Tonio Kröger
Kapitel 1
Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter
Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war's in den giebeligen
Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht Eis, nicht
Schnee.
Die Schule war aus. Über den gepflasterten Hof und heraus aus der
Gatterpforte strömten die Scharen der Befreiten, teilten sich und enteilten nach
rechts und links. Große Schüler hielten mit Würde ihr Bücherpäckchen hoch
gegen die linke Schulter gedrückt, indem sie mit dem rechten Arm wider den
Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines Volk setzte sich lustig in Trab,
daß der Eisbrei umherspritzte und die Siebensachen der Wissenschaft in den
Seehundsränzeln klapperten. Aber hie und da riß alles mit frommen Augen die
Mützen herunter vor dem Wotanshut und dem Jupiterbart eines gemessen
hinschreitenden Oberlehrers …
»Kommst du endlich, Hans?« sagte Tonio Kröger, der lange auf dem
Fahrdamm gewartet hatte; lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im
Gespräch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe
war, mit ihnen davon zu gehen … »Wieso?« fragte er und sah Tonio an…. »Ja,
das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bißchen.«
Tonio verstummte, und seine Augen trübten sich. Hatte Hans es vergessen,
fiel es ihm erst jetzt wieder ein, daß sie heute mittag ein wenig zusammen
spazieren gehen wollten? Und er selbst hatte sich seit der Verabredung beinahe
unausgesetzt darauf gefreut!
»Ja, adieu, ihr!« sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich
noch ein bißchen mit Kröger.« – Und die beiden wandten sich nach links, indes
die anderen nach rechts schlenderten.
Hans und Tonio hatten Zeit, nach der Schule spazieren zu gehen, weil sie
beide Häusern angehörten, in denen erst um vier Uhr zu Mittag gegessen wurde.
Ihre Väter waren große Kaufleute, die öffentliche Ämter bekleideten und
mächtig waren in der Stadt. Den Hansens gehörten schon seit manchem
Menschenalter die weitläufigen Holzlagerplätze drunten am Fluß, wo gewaltige
Sägemaschinen unter Fauchen und Zischen die Stämme zerlegten. Aber Tonio war Konsul Krögers Sohn, dessen Getreidesäcke mit dem breiten schwarzen
Firmendruck man Tag für Tag durch die Straßen kutschieren sah; und seiner
Vorfahren großes altes Haus war das herrschaftlichste der ganzen Stadt …
Beständig mußten die Freunde, der vielen Bekannten wegen, die Mützen
herunternehmen, ja, von manchen Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst
gegrüßt …
Beide hatten die Schulmappen über die Schultern gehängt, und beide waren
sie gut und warm gekleidet; Hans in eine kurze Seemanns-Überjacke, über
welcher auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines
Marineanzuges lag, und Tonio in einen grauen Gurtpaletot. Hans trug eine
dänische Matrosenmütze mit schwarzen Bändern, unter der ein Schopf seines
bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und
wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden
und scharf blickenden stahlblauen Augen. Aber unter Tonios runder Pelzmütze
blickten aus einem brünetten und ganz südlich scharf geschnittenen Gesicht
dunkle und zart umschattete Augen mit zu schweren Lidern träumerisch und ein
wenig zaghaft hervor … Mund und Kinn waren ihm ungewöhnlich weich
gebildet. Er ging nachlässig und ungleichmäßig, während Hansens schlanke
Beine in den schwarzen Strümpfen so elastisch und taktfest einherschritten …
Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz. Indem er seine etwas schräg
stehenden Brauen zusammenzog und die Lippen zum Pfeifen gerundet hielt,
blickte er seitwärts geneigten Kopfes ins Weite. Diese Haltung und Miene war
ihm eigentümlich.
Plötzlich schob Hans seinen Arm unter den Tonios und sah ihn dabei von der
Seite an, denn er begriff sehr wohl, um was es sich handelte. Und obgleich Tonio
auch bei den nächsten Schritten noch schwieg, so ward er doch auf einmal sehr
weich gestimmt.
»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio,« sagte Hans und blickte vor
sich nieder auf das Trottoir, »sondern ich dachte nur, daß heute doch wohl nichts
daraus werden könnte, weil es ja so naß und windig ist. Aber mir macht das gar
nichts, und ich finde es famos, daß du trotzdem auf mich gewartet hast. Ich
glaubte schon, du seist nach Hause gegangen, und ärgerte mich …«
Alles in Tonio geriet in eine hüpfende und jubelnde Bewegung bei diesen
Worten.
