Stalker
Stalker
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
Grinsend bestellte Richard Noonan noch einen Kognak für den Nobelpreisträger und ein Bier für sich selbst. Dann sagte er: »Also Folgendes. Klar verstehe ich Ihre Gewissensbisse. Aber offen gesagt bereiten mir Tote, die wieder zum Leben erwachen, weitaus mehr Kopfzerbrechen als irgendwelche statistischen Daten. Zumal ich diese statistischen Daten nie gesehen habe, die Toten dagegen durchaus – sowohl gesehen als auch mehr als deutlich gerochen.«
Valentin winkte ab.
»Ach, Sie mit Ihren Toten«, sagte er. »Sie sollten sich was schämen. Als gebildeter Mensch sollte es Ihnen doch nicht schwerfallen zu begreifen, dass Ihre Toten, was die wissenschaftlichen Grundprinzipien anbelangt, nicht mehr und nicht weniger erstaunlich sind als die ewigen Akkumulatoren. Mit dem einzigen Unterschied, dass die ETACs gegen den ersten Hauptsatz der Thermodynamik verstoßen und die Toten gegen den zweiten. Wir alle sind in gewissem Sinne Höhlenmenschen geblieben: Etwas Furchtbareres als ein Gespenst oder einen Vampir können wir uns nicht vorstellen. Dabei ist ein Verstoß gegen das Prinzip der Kausalität weitaus furchtbarer als ganze Scharen von Gespenstern, oder eben diese komischen Monster, so wie das von Rubinstein … oder war es Wallenstein?«
»Frankenstein.«
»Ach ja, natürlich, Frankensteins Monster. Mrs. Shelley. Die Frau des Dichters. Oder die Tochter?« Plötzlich musste er lachen. »Wissen Sie, Ihre Toten haben eine interessante Eigenschaft: autonome Lebensfähigkeit. Wenn man ihnen zum Beispiel ein Bein abschneidet, ist das Bein fähig, von selbst zu gehen … also, richtig gehen kann es natürlich nicht, aber es lebt weiter. Für sich. Ganz ohne Kochsalzlösung. Erst kürzlich haben sie so einen ins Institut gebracht – einen von denen, um die sich niemand mehr kümmert. Den haben sie dann präpariert. Hat mir Boyds Laborant erzählt. Zu irgendwelchen Zwecken haben sie ihm die rechte Hand abgetrennt, und als sie am nächsten Morgen wieder ins Labor kamen, hat sie ihnen den Stinkefinger gezeigt!« Valentin lachte schallend auf. »Und das geht so bis heute! Mal streckt sie alle Finger aus, mal nur den einen. Was, glauben Sie, will sie uns damit sagen?«
»Das ist ja wohl ziemlich eindeutig«, sagte Noonan und warf einen Blick auf die Uhr. »Ist es nicht langsam Zeit für uns beide, Valentin? Ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen.«
»Ja, gehen wir«, pflichtete ihm Valentin bei und versuchte vergeblich, sein Gesicht zwischen die Bügel seiner Brille zu schieben. »Puh, Richard, Sie haben mich ganz schön abgefüllt.« Er nahm die Brille in beide Hände und platzierte sie konzentriert an der richtigen Stelle. »Sie sind nicht zufällig mit dem Auto da?«
»Ja, ich fahre Sie nach Hause.«
Sie zahlten und gingen Richtung Ausgang. Valentin hielt sich noch aufrechter als sonst. Hin und wieder tippte er schwungvoll mit einem Finger gegen die Schläfe, um einige Laboranten zu begrüßen, die er persönlich kannte und die der weltbekannten Physik-Koryphäe mit neugierigen und verwunderten Blicken folgten. Als er den breit lächelnden Portier am Ausgang mit derselben Geste bedachte, streifte er sich dabei die Brille von der Nase, und alle drei versuchten, sie hektisch aufzufangen.
»Uff, Richard«, murmelte Valentin, während er sich in den Peugeot zwängte. »Ab-ge-füllt haben Sie mich, Sie sollten sich was schämen. Das geht doch nicht, Herrgott nochmal. Mir ist das sehr unangenehm. Ich habe morgen ein Experiment, wissen Sie, eine hochinteressante Sache …«
Er begann von dem für den nächsten Tag geplanten Experiment zu erzählen, verlor sich dabei minütlich in Anekdoten und murmelte: »Abgefüllt haben Sie mich, also wirklich! Teufel auch …« Noonan fuhr ihn in die Institutssiedlung, widersetzte sich entschieden dem plötzlich aufflammenden Wunsch des Nobelpreisträgers, noch eine Runde nachzulegen (»... das verdammte Experiment, was soll’s? Wissen Sie, was ich mit Ihrem Experiment mache? Ich verschieb’s!«), und übergab ihn direkt in die Hände seiner Frau, die auf den Anblick mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verärgerung reagierte.
»G-gäste?«, polterte ihr Gatte. »Wer? Professor Boyd? Prächtig! Da bechern wir gleich weiter. Aber nicht aus Schnapsgläsern, sondern aus Wassergläsern, zum Henker … Richard! Wo sind Sie, Richard?!«
Als Noonan Pillmans Rufen vernahm, lief er bereits die Treppe hinunter. Die fürchten sich also auch, dachte er, während er sich wieder in den Peugeot setzte. Sie fürchten sich, die Eierköpfe, und wie! Geschieht ihnen nur recht. Die sollen sich noch mehr fürchten als wir einfachen Normalbürger. Auch wir begreifen nichts, aber die begreifen zumindest, wie wenig sie begreifen. Die starren in diesen bodenlosen Abgrund und wissen genau, dass der Abstieg unausweichlich ist, das Herz stockt ihnen, aber sie müssen da runter, bloß, wie sollen sie das anstellen, und was erwartet sie dort auf dem Grund, und vor allem: Kommen sie am Ende wieder raus? Wir armen Sünder dagegen schauen quasi in die andere Richtung. Sag mal, vielleicht soll das ja so sein? Soll doch einfach alles seinen Gang gehen, wir werden das schon irgendwie überleben. Stimmt schon: Die größte Heldentat der Menschheit ist, dass sie überlebt hat und beabsichtigt weiterzuleben … Der Teufel soll euch holen, wandte er sich in Gedanken an die Außerirdischen. Hättet ihr euer Picknick nicht anderswo machen können? Auf dem Mond zum Beispiel? Oder auf dem Mars? Ihr seid ein genauso gefühlloses Pack wie alle anderen, egal, ob ihr vielleicht den Raum zusammenschrumpfen könnt oder nicht. Ein Picknick habt ihr also gemacht, soso …
Und was mache ich jetzt mit meinen Picknicks?, fragte er sich, während er den Peugeot langsam über die hell erleuchteten, nassen Straßen lenkte. Wie krieg ich das am geschicktesten hin? Wie in der Mechanik: Nach dem Prinzip der kleinsten Wirkung. Wozu hab ich, bitte, mein verdammtes Ingenieurdiplom, wenn mir nichts einfällt, wie ich diesem beinlosen Halunken das Handwerk lege …
Er parkte den Wagen vor dem Haus, in dem Redrick Shewharts Wohnung lag, und blieb eine Zeit lang am Steuer sitzen, um sich seine Gesprächstaktik zu überlegen. Dann zog er den ETAC ab, stieg aus dem Wagen und bemerkte erst jetzt, dass das Haus völlig unbewohnt aussah. Fast alle Fenster waren dunkel, in der Grünanlage war niemand zu sehen, nicht einmal die Straßenlaternen leuchteten dort. Da erinnerte er sich, was er jetzt zu Gesicht bekommen würde. Ein Schauder lief ihm der Rücken hinunter. Er überlegte sogar, ob er Redrick nicht per Telefon aus dem Haus rufen sollte, um sich mit ihm im Wagen zu unterhalten oder in einer ruhigen Kneipe. Aber dann verscheuchte er den Gedanken. Aus einer Reihe von Gründen. Und außerdem, sagte er zu sich, komm schon, mach dich nicht gleich mit all diesen armseligen Schweinen, die die Flucht ergriffen haben wie eine Horde Kakerlaken, die man mit heißem Wasser übergießt.
