Tonio Kröger
Kapitel 9
Tonio Kröger saß im Norden und schrieb an Lisaweta Iwanowna, seine
Freundin, wie er es ihr versprochen hatte.
Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohin ich bald zurückkehren werde,
schrieb er. Hier ist nun also so etwas wie ein Brief, aber er wird Sie wohl
enttäuschen, denn ich denke, ihn ein wenig allgemein zu halten. Nicht, daß ich
so gar nichts zu erzählen, auf meine Weise nicht dies und das erlebt hätte. Zu
Hause, in meiner Vaterstadt, wollte man mich sogar verhaften … aber davon
sollen Sie mündlich hören. Ich habe jetzt manchmal Tage, an denen ich es
vorziehe, auf gute Art etwas allgemeines zu sagen, anstatt Geschichten zu
erzählen.
Wissen Sie wohl noch, Lisaweta, daß Sie mich einmal einen Bürger, einen
verirrten Bürger nannten? Sie nannten mich so in einer Stunde, da ich Ihnen,
verführt durch andere Geständnisse, die ich mir vorher hatte entschlüpfen lassen,
meine Liebe zu dem gestand, was ich das Leben nenne; und ich frage mich, ob
Sie wohl wußten, wie sehr Sie damit die Wahrheit trafen, wie sehr mein
Bürgertum und meine Liebe zum »Leben« eins und dasselbe sind. Diese Reise
hat mir Veranlassung gegeben, darüber nachzudenken …
Mein Vater, wissen Sie, war ein nordisches Temperament: betrachtsam,
gründlich, korrekt aus Puritanismus und zur Wehmut geneigt; meine Mutter von
unbestimmt exotischem Blut, schön, sinnlich, naiv, zugleich fahrlässig und
leidenschaftlich und von einer impulsiven Liederlichkeit. Ganz ohne Zweifel
war dies eine Mischung, die außerordentliche Möglichkeiten – und
außerordentliche Gefahren in sich schloß. Was herauskam, war dies: ein Bürger,
der sich in die Kunst verirrte, ein Bohemien mit Heimweh nach der guten
Kinderstube, ein Künstler mit schlechtem Gewissen. Denn mein bürgerliches
Gewissen ist es ja, was mich in allem Künstlertum, aller Außerordentlichkeit
und allem Genie etwas tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes
erblicken läßt, was mich mit dieser verliebten Schwäche für das Simple,
Treuherzige und Angenehm-Normale, das Ungeniale und Anständige erfüllt.
Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge
dessen ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger sind versucht, mich zu verhaften … ich weiß nicht, was von beidem mich
bitterer kränkt. Die Bürger sind dumm: ihr Anbeter der Schönheit aber, die ihr
mich phlegmatisch und ohne Sehnsucht heißt, solltet bedenken, daß es ein
Künstlertum gibt, so tief, so von Anbeginn und Schicksals wegen, daß keine
Sehnsucht ihm süßer und empfindenswerter erscheint als die nach den Wonnen
der Gewöhnlichkeit.
Ich bewundere die Stolzen und Kalten, die auf den Pfaden der großen, der
dämonischen Schönheit abenteuern und den »Menschen« verachten, – aber ich
beneide sie nicht. Denn wenn irgend etwas imstande ist, aus einem Literaten
einen Dichter zu machen, so ist es diese meine Bürgerliebe zum Menschlichen,
Lebendigen und Gewöhnlichen. Alle Wärme, alle Güte, aller Humor kommt aus
ihr, und fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe selbst, von der geschrieben
steht, daß Einer mit Menschen- und Engelszungen reden könnte und ohne sie
doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle sei.
Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde
Besseres machen, Lisaweta, – dies ist ein Versprechen. Während ich schreibe,
rauscht das Meer zu mir herauf, und ich schließe die Augen. Ich schaue in eine
ungeborene und schemenhafte Welt hinein, die geordnet und gebildet sein will,
ich sehe in ein Gewimmel von Schatten menschlicher Gestalten, die mir winken,
daß ich sie banne und erlöse: tragische und lächerliche und solche, die beides
zugleich sind, – und diesen bin ich sehr zugetan. Aber meine tiefste und
verstohlenste Liebe gehört den Blonden und Blauäugigen, den hellen
Lebendigen, den Glücklichen, Liebenswürdigen und Gewöhnlichen.
Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar. Sehnsucht
ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine
ganze keusche Seligkeit.
FINIS