Tonio Kröger
Kapitel 4
»Störe ich?« fragte Tonio Kröger auf der Schwelle des Ateliers. Er hielt
seinen Hut in der Hand und verbeugte sich sogar ein wenig, obgleich Lisaweta
Iwanowna seine Freundin war, der er alles sagte.
»Erbarmen Sie sich, Tonio Kröger, und kommen Sie ohne Zeremonien
hinein!« antwortete sie mit ihrer hüpfenden Betonung. »Es ist bekannt, daß Sie
eine gute Kinderstube genossen haben und wissen, was sich schickt.« Dabei
steckte sie ihren Pinsel zu der Palette in die linke Hand, reichte ihm die rechte
und blickte ihm lachend und kopfschüttelnd ins Gesicht.
»Ja, aber Sie arbeiten,« sagte er. »Lassen Sie sehen … O, Sie sind vorwärts
gekommen.« Und er betrachtete abwechselnd die farbigen Skizzen, die zu
beiden Seiten der Staffelei auf Stühlen lehnten, und die große, mit einem
quadratischen Liniennetz überzogene Leinwand, auf welcher in dem
verworrenen und schemenhaften Kohleentwurf die ersten Farbflecke
aufzutauchen begannen.
Es war in München, in einem Rückgebäude der Schellingstraße, mehrere
Stiegen hoch. Draußen, hinter dem breiten Nordlicht-Fenster, herrschte
Himmelsblau, Vogelgezwitscher und Sonnenschein, und des Frühlings junger,
süßer Atem, der durch eine offene Klappe hereinströmte, vermischte sich mit
dem Geruch von Fixativ und Ölfarbe, der den weiten Arbeitsraum erfüllte.
Ungehindert überflutete das goldige Licht des hellen Nachmittags die
weitläufige Kahlheit des Ateliers, beschien freimütig den ein wenig schadhaften
Fußboden, den rohen, mit Fläschchen, Tuben und Pinseln bedeckten Tisch
unterm Fenster und die ungerahmten Studien an den untapezierten Wänden,
beschien den Wandschirm aus rissiger Seide, der in der Nähe der Tür einen
kleinen, stilvoll möblierten Wohn- und Mußewinkel begrenzte, beschien das
werdende Werk auf der Staffelei und davor die Malerin und den Dichter.
Sie mochte etwa so alt sein wie er, nämlich ein wenig jenseits der Dreißig. In
ihrem dunkelblauen, fleckigen Schürzenkleide saß sie auf einem niedrigen
Schemel und stützte das Kinn in die Hand. Ihr braunes Haar, fest frisiert und an
den Seiten schon leicht ergraut, bedeckte in leisen Scheitelwellen ihre Schläfen
und gab den Rahmen zu ihrem brünetten, slawisch geformten, unendlich sympathischen Gesicht mit der Stumpfnase, den scharf herausgearbeiteten
Wangenknochen und den kleinen, schwarzen, blanken Augen. Gespannt,
mißtrauisch und gleichsam gereizt musterte sie schiefen und gekniffenen Blicks
ihre Arbeit …
Er stand neben ihr, hielt die rechte Hand in die Hüfte gestemmt und drehte
mit der Linken eilig an seinem braunen Schnurrbart. Seine schrägen Brauen
waren in einer finsteren und angestrengten Bewegung, wobei er leise vor sich
hinpfiff, wie gewöhnlich. Er war äußerst sorgfältig und gediegen gekleidet, in
einen Anzug von ruhigem Grau und reserviertem Schnitt. Aber in seiner
durcharbeiteten Stirn, über der sein dunkles Haar so außerordentlich simpel und
korrekt sich scheitelte, war ein nervöses Zucken, und die Züge seines südlich
geschnittenen Gesichts waren schon scharf, von einem harten Griffel gleichsam
nachgezogen und ausgeprägt, während doch sein Mund so sanft umrissen, sein
Kinn so weich gebildet erschien … Nach einer Weile strich er mit der Hand über
Stirn und Augen und wandte sich ab.
»Ich hätte nicht kommen sollen,« sagte er.