Er betrat den Hauseingang und stieg gemächlich die Treppe hinauf, die seit längerer Zeit nicht mehr gefegt worden war. Ringsum herrschte Totenstille, viele der Wohnungstüren in der Nähe der Treppenabsätze waren nur angelehnt oder standen sogar sperrangelweit offen – aus den dunklen Fluren wehte ihn abgestandene Luft an, es roch nach Feuchtigkeit und Staub. Vor Redricks Wohnungstür blieb er stehen, strich sich die Haare hinter die Ohren, atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf. Eine Weile blieb hinter der Tür alles still, dann knarzten ein paar Dielen, das Schloss klapperte, und die Tür öffnete sich lautlos einen Spalt. Schritte hatte er nicht gehört.
Auf der Schwelle stand Äffchen, Redrick Shewharts Tochter. Aus dem Flur drang helles Licht in das Halbdunkel des Treppenabsatzes, und im ersten Augenblick erkannte Noonan nur die dunkle Silhouette des Mädchens. Wie sehr sie in den letzten Monaten gewachsen ist, dachte er, doch dann trat das Kind in den Flur zurück, und er sah ihr Gesicht. Sofort schnürte sich ihm die Kehle zu.
»Hallo, Maria«, sagte er und versuchte, so sanft wie möglich zu klingen. »Wie geht es dir, Äffchen?«
Sie antwortete nicht. Wort- und lautlos ging sie rückwärts bis zur Wohnzimmertür und behielt ihn misstrauisch im Blick. Offenbar erkannte sie ihn nicht. Nun, offen gestanden, auch er hatte sie nicht wiedererkannt. Die Zone, dachte er. So eine Scheiße …
»Wer ist da?«, fragte Guta und lugte aus der Küche hervor. »Mein Gott, Dick! Wo haben Sie nur gesteckt? Wissen Sie was? Redrick ist zurück!«
Sie eilte auf ihn zu und rieb sich im Gehen die Hände an dem Geschirrtuch trocken, das sie über die Schulter geworfen hatte. Sie war noch immer genauso schön und stark, nur etwas dünner als sonst kam sie ihm vor, ihr Gesicht etwas abgemagert, und die Augen irgendwie … fiebrig?
Er küsste sie auf die Wange, reichte ihr das Regencape und den Hut und sagte: »Natürlich weiß ich Bescheid. Hab nur nicht die Zeit gefunden vorbeizuschauen. Ist er denn zu Hause?«
»Ja«, antwortete Guta. »Er hat gerade Besuch … Der dürfte aber bald gehen, so lang, wie die schon zusammensitzen. Kommen Sie ruhig rein, Dick.«
Er machte ein paar Schritte den Flur entlang und blieb dann beim Durchgang zum Wohnzimmer stehen. Der Alte saß am Tisch. Allein. Unbeweglich. Ein wenig schief. Das vom Lampenschirm rosa gefärbte Licht fiel auf das breite, dunkle Gesicht, das wie aus einem alten Baumstamm geschnitzt zu sein schien, den eingefallenen, lippenlosen Mund, die starren, glanzlosen Augen. Im selben Augenblick vernahm Noonan den Geruch. Er wusste, es war nur ein Hirngespinst, der Geruch blieb nur in den ersten Tagen und verflüchtigte sich dann vollkommen, aber Richard Noonan nahm es gleichsam mit seinem Gedächtnis wahr – diesen schwülen, schweren Geruch eben erst aufgebuddelter Erde.
»Gehen wir lieber in die Küche«, sagte Guta schnell. »Ich mache sowieso gerade Abendessen, da können wir uns währenddessen unterhalten.«
»Gern«, sagte Noonan aufgeräumt. »Es ist ja eine Ewigkeit her! Wissen Sie denn noch, was ich am liebsten vor dem Abendessen trinke?«
Sie gingen in die Küche, und Guta öffnete sofort den Kühlschrank, Noonan setzte sich an den Tisch und blickte sich um. Wie immer war hier alles blitzblank, aus ein paar kleinen Töpfen auf dem Herd stieg Dampf auf. Der Herd war neu, ein halbautomatischer. Geld war im Haus also vorhanden.
»Wie geht’s ihm?«, fragte Noonan.
»Immer noch der Alte«, antwortete Guta. »Im Gefängnis hatte er abgenommen, aber das hat er sich inzwischen wieder angefuttert.«
»Immer noch der alte Rotfuchs?«
»Na klar!«
»Und schlecht drauf?«
»Was für eine Frage! Das wird er in diesem Leben nicht mehr los.«
Guta stellte ihm eine Bloody Mary hin – die durchsichtige Schicht aus russischem Wodka schien in dem Glas über dem Tomatensaft zu schweben.
»Nicht zu viel?«, fragte sie.
»Genau richtig.« Noonan atmete tief ein, schloss die Augen und ließ den Cocktail langsam die Kehle hinabfließen. Das tat gut. Erst jetzt merkte er, dass er im Grunde zum ersten Mal an diesem Tag etwas wirklich Nennenswertes trank.
»Das ist doch gleich was anderes«, sagte er. »Weckt die Lebensgeister.«
»Läuft bei Ihnen alles gut?«, fragte Guta. »Warum haben Sie sich so lang nicht blicken lassen?«
»Die verfluchten Geschäfte«, antwortete Noonan. »Jede Woche hab ich mir fest vorgenommen, hier vorbeizuschauen oder zumindest mal anzurufen, aber erst musste ich nach Rexopolis, dann hatte ich ziemlichen Ärger, und als man mir dann sagte: ›Redrick ist zurück‹, hab ich erst mal gedacht, komm, du störst doch nur … Kurz, ich war ständig am Rotieren, Guta. Manchmal frag ich mich: Wozu die ganze Hektik, zum Teufel? Um Geld zu verdienen? Wozu brauchen wir verdammt noch mal das ganze Geld, wenn wir sowieso nur ständig durch die Gegend hetzen?«
Guta setzte klappernd die Topfdeckel auf, nahm eine Zigarettenpackung aus dem Regal und setzte sich Noonan gegenüber an den Tisch. Sie hielt den Blick gesenkt. Noonan zog eilig sein Feuerzeug hervor, gab ihr Feuer und bemerkte erneut, zum zweiten Mal in seinem Leben, dass ihre Finger zitterten – wie damals, als sie Redrick gerade erst verurteilt hatten und Noonan bei ihr vorbeigekommen war, um ihr Geld zu geben. In der ersten Zeit wäre sie ohne seine Unterstützung vor die Hunde gegangen, denn keines der Arschlöcher im Haus wollte ihr etwas leihen. Dann aber kam plötzlich Geld rein, und wie es schien, gar nicht wenig. Noonan konnte sich ausmalen, woher es stammte, kam jedoch weiterhin zu Besuch, brachte Äffchen Süßigkeiten und Spielzeug mit, saß lange Abende mit Guta beim Kaffee und schmiedete mit ihr Pläne für ihr künftiges gemeinsames Glück mit Redrick, und wenn sie ihm dann all ihre Geschichten erzählt hatte, ging er zu den Nachbarn und versuchte, diese zur Vernunft zu bringen, zu erklären, zu überreden, bis ihm schließlich der Geduldsfaden riss und er drohte: »Wenn der Rote wieder zurückkommt, bricht er euch sämtliche Knochen«, was aber alles nichts half.
»Wie geht es Ihrer Freundin?«, fragte Guta.
»Welcher?«
»Die Blondine, mit der Sie damals vorbeigekommen sind.«
»Von wegen Freundin! Meine Sekretärin war das. Sie hat inzwischen geheiratet und gekündigt.«
»Sie sollten auch heiraten, Dick«, sagte Guta. »Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen, eine passende Braut zu finden.«
Noonan wollte gerade wie so oft scherzen: »Wenn Äffchen erst mal groß ist …«, besann sich aber noch rechtzeitig. Das war jetzt nicht mehr angemessen.
»Ich brauche keine Frau, sondern eine neue Sekretärin«, brummte er. »Lassen Sie Ihren roten Teufel endlich sausen und übernehmen Sie den Job. Sie waren doch mal eine hervorragende Stenotypistin. Der alte Harris spricht heute noch von Ihnen.«
»Kein Wunder«, sagte sie. »Ich hab mir damals sämtliche Finger an ihm abgearbeitet.«
»Ach was, wirklich?« Noonan tat überrascht. »Harris, der alte Schwerenöter!«
»Mein Gott!«, sagte Guta. »Er hat mir ja keine Ruhe gelassen! Ich hatte nur vor einem Angst: dass Red irgendwas erfährt.«
Lautlos glitt Äffchen in die Küche, schaute zu den Töpfen hinüber, dann zu Richard, dann ging sie zu ihrer Mutter und schmiegte sich an sie, das Gesicht von ihm abgewandt.
