Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 9 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 8

 

Schon rückte der September vor: es waren nicht mehr viele Gäste in

Aalsgaard. Bei den Mahlzeiten in dem großen, balkengedeckten Eßsaal zu

ebener Erde, dessen hohe Fenster auf die Glasveranda und die See

hinausführten, führte die Wirtin den Vorsitz, ein bejahrtes Mädchen mit weißem

Haar, farblosen Augen, zartrosigen Wangen und einer haltlosen

Zwitscherstimme, das immer seine roten Hände auf dem Tafeltuche ein wenig

vorteilhaft zu gruppieren trachtete. Ein kurzhalsiger alter Herr mit eisgrauem

Schifferbart und dunkelbläulichem Gesicht war da, ein Fischhändler aus der

Hauptstadt, der des Deutschen mächtig war. Er schien gänzlich verstopft und

zum Schlagfluß geneigt, denn er atmete kurz und stoßweise und hob von Zeit zu

Zeit den beringten Zeigefinger zu einem seiner Nasenlöcher empor, um es

zuzudrücken und dem anderen durch starkes Blasen ein wenig Luft zu

verschaffen. Nichtsdestoweniger sprach er beständig der Aquavitflasche zu, die

sowohl beim Frühstück als beim Mittag- und Abendessen vor ihm stand. Dann

waren nur noch drei große amerikanische Jünglinge mit ihrem Gouverneur oder

Hauslehrer zugegen, der schweigend an seiner Brille rückte und tagüber mit

ihnen Fußball spielte. Sie trugen ihr rotgelbes Haar in der Mitte gescheitelt und

hatten lange, unbewegte Gesichter. »Please give me the wurst-things there!«

sagte der eine. »That's not wurst, that's schinken!« sagte ein anderer, und dies

war alles, was sowohl sie als der Hauslehrer zur Unterhaltung beitrugen; denn

sonst saßen sie still und tranken heißes Wasser.

Tonio Kröger hätte sich keine andere Art von Tischgesellschaft gewünscht.

Er genoß seinen Frieden, horchte auf die dänischen Kehllaute, die hellen und

trüben Vokale, in denen der Fischhändler und die Wirtin zuweilen konversierten,

wechselte hie und da mit dem ersteren eine schlichte Bemerkung über den

Barometerstand und erhob sich dann, um durch die Veranda wieder an den

Strand hinunterzugehen, wo er schon lange Morgenstunden verbracht hatte.

Manchmal war es dort still und sommerlich. Die See ruhte träge und glatt, in

blauen, flaschengrünen und rötlichen Streifen, von silbrig glitzernden

Lichtreflexen überspielt, der Tang dörrte zu Heu in der Sonne, und die Quallen

lagen da und verdunsteten. Es roch ein wenig faulig und ein wenig auch nach dem Teer des Fischerbootes, an welches Tonio Kröger, im Sande sitzend, den

Rücken lehnte, – so gewandt, daß er den offenen Horizont und nicht die

schwedische Küste vor Augen hatte; aber des Meeres leiser Atem strich rein und

frisch über alles hin.

Und graue, stürmische Tage kamen. Die Wellen beugten die Köpfe wie

Stiere, die die Hörner zum Stoße einlegen, und rannten wütend gegen den

Strand, der hoch hinauf überspielt und mit naßglänzendem Seegras, Muscheln

und angeschwemmtem Holzwerk bedeckt war. Zwischen den langgestreckten

Wellenhügeln dehnten sich unter dem verhängten Himmel blaßgrün-schaumig

die Täler; aber dort, wo hinter den Wolken die Sonne stand, lag auf den Wassern

ein weißlicher Sammetglanz.

Tonio Kröger stand in Wind und Brausen eingehüllt, versunken in dies

ewige, schwere, betäubende Getöse, das er so sehr liebte. Wandte er sich und

ging fort, so schien es plötzlich ganz ruhig und warm um ihn her. Aber im

Rücken wußte er sich das Meer; es rief, lockte und grüßte. Und er lächelte.

