Lulatsch meinen Ausweis, und er salutiert. Ich bin wohl der Held des Tages.

»Rühren, Sergeant«, sag ich. »Ich bin mit Ihnen zufrieden.«

Er grinst bis über beide Ohren, als hätte ich ihm weiß Gott was für ein Kompliment gemacht.

»Mann, Roter, du bist ein Pfundskerl«, sagt er. »Ich bin stolz, dich zu kennen.«

»Soso«, sag ich, »dann hast du den Mädchen zu Hause in Schweden also was zu erzählen?«

»Keine Frage«, antwortet er. »Die werden sich in die Hosen machen vor Neid!«

Kein schlechter Kerl, der Junge. Eigentlich mag ich diese hochgewachsenen, rotbackigen Typen nicht. Die Mädchen sind ganz verrückt nach ihnen – fragt sich nur, warum? Es kommt doch nicht auf die Größe an … Ich geh also die Straße entlang und überlege, woran das wohl liegt. Die Sonne scheint, kein Mensch zu sehen. Und plötzlich wünsche ich mir, Guta wäre hier. Und ich könnte sie einfach anschauen und ihre Hand halten. Nach der Zone bleibt einem ja nicht viel mehr, als einem Mädchen die Hand zu halten. Besonders wenn man an all das Gerede über die Kinder von Stalkern denkt – wie die so werden … Aber was will ich mit Guta? Ich brauch jetzt erst mal eine Flasche Hochprozentigen – mindestens eine.

Als ich am Parkplatz vorbei bin, ist da eine Straßensperre. Zwei Streifenwagen in all ihrer Pracht, breit und gelb, die Scheinwerfer und MGs der Bullen starren nach allen Seiten, und da sind natürlich auch Blauhelme. Die ganze Straße haben sie blockiert, da ist kein Durchkommen. Ich geh weiter, schau zu Boden, besser jeden Blickkontakt vermeiden, tagsüber sollte mir keiner von denen unter die Augen kommen: Es gibt da nämlich so zwei, drei Fressen, wenn ich die wiedererkenne, gibt das, fürchte ich, einen Riesenärger. Die können von Glück sagen, dass Kirill mich ins Institut geholt hat, ich war den Schweinen damals nämlich auf der Spur und hätte sie fertiggemacht, ohne mit der Wimper zu zucken …

Ich schiebe mich, eine Schulter voraus, durch die Menschenmenge, bin schon fast am Ende, da höre ich plötzlich: »Hey, Stalker!« Tja, das bin ich nicht. Ich gehe also weiter, nehme mir eine Zigarette aus der Schachtel. Jemand holt mich von hinten ein und zieht mich am Ärmel. Ich schiebe die Hand weg, drehe mich leicht um und frage betont höflich: »Was soll das, Mister?«

»Warte, Stalker«, sagt er. »Zwei Fragen.«

Ich hebe den Blick: Es ist Captain Quarterblood. Ein alter Bekannter. Irgendwie macht er einen verschrumpelten Eindruck, sein Gesicht ist gelblich.

»Ah«, sag ich, »guten Tag, Captain. Wie geht es Ihrer Leber?«

»Lass die Mätzchen, Stalker«, antwortet er erbost und durchbohrt mich mit seinem Blick. »Sag mir lieber, warum du nicht stehen bleibst, wenn du angesprochen wirst?«

Zwei Blauhelme tauchen hinter ihm auf, die Pranken auf ihren Halftern abgelegt, die Augen verdeckt, nur die mahlenden Kiefer sind zu erkennen. Möchte nur wissen, wo in Kanada sie solche Typen auftreiben. Oder werden die hier speziell gezüchtet? Tagsüber macht mir so eine Streife eigentlich nichts, aber die Schnüffler könnten mich natürlich filzen, und das käme mir jetzt gar nicht gelegen.

»Haben Sie etwa mich gemeint, Captain?«, sag ich. »Sie haben doch nach einem Stalker gerufen.«

»Ach, du bist also auf einmal kein Stalker mehr?«

»Sie waren doch so nett, mich dafür einzubuchten. Also hab ich es danach lieber sein lassen«, antworte ich. »Hab Schluss gemacht damit. Besten Dank noch mal, Captain, Sie haben mir damals die Augen geöffnet. Wenn Sie nicht gewesen wären …«

»Was hattest du in der Pufferzone zu suchen?«

»Wie bitte? Ich arbeite da. Schon seit zwei Jahren.«

Um die lästige Unterhaltung abzukürzen, ziehe ich meinen Ausweis hervor und halte ihn Captain Quarterblood hin. Er nimmt das Geheft, blättert es durch, jede Seite, jeden einzelnen Stempel beschnüffelt er, fehlt nur noch, dass er mit der Zunge drüberleckt. Dann gibt er mir den Ausweis zurück. Seine Augen leuchten jetzt zufrieden, er ist sogar ein wenig rot im Gesicht.

»Tut mir leid, Shewhart. Das hatte ich nicht erwartet. Sind meine Ratschläge also doch nicht ganz umsonst gewesen. Prächtig, prächtig. Ob du’s glaubst oder nicht, ich hab mir schon damals gedacht, dass aus dir noch was Anständiges wird. Für mich war völlig ausgeschlossen, dass so ein Kerl wie du …«

Und so weiter und so fort. Warum, denk ich mir, muss ausgerechnet ich immer all diese Melancholiker therapieren? Aber ich höre natürlich brav zu, senke verschämt den Blick, nicke immer wieder, breite die Arme aus und bohre sogar mit der Fußspitze in der Bodenplatte herum. Die Schlägertypen hinter dem Captain hören eine Weile zu, dann wird es ihnen offenbar zu bunt, und ich sehe, wie sie abmarschieren, irgendwohin, wo mehr los ist. Der Captain verklickert mir einstweilen meine Perspektiven, nach dem Motto: Wissen ist Licht, Unwissen ist Finsternis, der Herr liebt den, der im Schweiße seines Angesichts … die ewiggleiche Leier, die uns der Priester im Knast jeden Sonntag vorgedudelt hat. Und die ganze Zeit über hab ich einen Brand, dass ich es kaum noch ertrage. Egal, Red, denk ich mir, das hältst du auch noch aus, Bruder. Das muss jetzt sein, Red, nur Geduld! Lang hält er dieses Tempo nicht durch, siehst du, er gerät schon außer Atem. Zu meinem Glück beginnt einer der Streifenwagen in diesem Augenblick zu hupen. Captain Quarterblood blickt sich um, grunzt ungehalten und streckt mir die Hand hin.