»Na, Äffchen«, sagte Richard Noonan leutselig. »Magst du eine Schokolade?«
Er kramte in seiner Westentasche, zog ein kleines, in Zellophan verpacktes Schokoladenauto hervor und hielt es ihr hin. Sie rührte sich nicht. Guta nahm ihm die Schokolade ab und legte sie auf den Tisch. Ihre Lippen waren jetzt ganz bleich.
»Tja, Guta«, sagte Noonan aufgeräumt. »Wissen Sie, ich plane nämlich umzuziehen. Hab genug vom Hotelleben. Erstens ist es doch ziemlich weit bis zum Institut …«
»Sie versteht fast nichts mehr«, sagte Guta leise.
Er brach mitten im Satz ab, nahm das Glas in beide Hände und begann es sinnlos in den Fingern zu drehen.
»Sie fragen gar nicht, wie es uns geht«, fuhr sie fort, »und das müssen Sie auch nicht. Aber Sie sind ein alter Freund der Familie, Dick, wir haben vor Ihnen nichts zu verbergen. Warum sollten wir auch?«
»Waren Sie beim Arzt?«, fragte Noonan, ohne den Blick zu heben.
»Ja. Sie können nichts machen. Einer hat sogar gesagt …«
Sie verstummte. Auch er sagte kein Wort. Es gab ja nichts zu bereden, und er wollte nicht daran denken, doch dann traf ihn plötzlich ein furchtbarer Gedanke: Es war eine Invasion. Kein Picknick am Wegrand, keine Aufforderung zur Kontaktaufnahme, sondern eine Invasion. Uns können sie nicht mehr ändern, aber dafür dringen sie in die Körper unserer Kinder ein und verändern sie nach ihrem Ebenbild. Er schüttelte sich, dachte aber im nächsten Augenblick, dass er etwas in der Art schon einmal gelesen hatte, in irgendeinem Taschenbuch mit knallbuntem Einband, und diese Erinnerung ließ ihn aufatmen. Man konnte sich alles Mögliche ausmalen: In Wirklichkeit kam es sowieso ganz anders.
»Einer hat sogar gesagt«, murmelte Guta geistesabwesend, »dass sie gar kein Mensch mehr ist.«
»Unsinn«, sagte Noonan tonlos. »Sie müssen zu einem richtigen Spezialisten gehen. Am besten zu James Cutterfield. Soll ich mit ihm reden? Ich sorge dafür, dass er sie empfängt.«
»Der Fleischer?« Sie lachte nervös. »Nein danke, Dick, nicht nötig. Er war es ja, der das gesagt hat. Es ist wohl einfach Schicksal.«
Als Noonan es wagte, den Blick zu heben, war Äffchen nicht mehr da. Guta saß reglos am Tisch, den Mund leicht geöffnet, die Augen leer. An der Zigarette in ihrer Hand hing ein krummer Stängel grauer Asche.
Er schob sein Glas auf sie zu und sagte: »Machen Sie mir noch eine, Kindchen. Und sich selbst auch. Und dann trinken wir.«
Sie ließ die Asche fallen, sah sich in der Küche um und warf die Kippe schließlich in die Spüle.
»Wofür?«, murmelte sie. »Das ist es, was ich nicht verstehe. Was haben wir getan? Wir sind doch nicht die schlechtesten Menschen in dieser Stadt …«
Noonan fürchtete, sie könnte jeden Moment in Tränen ausbrechen, doch stattdessen öffnete den Kühlschrank, holte Wodka und Saft heraus und nahm ein zweites Glas aus dem Regal.
»Nur nicht verzweifeln«, sagte Noonan. »Es gibt auf der Welt nichts, was man nicht korrigieren könnte. Und glauben Sie mir, Guta, ich habe sehr gute Beziehungen. Was immer ich tun kann, werde ich tun.«
Jetzt glaubte er sogar selbst, was er da sagte, und wälzte im Kopf bereits Namen, Kliniken und Städte, und es schien ihm, als hätte er bereits in ähnlichen Fällen irgendwo etwas gehört und da sei alles gut ausgegangen, er müsse nur kurz überlegen, wo und wer der behandelnde Arzt gewesen war. Dann aber fiel ihm wieder ein, weshalb er überhaupt hier war, er erinnerte sich an Herrn Lemchen und daran, warum er sich damals mit Guta angefreundet hatte. Auf einmal wollte er an gar nichts mehr denken, verscheuchte sämtliche zusammenhängenden Gedanken, setzte sich bequem und wartete entspannt auf den nächsten Drink.
Unterdessen erklangen im Flur schlurfende Schritte und ein pochendes Geräusch, und die gerade jetzt besonders widerlich näselnde Stimme von Aasgeier Burbridge sagte: »He, Roter! Deine Alte hat wohl gerade Besuch – schau, der Hut … Das würd ich mir an deiner Stelle nicht gefallen lassen.«
Und Redricks Stimme: »Pass auf deine Prothesen auf, Aasgeier. Und darauf, was du sagst. Da ist die Tür, mach dich vom Acker, ich muss jetzt zu Abend essen.«
Und Burbridge: »Herrje, nicht mal einen Witz machen darf man mehr!«
Und Redrick: »Genug gewitzelt für heute. Komm in die Gänge!«
Das Türschloss klickte, die Stimmen wurden leiser – offenbar waren beide auf den Treppenabsatz hinausgegangen. Burbridge sagte etwas mit gedämpfter Stimme, und Redrick antwortete: »Schluss jetzt, genug geredet!« Wieder brummte Burbridge irgendwas, doch Redrick schnitt ihm heftig das Wort ab: »Ich hab gesagt, Schluss jetzt!« Die Tür knallte, schnelle Schritte tappten durch den Flur, und auf der Schwelle der Küche erschien Redrick Shewhart. Noonan erhob sich, um ihn zu begrüßen, und sie drückten einander kräftig die Hand.
»Hab ich’s mir doch gedacht, dass du es bist«, sagte Redrick und musterte Noonan schnell mit seinen grünlichen Augen. »O-oh, du bist ja fett geworden, Dicker! Schleifst deinen Arsch aber auch ständig durch alle möglichen Bars … Holla! Wie ich sehe, lasst ihr’s euch gut gehen! Guta, altes Haus, mix mir doch auch so eine, damit ich euch einhole.«
»Wir haben ja noch gar nicht richtig losgelegt«, sagte Noonan. »Das ist erst der Anfang. Und außerdem: Wer kann schon vor dir davonlaufen?«
Redrick lachte schallend auf und boxte Noonan gegen die Schulter.
»Das werden wir gleich sehen, wer hier wen ein- und überholt! Ich hab zwei Jahre lang gefastet, Bruder. Um dich einzuholen, müsste ich einen Tankwagen aussaufen. Aber was machen wir denn noch hier in der Küche! Gehen wir rüber – Guta bringt uns dann das Abendessen.«
Er tauchte in den Kühlschrank hinab, und als er sich wieder aufrichtete, hielt er in jeder Hand zwei Flaschen mit unterschiedlichen Etiketten.
»Wir feiern!«, verkündete er. »Zu Ehren unseres besten Freundes Richard Noonan, der die Seinen in der Not nicht im Stich lässt! Selbst wenn er keinerlei Vorteil davon hat. Schade, dass Gutalin nicht hier ist.«
»Ruf ihn doch an«, schlug Noonan vor.
Redrick schüttelte seinen rot leuchtenden Schopf.
»Dort, wo man ihn jetzt erreichen könnte, gibt es kein Telefon. Komm schon, gehen wir.«
Er betrat als Erster das Wohnzimmer und stellte die Flaschen geräuschvoll auf dem Tisch ab.