»Warum hätten Sie nicht, Tonio Kröger?«
»Eben stehe ich von meiner Arbeit auf, Lisaweta, und in meinem Kopf sieht
es genau aus wie auf dieser Leinwand. Ein Gerüst, ein blasser, von Korrekturen
beschmutzter Entwurf und ein paar Farbflecke, ja; und nun komme ich hierher
und sehe dasselbe. Und auch den Konflikt und Gegensatz finde ich hier wieder,«
sagte er und schnupperte in die Luft, »der mich zu Hause quälte. Seltsam ist es.
Beherrscht dich ein Gedanke, so findest du ihn überall ausgedrückt, du r i e c h s t
ihn sogar im Winde. Fixativ und Frühlingsaroma, nicht wahr? Kunst und – ja,
was ist das Andere? Sagen Sie nicht ›Natur‹, Lisaweta, ›Natur‹ ist nicht
erschöpfend. Ach, nein, ich hätte wohl lieber spazieren gehen sollen, obgleich es
die Frage ist, ob ich mich dabei wohler befunden hätte! Vor fünf Minuten, nicht
weit von hier, traf ich einen Kollegen, Adalbert, den Novellisten, ›Gott
verdamme den Frühling!‹ sagte er in seinem aggressiven Stil. ›Er ist und bleibt
die gräßlichste Jahreszeit! Können Sie einen vernünftigen Gedanken fassen,
Kröger, können Sie die kleinste Pointe und Wirkung in Gelassenheit ausarbeiten,
wenn es Ihnen auf eine unanständige Weise im Blute kribbelt und eine Menge
von unzugehörigen Sensationen Sie beunruhigt, die, sobald Sie sie prüfen, sich
als ausgemacht triviales und gänzlich unbrauchbares Zeug entpuppen? Was mich
betrifft, so gehe ich nun ins Café. Das ist neutrales, vom Wechsel der
Jahreszeiten unberührtes Gebiet, wissen Sie, das stellt sozusagen die entrückte
und erhabene Sphäre des Literarischen dar, in der man nur vornehmerer Einfälle fähig ist …‹ Und er ging ins Café; und vielleicht hätte ich mitgehen sollen.«
Lisaweta amüsierte sich.
»Das ist gut, Tonio Kröger. Das mit dem ›unanständigen Kribbeln‹ ist gut.
Und er hat ja gewissermaßen recht, denn mit dem Arbeiten ist es wirklich nicht
sonderlich bestellt im Frühling. Aber nun geben Sie acht. Nun mache ich
trotzdem noch diese kleine Sache hier, diese kleine Pointe und Wirkung, wie
Adalbert sagen würde. Nachher gehen wir in den ›Salon‹ und trinken Tee, und
Sie sprechen sich aus; denn das sehe ich genau, daß Sie heute geladen sind. Bis
dahin gruppieren Sie sich wohl irgendwo, zum Beispiel auf der Kiste da, wenn
Sie nicht für Ihre Patrizier-Gewänder fürchten …«
»Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna!
Wünschten Sie, daß ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen
Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug.
Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein
anständiger Mensch … Nein, geladen bin ich nicht,« sagte er und sah zu, wie sie
auf der Palette eine Mischung bereitete. »Sie hören ja, daß es nur ein Problem
und Gegensatz ist, was mir im Sinne liegt und mich bei der Arbeit störte … Ja,
wovon sprachen wir eben? Von Adalbert, dem Novellisten, und was für ein
stolzer und fester Mann er ist. ›Der Frühling ist die gräßlichste Jahreszeit‹, sagte
er und ging ins Café. Denn man muß wissen, was man will, nicht wahr? Sehen
Sie, auch mich macht der Frühling nervös, auch mich setzt die holde Trivialität
der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in Verwirrung; nur, daß ich
es nicht über mich gewinne, ihn dafür zu schelten und zu verachten; denn die
Sache ist die, daß ich mich vor ihm schäme, mich schäme vor seiner reinen
Natürlichkeit und seiner siegenden Jugend. Und ich weiß nicht, ob ich Adalbert
beneiden oder geringschätzen soll, dafür, daß er nichts davon weiß …
»Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiß, und warum? Weil man
empfindet. Und weil der ein Stümper ist, der glaubt, der Schaffende dürfe
empfinden. Jeder echte und aufrichtige Künstler lächelt über die Naivität dieses
Pfuscher-Irrtums, melancholisch vielleicht, aber er lächelt. Denn das, was man
sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein, sondern nur das an und für sich
gleichgültige Material, aus dem das ästhetische Gebilde in spielender und
gelassener Überlegenheit zusammenzusetzen ist. Liegt Ihnen zu viel an dem,
was Sie zu sagen haben, schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines
vollständigen Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden
sentimental, etwas Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes, Unbeherrschtes,
Unironisches, Ungewürztes, Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen, und nichts als Gleichgültigkeit bei den Leuten, nichts als Enttäuschung und
Jammer bei Ihnen selbst ist das Ende … Denn so ist es ja, Lisaweta: Das Gefühl,
das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch
sind bloß die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres
artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man irgend etwas
Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in
einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und
überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und
geschmackvoll darzustellen. Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt
bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine
gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus. Denn das gesunde und
starke Gefühl, dabei bleibt es, hat keinen Geschmack. Es ist aus mit dem
Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt. Das wußte Adalbert,
und darum begab er sich ins Café, in die ›entrückte Sphäre‹, jawohl!«
»Nun, Gott mit ihm, Batuschka,« sagte Lisaweta und wusch sich die Hände
in einer Blechwanne; »Sie brauchen ihm ja nicht zu folgen.«
»Nein, Lisaweta, ich folge ihm nicht, und zwar einzig, weil ich hie und da
imstande bin, mich vor dem Frühling meines Künstlertums ein wenig zu
schämen. Sehen Sie, zuweilen erhalte ich Briefe von fremder Hand, Lob- und
Dankschreiben aus meinem Publikum, bewunderungsvolle Zuschriften
ergriffener Leute. Ich lese diese Zuschriften, und Rührung beschleicht mich
angesichts des warmen und unbeholfenen menschlichen Gefühls, das meine
Kunst hier bewirkt hat, eine Art von Mitleid faßt mich an gegenüber der
begeisterten Naivität, die aus den Zeilen spricht, und ich erröte bei dem
Gedanken, wie sehr dieser redliche Mensch ernüchtert sein müßte, wenn er je
einen Blick hinter die Kulissen täte, wenn seine Unschuld je begriffe, daß ein
rechtschaffener, gesunder und anständiger Mensch überhaupt nicht schreibt,
mimt, komponiert … was alles ja nicht hindert, daß ich seine Bewunderung für
mein Genie benütze, um mich zu steigern und zu stimulieren, daß ich sie
gewaltig ernst nehme und ein Gesicht dazu mache wie ein Affe, der den großen
Mann spielt … Ach, reden Sie mir nicht darein, Lisaweta! Ich sage Ihnen, daß
ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am
Menschlichen teilzuhaben … Ist der Künstler überhaupt ein Mann? Man frage
›das Weib‹ danach! Mir scheint, wir Künstler teilen alle ein wenig das Schicksal
jener präparierten päpstlichen Sänger … Wir singen ganz rührend schön.
