Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 9 von 16

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Brennendes Geheimnis

Schweigen

S c h w e i g e n

 

E dgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, klares Gefühl:

Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß war, ihnen im Weg zu sein, wurde

das Zusammensein für ihn zu einer grausam komplizierten Wollust. Er weidete

sich im Gedanken, sie zu stören, ihnen nun endlich mit der ganzen geballten

Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten. Dem Baron wies er zuerst die

Zähne. Als der morgens herabkam und ihn im Vorübergehen herzlich mit einem

„Servus, Edi“ begrüßte, knurrte Edgar, der, ohne aufzuschauen, im Fauteuil

sitzen blieb, ihm nur ein hartes „Morgen“ zurück. „Ist die Mama schon unten?“

Edgar blickte in die Zeitung: „Ich weiß nicht.“ Der Baron stutzte. Was war das

auf einmal? „Schlecht geschlafen, Edi, was?“ Ein Scherz sollte wie immer

hinüberhelfen. Aber Edgar warf ihm nur wieder verächtlich ein „Nein“ hin und

vertiefte sich neuerdings in die Zeitung. „Dummer Bub“, murmelte der Baron

vor sich hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft war erklärt.

 

Auch gegen seine Mama war Edgar kühl und höflich. Einen ungeschickten

Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er ruhig zurück. Sein

Lächeln, knapp an den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung gekräuselt,

zeigte, daß er sich nicht mehr betrügen lasse. „Ich gehe lieber mit euch

spazieren, Mama“, sagte er mit falscher Freundlichkeit und blickte ihr in die

Augen. Die Antwort war ihr sichtlich ungelegen. Sie zögerte und schien etwas

zu suchen. „Warte hier auf mich“, entschied sie endlich und ging zum Frühstück.

 

Edgar wartete. Aber sein Mißtrauen war rege. Ein unruhiger Instinkt arbeitete

nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime feindselige Absicht

heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal eine merkwürdige Hellsichtigkeit

der Entschlüsse. Und statt, wie ihm angewiesen war, in der Hall zu warten, zog

Edgar es vor, sich auf der Straße zu postieren, wo er nicht nur den einen

Hauptausgang, sondern alle Türen überwachen konnte. Irgend etwas in ihm

witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht mehr entwischen. Auf der Straße

drückte er sich, wie er es in seinen Indianerbüchern gelernt hatte, hinter einen

Holzstoß. Und lachte nur zufrieden, als er nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatsächlich aus der Seitentür treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen

in der Hand und gefolgt vom Baron, dem Verräter.

 

Beide schienen sie sehr übermütig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen zu

sein, allein für ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespräch und schickten sich an,

den Waldweg hinabzugehen.

 

Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemächlich, als hätte

ein Zufall ihn hergeführt, hinter dem Holzstoß hervor. Ganz, ganz gelassen ging

er auf sie zu, ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, um sich ausgiebig an ihrer

Überraschung zu weiden. Die beiden waren verblüfft und tauschten einen

befremdeten Blick. Langsam, mit gespielter Selbstverständlichkeit kam das Kind

heran und ließ seinen höhnischen Blick nicht von ihnen. „Ah, da bist du, Edi, wir

haben dich schon drin gesucht“, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lügt,

dachte das Kind. Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis des

Hasses hinter den Zähnen.

 

Unschlüssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. „Also gehen

wir“, sagte resigniert die verärgerte Frau und zerpflückte eine der schönen

Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflügel, das bei ihr Zorn

verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts an, sah ins Blaue, wartete,

bis sie gingen, dann schickte er sich an, ihnen zu folgen. Der Baron machte noch

einen Versuch. „Heute ist Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?“

Edgar blickte ihn nur verächtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur

die Lippen krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. Sein Haß

wies die blanken Zähne.

 

Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden. Sträflinge

gehen so hinter dem Wärter, mit heimlich geballten Fäusten. Das Kind tat

eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch in jeder Minute mehr unerträglich

mit seinen lauernden Blicken, die feucht waren von verbissenen Tränen, seiner

gereizten Mürrischkeit, die alle Annäherungsversuche wegknurrte. „Geh

voraus“, sagte plötzlich wütend die Mutter, beunruhigt durch sein fortwährendes

Lauschen. „Tanz mir nicht immer vor den Füßen, das macht mich nervös!“

Edgar gehorchte, aber immer nach ein paar Schritten wandte er sich um, blieb

wartend stehen, wenn sie zurückgeblieben waren, sie mit seinem Blick wie der

schwarze Pudel mephistophelisch umkreisend und einspinnend in dieses feurige

Netz von Haß, in dem sie sich unentrinnbar gefangen fühlten.

 

Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein Blick vergällte ihnen das Gespräch. Der Baron wagte kein einziges werbendes Wort mehr, er

spürte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder entgleiten, ihre mühsam angefachte

Leidenschaftlichkeit jetzt auskühlen in der Furcht vor diesem lästigen,

widerlichen Kind. Immer versuchten sie wieder zu reden, immer brach ihre

Konversation zusammen. Schließlich trotteten sie alle drei schweigend über den

Weg, hörten nur mehr die Bäume flüsternd gegeneinander schlagen und ihren

eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind hatte ihr Gespräch erdrosselt.