»Na dann«, sagt er. »Hat mich gefreut, mal die ehrliche Ausgabe von dir kennenzulernen, Shewhart. Vielleicht können wir das ja mal mit einem Gläschen begießen. Hochprozentiges darf ich zwar nicht, da haben meine Ärzte was dagegen, aber ein Bierchen trink ich gern mit dir. Aber, wie du siehst, der Dienst ruft! Also dann, wir sehen uns.«

Gott bewahre, denk ich mir. Aber die Hand drück ich ihm, mit rotem Kopf, und scharre mit dem Fuß – gerade so, wie es ihm gefällt. Dann geht er endlich, und ich sehe zu, dass ich ins Borczch komme.

Im Borczch ist zu dieser Zeit nichts los. Ernest steht an der Bar, poliert Gläser und prüft sie im Gegenlicht. Schon komisch: Wann immer man vorbeikommt, ständig wienern die Barkeeper irgendwelche Gläser, als hinge ihr Seelenheil davon ab. Den ganzen Tag steht er so da, nimmt ein Glas, kneift die Augen zusammen, hält es ins Licht, haucht es an, wienert daran herum, schaut erneut, diesmal von unten, und weiter geht’s mit dem Gewiener …

»Hallo, Ernie«, sag ich. »Lass das arme Ding in Frieden, du reibst noch ein Loch hinein!«

Er blickt mich durch das Glas an, brummt irgendwas, ganz tief aus dem Bauch heraus, und schenkt mir ohne ein weiteres Wort vier Finger breit von dem Hochprozentigen ein. Ich wuchte mich auf einen Hocker, nehme einen Schluck, kneife die Augen zu, schüttle den Kopf und trinke noch mal. Der Kühlschrank brummt, aus der Jukebox dringt ein leises Klimpern, Ernest haucht auf das nächste Glas – die Ruhe hier tut richtig gut … Ich trinke aus, stelle das Glas auf die Theke, und Ernest schenkt mir ohne Zögern noch mal vier Fingerbreit von dem Klaren nach.

»Na, schon besser?«, brummt er. »Taust langsam auf, Stalker?«

»Polier du nur schön weiter«, sag ich. »Weißt du, einer hat mal so lang rumpoliert, bis er einen bösen Geist weckte. Hat aber trotzdem glücklich weitergelebt.«

»Was war das für einer?«, fragt Ernie misstrauisch.

»Ein Barkeeper hier«, antworte ich. »Noch vor deiner Zeit.« »Und?«

»Nichts ›und‹. Warum, glaubst du, ist der Besuch überhaupt passiert? So viel, wie der ständig poliert hat … Wer hat uns da wohl besucht, hm?«

»Du alter Dummschwätzer«, sagt Ernie nicht unfreundlich.

Er geht in die Küche und kommt mit einem Teller Bratwürste zurück. Den stellt er vor mir ab, schiebt eine Flasche Ketchup dazu und kehrt zu seinen Gläsern zurück. Ernest ist Profi. Sein scharfer Blick registriert sofort, dass der Stalker aus der Zone kommt, dass es Habar geben wird, und Ernie weiß, was ein Stalker nach der Zone braucht. Er ist einer von uns, dieser Ernie. Ein richtiger Wohltäter.

Nach dem Essen rauche ich eine und überlege, wie viel Ernest an unsereiner so verdient. Was man in Europa für Habar so zahlt, weiß ich nicht, hab aber am Rande mitbekommen, dass so ein »Leerteil« dort zum Beispiel für knapp zweieinhalbtausend weggeht, uns aber gibt Ernie nur vierhundert. »Batterien« kosten dort mindestens einen Hunderter, wir dagegen kriegen, wenn’s hochkommt, zwanzig. Wahrscheinlich ist es bei allem anderen so ähnlich. Sicher, den Habar nach Europa zu liefern kostet auch Geld. Überall musst du was abdrücken, und der Chef der Zollstation ist wahrscheinlich auch auf deren Gehaltsliste. Wenn man’s bedenkt, macht Ernest also gar nicht so viel Reibach – fünfzehn Prozent vielleicht, höchstens zwanzig, und wenn er dabei auffliegt, sind ihm zehn Jahre Straflager garantiert.

In diesem Moment werden meine frommen Überlegungen

unterbrochen. Ich hab den Typen nicht mal reinkommen hören. Wie aus dem Nichts taucht er neben meinem rechten Ellenbogen auf und fragt höflich: »Gestatten?«

»Keine Frage«, sag ich. »Bitte sehr.«

Klein und schmächtig ist er, hat eine spitze Nase und trägt Fliege. Sein Konterfei hab ich irgendwo schon mal gesehen, nur wo, weiß ich nicht. Er erklimmt den Hocker neben mir und sagt zu Ernest: »Einen Bourbon bitte!«, und im nächsten Augenblick zu mir: »Verzeihen Sie, mir scheint, ich kenne Sie. Sie arbeiten im Internationalen Institut, nicht wahr?«

»Ja. Und Sie?«

Geschickt zieht er seine Visitenkarte aus der Tasche und legt sie vor mich auf den Tresen. Ich lese: »Alois Macnaught, bevollmächtigter Agent, Büro für Emigration«. Natürlich kenn ich ihn. Er macht sich an Leute ran, damit sie die Stadt verlassen. Irgendwer will unbedingt, dass wir alle hier wegziehen. Dabei ist von uns Harmontern sowieso nur noch knapp die Hälfte übrig, und trotzdem wollen sie den Ort ganz von uns befreien. Ich schiebe das Kärtchen mit dem Finger beiseite und sage: »Danke, kein Interesse. Wissen Sie, ich wünsche mir, in meiner Heimatstadt zu sterben.«

»Warum denn?«, fragt er schnell. »Verzeihen Sie die Indiskretion, aber was hält Sie hier?«

Klar, gerade dir erzähl ich jetzt brühwarm, was mich hier hält.