»Wir feiern, Paps!«, sagte er zu dem unbewegten Alten. »Das hier ist Richard Noonan, unser Freund! Dick, das ist mein alter Herr, Shewhart Senior.«
Richard Noonan ballte sein Innerstes zu einem undurchdringlichen Klumpen zusammen, zog die Mundwinkel in Richtung Ohren, wackelte mit einer Hand in der Luft und sagte zu dem Toten: »Freut mich sehr, Mister Shewhart. Wie geht’s immer so?«, und dann zu Shewhart Junior, der sich gerade an der Hausbar zu schaffen machte: »Ich bin deinem alten Herrn schon mal begegnet, Red, wenn auch nur im Vorbeigehen …«
»Setz dich«, sagte Redrick und deutete mit dem Kopf auf den Stuhl dem Alten gegenüber. »Und sprich lauter, wenn du mit ihm redest – er ist stocktaub.«
Er verteilte die Gläser, entkorkte flink die Flaschen und sagte zu Noonan: »Na dann, schenk ein. Für Paps nur ein bisschen, höchstens ein Fingerbreit.«
Noonan machte sich betont lässig ans Werk. Der Alte saß noch immer in der gleichen Haltung da und starrte an die Wand. Als Noonan ihm das Glas hinschob, zeigte er keinerlei Reaktion. Aber Noonan hatte sich bereits auf die neue Situation eingestellt. Es war ein Spiel, grauenvoll und erbärmlich. Redrick hatte das Spiel begonnen, und Noonan hatte sich darauf eingelassen, so wie er sich sein ganzes Leben immer auf fremde Spiele eingelassen hatte, Spiele, die grauenvoll und erbärmlich, schändlich und wild und weitaus gefährlicher waren als dieses hier. Redrick hob sein Glas und sagte: »Also dann?«, und Noonan schaute den Alten erwartungsvoll an, als wäre es das Natürlichste von der Welt, aber da stieß Redrick bereits ungeduldig sein Glas gegen das von Noonan und sagte: »Na, mach schon! Um ihn brauchst du dich nicht zu kümmern, der kommt schon zurecht«, worauf Noonan nickte, als wäre es das Natürlichste von der Welt, und sie beide tranken.
Redrick atmete geräuschvoll aus, seine Augen glänzten. Dann fuhr er in demselben erregten, etwas künstlichen Tonfall fort: »Das war’s, Bruder! Mich sieht der Knast nie wieder. Wenn du wüsstest, mein Lieber, wie schön es doch zu Hause ist! Geld haben wir genug, und ich hab mir schon ein nettes kleines Cottage ausgeguckt, da werden wir einen Garten haben, mindestens so schön wie der von Aasgeier. Weißt du, eigentlich wollte ich ja auswandern, das hab ich im Knast entschieden. Was zum Teufel hält mich noch in dieser verlausten Kleinstadt? Rutscht mir doch alle den Buckel runter, hab ich mir gedacht. Aber kaum bin ich wieder draußen – peng, Auswanderung verboten! Was soll das denn? Haben wir in diesen zwei Jahren auf einmal alle die Pest bekommen?«
Er redete und redete, und Noonan nickte, nahm hin und wieder einen Schluck Whisky, warf hin und wieder teilnahmsvolle Kraftausdrücke ein oder stellte rhetorische Fragen, erkundigte sich dann nach dem Cottage – was für ein Typ, wo, zu welchem Preis – und begann mit Redrick zu streiten. Noonan versuchte zu beweisen, dass das Cottage zu teuer und ungünstig gelegen sei, zog sein Notizbuch hervor, begann darin zu blättern und Adressen anderer verlassener Cottages zu nennen, die für einen Spottpreis zu haben waren, und die Reparatur kostete so gut wie gar nichts, besonders wenn man einen Auswanderungsantrag stellte, von den Behörden eine Ablehnung erhielt und eine entsprechende Entschädigung beantragte.
»Du bist also auch ins Immobiliengeschäft eingestiegen«, sagte Redrick.
»Von allem ein bisschen was«, antwortete Noonan und zwinkerte ihm zu.
»Weiß ich doch. Hab auch schon von deinem windigen Puff gehört!«
Noonan riss die Augen auf, legte einen Finger an die Lippen und deutete mit dem Kopf in Richtung Küche.
»Komm schon, das wissen doch alle«, sagte Redrick. »Geld stinkt nicht. Das hab ich erst jetzt so richtig kapiert. Aber dass du ausgerechnet Kallus als Geschäftsführer angeheuert hast – ich bin fast aus den Latschen gekippt, als ich das gehört habe! Da hast du den Bock zum Gärtner gemacht, das ist dir hoffentlich klar. Der hat doch einen an der Waffel – das wusste ich schon, als ich noch klein war!«
Plötzlich löste der Alte langsam und steif, als wäre er eine überdimensionierte Marionette, die Hand vom Oberschenkel und ließ sie neben seinem Glas auf den Tisch fallen. Es machte ein hölzernes Geräusch. Die Hand war dunkel, an manchen Stellen tiefblau, die eng aneinanderliegenden Finger sahen aus wie eine Hühnerkralle. Redrick verstummte und blickte den Alten an. Etwas zuckte in seinem Gesicht, und erstaunt entdeckte Noonan unverhohlene, zärtliche Liebe in dieser harten, sommersprossigen Visage.
»Nur zu, Paps, trink ruhig«, sagte Redrick sanft. »Ein kleiner Schluck schadet gar nicht, auf dein Wohl …« Er zwinkerte Noonan verschwörerisch zu und sagte halblaut. »Alles gut. Der kommt von selbst an das Glas ran, mach dir da keine Sorgen.«
Während er den Toten betrachtete, musste Noonan daran denken, was passiert war, als Boyds Laboranten hier aufgetaucht waren, um ihn abzuholen. Sie waren zu zweit gewesen, kräftige, sportliche Zeitgenossen. Ein Arzt aus der städtischen Klinik war auch mitgekommen, und dann noch zwei grobschlächtige Krankenpfleger, die es gewohnt waren, Patienten zu schleppen und Tobsüchtige ruhigzustellen. Wie einer der Laboranten später erzählte, habe »dieser Rothaarige« zuerst wohl gar nicht verstanden, worum es ging, als er sie in die Wohnung ließ und ihnen erlaubte, seinen Vater zu untersuchen. Wahrscheinlich hätten sie den Alten problemlos mitnehmen können, denn Redrick hatte offenbar angenommen, man wolle seinen Paps zu einer prophylaktischen Behandlung ins Krankenhaus bringen. Dann aber hatten diese Holzköpfe von Krankenpflegern, die während des Vorgesprächs noch im Flur rumgehangen waren und von dort aus Guta heimlich beim Fensterputzen in der Küche beobachtet hatten, den Alten wie einen Holzklotz genommen und ihn einfach über den Boden geschleift. Redrick war sofort an die Decke gegangen, worauf sich der Trottel von Arzt nach vorn drängte und ihm umständlich zu verklickern begann, was Sache war und wohin man den Alten bringen würde. Redrick hörte ihm vielleicht ein, zwei Minuten zu, dann explodierte er, ohne jegliche Vorwarnung, wie eine Wasserstoffbombe. Der Laborant, der das alles erzählte, erinnerte sich nur noch daran, dass er plötzlich auf der Straße wieder zu sich kam. Der rote Teufel hatte das gesamte Quintett eigenhändig die Treppe hinuntergejagt, einer von ihnen hatte für den Abstieg nicht mal die eigenen Füße benutzen müssen. Sie alle, so der Laborant, flogen aus dem Hauseingang wie Kugeln aus einer Kanone. Zwei blieben bewusstlos auf dem Bürgersteig liegen, die anderen drei verfolgte Redrick vier Häuserblocks weit. Anschließend ging er zum Institutswagen zurück und schlug sämtliche Scheiben ein – der Fahrer war zu diesem Zeitpunkt bereits in entgegengesetzter Richtung getürmt.
»Mir hat jemand in einer Bar einen neuen Cocktail gezeigt«, erzählte Redrick unterdessen und schenkte ihnen Whisky nach. »›Hexensülze‹ heißt er – den mach ich dir nachher, wenn wir mit dem Essen anfangen. Auf nüchternen Magen ist das Zeug nämlich lebensgefährlich, Bruder. Ein Glas, und du spürst deine Arme und Beine nicht mehr. Mach, was du willst, Dick, aber heute saufe ich dich unter den Tisch. Dich und mich selber gleich mit. Auf die guten alten Zeiten, damals im Borczch! Der arme Ernie sitzt immer noch, wusstest du das?« Er trank aus, fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen und fragte beiläufig: »Sag mal, habt ihr euch im Institut die ›Hexensülze‹ eigentlich schon vorgenommen? Ich bin ja, wie du weißt, wissenschaftlich nicht mehr auf dem allerneuesten Stand …«
Noonan war sofort klar, warum Redrick dieses Thema ansprach. Er klatschte in die Hände und sagte: »Von wegen, Alter! Weißt du, was für ein Ding mit der ›Sülze‹ passiert ist? Hast du das mit den Carrigan-Labors mitgekriegt? Das war so eine Privatfirma. Die haben sich irgendwo eine Portion ›Sülze‹ besorgt …«
Er berichtete von der Katastrophe und dem Skandal, davon, dass die Verantwortlichen letztlich nicht überführt wurden und auch nicht geklärt werden konnte, woher die »Sülze« stammte. Redrick hörte eher zerstreut zu, dann schnalzte er mit der Zunge, schüttelte den Kopf und schenkte mit energischer Bewegung eine weitere Runde Whisky aus.
