Tonio Kröger
Kapitel 2
Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte
wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand, sie
war's, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.
Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch
sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit einer
Freundin auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf
eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht
besonders feine Klein-Mädchenhand zum Hinterkopfe führte, wobei der weiße
Gazeärmel von ihrem Ellenbogen zurückglitt, hörte, wie sie ein Wort, ein
gleichgültiges Wort, auf eine gewisse Art betonte, wobei ein warmes Klingen in
ihrer Stimme war, und ein Entzücken ergriff sein Herz, weit stärker als jenes, das
er früher zuweilen empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals,
als er noch ein kleiner, dummer Junge war.
An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf,
den länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart angedeuteten
Sattel von Sommersprossen über der Nase, konnte nicht einschlafen, weil er das
Klingen in ihrer Stimme hörte, versuchte leise, die Betonung nachzuahmen, mit
der sie das gleichgültige Wort ausgesprochen hatte und erschauerte dabei. Die
Erfahrung lehrte ihn, daß dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wußte, daß
die Liebe ihm viel Schmerz, Drangsal und Demütigung bringen müsse, daß sie
überdies den Frieden zerstöre und das Herz mit Melodien überfülle, ohne daß
man Ruhe fand, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes
daraus zu schmieden, so nahm er sie doch mit Freuden auf, überließ sich ihr
ganz und pflegte sie mit den Kräften seines Gemütes, denn er wußte, daß sie
reich und lebendig mache, und er sehnte sich, reich und lebendig zu sein, statt in
Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden …
Dies, daß Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete sich
in dem ausgeräumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem Abend traf,
die Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privatkursus, an dem nur Angehörige
von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte sich reihum in den
elterlichen Häusern, um sich Unterricht in Tanz und Anstand erteilen zu lassen. Aber zu diesem Behufe kam allwöchentlich Ballettmeister Knaak eigens von
Hamburg herbei.
MONSIEUR FRANÇOIS KNAAK
François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! »J'ai
l'honneur de me vous représenter«, sagte er, »mon nom est Knaak … Und dies
spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn man wieder
aufrecht steht, – gedämpft und dennoch deutlich. Man ist nicht täglich in der
Lage, sich auf Französisch vorstellen zu müssen, aber kann man es in dieser
Sprache korrekt und tadellos, so wird es einem auf Deutsch erst recht nicht
fehlen.« Wie wunderbar der seidig schwarze Gehrock sich an seine fetten Hüften
schmiegte! In weichen Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die
mit breiten Atlasschleifen geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten
mit einem müden Glück über ihre eigene Schönheit umher …
Jedermann ward erdrückt durch das Übermaß seiner Sicherheit und
Wohlanständigkeit. Er schritt – und niemand schritt wie er, elastisch, wogend,
wiegend, königlich – auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich und wartete,
daß man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte er mit leiser Stimme
dafür, trat federnd zurück, wandte sich auf dem linken Fuße, schnellte den
rechten mit niedergedrückter Spitze seitwärts vom Boden ab und schritt mit
bebenden Hüften davon.
Man ging rückwärts und unter Verbeugungen zur Tür hinaus, wenn man eine
Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man ihn an
einem Bein ergriff, oder am Boden entlang schleifte, sondern man trug ihn leicht
an der Lehne herzu und setzte ihn geräuschlos nieder. Man stand nicht da, indem
man die Hände auf dem Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob;
tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, daß
man für den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte …
Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak
ihn womöglich in noch höherem Grade. In dem ausgeräumten Salon brannten
die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden
war mit Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven umher.
Aber jenseits der Portieren, in der anstoßenden Stube, saßen auf Plüschstühlen
die Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak, wie
er, in gebückter Haltung, den Saum seines Gehrockes mit je zwei Fingern erfaßt hielt und mit federnden Beinen die einzelnen Teile der Masurka demonstrierte.
