Stalker
Stalker
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
»Geht das denn, zwischen den Hügeln durch, Mister Shewhart?«, fragte Arthur mit gedämpfter Stimme. Er stand jetzt direkt neben ihm und studierte ebenfalls die Karte.
»Das werden wir schon sehen«, sagte Redrick. Er schaute noch immer auf die Karte, in die noch zwei weitere Kreuzchen eingezeichnet waren: eines am Abhang des Hügels mit dem Baum, das andere auf dem Geröllfeld. Pudel und Nerd. Der Pfad verlief genau zwischen den beiden hindurch. »Das werden wir schon sehen«, wiederholte er, faltete die Karte zusammen und steckte sie in die Tasche.
Er musterte Arthur und fragte: »Wie war dein Stuhl?«, erwartete aber keine Antwort, sondern gab die Anweisung: »Hilf mir den Rucksack aufsetzen … Wir gehen so weiter wie bisher.« Er schüttelte den Rucksack durch und rückte sich die Riemen zurecht. »Du gehst voraus, und zwar so, dass ich dich ständig im Blick habe. Sieh dich nicht um, und immer schön die Ohren gespitzt. Mein Befehl ist Gesetz. Denk dran, wir werden viel kriechen müssen, also versuch gar nicht erst, sauber zu bleiben. Wenn ich es dir sage, haust du deine Fresse in den Schlamm, und zwar ohne lange Diskussion. Und mach deine Jacke zu. Bereit?«
»Bereit«, antwortete Arthur tonlos. Er war mächtig nervös. Die Röte seiner Wangen hatte sich verflüchtigt, als hätte es sie nie gegeben.
»Das erste Ziel ist da drüben.« Redrick deutete mit einer scharfen Handbewegung auf den nächstgelegenen Hügel, etwa einhundert Meter vom Bahndamm entfernt. »Alles klar? Abmarsch.«
Arthur atmete gepresst aus, machte einen Schritt über das Gleis und begann seitlich den Damm hinabzusteigen. Schotter löste sich und rollte laut den Hang hinunter.
»Nicht so wild«, sagte Redrick. »Es besteht keine Eile.«
Er trat ebenfalls vorsichtig den Abstieg an, glich das Gewicht des schweren Rucksacks routiniert mit den Beinmuskeln aus und behielt dabei stets Arthur im Auge. Der Junge hat Angst, dachte er. Gut so. Wahrscheinlich hat er eine Vorahnung. Wenn er das gleiche Gespür hat wie sein alter Herr, schwant ihm was, hundertpro. Wenn du gewusst hättest, Aasgeier, welche Wendung die ganze Sache nimmt. Wenn du gewusst hättest, dass ich diesmal auf dich höre. An der Stelle kommst du allein nicht durch, Roter. Ob du willst oder nicht, du brauchst einen zweiten Mann. Ich kann dir jemanden von meinen Milchbärten mitgeben, einen, um den es nicht schade ist … Du hast mich überredet. Zum ersten Mal im Leben hab ich mich auf so was eingelassen. Aber egal, dachte er. Vielleicht geht es ja doch gut aus, ich bin schließlich nicht Aasgeier, vielleicht fällt uns ja was ein …
»Halt!«, rief er Arthur zu.
Der Junge blieb stehen, bis zum Knöchel in rostrotem Wasser. Als Redrick ihn erreichte, hatte ihn der Morast bereits bis an die Knie eingezogen.
»Siehst du den Felsen?«, fragte Redrick. »Da, beim Hügel. Bis dahin.«
Arthur setzte sich in Bewegung. Redrick ließ ihn zehn Schritt vorausgehen und folgte dann nach. Der Morast schmatzte unter den Füßen und stank. Es war toter Morast – weder Mücken noch Frösche gab es darin, selbst die Weiden hier waren vertrocknet und morsch. Redrick behielt wie gewohnt die Umgebung im Auge, aber noch schien alles ruhig zu sein. Der Hügel kam allmählich näher, schob sich vor die noch immer relativ niedrig stehende Sonne und versperrte schließlich den gesamten östlichen Teil des Himmels. Als sie den Felsen erreicht hatten, warf Redrick einen Blick zurück zum Bahndamm. Dieser war von der Sonne hell erleuchtet, ein Zug mit zehn Loren stand darauf, einige davon waren entgleist und lagen auf der Seite, und die Böschung darunter war von dem herausgekippten Gestein rötlich gefärbt. In weiter Ferne, Richtung Steinbruch, nördlich des Zuges, brachte ein trübes, in bunten Farben schillerndes Flimmern die Luft über den Gleisen in Bewegung, von Zeit zu Zeit flammten darin blitzartig kleine Regenbogen auf und erloschen sogleich wieder. Redrick betrachtete dieses Flimmern, spuckte trocken aus und wandte sich ab.
»Weiter«, sagte er, und Arthur drehte ihm sein nervöses Gesicht zu. »Siehst du die Lumpen da hinten? Nein, nicht da, wo schaust du denn hin? Da drüben, weiter rechts.«
»Ja«, sagte Arthur.
»Der da war ein gewisser Schlitzohr. Ist schon länger her. Damals hat er nicht auf die Erfahreneren hören wollen, und jetzt liegt er da, um klugen Leuten den Weg zu zeigen. Und jetzt schau mal zwei Fingerbreit weiter nach rechts von diesem Schlitzohr … Hast du den Punkt? Hast du ihn dir gemerkt? Ungefähr da, wo das Weidengebüsch etwas dichter wird, da wollen wir hin. Vorwärts!«
Sie gingen jetzt parallel zum Bahndamm. Mit jedem Schritt wich das Wasser unter ihren Füßen zurück, und bald marschierten sie über trockene, federnde Grasbüschel. Auf der Karte ist hier überall nichts als Sumpf, dachte Redrick. Sie ist nicht mehr auf dem neuesten Stand. Burbridge ist ja länger nicht mehr hier gewesen, deshalb ist sie veraltet. Das ist schlecht. Natürlich ist es einfacher, auf trockenem Grund zu gehen, aber mir wär es trotzdem lieber, wenn hier überall Sumpf wäre … Wie der auf einmal ausschreitet, dachte er. Wie auf dem Central Boulevard.
Arthur war offenbar wieder bei guter Laune und machte jetzt große Schritte. Die eine Hand in der Tasche, schwang er mit der anderen fröhlich aus, als befände er sich auf einem Spaziergang. Redrick kramte in seiner Hosentasche, zog eine vielleicht zwanzig Gramm schwere Mutter hervor, zielte und warf sie ihm an den Kopf. Sie traf Arthur mitten im Genick. Der Junge schrie auf, hielt sich die Arme vor den Kopf, krümmte sich und sackte im trockenen Gras zusammen. Redrick blieb bei ihm stehen.
»So was kann hier passieren, Archie«, sagte er mahnend. »Das hier ist keine Flaniermeile, auf der wir einfach so herumspazieren.«
Arthur erhob sich langsam. Sein Gesicht war vollkommen weiß.
»Alles klar?«, fragte Redrick.
Arthur schluckte und nickte.
»Na prima. Sollte das noch mal vorkommen, kriegst du von mir eins auf die Fresse. Wenn du dann noch am Leben bist. Vorwärts!«
Aus dem Jungen hätte ein Stalker werden können, dachte Redrick. Sie hätten ihn wahrscheinlich den Schönen getauft. Der Schöne Archie. Wir hatten schon mal einen Schönen, der hieß damals Dixon, jetzt aber heißt er Ziesel. Der einzige Stalker, der jemals in einen »Fleischwolf« geraten ist und überlebt hat. Reines Glück. Er, dieser komische Kauz, glaubt bis heute, dass Burbridge ihn aus dem »Fleischwolf« rausgezogen hat. Von wegen. Aus einem »Fleischwolf« zieht dich keiner raus. Aus der Zone hat er ihn rausgeschleppt, das stimmt. Diese Heldentat hat Burbridge tatsächlich zuwege gebracht. Er hatte aber auch keine andere Wahl. Seine Sperenzchen hatten damals längst alle satt, und die Jungs hatten ihm unmissverständlich klargemacht: Wehe, du kommst allein zurück! Damals bekam Burbridge den Spitznamen Aasgeier, vorher hatten ihn alle Schlepper genannt.
