Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 3 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 2

 

Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte

wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand, sie

war's, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch

sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit einer

Freundin auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf

eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht

besonders feine Klein-Mädchenhand zum Hinterkopfe führte, wobei der weiße

Gazeärmel von ihrem Ellenbogen zurückglitt, hörte, wie sie ein Wort, ein

gleichgültiges Wort, auf eine gewisse Art betonte, wobei ein warmes Klingen in

ihrer Stimme war, und ein Entzücken ergriff sein Herz, weit stärker als jenes, das

er früher zuweilen empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals,

als er noch ein kleiner, dummer Junge war.

An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf,

den länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart angedeuteten

Sattel von Sommersprossen über der Nase, konnte nicht einschlafen, weil er das

Klingen in ihrer Stimme hörte, versuchte leise, die Betonung nachzuahmen, mit

der sie das gleichgültige Wort ausgesprochen hatte und erschauerte dabei. Die

Erfahrung lehrte ihn, daß dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wußte, daß

die Liebe ihm viel Schmerz, Drangsal und Demütigung bringen müsse, daß sie

überdies den Frieden zerstöre und das Herz mit Melodien überfülle, ohne daß

man Ruhe fand, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes

daraus zu schmieden, so nahm er sie doch mit Freuden auf, überließ sich ihr

ganz und pflegte sie mit den Kräften seines Gemütes, denn er wußte, daß sie

reich und lebendig mache, und er sehnte sich, reich und lebendig zu sein, statt in

Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden …

Dies, daß Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete sich

in dem ausgeräumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem Abend traf,

die Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privatkursus, an dem nur Angehörige

von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte sich reihum in den

elterlichen Häusern, um sich Unterricht in Tanz und Anstand erteilen zu lassen. Aber zu diesem Behufe kam allwöchentlich Ballettmeister Knaak eigens von

Hamburg herbei.

 

MONSIEUR FRANÇOIS KNAAK

 

François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! »J'ai

l'honneur de me vous représenter«, sagte er, »mon nom est Knaak … Und dies

spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn man wieder

aufrecht steht, – gedämpft und dennoch deutlich. Man ist nicht täglich in der

Lage, sich auf Französisch vorstellen zu müssen, aber kann man es in dieser

Sprache korrekt und tadellos, so wird es einem auf Deutsch erst recht nicht

fehlen.« Wie wunderbar der seidig schwarze Gehrock sich an seine fetten Hüften

schmiegte! In weichen Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die

mit breiten Atlasschleifen geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten

mit einem müden Glück über ihre eigene Schönheit umher …

Jedermann ward erdrückt durch das Übermaß seiner Sicherheit und

Wohlanständigkeit. Er schritt – und niemand schritt wie er, elastisch, wogend,

wiegend, königlich – auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich und wartete,

daß man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte er mit leiser Stimme

dafür, trat federnd zurück, wandte sich auf dem linken Fuße, schnellte den

rechten mit niedergedrückter Spitze seitwärts vom Boden ab und schritt mit

bebenden Hüften davon.

Man ging rückwärts und unter Verbeugungen zur Tür hinaus, wenn man eine

Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man ihn an

einem Bein ergriff, oder am Boden entlang schleifte, sondern man trug ihn leicht

an der Lehne herzu und setzte ihn geräuschlos nieder. Man stand nicht da, indem

man die Hände auf dem Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob;

tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, daß

man für den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte …

Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak

ihn womöglich in noch höherem Grade. In dem ausgeräumten Salon brannten

die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden

war mit Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven umher.

Aber jenseits der Portieren, in der anstoßenden Stube, saßen auf Plüschstühlen

die Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak, wie

er, in gebückter Haltung, den Saum seines Gehrockes mit je zwei Fingern erfaßt hielt und mit federnden Beinen die einzelnen Teile der Masurka demonstrierte.

