Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 7 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 6

 

Und Tonio Kröger fuhr gen Norden. Er fuhr mit Komfort (denn er pflegte zu

sagen, daß jemand, der es innerlich so viel schwerer hat als andere Leute,

gerechten Anspruch auf ein wenig äußeres Behagen habe), und er rastete nicht

eher, als bis die Türme der engen Stadt, von der er ausgegangen war, sich vor

ihm in die graue Luft erhoben. Dort nahm er einen kurzen, seltsamen

Aufenthalt …

Ein trüber Nachmittag ging schon in den Abend über, als der Zug in die

schmale, verräucherte, so wunderlich vertraute Halle einfuhr; noch immer ballte

sich unter dem schmutzigen Glasdach der Qualm in Klumpen zusammen und

zog in gedehnten Fetzen hin und wieder, wie damals, als Tonio Kröger, nichts als

Spott im Herzen, von hier gefahren war. – Er versorgte sein Gepäck, ordnete an,

daß es ins Hotel geschafft werde, und verließ den Bahnhof.

Das waren die zweispännigen, schwarzen, unmäßig hohen und breiten

Droschken der Stadt, die draußen in einer Reihe standen! Er nahm keine davon;

er sah sie nur an, wie er alles ansah, die schmalen Giebel und spitzen Türme, die

über die nächsten Dächer herübergrüßten, die blonden und lässigplumpen

Menschen mit ihrer breiten und dennoch rapiden Redeweise rings um ihn her,

und ein nervöses Gelächter stieg in ihm auf, das eine heimliche Verwandtschaft

mit Schluchzen hatte. – Er ging zu Fuß, ging langsam, den unablässigen Druck

des feuchten Windes im Gesicht, über die Brücke, an deren Geländer

mythologische Statuen standen, und eine Strecke am Hafen entlang.

Großer Gott, wie winzig und winklig das Ganze erschien! Waren hier in all

der Zeit die schmalen Giebelgassen so putzig steil zur Stadt emporgestiegen?

Die Schornsteine und Maste der Schiffe schaukelten leise in Wind und

Dämmerung auf dem trüben Flusse. Sollte er jene Straße hinaufgehen, die dort,

an der das Haus lag, das er im Sinne hatte? Nein, morgen. Er war so schläfrig

jetzt. Sein Kopf war schwer von der Fahrt, und langsame, nebelhafte Gedanken

zogen ihm durch den Sinn.

Zuweilen in diesen dreizehn Jahren, wenn sein Magen verdorben gewesen

war, hatte ihm geträumt, daß er wieder daheim sei in dem alten, hallenden Haus

an der schrägen Gasse, daß auch sein Vater wieder da sei und ihn hart anlasse wegen seiner entarteten Lebensführung, was er jedesmal sehr in der Ordnung

gefunden hatte. Und diese Gegenwart nun unterschied sich durch nichts von

einem dieser betörenden und unzerreißbaren Traumgespinste, in denen man sich

fragen kann, ob dies Trug oder Wirklichkeit ist, und sich notgedrungen mit

Überzeugung für das letztere entscheidet, um dennoch am Ende zu erwachen …

Er schritt durch die wenig belebten, zugigen Straßen, hielt den Kopf gegen den

Wind gebeugt und schritt wie schlafwandelnd in der Richtung des Hotels, des

ersten der Stadt, wo er übernachten wollte. Ein krummbeiniger Mann mit einer

Stange, an deren Spitze ein Feuerchen brannte, ging mit wiegendem

Matrosenschritt vor ihm her und zündete die Gaslaternen an.

Wie war ihm doch? Was war das alles, was unter der Asche seiner

Müdigkeit, ohne zur klaren Flamme zu werden, so dunkel und schmerzlich

glomm? Still, still und kein Wort! Keine Worte! Er wäre gern lange so

dahingegangen, im Wind durch die dämmerigen, traumhaft vertrauten Gassen.

Aber alles war so eng und nah bei einander. Gleich war man am Ziel.

In der oberen Stadt gab es Bogenlampen, und eben erglühten sie. Da war das

Hotel, und es waren die beiden schwarzen Löwen, die davor lagen und vor

denen er sich als Kind gefürchtet hatte. Noch immer blickten sie mit einer

Miene, als wollten sie niesen, einander an; aber sie schienen viel kleiner

geworden, seit damals. – Tonio Kröger ging zwischen ihnen hindurch.