 

Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust spürte das

verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine mißachtete Existenz

ballte. Mit zwinkernd höhnischem Blick streifte er ab und zu das verbissene

Gesicht des Barons. Er sah, wie der zwischen den Zähnen Schimpfworte

knirschte und an sich halten mußte, um sie nicht gegen ihn zu speien, merkte

zugleich auch mit diabolischer Lust den aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und

daß beide nur einen Anlaß ersehnten, sich auf ihn zu stürzen, ihn wegzuschieben

oder unschädlich zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, sein Haß war in

langen Stunden berechnet und gab sich keine Blößen. „Gehen wir zurück!“ sagte

plötzlich die Mutter. Sie fühlte, daß sie nicht länger an sich halten könnte, daß

sie etwas tun müßte, aufschreien zumindest unter dieser Folter. „Wie schade,“

sagte Edgar ruhig, „es ist so schön.“

 

Beide merkten, daß das Kind sie verhöhnte. Aber sie wagten nichts zu sagen,

dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, sich zu beherrschen.

Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende Ironie. Ohne Wort gingen sie

den langen Weg wieder heim. In ihr flackerte die Erregung noch nach, als sie

dann beide allein im Zimmer waren. Sie warf den Sonnenschirm und ihre

Handschuhe ärgerlich weg. Edgar merkte sofort, daß ihre Nerven erregt waren

und nach Entladung verlangten, aber er wollte einen Ausbruch und blieb mit

Absicht im Zimmer, um sie zu reizen. Sie ging auf und ab, setzte sich wieder

hin, ihre Finger trommelten auf dem Tisch, dann sprang sie wieder auf. „Wie

zerrauft du bist, wie schmutzig du umhergehst! Es ist eine Schande vor den

Leuten. Schämst du dich nicht in deinem Alter?“ Ohne ein Wort der Gegenrede

ging das Kind hin und kämmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte

Schweigen mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am

liebsten hätte sie ihn geprügelt. „Geh auf dein Zimmer“, schrie sie ihn an. Sie

konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar lächelte und ging.

 

Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron und sie, vor

jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig harten Griff seiner Augen!

Je unbehaglicher sie sich fühlten, in um so satterem Wohlbehagen beglänzte sich sein Blick, um so herausfordernder wurde seine Freude. Edgar quälte die

Wehrlosen jetzt mit der ganzen, fast noch tierischen Grausamkeit der Kinder.

Der Baron konnte seinen Zorn noch dämmen, weil er immer hoffte, dem Buben

noch einen Streich spielen zu können, und nur an sein Ziel dachte. Aber sie, die

Mutter, verlor immer wieder die Beherrschung. Für sie war es eine

Erleichterung, ihn anschreien zu können. „Spiel nicht mit der Gabel“, fuhr sie

ihn bei Tisch an. „Du bist ein unerzogener Fratz, verdienst noch gar nicht unter

Erwachsenen zu sitzen.“ Edgar lächelte nur immer, lächelte, den Kopf ein wenig

schief zur Seite gelegt. Er wußte, daß dieses Schreien Verzweiflung war, und

empfand Stolz, daß sie sich so verrieten. Er hatte jetzt einen ganz ruhigen Blick,

wie den eines Arztes. Früher wäre er vielleicht boshaft gewesen, um sie zu

ärgern, aber man lernt viel und rasch im Haß. Jetzt schwieg er nur, schwieg und

schwieg, bis sie zu schreien begann unter dem Druck seines Schweigens.

 

Seine Mutter konnte es nicht länger ertragen. Als sie jetzt vom Essen aufstanden

und Edgar wieder mit dieser selbstverständlichen Anhänglichkeit ihnen folgen

wollte, brach es plötzlich los aus ihr. Sie vergaß alle Rücksicht und spie die

Wahrheit aus. Gepeinigt von seiner schleichenden Gegenwart, bäumte sie sich

wie ein von Fliegen gefoltertes Pferd. „Was rennst du mir immer nach wie ein

dreijähriges Kind. Ich will dich nicht immer in der Nähe haben. Kinder gehören

nicht zu Erwachsenen. Merk dir das! Beschäftige dich doch einmal eine Stunde

mit dir selbst. Lies etwas oder tu, was du willst. Laß mich in Ruh! Du machst

mich nervös mit deinem Herumschleichen, deiner widerlichen Verdrossenheit.“

 

Endlich hatte er es ihr entrissen, das Geständnis! Edgar lächelte, während der

Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich ab und wollte weiter,

wütend über sich selbst, daß sie ihr Unbehagen dem Kind eingestanden hatte.

Aber Edgar sagte nur kühl: „Papa will nicht, daß ich allein hier herumgehe. Papa

hat mir das Versprechen abgenommen, daß ich nicht unvorsichtig bin und bei dir

bleibe.“

 

Er betonte das Wort „Papa“, weil er damals bemerkt hatte, daß es eine gewisse

lähmende Wirkung auf die beiden übte. Auch sein Vater mußte also irgendwie

verstrickt sein in dieses heiße Geheimnis. Papa mußte irgendeine geheime Macht

über die beiden haben, die er nicht kannte, denn schon die Erwähnung seines

Namens schien ihnen Angst und Unbehagen zu bereiten. Auch diesmal

entgegneten sie nichts. Sie streckten die Waffen. Die Mutter ging voran, der

Baron mit ihr. Hinter ihnen kam Edgar, aber nicht demütig wie ein Diener,

sondern hart, streng und unerbittlich wie ein Wächter. Unsichtbar klirrte er mit

der Kette, an der sie rüttelten und die nicht zu zersprengen war. Der Haß hatte seine kindische Kraft gestählt, er, der Unwissende, war stärker als sie beide,

denen das Geheimnis die Hände band.