Tonio Kröger
Kapitel 3
Er ging den Weg, den er gehen mußte, ein wenig nachlässig und
ungleichmäßig, vor sich hinpfeifend, mit seitwärts geneigtem Kopfe ins Weite
blickend, und wenn er irre ging, so geschah es, weil es für etliche einen richtigen
Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller Welt er zu werden
gedachte, so erteilte er wechselnde Auskunft, denn er pflegte zu sagen (und hatte
es auch bereits aufgeschrieben), daß er die Möglichkeiten zu tausend
Daseinsformen in sich trage, zusammen mit dem heimlichen Bewußtsein, daß es
im Grunde lauter Unmöglichkeiten seien …
Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die
Klammern und Fäden gelöst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der Kröger
war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung
geraten, und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen
ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen. Seines Vaters Mutter
war gestorben, das Haupt des Geschlechtes, und nicht lange darauf, so folgte
sein Vater, der lange, sinnende, sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im
Knopfloch, ihr im Tode nach. Das große Krögersche Haus stand mitsamt seiner
würdigen Geschichte zum Verkaufe, und die Firma ward ausgelöscht. Tonios
Mutter jedoch, seine schöne feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die
Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermählte sich nach Jahresfrist
aufs neue, und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit italienischem
Namen, dem sie in blaue Fernen folgte. Tonio Kröger fand dies ein wenig
liederlich; aber war e r berufen, es ihr zu wehren? Er schrieb Verse und konnte
nicht einmal beantworten, was in aller Welt er zu werden gedachte …
Und er verließ die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte Wind
pfiff, verließ den Springbrunnen und den alten Walnußbaum im Garten, die
Vertrauten seiner Jugend, verließ auch das Meer, das er so sehr liebte, und
empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug geworden, hatte
begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und war voller Spott für das
plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in seiner Mitte gehalten hatte.
Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien,
zu deren Dienst er sich berufen fühlte, und die ihm Hoheit und Ehren versprach,
der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewußten und
stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft ergab er sich ihr, und sie
lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken hat, und nahm ihm unerbittlich all
das, was sie als Entgelt dafür zu nehmen pflegt.
Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die
der Menschen Busen blähen, sie erschloß ihm der Menschen Seelen und seine
eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt und alles
letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah, war dies: Komik
und Elend – Komik und Elend.
Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis, die Einsamkeit,
weil es ihn im Kreise der Harmlosen mit dem fröhlich dunklen Sinn nicht litt
und das Mal an seiner Stirn sie verstörte. Aber mehr und mehr versüßte sich ihm
auch die Lust am Worte und der Form, denn er pflegte zu sagen (und hatte es
auch bereits aufgeschrieben), daß die Kenntnis der Seele allein unfehlbar
trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns
wach und munter erhielten …
Er lebte in großen Städten und im Süden, von dessen Sonne er sich ein
üppigeres Reifen seiner Kunst versprach; und vielleicht war es das Blut seiner
Mutter, welches ihn dorthin zog. Aber da sein Herz tot und ohne Liebe war, so
geriet er in Abenteuer des Fleisches, stieg tief hinab in Wollust und heiße Schuld
und litt unsäglich dabei. Vielleicht war es das Erbteil seines Vaters in ihm, des
langen, sinnenden, reinlich gekleideten Mannes mit der Feldblume im
Knopfloch, das ihn dort unten so leiden machte und manchmal eine schwache,
sehnsüchtige Erinnerung in ihm sich regen ließ an eine Lust der Seele, die
einstmals sein eigen gewesen war und die er in allen Lüsten nicht wiederfand.
Ein Ekel und Haß gegen die Sinne erfaßte ihn und ein Lechzen nach Reinheit
und wohlanständigem Frieden, während er doch die Luft der Kunst atmete, die
laue und süße, duftgeschwängerte Luft eines beständigen Frühlings, in der es
treibt und braut und keimt in heimlicher Zeugungswonne. So kam es nur dahin,
daß er, haltlos zwischen krassen Extremen, zwischen eisiger Geistigkeit und
verzehrender Sinnenglut hin- und hergeworfen, unter Gewissensnöten ein
erschöpfendes Leben führte, ein ausbündiges, ausschweifendes und
außerordentliches Leben, das er, Tonio Kröger, im Grunde verabscheute. Welch
Irrgang! dachte er zuweilen. Wie war es nur möglich, daß ich in alle diese
exzentrischen Abenteuer geriet? Ich bin doch kein Zigeuner im grünen Wagen, von Hause aus …
Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich
seine Künstlerschaft, ward wählerisch, erlesen, kostbar, fein, reizbar gegen das
Banale und aufs höchste empfindlich in Fragen des Taktes und Geschmacks. Als
er zum ersten Male hervortrat, wurde unter denen, die es anging, viel Beifall und
Freude laut, denn es war ein wertvoll gearbeitetes Ding, was er geliefert hatte,
voll Humor und Kenntnis des Leidens. Und schnell ward sein Name, derselbe,
mit dem ihn einst seine Lehrer scheltend gerufen hatten, derselbe, mit dem er
seine ersten Reime an den Walnußbaum, den Springbrunnen und das Meer
unterzeichnet hatte, dieser aus Süd und Nord zusammengesetzte Klang, dieser
exotisch angehauchte Bürgersname zu einer Formel, die Vortreffliches
bezeichnete; denn der schmerzlichen Gründlichkeit seiner Erfahrungen gesellte
sich ein seltener, zäh ausharrender und ehrsüchtiger Fleiß, der im Kampf mit der
wählerischen Reizbarkeit seines Geschmacks unter heftigen Qualen
ungewöhnliche Werke entstehen ließ.
Er arbeitete nicht wie jemand, der arbeitet, um zu leben, sondern wie einer,
der nichts will, als arbeiten, weil er sich als lebendigen Menschen für nichts
achtet, nur als Schaffender in Betracht zu kommen wünscht und im übrigen grau
und unauffällig umhergeht, wie ein abgeschminkter Schauspieler, der nichts ist,
solange er nichts darzustellen hat. Er arbeitete stumm, abgeschlossen, unsichtbar
und voller Verachtung für jene Kleinen, denen das Talent ein geselliger Schmuck
war, die, ob sie nun arm oder reich waren, wild und abgerissen einhergingen
oder mit persönlichen Krawatten Luxus trieben, in erster Linie glücklich,
liebenswürdig und künstlerisch zu leben bedacht waren, unwissend darüber, daß
gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen Lebens entstehen, daß, wer
lebt, nicht arbeitet, und daß man gestorben sein muß, um ganz ein Schaffender
zu sein.