Jedoch –«
»Sie sollten sich ein bißchen schämen, Tonio Kröger. Kommen Sie nun zum
Tee. Das Wasser wird gleich kochen, und hier sind Papyros. Beim Sopransingen
waren Sie stehen geblieben; und fahren Sie da nur fort. Aber schämen sollten Sie
sich. Wenn ich nicht wüßte, mit welch stolzer Leidenschaft Sie Ihrem Berufe
ergeben sind …«
»Sagen Sie nichts von ›Beruf‹, Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist
überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, – damit Sie's wissen. Wann beginnt er
fühlbar zu werden, dieser Fluch? Früh, schrecklich früh. Zu einer Zeit, da man
billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der Welt leben sollte. Sie
fangen an, sich gezeichnet, sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen,
den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund von Ironie,
Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt,
klafft tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verständigung
mehr. Was für ein Schicksal! Gesetzt, daß das Herz lebendig genug, l i e b e v o l l
genug geblieben ist, es als furchtbar zu empfinden!… Ihr Selbstbewußtsein entzündet sich, weil Sie unter Tausenden das Zeichen an Ihrer Stirne spüren und
fühlen, daß es niemandem entgeht. Ich kannte einen Schauspieler von Genie, der
als Mensch mit einer krankhaften Befangenheit und Haltlosigkeit zu kämpfen
hatte. Sein überreiztes Ichgefühl zusammen mit dem Mangel an Rolle, an
darstellerischer Aufgabe, bewirkten das bei diesem vollkommenen Künstler und
verarmten Menschen … Einen Künstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen
bürgerlicher Beruf die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten und verdammten,
ersehen Sie mit geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse. Das Gefühl der
Separation und Unzugehörigkeit, des Erkannt- und Beobachtetseins, etwas
zugleich Königliches und Verlegenes ist in seinem Gesicht. In den Zügen eines
Fürsten, der in Zivil durch eine Volksmenge schreitet, kann man etwas Ähnliches
beobachten. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta! Verkleiden Sie sich, vermummen
Sie sich, ziehen Sie sich an wie ein Attaché oder ein Gardeleutnant in Urlaub:
Sie werden kaum die Augen aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen brauchen,
und jedermann wird wissen, daß Sie kein Mensch sind, sondern irgend etwas
Fremdes, Befremdendes, Anderes …
»Aber w a s i s t der Künstler? Vor keiner Frage hat die Bequemlichkeit und
Erkenntnisträgheit der Menschheit sich zäher erwiesen als vor dieser.
›Dergleichen ist Gabe,‹ sagen demütig die braven Leute, die unter der Wirkung
eines Künstlers stehen, und weil heitere und erhabene Wirkungen nach ihrer
gutmütigen Meinung ganz unbedingt auch heitere und erhabene Ursprünge
haben müssen, so argwöhnt niemand, daß es sich hier vielleicht um eine äußerst
schlimm bedingte, äußerst fragwürdige ›Gabe‹ handelt … Man weiß, daß
Künstler leicht verletzlich sind, – nun, man weiß auch, daß dies bei Leuten mit
gutem Gewissen und solid gegründetem Selbstgefühl nicht zuzutreffen pflegt …
Sehen Sie, Lisaweta, ich hege auf dem Grunde meiner Seele – ins Geistige
übertragen – gegen den Typus des Künstlers den ganzen Ve r d a c h t, den jeder
meiner ehrenfesten Vorfahren droben in der engen Stadt irgend einem Gaukler
und abenteuernden Artisten entgegengebracht hätte, der in sein Haus gekommen
wäre. Hören Sie folgendes. Ich kenne einen Bankier, einen ergrauten
Geschäftsmann, der die Gabe besitzt, Novellen zu schreiben. Er macht von
dieser Gabe in seinen Mußestunden Gebrauch, und seine Arbeiten sind
manchmal ganz ausgezeichnet. Trotz – ich sage ›trotz‹ – dieser süblimen
Veranlagung ist dieser Mann nicht völlig unbescholten; er hat im Gegenteil
bereits eine schwere Freiheitsstrafe zu verbüßen gehabt, und zwar aus triftigen
Gründen. Ja, es geschah ganz eigentlich erst in der Strafanstalt, daß er seiner
Begabung inne wurde, und seine Sträflingserfahrungen bilden das Grundmotiv in allen seinen Produktionen. Man könnte daraus, mit einiger Keckheit, folgern,
daß es nötig sei, in irgend einer Art von Strafanstalt zu Hause zu sein, um zum
Dichter zu werden. Aber drängt sich nicht der Verdacht auf, daß seine Erlebnisse
im Zuchthause weniger innig mit den Wurzeln und Ursprüngen seiner
Künstlerschaft verwachsen gewesen sein möchten, als d a s , w a s i h n
h i n e i n b r a c h t e –? Ein Bankier, der Novellen dichtet, das ist eine Rarität,
nicht wahr? Aber ein nicht krimineller, ein unbescholtener und solider Bankier,
welcher Novellen dichtete, – d a s k o m m t n i c h t v o r … Ja, da lachen Sie
nun, und dennoch scherze ich nur halb und halb. Kein Problem, keines in der
Welt, ist quälender, als das vom Künstlertum und seiner menschlichen Wirkung.