 

Da er zu Fuß kam, wurde er ohne viel Feierlichkeit empfangen. Der Portier

und ein sehr feiner, schwarzgekleideter Herr, welcher die Honneurs machte und

beständig mit den kleinen Fingern seine Manschetten in die Ärmel zurückstieß,

musterten ihn prüfend und wägend vom Scheitel bis zu den Stiefeln, sichtlich

bestrebt, ihn gesellschaftlich ein wenig zu bestimmen, ihn hierarchisch und

bürgerlich unterzubringen und ihm einen Platz in ihrer Achtung anzuweisen,

ohne doch zu einem beruhigenden Ergebnis gelangen zu können, weshalb sie

sich für eine gemäßigte Höflichkeit entschieden. Ein Kellner, ein milder Mensch

mit brotblonden Backenbartstreifen, einem altersblanken Frack und Rosetten auf

den lautlosen Schuhen, führte ihn zwei Treppen hinauf in ein reinlich und

altväterlich eingerichtetes Zimmer, hinter dessen Fenster sich im Zwielicht ein

pittoresker und mittelalterlicher Ausblick auf Höfe, Giebel und die bizarren

Massen der Kirche eröffnete, in deren Nähe das Hotel gelegen war. Tonio

Kröger stand eine Weile vor diesem Fenster; dann setzte er sich mit gekreuzten

Armen auf das weitschweifige Sofa, zog seine Brauen zusammen und pfiff vor sich hin.

Man brachte Licht, und sein Gepäck kam. Gleichzeitig legte der milde

Kellner den Meldezettel auf den Tisch, und Tonio Kröger malte mit seitwärts

geneigtem Kopfe etwas darauf, das aussah wie Name, Stand und Herkunft.

Hierauf bestellte er ein wenig Abendbrot und fuhr fort, von seinem Sofawinkel

aus ins Leere zu blicken. Als das Essen vor ihm stand, ließ er es noch lange

unberührt, nahm endlich ein paar Bissen und ging noch eine Stunde im Zimmer

auf und ab, wobei er zuweilen stehen blieb und die Augen schloß. Dann

entkleidete er sich mit langsamen Bewegungen und ging zu Bette. Er schlief

lange, unter verworrenen und seltsam sehnsüchtigen Träumen. –

Als er erwachte, sah er sein Zimmer von hellem Tage erfüllt. Verwirrt und

hastig besann er sich, wo er sei, und machte sich auf, um die Vorhänge zu

öffnen. Des Himmels schon ein wenig blasses Spätsommer-Blau war von

dünnen, vom Wind zerzupften Wolkenfetzchen durchzogen; aber die Sonne

schien über seiner Vaterstadt.

Er verwandte noch mehr Sorgfalt auf seine Toilette als gewöhnlich, wusch

und rasierte sich aufs beste und machte sich so frisch und reinlich, als habe er

einen Besuch in gutem, korrektem Hause vor, wo es gälte, einen schmucken und

untadelhaften Eindruck zu machen; und während der Hantierungen des

Ankleidens horchte er auf das ängstliche Pochen seines Herzens.

Wie hell es draußen war! Er hätte sich wohler gefühlt, wenn, wie gestern,

Dämmerung in den Straßen gelegen hätte; nun aber sollte er unter den Augen der

Leute durch den klaren Sonnenschein gehen. Würde er auf Bekannte stoßen,

angehalten, befragt werden und Rede stehen müssen, wie er diese dreizehn Jahre

verbracht? Nein, gottlob, es kannte ihn keiner mehr, und wer sich seiner

erinnerte, würde ihn nicht erkennen, denn er hatte sich wirklich ein wenig

verändert unterdessen. Er betrachtete sich aufmerksam im Spiegel, und plötzlich

fühlte er sich sicherer hinter seiner Maske, hinter seinem früh durcharbeiteten

Gesicht, das älter als seine Jahre war … Er ließ Frühstück kommen und ging

dann aus, ging unter den abschätzenden Blicken des Portiers und des feinen

Herrn in Schwarz durch das Vestibül und zwischen den beiden Löwen hindurch

ins Freie.