»Das liegt doch auf der Hand«, sag ich. »Süße Kindheitserinnerungen. Der erste Kuss im Stadtpark. Mama und Papa. Mein erstes Besäufnis, genau in dieser Bar. Das heiß geliebte Polizeirevier …« Ich ziehe ein vollgerotztes Taschentuch hervor und tupfe mir die Augen. »Nein, um nichts in der Welt!«

Er lacht, nippt an seinem Bourbon und sagt nachdenklich: »Euch Harmonter werde ich nie verstehen. Das Leben in der Stadt ist hart. Die Macht gehört militärischen Organisationen. Die Versorgung lässt zu wünschen übrig. Gleich nebenan liegt die Zone, ihr lebt wie auf einem Vulkan. Jeden Augenblick kann eine Epidemie ausbrechen, oder noch Schlimmeres. Die Alten kann ich ja noch verstehen, die sind hier verwurzelt, da fällt es schwer, sich zu lösen. Aber Sie … Wie alt sind Sie? Vielleicht zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, wenn’s hochkommt. Verstehen Sie, wir sind eine wohltätige Organisation, wir machen das nicht aus Eigennutz. Wir wollen einfach, dass die Menschen diesen Höllenort verlassen und ein besseres Leben beginnen. Wir garantieren Umzugsgeld und helfen bei der Arbeitssuche am neuen Wohnsitz. Jungen Leuten wie Ihnen zum Beispiel ermöglichen wir ein Studium … Also nein, ich verstehe das nicht!«

»Will denn wirklich keiner weg?«

»Nein, das nun auch wieder nicht. Manche sind durchaus bereit, vor allem Familien. Aber die Alten und die Jugend … Was findet ihr bloß an dieser Stadt? Das reinste Provinzloch.«

Das ist mein Stichwort.

»Mister Macnaught«, sag ich. »Sie haben absolut recht. Unser Städtchen ist ein Loch. Das war es schon immer und ist es noch heute. Aber jetzt ist es das Loch in die Zukunft. Durch dieses Loch bringen wir Dinge in Ihre miese Welt, die alles verändern werden. Ein neues Leben wird das sein, ein richtiges Leben, und jeder wird alles haben, was er braucht. Ja, so ein Loch ist das. Durch dieses Loch fließt Wissen zu uns. Und wenn das Wissen da sein wird, werden wir alle reich machen und zu den Sternen fliegen und überall hinkommen. So ein Loch ist das hier …«

Ich breche ab, denn ich merke, dass Ernest mich verblüfft anstarrt. Auf einmal ist mir das Ganze peinlich. Eigentlich wiederhole ich ungern, was andere Leute sagen, selbst wenn es mir gefällt. Zumal es bei mir immer irgendwie schief rauskommt. Wenn Kirill spricht, kannst du ihm stundenlang zuhören, da bleibt dir vor Staunen der Mund offen. Und eigentlich sag ich doch gerade genau dasselbe, aber irgendwie klingt es falsch. Vielleicht weil Kirill noch nie Habar an Ernest vertickt hat. Na, egal …

Jetzt kommt auch der gute Ernie wieder zu sich und schenkt mir eilig gleich sechs Fingerbreit nach: Komm zur Besinnung, Junge, was ist denn heute los mit dir? Derweil leckt der spitznasige Mister Macnaught wieder an seinem Bourbon und sagt: »Sicher, die ewigen Akkumulatoren, die ›blaue Panazee‹ … Aber glauben Sie denn wirklich, dass all das, was Sie sagen, auch so kommt?«

»Was ich wirklich glaube, lassen Sie mal meine Sorge sein«, antworte ich. »Ich hab von meiner Stadt gesprochen. Was mich selber angeht: Glauben Sie, ich hab nicht gesehen, wie es bei euch in Europa zugeht? Wie öde es bei euch ist? Tagsüber bist du auf Arbeit, abends siehst du fern, und nachts schlüpfst du zu deiner Tussi unter die Decke, um irgendwelche kleinen Bastarde zu produzieren. Eure Streiks, Demonstrationen, die schwachköpfige Politik … Ich scheiß auf euer blödes Europa.«

»Muss es denn unbedingt Europa sein?«

»Ach, es ist doch überall dasselbe in Grün, außer in der Antarktis, da ist es nämlich noch kalt dazu.«

Das Erstaunliche ist ja: Während ich ihn zutexte, glaube ich mit jeder Faser, was ich da sage. Unsere Zone, dieses verdammte, mörderische Luder, ist mir in diesem Augenblick hundertmal lieber als all diese Europas und Afrikas. Dabei bin ich noch gar nicht breit. Mir reicht schon die Vorstellung, wie ich völlig ausgelaugt von der Arbeit nach Hause fahre, zusammen mit all den anderen Idioten, mit denen ich dicht gedrängt in der Metro stehe, und wie mir alles zum Hals raushängt.

»Und was sagen Sie dazu?«, wendet sich der Spitznasige an Ernest.

»Ich hab hier mein Geschäft«, antwortet Ernie gewichtig. »Ich bin ja kein grüner Junge mehr. In diesen Laden hab ich all mein Geld investiert. Manchmal kommt sogar der Kommandant hier vorbei, immerhin ein General. Warum sollte ich also von hier wegziehen?«

Mister Alois Macnaught beginnt, ihm anhand von Zahlen irgendwas zu erläutern, aber ich höre schon nicht mehr hin. Stattdessen nehme ich einen kräftigen Schluck, krame etwas Kleingeld aus der Tasche, steige von dem Barhocker herunter und starte erst mal die Jukebox, und zwar mit voller Lautstärke. Da gibt es dieses eine Lied: »Komm erst wieder, wenn du so weit bist«. Das haut jedes Mal voll rein, wenn ich aus der Zone zurückkomme. Die Jukebox dröhnt also los, und ich nehm mein Glas und geh in die Ecke zum einarmigen Banditen, mit dem hab ich nämlich noch eine Rechnung offen. Und so fliegt die Zeit dahin wie ein Vogel …

Ich werfe gerade den letzten Nickel ein, als Richard Noonan und Gutalin in das gastfreundliche Gewölbe hereinschneien. Gutalin, bereits sternhagelvoll, stiert in der Gegend rum, wem er eins auf die Fresse geben könnte. Noonan hält ihn sanft am Arm und versucht ihn mit Witzchen bei Laune zu halten. Was für ein Duo: Gutalin ist ein schwarzer Muskelberg mit krausem Haar und ellenlangen Armen, Dick dagegen klein, rundlich, überall rosig und liebenswert – fehlt nur noch, dass er von innen leuchtet.

