Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 2 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 1

 

Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter

Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war's in den giebeligen

Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht Eis, nicht

Schnee.

Die Schule war aus. Über den gepflasterten Hof und heraus aus der

Gatterpforte strömten die Scharen der Befreiten, teilten sich und enteilten nach

rechts und links. Große Schüler hielten mit Würde ihr Bücherpäckchen hoch

gegen die linke Schulter gedrückt, indem sie mit dem rechten Arm wider den

Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines Volk setzte sich lustig in Trab,

daß der Eisbrei umherspritzte und die Siebensachen der Wissenschaft in den

Seehundsränzeln klapperten. Aber hie und da riß alles mit frommen Augen die

Mützen herunter vor dem Wotanshut und dem Jupiterbart eines gemessen

hinschreitenden Oberlehrers …

»Kommst du endlich, Hans?« sagte Tonio Kröger, der lange auf dem

Fahrdamm gewartet hatte; lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im

Gespräch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe

war, mit ihnen davon zu gehen … »Wieso?« fragte er und sah Tonio an…. »Ja,

das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bißchen.«

Tonio verstummte, und seine Augen trübten sich. Hatte Hans es vergessen,

fiel es ihm erst jetzt wieder ein, daß sie heute mittag ein wenig zusammen

spazieren gehen wollten? Und er selbst hatte sich seit der Verabredung beinahe

unausgesetzt darauf gefreut!

»Ja, adieu, ihr!« sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich

noch ein bißchen mit Kröger.« – Und die beiden wandten sich nach links, indes

die anderen nach rechts schlenderten.

Hans und Tonio hatten Zeit, nach der Schule spazieren zu gehen, weil sie

beide Häusern angehörten, in denen erst um vier Uhr zu Mittag gegessen wurde.

Ihre Väter waren große Kaufleute, die öffentliche Ämter bekleideten und

mächtig waren in der Stadt. Den Hansens gehörten schon seit manchem

Menschenalter die weitläufigen Holzlagerplätze drunten am Fluß, wo gewaltige

Sägemaschinen unter Fauchen und Zischen die Stämme zerlegten. Aber Tonio war Konsul Krögers Sohn, dessen Getreidesäcke mit dem breiten schwarzen

Firmendruck man Tag für Tag durch die Straßen kutschieren sah; und seiner

Vorfahren großes altes Haus war das herrschaftlichste der ganzen Stadt …

Beständig mußten die Freunde, der vielen Bekannten wegen, die Mützen

herunternehmen, ja, von manchen Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst

gegrüßt …

Beide hatten die Schulmappen über die Schultern gehängt, und beide waren

sie gut und warm gekleidet; Hans in eine kurze Seemanns-Überjacke, über

welcher auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines

Marineanzuges lag, und Tonio in einen grauen Gurtpaletot. Hans trug eine

dänische Matrosenmütze mit schwarzen Bändern, unter der ein Schopf seines

bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und

wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden

und scharf blickenden stahlblauen Augen. Aber unter Tonios runder Pelzmütze

blickten aus einem brünetten und ganz südlich scharf geschnittenen Gesicht

dunkle und zart umschattete Augen mit zu schweren Lidern träumerisch und ein

wenig zaghaft hervor … Mund und Kinn waren ihm ungewöhnlich weich

gebildet. Er ging nachlässig und ungleichmäßig, während Hansens schlanke

Beine in den schwarzen Strümpfen so elastisch und taktfest einherschritten …

Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz. Indem er seine etwas schräg

stehenden Brauen zusammenzog und die Lippen zum Pfeifen gerundet hielt,

blickte er seitwärts geneigten Kopfes ins Weite. Diese Haltung und Miene war

ihm eigentümlich.

Plötzlich schob Hans seinen Arm unter den Tonios und sah ihn dabei von der

Seite an, denn er begriff sehr wohl, um was es sich handelte. Und obgleich Tonio

auch bei den nächsten Schritten noch schwieg, so ward er doch auf einmal sehr

weich gestimmt.

»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio,« sagte Hans und blickte vor

sich nieder auf das Trottoir, »sondern ich dachte nur, daß heute doch wohl nichts

daraus werden könnte, weil es ja so naß und windig ist. Aber mir macht das gar

nichts, und ich finde es famos, daß du trotzdem auf mich gewartet hast. Ich

glaubte schon, du seist nach Hause gegangen, und ärgerte mich …«

Alles in Tonio geriet in eine hüpfende und jubelnde Bewegung bei diesen

Worten.

»Ja, wir gehen nun also über die Wälle!« sagte er mit bewegter Stimme.

»Über den Mühlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach Hause,

Hans … Bewahre, das schadet gar nichts, daß ich dann meinen Heimweg allein mache; das nächste Mal begleitest du mich.«

Im Grunde glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte, und

fühlte genau, daß jener nur halb so viel Gewicht auf diesen Spaziergang zu

zweien legte wie er. Aber er sah doch, daß Hans seine Vergeßlichkeit bereute

und es sich angelegen sein ließ, ihn zu versöhnen. Und er war weit von der

Absicht entfernt, die Versöhnung hintanzuhalten …

Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn

gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß leiden, – diese

schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele bereits vom Leben

entgegengenommen; und er war so geartet, daß er solche Erfahrungen wohl

vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb und gewissermaßen seine Freude

daran hatte, ohne sich freilich für seine Person danach zu richten und praktischen

Nutzen daraus zu ziehen. Auch war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren

weit wichtiger und interessanter achtete, als die Kenntnisse, die man ihm in der

Schule aufnötigte, ja, daß er sich während der Unterrichtsstunden in den

gotischen Klassengewölben meistens damit abgab, solche Einsichten bis auf den

Grund zu empfinden und völlig auszudenken. Und diese Beschäftigung bereitete

ihm eine ganz ähnliche Genugtuung, wie wenn er mit seiner Geige (denn er

spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging und die Töne, so weich, wie er

sie nur hervorzubringen vermochte, in das Plätschern des Springstrahles hinein

erklingen ließ, der drunten im Garten unter den Zweigen des alten

Walnußbaumes tänzelnd emporstieg …

Der Springbrunnen, der alte Walnußbaum, seine Geige und in der Ferne das

Meer, die Ostsee, deren sommerliche Träume er in den Ferien belauschen durfte,

diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam umstellte und

zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge, deren Namen mit guter

Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch wirklich in den Versen, die

Tonio Kröger zuweilen verfertigte, immer wieder erklangen.

Dieses, daß er ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen besaß, war durch sein

eigenes Verschulden bekannt geworden und schadete ihm sehr, bei seinen

Mitschülern sowohl wie bei den Lehrern. Dem Sohne Konsul Krögers schien es

einerseits, als sei es dumm und gemein, daran Anstoß zu nehmen, und er

verachtete dafür sowohl die Mitschüler wie die Lehrer, deren schlechte Manieren

ihn obendrein abstießen, und deren persönliche Schwächen er seltsam

eindringlich durchschaute. Andererseits aber empfand er selbst es als

ausschweifend und eigentlich ungehörig, Verse zu machen, und mußte all denen

gewissermaßen recht geben, die es für eine befremdende Beschäftigung hielten. Allein das vermochte ihn nicht, davon abzulassen….

 

Da er daheim seine Zeit vertat, beim Unterricht langsamen und abgewandten

Geistes war und bei den Lehrern schlecht angeschrieben stand, so brachte er

beständig die erbärmlichsten Zensuren nach Hause, worüber sein Vater, ein

langer, sorgfältig gekleideter Herr mit sinnenden blauen Augen, der immer eine

Feldblume im Knopfloch trug, sich sehr erzürnt und bekümmert zeigte. Der

Mutter Tonios jedoch, seiner schönen, schwarzhaarigen Mutter, die Consuelo mit

Vornamen hieß und überhaupt so anders war als die übrigen Damen der Stadt,

weil der Vater sie sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt

hatte, – seiner Mutter waren die Zeugnisse grundeinerlei …

Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel

und die Mandoline spielte, und er war froh, daß sie sich ob seiner zweifelhaften

Stellung unter den Menschen nicht grämte. Andererseits aber empfand er, daß

der Zorn des Vaters weit würdiger und respektabler sei, und war, obgleich er von

ihm gescholten wurde, im Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die

heitere Gleichgültigkeit der Mutter ein wenig liederlich fand. Manchmal dachte

er ungefähr: Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich nicht ändern

will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge bedacht, an die sonst

niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man mich ernstlich schilt und

straft dafür, und nicht mit Küssen und Musik darüber hinweggeht. Wir sind doch

keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers,

die Familie der Kröger … Nicht selten dachte er auch: Warum bin ich doch so

sonderlich und in Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd

unter den anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider

Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse

und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann.

Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen

müssen! Das muß gut sein … Was aber ist mit mir, und wie wird dies alles

ablaufen?

Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu

betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte

ihn zunächst, weil er schön war; dann aber weil er in allen Stücken als sein

eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen war ein vortrefflicher

Schüler und außerdem ein frischer Gesell, der ritt, turnte, schwamm wie ein

Held und sich der allgemeinen Beliebtheit erfreute. Die Lehrer waren ihm beinahe mit Zärtlichkeit zugetan, nannten ihn mit Vornamen und förderten ihn

auf alle Weise, die Kameraden waren auf seine Gunst bedacht, und auf der

Straße hielten ihn Herren und Damen an, faßten ihn an dem Schopfe bastblonden

Haares, der unter seiner dänischen Schiffermütze hervorquoll und sagten:

»Guten Tag, Hans Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus?

Grüß' Papa und Mama, mein prächtiger Junge …«

So war Hans Hansen, und seit Tonio Kröger ihn kannte, empfand er

Sehnsucht, sobald er ihn erblickte, eine neidische Sehnsucht, die oberhalb der

Brust saß und brannte. Wer so blaue Augen hätte, dachte er, und so in Ordnung

und glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte, wie du! Stets bist du auf eine

wohlanständige und allgemein respektierte Weise beschäftigt. Wenn du die

Schulaufgaben erledigt hast, so nimmst du Reitstunden oder arbeitest mit der

Laubsäge, und selbst in den Ferien, an der See, bist du vom Rudern, Segeln und

Schwimmen in Anspruch genommen, indes ich müßiggängerisch und verloren

im Sande liege und auf die geheimnisvoll wechselnden Mienenspiele starre, die

über des Meeres Antlitz huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein

wie du …

Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen, und vielleicht

war es ihm nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte

schmerzlich, so, wie er war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um seine

Liebe auf seine Art, eine langsame und innige, hingebungsvolle, leidende und

wehmütige Art, aber von einer Wehmut, die tiefer und zehrender brennen kann

als alle jähe Leidenschaftlichkeit, die man von seinem fremden Äußern hätte

erwarten können.

Und er warb nicht ganz vergebens, denn Hans, der übrigens eine gewisse

Überlegenheit an ihm achtete, eine Gewandtheit des Mundes, die Tonio

befähigte, schwierige Dinge auszusprechen, begriff ganz wohl, daß hier eine

ungewöhnlich starke und zarte Empfindung für ihn lebendig sei, erwies sich

dankbar und bereitete ihm manches Glück durch sein Entgegenkommen – aber

auch manche Pein der Eifersucht, der Enttäuschung und der vergeblichen Mühe,

eine geistige Gemeinschaft herzustellen. Denn es war das Merkwürdige, daß

Tonio, der Hans Hansen doch um seine Daseinsart beneidete, beständig trachtete,

ihn zu seiner eigenen herüberzuziehen, was höchstens auf Augenblicke und auch

dann nur scheinbar gelingen konnte …

»Ich habe jetzt etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles …« sagte er.

Sie gingen und aßen gemeinsam aus einer Tüte Fruchtbonbons, die sie beim

Krämer Iwersen in der Mühlenstraße für zehn Pfennige erstanden hatten. »Du mußt es lesen, Hans, es ist nämlich Don Carlos von Schiller … Ich leihe es dir,

wenn du willst …«

»Ach nein«, sagte Hans Hansen, »das laß nur, Tonio, das paßt nicht für mich.

Ich bleibe bei meinen Pferdebüchern, weißt du. Famose Abbildungen sind darin,

sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir. Es sind

Augenblicksphotographien, und man sieht die Gäule im Trab und im Galopp und

im Sprunge, in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar nicht zu sehen

bekommt, weil es zu schnell geht …«

»In allen Stellungen?« fragte Tonio höflich. »Ja, das ist fein. Was aber Don

Carlos betrifft, so geht das über alle Begriffe. Es sind Stellen darin, du sollst

sehen, die so schön sind, daß es einem einen Ruck gibt, daß es gleichsam

knallt …«

»Knallt es?« fragte Hans Hansen … »Wieso?«

»Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von dem

Marquis betrogen ist … aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen zuliebe

betrogen, verstehst du, für den er sich opfert. Und nun kommt aus dem Kabinett

in das Vorzimmer die Nachricht, daß der König geweint hat. ›Geweint?‹ ›Der

König geweint?‹ Alle Hofmänner sind fürchterlich betreten, und es geht einem

durch und durch, denn es ist ein schrecklich starrer und strenger König. Aber

man begreift es so gut, daß er geweint hat, und mir tut er eigentlich mehr leid,

als der Prinz und der Marquis zusammengenommen. Er ist immer so ganz allein

und ohne Liebe, und nun glaubt er einen Menschen gefunden zu haben, und der

verrät ihn …«

Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht, und irgend etwas in

diesem Gesicht mußte ihn wohl dem Gegenstande gewinnen, denn er schob

plötzlich wieder seinen Arm unter den Tonios und fragte:

»Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?«

Tonio geriet in Bewegung.

»Ja, die Sache ist,« fing er an, »daß alle Briefe nach Brabant und

Flandern …«

»Da kommt Erwin Jimmerthal,« sagte Hans.

Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen, diesen

Jimmerthal! Warum muß er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht mit uns

geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht … Denn Erwin Jimmerthal

hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors und wohnte hier

draußen vorm Tore. Mit seinen krummen Beinen und Schlitzaugen kam er ihnen,

schon ohne Schulmappe, durch die Allee entgegen.

»Tag, Jimmerthal,« sagte Hans. »Ich gehe ein bißchen mit Kröger …«

»Ich muß zur Stadt,« sagte Jimmerthal, »und etwas besorgen. Aber ich gehe

noch ein Stück mit euch … Das sind wohl Fruchtbonbons, die ihr da habt? Ja,

danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde, Hans.« – Es war die

Reitstunde gemeint.

»Famos!« sagte Hans. »Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du, weil

ich neulich die Eins im Exerzitium hatte …«

»Du hast wohl keine Reitstunde, Kröger?« fragte Jimmerthal, und seine

Augen waren nur ein Paar blanker Ritzen …

»Nein …« antwortete Tonio mit ganz ungewisser Betonung.

»Du solltest,« bemerkte Hans Hansen, »deinen Vater bitten, daß du auch

Stunde bekommst, Kröger.«

»Ja …« sagte Tonio zugleich hastig und gleichgültig. Einen Augenblick

schnürte sich ihm die Kehle zusammen, weil Hans ihn mit Nachnamen angeredet

hatte; und Hans schien dies zu fühlen, denn er sagte erläuternd:

»Ich nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du, entschuldige,

aber ich mag ihn nicht leiden. Tonio … Das ist doch überhaupt kein Name.

Übrigens kannst du ja nichts dafür, bewahre!«

»Nein, du heißt wohl hauptsächlich so, weil es so ausländisch klingt und

etwas Besonderes ist …« sagte Jimmerthal und tat, als ob er zum Guten reden

wollte.

Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:

»Ja, es ist ein alberner Name, ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich oder

Wilhelm heißen, das könnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, daß ein

Bruder meiner Mutter, nach dem ich getauft worden bin, Antonio heißt; denn

meine Mutter ist doch von drüben …«

Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen.

Hans hatte Jimmerthal untergefaßt und redete mit einer geläufigen Teilnahme,

die für Don Carlos niemals in ihm zu erwecken gewesen wäre … Von Zeit zu

Zeit fühlte Tonio, wie der Drang zu weinen ihm prickelnd in die Nase stieg; auch

hatte er Mühe, sein Kinn in der Gewalt zu behalten, das beständig ins Zittern

geriet …

Hans mochte seinen Namen nicht leiden, – was war dabei zu tun? Er selbst

hieß Hans, und Jimmerthal hieß Erwin, gut, das waren allgemein anerkannte

Namen, die niemand befremdeten. Aber »Tonio« war etwas Ausländisches und

Besonderes. Ja, es war in allen Stücken etwas Besonderes mit ihm, ob er wollte

oder nicht, und er war allein und ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen, obgleich er doch kein Zigeuner im grünen Wagen war, sondern

ein Sohn Konsul Krögers, aus der Familie der Kröger … Aber warum nannte

Hans ihn Tonio, solange sie allein waren, wenn er, kam ein dritter hinzu, anfing,

sich seiner zu schämen? Zuweilen war er ihm nahe und gewonnen, ja. Auf

welche Weise verrät er ihn denn, Tonio? hatte er gefragt und ihn untergefaßt.

Aber als dann Jimmerthal gekommen war, hatte er dennoch erleichtert

aufgeatmet, hatte ihn verlassen und ihm ohne Not seinen fremden Rufnamen

vorgeworfen. Wie weh es tat, dies alles durchschauen zu müssen! … Hans

Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie unter sich waren, er wußte

es. Aber kam ein dritter, so schämte er sich dessen und opferte ihn auf. Und er

war wieder allein. Er dachte an König Philipp. Der König hat geweint …

»Gott bewahre,« sagte Erwin Jimmerthal, »nun muß ich aber wirklich zur

Stadt! Adieu, ihr, und Dank für die Fruchtbonbons!« Darauf sprang er auf eine

Bank, die am Wege stand, lief mit seinen krummen Beinen darauf entlang und

trabte davon.

 

»Jimmerthal mag ich leiden!« sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine

verwöhnte und selbstbewußte Art, seine Sympathien und Abneigungen

kundzugeben, sie gleichsam gnädigst zu verteilen … Und dann fuhr er fort, von

der Reitstunde zu sprechen, weil er einmal im Zuge war. Es war auch nicht mehr

so weit bis zum Hansenschen Wohnhause; der Weg über die Wälle nahm nicht

so viel Zeit in Anspruch. Sie hielten ihre Mützen fest und beugten die Köpfe vor

dem starken, feuchten Wind, der in dem kahlen Geäst der Bäume knarrte und

stöhnte. Und Hans Hansen sprach, während Tonio nur dann und wann ein

künstliches Ach und Jaja einfließen ließ, ohne Freude darüber, daß Hans ihn im

Eifer der Rede wieder untergefaßt hatte, denn das war nur eine scheinbare

Annäherung, ohne Bedeutung.

Dann verließen sie die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sahen einen Zug

mit plumper Eilfertigkeit vorüberpuffen, zählten zum Zeitvertreib die Wagen und

winkten dem Manne zu, der in seinen Pelz vermummt zuhöchst auf dem

allerletzten saß. Und am Lindenplatze, vor Großhändler Hansens Villa, blieben

sie stehen, und Hans zeigte ausführlich, wie amüsant es sei, sich unten auf die

Gartenpforte zu stellen und sich in den Angeln hin und her zu schlenkern, daß es

nur so kreischte. Aber hierauf verabschiedete er sich.

»Ja, nun muß ich hinein,« sagte er. »Adieu, Tonio. Das nächste Mal begleite

ich dich nach Hause, sei sicher.«

»Adieu, Hans,« sagte Tonio, »es war nett, spazieren zu gehen.«

Ihre Hände, die sich drückten, waren ganz naß und rostig von der

Gartenpforte. Als aber Hans in Tonios Augen sah, entstand etwas wie reuiges

Besinnen in seinem hübschen Gesicht.

 

»Übrigens werde ich nächstens ›Don Carlos‹ lesen!« sagte er rasch. »Das mit

dem König im Kabinett muß famos sein!« Dann nahm er seine Mappe unter den

Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause verschwand, nickte er

noch einmal zurück.

Und Tonio Kröger ging ganz verklärt und beschwingt von dannen. Der Wind

trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, daß er so leicht von der

Stelle kam.

Hans würde ›Don Carlos‹ lesen, und dann würden sie etwas miteinander

haben, worüber weder Jimmerthal noch irgend ein anderer mitreden konnte! Wie

gut sie einander verstanden! Wer wußte, – vielleicht brachte er ihn noch dazu,

ebenfalls Verse zu schreiben? … Nein, nein, das wollte er nicht! Hans sollte

nicht werden, wie Tonio, sondern bleiben, wie er war, so hell und stark, wie alle

ihn liebten und Tonio am meisten! Aber daß er ›Don Carlos‹ las, würde trotzdem

nicht schaden … Und Tonio ging durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen

entlang und die steile, zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner

Eltern. Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid

und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.