Wohin ging er? Er wußte es kaum. Es war wie gestern. Kaum, daß er sich

wieder von diesem wunderlich würdigen und urvertrauten Beieinander von

Giebeln, Türmchen, Arkaden, Brunnen umgeben sah, kaum daß er den Druck

des Windes, des starken Windes, der ein zartes und herbes Aroma aus fernen

Träumen mit sich führte, wieder im Angesicht spürte, als es sich ihm wie Schleier und Nebelgespinst um die Sinne legte … Die Muskeln seines Gesichtes

spannten sich ab; und mit stille gewordenem Blick betrachtete er Menschen und

Dinge. Vielleicht, daß er dort, an jener Straßenecke, dennoch erwachte …

Wohin ging er? Ihm war, als stehe die Richtung, die er einschlug, in einem

Zusammenhange mit seinen traurigen und seltsam reuevollen Träumen zur

Nacht … Auf den Markt ging er, unter den Bogengewölben des Rathauses

hindurch, wo Fleischer mit blutigen Händen ihre Ware wogen, auf den

Marktplatz, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand. Dort blieb

er vor einem Hause stehen, einem schmalen und schlichten, gleich anderen mehr,

mit einem geschwungenen, durchbrochenen Giebel, und versank in dessen

Anblick. Er las das Namensschild an der Tür und ließ seine Augen ein Weilchen

auf jedem der Fenster ruhen. Dann wandte er sich langsam zum Gehen.

 

Wohin ging er? Heimwärts. Aber er nahm einen Umweg, machte einen

Spaziergang vors Tor hinaus, weil er Zeit hatte. Er ging über den Mühlenwall

und den Holstenwall und hielt seinen Hut fest vor dem Winde, der in den

Bäumen rauschte und knarrte. Dann verließ er die Wallanlagen unfern des

Bahnhofes, sah einen Zug mit plumper Eilfertigkeit vorüberpuffen, zählte zum

Zeitvertreib die Wagen und blickte dem Manne nach, der zuhöchst auf dem

allerletzten saß. Aber am Lindenplatze machte er vor einer der hübschen Villen

halt, die dort standen, spähte lange in den Garten und zu den Fenstern hinauf und

verfiel am Ende darauf, die Gatterpforte in ihren Angeln hin- und

herzuschlenkern, so daß es kreischte. Dann betrachtete er eine Weile seine Hand,

die kalt und rostig geworden war, und ging weiter, ging durch das alte,

untersetzte Tor, am Hafen entlang und die steile zugige Gasse hinauf zum Haus

seiner Eltern.

Es stand, eingeschlossen von den Nachbarhäusern, die sein Giebel überragte,

grau und ernst wie seit dreihundert Jahren, und Tonio Kröger las den frommen

Spruch, der in halbverwischten Lettern über dem Eingang stand. Dann atmete er

auf und ging hinein.

Sein Herz schlug ängstlich, denn er gewärtigte, sein Vater könnte aus einer

der Türen zu ebener Erde, an denen er vorüberschritt, hervortreten, im

Kontorrock und die Feder hinterm Ohr, ihn anhalten und ihn wegen seines

extravaganten Lebens streng zur Rede stellen, was er sehr in der Ordnung

gefunden hätte. Aber er gelangte unbehelligt vorbei. Die Windfangtür war nicht

geschlossen, sondern nur angelehnt, was er als tadelnswert empfand, während ihm gleichzeitig zumute war wie in gewissen leichten Träumen, in denen die

Hindernisse von selbst vor einem weichen und man, von wunderbarem Glück

begünstigt, ungehindert vorwärts dringt … Die weite Diele, mit großen,

viereckigen Steinfliesen gepflastert, widerhallte von seinen Schritten. Der Küche

gegenüber, in der es still war, sprangen wie vor Alters in beträchtlicher Höhe die

seltsamen, plumpen, aber reinlich lackierten Holzgelasse aus der Wand hervor,

die Mägdekammern, die nur durch eine Art freiliegender Stiege von der Diele

aus zu erreichen waren. Aber die großen Schränke und die geschnitzte Truhe

waren nicht mehr da, die hier gestanden hatten … Der Sohn des Hauses beschritt

die gewaltige Treppe und stützte sich mit der Hand auf das weißlackierte,

durchbrochene Holzgeländer, indem er sie bei jedem Schritte erhob und beim

nächsten sacht wieder darauf niedersinken ließ, wie als versuche er schüchtern,

ob die ehemalige Vertrautheit mit diesem alten, soliden Geländer

wiederherzustellen sei … Aber auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, vorm

Eingang zum Zwischengeschoß. An der Tür war ein weißes Schild befestigt, auf

dem in schwarzen Buchstaben zu lesen war: Volksbibliothek.

Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger, denn er fand, daß hier weder das Volk

noch die Literatur etwas zu suchen hatten. Er klopfte an die Tür … Ein Herein

ward laut, und er folgte ihm. Gespannt und finster blickte er in eine höchst

unziemliche Veränderung hinein.

Das Geschoß war drei Stuben tief, deren Verbindungstüren offen standen.

Die Wände waren fast in ihrer ganzen Höhe mit gleichförmig gebundenen

Büchern bedeckt, die auf dunklen Gestellen in langen Reihen standen. In jedem

Zimmer saß hinter einer Art von Ladentisch ein dürftiger Mensch und schrieb.

Zwei davon wandten nur die Köpfe nach Tonio Kröger, aber der erste stand eilig

auf, wobei er sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützte, den Kopf

vorschob, die Lippen spitzte, die Brauen emporzog und den Besucher mit eifrig

zwinkernden Augen anblickte …

»Verzeihung,« sagte Tonio Kröger, ohne den Blick von den vielen Büchern

zu wenden. »Ich bin hier fremd, ich besichtige die Stadt. Dies ist also die

Volksbibliothek? Würden Sie erlauben, daß ich mir ein wenig Einblick in die

Sammlung verschaffe?«

 

»Gern!« sagte der Beamte und zwinkerte noch heftiger … »Gewiß, das steht

jedermann frei. Wollen Sie sich nur umsehen … Ist Ihnen ein Katalog gefällig?«

»Danke,« antwortete Tonio Kröger. »Ich orientiere mich leicht.« Damit begann er, langsam an den Wänden entlang zu schreiten, indem er sich den

Anschein gab, als studiere er die Titel auf den Bücherrücken. Schließlich nahm

er einen Band heraus, öffnete ihn und stellte sich damit ans Fenster.

Hier war das Frühstückszimmer gewesen. Man hatte hier morgens

gefrühstückt, nicht droben im großen Eßsaal, wo aus der blauen Tapete weiße

Götterstatuen hervortraten … Das dort hatte als Schlafzimmer gedient. Seines

Vaters Mutter war dort gestorben, so alt sie war, unter schweren Kämpfen, denn

sie war eine genußfrohe Weltdame und hing am Leben. Und später hatte dort

sein Vater selbst den letzten Seufzer getan, der lange, korrekte, ein wenig

wehmütige und nachdenkliche Herr mit der Feldblume im Knopfloch … Tonio

hatte am Fußende seines Sterbebettes gesessen, mit heißen Augen, ehrlich und

gänzlich hingegeben an ein stummes und starkes Gefühl, an Liebe und Schmerz.

Und auch seine Mutter hatte am Lager gekniet, seine schöne feurige Mutter,

ganz aufgelöst in heißen Tränen; worauf sie mit dem südlichen Künstler in blaue

Fernen gezogen war … Aber dort hinten, das kleinere, dritte Zimmer, nun

ebenfalls ganz mit Büchern angefüllt, die ein dürftiger Mensch bewachte, war

lange Jahre hindurch sein eigenes gewesen. Dorthin war er nach der Schule

heimgekehrt, nachdem er einen Spaziergang, wie eben jetzt, gemacht, an jener

Wand hatte sein Tisch gestanden, in dessen Schublade er seine ersten innigen

und hilflosen Verse verwahrt hatte … Der Walnußbaum … Eine stechende

Wehmut durchzuckte ihn. Er blickte seitwärts durchs Fenster hinaus. Der Garten

lag wüst, aber der alte Walnußbaum stand an seinem Platze, schwerfällig

knarrend und rauschend im Winde. Und Tonio Kröger ließ die Augen auf das

Buch zurückgleiten, das er in Händen hielt, ein hervorragendes Dichtwerk und

ihm wohlbekannt. Er blickte auf diese schwarzen Zeilen und Satzgruppen nieder,

folgte eine Strecke dem kunstvollen Fluß des Vortrags, wie er in gestaltender

Leidenschaft sich zu einer Pointe und Wirkung erhob und dann effektvoll

absetzte …

Ja, das ist gut gemacht, sagte er, stellte das Dichtwerk weg und wandte sich.

Da sah er, daß der Beamte noch immer aufrecht stand und mit einem

Mischausdruck von Diensteifer und nachdenklichem Mißtrauen seine Augen

zwinkern ließ.