»Ah!«, ruft Dick, als er mich sieht. »Red ist da! Komm her, Red!«

»G-genau!«, brüllt Gutalin. »Es gibt ja nur zwei richtige Menschen in dieser Stadt: Red und mich! Alle anderen sind Schweine, Teufelspack. Du dienst zwar auch dem Satan, Red, aber du bist wenigstens ein Mensch …«

Ich nehme mein Glas und gehe zu ihnen. Gutalin packt mich an der Jacke, zieht mich an den Tisch und sagt: »Setz dich, Roter! Nimm Platz, Diener Satans! Ich liebe dich. Lass uns die Sünden der Menschheit beklagen. Und zwar bitterlich!«

»Gut, klagen wir«, sage ich. »Schlucken wir die Tränen der Sünde.«

»Denn es wird der Tag kommen«, verkündet Gutalin. »Aufgezäumt ist das fahle Pferd, und sein Reiter hat bereits seinen Fuß am Steigbügel. Vergebens sind die Gebete jener, die ihre Seele an den Satan verkauft haben. Nur diejenigen werden erlöst werden, die sich gegen ihn auflehnen. Ihr Menschenkinder, die ihr von Satan verführt seid, mit satanischem Spielzeug spielt, nach satanischen Schätzen giert, euch sage ich: Blind seid ihr! Kehrt um, Lumpenpack, solang es noch nicht zu spät ist! Zertretet den teuflischen Tand!« Plötzlich verstummt er, als ob er vergessen hätte, wie es weitergeht. Dann fragt er mit ganz anderer Stimme: »Bekomm ich hier was zu trinken? Oder wo bin ich hier überhaupt? … Weißt du, Roter, ich bin wieder mal gefeuert worden. Angeblich, weil ich agitiert hab. Ich hab ihnen zugerufen: Kehrt um, ihr Blinden, denn ihr werdet noch in den Abgrund stürzen und andere Blinde mit euch hinabziehen! Aber die haben nur gelacht. Also hab ich dem Chef eins aufs Maul gegeben und bin gegangen. Und jetzt wollen die mich einbuchten. Aber wofür?«

Da kommt Dick und stellt eine Flasche auf den Tisch.

»Heute geht alles auf mich!«, rufe ich Ernest zu.

Dick schaut mich schief an.

»Alles legal«, sag ich. »Wir versaufen heute meine Prämie.«

»Ihr wart in der Zone?«, fragt Dick. »Und, habt ihr was rausgeholt?«

»Ein volles ›Leerteil‹«, antworte ich. »Wir haben’s der Wissenschaft geopfert. Und die Hosen hatten wir auch voll. Schenkst du jetzt ein oder nicht?«

»Ein ›Leerteil‹!«, brummt Gutalin traurig. »Für ein leeres Teil hast du dein Leben riskiert! Du hast überlebt, dafür aber noch so ein Machwerk des Teufels in die Welt gebracht. Wie willst du denn wissen, Roter, wie viel Not und Sünde …«

»Halt den Rand, Gutalin«, fahre ich dazwischen. »Trink lieber, und freu dich, dass ich lebendig zurückgekommen bin. Auf den Erfolg, Jungs!«

Und dann geht es dahin. Gutalin ist schon völlig fertig – sitzt da und weint, aus seinen Augen fließt es wie aus einem Wasserhahn. Ich kenn das: Er hat immer mal wieder diese Phasen, wo er Tränen vergießt und in einer Tour von der Zone predigt, dass sie eine Versuchung des Teufels ist, dass man aus ihr nichts herausholen darf, und dass wir das, was wir bereits herausgeholt haben, wieder zurückbringen müssen und so weiterleben sollen, als gäbe es die Zone überhaupt nicht. Nach dem Motto: Dem Teufel, was des Teufels ist. Ich mag Gutalin. Überhaupt mag ich komische Käuze. Wenn er Geld hat, kauft er dem Erstbesten Habar ab, egal, für welchen Preis, ohne zu handeln, und dann bringt er das Zeug nachts in die Zone zurück und vergräbt es dort … Grundgütiger, jetzt flennt er aber! Na, wird sich schon wieder fangen.

»Was ist eigentlich ein ›volles Leerteil‹?«, fragt Dick. »Ich kenn nur einfache ›Leerteile‹, von einem vollen hör ich zum ersten Mal.«

Ich erklär’s ihm. Er schüttelt erstaunt den Kopf und schmatzt mit den Lippen.

»Hochinteressant«, sagt er. »Etwas ganz Neues. Mit wem warst du dort? Mit dem Russen?«

»Ja«, antworte ich. »Mit Kirill und Tender. Du weißt schon, unser Laborant.«

»Hattest sicher alle Hände voll zu tun mit den beiden.«

»Von wegen. Die Jungs haben sich sehr anständig geschlagen. Besonders Kirill. Ein geborener Stalker. Wenn er nur ein bisschen mehr Erfahrung hätte und man ihm seinen jugendlichen Überschwang austreiben könnte, würd ich jeden Tag mit ihm in die Zone gehen.«

»Und jede Nacht?«, fragt er und lacht beschwipst.