Nehmen Sie das wunderartigste Gebilde des typischsten und darum mächtigsten
Künstlers, nehmen Sie ein so morbides und tief zweideutiges Werk wie ›Tristan
und Isolde‹ und beobachten Sie die Wirkung, die dieses Werk auf einen jungen,
gesunden, stark normal empfindenden Menschen ausübt. Sie sehen Gehobenheit,
Gestärktheit, warme, rechtschaffene Begeisterung, Angeregtheit vielleicht zu
eigenem ›künstlerischen‹ Schaffen … Der gute Dilettant! In uns Künstlern sieht
es gründlich anders aus, als er mit seinem ›warmen Herzen‹ und ›ehrlichen
Enthusiasmus‹ sich träumen mag. Ich habe Künstler von Frauen und Jünglingen
umschwärmt und umjubelt gesehen, während ich über sie w u ß t e … Man
macht, was die Herkunft, die Miterscheinungen und Bedingungen des
Künstlertums betrifft, immer wieder die merkwürdigsten Erfahrungen …«
»An anderen, Tonio Kröger – verzeihen Sie – oder nicht nur an anderen?«
Er schwieg. Er zog seine schrägen Brauen zusammen und pfiff vor sich hin.
»Ich bitte um Ihre Tasse, Tonio. Er ist nicht stark. Und nehmen Sie eine neue
Zigarette. Übrigens wissen Sie sehr wohl, daß Sie die Dinge ansehen, wie sie
nicht notwendig angesehen zu werden brauchen …«
»Das ist die Antwort des Horatio, liebe Lisaweta. ›Die Dinge so betrachten,
hieße, sie zu genau betrachten‹, nicht wahr?«
»Ich sage, daß man sie ebenso genau von einer anderen Seite betrachten
kann, Tonio Kröger. Ich bin bloß ein dummes malendes Frauenzimmer, und
wenn ich Ihnen überhaupt etwas zu erwidern weiß, wenn ich Ihren eigenen
Beruf ein wenig gegen Sie in Schutz nehmen kann, so ist es sicherlich nichts
Neues, was ich vorbringe, sondern nur eine Mahnung an das, was Sie selbst sehr
wohl wissen … Wie also: Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die
Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur
als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der
Sprache, der literarische Geist als die edelste Erscheinung des Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als Heiliger, – die Dinge s o
betrachten, hieße, sie nicht genau genug betrachten?«
»Sie haben ein Recht, so zu sprechen, Lisaweta Iwanowna, und zwar im
Hinblick auf das Werk Ihrer Dichter, auf die anbetungswürdige russische
Literatur, die so recht eigentlich die heilige Literatur darstellt, von der Sie reden.
Aber ich habe Ihre Einwände nicht außer acht gelassen, sondern sie gehören mit
zu dem, was mir heute im Sinne liegt … Sehen Sie mich an. Ich sehe nicht
übermäßig munter aus, wie? Ein bißchen alt und scharfzügig und müde, nicht
wahr? Nun, um auf die ›Erkenntnis‹ zurückzukommen, so ließe sich ein Mensch
denken, der, von Hause aus gutgläubig, sanftmütig, wohlmeinend und ein wenig
sentimental, durch die psychologische Hellsicht ganz einfach aufgerieben und
zugrunde gerichtet würde. Sich von der Traurigkeit der Welt nicht übermannen
lassen; beobachten, merken, einfügen, auch das Quälendste, und übrigens guter
Dinge sein, schon im Vollgefühl der sittlichen Überlegenheit über die
abscheuliche Erfindung des Seins, – ja, freilich! Jedoch zuweilen wächst Ihnen
die Sache trotz aller Vergnügungen des Ausdrucks ein wenig über den Kopf.