»Eine ausgezeichnete Sammlung, wie ich sehe,« sagte Tonio Kröger. »Ich

habe schon einen Überblick gewonnen. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Adieu.«

Damit ging er zur Tür hinaus; aber es war ein zweifelhafter Abgang, und er

fühlte deutlich, daß der Beamte, voller Unruhe über diesen Besuch, noch

minutenlang stehen und zwinkern würde.

Er spürte keine Neigung, noch weiter vorzudringen. Er war zu Hause

gewesen. Droben, in den großen Zimmern hinter der Säulenhalle, wohnten

fremde Leute, er sah es; denn der Treppenkopf war durch eine Glastür

verschlossen, die ehemals nicht dagewesen war, und irgend ein Namensschild

war daran. Er ging fort, ging die Treppe hinunter, über die hallende Diele, und

verließ sein Elternhaus. In einem Winkel eines Restaurants nahm er in sich

gekehrt eine schwere und fette Mahlzeit ein und kehrte dann ins Hotel zurück.

»Ich bin fertig,« sagte er zu dem feinen Herrn in Schwarz. »Ich reise heute

nachmittag.« Und er bestellte seine Rechnung, sowie den Wagen, der ihn an den

Hafen bringen sollte, zum Dampfschiff nach Kopenhagen. Dann ging er auf sein

Zimmer und setzte sich an den Tisch, saß still und aufrecht, indem er die Wange

in die Hand stützte und mit blicklosen Augen auf die Tischplatte niedersah.

Später beglich er seine Rechnung und machte seine Sachen bereit. Zur

festgesetzten Zeit ward der Wagen gemeldet, und Tonio Kröger stieg reisefertig

hinab.

Drunten, am Fuße der Treppe, erwartete ihn der feine Herr in Schwarz.

»Um Vergebung!« sagte er und stieß mit den kleinen Fingern seine

Manschetten in die Ärmel zurück … »Verzeihen Sie, mein Herr, daß wir Sie

noch eine Minute in Anspruch nehmen müssen. Herr Seehaase – der Besitzer des

Hotels – ersucht Sie um eine Unterredung von zwei Worten. Eine Formalität …

Er befindet sich dort hinten … Wollen Sie die Güte haben, sich mit mir zu

bemühen … Es ist n u r Herr Seehaase, der Besitzer des Hotels.«

Und er führte Tonio Kröger unter einladendem Gestenspiel in den

Hintergrund des Vestibüls. Dort stand in der Tat Herr Seehaase. Tonio Kröger

kannte ihn von Ansehen aus alter Zeit. Er war klein, fett und krummbeinig. Sein

geschorener Backenbart war weiß geworden; aber noch immer trug er eine weit

ausgeschnittene Frackjacke und dazu ein grün gesticktes Sammetmützchen.

Übrigens war er nicht allein. Bei ihm, an einem kleinen, an der Wand befestigten

Pultbrett, stand, den Helm auf dem Kopf, ein Polizist, welcher seine

behandschuhte Rechte auf einem bunt beschriebenen Papier ruhen ließ, das vor

ihm auf dem Pulte lag, und Tonio Kröger mit seinem ehrlichen Soldatengesicht

so entgegensah, als erwartete er, daß dieser bei seinem Anblick in den Boden

versinken müsse.

Tonio Kröger blickte von Einem zum Andern und verlegte sich aufs Warten.

»Sie kommen von München?« fragte endlich der Polizist mit einer

gutmütigen und schwerfälligen Stimme.

Tonio Kröger bejahte dies.

»Sie reisen nach Kopenhagen?«

»Ja, ich bin auf der Reise in ein dänisches Seebad.«

»Seebad? – Ja, Sie müssen mal Ihre Papiere vorweisen,« sagte der Polizist,

indem er das letzte Wort mit besonderer Genugtuung aussprach.

»Papiere …« Er hatte keine Papiere. Er zog seine Brieftasche hervor und

blickte hinein; aber es befand sich außer einigen Geldscheinen nichts darin als

die Korrektur einer Novelle, die er an seinem Reiseziel zu erledigen gedachte. Er

verkehrte nicht gern mit Beamten und hatte sich noch niemals einen Paß

ausstellen lassen …

»Es tut mir leid,« sagte er, »aber ich führe keine Papiere bei mir.«

»So?« sagte der Polizist … »Gar keine? – Wie ist Ihr Name?«

Tonio Kröger antwortete ihm.

»Ist das auch wahr?!« fragte der Polizist, reckte sich auf und öffnete plötzlich

seine Nasenlöcher, so weit er konnte …

»Vollkommen wahr,« antwortete Tonio Kröger.