Er ging landeinwärts, auf Wiesenwegen durch die Einsamkeit, und bald

nahm Buchenwald ihn auf, der sich hügelig weit in die Gegend erstreckte. Er

setzte sich ins Moos, an einen Baum gelehnt, so, daß er zwischen den Stämmen

einen Streifen des Meeres gewahren konnte. Zuweilen trug der Wind das

Geräusch der Brandung zu ihm, das klang, wie wenn in der Ferne Bretter

aufeinander fallen. Krähengeschrei über den Wipfeln, heiser, öde und verloren

… Er hielt ein Buch auf den Knien, aber er las nicht eine Zeile darin. Er genoß

ein tiefes Vergessen, ein erlöstes Schweben über Raum und Zeit, und nur

zuweilen war es, als würde sein Herz von einem Weh durchzuckt, einem kurzen,

stechenden Gefühl von Sehnsucht oder Reue, das nach Namen und Herkunft zu

fragen er zu träge und versunken war.

So verging mancher Tag; er hätte nicht zu sagen vermocht, wie viele, und

trug kein Verlangen danach, es zu wissen. Dann aber kam einer, an welchem

etwas geschah; es geschah, während die Sonne am Himmel stand und Menschen

zugegen waren, und Tonio Kröger war nicht einmal so außerordentlich erstaunt

darüber.

Gleich dieses Tages Anfang gestaltete sich festlich und entzückend. Tonio

Kröger erwachte sehr früh und ganz plötzlich, fuhr mit einem feinen und

unbestimmten Erschrecken aus dem Schlafe empor und glaubte, in ein Wunder,

einen feenhaften Beleuchtungszauber hineinzublicken. Sein Zimmer, mit Glastür

und Balkon nach dem Sunde hinaus gelegen und durch einen dünnen, weißen

Gazevorhang in Wohn- und Schlafraum geteilt, war zartfarbig tapeziert und mit leichten, hellen Möbeln versehen, so daß es stets einen lichten und freundlichen

Anblick bot. Nun aber sahen seine schlaftrunkenen Augen es in einer

unirdischen Verklärung und Illumination vor sich liegen, über und über getaucht

in einen unsäglich holden und duftigen Rosenschein, der Wände und Möbel

vergoldete und den Gazevorhang in ein mildes, rotes Glühen versetzte … Tonio

Kröger begriff lange nicht, was sich ereignete. Als er aber vor der Glastür stand

und hinausblickte, sah er, daß es die Sonne war, die aufging.

Mehrere Tage lang war es trüb und regnicht gewesen; jetzt aber spannte sich

der Himmel wie aus straffer, blaßblauer Seide schimmernd klar über See und

Land, und durchquert und umgeben von rot und golden durchleuchteten Wolken,

erhob sich feierlich die Sonnenscheibe über das flimmernd gekrauste Meer, das

unter ihr zu erschauern und zu erglühen schien … So hub der Tag an, und

verwirrt und glücklich warf Tonio Kröger sich in die Kleider, frühstückte vor

allen anderen drunten in der Veranda, schwamm hierauf von dem kleinen

hölzernen Badehäuschen aus eine Strecke in den Sund hinaus und tat dann einen

stundenlangen Gang am Strande hin. Als er zurückkehrte, hielten mehrere

omnibusartige Wagen vorm Hotel, und vom Eßsaal aus gewahrte er, daß sowohl

in dem anstoßenden Gesellschaftszimmer, dort, wo das Klavier stand, als auch in

der Veranda und auf der Terrasse, die davor lag, Menschen in großer Anzahl,

kleinbürgerlich gekleidete Herrschaften, an runden Tischen saßen und unter

angeregten Gesprächen Bier mit Butterbrot genossen. Es waren ganze Familien,

ältere und junge Leute, ja sogar ein paar Kinder.

Beim zweiten Frühstück (der Tisch trug schwer an kalter Küche,

Geräuchertem, Gesalzenem und Gebackenem) erkundigte sich Tonio Kröger,

was vor sich gehe.