Plötzlich nahm Redrick an der linken Wange einen kaum merklichen Lufthauch wahr, und schon im nächsten Augenblick rief er, noch bevor er überhaupt an irgendetwas denken konnte: »Halt!«
Er streckte die Hand nach links aus. Dort war der Luftstrom deutlicher zu spüren. Irgendwo zwischen ihnen und dem Bahndamm hatte sich eine »Mückenglatze« breitgemacht. Vielleicht reichte sie sogar bis direkt an den Damm – von irgendwas mussten die Loren ja umgekippt sein. Arthur stand da wie festgenagelt, er hatte sich nicht mal umgedreht.
»Etwas mehr nach rechts«, befahl Redrick. »Vorwärts.«
Aus ihm wäre wirklich kein schlechter Stalker geworden … Teufel, hab ich jetzt etwa Mitleid mit ihm? Das fehlte noch. Hat etwa irgendwer mit mir irgendwann mal Mitleid gehabt? Moment mal, eigentlich schon. Kirill hat Mitleid gehabt. Dick Noonan. Wobei er wahrscheinlich weniger mich bemitleidet, sondern sich an Guta ranmacht, aber vielleicht hat er ja doch auch Mitleid, bei anständigen Leuten steht das eine dem anderen nicht im Weg. Ich dagegen muss mit niemandem Mitleid haben. Ich habe die Wahl: entweder, oder. Zum ersten Mal führte er sich in aller Deutlichkeit diese Wahl vor Augen: entweder dieser Junge oder mein Äffchen. Da gibt es doch nichts zu wählen, es ist alles klar. Allerdings nur, wenn das Wunder auch wirklich möglich ist, flüsterte ihm eine skeptische Stimme zu. Entsetzen packte ihn, und verbissen brachte er die Stimme in sich zum Schweigen.
Sie passierten den Haufen grauer Stofffetzen. Von Schlitzohr selbst war nichts mehr übrig, nur etwas entfernt lag im vertrockneten Gras ein langer, völlig verrosteter Stab – ein Minensuchgerät. Eine Zeit lang hatten einige mit solchen Minensuchgeräten gearbeitet, die sie heimlich den Armeeintendanten abgekauft hatten. Sie verließen sich auf diese Teile wie auf den Herrgott selbst, doch dann kamen gleich zwei mit solchen Suchern ausgerüstete Stalker innerhalb weniger Tage um, erschlagen von unterirdischen Entladungen, und die ganze Geschichte fand ein jähes Ende. Aber wer war denn nun dieser Schlitzohr? Hatte Aasgeier ihn hierhergebracht, oder war er allein gekommen? Und warum zog es sie alle zu diesem Steinbruch? Warum hab ich davon nie etwas gehört? Verflucht, die Sonne brennt vielleicht! Und das am frühen Morgen, wie soll das noch werden?
Arthur, der etwa fünf Schritt vorausging, hob die Hand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Redrick schielte zur Sonne, die noch nicht sonderlich hoch stand. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass das trockene Gras unter den Füßen nicht mehr raschelte wie zuvor, sondern gleichsam quietschte wie Kartoffelmehl, auch war es nicht mehr stachelig und hart, sondern weich und nachgiebig – es zerfiel unter den Stiefeln zu Staub wie Rußfetzen. Kaum erblickte er Arthurs deutlich in den Boden eingedrückte Spuren, warf sich Redrick auch schon zu Boden und schrie: »Hinlegen!«
Er fiel mit dem Gesicht nach unten ins Gras, das unter seiner Wange zerstob, und knirschte mit den Zähnen vor Wut, weil sie so ein Pech hatten. Er blieb liegen, versuchte, sich nicht zu bewegen, und hoffte immer noch, dass es vorbeiziehen würde, obwohl er bereits wusste, dass es sie erwischt hatte. Die Hitze wurde immer stärker, legte sich auf ihn, umhüllte seinen ganzen Körper wie ein in kochendes Wasser getränktes Laken, dass ihm der Schweiß in die Augen floss. Erst viel zu spät rief er Arthur zu: »Nicht bewegen! Halt es aus!«, und versuchte, es selbst auszuhalten.
Er hätte es auch ausgehalten, alles wäre glatt abgelaufen, und am Ende wären sie nur ziemlich nassgeschwitzt gewesen – doch dann drehte Arthur durch. Vielleicht hatte er den Zuruf nicht gehört, vielleicht war seine Panik ins Unermessliche gestiegen, vielleicht brannte es auf ihn sogar noch stärker herab als auf Redrick – jedenfalls verlor er die Kontrolle über sich und rannte blindlings zurück, geduckt und mit kehligen Schreien, von einem sinnlosen Instinkt getrieben, genau in die Richtung, in die er jetzt keinesfalls laufen durfte. Redrick schaffte es gerade noch, sich aufzurichten und ihn mit beiden Händen am Bein zu packen. Arthur schlug der Länge nach hin, wirbelte eine Aschewolke auf, verfiel in ein unnatürlich hohes Kreischen, rammte Redrick den freien Fuß ins Gesicht, schlug zuckend um sich, und obwohl Redrick selbst vor Schmerz kaum noch denken konnte, schob er sich unerbittlich über Arthur, presste sein verbranntes Gesicht gegen die Lederjacke, versuchte, ihn auf dem Boden zu halten, ihn in die Erde hineinzudrücken, hielt den zuckenden Kopf mit beiden Händen an den langen Haaren gepackt und hämmerte wild mit seinen Stiefelspitzen und Knien gegen Beine, Boden und Hintern. Undeutlich vernahm er das Stöhnen und Jammern, das von unten heraufdrang, und sein eigenes heiseres Brüllen: »Bleib liegen, du Vollidiot, sonst bring ich dich um!«, während jemand von oben haufenweise glühende Kohlen auf ihn zu schaufeln schien. Schon loderte seine Kleidung, Blasen werfend platzte die Haut an den Beinen und Flanken auf, und während er krampfhaft die Stirn in die graue Asche presste, um mit der Brust den Kopf dieses verfluchten Grünschnabels zu fixieren, hielt er es selbst nicht mehr aus und brüllte aus Leibeskräften los …
Wann es aufgehört hatte, wusste er nicht mehr. Er begriff nur, dass er wieder atmen konnte, dass die Luft wieder Luft war, nicht mehr glühender Dampf, der einem die Kehle verbrannte, und ihm wurde klar, dass sie sich beeilen, sich so schnell wie möglich aus diesem teuflischen Kohlebecken davonmachen mussten, bevor es erneut auf sie herabsank. Er glitt von Arthur herunter, der vollkommen unbeweglich dalag, klemmte sich dessen Beine unter den einen Arm und kroch, sich auf den anderen Arm stützend, los. Dabei ließ er jene Linie nicht aus den Augen, hinter der wieder das Gras begann – totes, trockenes, stacheliges, aber immerhin echtes Gras, das ihm jetzt als letzter Hort des Lebens erschien. Asche knirschte auf seinen Zähnen, noch immer drückte Resthitze auf sein verbranntes Gesicht, Schweiß rann ihm in die Augen – wahrscheinlich, weil er jetzt weder Brauen noch Wimpern hatte. Arthur schleifte hinter ihm über den Boden, schien