Tonio Kröger

Thomas Mann · Kapitel 8 von 12

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Tonio Kröger

Kapitel 7

 

Die Nacht fiel ein, und mit einem schwimmenden Silberglanz stieg schon der

Mond empor, als Tonio Krögers Schiff die offene See gewann. Er stand am

Bugspriet, in seinen Mantel gehüllt vor dem Winde, der mehr und mehr

erstarkte, und blickte hinab in das dunkle Wandern und Treiben der starken,

glatten Wellenleiber dort unten, die umeinander schwankten, sich klatschend

begegneten, in unerwarteten Richtungen auseinanderschossen und plötzlich

schaumig aufleuchteten …

 

NACH DAENEMARK

 

Eine schaukelnde und still entzückte Stimmung erfüllte ihn. Er war ein

wenig niedergeschlagen gewesen, daß man ihn daheim als Hochstapler hatte

verhaften wollen, ja, – obgleich er es gewissermaßen in der Ordnung gefunden

hatte. Aber dann, nachdem er sich eingeschifft, hatte er, wie als Knabe zuweilen

mit seinem Vater, dem Verladen der Waren zugesehen, mit denen man, unter

Rufen, die ein Gemisch aus Dänisch und Plattdeutsch waren, den tiefen Bauch

des Dampfers füllte, hatte gesehen, wie man außer den Ballen und Kisten auch

einen Eisbären und einen Königstiger in dick vergitterten Käfigen hinabließ, die

wohl von Hamburg kamen und für eine dänische Menagerie bestimmt waren;

und dies hatte ihn zerstreut. Während dann das Schiff zwischen den flachen

Ufern den Fluß entlang glitt, hatte er Polizist Petersens Verhör ganz und gar

vergessen; und alles, was vorher gewesen war, seine süßen, traurigen und

reuigen Träume der Nacht, der Spaziergang, den er gemacht, der Anblick des

Walnußbaumes, war wieder in seiner Seele stark geworden. Und nun, da das

Meer sich öffnete, sah er von fern den Strand, an dem er als Knabe die

sommerlichen Träume des Meeres hatte belauschen dürfen, sah die Glut des

Leuchtturms und die Lichter des Kurhauses, darin er mit seinen Eltern gewohnt

… Die Ostsee! Er lehnte den Kopf gegen den starken Salzwind, der frei und

ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhüllte und einen gelinden Schwindel, eine gedämpfte Betäubung hervorrief, in der die Erinnerung an alles Böse, an

Qual und Irrsal, an Wollen und Mühen träge und selig unterging. Und in dem

Sausen, Klatschen, Schäumen und Ächzen rings um ihn her glaubte er das

Rauschen und Knarren des alten Walnußbaumes, das Kreischen einer

Gartenpforte zu hören … Es dunkelte mehr und mehr.

 

»Die Sderne, Gott, sehen Sie doch bloß die Sderne an,« sagte plötzlich mit

schwerfällig singender Betonung eine Stimme, die aus dem Innern einer Tonne

zu kommen schien. Er kannte sie schon. Sie gehörte einem rotblonden und

schlicht gekleideten Mann mit geröteten Augenlidern und einem feuchtkalten

Aussehen, als habe er soeben gebadet. Beim Abendessen in der Kajüte war er

Tonio Krögers Nachbar gewesen und hatte mit zagen und bescheidenen

Bewegungen erstaunliche Mengen von Hummer-Omelette zu sich genommen.

Nun lehnte er neben ihm an der Brüstung und blickte zum Himmel empor, indem

er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger erfaßt hielt. Ohne Zweifel befand er

sich in einer jener außerordentlichen und festlich-beschaulichen Stimmungen, in

denen die Schranken zwischen den Menschen dahinsinken, in denen das Herz

auch Fremden sich öffnet und der Mund Dinge spricht, vor denen er sich sonst

schamhaft verschließen würde …

»Sehen Sie, Herr, doch bloß die Sderne an. Da sdehen sie und glitzern, es ist,

weiß Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt' ich Sie, wenn man hinaufsieht

und bedenkt, daß viele davon doch hundertmal größer sein sollen als die Erde,

wie wird einem da zu Sinn? Wir Menschen haben den Telegraphen erfunden und

das Telephon und so viele Errungenschaften der Neuzeit, ja, das haben wir. Aber

wenn wir da hinaufsehen, so müssen wir doch erkennen und versdehen, daß wir

im Grunde Gewürm sind, elendes Gewürm und nichts weiter, – hab' ich recht

oder unrecht, Herr? Ja, wir sind Gewürm!« antwortete er sich selbst und nickte

demütig und zerknirscht zum Firmament empor.