Alles verstehen hieße alles verzeihen? Ich weiß doch nicht. Es gibt etwas, was
ich Erkenntnisekel nenne, Lisaweta: Der Zustand, in dem es dem Menschen
genügt, eine Sache zu durchschauen, um sich bereits zum Sterben angewidert
(und durchaus nicht versöhnlich gestimmt) zu fühlen, – der Fall Hamlets, des
Dänen, dieses typischen Literaten. Er wußte, was das ist: zum Wissen berufen
werden, ohne dazu geboren zu sein. Hellsehen noch durch den Tränenschleier
des Gefühls hindurch, erkennen, merken, beobachten und das Beobachtete
lächelnd beiseite legen müssen noch in Augenblicken, wo Hände sich
umschlingen, Lippen sich finden, wo des Menschen Blick, erblindet von
Empfindung, sich bricht, – es ist infam, Lisaweta, es ist niederträchtig, empörend
… aber was hilft es, sich zu empören?
»Eine andere, aber nicht minder liebenswürdige Seite der Sache ist dann
freilich die Blasiertheit, Gleichgültigkeit und ironische Müdigkeit aller Wahrheit
gegenüber, wie es denn Tatsache ist, daß es nirgends in der Welt stummer und
hoffnungsloser zugeht als in einem Kreise von geistreichen Leuten, die bereits
mit allen Hunden gehetzt sind. Alle Erkenntnis ist alt und langweilig. Sprechen
Sie eine Wahrheit aus, an deren Eroberung und Besitz Sie vielleicht eine gewisse
jugendliche Freude haben, und man wird Ihre ordinäre Aufgeklärtheit mit einem
ganz kurzen Entlassen der Luft durch die Nase beantworten … Ach ja, die
Literatur macht müde, Lisaweta! In menschlicher Gesellschaft kann es einem,
ich versichere Sie, geschehen, daß man vor lauter Skepsis und Meinungsenthaltsamkeit für dumm gehalten wird, während man doch nur
hochmütig und mutlos ist … Dies zur ›Erkenntnis‹. Was aber das ›Wort‹ betrifft,
so handelt es sich da vielleicht weniger um eine Erlösung als um ein Kaltstellen
und Aufs-Eis-legen der Empfindung? Im Ernst, es hat eine eisige und empörend
anmaßliche Bewandtnis mit dieser prompten und oberflächlichen Erledigung des
Gefühls durch die literarische Sprache. Ist Ihnen das Herz zu voll, fühlen Sie
sich von einem süßen oder erhabenen Erlebnis allzusehr ergriffen: nichts
einfacher! Sie gehen zum Literaten, und alles wird in kürzester Frist geregelt
sein. Er wird Ihnen Ihre Angelegenheit analysieren und formulieren, bei Namen
nennen, aussprechen und zum Reden bringen, wird Ihnen das Ganze für alle Zeit
erledigen und gleichgültig machen und keinen Dank dafür nehmen. Sie aber
werden erleichtert, gekühlt und geklärt nach Hause gehen und sich wundern, was
an der Sache Sie eigentlich soeben noch mit so süßem Tumult verstören konnte.
Und für diesen kalten und eitlen Charlatan wollen Sie ernstlich eintreten? Was
ausgesprochen ist, so lautet sein Glaubensbekenntnis, ist erledigt. Ist die ganze
Welt ausgesprochen, so ist sie erledigt, erlöst, abgetan … Sehr gut! Jedoch ich
bin kein Nihilist …«
»Sie sind kein –«, sagte Lisaweta … Sie hielt gerade ihr Löffelchen mit Tee
in der Nähe des Mundes und erstarrte in dieser Haltung.
»Nun ja … nun ja … kommen Sie zu sich, Lisaweta! Ich bin es nicht, sage
ich Ihnen, in bezug auf das lebendige Gefühl. Sehen Sie, der Literat begreift im
Grunde nicht, daß das Leben noch fortfahren mag, zu leben, daß es sich dessen
nicht schämt, nachdem es doch ausgesprochen und ›erledigt‹ ist. Aber siehe da,
es sündigt trotz aller Erlösung durch die Literatur unentwegt darauf los; denn
alles Handeln ist Sünde in den Augen des Geistes …
»Ich bin am Ziel, Lisaweta. Hören Sie mich an. Ich liebe das Leben – dies ist
ein Geständnis. Nehmen Sie es und bewahren Sie es, – ich habe es noch keinem
gemacht. Man hat gesagt, man hat es sogar geschrieben und drucken lassen, daß
ich das Leben hasse oder fürchte oder verachte oder verabscheue. Ich habe dies
gern gehört, es hat mir geschmeichelt; aber darum ist es nicht weniger falsch. Ich
liebe das Leben … Sie lächeln, Lisaweta, und ich weiß, worüber. Aber ich
beschwöre Sie, halten Sie es nicht für Literatur, was ich da sage! Denken Sie
nicht an Cesare Borgia oder an irgend eine trunkene Philosophie, die ihn aufs
Schild erhebt! Er ist mir nichts, dieser Cesare Borgia, ich halte nicht das
Geringste auf ihn, und ich werde nie und nimmer begreifen, wie man das
Außerordentliche und Dämonische als Ideal verehren mag. Nein, das ›Leben‹,
wie es als ewiger Gegensatz dem Geiste und der Kunst gegenübersteht, – nicht als eine Vision von blutiger Größe und wilder Schönheit, nicht als das
Ungewöhnliche stellt es uns Ungewöhnlichen sich dar; sondern das Normale,
Wohlanständige und Liebenswürdige ist das Reich unserer Sehnsucht, ist das
Leben in seiner verführerischen Banalität! Der ist noch lange kein Künstler,
meine Liebe, dessen letzte und tiefste Schwärmerei das Raffinierte, Exzentrische
und Satanische ist, der die Sehnsucht nicht kennt nach dem Harmlosen,
Einfachen und Lebendigen, nach ein wenig Freundschaft, Hingebung,
Vertraulichkeit und menschlichem Glück, – die verstohlene und zehrende
Sehnsucht, Lisaweta, nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit!…
»Ein menschlicher Freund! Wollen Sie glauben, daß es mich stolz und
glücklich machen würde, unter Menschen einen Freund zu besitzen? Aber
bislang habe ich nur unter Dämonen, Kobolden, tiefen Unholden und
erkenntnisstummen Gespenstern, das heißt: unter Literaten Freunde gehabt.
»Zuweilen gerate ich auf irgend ein Podium, finde mich in einem Saale
Menschen gegenüber, die gekommen sind, mir zuzuhören. Sehen Sie, dann
geschieht es, daß ich mich bei einer Umschau im Publikum beobachte, mich
ertappe, wie ich heimlich im Auditorium umherspähe, mit der Frage im Herzen,
wer es ist, der zu mir kam, wessen Beifall und Dank zu mir dringt, mit wem
meine Kunst mir hier eine ideale Vereinigung schafft … Ich finde nicht, was ich
suche, Lisaweta. Ich finde die Herde und Gemeinde, die mir wohlbekannt ist,
eine Versammlung von ersten Christen gleichsam: Leute mit ungeschickten
Körpern und feinen Seelen, Leute, die immer hinfallen, sozusagen, Sie verstehn
mich, und denen die Poesie eine sanfte Rache am Leben ist, – immer nur
Leidende und Sehnsüchtige und Arme und niemals jemand von den anderen, den
Blauäugigen, Lisaweta, die den Geist nicht nötig haben!…
»Und wäre es nicht zuletzt ein bedauerlicher Mangel an Folgerichtigkeit,
sich zu freuen, wenn es anders wäre? Es ist widersinnig, das Leben zu lieben und
dennoch mit allen Künsten bestrebt zu sein, es auf seine Seite zu ziehen, es für
die Finessen und Melancholien, den ganzen kranken Adel der Literatur zu
gewinnen. Das Reich der Kunst nimmt zu, und das der Gesundheit und Unschuld
nimmt ab auf Erden. Man sollte, was noch davon übrig ist, aufs Sorgfältigste
konservieren und man sollte nicht Leute, die viel lieber in Pferdebüchern mit
Momentaufnahmen lesen, zur Poesie verführen wollen!
»Denn schließlich, – welcher Anblick wäre kläglicher, als der des Lebens,
wenn es sich in der Kunst versucht? Wir Künstler verachten niemand
gründlicher als den Dilettanten, den Lebendigen, der glaubt, obendrein bei
Gelegenheit einmal ein Künstler sein zu können. Ich versichere Sie, diese Art von Verachtung gehört zu meinen persönlichsten Erlebnissen. Ich befinde mich
in einer Gesellschaft in gutem Hause, man ißt, trinkt und plaudert, man versteht
sich aufs Beste, und ich fühle mich froh und dankbar, eine Weile unter
harmlosen und regelrechten Leuten als ihresgleichen verschwinden zu können.