sich absichtlich mit seiner verfluchten Jacke verheddern zu wollen, Redricks verbrühter Hintern brannte, und bei jeder Bewegung stieß ihm der Rucksack in den verkohlten Nacken. In all dem Schmerz und der stickigen Luft kam ihm plötzlich der schreckliche Gedanke, dass er am ganzen Körper verbrüht war und das Ziel nicht mehr würde erreichen können. Vor lauter Angst bewegte er den freien Ellenbogen und die Knie noch stärker, presste die schändlichsten Flüche, die ihm nur in den Sinn kamen, durch seine ausgetrocknete Kehle, und plötzlich fiel ihm ein, und sein Herz hüpfte vor verrückter Freude, dass er unter seinem Hemd immer noch den beinahe vollen Flachmann trug, mein alter Freund und Kumpel, lässt mich nicht im Stich, Hauptsache ankommen, los, noch ein wenig, komm schon, Red, komm, Roter, so, so, und noch einmal, bei Gott und allen Engeln, denen am Nordpol und denen unter dreißig Decken, bei allen Außerirdischen und bei Aasgeiers Seele …
Dann blieb er lange liegen, das Gesicht und die Arme in kaltes, rostiges Wasser getaucht, und atmete genussvoll die nach Fäulnis stinkende Kühle ein. Hundert Jahre wäre er am liebsten so liegen geblieben, doch dann richtete er sich widerstrebend auf, warf im Knien den Rucksack ab, kroch auf allen vieren zu Arthur hinüber, der noch immer völlig reglos etwa dreißig Schritte von dem Sumpfloch entfernt lag, und drehte ihn auf den Rücken. Tja, das war mal ein gut aussehender Junge gewesen. Jetzt trug das sonst so geleckte Bubigesicht eine schwarzgraue Maske aus getrocknetem Blut und Asche, und einige Sekunden lang musterte Redrick mit stumpfsinniger Neugier die länglichen Furchen, die Bulten und Steine in dieser Maske hinterlassen hatten. Dann stand er auf und zog Arthur hinter sich her zum Wasser. Arthur atmete heiser und stöhnte von Zeit zu Zeit. Redrick warf ihn mit dem Gesicht voraus in die größte Pfütze, ließ sich daneben hinfallen und gab sich selbst der nassen, eisigen Liebkosung hin. Arthur begann zu blubbern und sich zu regen, zog die Arme unter sich und hob den Kopf. Die restlos verwirrten Augen weit aufgerissen, schnappte er gierig nach Luft, spuckte aus und hustete. Dann wurde sein Blick allmählich wieder klar und heftete sich auf Redrick.
»Brrr …«, machte er und schüttelte den Kopf, dass das schmutzige Wasser in alle Richtungen spritzte. »Was war das, Mister Shewhart?«
»Der Tod«, sagte Redrick undeutlich und hustete. Er betastete sein Gesicht. Es tat weh. Die Nase war angeschwollen, aber Brauen und Wimpern waren seltsamerweise noch vorhanden. Auch die Haut an Händen und Armen war heil, nur ein wenig gerötet. Vielleicht war dann ja auch sein Hintern doch nicht bis auf die Knochen verbrannt. Er fühlte nach – nein, eindeutig nicht bis auf die Knochen, sogar die Hose war noch ganz. Es fühlte sich nur an, als hätte er sich mit kochendem Wasser verbrüht …
Auch Arthur betastete vorsichtig mit den Fingern sein Gesicht. Nun, da das Wasser die furchtbare Maske abgespült hatte, sah sein Gesicht – auch dies eine Überraschung – fast normal aus. Ein paar Kratzer, eine Abschürfung auf der Stirn, die Unterlippe aufgeschlitzt, der Rest war unversehrt geblieben.
»Davon hab ich noch nie gehört«, murmelte Arthur und schaute zurück.
Auch Redrick drehte sich um. Auf dem grauen, zu Asche verbrannten Gras waren eine Menge Spuren zu erkennen, und Redrick stellte verblüfft fest, wie kurz jene grausige Strecke doch war, die er kriechend auf der Flucht vor dem Untergang zurückgelegt hatte und die ihm schier endlos vorgekommen war. Vielleicht gerade mal zwanzig, dreißig Meter, nicht mehr, maß die ausgebrannte Kahlstelle im Durchmesser, doch war er vor Blindheit und Panik in einem wilden Zickzack darin herumgekrochen, wie eine Kakerlake auf einer glühenden Pfanne, und er konnte von Glück sagen, dass er am Ende in die richtige Richtung gekrochen war, denn er hätte auch bei der »Mückenglatze« links daneben herauskommen oder sogar ganz umkehren können … Nein, hätte ich nicht, dachte er grimmig. Irgendein Grünschnabel, ja, der vielleicht, aber ich bin doch kein Grünschnabel, und wäre dieser Idiot nicht gewesen, so wäre überhaupt nichts passiert, ich hätte mir schlimmstenfalls den Hintern verbrüht, aber mehr nicht.
Er schaute zu Arthur, der sich prustend wusch und jedes Mal stöhnte, wenn er die verletzten Stellen berührte. Redrick erhob sich, verzog das Gesicht, als seine von der Hitze steif gewordene Kleidung die verbrannte Haut berührte, ging zu einer trockenen Stelle und beugte sich über den Rucksack. Der hatte richtig was abbekommen. Die oberen Außentaschen waren komplett abgebrannt, die Fläschchen in der Reiseapotheke waren alle in der Hitze aufgeplatzt und restlos ausgelaufen – ein trüber Fleck, der ekelhaft nach Medizin roch. Redrick löste den Verschluss und begann die Glas- und Plastikstückchen herauszuklauben, als sich plötzlich Arthur hinter ihm vernehmen ließ: »Vielen Dank, Mister Shewhart, dass Sie mich da rausgezogen haben.«
Redrick schwieg. Was soll denn das zum Teufel – vielen Dank! Passt mir gerade hervorragend, dich aus dem Schlamassel zu ziehen.
»Es war meine Schuld«, sagte Arthur. »Ich hab ja gehört, dass Sie mir gesagt haben, ich soll liegen bleiben. Aber ich hatte einfach Schiss, und als es so heiß geworden ist, hab ich den Kopf verloren. Ich fürchte mich vor Schmerzen, Mister Shewhart …«
»Steh auf«, sagte Redrick, ohne sich umzudrehen. »Bis jetzt war das alles noch Kinderkram … Steh schon auf, was liegst du noch da!«
Er zischte vor Schmerz, als er sich den Rucksack auf die verbrannten Schultern warf, und steckte die Hände in die Gurte. Es fühlte sich an, als habe sich die Haut an den verbrannten Stellen zusammengezogen und schmerzhafte Falten gebildet. Vor Schmerzen fürchtet er sich also … Ich scheiß auf dich und deine Schmerzen! Redrick blickte sich um. Von ihrem Pfad waren sie nicht abgekommen, das war schon mal gut. Dann also diese Hügel mit den Toten. Verdammte Hügel, ragen da auf wie die Arschbacken einer Leiche, und diese Talsenke dazwischen … Er musste grinsen. Ach, die verdammte Talsenke, sie ist der eigentliche Mist. Giftkröte.
»Siehst du diese Talsenke zwischen den Hügeln?«, fragte er Arthur.