»Gäste!« sagte der Fischhändler. »Ausflügler und Ballgäste aus Helsingör!

Ja, Gott soll uns bewahren, wir werden nicht schlafen können, diese Nacht! Es

wird Tanz geben, Tanz und Musik, und man muß fürchten, daß das lange dauert.

Es ist eine Familienvereinigung, eine Landpartie nebst Reunion, kurzum, eine

Subskription oder dergleichen, und sie genießen den schönen Tag. Sie sind zu

Boot und zu Wagen gekommen und jetzt frühstücken sie. Später fahren sie noch

weiter über Land, aber abends kommen sie wieder, und dann ist Tanzbelustigung

hier im Saale. Ja, verdammt und verflucht, wir werden kein Auge zutun …«

»Das ist eine hübsche Abwechslung«, sagte Tonio Kröger.

Hierauf wurde längere Zeit nichts mehr gesprochen. Die Wirtin ordnete ihre

roten Finger, der Fischhändler blies durch das rechte Nasenloch, um sich ein

wenig Luft zu verschaffen, und die Amerikaner tranken heißes Wasser und machten lange Gesichter dazu.

Da geschah dies auf einmal: H a n s H a n s e n u n d I n g e b o r g H o l m

g i n g e n d u r c h d e n S a a l . –

Tonio Kröger lehnte, in einer wohligen Ermüdung nach dem Bade und

seinem hurtigen Gang, im Stuhl und aß geräucherten Lachs auf Röstbrot; – er

saß der Veranda und dem Meere zugewandt. Und plötzlich öffnete sich die Tür,

und Hand in Hand kamen die beiden herein, – schlendernd und ohne Eile.

Ingeborg, die blonde Inge, war hell gekleidet, wie sie in der Tanzstunde bei

Herrn Knaak zu sein pflegte. Das leichte, geblümte Kleid reichte ihr nur bis zu

den Knöcheln, und um die Schultern trug sie einen breiten, weißen Tüllbesatz

mit spitzem Ausschnitt, der ihren weichen, geschmeidigen Hals freiließ. Der Hut

hing ihr an seinen zusammengeknüpften Bändern über dem einen Arm. Sie war

vielleicht ein klein wenig erwachsener als sonst, und trug ihren wunderbaren

Zopf nun um den Kopf gelegt; aber Hans Hansen war ganz wie immer. Er hatte

seine Seemanns-Überjacke mit den goldenen Knöpfen an, über welcher auf

Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen lag; die Matrosenmütze mit den

kurzen Bändern hielt er in der hinabhängenden Hand und schlenkerte sie sorglos

hin und her. Ingeborg hielt ihre schmal geschnittenen Augen abgewandt,

vielleicht ein wenig geniert durch die speisenden Leute, die auf sie schauten.

Allein Hans Hansen wandte nun gerade und aller Welt zum Trotz den Kopf nach

der Frühstückstafel und musterte mit seinen stahlblauen Augen Einen nach dem

Anderen herausfordernd und gewissermaßen verächtlich; er ließ sogar Ingeborgs

Hand fahren und schwenkte seine Mütze noch heftiger hin und her, um zu

zeigen, was für ein Mann er sei. So gingen die beiden, mit dem still blauenden

Meere als Hintergrund, vor Tonio Krögers Augen vorüber, durchmaßen den Saal

seiner Länge nach und verschwanden durch die entgegengesetzte Tür im

Klavierzimmer.

Dies begab sich um halb zwölf Uhr vormittags, und noch während die

Kurgäste beim Frühstück saßen, brach nebenan und in der Veranda die

Gesellschaft auf und verließ, ohne daß noch jemand den Eßsaal betreten hätte,

durch den Seitenzugang, der vorhanden war, das Hotel. Man hörte, wie draußen

unter Scherzen und Gelächter die Wagen bestiegen wurden, wie ein Gefährt nach

dem anderen auf der Landstraße sich knirschend in Bewegung setzte und

davonrollte …

»Sie kommen also wieder?« fragte Tonio Kröger …

»Das tun sie!« sagte der Fischhändler. »Und Gott sei's geklagt. Sie haben

Musik bestellt, müssen Sie wissen, und ich schlafe hier überm Saale.«

»Das ist eine hübsche Abwechslung,« wiederholte Tonio Kröger. Dann stand

er auf und ging fort.