Au … nein, der hat keine Literatur im Leibe! dachte Tonio Kröger. Und

alsbald fiel ihm etwas ein, was er kürzlich gelesen hatte, der Aufsatz eines

berühmten französischen Schriftstellers über kosmologische und psychologische

Weltanschauung; es war ein recht feines Geschwätz gewesen.

Er gab dem jungen Mann etwas wie eine Antwort auf seine tief erlebte

Bemerkung, und dann fuhren sie fort, miteinander zu sprechen, indem sie, über

die Brüstung gelehnt, in den unruhig erhellten, bewegten Abend hinausblickten.

Es erwies sich, daß der Reisegefährte ein junger Kaufmann aus Hamburg war, der seinen Urlaub zu dieser Vergnügungsfahrt benutzte …

»Sollst,« sagte er, »ein bißchen mit dem steamer nach Kopenhagen fahren,

denk' ich, und da sdeh ich nun, und es ist ja so weit ganz schön. Aber das mit

den Hummer-Omeletten, das war nicht richtig, Herr, das sollen Sie sehn, denn

die Nacht wird sdürmisch, das hat der Kapitän selbst gesagt, und mit so einem

unbekömmlichen Essen im Magen ist das kein Sbaß …«

Tonio Kröger lauschte all dieser zutunlichen Torheit mit einem heimlichen

und freundschaftlichen Gefühl.

»Ja,« sagte er, »man ißt überhaupt zu schwer hier oben. Das macht faul und

wehmütig.«

»Wehmütig?« wiederholte der junge Mann und betrachtete ihn verdutzt …

»Sie sind wohl fremd hier, Herr?« fragte er plötzlich …

»Ach ja, ich komme weit her!« antwortete Tonio Kröger mit einer vagen und

abwehrenden Armbewegung.

»Aber Sie haben recht,« sagte der junge Mann; »Sie haben, weiß Gott, recht

in dem, was Sie von wehmütig sagen! Ich bin fast immer wehmütig, aber

besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel sdehn.«

Und er stützte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.

Sicherlich schreibt er Verse, dachte Tonio Kröger, tief ehrlich empfundene

Kaufmannsverse …

Der Abend rückte vor, und der Wind war nun so heftig geworden, daß er das

Sprechen behinderte. So beschlossen sie, ein wenig zu schlafen, und wünschten

einander gute Nacht.

Tonio Kröger streckte sich in seiner Koje auf der schmalen Bettstatt aus, aber

er fand keine Ruhe. Der strenge Wind und sein herbes Arom hatten ihn seltsam

erregt, und sein Herz war unruhig wie in ängstlicher Erwartung von etwas

Süßem. Auch verursachte die Erschütterung, welche entstand, wenn das Schiff

einen steilen Wogenberg hinabglitt und die Schraube wie im Krampf außerhalb

des Wassers arbeitete, ihm arge Übelkeit. Er kleidete sich wieder vollends an und

stieg ins Freie hinauf.

Wolken jagten am Monde vorbei. Das Meer tanzte. Nicht runde und

gleichmäßige Wellen kamen in Ordnung daher, sondern weithin, in bleichem und

flackerndem Licht, war die See zerrissen, zerpeitscht, zerwühlt, leckte und

sprang in spitzen, flammenartigen Riesenzungen empor, warf neben

schaumerfüllten Klüften zackige und unwahrscheinliche Gebilde auf und schien

mit der Kraft ungeheurer Arme in tollem Spiel den Gischt in alle Lüfte zu

schleudern. Das Schiff hatte schwere Fahrt; stampfend, schlenkernd und ächzend arbeitete es sich durch den Tumult, und manchmal hörte man den Eisbären und

den Tiger, die unter dem Seegang litten, in seinem Innern brüllen. Ein Mann im

Wachstuchmantel, die Kapuze überm Kopf und eine Laterne um den Leib

geschnallt, ging breitbeinig und mühsam balancierend auf dem Verdecke hin und

her. Aber dort hinten stand, tief über Bord gebeugt, der junge Mann aus

Hamburg und ließ es sich schlecht ergehen. »Gott,« sagte er mit hohler und

wankender Stimme, als er Tonio Kröger gewahrte, »sehen Sie doch bloß den

Aufruhr der Elemente, Herr!« Aber dann wurde er unterbrochen und wandte sich

eilig ab.