»Ja.«
»Geradewegs darauf zu. Marsch!«
Mit dem Handrücken wischte sich Arthur die Nase ab und setzte sich in Bewegung. Hinkend tappte er durch die Pfützen, nicht mehr ganz so aufrecht und trittsicher wie zuvor. Er war in sich zusammengesunken und ging jetzt nur noch mit großer Vorsicht weiter. Noch einer, dem ich aus dem Schlamassel geholfen habe, dachte Redrick. Der Wievielte ist das jetzt? Der Fünfte? Der Sechste? Da frage ich mich doch: wozu? Gehört er vielleicht zur Familie? Hab ich mich für ihn verbürgt? Hör mal, Roter, warum hast du ihn eigentlich da rausgeschleppt? Fast wärst du wegen ihm selber abgekratzt. Jetzt, mit klarem Kopf, weiß ich: Es war richtig, das zu tun, ohne ihn komme ich nicht weiter, er ist meine Geisel für Äffchen. Nicht den Menschen habe ich gerettet, sondern meinen Minendetektor. Meinen Dietrich. Aber dort, an der heißen Stelle, hab ich darüber gar nicht nachgedacht. Ich hab ihn mitgeschleppt, als wär er mein eigen Fleisch und Blut; nicht einen Gedanken hab ich dran verschwendet, ihn liegen zu lassen, obwohl ich alles andere vergessen hatte – weder an den Dietrich hab ich dabei gedacht noch an Äffchen … Was hat das zu bedeuten? Doch wohl, dass ich in Wahrheit ein guter Kerl bin. Guta sagt das andauernd, der selige Kirill hat es mir einreden wollen, und auch Noonan leiert ständig diese Platte herunter … Klar, ich bin die Güte in Person. Hör auf damit, sagte er zu sich. Deine Güte hilft dir hier nicht weiter! Erst mal den Kopf einschalten und dann Arme und Beine bewegen. Das war das erste und letzte Mal, ist das klar? Von wegen Güte … Ich brauche ihn noch für den »Fleischwolf«, dachte er kalt und klar. Alles hier lässt sich überleben, nur nicht der »Fleischwolf«.
»Halt!«, sagte er zu Arthur.
Die Talsenke lag vor ihnen. Arthur blieb augenblicklich stehen und sah Redrick verwirrt an. Der Boden des Tals war von einer eitergrünen Flüssigkeit bedeckt, die fettig in der Sonne glänzte. Von ihr stieg ein leichter Dampf auf, der sich zwischen den Hügeln verdichtete, sodass in dreißig Schritt Entfernung nichts mehr zu erkennen war. Und dann der Gestank. Weiß der Teufel, was in dieser Brühe dort gärte, doch Redrick fand, dass hunderttausend aufgeschlagene faule Eier, die man auf einem Berg aus hunderttausend vergammelten Fischköpfen und Katzenkadavern ausgeschüttet hatte, nicht so bestialisch stinken konnten wie das hier. »Es mieft dort ziemlich, Roter«, hatte Aasgeier gesagt, »also, äh … behalt die Nerven.«
Arthur gab einen kehligen Laut von sich und wich zurück. Sofort schüttelte Redrick seine Erstarrung ab, zog eilig ein Päckchen mit parfümierter Watte aus einer Tasche, stopfte sich zwei Bäusche in die Nasenlöcher und hielt Arthur die Watte hin.
»Danke, Mister Shewhart«, sagte Arthur mit schwacher Stimme. »Irgendwie außen rum geht nicht, oder?«
Redrick packte ihn schweigend an den Haaren und drehte sein Gesicht zu dem Haufen aus Stofffetzen auf dem Geröllfeld.
»Das da war Nerd«, sagte er leise. »Und auf dem linken Hügel liegt Pudel. Der ist von hier aus nicht zu sehen, sieht aber genauso aus. Kapiert? Vorwärts.«
Die Flüssigkeit war warm und klebrig wie Eiter. Anfangs gingen sie aufrecht durch den hüfthohen Brei. Glücklicherweise war der Boden unter ihren Füßen steinig und ziemlich eben, doch bald darauf vernahm Redrick ein vertrautes Summen von beiden Seiten. Auf dem linken, von der Sonne erhellten Hügel war nichts zu sehen, aber auf dem Abhang zur Rechten begannen fahle lilafarbene Flammen zu tanzen.
»Duck dich!«, kommandierte er mit zusammengepressten Zähnen, tat dasselbe und rief: »Weiter runter, Idiot!«
Arthur duckte sich erschrocken, und im selben Augenblick zerteilte ein Donnerschlag die Luft. Direkt über ihren Köpfen zuckte wild tanzend ein verästelter Blitz hinweg, der vor dem Hintergrund des hellen Himmels kaum zu erkennen war. Arthur ging in die Hocke und tauchte bis zu den Schultern ein. Redrick, dem von dem Donner noch die Ohren brummten, drehte den Kopf und erblickte im Schatten einen hellen, purpurroten Fleck zwischen den Gesteinsbrocken, der augenblicklich wieder verschwand, und sogleich schlug dort der zweite Blitz ein.
»Weiter! Weiter!«, brüllte er, ohne seine eigene Stimme zu hören.
Nun gingen sie gehockt weiter, sodass nur noch ihre Köpfe aus der Brühe herausschauten. Bei jeder neuen Entladung sah Redrick, wie sich Arthurs lange Haare aufstellten, und spürte, wie sich Tausende feiner Nadeln in sein Gesicht bohrten. »Weiter!«, wiederholte er monoton. »Weiter!« Er hörte nichts mehr. Einmal wandte ihm Arthur sein Profil zu, und er sah ein schreckgeweitetes Auge, die bleichen, flatternden Lippen und eine grün verschmierte, schweißbedeckte Wange. Dann begannen die Blitze so knapp über ihnen einzuschlagen, dass sie mit den Köpfen ganz eintauchen mussten. Der grüne Schleim verklebte den Mund, das Atmen fiel schwer. Nach Luft schnappend, riss sich Redrick die Wattepfropfen aus der Nase und bemerkte plötzlich, dass der Gestank verschwunden war und stattdessen ein frischer, stechender Ozongeruch in der Luft hing, während sich der Dampf ringsum immer mehr verdichtete, vielleicht wurde ihm auch nur dunkel vor Augen, weder der rechte noch der linke Hügel waren jetzt zu erkennen – nichts mehr war zu sehen außer Arthurs mit grünem Schlamm bekleisterter Kopf und der wallende gelbe Dampf.
Ich komm da durch, koste es, was es wolle, sagte Redrick zu sich. Ist ja nicht das erste Mal, mein ganzes Leben schon steck ich in der Scheiße, während es über meinem Kopf blitzt, das war noch nie anders. Aber woher kommt die ganze Scheiße hier? Wahnsinn, so viel Scheiße an einer Stelle, Scheiße aus aller Welt … Das ist alles Aasgeiers Hinterlassenschaft, dachte er wütend. Der ist ja auch hier durchgegangen. Nerd ist rechts liegen geblieben, Pudel links, und all das nur, damit Aasgeier zwischen ihnen hindurchgehen und all seine Scheiße zurücklassen kann. Geschieht dir recht, sagte er zu sich. Wer Aasgeier folgt, schluckt immer Scheiße. Hast du das nicht schon vorher gewusst? Auf der ganzen Welt ist das so. Es gibt zu viele von diesen Aasgeiern, und deshalb gibt es keinen einzigen sauberen Ort mehr, alles ist zugeschissen. Noonan ist ein Idiot: Du zerstörst das Gleichgewicht, Roter, und du bringst die Ordnung durcheinander. Du kommst doch mit keiner Ordnung klar, weder mit einer schlechten noch mit einer guten Ordnung, und wegen solchen wie dir werden wir das Himmelreich auf Erden niemals erleben. Ach, was verstehst du schon davon, Fettsack? Wann hab ich denn schon mal eine gute Ordnung erlebt? Wann hast du mich schon mal mit einer guten Ordnung erlebt? Ich erlebe nur, wie die Kirills und die Nerds sterben, und die Aasgeiers kriechen zwischen ihren Leichen hindurch, über ihre Leichen hinweg, wie Würmer, und sie scheißen und scheißen und scheißen …
Er glitt auf einem Stein aus, der sich unter seinem Fuß bewegt hatte, versank bis über den Kopf im Schleim, tauchte wieder auf und erblickte direkt neben sich Arthurs verzerrtes Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen. Auf einmal lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter: Für einen Sekundenbruchteil schien er die Orientierung verloren zu haben. Doch dann begriff er, dass das nicht stimmte. Er wusste sofort, dass sie dorthin gehen mussten, wo aus der Brühe die schwarze Kuppe eines Felsens herausragte – er wusste es, obwohl außer dieser Kuppe in dem gelben Nebel nichts anderes zu sehen war.