»Was sind Sie denn?«

Tonio Kröger schluckte hinunter und nannte mit fester Stimme sein

Gewerbe. – Herr Seehaase hob den Kopf und sah neugierig in sein Gesicht

empor.

»Hm!« sagte der Polizist. »Und Sie geben an, nicht identisch zu sein mit

einem Individium namens –« Er sagte »Individium« und buchstabierte dann aus

dem buntbeschriebenen Papier einen ganz verzwickten und romantischen Namen

zusammen, der aus den Lauten verschiedener Rassen abenteuerlich gemischt

erschien und den Tonio Kröger im nächsten Augenblick wieder vergessen hatte.

»– Welcher,« fuhr er fort, »von unbekannten Eltern und unbestimmter

Zuständigkeit wegen verschiedener Betrügereien und anderer Vergehen von der

Münchener Polizei verfolgt wird und sich wahrscheinlich auf der Flucht nach

Dänemark befindet?«

»Ich gebe das nicht nur an«, sagte Tonio Kröger und machte eine nervöse

Bewegung mit den Schultern. – Dies rief einen gewissen Eindruck hervor.

»Wie? Ach so, na gewiß!« sagte der Polizist. »Aber daß Sie auch gar nichts

vorweisen können!«

Auch Herr Seehaase legte sich beschwichtigend ins Mittel.

»Das Ganze ist eine Formalität,« sagte er, »nichts weiter! Sie müssen

bedenken, daß der Beamte nur seine Schuldigkeit tut. Wenn Sie sich irgendwie

legitimieren könnten … Ein Papier …«

Alle schwiegen. Sollte er der Sache ein Ende machen, indem er sich zu erkennen gab, indem er Herrn Seehaase eröffnete, daß er kein Hochstapler von

unbestimmter Zuständigkeit sei, von Geburt kein Zigeuner im grünen Wagen,

sondern der Sohn Konsul Krögers, aus der Familie der Kröger? Nein, er hatte

keine Lust dazu. Und waren diese Männer der bürgerlichen Ordnung nicht im

Grunde ein wenig im Recht? Gewissermaßen war er ganz einverstanden mit

ihnen … Er zuckte die Achseln und blieb stumm.

»Was haben Sie denn da?« fragte der Polizist. »Da, in dem Porteföhch?«

»Hier? Nichts. Es ist eine Korrektur,« antwortete Tonio Kröger.

»Korrektur? Wieso? Lassen Sie mal sehen.«

Und Tonio Kröger überreichte ihm seine Arbeit. Der Polizist breitete sie auf

der Pultplatte aus und begann darin zu lesen. Auch Herr Seehaase trat näher

herzu und beteiligte sich an der Lektüre. Tonio Kröger blickte ihnen über die

Schultern und beobachtete, bei welcher Stelle sie seien. Es war ein guter

Moment, eine Pointe und Wirkung, die er vortrefflich herausgearbeitet hatte. Er

war zufrieden mit sich.

»Sehen Sie!« sagte er. »Da steht mein Name. Ich habe dies geschrieben, und

nun wird es veröffentlicht, verstehen Sie.«

»Nun, das genügt!« sagte Herr Seehaase mit Entschluß, raffte die Blätter

zusammen, faltete sie und gab sie ihm zurück. »Das muß genügen, Petersen!«

wiederholte er kurz, indem er verstohlen die Augen schloß und abwinkend den

Kopf schüttelte. »Wir dürfen den Herrn nicht länger aufhalten. Der Wagen

wartet. Ich bitte sehr, die kleine Störung zu entschuldigen, mein Herr. Der

Beamte hat ja nur seine Pflicht getan, aber ich sagte ihm sofort, daß er auf

falscher Fährte sei …«

So? dachte Tonio Kröger.

Der Polizist schien nicht ganz einverstanden; er wandte noch etwas ein von

›Individium‹ und ›vorweisen‹. Aber Herr Seehaase führte seinen Gast unter

wiederholten Ausdrücken des Bedauerns durch das Vestibül zurück, geleitete ihn

zwischen den beiden Löwen hindurch zum Wagen und schloß selbst unter

Achtungsbezeugungen den Schlag hinter ihm. Und dann rollte die lächerlich

hohe und breite Droschke stolpernd, klirrend und lärmend die steilen Gassen

hinab zum Hafen …

Dies war Tonio Krögers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt.