Tonio Kröger
Kapitel 5
Gegen den Herbst sagte Tonio Kröger zu Lisaweta Iwanowna:
»Ja, ich verreise nun, Lisaweta; ich muß mich auslüften, ich mache mich
fort, ich suche das Weite.«
»Nun, wie denn, Väterchen, geruhen Sie wieder nach Italien zu fahren?«
»Gott, gehen Sie mir doch mit Italien, Lisaweta! Italien ist mir bis zur
Verachtung gleichgültig! Das ist lange her, daß ich mir einbildete, dorthin zu
gehören. Kunst, nicht wahr? Sammetblauer Himmel, heißer Wein und süße
Sinnlichkeit … Kurzum, ich mag das nicht. Ich verzichte. Die ganze bellezza
macht mich nervös. Ich mag auch alle diese fürchterlich lebhaften Menschen
dort unten mit dem schwarzen Tierblick nicht leiden. Diese Romanen haben kein
Gewissen in den Augen … Nein, ich gehe nun ein bißchen nach Dänemark.«
»Nach Dänemark?«
»Ja. Und ich verspreche mir Gutes davon. Ich bin aus Zufall noch niemals
hinaufgelangt, so nah ich während meiner ganzen Jugend der Grenze war, und
dennoch habe ich das Land von jeher gekannt und geliebt. Ich muß wohl diese
nördliche Neigung von meinem Vater haben, denn meine Mutter war doch
eigentlich mehr für die bellezza, sofern ihr nämlich nicht Alles ganz einerlei war.
Aber nehmen Sie die Bücher, die dort oben geschrieben werden, diese tiefen,
reinen und humoristischen Bücher, Lisaweta, – es geht mir nichts darüber, ich
liebe sie. Nehmen Sie die skandinavischen Mahlzeiten, diese unvergleichlichen
Mahlzeiten, die man nur in einer starken Salzluft verträgt (ich weiß nicht, ob ich
sie überhaupt noch vertrage) und die ich von Hause aus ein wenig kenne, denn
man ißt schon ganz so bei mir zu Hause. Nehmen Sie auch nur die Namen, die
Vornamen, mit denen die Leute dort oben geschmückt sind und von denen es
ebenfalls schon viele bei mir zu Hause gibt, einen Laut wie ›Ingeborg‹, ein
Harfenschlag makellosester Poesie. Und dann die See, – Sie haben die Ostsee
dort oben!… Mit einem Worte, ich fahre hinauf, Lisaweta. Ich will die Ostsee
wiedersehen, will diese Vornamen wieder hören, diese Bücher an Ort und Stelle
lesen; ich will auch auf der Terrasse von Kronborg stehen, wo der ›Geist‹ zu
Hamlet kam und Not und Tod über den armen, edlen jungen Menschen
brachte …«
»Wie fahren Sie, Tonio, wenn ich fragen darf? Welche Route nehmen Sie?«
»Die übliche,« sagte er achselzuckend und errötete deutlich. »Ja, ich berühre
meine – meinen Ausgangspunkt, Lisaweta, nach dreizehn Jahren, und das kann
ziemlich komisch werden.«
Sie lächelte.
»Das ist es, was ich hören wollte, Tonio Kröger. Und also fahren Sie mit
Gott. Versäumen Sie auch nicht, mir zu schreiben, hören Sie? Ich verspreche mir
einen erlebnisvollen Brief von Ihrer Reise nach – Dänemark …«