»Stopp!«, brüllte er. »Halt dich weiter rechts! Rechts von dem Felsen!«
Wieder konnte er seine eigene Stimme nicht hören, also holte er Arthur ein, packte ihn an der Schulter und deutete mit der Hand: Halte dich rechts vom Felsen, Kopf runter. Dafür werdet ihr mir bezahlen, dachte er. Bei dem Felsen tauchte Arthur ab, und im nächsten Augenblick schlug ein Blitz krachend in die schwarze Kuppe ein, dass glühende Splitter hervorstoben. Das werdet ihr mir bezahlen, wiederholte er, während er mit dem Kopf in die Brühe eintauchte und sich aus Leibeskräften mit Armen und Beinen vorwärtsschob. Dumpf vernahm er, wie ein weiterer Blitzschlag über ihn hinwegrollte. Bis aufs Hemd nehme ich euch aus dafür! Dann dachte er flüchtig: Wen meine ich damit eigentlich? Keine Ahnung. Aber irgendwer muss dafür doch bezahlen, irgendwer! Wartet nur, wenn ich erst zu der Kugel komme! Sobald ich die erreicht habe, lass ich euch diese ganze Scheiße schlucken. Ich bin ja nicht Aasgeier, ich lass euch auf meine Art bezahlen …
Als sie wieder trockenen Boden unter den Füßen hatten, inmitten von glühend heißem Geröll standen und sich schwankend und ausgelaugt aneinander festhielten, um nicht zu fallen, erblickte Redrick einen schuppigen, auf zu den Achsen in den Boden eingesackten Kastenwagen und erinnerte sich schwammig, dass man sich dort ausruhen konnte. Sie suchten im Schatten des Wagens Schutz. Arthur legte sich auf den Rücken und begann mit schwachen Fingern seine Jacke aufzuknöpfen. Redrick lehnte sich mit dem Rucksack gegen die Seitenwand des Transporters, wischte sich die Hände an den Kieselsteinen halbwegs sauber und griff nach seinem Flachmann.
»Ich auch«, sagte Arthur. »Bitte, Mister Shewhart.«
Verblüfft stellte Redrick fest, was für eine laute Stimme dieser Jungspund doch hatte, nahm einen Schluck, schloss die Augen und spürte nach, wie der brennende, reinigende Strahl durch die Kehle floss und sich in der Brust verteilte, trank noch einmal und reichte dann Arthur die Flasche. Geschafft, dachte er matt. Auch das haben wir geschafft. Und jetzt wird abgerechnet. Ihr glaubt wohl, ich hab’s vergessen? Nein, ich weiß alles noch ganz genau. Denkt ihr, ich sag euch noch Danke, dass ihr mich am Leben gelassen habt, mich nicht in dieser Scheiße habt ertrinken lassen? Das könnt ihr euch abschminken! Jetzt geht es euch allen an den Kragen, verstanden? Ich sorge dafür, dass nichts so bleibt. Jetzt entscheide ich. Ich, Redrick Shewhart, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, werde alles und für alle entscheiden. Und all ihr anderen, Aasgeier, Bullen, Außerirdische, Hagere, Quarterbloods, Parasiten, grüne Scheinchen und Heisere, mit euren Krawatten und Uniformen, geschniegelt und gestriegelt, mit euren Aktenkoffern, euren Reden, euren Wohltaten, eurer Arbeitgeberei, euren ewigen Akkus, euren ewigen Motoren, euren »Mückenglatzen«, euren leuchtenden Verheißungen – Schluss damit, ihr habt mich lang genug an der Nase herumgeführt, mein ganzes Leben habt ihr mich beschissen, ich Idiot hab mich immer gebrüstet, nach dem Motto, ich mach es auf meine Art, und ihr habt immer brav genickt und euch heimlich zugezwinkert, ihr Schweine, und mich an der Nase herumgeführt, mich gezogen, geschleppt, durch all die Scheiße, das Gefängnis und die Kneipen … Schluss damit! Er schnallte den Rucksack ab und nahm den Flachmann von Arthur entgegen.
»Das hätte ich nie gedacht«, sagte Arthur mit arglosem Staunen. »Niemals hätte ich mir das vorstellen können … Mir war schon klar, dass es da Tod und Feuer geben würde. Aber so was! Was machen wir bloß auf dem Rückweg?«
Redrick hörte nicht hin. Was dieses kleine Menschlein sagt, spielt jetzt überhaupt keine Rolle. Es hat schon vorher keine Rolle gespielt, aber vorher ist er immerhin noch ein Mensch gewesen. Jetzt ist er … na ja, ein sprechender Dietrich. Soll er doch reden.
»Wenn man sich doch nur irgendwo waschen könnte …« Arthur blickte sich besorgt um. »Wenigstens das Gesicht abspülen.«
Redrick blickte ihn zerstreut an, sah die verklebten, verfilzten Haare, das mit angetrocknetem Schleim beschmierte Gesicht mit den Fingerspuren sowie den Jungen als Ganzes, bedeckt von einer rissigen Schmutzkruste, und empfand weder Mitleid noch Ärger, nichts. Ein sprechender Dietrich. Er wandte sich von ihm ab. Vor ihnen lag eine trostlose Fläche, wie eine verlassene Baustelle, bedeckt mit scharfkantigem Schotter, überzogen mit weißem Staub, geflutet mit blendendem Licht, unerträglich weiß, heiß, böse und tot. Der hintere Rand des Steinbruchs war von hier aus bereits zu sehen; genauso blendend weiß, schien er von hier aus vollkommen glatt zu sein und steil anzusteigen, während der Abhang auf dieser Seite von großen Felsbrocken übersät war. Die Rampe in den Steinbruch war dort, wo sich zwischen den Brocken der rote Fleck einer Baggerkabine abzeichnete. Das war der einzige Orientierungspunkt. Sie mussten direkt darauf zugehen und schlicht auf ihr Glück hoffen.
Plötzlich stützte sich Arthur auf, fuhr mit einer Hand unter den Transporter und zog eine verrostete Konservendose hervor.
»Sehen Sie mal, Mister Shewhart«, sagte er schon wieder etwas lebhafter. »Das hat doch wahrscheinlich mein Vater zurückgelassen … Da ist sogar noch was drin.«
Redrick antwortete nicht. Lass das mal lieber, dachte er gleichgültig. Am besten, du lässt deinen Vater jetzt aus dem Spiel und hältst einfach die Klappe. Wobei, ist ja auch egal … Er stand auf, sog zischend Luft ein, denn seine Kleidung klebte überall an seiner verbrannten Haut fest, und jetzt riss dort irgendwas schmerzhaft auf, als würde man einen angetrockneten Verband von einer Wunde lösen. Auch Arthur stand auf, zischte und stöhnte und blickte Redrick leiderfüllt an – es war deutlich zu erkennen, dass er sich jetzt gern laut beschwert hätte, sich aber nicht traute. Stattdessen sagte er nur mit gepresster Stimme: »Könnte ich vielleicht noch einen Schluck haben, Mister Shewhart?«
Redrick steckte den Flachmann, den er noch immer in der Hand hielt, in sein Hemd zurück und sagte: »Siehst du den roten Punkt zwischen den Felsen dort?
»Ja«, sagte Arthur und atmete krampfhaft durch.
»Direkt darauf zu. Vorwärts.«
Arthur streckte sich stöhnend, schob die Schultern auseinander, verzog das Gesicht, blickte sich um und sagte: »Wenigstens ein bisschen waschen … Das klebt doch alles.«
Redrick wartete schweigend. Arthur sah ihn ohne große Hoffnung an, nickte und wollte schon losgehen, blieb aber sogleich wieder stehen.