Er verbrachte den Tag, wie er die anderen verbracht hatte, am Strande, im

Walde, hielt ein Buch auf den Knien und blinzelte in die Sonne. Er bewegte nur

einen Gedanken: diesen, daß sie wiederkehren und im Saale Tanzbelustigung

abhalten würden, wie es der Fischhändler versprochen hatte; und er tat nichts, als

sich hierauf freuen, mit einer so ängstlichen und süßen Freude, wie er sie lange,

tote Jahre hindurch nicht mehr erprobt hatte. Einmal, durch irgend eine

Verknüpfung von Vorstellungen, erinnerte er sich flüchtig eines fernen

Bekannten, Adalberts, des Novellisten, der wußte, was er wollte, und sich ins

Kaffeehaus begeben hatte, um der Frühlingsluft zu entgehen. Und er zuckte die

Achseln über ihn …

Es wurde früher als gewöhnlich zu Mittag gegessen, und das Abendbrot

nahm man ebenfalls zeitiger als sonst, im Klavierzimmer, weil im Saale schon

Vorbereitungen zum Balle getroffen wurden: auf so festliche Art war alles in

Unordnung gebracht. Dann, als es schon dunkel war und Tonio Kröger in seinem

Zimmer saß, ward es wieder lebendig auf der Landstraße und im Hause. Die

Ausflügler kehrten zurück; ja, aus der Richtung von Helsingör trafen zu Rad und

zu Wagen noch neue Gäste ein, und bereits hörte man drunten im Hause eine

Geige stimmen und eine Klarinette näselnde Übungsläufe vollführen … Alles

versprach, daß es ein glänzendes Ballfest geben werde.

Nun setzte das kleine Orchester mit einem Marsche ein: gedämpft und

taktfest scholl es herauf: man eröffnete den Tanz mit einer Polonaise. Tonio

Kröger saß noch eine Weile still und lauschte. Als er aber vernahm, wie das

Marschtempo in Walzertakt überging, machte er sich auf und schlich geräuschlos

aus seinem Zimmer.

Von dem Korridor, an dem es gelegen war, konnte man über eine

Nebentreppe zu dem Seiteneingang des Hotels und von dort, ohne ein Zimmer

zu berühren, in die Glasveranda gelangen. Diesen Weg nahm er, leise und

verstohlen, als befinde er sich auf verbotenen Pfaden, tastete sich behutsam

durch das Dunkel, unwiderstehlich angezogen von dieser dummen und selig

wiegenden Musik, deren Klänge schon klar und ungedämpft zu ihm drangen.

Die Veranda war leer und unerleuchtet, aber die Glastür zum Saale, wo die

beiden großen, mit blanken Reflektoren versehenen Petroleumlampen hell

erstrahlten, stand geöffnet. Dorthin schlich er sich auf leisen Sohlen, und der

diebische Genuß, hier im Dunkeln stehen und ungesehen Die belauschen zu

dürfen, die im Lichte tanzten, verursachte ein Prickeln in seiner Haut. Hastig und begierig sandte er seine Blicke nach den beiden aus, die er suchte …

