Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 14 von 16

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Brennendes Geheimnis

Erste Einsicht

E r s t e E i n s i c h t

 

W eiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mußte sich an einem

Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst und Erregung, so

röchelnd brach ihm der Atem aus der überhetzten Brust. Hinter ihm war das

Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun faßte es seine Kehle und schüttelte ihn

wie im Fieber hin und her. Was sollte er jetzt tun? Wohin fliehen? Denn hier

schon, mitten im nahen Wald, eine Viertelstunde nur vom Haus, wo er wohnte,

befiel ihn das Gefühl der Verlassenheit. Alles schien anders, feindlicher,

gehässiger, seit er allein und ohne Hilfe war. Die Bäume, die gestern ihn noch

brüderlich umrauscht hatten, ballten sich mit einem Male finster wie eine

Drohung. Um wieviel aber mußte all dies, was noch vor ihm war, fremder und

unbekannter sein? Dieses Alleinsein gegen die große, unbekannte Welt machte

das Kind schwindelig. Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein

ertragen. Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er Angst, der

war leicht erregbar, unzugänglich und würde ihn sofort zurückschicken. Zurück

aber wollte er nicht, eher noch in die gefährliche Fremdheit des Unbekannten

hinein; ihm war, als könnte er nie mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu

denken, daß er mit der Faust hineingeschlagen hatte.

 

Da fiel ihm seine Großmutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau, die ihn von

Kindheit an verzärtelt hatte, immer sein Schutz gewesen war, wenn ihm zu

Hause eine Züchtigung, ein Unrecht drohte. Bei ihr in Baden wollte er sich

verstecken, bis der erste Zorn vorüber war, wollte dort einen Brief an die Eltern

schreiben und sich entschuldigen. In dieser Viertelstunde war er schon so

gedemütigt, bloß durch den Gedanken, allein mit seinen unerfahrenen Händen in

der Welt zu stehen, daß er seinen Stolz verwünschte, diesen dummen Stolz, den

ihm ein fremder Mensch mit einer Lüge ins Blut gejagt hatte. Er wollte ja nichts

sein als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig ohne die Anmaßung, deren

lächerliche Übertriebenheit er jetzt fühlte.

 

Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land überfliegen?

Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das er immer bei sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue, goldene Zwanzigkronenstück, das

ihm zum Geburtstag geschenkt worden war. Nie hatte er sich entschließen

können, es auszugeben. Aber fast täglich hatte er nachgesehen, ob es noch da

sei, sich an seinem Anblick geweidet, daran reich gefühlt und dann immer die

Münze in dankbarer Zärtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt, bis sie

funkelte wie eine kleine Sonne. Aber – der jähe Gedanke erschreckte ihn –

würde das genügen? Er war so oft schon in seinem Leben mit der Bahn

gefahren, ohne daran auch nur zu denken, daß man dafür bezahlen mußte oder

schon gar, wieviel das kosten könnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten

Male spürte er, daß es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht hatte,

daß all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den Fingern gehabt

und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem eigenen Wert gefüllt waren,

einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch vor einer Stunde allwissend

dünkte, war, das spürte er jetzt, an tausend Geheimnissen und Fragen achtlos

vorbeigegangen und schämte sich, daß seine arme Weisheit schon über die erste

Stufe ins Leben hinein stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren

seine unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er geträumt von

dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszustürmen, Kaiser zu werden oder

König, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft auf das kleine helle Haus hin,

und dachte nur einzig daran, ob die zwanzig Kronen ausreichen würden, ihn bis

zu seiner Großmutter zu bringen. Die Schienen glänzten weit ins Land hinaus,

der Bahnhof war leer und verlassen. Schüchtern schlich sich Edgar an die Kasse

hin und flüsterte, damit niemand anderer ihn hören könnte, wieviel eine Karte

nach Baden koste. Ein verwundertes Gesicht sah hinter dem dunklen Verschlag

heraus, zwei Augen lächelten hinter den Brillen auf das zaghafte Kind:

 

„Eine ganze Karte?“

 

„Ja“, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es möchte zuviel

kosten.