»Geschieht ihnen recht, diesen Parasiten. Sollen sie doch alle draufgehen.«
Sie tranken. Redrick warf einen Blick auf Paps – und wieder zuckte etwas in seinem Gesicht auf. Er streckte die Hand aus und schob das Glas noch etwas näher an die Klaue des Alten heran. Plötzlich öffneten sich die Finger und schlossen sich sofort wieder. Jetzt hielten sie den Boden des Glases fest umschlossen.
»So geht es schneller«, sagte Redrick, und dann rief er laut: »Guta! Wie lang lässt du uns noch hungern? Sie gibt sich extra Mühe für dich. Sie wollte unbedingt deinen Lieblingssalat machen, den mit den Meeresfrüchten. Die hat sie schon länger gebunkert, wie mir neulich aufgefallen ist … Und, wie läuft es im Institut? Irgendwas Neues entdeckt? Angeblich lasst ihr jetzt nur noch Automaten für euch schuften, aber so besonders viel scheinen die auch nicht rauszuholen.«
Noonan begann vom Institut zu berichten, und während er sprach, tauchte Äffchen lautlos neben dem Alten auf und blieb dort eine Weile stehen, die haarigen Pfoten auf dem Tisch. Dann lehnte es sich plötzlich auf vollkommen natürliche, kindliche Weise gegen den Toten und legte ihm den Kopf auf die Schulter. Und während Noonan weiter vor sich hin redete, dachte er beim Anblick dieser beiden monströsen Ausgeburten der Zone: Mein Gott, was denn noch? Was muss mit uns noch passieren, damit wir es endlich begreifen? Ist das noch nicht genug? Doch er wusste, dass das noch nicht genug war. Er wusste, dass Milliarden und Abermilliarden von nichts wussten und nichts wissen wollten, und wenn sie es erfuhren, würden sie zehn Minuten lang heulen und mit den Zähnen klappern und dann zu ihrem Alltagstrott zurückkehren. Ich geb mir jetzt die Kante, dachte er wild entschlossen. Zum Teufel mit Burbridge und mit Lemchen – und mit dieser gottverdammten Familie! Ich geb mir die Kante!
»Was starrst du sie so an?«, fragte Redrick leise. »Keine Angst, das macht ihr gar nichts aus. Im Gegenteil, es heißt sogar, dass von ihnen eine heilende Wirkung ausgeht.«
»Ich weiß«, sagte Noonan und leerte sein Glas mit einem Schluck.
Guta kam ins Zimmer, ließ Redrick die Teller austeilen und stellte eine große silberne Schüssel mit Noonan Lieblingssalat auf den Tisch. Im selben Augenblick riss der Alte sein Glas mit einer heftigen Bewegung, als sei jemand erst jetzt aufgewacht und habe an einer Schnur gezogen, in die Höhe und bewegte es auf seinen offenen Mund zu.
»Na dann, Kinder«, rief Redrick begeistert, »lassen wir’s krachen!«
OceanofPDF.com
4
Redrick Shewhart, 31 Jahre
Über Nacht hatte sich das Tal abgekühlt, und im Morgengrauen war es sogar richtig kalt geworden. Sie gingen den Bahndamm entlang, auf morschen Schwellen zwischen verrosteten Gleisen, und Redrick betrachtete die glänzenden Tröpfchen verdichteten Nebels auf Arthur Burbridges Lederjacke. Der Junge marschierte leicht und fröhlich dahin, als hätten sie nicht gerade eine kräftezehrende, nervenaufreibende Nacht hinter sich, von der ihnen noch immer jede einzelne Sehne bebte, zwei schaurige Stunden auf dem nassen Scheitelpunkt des kahlen Hügels, in quälendem Halbschlaf, Rücken an Rücken, um sich gegenseitig zu wärmen, während sie darauf warteten, dass der »Grünstrom«, der den Hügel eingeschlossen hatte, in der Schlucht verschwand.
Auf beiden Seiten des Damms lag dichter Nebel. Von Zeit zu Zeit krochen seine schweren, grauen Streifen über die Gleise, und an diesen Stellen wateten sie knietief in der träge wallenden Brühe. Es roch nach feuchtem Rost, aus dem Sumpf rechts des Damms drang Verwesungsgestank herüber. Ringsum war nichts zu sehen außer Nebel, aber Redrick wusste, dass sich in beide Richtungen eine hügelige Ebene mit Steinfeldern erstreckte und dass dahinter in dunstige Schleier verhüllte Berge aufragten. Außerdem wusste er: Sobald die Sonne aufgegangen war und sich der Nebel in Tau verwandelt hatte, würde er irgendwo auf der linken Seite das Skelett eines abgestürzten Hubschraubers und weiter vorn einige aneinandergekoppelte Loren erblicken. Und dann würde es erst richtig losgehen.
Im Gehen schob Redrick eine Hand unter den Rucksack und drückte diesen etwas hoch, damit sich die Kante der Heliumflasche nicht mehr in sein Kreuz bohrte. Ganz schön schwer, das Miststück, wie soll ich bloß damit kriechen? Anderthalb Kilometer auf allen vieren … Hör auf zu meckern, Stalker, du wusstest, worauf du dich einlässt. Fünfhunderttausend Geld warten auf dich am Ende des Wegs, dafür lohnt es sich zu schwitzen. Fünfhunderttausend, ein richtiges Sahnestückchen, was? Niemals kriegen die’s von mir für weniger als fünfhunderttausend. Und niemals kriegt Aasgeier von mir mehr als dreißig. Und der Grünschnabel … der Grünschnabel kriegt gar nichts. Wenn der alte Drecksack auch nur die halbe Wahrheit gesagt hat, kriegt der Grünschnabel nichts.
Er richtete den Blick wieder auf Arthurs Rücken und beobachtete eine Weile mit halb geschlossenen Augen, wie dieser leichtfüßig gleich zwei Schwellen auf einmal nahm. Breite Schultern, schmale Hüften, dieselben langen, rabenschwarzen Haare wie seine Schwester, im Takt seiner Schritte wogten sie hin und her. Hast dich mir aufgedrängt, dachte Redrick missmutig. Ganz von selbst. Warum nur hatte Arthur plötzlich so verzweifelt darum gebeten? Sogar Tränen hatte er in den Augen gehabt: »Nehmen Sie mich mit, Mister Shewhart! Verschiedene Leute haben es mir schon angeboten, aber ich geh nur mit Ihnen, die anderen taugen ja nichts! Und mein Vater … der kann doch jetzt nicht mehr!«
Redrick riss sich von dieser Szene los. Schon die Erinnerung daran war ihm zuwider, und vielleicht dachte er gerade deshalb an Arthurs Schwester, daran, wie er mit Dina geschlafen hatte, mal nüchtern, mal betrunken, und was für eine Enttäuschung es jedes Mal gewesen war. Nicht zu fassen: So ein Luxusweib, ewig hätte er sie lieben können, doch in Wirklichkeit war sie nichts als eine leere Hülle, eine Täuschung, keine Frau, sondern eine leblose Puppe. Genauso, dachte er jetzt, wie diese goldenen, fast durchsichtigen Bernsteinknöpfe an der Strickjacke seiner Mutter. Man wollte sie einfach in den Mund nehmen und daran lutschen, denn ganz sicher schmeckten sie außerordentlich süß, und so nahm er sie in den Mund und lutschte daran und war jedes Mal furchtbar enttäuscht, vergaß aber diese Enttäuschung jedes Mal wieder – besser gesagt, er vergaß sie nicht, sondern weigerte sich einfach das nächste Mal, wenn er die Knöpfe wiedersah, seinem Gedächtnis zu glauben.