Die Fröhlichkeit des Festes schien schon ganz frei entfaltet, obgleich es

kaum seit einer halben Stunde eröffnet war; aber man war ja bereits warm und

angeregt hierhergekommen, nachdem man den ganzen Tag miteinander

verbracht, sorglos, gemeinsam und glücklich. Im Klavierzimmer, das Tonio

Kröger überblicken konnte, wenn er sich ein wenig weiter vorwagte, hatten sich

mehrere ältere Herren rauchend und trinkend beim Kartenspiel vereinigt; aber

andere saßen bei ihren Gattinnen im Vordergrunde auf den Plüschstühlen und an

den Wänden des Saales und sahen dem Tanze zu. Sie hielten die Hände auf die

gespreizten Knie gestützt und bliesen mit einem wohlhabenden Ausdruck die

Wangen auf, indes die Mütter, Kapotthütchen auf den Scheiteln, die Hände unter

der Brust zusammenlegten und mit seitwärts geneigten Köpfen in das Getümmel

der jungen Leute schauten. Ein Podium war an der einen Längswand des Saales

errichtet worden, und dort taten die Musikanten ihr Bestes. Sogar eine Trompete

war da, welche mit einer gewissen zögernden Behutsamkeit blies, als fürchtete

sie sich vor ihrer eigenen Stimme, die sich dennoch beständig brach und

überschlug … Wogend und kreisend bewegten sich die Paare umeinander, indes

andere Arm in Arm den Saal umwandelten. Man war nicht ballmäßig gekleidet,

sondern nur wie an einem Sommersonntag, den man im Freien verbringt: die

Kavaliere in kleinstädtisch geschnittenen Anzügen, denen man ansah, daß sie die

ganze Woche geschont wurden, und die jungen Mädchen in lichten und leichten

Kleidern mit Feldblumensträußchen an den Miedern. Auch ein paar Kinder

waren im Saale und tanzten untereinander auf ihre Art, sogar wenn die Musik

pausierte. Ein langbeiniger Mensch in schwalbenschwanzförmigem Röckchen,

ein Provinzlöwe mit Augenglas und gebranntem Haupthaar, Postadjunkt oder

dergleichen und wie die fleischgewordene komische Figur aus einem dänischen

Roman, schien Festordner und Kommandeur des Balles zu sein. Eilfertig,

transpirierend und mit ganzer Seele bei der Sache, war er überall zugleich,

schwänzelte übergeschäftig durch den Saal, indem er kunstvoll mit den

Zehenspitzen zuerst auftrat und die Füße, die in glatten und spitzen

Militärstiefeletten steckten, auf eine verzwickte Art kreuzweis übereinander

setzte, schwang die Arme in der Luft, traf Anordnungen, rief nach Musik,

klatschte in die Hände, und bei all dem flogen die Bänder der großen, bunten

Schleife, die als Zeichen seiner Würde auf seiner Schulter befestigt war und

nach der er manchmal liebevoll den Kopf drehte, flatternd hinter ihm drein.

Ja, sie waren da, die beiden, die heute im Sonnenlicht an Tonio Kröger

vorübergezogen waren, er sah sie wieder und erschrak vor Freude, als er sie fast gleichzeitig gewahrte. Hier stand Hans Hansen, ganz nahe bei ihm, dicht an der

Tür; breitbeinig und ein wenig vorgebeugt, verzehrte er bedächtig ein großes

Stück Sandtorte, wobei er die hohle Hand unters Kinn hielt, um die Krümel

aufzufangen. Und dort an der Wand saß Ingeborg Holm, die blonde Inge, und

eben schwänzelte der Adjunkt auf sie zu, um sie durch eine ausgesuchte

Verbeugung zum Tanze aufzufordern, wobei er die eine Hand auf den Rücken

legte und die andere graziös in den Busen schob; aber sie schüttelte den Kopf

und deutete an, daß sie zu atemlos sei und ein wenig ruhen müsse, worauf der

Adjunkt sich neben sie setzte.

Tonio Kröger sah sie an, die beiden, um die er vor Zeiten Liebe gelitten

hatte, – Hans und Ingeborg. Sie waren es nicht so sehr vermöge einzelner

Merkmale und der Ähnlichkeit der Kleidung, als kraft der Gleichheit der Rasse

und des Typus, dieser lichten, stahlblauäugigen und blondhaarigen Art, die eine

Vorstellung von Reinheit, Ungetrübtheit, Heiterkeit und einer zugleich stolzen

und schlichten, unberührbaren Sprödigkeit hervorrief … Er sah sie an, sah, wie

Hans Hansen so keck und wohlgestaltet wie nur jemals, breit in den Schultern

und schmal in den Hüften, in seinem Matrosenanzug dastand, sah, wie Ingeborg

auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine

gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders

feine Klein-Mädchenhand, zum Hinterkopfe führte, wobei der leichte Ärmel von

ihrem Ellenbogen zurückglitt, – und plötzlich erschütterte das Heimweh seine

Brust mit einem solchen Schmerz, daß er unwillkürlich weiter ins Dunkel

zurückwich, damit niemand das Zucken seines Gesichtes sähe.

