Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 7 von 16

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Brennendes Geheimnis

Geplänkel

G e p l ä n k e l

 

D er Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gefährlich, nach einem

abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige, von schwülen

Träumen gefährdete Nacht ließ es ihn bald bereuen, die Minute nicht mit hartem

Griff gepackt zu haben. Als er morgens, noch von Schlaf und Mißmut umwölkt,

hinunterkam, sprang ihm der Knabe aus einem Versteck entgegen, schloß ihn

begeistert in die Arme und begann ihn mit tausend Fragen zu quälen. Er war

glücklich, seinen großen Freund wieder eine Minute für sich zu haben und nicht

mit der Mama teilen zu müssen. Nur ihm sollte er erzählen, nicht mehr Mama,

bestürmte er ihn, denn die hätte, trotz ihres Versprechens, ihm nichts von all den

wunderbaren Dingen wiedergesagt. Er überschüttete den unangenehm

Aufgeschreckten, der seine Mißlaune nur schlecht verbarg, mit hundert

kindischen Belästigungen. In diese Fragen mengte er überdies stürmische

Bezeugungen seiner Liebe, glückselig, wieder mit dem Langgesuchten und seit

frühmorgens Erwarteten allein zu sein.

 

Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des Kindes, die

Läppischkeit der Fragen, wie überhaupt die unbegehrte Leidenschaft begann ihn

zu langweilen. Er war müde, nun tagaus, tagein mit einem zwölfjährigen Buben

herumzuziehen und mit ihm Unsinn zu schwatzen. Ihm lag jetzt nur daran, die

Mutter allein zu fassen, was eben durch des Kindes unerwünschte Anwesenheit

zum Problem wurde. Ein erstes Unbehagen vor dieser unvorsichtig geweckten

Zärtlichkeit bemächtigte sich seiner, denn vorläufig sah er keine Möglichkeit,

den allzu anhänglichen Freund loszuwerden.

 

Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, die er mit der

Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, ließ er das eifrige Gerede des Buben

achtlos über sich hinplätschern, warf manchmal einen Brocken Gespräch hin, um

ihn nicht zu beleidigen, durchblätterte aber gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als

der Zeiger fast senkrecht stand, bat er Edgar, wie sich plötzlich erinnernd, für ihn

ins andere Hotel bloß einen Augenblick hinüberzugehen, um dort nachzufragen,

ob der Graf Grundheim, sein Vetter, schon angekommen sei.

Das arglose Kind, glückselig, endlich einmal seinem Freund mit etwas dienlich

sein zu können, stolz auf seine Würde als Bote, sprang sofort weg und stürmte so

toll den Weg hin, daß die Leute ihm verwundert nachstarrten. Aber ihm war

gelegen, zu zeigen, wie flink er war, wenn man ihm Botschaften vertraute. Der

Graf war, so sagte man ihm dort, noch nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar nicht

angemeldet. Diese Nachricht brachte er in neuerlichem Sturmschritt zurück.

Aber in der Halle war der Baron nicht mehr zu finden. So klopfte er an seine

Zimmertür, – vergeblich! Beunruhigt rannte er alle Räume ab, das Musikzimmer

und das Kaffeehaus, stürmte aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen

einzuziehen: auch sie war fort. Der Portier, an den er sich schließlich ganz

verzweifelt wandte, sagte ihm zu seiner Verblüffung, sie seien beide vor einigen

Minuten gemeinsam weggegangen!

 

Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Böses. Sie konnten

ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er sicher, denn der Baron

brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit streckte breit ihre Stunden, Unruhe

schlich sich an ihn heran. Überhaupt, seit dem Tage, da sich dieser fremde,

verführerische Mensch in sein kleines, argloses Leben gemengt hatte, war das

Kind den ganzen Tag angespannt, gehetzt und verwirrt. In einen so feinen

Organismus, wie den der Kinder, drückt jede Leidenschaft wie in weiches Wachs

ihre Spuren. Das nervöse Zittern der Augenlider trat wieder auf, schon sah er

blässer aus. Edgar wartete und wartete, geduldig zuerst, dann wild erregt und

schließlich schon dem Weinen nah. Aber argwöhnisch war er noch immer nicht.

Sein blindes Vertrauen in diesen wundervollen Freund vermutete ein

Mißverständnis, und geheime Angst quälte ihn, er möchte vielleicht den Auftrag

falsch verstanden haben.

