Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 6 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 5

 

Gegen den Herbst sagte Tonio Kröger zu Lisaweta Iwanowna:

»Ja, ich verreise nun, Lisaweta; ich muß mich auslüften, ich mache mich

fort, ich suche das Weite.«

»Nun, wie denn, Väterchen, geruhen Sie wieder nach Italien zu fahren?«

»Gott, gehen Sie mir doch mit Italien, Lisaweta! Italien ist mir bis zur

Verachtung gleichgültig! Das ist lange her, daß ich mir einbildete, dorthin zu

gehören. Kunst, nicht wahr? Sammetblauer Himmel, heißer Wein und süße

Sinnlichkeit … Kurzum, ich mag das nicht. Ich verzichte. Die ganze bellezza

macht mich nervös. Ich mag auch alle diese fürchterlich lebhaften Menschen

dort unten mit dem schwarzen Tierblick nicht leiden. Diese Romanen haben kein

Gewissen in den Augen … Nein, ich gehe nun ein bißchen nach Dänemark.«

»Nach Dänemark?«

»Ja. Und ich verspreche mir Gutes davon. Ich bin aus Zufall noch niemals

hinaufgelangt, so nah ich während meiner ganzen Jugend der Grenze war, und

dennoch habe ich das Land von jeher gekannt und geliebt. Ich muß wohl diese

nördliche Neigung von meinem Vater haben, denn meine Mutter war doch

eigentlich mehr für die bellezza, sofern ihr nämlich nicht Alles ganz einerlei war.

Aber nehmen Sie die Bücher, die dort oben geschrieben werden, diese tiefen,

reinen und humoristischen Bücher, Lisaweta, – es geht mir nichts darüber, ich

liebe sie. Nehmen Sie die skandinavischen Mahlzeiten, diese unvergleichlichen

Mahlzeiten, die man nur in einer starken Salzluft verträgt (ich weiß nicht, ob ich

sie überhaupt noch vertrage) und die ich von Hause aus ein wenig kenne, denn

man ißt schon ganz so bei mir zu Hause. Nehmen Sie auch nur die Namen, die

Vornamen, mit denen die Leute dort oben geschmückt sind und von denen es

ebenfalls schon viele bei mir zu Hause gibt, einen Laut wie ›Ingeborg‹, ein

Harfenschlag makellosester Poesie. Und dann die See, – Sie haben die Ostsee

dort oben!… Mit einem Worte, ich fahre hinauf, Lisaweta. Ich will die Ostsee

wiedersehen, will diese Vornamen wieder hören, diese Bücher an Ort und Stelle

lesen; ich will auch auf der Terrasse von Kronborg stehen, wo der ›Geist‹ zu

Hamlet kam und Not und Tod über den armen, edlen jungen Menschen

brachte …«

»Wie fahren Sie, Tonio, wenn ich fragen darf? Welche Route nehmen Sie?«

»Die übliche,« sagte er achselzuckend und errötete deutlich. »Ja, ich berühre

meine – meinen Ausgangspunkt, Lisaweta, nach dreizehn Jahren, und das kann

ziemlich komisch werden.«

Sie lächelte.

»Das ist es, was ich hören wollte, Tonio Kröger. Und also fahren Sie mit

Gott. Versäumen Sie auch nicht, mir zu schreiben, hören Sie? Ich verspreche mir

einen erlebnisvollen Brief von Ihrer Reise nach – Dänemark …«