»Der Rucksack«, sagte er. »Sie haben den Rucksack vergessen, Mister Shewhart.«
»Marsch!«, befahl Redrick.
Er hatte keine Lust zu erklären oder zu lügen, wozu auch. Der Junge würde auch so losgehen. Was blieb ihm schon anderes übrig? Ganz sicher. Und tatsächlich ging Arthur los. Mit hängenden Schultern schob er sich vorwärts, ließ die Füße über den Boden schleifen und versuchte, sich den festgetrockneten Schmutz vom Gesicht zu kratzen. Er sah jetzt klein, schmächtig und elend aus, wie ein nasses Straßenkätzchen. Redrick folgte ihm. Kaum hatte er den Schatten verlassen, brannte die gleißende Sonne auf ihn herab, sodass er sich die Hand über die Augen hielt und bedauerte, dass er keine Sonnenbrille mitgenommen hatte.
Bei jedem Schritt wirbelte eine Wolke aus weißem Staub auf, der sich auf den Stiefeln absetzte. Der Staub stank – besser gesagt, der Gestank kam von Arthur, es war unmöglich, hinter ihm herzugehen. Erst etwas später begriff Redrick, dass der Gestank vor allem von ihm selbst kam. Es war ein widerlicher, aber irgendwie vertrauter Geruch – in der Stadt hatte es so gestunken, wenn der Nordwind die Rauchwolken von der Fabrik herantrug. Auch sein Vater hatte immer so gestunken, wenn er nach Hause kam, riesengroß und finster, mit wilden, rot geäderten Augen, sodass sich Redrick immer schnell in eine Ecke verzog, aus der er ängstlich beobachtete, wie der Vater seinen Arbeitskittel von sich riss und der Mutter entgegenschleuderte, die riesigen, ausgetretenen Stiefel von seinen ebenso riesigen Füßen zog und sie unter die Garderobe trat und dann mit seinen feuchten Socken ins Bad schlappte, sich unter die Dusche stellte und dort lange herumächzte, sich laut auf den nassen Körper klatschte, mit Bottichen klapperte, etwas vor sich hin brummte und dann durch die ganze Wohnung brüllte: »Maria! Schläfst du?« Man hatte zu warten, bis er sich gewaschen hatte, sich an den Tisch setzte, wo bereits eine halbe Schnapsflasche, ein tiefer Teller mit dicker Suppe und eine Dose Ketchup standen, zu warten, bis er den Schnaps heruntergestürzt, die Suppe ausgelöffelt und gerülpst hatte und sich an das Fleisch mit den Bohnen machte, erst dann konnte man sich aus dem Dunkel wagen, zu ihm auf den Schoß klettern und ihn fragen, welchen Meister und welchen Ingenieur er heute in Schwefelsäure ertränkt hatte …
Alles ringsum war weiß vor Glut, und ihm war übel von der trockenen, grausamen Hitze, von dem Gestank, von der Müdigkeit. Die verbrannte, an den Falten bereits aufgeplatzte Haut schmerzte höllisch, und es kam ihm vor, als riefe sie ihm durch den heißen Schleier, der das Bewusstsein umhüllte, etwas zu, als flehte sie um Ruhe, um Wasser, um Kühle. Die bis zur Unkenntlichkeit zerriebenen Erinnerungen türmten sich in seinem angeschwollenen Hirn, stürzten durcheinander, verdeckten sich gegenseitig, mischten sich, verflochten sich mit der weißen, glühenden Welt, die vor seinen halb geschlossenen Augen tanzte, und es waren alles bittere Erinnerungen, und sie alle stanken und riefen ein bohrendes Gefühl von Mitleid oder Hass hervor. Er versuchte, sich in dieses Chaos einzumischen, mühte sich, aus der Vergangenheit irgendein süßes Traumbild, ein Gefühl von Zärtlichkeit oder Heiterkeit aufzurufen, den Untiefen seiner Erinnerung das frische, lachende Gesicht von Guta abzupressen, noch als ganz junges Mädchen, begehrenswert und unberührbar, und fast wäre es auch erschienen, doch setzte es sogleich Rost an, verzerrte sich und verwandelte sich in Äffchens trauriges, mit grobem braunem Fell bewachsenes Gesichtchen; er strengte sich an, um sich an Kirill zu erinnern, diesen heiligen Menschen, seine schnellen, sicheren Bewegungen, sein Lachen, seine Stimme, die einem unbekannte, wunderbare Orte und Zeiten versprach, und da erschien Kirill tatsächlich vor ihm, doch dann blitzte in der Sonne grell das silberne Spinnennetz auf, und schon war Kirill wieder weg, und nun starrten die niemals blinzelnden Engelsaugen des Heiseren Hugh Redrick an, und in seiner großen, weißen Hand wog er das Porzellangefäß … Dunkle Mächte bohrten sich durch sein Bewusstsein, durchbrachen augenblicklich jegliche Willensbarriere und löschten das wenige Gute, das seine Erinnerung noch aufbewahrte, und es schien bereits, als gäbe es überhaupt nichts Gutes mehr, sondern nur noch Visagen, Visagen, Visagen …
Die ganze Zeit über blieb er Stalker. Ohne zu denken, sich dessen bewusst zu werden oder es sich einzuprägen, fixierte er gleichsam mit dem Rückenmark, dass linker Hand, in sicherer Entfernung, über einem Haufen alter Bretter ein »fröhliches Gespenst« stand – es war ruhig, hatte offenbar sein Pulver verschossen, konnte ihm also egal sein; von rechts erhob sich ein kaum merkliches Lüftchen, und schon nach wenigen Schritten kam eine spiegelglatte »Mückenglatze« zum Vorschein, vielarmig wie ein Seestern – weit entfernt, also ohne Gefahr –, in deren Zentrum der Umriss eines platt gedrückten Vogels zu erkennen war, eine Seltenheit, Vögel flogen nämlich so gut wie nie über die Zone hinweg; und dort, neben dem Pfad, lagen zwei hingeworfene »Leerteile« – die hatte Aasgeier wohl auf dem Rückweg fallen gelassen, die Angst war stärker gewesen als die Gier … All das sah und berücksichtigte er, und kam der krumme Arthur auch nur einen Schritt von der eingeschlagenen Richtung ab, öffnete sich Redricks Mund gleichsam automatisch, und ein heiserer Warnruf flog wie von selbst aus seiner Kehle. Eine Maschine, dachte er. Eine Maschine habt ihr aus mir gemacht … Die Felsbrocken am Rand des Steinbruchs kamen immer näher, schon konnte man die bizarre Rostzeichnung auf dem roten Dach der Baggerkabine erkennen.
Du bist ein Idiot, Burbridge, dachte Redrick. Schlau, aber ein Idiot. Wie konntest du mir nur glauben? Nach so vielen Jahren müsstest du mich eigentlich besser kennen als ich mich selbst. Alt bist du geworden, das ist es. Und senil. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass du dein ganzes Leben nur mit Idioten zu tun gehabt hast. Und da stellte er sich vor, was für eine Fresse Aasgeier machen würde, wenn er erfuhr, dass nicht irgendein nutzloser Milchbart mit dem Roten in die Zone gegangen war, um ihm, Aasgeier, seine Beine zurückzubringen, sondern ausgerechnet Arthur, Archie, der Schöne, sein eigen Fleisch und Blut, der Stolz seines Lebens. Als er sich diese Visage vorstellte, lachte Redrick laut auf, und als Arthur sich verängstigt nach ihm umdrehte, winkte er ihm, noch immer lachend, mit der Hand zu: Marsch, Marsch! Und wieder zogen lauter Visagen wie über einen Bildschirm an seinem Bewusstsein vorbei, Visagen, Visagen, Visagen … Es musste sich alles ändern. Nicht ein Leben und nicht zwei, nicht ein Schicksal und nicht zwei – jedes Schräubchen dieser stinkenden Welt musste sich ändern …
Arthur blieb vor der steil abfallenden Einfahrt in den Steinbruch stehen und erstarrte, den Blick nach unten und in die Ferne gerichtet, den langen Hals gereckt. Redrick schloss zu ihm auf und stellte sich neben ihn. Aber er schaute nicht dorthin, wohin Arthur schaute.