»Ja, wir gehen nun also über die Wälle!« sagte er mit bewegter Stimme.
»Über den Mühlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach Hause,
Hans … Bewahre, das schadet gar nichts, daß ich dann meinen Heimweg allein mache; das nächste Mal begleitest du mich.«
Im Grunde glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte, und
fühlte genau, daß jener nur halb so viel Gewicht auf diesen Spaziergang zu
zweien legte wie er. Aber er sah doch, daß Hans seine Vergeßlichkeit bereute
und es sich angelegen sein ließ, ihn zu versöhnen. Und er war weit von der
Absicht entfernt, die Versöhnung hintanzuhalten …
Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn
gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß leiden, – diese
schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele bereits vom Leben
entgegengenommen; und er war so geartet, daß er solche Erfahrungen wohl
vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb und gewissermaßen seine Freude
daran hatte, ohne sich freilich für seine Person danach zu richten und praktischen
Nutzen daraus zu ziehen. Auch war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren
weit wichtiger und interessanter achtete, als die Kenntnisse, die man ihm in der
Schule aufnötigte, ja, daß er sich während der Unterrichtsstunden in den
gotischen Klassengewölben meistens damit abgab, solche Einsichten bis auf den
Grund zu empfinden und völlig auszudenken. Und diese Beschäftigung bereitete
ihm eine ganz ähnliche Genugtuung, wie wenn er mit seiner Geige (denn er
spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging und die Töne, so weich, wie er
sie nur hervorzubringen vermochte, in das Plätschern des Springstrahles hinein
erklingen ließ, der drunten im Garten unter den Zweigen des alten
Walnußbaumes tänzelnd emporstieg …
Der Springbrunnen, der alte Walnußbaum, seine Geige und in der Ferne das
Meer, die Ostsee, deren sommerliche Träume er in den Ferien belauschen durfte,
diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam umstellte und
zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge, deren Namen mit guter
Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch wirklich in den Versen, die
Tonio Kröger zuweilen verfertigte, immer wieder erklangen.
Dieses, daß er ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen besaß, war durch sein
eigenes Verschulden bekannt geworden und schadete ihm sehr, bei seinen
Mitschülern sowohl wie bei den Lehrern. Dem Sohne Konsul Krögers schien es
einerseits, als sei es dumm und gemein, daran Anstoß zu nehmen, und er
verachtete dafür sowohl die Mitschüler wie die Lehrer, deren schlechte Manieren
ihn obendrein abstießen, und deren persönliche Schwächen er seltsam
eindringlich durchschaute. Andererseits aber empfand er selbst es als
ausschweifend und eigentlich ungehörig, Verse zu machen, und mußte all denen
gewissermaßen recht geben, die es für eine befremdende Beschäftigung hielten. Allein das vermochte ihn nicht, davon abzulassen….
Da er daheim seine Zeit vertat, beim Unterricht langsamen und abgewandten
Geistes war und bei den Lehrern schlecht angeschrieben stand, so brachte er
beständig die erbärmlichsten Zensuren nach Hause, worüber sein Vater, ein
langer, sorgfältig gekleideter Herr mit sinnenden blauen Augen, der immer eine
Feldblume im Knopfloch trug, sich sehr erzürnt und bekümmert zeigte. Der
Mutter Tonios jedoch, seiner schönen, schwarzhaarigen Mutter, die Consuelo mit
Vornamen hieß und überhaupt so anders war als die übrigen Damen der Stadt,
weil der Vater sie sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt
hatte, – seiner Mutter waren die Zeugnisse grundeinerlei …
Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel
und die Mandoline spielte, und er war froh, daß sie sich ob seiner zweifelhaften
Stellung unter den Menschen nicht grämte. Andererseits aber empfand er, daß
der Zorn des Vaters weit würdiger und respektabler sei, und war, obgleich er von
ihm gescholten wurde, im Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die
heitere Gleichgültigkeit der Mutter ein wenig liederlich fand. Manchmal dachte
er ungefähr: Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich nicht ändern
will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge bedacht, an die sonst
niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man mich ernstlich schilt und
straft dafür, und nicht mit Küssen und Musik darüber hinweggeht. Wir sind doch
keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers,
die Familie der Kröger … Nicht selten dachte er auch: Warum bin ich doch so
sonderlich und in Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd
unter den anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider
Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse
und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann.
Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen
müssen! Das muß gut sein … Was aber ist mit mir, und wie wird dies alles
ablaufen?
Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu
betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte
ihn zunächst, weil er schön war; dann aber weil er in allen Stücken als sein
eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen war ein vortrefflicher
Schüler und außerdem ein frischer Gesell, der ritt, turnte, schwamm wie ein
Held und sich der allgemeinen Beliebtheit erfreute. Die Lehrer waren ihm beinahe mit Zärtlichkeit zugetan, nannten ihn mit Vornamen und förderten ihn
auf alle Weise, die Kameraden waren auf seine Gunst bedacht, und auf der
Straße hielten ihn Herren und Damen an, faßten ihn an dem Schopfe bastblonden
Haares, der unter seiner dänischen Schiffermütze hervorquoll und sagten:
»Guten Tag, Hans Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus?
Grüß' Papa und Mama, mein prächtiger Junge …«
So war Hans Hansen, und seit Tonio Kröger ihn kannte, empfand er
Sehnsucht, sobald er ihn erblickte, eine neidische Sehnsucht, die oberhalb der
Brust saß und brannte. Wer so blaue Augen hätte, dachte er, und so in Ordnung
und glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte, wie du! Stets bist du auf eine
wohlanständige und allgemein respektierte Weise beschäftigt. Wenn du die
Schulaufgaben erledigt hast, so nimmst du Reitstunden oder arbeitest mit der
Laubsäge, und selbst in den Ferien, an der See, bist du vom Rudern, Segeln und
Schwimmen in Anspruch genommen, indes ich müßiggängerisch und verloren
im Sande liege und auf die geheimnisvoll wechselnden Mienenspiele starre, die
über des Meeres Antlitz huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein
wie du …
Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen, und vielleicht
war es ihm nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte
schmerzlich, so, wie er war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um seine
Liebe auf seine Art, eine langsame und innige, hingebungsvolle, leidende und
wehmütige Art, aber von einer Wehmut, die tiefer und zehrender brennen kann
als alle jähe Leidenschaftlichkeit, die man von seinem fremden Äußern hätte
erwarten können.
Und er warb nicht ganz vergebens, denn Hans, der übrigens eine gewisse
Überlegenheit an ihm achtete, eine Gewandtheit des Mundes, die Tonio
befähigte, schwierige Dinge auszusprechen, begriff ganz wohl, daß hier eine
ungewöhnlich starke und zarte Empfindung für ihn lebendig sei, erwies sich
dankbar und bereitete ihm manches Glück durch sein Entgegenkommen – aber
auch manche Pein der Eifersucht, der Enttäuschung und der vergeblichen Mühe,
eine geistige Gemeinschaft herzustellen. Denn es war das Merkwürdige, daß
Tonio, der Hans Hansen doch um seine Daseinsart beneidete, beständig trachtete,
ihn zu seiner eigenen herüberzuziehen, was höchstens auf Augenblicke und auch
dann nur scheinbar gelingen konnte …
»Ich habe jetzt etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles …« sagte er.
Sie gingen und aßen gemeinsam aus einer Tüte Fruchtbonbons, die sie beim
Krämer Iwersen in der Mühlenstraße für zehn Pfennige erstanden hatten. »Du mußt es lesen, Hans, es ist nämlich Don Carlos von Schiller … Ich leihe es dir,
wenn du willst …«
»Ach nein«, sagte Hans Hansen, »das laß nur, Tonio, das paßt nicht für mich.
Ich bleibe bei meinen Pferdebüchern, weißt du. Famose Abbildungen sind darin,
sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir. Es sind
Augenblicksphotographien, und man sieht die Gäule im Trab und im Galopp und
im Sprunge, in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar nicht zu sehen
bekommt, weil es zu schnell geht …«
»In allen Stellungen?« fragte Tonio höflich. »Ja, das ist fein. Was aber Don
Carlos betrifft, so geht das über alle Begriffe. Es sind Stellen darin, du sollst
sehen, die so schön sind, daß es einem einen Ruck gibt, daß es gleichsam
knallt …«
»Knallt es?« fragte Hans Hansen … »Wieso?«
»Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von dem
Marquis betrogen ist … aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen zuliebe
betrogen, verstehst du, für den er sich opfert. Und nun kommt aus dem Kabinett
in das Vorzimmer die Nachricht, daß der König geweint hat. ›Geweint?‹ ›Der
König geweint?‹ Alle Hofmänner sind fürchterlich betreten, und es geht einem
durch und durch, denn es ist ein schrecklich starrer und strenger König. Aber
man begreift es so gut, daß er geweint hat, und mir tut er eigentlich mehr leid,
als der Prinz und der Marquis zusammengenommen. Er ist immer so ganz allein
und ohne Liebe, und nun glaubt er einen Menschen gefunden zu haben, und der
verrät ihn …«
Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht, und irgend etwas in
diesem Gesicht mußte ihn wohl dem Gegenstande gewinnen, denn er schob
plötzlich wieder seinen Arm unter den Tonios und fragte:
»Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?«
Tonio geriet in Bewegung.
»Ja, die Sache ist,« fing er an, »daß alle Briefe nach Brabant und
Flandern …«
»Da kommt Erwin Jimmerthal,« sagte Hans.
Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen, diesen
Jimmerthal! Warum muß er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht mit uns
geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht … Denn Erwin Jimmerthal
hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors und wohnte hier
draußen vorm Tore. Mit seinen krummen Beinen und Schlitzaugen kam er ihnen,
schon ohne Schulmappe, durch die Allee entgegen.
»Tag, Jimmerthal,« sagte Hans. »Ich gehe ein bißchen mit Kröger …«
»Ich muß zur Stadt,« sagte Jimmerthal, »und etwas besorgen. Aber ich gehe
noch ein Stück mit euch … Das sind wohl Fruchtbonbons, die ihr da habt? Ja,
danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde, Hans.« – Es war die
Reitstunde gemeint.
»Famos!« sagte Hans. »Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du, weil
ich neulich die Eins im Exerzitium hatte …«
»Du hast wohl keine Reitstunde, Kröger?« fragte Jimmerthal, und seine
Augen waren nur ein Paar blanker Ritzen …
»Nein …« antwortete Tonio mit ganz ungewisser Betonung.
»Du solltest,« bemerkte Hans Hansen, »deinen Vater bitten, daß du auch
Stunde bekommst, Kröger.«
»Ja …« sagte Tonio zugleich hastig und gleichgültig. Einen Augenblick
schnürte sich ihm die Kehle zusammen, weil Hans ihn mit Nachnamen angeredet
hatte; und Hans schien dies zu fühlen, denn er sagte erläuternd:
»Ich nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du, entschuldige,
aber ich mag ihn nicht leiden. Tonio … Das ist doch überhaupt kein Name.
Übrigens kannst du ja nichts dafür, bewahre!«
»Nein, du heißt wohl hauptsächlich so, weil es so ausländisch klingt und
etwas Besonderes ist …« sagte Jimmerthal und tat, als ob er zum Guten reden
wollte.
Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:
»Ja, es ist ein alberner Name, ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich oder
Wilhelm heißen, das könnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, daß ein
Bruder meiner Mutter, nach dem ich getauft worden bin, Antonio heißt; denn
meine Mutter ist doch von drüben …«
Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen.
Hans hatte Jimmerthal untergefaßt und redete mit einer geläufigen Teilnahme,
die für Don Carlos niemals in ihm zu erwecken gewesen wäre … Von Zeit zu
Zeit fühlte Tonio, wie der Drang zu weinen ihm prickelnd in die Nase stieg; auch
hatte er Mühe, sein Kinn in der Gewalt zu behalten, das beständig ins Zittern
geriet …
Hans mochte seinen Namen nicht leiden, – was war dabei zu tun? Er selbst
hieß Hans, und Jimmerthal hieß Erwin, gut, das waren allgemein anerkannte
Namen, die niemand befremdeten. Aber »Tonio« war etwas Ausländisches und
Besonderes. Ja, es war in allen Stücken etwas Besonderes mit ihm, ob er wollte
oder nicht, und er war allein und ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen, obgleich er doch kein Zigeuner im grünen Wagen war, sondern
ein Sohn Konsul Krögers, aus der Familie der Kröger … Aber warum nannte
Hans ihn Tonio, solange sie allein waren, wenn er, kam ein dritter hinzu, anfing,
sich seiner zu schämen? Zuweilen war er ihm nahe und gewonnen, ja. Auf
welche Weise verrät er ihn denn, Tonio? hatte er gefragt und ihn untergefaßt.
Aber als dann Jimmerthal gekommen war, hatte er dennoch erleichtert
aufgeatmet, hatte ihn verlassen und ihm ohne Not seinen fremden Rufnamen
vorgeworfen. Wie weh es tat, dies alles durchschauen zu müssen! … Hans
Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie unter sich waren, er wußte
es. Aber kam ein dritter, so schämte er sich dessen und opferte ihn auf. Und er
war wieder allein. Er dachte an König Philipp. Der König hat geweint …
»Gott bewahre,« sagte Erwin Jimmerthal, »nun muß ich aber wirklich zur
Stadt! Adieu, ihr, und Dank für die Fruchtbonbons!« Darauf sprang er auf eine
Bank, die am Wege stand, lief mit seinen krummen Beinen darauf entlang und
trabte davon.
»Jimmerthal mag ich leiden!« sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine
verwöhnte und selbstbewußte Art, seine Sympathien und Abneigungen
kundzugeben, sie gleichsam gnädigst zu verteilen … Und dann fuhr er fort, von
der Reitstunde zu sprechen, weil er einmal im Zuge war. Es war auch nicht mehr
so weit bis zum Hansenschen Wohnhause; der Weg über die Wälle nahm nicht
so viel Zeit in Anspruch. Sie hielten ihre Mützen fest und beugten die Köpfe vor
dem starken, feuchten Wind, der in dem kahlen Geäst der Bäume knarrte und
stöhnte. Und Hans Hansen sprach, während Tonio nur dann und wann ein
künstliches Ach und Jaja einfließen ließ, ohne Freude darüber, daß Hans ihn im
Eifer der Rede wieder untergefaßt hatte, denn das war nur eine scheinbare
Annäherung, ohne Bedeutung.
Dann verließen sie die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sahen einen Zug
mit plumper Eilfertigkeit vorüberpuffen, zählten zum Zeitvertreib die Wagen und
winkten dem Manne zu, der in seinen Pelz vermummt zuhöchst auf dem
allerletzten saß. Und am Lindenplatze, vor Großhändler Hansens Villa, blieben
sie stehen, und Hans zeigte ausführlich, wie amüsant es sei, sich unten auf die
Gartenpforte zu stellen und sich in den Angeln hin und her zu schlenkern, daß es
nur so kreischte. Aber hierauf verabschiedete er sich.
»Ja, nun muß ich hinein,« sagte er. »Adieu, Tonio. Das nächste Mal begleite
ich dich nach Hause, sei sicher.«
»Adieu, Hans,« sagte Tonio, »es war nett, spazieren zu gehen.«
Ihre Hände, die sich drückten, waren ganz naß und rostig von der
Gartenpforte. Als aber Hans in Tonios Augen sah, entstand etwas wie reuiges
Besinnen in seinem hübschen Gesicht.
»Übrigens werde ich nächstens ›Don Carlos‹ lesen!« sagte er rasch. »Das mit
dem König im Kabinett muß famos sein!« Dann nahm er seine Mappe unter den
Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause verschwand, nickte er
noch einmal zurück.
Und Tonio Kröger ging ganz verklärt und beschwingt von dannen. Der Wind
trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, daß er so leicht von der
Stelle kam.
Hans würde ›Don Carlos‹ lesen, und dann würden sie etwas miteinander
haben, worüber weder Jimmerthal noch irgend ein anderer mitreden konnte! Wie
gut sie einander verstanden! Wer wußte, – vielleicht brachte er ihn noch dazu,
ebenfalls Verse zu schreiben? … Nein, nein, das wollte er nicht! Hans sollte
nicht werden, wie Tonio, sondern bleiben, wie er war, so hell und stark, wie alle
ihn liebten und Tonio am meisten! Aber daß er ›Don Carlos‹ las, würde trotzdem
nicht schaden … Und Tonio ging durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen
entlang und die steile, zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner
Eltern. Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid
und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.