»Lass das. Das ist nicht lustig.«

»Ich weiß, dafür sollte ich eins aufs Maul bekommen. Gut, sagen wir, du hast bei mir zwei Ohrfeigen gut.«

»Zwei Ohrfeigen?«, fragt Gutalin und fährt auf. »Für wen? Wem soll ich eine verpassen?«

Wir packen ihn an den Armen und drücken ihn gerade noch so auf den Stuhl zurück. Dick steckt ihm eine Zigarette zwischen die Zähne und hält ihm sein Feuerzeug hin. Gutalin beruhigt sich wieder. Unterdessen wird der Laden immer voller. Schon kleben sie an der Bar, viele Tische sind besetzt. Ernest hat seine Mädels am Start, die jetzt ständig in Bewegung sind, mal Bier, mal Cocktails, mal einen Klaren servieren. Ich schau mir das Ganze an. In letzter Zeit sind in der Stadt viele Unbekannte aufgetaucht – immer häufiger irgendwelche jungen Hüpfer mit bunten Schals, die bis zum Boden reichen. Als ich Dick meine Beobachtung mitteile, nickt dieser.

»Kein Wunder«, sagt er. »Bei dem Bauboom. Das Institut plant drei neue Gebäude, und außerdem wollen sie eine Mauer zur Zone hin errichten – vom Friedhof bis zur alten Ranch. Die guten Zeiten für Stalker gehen zu Ende …«

»Wir hatten mal gute Zeiten? Wann war das?«, erkundige ich mich und denke: Das sind ja gute Nachrichten! Meinen Nebenjob kann ich damit vergessen. Na gut, vielleicht auch besser so – weniger Versuchung. Dann geh ich eben tagsüber in die Zone, wie normale Leute. Das bringt dann zwar weniger ein, ist aber wesentlich sicherer: Galosche, Spezialanzug und so, keine Polizeistreifen mehr … Zum Leben reicht mir mein Gehalt, und für die Sauferei müssen dann eben die Prämien herhalten. Und in diesem Augenblick packt mich die Schwermut: Du wirst wieder jeden Cent umdrehen müssen, dir dreimal überlegen, was du dir leisten kannst, für Gutas Lieblingsklamotten sparen, lieber ins Kino gehn statt in die Bar … Trübe Aussichten. Jeder Tag so grau wie alle anderen, wie jeder Abend und jede Nacht.

Während ich so dasitze und nachdenke, murmelt mir Dick ins Ohr: »Gestern im Hotel geh ich für einen Absacker an die Bar – sitzen da irgendwelche Neuen. Irgendwas stimmte mit denen nicht, das hab ich gleich gemerkt. Dann setzt sich einer von denen zu mir und will sich unterhalten. Als er endlich auf den Punkt kommt, macht er mir klar, dass er mich kennt, dass er weiß, wer ich bin und wo ich arbeite. Am Ende macht er so Andeutungen, dass er bereit ist, mich für verschiedenste Dienste gut zu bezahlen …«

»Ein Spitzel«, sag ich, ohne groß hinzuhören. Spitzel hab ich hier schon zur Genüge gesehen und von gut bezahlten Diensten oft genug gehört.

»Nein, mein Lieber, kein Spitzel. Hör zu. Ich hab mit ihm ein wenig geredet, vorsichtig natürlich, hab so getan, als wär ich schwer von Kapee. Er interessiert sich für gewisse Gegenstände in der Zone, und zwar die richtig guten Sachen. Akkus, ›Kribbler‹, ›schwarze Spritzer‹ und sonstiger Kinderkram sind ihm egal. Was genau er braucht, hat er aber nur angedeutet.«

»Und, was braucht er?«

»›Hexensülze‹, wenn ich ihn richtig verstanden hab«, sagt Dick und schaut mich irgendwie seltsam an.

»Ach, ausgerechnet ›Hexensülze‹!«, sag ich. »Darf’s vielleicht auch eine ›Todeslampe‹ sein?«

»Das hab ich ihn auch gefragt.«

»Und?«

»Stell dir vor, die braucht er auch.«

»So?«, sag ich. »Die kann er sich selber holen. Wo liegt das Problem? ›Hexensülze‹ gibt’s dort ganze Keller voll, die kannst du dort eimerweise rausschöpfen. Dein Begräbnis musst du aber selbst bezahlen.«

Dick schweigt und blickt mich prüfend an. Er lächelt nicht mal. Teufel, will der mich etwa anwerben? Und da dämmert es mir.

»Moment mal«, sag ich. »Wer war das genau? Sogar dem Institut ist es verboten, ›Sülze‹ zu untersuchen …«

»Korrekt«, sagt Dick seelenruhig und lässt mich dabei nicht aus den Augen. »Forschung, die eine potenzielle Gefahr für die Menschheit darstellt. Dämmert’s dir jetzt, wer das war?«

Gar nichts dämmert mir.

»Außerirdische?«, frag ich ihn.

Er bricht in schallendes Gelächter aus, klopft mir auf die Schulter und sagt: »Lass uns lieber noch einen trinken, du einfältige Seele!«

»Einverstanden«, sag ich, aber innerlich koche ich. Ich bin also eure ›einfältige Seele‹, ihr Hundesöhne!?

»Wach auf, Gutalin!«, sag ich. »Trinken wir noch einen.«

Aber Gutalin schläft. Hat seine schwarze Birne auf den schwarzen Tisch gelegt und schläft. Seine langen Arme hängen bis zum Boden herab. Dick und ich trinken ohne Gutalin weiter.

»Na gut«, sag ich. »Ich mag ja eine einfältige Seele sein, aber diesen Typen würd ich sofort melden. Ich hab meine Gründe, warum ich die Polizei nicht mag, aber in dem Fall würd ich sogar persönlich Meldung machen.«

»Aha«, sagt Dick. »Und die Polizei würde dich fragen, warum der Typ ausgerechnet dich angesprochen hat. Oder?«

Ich schüttle den Kopf.