Unmittelbar vor ihnen führte eine Straße in die Tiefe des Steinbruchs hinab, über die sich viele Jahre zuvor noch die Ketten und Räder schwerer Laster gewälzt hatten. Rechts davon ragte der weiße, von der Hitze zerfurchte Abhang auf, die Böschung auf der linken Seite war zum Teil eingestürzt, und zwischen Felsblöcken und Kieshaufen stand dort mit leichter Schlagseite der Bagger, dessen Schaufel kraftlos am Straßenrand auflag. Wie erwartet, gab es auf der Straße sonst nichts zu sehen, nur direkt neben der Baggerschaufel hingen von den groben Felsvorsprüngen ein paar schwarze, in sich verdrillte Eiszapfen herab wie dicke, gewundene Kerzen, und eine Vielzahl schwarzer Kleckse im Staub erzeugten den Eindruck, als hätte dort jemand versehentlich Bitumen verschüttet. Mehr war von ihnen nicht übrig, es ließ sich nicht einmal genau sagen, wie viele es hier waren. Vielleicht stand jeder Klecks für einen Menschen, einen Wunsch von Aasgeier. Mit dem da war Aasgeier völlig unversehrt aus dem Keller von Block Nr. 7 zurückgekehrt. Der größere, da hatte Aasgeier ohne irgendwelche Hindernisse einen »zappelnden Magneten« aus der Zone rausgeholt. Der Eiszapfen da hinten, das war die rassige, weder nach ihrer Mutter noch nach ihrem Vater kommende, von allen begehrte Nutte Dina Burbridge. Und dieser Fleck da war Arthur Burbridge, der weder nach der Mutter noch nach dem Vater kam, Archie, der Schöne, der ganze Stolz …
»Wir haben es geschafft!«, krächzte Arthur begeistert. »Mister Shewhart, wir haben es doch geschafft, nicht wahr?«
Er lachte glücklich auf, ging in die Hocke und begann aus Leibeskräften mit beiden Fäusten auf den Boden zu hämmern. Der verklebte Haarschopf auf seinem Scheitel schüttelte sich und schwankte albern hin und her, trockene Schmutzfetzen flogen nach allen Seiten. Und erst da hob Redrick den Blick und schaute zu der Kugel hin. Behutsam. Vorsichtig. In der heimlichen Befürchtung, ihr Anblick könne ihn enttäuschen, Zweifel in ihm wecken, ihn von jenen Höhen hinabstürzen, die er eben erst erfolgreich erklommen hatte, nachdem er fast in der Scheiße ersoffen war …
Sie war nicht golden, eher rötlich-kupferfarben, dabei vollkommen glatt und spiegelte matt das Sonnenlicht. Sie lag am Fuß des Abhangs am anderen Ende der Grube, hatte sich zwischen Haufen aus verklumptem Gestein eingenistet. Sogar von hier aus war zu erkennen, wie massiv sie war und mit welchem Gewicht sie ihre Bettstatt niederdrückte.
Es war nichts Enttäuschendes oder Zweifel Auslösendes an ihr, aber auch nichts, das Hoffnung machte. Aus irgendeinem Grund dachte er sofort, dass sie wahrscheinlich hohl war und sicherlich glühend heiß von der Sonnenstrahlung. Sie leuchtete eindeutig nicht von innen heraus und war ebenso erkennbar nicht in der Lage, sich in die Luft zu erheben und zu tanzen, wie es in den Legenden über sie gern erzählt wurde. Sie lag dort, wo sie gelandet war. Vielleicht war sie einem Riesen aus der Tasche herausgefallen und verloren gegangen, war beim Spielen hier hineingerollt – sie war jedenfalls nicht eigens drapiert worden, sondern lag hier einfach herum, so wie all diese »Leerteile«, »Armreifen«, »Batterien« und all der andere Müll, der vom Besuch zurückgeblieben war.
Und doch hatte sie etwas Besonderes an sich, und je länger Redrick sie ansah, desto klarer begriff er, dass es sich gut anfühlte, sie anzusehen, dass er zu ihr gehen, sie berühren, sie streicheln wollte, und auf einmal tauchte von irgendwoher der Gedanke auf, dass es wahrscheinlich schön wäre, sich neben sie hinzusetzen, oder noch besser, sich mit dem Rücken an sie zu lehnen, den Kopf zurückzulegen, die Augen zu schließen und ein wenig nachzudenken, sich zu erinnern und vielleicht sogar einfach nur ein Schläfchen zu machen, sich auszuruhen …
Arthur sprang auf, riss sämtliche Reißverschlüsse an seiner Jacke auf, zog sie aus und schleuderte sie sich vor die Füße, dass eine ganze Wolke aus weißem Staub aufstieg. Er rief etwas, schnitt Grimassen und wedelte mit den Armen, dann faltete er die Hände hinter dem Rücken, tänzelte herum, vollführte mit den Beinen ausgeklügelte Schrittfolgen und machte sich hüpfend an den Abstieg. Er sah sich nicht mehr nach Redrick um, hatte Redrick vergessen, hatte alles vergessen – er ging, seine Wünsche zu erfüllen, die kleinen, sehnlichen Wünsche eines errötenden Collegestudenten, eines jungen Burschen, der kein anderes Geld als Taschengeld kannte, eines Milchbubis, der nackte Mädchen nur auf Fotos gesehen hatte, der gnadenlos verprügelt wurde, wenn er nach Hause kam und auch nur ein bisschen nach Alkohol roch, der dazu erzogen wurde, eine Laufbahn als berühmter Anwalt und später mal als Minister und noch viel später, Sie ahnen es, als Präsident anzutreten. Die entzündeten Augen im gleißenden Licht zusammengekniffen, blickte Redrick ihm schweigend nach. Er war kalt und ruhig, er wusste, was jetzt geschehen würde, und wusste, dass er nicht hinsehen würde. Noch aber konnte man hinsehen, und er sah hin, ohne etwas Besonderes dabei zu empfinden, außer dass sich vielleicht irgendwo ganz, ganz tief im Inneren auf einmal ein gewisses Würmchen zu regen begann und seinen stacheligen Kopf hin und her drehte.
Der junge Bursche tänzelte indes immer weiter den steilen Abhang hinab, legte einen ausgelassenen Stepptanz hin, dass der weiße Staub unter seinen Absätzen nur so aufflog, dabei rief er etwas mit voller Stimme, sehr laut, sehr fröhlich und sehr feierlich – wie ein Lied oder eine Beschwörungsformel –, und Redrick dachte, dass hier wohl zum ersten Mal, seit es diesen Tagebau gab, jemand auf diese Weise diese Straße hinabstieg – wie an einem Festtag. Anfangs hörte er nicht hin, was dieser sprechende Dietrich da vor sich hin krähte, doch dann schien sich in ihm etwas einzuschalten, und er vernahm: »Glück für alle! … Umsonst! … So viel Glück man nur will! … Kommt alle her! … Es ist genug für alle da! … Niemand wird enttäuscht fortgehen! … Umsonst! … Glück! Umsonst! …«
Und dann verstummte er plötzlich, als hätte ihm eine riesige Hand einen Knebel in den Mund gerammt. Und Redrick sah, wie die durchsichtige Leere, die im Schatten der Baggerschaufel gelauert hatte, ihn packte, nach oben riss und in der Luft langsam gegen einen unsichtbaren Widerstand verdrehte, gerade so, wie man seine Wäsche verdrillt, um sie auszuwringen. Redrick bemerkte noch, wie sich ein staubiger Stiefel von Arthurs zuckendem Fuß löste und in hohem Bogen über die Grube flog. Dann wandte er sich ab und setzte sich hin. Keinen einzigen Gedanken hatte er im Kopf, und irgendwie spürte er sich nicht mehr. Ringsum herrschte Stille, und ganz besonders still war es hinter ihm, dort, auf der Straße. Dann fiel ihm sein Flachmann ein – ohne besondere Freude, eher wie ein Medikament, das er jetzt einnehmen musste. Er schraubte den Deckel ab und begann mit kleinen Schlucken zu trinken, und zum ersten Mal im Leben wünschte er sich, dass in der Flasche nicht Alkohol wäre, sondern einfach kaltes Wasser.