Vielleicht hat sein alter Herr ihn auf mich angesetzt, dachte er. Was für eine große Kanone er hinten im Hosenbund stecken hat … Nein, unwahrscheinlich. Aasgeier kennt mich zu gut. Er weiß, dass mit mir nicht zu spaßen ist. Und er weiß, wie ich in der Zone ticke. Nein, das ist Blödsinn. Er ist auch nicht der Erste, der mich unter Tränen gebeten hat – andere haben auf Knien gefleht. Und Kanonen schleppen sie beim ersten Mal alle mit. Beim ersten und beim letzten Mal. Wirklich, beim letzten? O ja, beim letzten, mein Junge! So läuft das nämlich, Aasgeier, es ist sein letztes Mal. Tja, Papachen, hättest du geahnt, was er vorhat, du hättest ihn mit deinen Krücken windelweich geprügelt, deinen Sohnemann, den du dir in der Zone erbettelt hast …
Plötzlich spürte er, dass da vorn etwas war – nicht weit entfernt, vielleicht in dreißig, vierzig Metern.
»Stopp«, sagte er zu Arthur.
Der Junge gehorchte sofort. Er reagierte schnell, erstarrte mitten im Schritt, das eine Bein noch in der Luft, das er nun langsam und vorsichtig wieder absetzte. Redrick schloss zu ihm auf und blieb stehen. Das Gleis hatte jetzt ein deutliches Gefälle und verschwand weiter vorn im Nebel. Und dort, im Nebel, war etwas. Etwas Großes, Unbewegtes. Und Ungefährliches. Redrick sog vorsichtig mit der Nase die Luft ein. Ja, es war ungefährlich.
»Weiter«, sagte er leise, wartete ab, bis Arthur den ersten Schritt machte, und folgte ihm dann.
Aus den Augenwinkeln konnte er Arthurs Gesicht erkennen, das geschliffene Profil, die glatte Haut auf seinen Wangen und die entschlossen zusammengepressten Lippen unter dem hauchdünnen Schnurrbärtchen.
Sie tauchten in den Nebel ein, erst bis zum Gürtel, dann bis zum Hals, und wenige Sekunden später zeichneten sich vor ihnen die schiefen Umrisse einer Lore ab.
»Halt«, sagte Redrick und begann sich aus seinem Rucksack zu winden. »Zigarettenpause. Setz dich genau da hin, wo du stehst.«
Arthur half ihm mit dem Rucksack, dann setzten sich die beiden auf das rostige Gleis, Redrick öffnete eine der Vordertaschen, holte den Beutel mit dem Proviant und die Thermosflasche mit dem Kaffee heraus. Während Arthur die belegten Brote auf dem Rucksack verteilte, zog er einen Flachmann aus dem Mantel, schraubte den Deckel ab, schloss die Augen und trank in langsamen Schlucken.
»Auch einen Schluck?«, bot er an und wischte mit der Hand den Flaschenhals ab. »Bisschen Mumm antrinken …«
Arthur schüttelte gekränkt den Kopf.
»Mumm brauch ich keinen, Mister Shewhart«, sagte er. »Wenn Sie erlauben, nehm ich lieber einen Kaffee. Ganz schön feucht hier, nicht wahr?«
»Stimmt«, pflichtete ihm Redrick bei. Er steckte den Flachmann zurück, nahm sich eines der Brote und begann zu kauen. »Sobald sich der Nebel aufgelöst hat, wirst du sehen, dass hier ringsum nichts als Sumpf ist. Früher gab es in dieser Gegend auch Mückenschwärme, kaum auszuhalten.«
Er verstummte und schenkte sich Kaffee ein, der heiß, stark und süß war und jetzt sogar noch besser schmeckte als ein Schluck aus dem Flachmann. Er roch nach zu Hause. Nach Guta. Nein, nicht einfach nach Guta, sondern nach Guta im Morgenrock, noch ganz verschlafen, mit dem faltigen Abdruck ihres Kissens auf der Wange. Ich hätte mich nicht in diese Sache reinziehen lassen sollen, dachte er. Fünfhunderttausend … Wozu in aller Welt brauch ich das Geld? Will ich mir davon vielleicht eine Kneipe kaufen? Geld ist nur dazu da, dass man nicht dran denken muss. Damit hatte Dick recht. Aber ich denk auch so nicht daran, in letzter Zeit. Wozu also brauch ich dieses Geld? Ein Haus hab ich schon, einen Garten auch, und Arbeit wird es in Harmont immer geben. Reingelegt hat er mich, Aasgeier, der stinkende Hund, reingelegt wie einen Grünschnabel …
»Mister Shewhart«, sagte Arthur plötzlich, ohne ihn anzusehen, »glauben Sie ernsthaft, dass dieses Ding Wünsche erfüllen kann?«
»Unsinn!«, entgegnete Redrick zerstreut, doch dann hielt er inne, den Becher vor dem Mund. »Woher weißt du überhaupt, hinter welchem Ding wir her sind?«
Arthur lachte verlegen, fuhr mit den Fingern einer Hand durch seine rabenschwarzen Haare und sagte: »Ich hab’s mir einfach gedacht! Wüsste gar nicht mehr zu sagen, wie genau ich drauf gekommen bin. Na gut, früher hat mein Vater ja in einer Tour von dieser Goldenen Kugel geredet, in letzter Zeit aber dann auf einmal gar nicht mehr. Gleichzeitig ist er ziemlich oft zu Ihnen gegangen, dabei weiß ich doch, dass Sie nicht gerade beste Freunde sind, egal, was mein Vater sagt. In letzter Zeit ist er irgendwie seltsam geworden.« Arthur lachte wieder und schüttelte den Kopf. Er schien sich an etwas zu erinnern. »Endgültig kapiert hab ich’s aber erst, als Sie beide auf der Brachfläche draußen diesen kleinen Ballon ausprobiert haben …« Er klopfte mit der Hand auf seinen Rucksack, in dem sich die kompakt zusammengelegte Ballonhülle befand. »Um ehrlich zu sein, ich hab Ihnen damals nachgespürt. Spätestens als Sie den Sack mit den Steinen ein Stück über der Erde haben fliegen lassen, war mir alles klar. Ich glaube nämlich, dass es außer der Goldenen Kugel in der Zone nichts richtig Schweres mehr gibt.« Er biss von seinem belegten Brot ab, begann zu kauen und sprach nachdenklich mit vollem Mund weiter: »Ich versteh nur nicht, wie Sie die Kugel befestigen wollen, die ist doch wahrscheinlich ganz glatt …«
Redrick musterte ihn über den Becherrand hinweg und dachte: Wie wenig sie sich doch ähneln, Vater und Sohn. Sie hatten wirklich überhaupt nichts gemein, weder das Gesicht noch die Stimme, noch die Seele. Aasgeiers Stimme war heiser, anbiedernd und irgendwie niederträchtig, aber wenn er über diese Sache sprach, schlug er einen in den Bann. »Roter«, sagte er dann, über den Tisch gebeugt, »jetzt sind nur noch wir zwei übrig, zusammen haben wir zwei Beine, und beide gehören dir … Wem sonst, wenn nicht dir? Es ist womöglich das Wertvollste, was es in der Zone zu holen gibt! Und wer soll es bekommen? Doch nicht etwa diese schnöseligen Weicheier mit ihren ach so tollen Maschinen? Ich hab sie gefunden, ich ganz allein! Wie viele von unseren Leuten sind auf dem Weg dorthin umgekommen! Aber ich hab sie gefunden! Und für mich aufgehoben. Am liebsten würde ich sie auch jetzt noch für mich behalten, aber wie du siehst, hab ich nicht mehr die Reichweite … Niemand sonst kriegt das hin außer dir. Wie viele Milchbärte hab ich versucht zu trainieren, eine ganze Schule hab ich aufgemacht, verstehst du, aber die haben einfach nicht das Zeug dazu … Na gut, du glaubst mir nicht. Musst du auch nicht. Du kriegst ja sowieso das ganze Geld. Gib mir davon einfach, so viel du willst, ich weiß ja, du lässt mich nicht im Regen stehen … Und vielleicht hol ich mir damit meine Beine zurück. Ich hol sie mir zurück, verstehst du? Die Zone hat mir die Beine weggenommen, vielleicht gibt sie sie mir ja wieder zurück?«
»Was?«, fragte Redrick und fuhr hoch.