Hatte ich euch vergessen? fragte er. Nein, niemals! Nicht dich, Hans, noch

dich, blonde Inge! Ihr wart es ja, für die ich arbeitete, und wenn ich Applaus

vernahm, blickte ich heimlich um mich, ob ihr daran teilhättet … Hast du nun

den Don Carlos gelesen, Hans Hansen, wie du es mir an eurer Gartenpforte

versprachst? Tu's nicht! ich verlange es nicht mehr von dir. Was geht dich der

König an, der weint, weil er einsam ist? Du sollst deine hellen Augen nicht trüb

und traumblöde machen vom Starren in Verse und Melancholie … Zu sein wie

du! Noch einmal anfangen, aufwachsen gleich dir, rechtschaffen, fröhlich und

schlicht, regelrecht, ordnungsgemäß und im Einverständnis mit Gott und der

Welt, geliebt werden von den Harmlosen und Glücklichen, dich zum Weibe

nehmen, Ingeborg Holm, und einen Sohn haben wie du, Hans Hansen, – frei

vom Fluch der Erkenntnis und der schöpferischen Qual leben, lieben und loben

in seliger Gewöhnlichkeit!… Noch einmal anfangen? Aber es hülfe nichts. Es

würde wieder so werden, – alles würde wieder so kommen, wie es gekommen ist. Denn Etliche gehen mit Notwendigkeit in die Irre, weil es einen rechten Weg

für sie überhaupt nicht gibt.

Nun schwieg die Musik; es war Pause, und Erfrischungen wurden gereicht.

Der Adjunkt eilte persönlich mit einem Teebrett voll Heringssalat umher und

bediente die Damen: aber vor Ingeborg Holm ließ er sich sogar auf ein Knie

nieder, als er ihr das Schälchen reichte, und sie errötete vor Freude darüber.

Man begann jetzt dennoch im Saale auf den Zuschauer unter der Glastür

aufmerksam zu werden, und aus hübschen, erhitzten Gesichtern trafen ihn

fremde und forschende Blicke; aber er behauptete trotzdem seinen Platz. Auch

Ingeborg und Hans streiften ihn beinahe gleichzeitig mit den Augen, mit jener

vollkommenen Gleichgültigkeit, die fast das Ansehen der Verachtung hat.

Plötzlich jedoch ward er sich bewußt, daß von irgendwoher ein Blick zu ihm

drang und auf ihm ruhte … Er wandte den Kopf, und sofort trafen seine Augen

mit denen zusammen, deren Berührung er empfunden hatte. Ein Mädchen stand

nicht weit von ihm, mit blassem, schmalem und feinem Gesicht, das er schon

früher bemerkt hatte. Sie hatte nicht viel getanzt, die Kavaliere hatten sich nicht

