Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 11 von 16

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Brennendes Geheimnis

Spuren im Mondlicht

S p u r e n i m M o n d l i c h t

 

D er Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht hatte, schloß

die Türe. Hinter ihm knackte das Schloß. Das Kind fuhr wütend auf: das war

offenbar im Auftrag seiner Mutter geschehen, daß man ihn einsperrte wie ein

bösartiges Tier. Finster rang es sich aus ihm.

 

„Was geschieht nun da drunten, während ich hier eingeschlossen bin? Was

mögen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort das Geheime, und

ich muß es versäumen? Oh, dieses Geheimnis, das ich immer und überall spüre,

wenn ich unter Erwachsenen bin, vor dem sie die Türe zuschließen in der Nacht,

das sie in leises Gespräch versenken, trete ich unversehens herein, dieses große

Geheimnis, das mir jetzt seit Tagen nahe ist, hart vor den Händen, und das ich

noch immer nicht greifen kann! Was habe ich nicht schon getan, um es zu

fassen! Ich habe Papa damals Bücher aus dem Schreibtisch gestohlen und sie

gelesen, und alle diese merkwürdigen Dinge waren darin, nur daß ich sie nicht

verstand. Es muß irgendwie ein Siegel daran sein, das erst abzulösen ist, um es

zu finden, vielleicht in mir, vielleicht in den anderen. Ich habe das

Dienstmädchen gefragt, sie gebeten, mir diese Stellen in den Büchern zu

erklären, aber sie hat mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll von Neugier,

und doch niemand fragen zu dürfen, immer lächerlich zu sein vor diesen Großen,

als ob man etwas Dummes oder Nutzloses wäre. Aber ich werde es erfahren, ich

fühle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil ist schon in meinen Händen, und

ich will nicht früher ablassen, ehe ich das Ganze besitze!“

 

Er horchte, ob niemand käme. Ein leichter Wind flog draußen durch die Bäume

und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen dem Geäste in hundert

schwanke Splitter.

 

„Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst hätten sie nicht

solche erbärmliche Lügen gesucht, um mich fortzukriegen. Gewiß, sie lachen

jetzt über mich, die Verfluchten, daß sich mich endlich los sind, aber ich werde

zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen

zu belauschen. Ich weiß, die Großen sind ja immer unvorsichtig, und auch sie

werden sich verraten. Sie glauben immer von uns, daß wir noch ganz klein sind

und abends immer schlafen, sie vergessen, daß man sich auch schlafend stellen

kann und lauschen, daß man sich dumm geben kann und sehr klug sein. Jüngst,

wie meine Tante ein Kind bekam, haben sie es lange vorausgewußt und sich nur

vor mir verwundert gestellt, als seien sie überrascht worden. Aber ich habe es

auch gewußt, denn ich habe sie reden gehört, vor Wochen am Abend, als sie

glaubten, ich schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie überraschen, diese

Niederträchtigen. Oh, wenn ich durch die Türe spähen könnte, sie heimlich jetzt

beobachten, während sie sich sicher wähnen. Sollte ich nicht vielleicht läuten

jetzt, dann käme das Mädchen, sperrte die Tür auf und fragte, was ich wollte.

Oder ich könnte poltern, könnte Geschirr zerschlagen, dann sperrte man auch

auf. Und in dieser Sekunde könnte ich hinausschlüpfen und sie belauschen. Aber

nein, das will ich nicht. Niemand soll sehen, wie niederträchtig sie mich

behandeln. Ich bin zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.“

 

Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das könnte seine

Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verhöhnen, den Kleinen,

Hilflosen, hinter dem man den Schlüssel abdrehte, wenn er lästig war, den man

in den Winkel warf wie ein Bündel nasser Kleider. Vorsichtig beugte er sich zum

Fenster hinaus. Nein, sie war es nicht, sondern fremde, übermütige Mädchen, die

einen Burschen neckten.