 

Wie seltsam aber war erst dies, daß sie jetzt, da sie endlich zurückkamen, heiter

plaudernd blieben und gar keine Verwunderung bezeigten. Es schien, als hätten

sie ihn gar nicht sonderlich vermißt: „Wir sind dir entgegengegangen, weil wir

hofften, dich am Weg zu treffen, Edi“, sagte der Baron, ohne sich nach dem

Auftrag zu erkundigen. Und als das Kind, ganz erschrocken, sie könnten ihn

vergebens gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden Wege

der Hochstraße gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung sie gewählt hätten,

da schnitt die Mama kurz das Gespräch ab. „Schon gut, schon gut! Kinder sollen

nicht soviel reden.“

 

Edgar wurde rot vor Ärger. Das war nun schon das zweite Mal so ein

niederträchtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen. Warum tat sie

das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen, das er doch – er war davon überzeugt – nicht mehr war? Offenbar war sie ihm neidisch auf seinen

Freund und plante, ihn zu sich herüberzuziehen. Ja, und sicherlich war sie es

auch, die den Baron mit Absicht den falschen Weg geführt hatte. Aber er ließ

sich nicht von ihr mißhandeln, das sollte sie sehen. Er wollte ihr schon Trotz

bieten. Und Edgar beschloß, heute bei Tisch kein Wort mit ihr zu reden, nur mit

seinem Freund allein.

 

Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, trat ein: man

bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber schienen sie nicht zu sehen, ihn,

der doch gestern Mittelpunkt ihres Beisammenseins gewesen war! Sie sprachen

beide über ihn hinweg, scherzten zusammen und lachten, als ob er unter den

Tisch gesunken wäre. Das Blut stieg ihm zu den Wangen, in der Kehle saß ein

Knollen, der ihm den Atem erwürgte. Mit Schauern wurde er seiner

entsetzlichen Machtlosigkeit bewußt. Er sollte also hier ruhig sitzen und

zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund wegnahm, den einzigen Menschen,

den er liebte, und sollte sich nicht wehren können, nicht anders als durch

Schweigen? Ihm war, als müßte er aufstehen und plötzlich mit beiden Fäusten

auf den Tisch losschlagen. Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich

zusammen, legte bloß Gabel und Messer nieder und rührte keinen Bissen mehr

an. Aber auch dies hartnäckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim letzten

Gang fiel es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht wohl fühle.

Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine, ob ich nicht krank bin,

sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz, er habe keine Lust, und damit gab

sie sich zufrieden. Nichts, gar nichts erzwang ihm Beachtung. Der Baron schien

ihn vergessen zu haben, wenigstens richtete er nicht ein einziges Mal das Wort

an ihn. Heißer und heißer quoll es ihm in die Augen, und er mußte die kindische

List anwenden, rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand sehen konnte, daß

Tränen über seine Wangen sprangen und ihm salzig die Lippen näßten. Er atmete

auf, wie das Essen zu Ende war.

 

Während des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt nach

Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es gehört, die Lippe zwischen den

Zähnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also mehr mit seinem Freunde allein

lassen. Aber sein Haß stieg erst wild auf, als sie ihm jetzt beim Aufstehen sagte:

„Edgar, du wirst noch alles für die Schule vergessen, du solltest doch einmal zu

Hause bleiben, ein bißchen nachlernen!“ Wieder ballte er die kleine Kinderfaust.

Immer wollte sie ihn vor seinem Freund demütigen, immer daran öffentlich

erinnern, daß er noch ein Kind war, daß er in die Schule gehen mußte und nur

geduldet unter Erwachsenen war. Diesmal war ihm die Absicht aber doch zu durchsichtig. Er gab gar keine Antwort, sondern drehte sich kurzweg um.

 

„Aha, wieder beleidigt“, sagte sie lächelnd, und dann zum Baron: „Wäre das

wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten möchte?“

 

Und da – im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr – sagte der Baron, er,

der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker verhöhnt hatte: „Na,

eine Stunde oder zwei könnten wirklich nicht schaden.“

 

War das ein Einverständnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen ihn verbündet?

In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. „Mein Papa hat verboten, daß ich

hier lerne, Papa will, daß ich mich hier erhole“, schleuderte er heraus mit dem

ganzen Stolz auf seine Krankheit, verzweifelt sich an das Wort, an die Autorität

seines Vaters anklammernd. Wie eine Drohung stieß er es heraus. Und was das

merkwürdigste war: das Wort schien tatsächlich in den beiden ein Mißbehagen

zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur nervös mit den Fingern auf

den Tisch. Ein peinliches Schweigen stand breit zwischen ihnen. „Wie du

meinst, Edi“, sagte schließlich der Baron mit einem erzwungenen Lächeln. „Ich

muß ja keine Prüfung machen, ich bin schon längst bei allen durchgefallen.“

 

Aber Edgar lächelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an mit einem

prüfenden, sehnsüchtig eindringenden Blick, als wollte er ihm bis in die Seele

greifen. Was ging da vor? Etwas war verändert zwischen ihnen, und das Kind

wußte nicht warum. Unruhig ließ es die Augen wandern. In seinem Herzen

hämmerte ein kleiner, hastiger Hammer: der erste Verdacht.