Tonio Kröger hielt sich an irgend einem gestrafften Tau und blickte hinaus in

all den unbändigen Übermut. In ihm schwang sich ein Jauchzen auf, und ihm

war, als sei es mächtig genug, um Sturm und Flut zu übertönen. Ein Sang an das

Meer, begeistert von Liebe, tönte in ihm. Du meiner Jugend wilder Freund, so

sind wir einmal noch vereint … Aber dann war das Gedicht zu Ende. Es ward

nicht fertig, nicht rund geformt und nicht in Gelassenheit zu etwas Ganzem

geschmiedet. Sein Herz lebte …

Lange stand er so; dann streckte er sich auf einer Bank am Kajütenhäuschen

aus und blickte zum Himmel hinauf, an dem die Sterne flackerten. Er

schlummerte sogar ein wenig. Und wenn der kalte Schaum in sein Gesicht

spritzte, so war es ihm im Halbschlaf wie eine Liebkosung.

Senkrechte Kreidefelsen, gespenstisch im Mondschein, kamen in Sicht und

näherten sich; das war Möen, die Insel. Und wieder trat Schlummer dazwischen,

unterbrochen von salzigen Sprühschauern, die scharf ins Gesicht bissen und die

Züge erstarren ließen … Als er völlig wach wurde, war es schon Tag, ein

hellgrauer, frischer Tag, und die grüne See ging ruhiger. Beim Frühstück sah er

den jungen Kaufmann wieder, der heftig errötete, wahrscheinlich vor Scham, im

Dunkeln so poetische und blamable Dinge geäußert zu haben, mit allen fünf

Fingern seinen kleinen rötlichen Schnurrbart emporstrich und ihm einen

soldatisch scharfen Morgengruß zurief, um ihn dann ängstlich zu meiden.

Und Tonio Kröger landete in Dänemark. Er hielt Ankunft in Kopenhagen,

gab Trinkgeld an jeden, der sich die Miene gab, als hätte er Anspruch darauf,

durchwanderte von seinem Hotelzimmer aus drei Tage lang die Stadt, indem er

sein Reisebüchlein aufgeschlagen vor sich her trug, und benahm sich ganz wie

ein besserer Fremder, der seine Kenntnisse zu bereichern wünscht. Er betrachtete

des Königs Neumarkt und das »Pferd« in seiner Mitte, blickte achtungsvoll an

den Säulen der Frauenkirche empor, stand lange vor Thorwaldsens edlen und

lieblichen Bildwerken, stieg auf den Runden Turm, besichtigte Schlösser und verbrachte zwei bunte Abende im Tivoli. Aber es war nicht so recht eigentlich

all dies, was er sah.

An den Häusern, die oft ganz das Aussehen der alten Häuser seiner

Vaterstadt mit geschwungenen, durchbrochenen Giebeln hatten, sah er Namen,

die ihm aus alten Tagen bekannt waren, die ihm etwas Zartes und Köstliches zu

bezeichnen schienen, und bei alldem etwas wie Vorwurf, Klage und Sehnsucht

nach Verlorenem in sich schlossen. Und allerwegen, indes er in verlangsamten,

nachdenklichen Zügen die feuchte Seeluft atmete, sah er Augen, die so blau,

Haare, die so blond, Gesichter, die von eben der Art waren, wie er sie in den

seltsam wehen und reuigen Träumen der Nacht geschaut, die er in seiner

Vaterstadt verbracht hatte. Es konnte geschehen, daß auf offener Straße ein

Blick, ein klingendes Wort, ein Auflachen ihn ins Innerste traf …

Es litt ihn nicht lange in der munteren Stadt. Eine Unruhe, süß und töricht,

Erinnerung halb und halb Erwartung, bewegte ihn, zusammen mit dem

Verlangen, irgendwo still am Strande liegen zu dürfen und nicht den

angelegentlich sich umtuenden Touristen spielen zu müssen. So schiffte er sich

aufs neue ein und fuhr an einem trüben Tage (die See ging schwarz) nordwärts

die Küste von Seeland entlang gen Helsingör. Von dort setzte er seine Reise

unverzüglich zu Wagen auf dem Chausseewege fort, noch drei Viertelstunden

lang, immer ein wenig oberhalb des Meeres, bis er an seinem letzten und

eigentlichen Ziele hielt, dem kleinen weißen Badehotel mit grünen Fensterläden,

das inmitten einer Siedelung niedriger Häuschen stand und mit seinem

holzgedeckten Turm auf den Sund und die schwedische Küste hinausblickte.

Hier stieg er ab, nahm Besitz von dem hellen Zimmer, das man ihm bereit

gehalten, füllte Bord und Spind mit dem, was er mit sich führte, und schickte

sich an, hier eine Weile zu leben.