 

Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein Fenster

über die Erde erhob. Und schon, kaum daß ers merkte, war der Gedanke da:

hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher wähnten, sie belauschen. Er

fieberte vor Freude über seinen Entschluß. Ihm war, als hielt er damit das große,

das funkelnde Geheimnis der Kindheit in den Händen. „Hinaus, hinaus“, zitterte

es in ihm. Gefahr war keine. Menschen gingen nicht vorüber, und schon sprang

er. Es gab ein leises Geräusch von knirschendem Kies, das keiner vernahm.

 

In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur Lust seines

Lebens geworden. Und Wollust fühlte er jetzt gemengt mit einem leisen Schauer

von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen um das Hotel schlich, sorgsam den stark

ausstrahlenden Widerschein der Lichter vermeidend. Zunächst blickte er, die

Wange vorsichtig an die Scheiben pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter

Platz war leer. Er spähte dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel selbst

wagte er sich nicht hinein, aus Furcht, er könnte ihnen zwischen den Gängen

unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie zu finden. Schon wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus der Türe vorfallen und – er zuckte

zurück und duckte sich in das Dunkel – seine Mutter mit ihrem nun

unvermeidlichen Begleiter heraustreten. Gerade war er also zurecht gekommen.

Was sprachen sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie redeten leise, und der Wind

rumorte zu unruhig in den Bäumen. Jetzt aber zog deutlich ein Lachen vorüber,

die Stimme seiner Mutter. Es war ein Lachen, das er an ihr gar nicht kannte, ein

seltsam scharfes, wie gekitzeltes, gereiztes nervöses Lachen, das ihn fremd

anmutete und vor dem er erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gefährliches

sein, nicht etwas ganz Großes und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg. Edgar

war ein wenig enttäuscht.

 

Aber warum verließen sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein in der Nacht?

Hoch oben mußten mit riesigen Flügeln Winde dahinstreifen, denn der Himmel,

eben noch rein und mondklar, wurde jetzt dunkel. Schwarze Tücher, von

unsichtbaren Händen geworfen, wickelten manchmal den Mond ein, und die

Nacht wurde dann so undurchdringlich, daß man kaum den Weg sehen konnte,

um bald wieder hell zu glänzen, wenn sich der Mond befreite. Silber floß kühl

über die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses Spiel zwischen Licht und

Schatten und aufreizend wie das Spiel einer Frau mit Blöße und Verhüllungen.

Gerade jetzt entkleidete die Landschaft wieder ihren blanken Leib: Edgar sah

schräg über dem Weg die wandelnden Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn

so aneinander gepreßt gingen sie, als drängte sie eine innere Furcht zusammen.

Aber wohin gingen sie jetzt, die beiden? Die Föhren ächzten, es war eine

unheimliche Geschäftigkeit im Wald, als wühlte die wilde Jagd darin. „Ich folge

ihnen,“ dachte Edgar, „sie können meinen Schritt nicht hören in diesem Aufruhr

von Wind und Wald.“ Und er sprang, indes die unten auf der breiten, hellen

Straße gingen, oben im Gehölz von einem Baum zum anderen leise weiter, von

Schatten zu Schatten. Er folgte ihnen zäh und unerbittlich, segnete den Wind, der

seine Schritte unhörbar machte, und verfluchte ihn, weil er ihm immer die Worte

von drüben wegtrug. Nur einmal, wenn er hätte ihr Gespräch hören können, war

er sicher, das Geheimnis zu halten.

 

Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie fühlten sich selig allein in dieser weiten

verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden Erregung. Keine

Ahnung warnte sie, daß oben im vielverzweigten Dunkel jedem ihrer Schritte

gefolgt wurde und zwei Augen sie mit der ganzen Kraft von Haß und Neugier

umkrallt hielten.