»Egal. Du Dickwanst bist jetzt das dritte Jahr in der Stadt und warst noch nie in der Zone, ›Hexensülze‹ kennst du nur aus dem Kino. Vielleicht erlebst du ja mal in echt, was sie mit einem Menschen anstellt. Ich wette, du machst dir sofort in die Hose. Das ist furchtbares Zeug, mein Lieber. Es darf die Zone nicht verlassen … Du weißt, Stalker sind einfache Leute, denen geht es nur um das schnelle Geld, und zwar so viel wie möglich – aber so was hätte nicht mal Schleimer riskiert, Gott hab ihn selig. Sogar Aasgeier Burbridge lässt die Finger davon … Ich will gar nicht wissen, wer ›Hexensülze‹ brauchen könnte und wozu …«

»Klar«, sagt Dick, »stimmt schon alles. Ich habe nur keine Lust, verstehst du, dass man mich eines schönen Morgens in meinem Bett auffindet und ich ›Selbstmord‹ begangen habe. Ich bin kein Stalker, weißt du, aber auch ich bin eher einfach gestrickt, noch dazu Geschäftsmann, und ich mag das Leben. Ich lebe schon eine ganze Weile und hab mich inzwischen doch sehr dran gewöhnt …«

In diesem Augenblick ruft Ernest von seinem Tresen aus: »Mister Noonan! Telefon für Sie!«

»Verflucht«, sagt Dick verärgert. »Wahrscheinlich wieder so eine Reklamation. Die finden einen aber auch überall. Entschuldige, Red.«

Er steht auf und geht zum Telefon. Ich bleibe bei Gutalin und der Flasche zurück, und da mit Gutalin gerade nichts anzufangen ist, knöpfe ich mir die Flasche vor. Der Teufel soll diese Zone holen, nirgends entkommt man ihr! Wohin du auch gehst, mit wem du auch sprichst, immer nur die Zone, die Zone, die Zone … Ist ja schön und gut, wenn Kirill behauptet, dass die Zone uns ewigen Frieden und himmlisches Glück bringen wird. Kirill ist ein guter Kerl, und niemand wird ihn für bekloppt halten, im Gegenteil, er hat schon was auf dem Kasten – nur vom Leben hat er nicht den leisesten Schimmer. Was weiß er schon davon, wie viel übles Gesocks um die Zone herumschleicht. Zum Beispiel solche wie dieser Typ, der auf einmal »Hexensülze« haben will. Sicher, Gutalin mag eine Schnapsnase sein und eine religiöse Schraube locker haben, aber wenn man mal drüber nachdenkt, ist vielleicht doch etwas dran an dem Spruch: Lasst dem Teufel, was des Teufels ist. Wahrscheinlich sollten wir das Zeug einfach dort liegen lassen …

Auf einmal setzt sich einer auf Dicks Platz. Ein Grünschnabel mit buntem Schal.

»Mister Shewhart?«

»Ja?«

»Kreon ist mein Name«, sagt er. »Ich komme aus Malta.«

»Aha«, sag ich. »Und wie läuft es so bei euch in Malta?«

»Danke, nicht schlecht, aber darum geht es mir nicht. Ernest hat mich zu Ihnen geschickt.«

Aha, denk ich. Ernest ist doch ein Mistkerl. Dem fehlt jedes Mitgefühl. Da sitzt dieses unschuldige Jungchen, dunkler Teint, gut aussehend, hat sich wahrscheinlich noch nie rasiert und noch nie ein Mädchen geküsst, aber Ernest scheißt sich nichts – Hauptsache, er kriegt so viele Leute wie möglich in die Zone. Wenn von dreien einer mit Habar zurückkommt, lohnt sich für ihn der Aufwand …

»Und, wie geht’s dem alten Ernest so?«, frag ich.

Kreon dreht sich zum Tresen um und sagt: »Ich denke mal, nicht schlecht. Wenn ich könnte, würde ich durchaus mit ihm tauschen.«

»Ich nicht. Willst du einen Schluck?«

»Danke, ich trinke nicht.«

»Na, dann steck dir eine an.«

»Tut mir leid, Rauchen ist auch nicht meins.«

»Scher dich zum Teufel!«, sag ich ihm. »Wozu brauchst du dann das Geld?«

Er wird rot, sein Lächeln verschwindet, und er sagt leise: »Wahrscheinlich geht das nur mich etwas an, Mister Shewhart, oder?«

»Wo du recht hast, hast du recht«, sag ich und schenke mir vier Finger breit ein. Ich geb zu, in meinem Kopf rauscht es schon leicht, und in meinem Körper macht sich ein angenehm entspanntes Gefühl breit: Endlich hat mich die Zone ganz losgelassen.

»Im Augenblick bin ich betrunken«, sag ich. »Wie du siehst, feiern wir gerade. Ich war nämlich in der Zone, hab’s überlebt und sogar noch was verdient. Kommt nicht so oft vor, dass einer überlebt, und nur ganz selten, dass am Ende was dabei rausspringt. Aber übers Geschäft reden wir ein andermal …«

Er springt auf und entschuldigt sich, und jetzt sehe ich, dass Dick wieder zurück ist. Er bleibt neben seinem Stuhl stehen, und sein Gesicht verrät mir, dass irgendwas passiert sein muss.

»Na«, frag ich, »sind deine Vakuumflaschen wieder undicht?«

»Ja«, antwortet er. »Schon wieder.«

Er setzt sich, schenkt sich ein und mir nach, und ich begreife: Das war gar keine Reklamation. Reklamationen sind ihm, ehrlich gesagt, ziemlich schnurz – genau, so ernst nimmt er seinen Job.

»Trinken wir, Red«, sagt er und leert, ohne auf mich zu warten, sein Glas, um sich gleich darauf wieder nachzuschenken. »Weißt du … Kirill Panow ist tot.«

Ich bin schon derart benebelt, dass ich ihn erst gar nicht verstehe. Ist halt irgendwer gestorben, na und.

»Tja«, sag ich, »dann also darauf, dass er in Frieden ruht …«

Er schaut mich mit großen Augen an, und erst da spüre ich, wie alles in mir auseinanderbricht. Ich weiß nur noch, dass ich aufstehe, mich auf die Tischplatte stütze und ihn von oben herab anstarre.

»Kirill?!«

Vor meinen Augen wabert das silberne Spinnennetz, und ich höre wieder, wie es knisternd zerreißt. Und durch dieses schreckliche Knistern dringt Dicks Stimme wie aus einem anderen Zimmer zu mir: »Herzinfarkt. Sie haben ihn in der Dusche gefunden, nackt. Niemand weiß, was los ist. Sie haben nach dir gefragt, ich hab ihnen gesagt, dass mit dir alles in Ordnung ist …«

»Was gibt es da nicht zu verstehen?«, sag ich. »Die Zone …«

»Setz dich«, sagt Dick zu mir. »Setz dich und trink.«

»Die Zone«, sage ich wieder und wieder. »Die Zone. Die Zone.«

Alles ringsum ist jetzt verschwommen, ich sehe nur noch das silberne Spinnennetz. Die ganze Bar ist in dem Netz gefangen, es knistert leise, wenn die Menschen es mit ihren Bewegungen streifen. Und mittendrin steht der Malteser, sein kindliches Gesicht voller Verwunderung – er begreift überhaupt nichts.

»Junge«, sag ich sanft zu ihm. »Wie viel Geld brauchst du? Reichen tausend? Da! Nimm, nimm!« Ich halt ihm das Geld hin und fang auf einmal an zu schreien: »Los, geh zu Ernest und sag ihm, dass er ein Mistkerl ist und ein Schweinehund! Sag’s ihm ruhig, keine Angst! Und ein Feigling dazu! … Und dann geh sofort zum Bahnhof und kauf dir ein Ticket zurück nach Malta! Und mach unterwegs nirgends Halt!«

Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles schreie. Ich weiß nur, dass ich plötzlich an der Theke stehe, Ernest hat mir irgendwas Erfrischendes eingeschenkt und fragt: »Du bist heute wohl gut bei Kasse?«

»Ja, bin ich …«

»Vielleicht wäre das mal eine Gelegenheit, deine Schulden zu begleichen? Ich muss morgen nämlich Steuern zahlen.«

Erst jetzt entdecke ich das Bündel Scheine in meiner Faust. Ich betrachte das Grünzeug und murmle: »Ist ja irre, Malteser-Kreon hat’s nicht genommen … Hat wohl seinen Stolz … Tja, Schicksal.«

»Was ist los mit dir?«, fragt Freund Ernie. »Etwas zu tief ins Glas geguckt?«

»Nein«, antworte ich. »Mir geht’s prächtig. Bereit zu allen Schandtaten.«

»Geh besser nach Hause«, sagt Freund Ernie. »Du hast etwas zu viel intus.«

»Kirill ist tot«, sag ich zu ihm.

»Welcher Kirill? Der grindige?«

»Selber grindig, du Hurensohn. Tausende von deiner Sorte können Kirill nicht das Wasser reichen. Ein Schwein bist du, eine stinkende Krämerseele. Treibst Handel mit dem Tod und hast uns alle mit deinen grünen Scheinchen gekauft. Wie wär’s, wenn ich dir deinen Scheißladen demoliere?«

Ich will gerade ausholen, da packt mich plötzlich einer und zerrt mich irgendwohin. Ich kapier überhaupt nichts mehr und will auch nichts kapieren. Ich brülle irgendwas, schlage um mich, trete jemanden, und als ich wieder zu mir komme, sitze ich in der Toilette, klitschnass, mit eingeschlagener Fresse. Ich schau in den Spiegel und erkenne mich nicht wieder. Die eine Hälfte meines Gesichts zuckt wie wild, so was hab ich noch nie gehabt. Aus dem Saal dringt Lärm herüber, etwas kracht ein, Geschirr zerbricht, Mädchen kreischen, und Gutalin brüllt dazu wie ein brünstiger Eisbär: »Bekennt eure Schuld, ihr Parasiten! Wo ist Red? Wo habt ihr den Roten hingetan, ihr Teufelsbrut?«

Eine Polizeisirene heult los, und im selben Augenblick klart es in meinem Hirn plötzlich wieder auf. Ich erinnere mich an alles, weiß alles, begreife alles. Und fühle nichts mehr in meinem Herzen – nur eiskalte Wut. Also gut, denk ich mir, jetzt sorg ich dafür, dass du den Abend so bald nicht mehr vergisst. Ich zeig dir, was ein Stalker ist, du stinkende Krämerseele. Aus meiner Westentasche ziehe ich einen »Kribbler«, einen ganz neuen, noch nie gebrauchten, knete ihn ein paarmal, um ihn in Gang zu bringen, öffne leicht die Tür zum Schankraum und lasse ihn vorsichtig in einen Spucknapf gleiten. Dann öffne ich das Fenster in der Toilette und klettere hinaus. Nur zu gern würd ich mit ansehen, was da gleich abgeht, aber ich muss weg hier. Ich vertrage »Kribbler« nicht, kriege Nasenbluten davon.

Ich laufe über den Hof und höre, wie mein »Kribbler« zu wirken beginnt. Erst fangen die Hunde im ganzen Viertel zu heulen an – die wittern den »Kribbler« als Erste. Und dann beginnt einer im Lokal zu schreien, dass es mir sogar hier noch in den Ohren pfeift. Ich stell mir das Chaos da drinnen vor: Die einen werden melancholisch, andere packt die wilde Raserei, die Nächsten wissen vor Angst nicht mehr aus noch ein … Der »Kribbler« hat schlimme Folgen – Ernest wird sein Lokal so bald nicht mehr voll bekommen. Klar, das Schwein wird sich schon denken, dass ich das war, aber das ist mir scheißegal. Mir reicht’s. Der Stalker Red existiert nicht mehr. Ich hab genug davon, mich ständig in Todesgefahr zu begeben oder anderen Idioten dasselbe beizubringen. Du hast dich getäuscht, Kirill, mein Freund. Es tut mir leid, aber nicht du hast recht behalten, sondern Gutalin. Die Menschen haben hier nichts zu suchen. Die Zone hält nichts Gutes für uns bereit.

Ich klettere über den Zaun und geh langsam nach Hause. Ich beiß mir auf die Lippen, will weinen, kann aber nicht. Ich seh nur noch Leere vor mir, Schwermut und trostlose Eintönigkeit. Kirill, mein einziger Freund, was wird jetzt aus uns beiden? Was soll ich jetzt ohne dich? Du hast mir eine große Zukunft versprochen, eine neue, andere Welt … Und jetzt? Irgendwer in Russland wird wohl um dich weinen, aber ich kann jetzt nicht. Dabei bin ich an allem schuld, nicht irgendwer, sondern ich! Wie konnte ich Parasitenschwein es wagen, ihn in die Garage zu führen, bevor sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten? Mein ganzes Leben hab ich als Wolf gelebt, immer nur an mich selbst gedacht … Und dann will ich einmal in hundert Jahren jemandem was Gutes tun, ihm ein kleines Geschenk machen. Warum zum Teufel musste ich ihm unbedingt von dem »Leerteil« erzählen? Wenn ich daran denke, spür ich einen Kloß im Hals, ich könnte losheulen wie ein Wolf. Wahrscheinlich tue ich das auch, denn die Leute weichen plötzlich vor mir aus. Aber dann wird mir auf einmal leichter – ich sehe Guta vor mir.

Sie kommt mir entgegen, meine Schöne, mein Mädchen, sie kommt, bewegt ihre wohlgeformten Beine, der Rock schwingt sanft um ihre Knie, aus allen Hauseingängen schaut man ihr nach, sie aber geht schnurgerade, schaut niemanden an, und ich spüre sofort, dass sie mich sucht.

»Hallo, Guta«, sag ich. »Wohin so spät am Abend?«

Sie mustert mich, erfasst mit einem Blick meine lädierte Visage, die nasse Jacke, die zerschrammten Fäuste. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, sagt sie nur: »Hallo, Red. Ich hab dich gesucht.«

»Ich weiß«, sag ich. »Gehen wir zu mir.«

Sie schweigt, wendet sich ab und blickt zur Seite. Oh, wie sie ihren Kopf hält, und dieser Hals, wie bei einer jungen Stute, stolz und doch gefügig. Dann sagt sie: »Ich weiß nicht, Red. Vielleicht willst du mich ja gar nicht mehr sehen.«

Mein Herz krampft sich zusammen – was kommt jetzt noch? Aber ich beherrsche mich und antworte: »Das kapier ich nicht, Guta. Entschuldige bitte, ich bin heute ein wenig, du weißt schon, vielleicht stehe ich deswegen auf der Leitung … Aber warum sollte ich dich auf einmal nicht mehr sehen wollen?«

Ich hake mich bei ihr ein, und wir schlendern in Richtung meiner Wohnung. Sofort verziehen sich all die Visagen, die sie eben noch angestarrt haben. Ich lebe schon mein ganzes Leben auf dieser Straße, den roten Red kennt hier jeder. Und wer mich nicht kennt, lernt mich schnell kennen und vergisst mich so bald nicht wieder.

»Mutter sagt, ich soll abtreiben«, sagt Guta auf einmal. »Aber ich will nicht.«

Erst nach ein paar Schritten beginne ich zu begreifen, aber Guta spricht einfach weiter: »Ich will keine Abtreibung, ich will ein Kind von dir. Mir ist egal, was du sagst. Wenn du willst, mach Schluss, ich halte dich nicht auf.«

Ich höre ihr zu, wie sie langsam in Fahrt gerät, sich selbst in Rage redet. Stumm höre ich ihr zu, sprachlos vor Überraschung. Ich versteh das nicht. In meinem Kopf dreht sich wirres Zeug: ein Mensch weniger, ein Mensch mehr.

»Ständig redet sie auf mich ein«, sagt Guta, »ein Kind von einem Stalker, willst du etwa eine Missgeburt in die Welt setzen? Mit einem Tunichtgut wie dem, sagt sie, wirst du niemals eine Familie haben. Heute läuft er frei herum, morgen sitzt er im Gefängnis. Aber mir ist das egal, ich bin zu allem bereit. Ich schaff das auch allein. Ich bring es allein zur Welt, zieh es allein groß und mache allein einen Menschen daraus. Ich komm auch ohne dich klar. Und lass dich ja nicht mehr bei mir blicken – du kommst mir nicht ins Haus …«

»Guta«, sag ich, »mein Mädchen! Warte doch mal …« Und dann platzt es schließlich aus mir heraus: ein nervöses, bescheuertes Lachen. »Meine Süße, willst du mich wirklich fortjagen?«

Und ich lache, lache wie der letzte Idiot, während sie stehen bleibt, sich an meine Brust schmiegt und weint.

»Was machen wir jetzt bloß, Red?«, sagt sie mit tränenerstickter Stimme. »Was machen wir jetzt?«

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2

 

Redrick Shewhart, 28 Jahre, verheiratet, ohne feste

Beschäftigung

 

Redrick Shewhart lag hinter dem Grabstein, hatte mit einer Hand den Vogelbeerzweig zur Seite gebogen und blickte auf die Straße. Die Scheinwerfer des Streifenwagens zuckten über den Friedhof hinweg. Von Zeit zu Zeit trafen sie ihn im Gesicht, dann kniff er die Augen zusammen und hielt den Atem an.

Zwei Stunden waren bereits vergangen, aber auf der Straße hatte sich nichts verändert. Das Fahrzeug stand immer noch da, der Motor brummte monoton im Leerlauf, und die drei Scheinwerfer streiften immer noch über die verlassenen Gräber, über die schiefen, verrosteten Kreuze und Platten und die wuchernden Vogelbeersträucher und fuhren den Grat der drei Meter hohen Mauer ab, die weiter links endete. Die Offiziere im Streifenwagen hatten Angst vor der Zone. Sie stiegen nicht mal aus und trauten sich hier, direkt neben dem Friedhof, auch nicht zu schießen. Von Zeit zu Zeit vernahm Redrick ihre gedämpften Stimmen oder sah eine Zigarettenkippe in hohem Bogen aus dem Wagen fliegen und dann hüpfend die Straße entlangrollen, wobei schwache rötliche Funken aufstoben. Es war sehr feucht, vor Kurzem hatte es geregnet, sogar durch den wasserdichten Overall war die nasse Kälte zu spüren.

Weiter: Teil 3 von 7