Plötzlich (dies ist mir begegnet) erhebt sich ein Offizier, ein Leutnant, ein
hübscher und strammer Mensch, dem ich niemals eine seines Ehrenkleides
unwürdige Handlungsweise zugetraut hätte, und bittet mit unzweideutigen
Worten um die Erlaubnis, uns einige Verse mitzuteilen, die er angefertigt habe.
Man gibt ihm, mit bestürztem Lächeln, diese Erlaubnis, und er führt sein
Vorhaben aus, indem er von einem Zettel, den er bis dahin in seinem Rockschoß
verborgen gehalten hat, seine Arbeit vorliest, etwas an die Musik und die Liebe,
kurzum, ebenso tief empfunden wie unwirksam. Nun bitte ich aber jedermann:
ein Leutnant! Ein Herr der Welt! Er hätte es doch wahrhaftig nicht nötig …!
Nun, es erfolgt, was erfolgen muß: Lange Gesichter, Stillschweigen, ein wenig
künstlicher Beifall und tiefstes Mißbehagen ringsum. Die erste seelische
Tatsache, deren ich mir bewußt werde, ist die, daß ich mich mitschuldig fühle an
der Verstörung, die dieser unbedachte junge Mann über die Gesellschaft
gebracht; und kein Zweifel: auch mich, in dessen Handwerk er gepfuscht hat,
treffen spöttische und entfremdete Blicke. Aber die zweite besteht darin, daß
dieser Mensch, vor dessen Sein und Wesen ich soeben noch den ehrlichsten
Respekt empfand, in meinen Augen plötzlich sinkt, sinkt, sinkt … Ein
mitleidiges Wohlwollen faßt mich an. Ich trete, gleich einigen anderen beherzten
und gutmütigen Herren, an ihn heran und rede ihm zu. ›Meinen Glückwunsch,‹
sage ich, ›Herr Leutnant! Welch hübsche Begabung! Nein, das war allerliebst!‹
Und es fehlt nicht viel, daß ich ihm auf die Schulter klopfe. Aber ist Wohlwollen
die Empfindung, die man einem Leutnant entgegenzubringen hat?… Seine
Schuld! Da stand er und büßte in großer Verlegenheit den Irrtum, daß man ein
Blättchen pflücken dürfe, ein einziges, vom Lorbeerbaume der Kunst, ohne mit
seinem Leben dafür zu zahlen. Nein, da halte ich es mit meinem Kollegen, dem
kriminellen Bankier – – Aber finden Sie nicht, Lisaweta, daß ich heute von einer
hamletischen Redseligkeit bin?«
»Sind Sie nun fertig, Tonio Kröger?«
»Nein. Aber ich sage nichts mehr.«
»Und es genügt auch. – Erwarten Sie eine Antwort?«
»Haben Sie eine?«
»Ich dächte doch. – Ich habe Ihnen gut zugehört, Tonio, von Anfang bis zu
Ende, und ich will Ihnen die Antwort geben, die auf alles paßt, was Sie heute nachmittag gesagt haben, und die die Lösung ist für das Problem, das Sie so sehr
beunruhigt hat. Nun also! Die Lösung ist die, daß Sie, wie Sie da sitzen, ganz
einfach ein Bürger sind.«
»Bin ich?« fragte er und sank ein wenig in sich zusammen …
»Nicht wahr, das trifft Sie hart, und das muß es ja auch. Und darum will ich
den Urteilsspruch um etwas mildern, denn das kann ich. Sie sind ein Bürger auf
Irrwegen, Tonio Kröger, – ein verirrter Bürger.«
– Stillschweigen. Dann stand er entschlossen auf und griff nach Hut und
Stock.
»Ich danke Ihnen, Lisaweta Iwanowna; nun kann ich getrost nach Hause
gehn. I c h b i n e r l e d i g t .«