 

Plötzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und preßte sich enge an

einen Baum. Ihn befiel eine stürmische Angst. Wie, wenn sie jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er sich nicht retten konnte in sein

Zimmer und die Mutter es leer fand? Dann war alles verloren, dann wußten sie,

daß er sie heimlich belauerte, und er durfte nie mehr hoffen, ihnen das

Geheimnis zu entreißen. Aber die beiden zögerten, offenbar in einer

Meinungsverschiedenheit. Glücklicherweise war Mondlicht, und er konnte alles

deutlich sehen. Der Baron deutete auf einen dunklen schmalen Seitenweg, der in

das Tal hinabführte, wo das Mondlicht nicht wie hier auf der Straße einen weiten

vollen Strom rauschte, sondern nur in Tropfen und seltsamen Strahlen durchs

Dickicht sickerte. „Warum will er dort hinab?“ zuckte es in Edgar. Seine Mutter

schien „nein“ zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte an der

Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach. Angst befiel das

Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter? Warum versuchte er, dieser

Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen? Aus seinen Büchern, die für ihn die Welt

waren, kamen plötzlich lebendige Erinnerungen von Mord und Entführung, von

finsteren Verbrechen. Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er ihn

weggehalten, sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien? Mörder! Der

Ruf saß ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die Lippen waren vertrocknet

und brachten keinen Laut heraus. Seine Nerven spannten sich vor Aufregung,

kaum konnte er sich gerade halten, erschreckt vor Angst griff er nach einem

Halt – da knackte ihm ein Zweig unter den Händen.

 

Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel. Edgar blieb

stumm an den Baum gelehnt mit angepreßten Armen, den kleinen Körper tief in

den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille. Aber doch, sie schienen erschreckt.

„Kehren wir um“, hörte er seine Mutter sagen. Es klang geängstigt von ihren

Lippen. Der Baron, offenbar selbst beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen

langsam und eng aneinander geschmiegt zurück. Ihre innere Befangenheit war

Edgars Glück. Auf allen vieren, ganz unten im Holz, kroch er, die Hände sich

blutig reißend, bis zur Wendung des Waldes, von dort lief er mit aller

Geschwindigkeit, daß ihm der Atem stockte, bis zum Hotel und da mit ein paar

Sprüngen hinauf. Der Schlüssel, der ihn eingesperrt hatte, steckte

glücklicherweise von außen, er drehte ihn um, stürzte ins Zimmer und schon hin

aufs Bett. Ein paar Minuten mußte er rasten, denn das Herz schlug ungestüm an

seine Brust, wie ein Klöppel an die klingende Glockenwand.

 

Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie kamen. Es dauerte

lange. Sie mußten sehr, sehr langsam gegangen sein. Vorsichtig spähte er aus

dem umschatteten Rahmen. Jetzt kamen sie langsam daher, Mondlicht auf den

Kleidern. Gespensterhaft sahen sie aus in diesem grünen Licht, und wieder überfiel ihn das süße Grauen, ob das wirklich ein Mörder sei und welch

furchtbares Geschehen er durch seine Gegenwart verhindert hatte. Deutlich sah

er in die kreidehellen Gesichter. In dem seiner Mutter war ein Ausdruck von

Verzücktheit, den er an ihr nicht kannte, er hingegen schien hart und verdrossen.

Offenbar, weil ihm seine Absicht mißlungen war.

 

Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel lösten sich ihre Gestalten

voneinander. Ob sie heraufsehen würden? Nein, keiner blickte herauf. „Sie

haben mich vergessen“, dachte der Knabe mit einem wilden Ingrimm, mit einem

heimlichen Triumph, „aber ich nicht euch. Ihr denkt wohl, daß ich schlafe oder

nicht auf der Welt bin, aber ihr sollt eueren Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich

euch überwachen, bis ich ihm, dem Schurken, das Geheimnis entrissen habe, das

furchtbare, das mich nicht schlafen läßt. Ich werde euer Bündnis schon

zerreißen. Ich schlafe nicht.“

 

Langsam traten die beiden in die Türe. Und als sie jetzt, einer hinter dem

anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder für eine Sekunde die fallenden

Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand ihr Schatten in die erhellte

Tür. Dann lag der Platz im Mondlicht wieder blank vor dem Hause, wie eine

weite Wiese von Schnee.