»Ich meinte, ist es okay, wenn ich eine rauche, Mister Shewhart?«
»Klar, nur zu«, sagte Redrick. »Ich zünde mir auch eine an.«
Er trank den Rest Kaffee aus, zog eine Zigarette hervor, und während er sie mit den Fingern knetete, starrte er in den Nebel, der sich allmählich aufzulösen begann. Durchgeknallt, dachte er. Einfach übergeschnappt. Seine Beine will er wiederhaben. Dieser miese Dreckskerl …
Von dem ganzen Gerede hatte sich in seinem Innern etwas angesammelt, ein rätselhafter Bodensatz, der nicht mit der Zeit verschwand, sondern im Gegenteil immer dicker wurde. Er wusste nicht, was das war, aber es störte. Es war, als hätte ihn Aasgeier angesteckt, aber nicht mit irgendeiner Schweinerei, sondern im Gegenteil … mit Kraft? Nein, nicht mit Kraft. Aber womit dann? Also gut, dachte er bei sich. Angenommen, ich wäre gar nicht bis hierher gekommen. Ich hätte es wirklich vorgehabt, hätte den Rucksack fertiggepackt, aber dann wäre irgendwas passiert. Man hätte mich geschnappt zum Beispiel. Wäre das schlecht? Definitiv. Warum? Weil dann das Geld futsch wäre? Nee, das Geld spielt keine Rolle … Weil sich dann der Heisere und der Hagere, diese beiden Arschlöcher, die Ware schnappen? Das schon eher. Ärgerlich wäre es schon. Aber was hab ich mit denen zu schaffen? Am Ende des Tages reißen sie sich sowieso alles unter den Nagel.
»Brrr …« Arthur wackelte mit den Schultern. »Das geht ja bis in die Knochen. Mister Shewhart, könnte ich jetzt vielleicht doch einen Schluck bekommen?«
Redrick zog schweigend den Flachmann hervor und reichte ihn ihm. Ich hab mich wenigstens nicht sofort einwickeln lassen, dachte er plötzlich. Zwanzigmal hab ich Aasgeier zum Teufel geschickt, und erst beim einundzwanzigsten Mal hab ich zugesagt. Irgendwie hab ich es einfach nicht mehr ertragen. Und das letzte Gespräch war dann ganz kurz und sachlich. »Hallo, Roter. Ich hab die Karte mitgebracht. Willst du nicht doch einen Blick drauf werfen?« Ich hab ihm in die Augen geschaut, und seine Augen waren wie Eiterbeulen – gelb mit einem schwarzen Punkt in der Mitte –, und da hab ich zu ihm gesagt: »Also gut.« Und das war’s. Ich weiß noch, ich war betrunken, eine ganze Woche hatte ich gesoffen. Mir ging’s richtig beschissen … Zum Henker, ist doch sowieso alles egal! Ich bin eben losmarschiert und basta. Aber warum stochere ich da jetzt noch mit meinem Stöckchen in diesem Stück Scheiße herum? Hab ich vielleicht Angst, oder was?
Er zuckte zusammen. Ein lang gezogenes, wehmütiges Knarren drang plötzlich aus dem Nebel herüber. Redrick sprang auf wie von einer Nadel gestochen, und im selben Augenblick stand auch Arthur auf den Beinen. Doch schon war es wieder still, nur ein wenig Kies rieselte von ihren Füßen den Damm hinab.
»Wahrscheinlich absackendes Gestein«, flüsterte Arthur unsicher. Er tat sich erkennbar schwer, die richtigen Worte hervorzubringen. »Die Loren, mit dem Gestein … die stehen doch schon so lange da …«
Redrick starrte geradeaus in den Nebel und sah nichts. Er erinnerte sich. Eines Nachts war er von dem gleichen beklemmenden, lang gezogenen Geräusch aufgewacht und unfähig gewesen, sich zu rühren, wie im Traum. Nur war es kein Traum gewesen. Es war Äffchen, die diesen Schrei ausgestoßen hatte, aufrecht hatte sie in ihrem Bett beim Fenster gesessen, und vom anderen Ende des Hauses hatte der Alte mit einem ganz ähnlichen Laut geantwortet, genauso lang gezogen und knarrend, nur noch mit so einem gurgelnden Geräusch dazu. So hatten sie einander zugerufen, in der Dunkelheit – ein Jahrhundert lang, hundert Jahre und noch einmal hundert Jahre. Guta war damals auch aufgewacht und hatte Redricks Hand genommen, er fühlte ihre Schulter, die sich augenblicklich mit kaltem Schweiß bedeckte, und so lagen sie die ganzen hundert und noch einmal hundert Jahre da und lauschten, und als Äffchen verstummte und sich wieder hinlegte, wartete er noch ein wenig, stand auf, ging in die Küche hinunter und leerte gierig die halbe Kognakflasche. In dieser Nacht hatte er wieder mit dem Trinken begonnen.
»Das Gestein«, sagte Arthur. »Wissen Sie, es sackt mit der Zeit in sich zusammen. Von der Feuchtigkeit, der Erosion, lauter solchen Sachen.«
Redrick sah sein bleiches Gesicht und setzte sich wieder hin. Die Zigarette war ihm aus den Fingern gerutscht, und er zündete sich eine neue an. Arthur blieb noch eine Weile stehen und drehte argwöhnisch den Kopf hin und her, dann setzte auch er sich wieder hin und sagte leise: »Ich weiß, man erzählt sich, dass in der Zone irgendwelche Leute leben. Keine Außerirdischen, sondern Menschen. Dass sie sich während des Besuchs hier befanden und deswegen mutiert sind. Sich an die neuen Bedingungen angepasst haben. Haben Sie davon schon mal gehört, Mister Shewhart?«
»Ja«, sagte Redrick. »Das ist aber nicht hier. Das ist in den Bergen. Im Nordwesten. Irgendwelche Hirten.«
Das ist es, womit er mich angesteckt hat, dachte er. Mit seinem Wahnsinn. Deswegen habe ich mich also auf den Weg hierher gemacht. Genau das suche ich hier … Eine seltsame, ganz neue Empfindung breitete sich allmählich in ihm aus. Er war sich bewusst, dass diese Empfindung in Wirklichkeit überhaupt nicht neu war, dass sie schon lange tief in seinem Inneren verborgen war, aber erst jetzt hatte er sie bemerkt, und nun fügte sich alles zusammen. Was ihm früher wie dummes Zeug erschienen war, wie das geistesgestörte Gestammel eines senilen Greises, entpuppte sich jetzt als die einzige Hoffnung, der einzige Sinn des Lebens, denn erst jetzt begriff er: Das Einzige, was ihm auf dieser Welt noch blieb, das Einzige, wofür er in den letzten Monaten gelebt hatte, war die Hoffnung auf ein Wunder. Er, dieser Idiot, dieser Hornochse, hatte diese Hoffnung von sich gestoßen, sie mit Füßen getreten, sich über sie lustig gemacht und sie versoffen, weil er es so gewohnt war, weil er sich in seinem ganzen Leben, von Kindesbeinen an, nie auf jemand anderen verlassen hatte als auf sich selbst, und weil sich dieses Vertrauen auf sich selbst schon immer in der Anzahl grüner Scheinchen bemaß, die er dem gleichgültigen Chaos, das ringsum herrschte, zu entreißen vermochte. So war es immer gewesen, und so wäre es auch geblieben, wäre er am Ende nicht in dieses Loch gefallen, aus dem ihn auch die grünen Scheinchen nicht mehr herausholen konnten, und in dem es absolut keinen Sinn ergab, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Und jetzt erfüllte ihn diese Hoffnung – die im Grunde keine Hoffnung mehr war, sondern der feste Glaube an ein Wunder – bis unter den Scheitel, und er fragte sich bereits, wie er früher in dieser ausweglosen Finsternis hatte leben können … Er lachte auf und knuffte Arthur gegen die Schulter.
»Na, Stalker«, sagte er. »Hast die Unterhosen voll? Gewöhn dich dran, Freundchen, und schäm dich nicht dafür. Zu Hause wäscht sie dir bestimmt jemand.«
Arthur sah ihn erstaunt an und lächelte unsicher. Redrick knüllte das Butterbrotpapier zusammen und warf es unter eine Lore, dann lehnte er sich seitlich gegen den Rucksack und stützte sich mit dem Ellenbogen auf.
»Na gut«, sagte er. »Nehmen wir zum Beispiel an, das mit der Goldenen Kugel stimmt. Was würdest du dir dann wünschen?«
»Sie glauben also doch daran?«, fragte Arthur schnell.
»Spielt keine Rolle, ob ich daran glaube oder nicht. Beantworte meine Frage.«
Auf einmal interessierte es ihn wirklich, was sich so ein junger Kerl, ein Grünschnabel, frisch von der Schulbank, von der Goldenen Kugel wünschen würde, und er beobachtete mit belustigter Neugier, wie Arthur die Brauen zusammenzog, sein Schnurrbärtchen malträtierte, nervös zu ihm aufsah und den Blick sofort wieder senkte.