Beabsichtigte er aber, sein Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er sich
plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine
mit verwirrender Schnelligkeit in der Luft umeinander wirbelte, gleichsam mit
denselben trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen
erschütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte …
Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber
er sah wohl, daß Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen
Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht dies allein war es,
weshalb alle diese wundervoll beherrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas
wie Bewunderung abgewann. Wie ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks
Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie
kompliziert und traurig werden; sie wußten nichts, als daß sie braun und schön
seien. Aber deshalb war seine Haltung so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um
so schreiten zu können wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war
liebenswürdig. Er verstand es so gut, daß Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn
Knaak blickte, wie sie es tat. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn
selbst blicken?
O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt
Vermehrens Tochter, mit dem sanften Mund und den großen, dunklen, blanken
Augen voll Ernst und Schwärmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen; aber sie kam zu
ihm bei der Damenwahl, sie wußte, daß er Verse dichtete, sie hatte ihn zweimal
gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute sie ihn von weitem mit
gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das? Er, er liebte Inge Holm, die
blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum verachtete, daß er poetische Sachen
schrieb … er sah sie an, sah ihre schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll
Glück und Spott waren, und eine neidische Sehnsucht, ein herber, drängender
Schmerz, von ihr ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust
und brannte …
»Erstes Paar en avant!« sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern, wie
wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte. Man übte Quadrille, und zu
Tonio Krögers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in ein und
demselben Karree. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet er beständig
in ihre Nähe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen, und dennoch traf sein
Blick beständig auf sie … Nun kam sie an der Hand des rotköpfigen Ferdinand
Matthiessen gleitend und laufend herbei, warf den Zopf zurück und stellte sich
aufatmend ihm gegenüber, Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in die Tasten, Herr Knaak kommandierte, die
Quadrille begann.
Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend
und drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff ihres
Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten sich mehr und
mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich, und er legte in diese
Worte seinen ganzen Schmerz darüber, daß sie so eifrig und lustig bei der Sache
war und sein nicht achtete. Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm ein:
»Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.« Der demütigende Widersinn quälte
ihn, der darin lag, tanzen zu müssen, während man liebte …
»Erstes Paar en avant!« sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour.
»Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!« Und niemand beschreibt, auf
welch graziöse Art er das stumme e vom »de« verschluckte.
»Zweites Paar en avant!« Tonio Kröger und seine Dame waren daran.
»Compliment!« Und Tonio Kröger verbeugte sich. »Moulinet des dames!« Und
Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen, legte seine Hand auf
die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte »moulinet«.
Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in eine
Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte. »O weh!« rief er. »Halt,
halt! Kröger ist unter die Damen geraten! En arrière, Fräulein Kröger, zurück, fi
donc! Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit
Ihnen!« Und er zog sein gelbseidenes Taschentuch und scheuchte Tonio Kröger
damit an seinen Platz zurück.
Alles lachte, die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der Portieren,
denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem Zwischenfall gemacht,
und man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit
trockener Geschäftsmiene auf das Zeichen zum Weiterspielen, denn er war
abgehärtet gegen Herrn Knaaks Wirkungen.
Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen
klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleegläsern zur Tür herein, und die Köchin
folgte mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio Kröger stahl
sich fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und stellte sich dort, die Hände
auf dem Rücken, vor ein Fenster mit herabgelassener Jalousie, ohne zu
bedenken, daß man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte, und daß es also
lächerlich sei, davorzustehen und zu tun, als blicke man hinaus.
Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war. Warum,
warum war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster und las in Storms »Immensee« und blickte hie und da in den abendlichen Garten hinaus,
wo der alte Walnußbaum schwerfällig knarrte? Das wäre sein Platz gewesen.
Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt bei der Sache sein!…
Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er sich in Inges Nähe wußte, wenn er
auch nur einsam von ferne stand und versuchte, in dem Summen, Klirren und
Lachen dort drinnen ihre Stimme zu unterscheiden, in welcher es klang von
warmem Leben. Deine länglich geschnittenen, blauen lachenden Augen, du
blonde Inge! So schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht
»Immensee« liest und niemals versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist
das Traurige!…
Sie müßte kommen! Sie müßte bemerken, daß er fort war, müßte fühlen, wie
es um ihn stand, müßte ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid, ihm
ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich
liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in unvernünftiger Spannung,
daß sie kommen möge. Aber sie kam keineswegs. Dergleichen geschah nicht auf
Erden.
Hatte auch sie ihn verlacht, gleich allen anderen? Ja, das hatte sie getan, so
gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet hätte. Und doch hatte er nur aus
Versunkenheit in ihre Nähe »moulinet des dames« mitgetanzt. Und was
verschlug das? Man würde vielleicht einmal aufhören zu lachen! Hatte etwa
nicht kürzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von ihm angenommen, wenn sie dann
auch wieder eingegangen war, bevor das Gedicht hatte erscheinen können? Es
kam der Tag, wo er berühmt war, wo alles gedruckt wurde, was er schrieb, und
dann würde man sehen, ob es nicht Eindruck auf Inge Holm machen würde …
Es würde k e i n e n Eindruck machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena
Vermehren, die immer hinfiel, ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals
auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?…
Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken.
Zu fühlen, wie wunderbare spielende und schwermütige Kräfte sich in dir regen,
und dabei zu wissen, daß diejenigen, zu denen du dich hinübersehnst, ihnen in
heiterer Unzugänglichkeit gegenüberstehen, das tut sehr weh. Aber obgleich er
einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer geschlossenen Jalousie
stand und in seinem Kummer tat, als könne er hindurchblicken, so war er
dennoch glücklich. Denn damals lebte sein Herz. Warm und traurig schlug es für
dich, Ingeborg Holm, und seine Seele umfaßte deine blonde, lichte und übermütig gewöhnliche kleine Persönlichkeit in seliger Selbstverleugnung.
Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht an einsamen Stellen,
wohin Musik, Blumenduft und Gläsergeklirr nur leise drangen, und suchte in
dem fernen Festgeräusch deine klingende Stimme zu unterscheiden, stand in
Schmerzen um dich und war dennoch glücklich. Mehr als einmal kränkte es ihn,
daß er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, sprechen konnte, daß sie
ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war, während die blonde Inge, saß er
auch neben ihr, ihm fern und fremd und befremdet erschien, denn seine Sprache
war nicht ihre Sprache; und dennoch war er glücklich. Denn das Glück, sagte er
sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für
die Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine trügerische
Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen. Und er schrieb diesen
Gedanken innerlich auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis auf den
Grund.
T r e u e ! dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben, Ingeborg,
solange ich lebe! So wohlmeinend war er. Und dennoch flüsterte in ihm eine
leise Furcht und Trauer, daß er ja auch Hans Hansen ganz und gar vergessen
habe, obgleich er ihn täglich sah. Und es war das Häßliche und Erbärmliche, daß
diese leise und ein wenig hämische Stimme recht behielt, daß die Zeit verging
und Tage kamen, da Tonio Kröger nicht mehr so unbedingt wie ehemals für die
lustige Inge zu sterben bereit war, weil er Lust und Kräfte in sich fühlte, auf
seine Art in der Welt eine Menge des Merkwürdigen zu leisten.
Und er umkreiste behutsam den Opferaltar, auf dem die lautere und keusche
Flamme seiner Liebe loderte, kniete davor und schürte und nährte sie auf alle
Weise, weil er treu sein wollte. Und über eine Weile, unmerklich, ohne Aufsehen
und Geräusch, war sie dennoch erloschen.
Aber Tonio Kröger stand noch eine Zeitlang vor dem erkalteten Altar, voll
Staunen und Enttäuschung darüber, daß Treue auf Erden unmöglich war. Dann
zuckte er die Achseln und ging seiner Wege.