sonderlich um sie bemüht, und er hatte sie einsam mit herb geschlossenen

Lippen an der Wand sitzen sehen. Auch jetzt stand sie allein. Sie war hell und

duftig gekleidet, wie die anderen, aber unter dem durchsichtigen Stoff ihres

Kleides schimmerten ihre bloßen Schultern spitz und dürftig, und der magere

Hals stak so tief zwischen diesen armseligen Schultern, daß das stille Mädchen

fast ein wenig verwachsen erschien. Ihre Hände, mit dünnen Halbhandschuhen

bekleidet, hielt sie so vor der flachen Brust, daß die Fingerspitzen sich sacht

berührten. Gesenkten Kopfes blickte sie Tonio Kröger von unten herauf mit

schwarzen, schwimmenden Augen an. Er wandte sich ab …

Hier, ganz nahe bei ihm, saßen Hans und Ingeborg. Er hatte sich zu ihr

gesetzt, die vielleicht seine Schwester war, und umgeben von anderen

rotwangigen Menschenkindern aßen und tranken sie, schwatzten und vergnügten

sich, riefen sich mit klingenden Stimmen Neckereien zu und lachten hell in die

Luft. Konnte er sich ihnen nicht ein wenig nähern? Nicht an ihn oder sie ein

Scherzwort richten, das ihm einfiel und das sie ihm wenigstens mit einem

Lächeln beantworten mußten? Es würde ihn beglücken, er sehnte sich danach; er

würde dann zufriedener in sein Zimmer zurückkehren, mit dem Bewußtsein, eine

kleine Gemeinschaft mit den beiden hergestellt zu haben. Er dachte sich aus, was

er sagen könnte; aber er fand nicht den Mut, es zu sagen. Auch war es ja wie

immer: sie würden ihn nicht verstehen, würden befremdet auf das horchen, was

er zu sagen vermöchte. Denn ihre Sprache war nicht seine Sprache.

Nun schien der Tanz aufs neue beginnen zu sollen. Der Adjunkt entfaltete

eine umfassende Tätigkeit. Er eilte umher und forderte alle Welt zum Engagieren

auf, räumte mit Hilfe des Kellners Stühle und Gläser aus dem Wege, erteilte den

Musikern Befehle und schob einzelne Täppische, die nicht wußten wohin, an

den Schultern vor sich her. Was hatte man vor? Je vier und vier Paare bildeten

Karrees … Eine schreckliche Erinnerung machte Tonio Kröger erröten. Man

tanzte Quadrille.

Die Musik setzte ein, und die Paare schritten unter Verbeugungen

durcheinander. Der Adjunkt kommandierte; er kommandierte, bei Gott, auf

Französisch und brachte die Nasallaute auf unvergleichlich distingierte Art

hervor. Ingeborg Holm tanzte dicht vor Tonio Kröger, in dem Karree, das sich

unmittelbar an der Glastür befand. Sie bewegte sich vor ihm hin und her,

vorwärts und rückwärts, schreitend und drehend; ein Duft, der von ihrem Haar

oder dem zarten Stoff ihres Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und er

schloß die Augen in einem Gefühl, das ihm von je so wohl bekannt gewesen,

dessen Arom und herben Reiz er in all diesen letzten Tagen leise verspürt hatte

und das ihn nun wieder ganz mit seiner süßen Drangsal erfüllte. Was war es

doch? Sehnsucht, Zärtlichkeit? Neid? Selbstverachtung?… Moulinet des dames!

Lachtest du, blonde Inge, lachtest du mich aus, als ich moulinet tanzte und mich

so jämmerlich blamierte? Und würdest du auch heute noch lachen, nun da ich

doch so etwas wie ein berühmter Mann geworden bin? Ja, das würdest du und

würdest dreimal recht daran tun! Und wenn ich, ich ganz allein, die neun

Symphonien, die Welt als Wille und Vorstellung und das Jüngste Gericht

vollbracht hätte, – du würdest ewig recht haben zu lachen … Er sah sie an, und

eine Verszeile fiel ihm ein, deren er sich lange nicht erinnert hatte und die ihm

doch so vertraut und verwandt war: »Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.«