»Na ja, natürlich Beine für meinen Vater …«, murmelte Arthur schließlich. »Und dass zu Hause alles gut ist …«
»Alles glatt gelogen«, sagte Redrick gutmütig. »Denk dran, Freundchen: Die Goldene Kugel erfüllt nur deine sehnlichsten Wünsche, solche, deren Nichterfüllung dazu führen würde, dass du zum Strick greifst!«
Arthur Burbridge errötete, warf Redrick wieder einen schnellen Blick zu, senkte sogleich wieder die Augen und lief knallrot an. Sogar ein paar Tränen kamen ihm. Redrick musste lächeln, als er ihn so sah.
»Schon gut«, sagte er fast zärtlich. »Es geht mich ja auch nichts an. Behalt es für dich.«
Aber dann fiel ihm plötzlich die Pistole wieder ein, und er fand, es sei besser, das jetzt zur Sprache zu bringen, solange noch Zeit war.
»Was hast du in deiner hinteren Tasche?«, fragte er beiläufig.
»Eine Pistole«, brummte Arthur und biss sich auf eine Lippe. »Wozu?«
»Um damit zu schießen«, antwortete Arthur herausfordernd.
»Immer mit der Ruhe«, sagte Redrick streng und setzte sich gerade auf. »Gib sie mir. In der Zone ist niemand, auf den du schießen könntest. Gib schon her.«
Arthur wollte etwas sagen, doch dann griff er schweigend hinter sich, zog den Armeecolt heraus, nahm ihn am Lauf und hielt ihn Redrick hin. Redrick umfasste den warmen, geriffelten Griff, warf die Pistole in die Luft, fing sie wieder auf und fragte: »Hast du irgendein Tuch? Damit ich sie einwickeln kann.«
Er wickelte die Waffe in Arthurs sauberes, nach Kölnischwasser riechendes Taschentuch und legte das Bündel auf einer Bahnschwelle ab.
»Wir lassen sie einstweilen hier liegen«, erklärte er. »So Gott will, kommen wir wieder zurück, und dann nehmen wir sie mit. Vielleicht können wir sie ja brauchen, um eine Streife loszuwerden. Obwohl, so ein Schusswechsel mit einer Streife, Freundchen …«
Arthur schüttelte heftig den Kopf.
»Dafür hab ich sie gar nicht mitgenommen«, sagte er unwirsch. »Es ist nur eine Patrone drin. Für den Fall, dass ich wie mein Vater …«
»Ach so«, antwortete Redrick gedehnt und sah ihm prüfend ins Gesicht. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Wenn dir dasselbe passiert wie deinem Vater, bringe ich dich auf jeden Fall bis hierher. Versprochen … Sieh mal, es ist richtig hell geworden!«
Der Nebel lichtete sich zusehends. Auf dem Bahndamm hatte er sich fast vollständig verflüchtigt, und auch weiter unten sowie in der Ferne sackte die milchige Trübe immer mehr in sich zusammen und schmolz dahin, die rundlichen, struppigen Hügelkuppen wuchsen langsam daraus empor, und zwischen ihnen konnte man hie und da bereits die scheckige Oberfläche des modrigen Sumpfs erkennen, bedeckt von lichtem, ausgezehrtem Weidengebüsch. Hinter den Hügeln flammten am Horizont hellgelb die Gipfel der Berge auf, und der Himmel darüber war klar und blau. Arthur blickte über die Schulter nach hinten und schrie begeistert auf. Auch Redrick drehte sich um. Im Osten erschienen die Berge schwarz, aber darüber waberte der vertraute smaragdene Widerschein – das grüne Morgenlicht der Zone.
Redrick erhob sich, löste seinen Gürtel und fragte: »Musst du noch mal für kleine Jungs? Überleg’s dir, später hast du keine Gelegenheit mehr dazu …«
Er trat hinter eine Lore, hockte sich hin und beobachtete grunzend vom Bahndamm aus, wie der grüne Schein schon bald erlosch, von Rosa überflutet wurde, und wie sich allmählich die riesige orangene Sonnenscheibe hinter dem Bergrücken hervorschob und sogleich lang gestreckte lilafarbene Schatten von den Hügeln herabwarf. Alles war auf einmal gestochen scharf, zeichnete sich deutlich ab, war wie mit Händen zu greifen, und direkt vor sich, in vielleicht zweihundert Meter Entfernung, erblickte Redrick auch den Helikopter. Die Maschine war offenbar exakt ins Zentrum einer »Mückenglatze« gefallen: Ihr Rumpf war platt gedrückt wie ein stählerner Pfannkuchen, nur das Heck war unversehrt geblieben, wenn auch leicht verbogen, und ragte wie ein schwarzer Haken aus der Lichtung zwischen den Hügeln heraus, auch der Heckrotor war noch heil und schaukelte mit einem deutlich vernehmbaren Quietschen in der leichten Brise. Es musste sich offenbar um eine besonders starke »Glatze« handeln, nicht einmal einen Brand hatte es gegeben, und auf dem zusammengestauchten Blechhaufen war deutlich das rotblaue Abzeichen der königlichen Luftstreitkräfte zu erkennen, das Redrick nun schon so viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Er hatte sogar fast vergessen, wie es aussah.
Als er sein Geschäft verrichtet hatte, ging Redrick zum Rucksack zurück, zog die Karte heraus und breitete sie auf dem zusammengebackenen Gestein einer Lore aus. Der Steinbruch selbst war von hier aus nicht zu sehen – er lag hinter einem Hügel, auf dessen Kuppe ein schwarzer, verkohlter Baum aufragte. An diesem Hügel mussten sie rechts vorbei, durch eine Talsenke zwischen ihm und einem anderen Hügel, der von hier aus ebenfalls deutlich zu erkennen war. Dieser war ganz und gar kahl und wies an seiner Flanke ein braunes Geröllfeld auf.
Alle Orientierungspunkte stimmten überein, und doch empfand Redrick keine Befriedigung. Der langjährige Instinkt des Stalkers erhob kategorisch Einspruch gegen diese absurde und widernatürliche Idee, zwischen zwei benachbarten Anhöhen einen Pfad hindurchzuführen. Schon gut, versuchte Redrick sich zu beruhigen. Es wird sich zeigen. Wir schauen uns das vor Ort genauer an. Der Pfad bis zu der Talsenke führte durch den Sumpf, über eine offene, flache Landschaft, die von hier aus ungefährlich schien, doch bei genauer Betrachtung konnte Redrick zwischen den trockenen Bulten einen dunkelgrauen Fleck ausmachen. Er warf einen Blick auf die Karte. An dieser Stelle war ein Kreuz eingezeichnet, und mit krakeligen Buchstaben stand daneben: »Schlitzohr«. Der rot gepunktete Pfad führte rechts an dem Kreuz vorbei. Der Spitzname sagte Redrick etwas, aber was für ein Typ dieser Schlitzohr gewesen war, wie er ausgesehen hatte und wann er hier gewesen war, daran konnte er sich nicht erinnern. Seltsamerweise fiel ihm nur dies ein: der verrauchte Saal des Borczch, irgendwelche besoffenen, grimmigen Visagen, riesige rote Pfoten, die Gläser umklammerten, donnerndes Lachen, weit aufgerissene Münder voller gelber Zähne – eine fantastische Horde von Titanen und Giganten, die sich an der Tränke versammelt hatten, eine der deutlichsten Erinnerungen seiner Kindheit – der erste Besuch im Borczch. Was hab ich damals mitgebracht? Ein »Leerteil«, glaub ich. Direkt aus der Zone, nass, hungrig, noch ganz benommen, mit dem Sack über der Schulter war er damals in diese Kneipe hineingetaumelt, hatte ihn vor Ernest auf die Theke geknallt, finster die Zähne gefletscht und sich umgeblickt, den donnernd über ihn hereinbrechenden Hohn ertragen und abgewartet, bis Ernest – damals noch jung, aber wie immer mit Fliege – die grünen Scheinchen, was immer die Summe auch war, abgezählt hatte (halt, nein, damals waren es noch nicht die grünen gewesen, sondern die quadratischen, königlichen, mit einem halbnackten Weibsstück drauf, mit Mantel und Kranz). Dann hatte er das Geld in die Tasche gesteckt, sich zu seiner eigenen Überraschung ein schweres Bierglas von der Theke gekrallt und es mit voller Wucht in die nächstbeste lachende Fresse gerammt … Grinsend dachte Redrick: Vielleicht war das ja ebenjener Schlitzohr gewesen?