 

„Sechs Kronen!“

 

„Bitte!“

 

Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte Stück hin, Geld klirrte zurück, und

Edgar fühlte sich mit einem Male wieder unsäglich reich, nun, da er das braune

Stück Pappe in der Hand hatte, das ihm die Freiheit verbürgte, und in seiner

Tasche die gedämpfte Musik von Silber klang.

 

Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan. Edgar drückte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf dem Perron, unbeschäftigt

und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten war, als sähen alle nur ihn an, als

wunderten sich alle, daß so ein Kind schon allein fahre, als wäre ihm die Flucht

und das Verbrechen an die Stirne geheftet. Er atmete auf, als endlich von ferne

der Zug zum ersten Male heulte und dann heranbrauste. Der Zug, der ihn in die

Welt tragen sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte er, daß seine Karte für die

dritte Klasse galt. Bisher war er nur immer erster Klasse gefahren, und wiederum

fühlte er, daß hier etwas verändert sei, daß es Verschiedenheiten gab, die ihm

entgangen waren. Andere Leute hatte er zu Nachbarn wie bisher. Ein paar

italienische Arbeiter mit harten Händen und rauhen Stimmen, Spaten und

Schaufel in den Händen, saßen gerade gegenüber und blickten mit dumpfen,

trostlosen Augen vor sich hin. Sie mußten offenbar schwer am Weg gearbeitet

haben, denn einige von ihnen waren müde und schliefen im ratternden Zug, an

das harte und schmutzige Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten

gearbeitet, um Geld zu verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken,

wieviel es gewesen sein mochte; er fühlte aber wiederum, daß Geld eine Sache

war, die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie erworben werden mußte.

Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewußtsein, daß er eine Atmosphäre von

Wohlbehagen selbstverständlich gewohnt war und daß rechts und links von

seinem Leben Abgründe tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick nie

gerührt hatte. Mit einem Male bemerkte er, daß es Berufe gab und

Bestimmungen, daß rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren, nah zum

Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser einen Stunde, seit er

allein stand, er begann vieles zu sehn aus diesem engen Abteil mit den Fenstern

ins Freie. Und leise begann in seiner dunklen Angst etwas aufzublühen, das noch

nicht Glück war, aber doch schon ein Staunen vor der Mannigfaltigkeit des

Lebens. Er war geflüchtet aus Angst und Feigheit, das empfand er in jeder

Sekunde, aber doch zum ersten Male hatte er selbständig gehandelt, etwas erlebt

von dem Wirklichen, an dem er bisher vorbeigegangen war. Zum ersten Male

war er vielleicht der Mutter und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm

bislang die Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war ihm,

als ob er zum ersten Male alles Wirkliche sähe, als ob ein Schleier von den

Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten, das Innere ihrer Absicht, den

geheimen Nerv ihrer Tätigkeit. Häuser flogen vorbei wie vom Wind

weggerissen, und er mußte an die Menschen denken, die drinnen wohnten, ob sie

reich seien oder arm, glücklich oder unglücklich, ob sie auch die Sehnsucht

hatten wie er, alles zu wissen, und ob vielleicht Kinder dort seien, die auch nur

mit den Dingen bisher gespielt hatten wie er selbst. Die Bahnwächter, die mit

wehenden Fahnen am Weg standen, schienen ihm zum ersten Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes Spielzeug, Dinge, hingestellt von gleichgültigem

Zufall, sondern er verstand, daß das ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das

Leben. Immer rascher rollten die Räder, nun ließen die runden Serpentinen den

Zug zum Tale niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner,

schon war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zurück, da waren sie schon

blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war, als läge dort, wo sie

langsam in dem nebligen Himmel sich lösten, seine eigene Kindheit.