Beabsichtigte er aber, sein Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er sich

plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine

mit verwirrender Schnelligkeit in der Luft umeinander wirbelte, gleichsam mit

denselben trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen

erschütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte …

Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber

er sah wohl, daß Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen

Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht dies allein war es,

weshalb alle diese wundervoll beherrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas

wie Bewunderung abgewann. Wie ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks

Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie

kompliziert und traurig werden; sie wußten nichts, als daß sie braun und schön

seien. Aber deshalb war seine Haltung so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um

so schreiten zu können wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war

liebenswürdig. Er verstand es so gut, daß Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn

Knaak blickte, wie sie es tat. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn

selbst blicken?

O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt

Vermehrens Tochter, mit dem sanften Mund und den großen, dunklen, blanken

Augen voll Ernst und Schwärmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen; aber sie kam zu

ihm bei der Damenwahl, sie wußte, daß er Verse dichtete, sie hatte ihn zweimal

gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute sie ihn von weitem mit

gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das? Er, er liebte Inge Holm, die

blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum verachtete, daß er poetische Sachen

schrieb … er sah sie an, sah ihre schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll

Glück und Spott waren, und eine neidische Sehnsucht, ein herber, drängender

Schmerz, von ihr ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust

und brannte …

»Erstes Paar en avant!« sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern, wie

wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte. Man übte Quadrille, und zu

Tonio Krögers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in ein und

demselben Karree. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet er beständig

in ihre Nähe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen, und dennoch traf sein

Blick beständig auf sie … Nun kam sie an der Hand des rotköpfigen Ferdinand

Matthiessen gleitend und laufend herbei, warf den Zopf zurück und stellte sich

aufatmend ihm gegenüber, Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in die Tasten, Herr Knaak kommandierte, die

Quadrille begann.

Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend

und drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff ihres

Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten sich mehr und

mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich, und er legte in diese

Worte seinen ganzen Schmerz darüber, daß sie so eifrig und lustig bei der Sache

war und sein nicht achtete. Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm ein:

»Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.« Der demütigende Widersinn quälte

ihn, der darin lag, tanzen zu müssen, während man liebte …

»Erstes Paar en avant!« sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour.

»Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!« Und niemand beschreibt, auf

welch graziöse Art er das stumme e vom »de« verschluckte.

»Zweites Paar en avant!« Tonio Kröger und seine Dame waren daran.

»Compliment!« Und Tonio Kröger verbeugte sich. »Moulinet des dames!« Und

Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen, legte seine Hand auf

die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte »moulinet«.

Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in eine

Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte. »O weh!« rief er. »Halt,

halt! Kröger ist unter die Damen geraten! En arrière, Fräulein Kröger, zurück, fi

donc! Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit

Ihnen!« Und er zog sein gelbseidenes Taschentuch und scheuchte Tonio Kröger

damit an seinen Platz zurück.

Alles lachte, die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der Portieren,

denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem Zwischenfall gemacht,

und man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit

trockener Geschäftsmiene auf das Zeichen zum Weiterspielen, denn er war

abgehärtet gegen Herrn Knaaks Wirkungen.

Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen

klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleegläsern zur Tür herein, und die Köchin

folgte mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio Kröger stahl

sich fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und stellte sich dort, die Hände

auf dem Rücken, vor ein Fenster mit herabgelassener Jalousie, ohne zu

bedenken, daß man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte, und daß es also

lächerlich sei, davorzustehen und zu tun, als blicke man hinaus.

Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war. Warum,

warum war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster und las in Storms »Immensee« und blickte hie und da in den abendlichen Garten hinaus,

wo der alte Walnußbaum schwerfällig knarrte? Das wäre sein Platz gewesen.

Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt bei der Sache sein!…

Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er sich in Inges Nähe wußte, wenn er

auch nur einsam von ferne stand und versuchte, in dem Summen, Klirren und

Lachen dort drinnen ihre Stimme zu unterscheiden, in welcher es klang von

warmem Leben. Deine länglich geschnittenen, blauen lachenden Augen, du

blonde Inge! So schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht

»Immensee« liest und niemals versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist

das Traurige!…

Sie müßte kommen! Sie müßte bemerken, daß er fort war, müßte fühlen, wie

es um ihn stand, müßte ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid, ihm

ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich

liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in unvernünftiger Spannung,

daß sie kommen möge. Aber sie kam keineswegs. Dergleichen geschah nicht auf

Erden.

Hatte auch sie ihn verlacht, gleich allen anderen? Ja, das hatte sie getan, so

gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet hätte. Und doch hatte er nur aus

Versunkenheit in ihre Nähe »moulinet des dames« mitgetanzt. Und was

verschlug das? Man würde vielleicht einmal aufhören zu lachen! Hatte etwa

nicht kürzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von ihm angenommen, wenn sie dann

auch wieder eingegangen war, bevor das Gedicht hatte erscheinen können? Es

kam der Tag, wo er berühmt war, wo alles gedruckt wurde, was er schrieb, und

dann würde man sehen, ob es nicht Eindruck auf Inge Holm machen würde …

Es würde k e i n e n Eindruck machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena

Vermehren, die immer hinfiel, ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals

auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?…

 

Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken.

Zu fühlen, wie wunderbare spielende und schwermütige Kräfte sich in dir regen,

und dabei zu wissen, daß diejenigen, zu denen du dich hinübersehnst, ihnen in

heiterer Unzugänglichkeit gegenüberstehen, das tut sehr weh. Aber obgleich er

einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer geschlossenen Jalousie

stand und in seinem Kummer tat, als könne er hindurchblicken, so war er

dennoch glücklich. Denn damals lebte sein Herz. Warm und traurig schlug es für

dich, Ingeborg Holm, und seine Seele umfaßte deine blonde, lichte und übermütig gewöhnliche kleine Persönlichkeit in seliger Selbstverleugnung.

Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht an einsamen Stellen,

wohin Musik, Blumenduft und Gläsergeklirr nur leise drangen, und suchte in

dem fernen Festgeräusch deine klingende Stimme zu unterscheiden, stand in

Schmerzen um dich und war dennoch glücklich. Mehr als einmal kränkte es ihn,

daß er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, sprechen konnte, daß sie

ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war, während die blonde Inge, saß er

auch neben ihr, ihm fern und fremd und befremdet erschien, denn seine Sprache

war nicht ihre Sprache; und dennoch war er glücklich. Denn das Glück, sagte er

sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für

die Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine trügerische

Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen. Und er schrieb diesen

Gedanken innerlich auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis auf den

Grund.

T r e u e ! dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben, Ingeborg,

solange ich lebe! So wohlmeinend war er. Und dennoch flüsterte in ihm eine

leise Furcht und Trauer, daß er ja auch Hans Hansen ganz und gar vergessen

habe, obgleich er ihn täglich sah. Und es war das Häßliche und Erbärmliche, daß

diese leise und ein wenig hämische Stimme recht behielt, daß die Zeit verging

und Tage kamen, da Tonio Kröger nicht mehr so unbedingt wie ehemals für die

lustige Inge zu sterben bereit war, weil er Lust und Kräfte in sich fühlte, auf

seine Art in der Welt eine Menge des Merkwürdigen zu leisten.

Und er umkreiste behutsam den Opferaltar, auf dem die lautere und keusche

Flamme seiner Liebe loderte, kniete davor und schürte und nährte sie auf alle

Weise, weil er treu sein wollte. Und über eine Weile, unmerklich, ohne Aufsehen

und Geräusch, war sie dennoch erloschen.

Aber Tonio Kröger stand noch eine Zeitlang vor dem erkalteten Altar, voll

Staunen und Enttäuschung darüber, daß Treue auf Erden unmöglich war. Dann

zuckte er die Achseln und ging seiner Wege.