Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 4 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 3

 

Er ging den Weg, den er gehen mußte, ein wenig nachlässig und

ungleichmäßig, vor sich hinpfeifend, mit seitwärts geneigtem Kopfe ins Weite

blickend, und wenn er irre ging, so geschah es, weil es für etliche einen richtigen

Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller Welt er zu werden

gedachte, so erteilte er wechselnde Auskunft, denn er pflegte zu sagen (und hatte

es auch bereits aufgeschrieben), daß er die Möglichkeiten zu tausend

Daseinsformen in sich trage, zusammen mit dem heimlichen Bewußtsein, daß es

im Grunde lauter Unmöglichkeiten seien …

 

Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die

Klammern und Fäden gelöst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der Kröger

war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung

geraten, und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen

ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen. Seines Vaters Mutter

war gestorben, das Haupt des Geschlechtes, und nicht lange darauf, so folgte

sein Vater, der lange, sinnende, sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im

Knopfloch, ihr im Tode nach. Das große Krögersche Haus stand mitsamt seiner

würdigen Geschichte zum Verkaufe, und die Firma ward ausgelöscht. Tonios

Mutter jedoch, seine schöne feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die

Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermählte sich nach Jahresfrist

aufs neue, und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit italienischem

Namen, dem sie in blaue Fernen folgte. Tonio Kröger fand dies ein wenig

liederlich; aber war e r berufen, es ihr zu wehren? Er schrieb Verse und konnte

nicht einmal beantworten, was in aller Welt er zu werden gedachte …

Und er verließ die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte Wind

pfiff, verließ den Springbrunnen und den alten Walnußbaum im Garten, die

Vertrauten seiner Jugend, verließ auch das Meer, das er so sehr liebte, und

empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug geworden, hatte

begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und war voller Spott für das

plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in seiner Mitte gehalten hatte.

Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien,

zu deren Dienst er sich berufen fühlte, und die ihm Hoheit und Ehren versprach,

der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewußten und

stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft ergab er sich ihr, und sie

lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken hat, und nahm ihm unerbittlich all

das, was sie als Entgelt dafür zu nehmen pflegt.

Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die

der Menschen Busen blähen, sie erschloß ihm der Menschen Seelen und seine

eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt und alles

letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah, war dies: Komik

und Elend – Komik und Elend.

Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis, die Einsamkeit,

weil es ihn im Kreise der Harmlosen mit dem fröhlich dunklen Sinn nicht litt

und das Mal an seiner Stirn sie verstörte. Aber mehr und mehr versüßte sich ihm

auch die Lust am Worte und der Form, denn er pflegte zu sagen (und hatte es

auch bereits aufgeschrieben), daß die Kenntnis der Seele allein unfehlbar

trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns

wach und munter erhielten …

Er lebte in großen Städten und im Süden, von dessen Sonne er sich ein

üppigeres Reifen seiner Kunst versprach; und vielleicht war es das Blut seiner

Mutter, welches ihn dorthin zog. Aber da sein Herz tot und ohne Liebe war, so

geriet er in Abenteuer des Fleisches, stieg tief hinab in Wollust und heiße Schuld

und litt unsäglich dabei. Vielleicht war es das Erbteil seines Vaters in ihm, des

langen, sinnenden, reinlich gekleideten Mannes mit der Feldblume im

Knopfloch, das ihn dort unten so leiden machte und manchmal eine schwache,

sehnsüchtige Erinnerung in ihm sich regen ließ an eine Lust der Seele, die

einstmals sein eigen gewesen war und die er in allen Lüsten nicht wiederfand.

Ein Ekel und Haß gegen die Sinne erfaßte ihn und ein Lechzen nach Reinheit

und wohlanständigem Frieden, während er doch die Luft der Kunst atmete, die

laue und süße, duftgeschwängerte Luft eines beständigen Frühlings, in der es

treibt und braut und keimt in heimlicher Zeugungswonne. So kam es nur dahin,

daß er, haltlos zwischen krassen Extremen, zwischen eisiger Geistigkeit und

verzehrender Sinnenglut hin- und hergeworfen, unter Gewissensnöten ein

erschöpfendes Leben führte, ein ausbündiges, ausschweifendes und

außerordentliches Leben, das er, Tonio Kröger, im Grunde verabscheute. Welch

Irrgang! dachte er zuweilen. Wie war es nur möglich, daß ich in alle diese

exzentrischen Abenteuer geriet? Ich bin doch kein Zigeuner im grünen Wagen, von Hause aus …

Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich

seine Künstlerschaft, ward wählerisch, erlesen, kostbar, fein, reizbar gegen das

Banale und aufs höchste empfindlich in Fragen des Taktes und Geschmacks. Als

er zum ersten Male hervortrat, wurde unter denen, die es anging, viel Beifall und

Freude laut, denn es war ein wertvoll gearbeitetes Ding, was er geliefert hatte,

voll Humor und Kenntnis des Leidens. Und schnell ward sein Name, derselbe,

mit dem ihn einst seine Lehrer scheltend gerufen hatten, derselbe, mit dem er

seine ersten Reime an den Walnußbaum, den Springbrunnen und das Meer

unterzeichnet hatte, dieser aus Süd und Nord zusammengesetzte Klang, dieser

exotisch angehauchte Bürgersname zu einer Formel, die Vortreffliches

bezeichnete; denn der schmerzlichen Gründlichkeit seiner Erfahrungen gesellte

sich ein seltener, zäh ausharrender und ehrsüchtiger Fleiß, der im Kampf mit der

wählerischen Reizbarkeit seines Geschmacks unter heftigen Qualen

ungewöhnliche Werke entstehen ließ.

Er arbeitete nicht wie jemand, der arbeitet, um zu leben, sondern wie einer,

der nichts will, als arbeiten, weil er sich als lebendigen Menschen für nichts

achtet, nur als Schaffender in Betracht zu kommen wünscht und im übrigen grau

und unauffällig umhergeht, wie ein abgeschminkter Schauspieler, der nichts ist,

solange er nichts darzustellen hat. Er arbeitete stumm, abgeschlossen, unsichtbar

und voller Verachtung für jene Kleinen, denen das Talent ein geselliger Schmuck

war, die, ob sie nun arm oder reich waren, wild und abgerissen einhergingen

oder mit persönlichen Krawatten Luxus trieben, in erster Linie glücklich,

liebenswürdig und künstlerisch zu leben bedacht waren, unwissend darüber, daß

gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen Lebens entstehen, daß, wer

lebt, nicht arbeitet, und daß man gestorben sein muß, um ganz ein Schaffender

zu sein.