Er kannte sie so gut, die melancholisch-nordische, innig-ungeschickte

Schwerfälligkeit der Empfindung, die daraus sprach. Schlafen … Sich danach

sehnen, einfach und völlig dem Gefühle leben zu dürfen, das ohne die

Verpflichtung, zur Tat und zum Tanz zu werden, süß und träge in sich selber

ruht, – und dennoch tanzen, behend und geistesgegenwärtig den schweren,

schweren und gefährlichen Messertanz der Kunst vollführen zu müssen, ohne je

ganz des demütigenden Widersinnes zu vergessen, der darin lag, tanzen zu

müssen, indes man liebte …

Auf einmal geriet das Ganze in eine tolle und ausgelassene Bewegung. Die

Karrees hatten sich aufgelöst, und springend und gleitend stob alles umher: man

beschloß die Quadrille mit einem Galopp. Die Paare flogen zum rasenden Eiltakt der Musik an Tonio Kröger vorüber, schassierend, hastend, einander überholend,

mit kurzem, atemlosem Gelächter. Eines kam daher, mitgerissen von der

allgemeinen Jagd, kreisend und vorwärts sausend. Das Mädchen hatte ein

blasses feines Gesicht und magere, zu hohe Schultern. Und plötzlich, dicht vor

ihm, entstand ein Stolpern, Rutschen und Stürzen … Das blasse Mädchen fiel

hin. Sie fiel so hart und heftig, daß es fast gefährlich aussah, und mit ihr der

Kavalier. Dieser mußte sich so gröblich weh getan haben, daß er seiner Tänzerin

ganz vergaß, denn, nur halbwegs aufgerichtet, begann er unter Grimassen seine

Knie mit den Händen zu reiben; und das Mädchen, scheinbar ganz betäubt vom

Falle, lag noch immer am Boden. Da trat Tonio Kröger vor, faßte sie sacht an

den Armen und hob sie auf. Abgehetzt, verwirrt und unglücklich sah sie zu ihm

empor, und plötzlich färbte ihr zartes Gesicht sich mit einer matten Röte.

»Tak! O, mange Tak!« sagte sie und sah ihn von unten herauf mit dunklen,

schwimmenden Augen an.

»Sie sollten nicht mehr tanzen, Fräulein,« sagte er sanft. Dann blickte er sich

noch einmal nach i h n e n um, nach Hans und Ingeborg, und ging fort, verließ

die Veranda und den Ball und ging in sein Zimmer hinauf.

Er war berauscht von dem Feste, an dem er nicht teil gehabt, und müde von

Eifersucht. Wie früher, ganz wie früher war es gewesen! Mit erhitztem Gesicht

hatte er an dunkler Stelle gestanden, in Schmerzen um euch, ihr Blonden,

Lebendigen, Glücklichen, und war dann einsam hinweggegangen. Jemand müßte

nun kommen! Ingeborg müßte nun kommen, müßte bemerken, daß er fort war,

müßte ihm heimlich folgen, ihm die Hand auf die Schulter legen und sagen:

Komm herein zu uns! Sei froh! Ich liebe dich!… Aber sie kam keineswegs.

Dergleichen geschah nicht. Ja, wie damals war es, und er war glücklich wie

damals. Denn sein Herz lebte. Was aber war gewesen während all der Zeit, in der

er das geworden, was er nun war? – Erstarrung; Öde; Eis; und Geist! Und

Kunst!…

Er entkleidete sich, legte sich zur Ruhe, löschte das Licht. Er flüsterte zwei

Namen in das Kissen hinein, diese paar keuschen, nordischen Silben, die ihm

seine eigentliche und ursprüngliche Liebes-, Leides- und Glücksart, das Leben,

das simple und innige Gefühl, die Heimat bezeichneten. Er blickte zurück auf

die Jahre seit damals bis auf diesen Tag. Er gedachte der wüsten Abenteuer der

Sinne, der Nerven und des Gedankens, die er durchlebt, sah sich zerfressen von

Ironie und Geist, verödet und gelähmt von Erkenntnis, halb aufgerieben von den

Fiebern und Frösten des Schaffens, haltlos und unter Gewissensnöten zwischen

krassen Extremen, zwischen Heiligkeit und Brunst hin- und hergeworfen, raffiniert, verarmt, erschöpft von kalten und künstlich erlesenen Exaltationen,

verirrt, verwüstet, zermartert, krank – und schluchzte vor Reue und Heimweh.

Um ihn war es still und dunkel. Aber von unten tönte gedämpft und wiegend

des Lebens süßer, trivialer Dreitakt zu ihm herauf.