Nach einer gewissen Zeit tauchten in seinem Kopf mehr oder weniger zusammenhängende Gedanken auf. Das war’s also, dachte er unwillig. Der Weg war offen. Er hätte schon jetzt losgehen können, aber natürlich war es besser, noch ein wenig zu warten. »Fleischwölfe« hatten mitunter seltsame Tricks drauf. Außerdem musste er jetzt sowieso nachdenken. Er war es nicht gewohnt zu denken, das war ja das Problem. Was war das, »denken«? Denken, das bedeutete zu tricksen, Finten zu machen, zu bluffen, aber das brachte hier ja nichts.
Na gut. Äffchen, der Vater … Für alles bezahlen, diesem Gesocks die Seele rausreißen, Scheiße sollen sie fressen, genau wie ich … Nein, das ist es nicht, Roter. Das heißt, natürlich schon, aber was bedeutet das alles? Was brauche ich denn? Das sind doch Flüche, keine Gedanken. Eine schreckliche Vorahnung ließ ihn innerlich gefrieren, also übersprang er gleich mehrere verschiedene Überlegungen, die ihm noch bevorstanden, und befahl sich grimmig: Folgendes, du roter Mistkerl, du gehst nicht von hier weg, bevor du dir was Sinnvolles ausgedacht hast, eher verreckst du hier neben dieser Kugel, wirst gebraten oder verfaulst, du Aas, aber du gehst nicht von hier weg.
Herrgott, wo sind denn schon wieder meine Gedanken? Er rammte sich die halb geöffnete Faust ins Gesicht. Ich hab doch im ganzen Leben nicht einen einzigen Gedanken gehabt! Warte, Kirill hat doch so was gesagt … Kirill! Er kramte fieberhaft in seinen Erinnerungen, Worte tauchten auf, mehr oder weniger vertraut, aber nicht die richtigen, denn Kirill hatte keine Worte hinterlassen, sondern nur verschwommene Bilder, freundlich, aber doch völlig unwahrscheinlich …
So eine Gemeinheit! Sogar hier haben sie mich reingelegt, lassen mich einfach so ohne Sprache hängen … Kanaille! Als Kanaille bist du geboren, und eine Kanaille wirst du immer bleiben … Aber gerade das darf doch nicht sein! Hörst du? Künftig ist das ein für alle Mal verboten! Der Mensch ist geboren, um zu denken! (Hurra, da ist er doch, mein Kirill, endlich!) Aber ich glaub nicht daran. Hab früher nicht dran geglaubt, und jetzt glaub ich es auch nicht. Keine Ahnung, wozu der Mensch geboren ist. Er wird geboren, und so ist er halt auf der Welt. Er sieht zu, dass er überlebt, ein jeder so, wie er eben kann. Hauptsache, wir sind gesund, sollen die doch alle verrecken. Wer sind wir? Und wer sind die? Das ist doch überhaupt nicht zu verstehen. Wenn es mir gut geht, geht es Burbridge schlecht, wenn es Burbridge gut geht, geht es dem Nerd schlecht, wenn es dem Heiseren gut geht, geht es allen schlecht, und dem Heiseren selber geht es auch schlecht, nur dass er, der Idiot, sich einbildet, dass er noch rechtzeitig die Kurve kratzt … Herrgott, was ist das nur für ein Brei! Mein ganzes Leben bin ich im Krieg mit Captain Quarterblood, aber er war sein ganzes Leben mit dem Heiseren im Krieg und wollte von mir Trottel doch nur eines: dass ich die Stalkerei an den Nagel hänge. Aber wie soll das funktionieren, wenn ich eine Familie zu ernähren hab? Arbeiten gehen? Ich will aber nicht für euch arbeiten, eure Arbeit kotzt mich an, versteht ihr das nicht? Wenn ein Mensch arbeitet, arbeitet er immer für jemanden. Ein Sklave ist er, mehr nicht. Ich wollte aber immer mein eigenes Ding machen, um auf euch alle pfeifen zu können, auf euer ödes, langweiliges Leben …
Er trank den letzten Rest Kognak aus und knallte den Flachmann mit voller Wucht auf den Boden. Die Flasche prallte ab, blitzte in der Sonne auf und rollte irgendwohin – im nächsten Augenblick hatte er sie vergessen. Jetzt saß er da, die Hände vor die Augen geschlagen, und versuchte, nicht mehr zu begreifen, sich nichts mehr auszudenken, sondern zumindest etwas so zu sehen, wie es sein sollte, doch wieder sah er nichts anderes als Visagen, Visagen, Visagen … grüne Scheinchen, Flaschen, Lumpenhaufen, die irgendwann mal Menschen gewesen waren, Spalten mit Zahlen … Er wusste, dass das alles vernichtet werden musste, und es verlangte ihn, es zu vernichten, doch ahnte er, dass dann nichts mehr zurückbleiben würde – nichts als flache, nackte Erde. In seiner Erschöpfung und Verzweiflung packte ihn wieder das Verlangen, sich mit dem Rücken anzulehnen und den Kopf zurückzulegen – er erhob sich, klopfte sich mechanisch den Staub von der Hose und begann in die Grube hinabzusteigen.
Die Sonne brannte, vor seinen Augen schwammen rote Flecken, die Luft am Grund des Steinbruchs flimmerte, und in diesem Flimmern schien die Kugel auf der Stelle zu tanzen wie eine Boje auf den Wellen. Er ging an der Baggerschaufel vorbei, hob abergläubisch die Füße höher und achtete darauf, nicht in die schwarzen Kleckse zu treten. Dann schleppte er sich, immer wieder in den lockeren Boden einsinkend, quer durch den gesamten Steinbruch auf die Kugel zu, die weiter vor ihm tanzte und ihm zuzwinkerte. Er war schweißüberströmt, keuchte vor Hitze, und gleichzeitig hatte ihn ein Schüttelfrost gepackt, sein ganzer Körper schlotterte wie im Delirium, und auf seinen Zähnen knirschte geschmackloser Kreidestaub. Zu denken versuchte er jetzt nicht mehr, stattdessen wiederholte er nur noch verzweifelt immer wieder, gleichsam im Gebet: »Ich bin ein Tier, du siehst doch, ich bin ein Tier. Ich habe keine Worte, man hat mir keine Worte beigebracht, ich kann nicht denken, diese Schweine haben nicht zugelassen, dass man mir das Denken beibringt. Aber wenn du tatsächlich so … allmächtig bist, alles kannst und alles verstehst, dann sieh nach! Schau in meine Seele, ich weiß, da ist alles, was du brauchst. Es muss dort sein. Meine Seele hab ich niemals irgendwem verkauft! Sie gehört mir, sie ist menschlich! Finde du in mir heraus, was ich will – es kann ja doch nicht sein, dass ich etwas Schlechtes will! … Verflucht, mir fällt einfach nichts anderes ein als seine Worte: GLÜCK FÜR ALLE, UMSONST, UND NIEMAND SOLL ENTTÄUSCHT FORTGEHEN!«
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