Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 15 von 16

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Brennendes Geheimnis

Verwirrende Finsternis

Ve r w i r r e n d e F i n s t e r n i s

 

A ber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf dem Perron

befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die Signale grün und rot in die

Ferne glänzten, verband sich unversehens mit diesem bunten Anblick eine

plötzliche Bangnis vor der nahen Nacht. Bei Tag hatte er sich noch sicher

gefühlt, denn ringsum waren ja Menschen, man konnte sich ausruhen, auf eine

Bank setzen oder vor den Läden in die Fenster starren. Wie aber würde er dies

ertragen können, wenn die Menschen sich wieder in die Häuser verloren, jeder

ein Bett hatte, ein Gespräch und dann eine beruhigte Nacht, während er im

Gefühl seiner Schuld allein herumirren mußte, in einer fremden Einsamkeit. Oh,

nur bald ein Dach über sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem fremden

Himmel stehen, das war sein einziges klares Gefühl.

 

Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links zu blicken,

bis er endlich vor die Villa kam, die seine Großmutter bewohnte. Sie lag schön

an einer breiten Straße, aber nicht frei den Blicken dargeboten, sondern hinter

Ranken und Efeu eines wohlbehüteten Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke

von Grün, ein weißes, altväterisch freundliches Haus. Edgar spähte durch das

Gitter wie ein Fremder. Innen regte sich nichts, die Fenster waren verschlossen,

offenbar waren alle mit Gästen rückwärts im Garten. Schon berührte er die kühle

Klinke, als ein Seltsames geschah: mit einem Male schien ihm das, was er sich

jetzt seit zwei Stunden so leicht, so selbstverständlich gedacht hatte, unmöglich.

Wie sollte er eintreten, wie sie begrüßen, wie diese Fragen ertragen und wie

beantworten? Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er berichten mußte, daß

er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie gar das Ungeheuerliche seiner

Tat erklären, die er selbst schon nicht mehr begriff! Innen ging jetzt eine Tür. Mit

einem Male befiel ihn eine törichte Angst, es möchte jemand kommen, und er

lief weiter, ohne zu wissen wohin.

 

Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine Menschen

vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und endlich, endlich ruhig

denken, ausruhen und über sein Schicksal klar werden. Schüchtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen und gaben den noch jungen Blättern einen

gespenstigen Wasserglanz von durchsichtigem Grün; weiter rückwärts aber, wo

er den Hügel niedersteigen mußte, lag alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze,

gärende Masse in der wirren Finsternis einer verfrühten Frühlingsnacht. Edgar

schlich scheu an den paar Menschen vorbei, die hier unter dem Lichtkreis der

Laternen plaudernd oder lesend saßen: er wollte allein sein. Aber auch droben in

der schattenden Finsternis der unbeleuchteten Gänge war keine Ruhe. Alles war

da erfüllt von einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden, das vielfach

gemischt war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen Blättern, dem

Schlürfen ferner Schritte, dem Flüstern verhaltener Stimmen, mit irgendeinem

wollüstigen, seufzenden, angstvoll stöhnenden Getön, das von Menschen und

Tieren und der unruhig schlafenden Natur gleichzeitig ausgehen mochte. Es war

eine gefährliche Unruhe, eine geduckte, versteckte und beängstigende

rätselhafte, die hier atmete, irgendein unterirdisches Wühlen im Wald, das

vielleicht nur mit dem Frühling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam

verängstigte.

 

Er preßte sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgründige Dunkel und

versuchte nun zu überlegen, was er zu Hause erzählen sollte. Aber die Gedanken

glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen konnte, gegen seinen eigenen Willen

mußte er immer nur lauschen und lauschen auf das gedämpfte Tönen, die

mystischen Stimmen des Dunkels. Wie furchtbar diese Finsternis war, wie

verwirrend und doch wie geheimnisvoll schön! Waren es Tiere oder Menschen

oder nur die gespenstige Hand des Windes, die all dieses Rauschen und Knistern,

dieses Surren und Locken ineinanderwebte? Er lauschte. Es war der Wind, der

unruhig durch die Bäume schlich, aber – jetzt sah er es deutlich – auch

Menschen, verschlungene Paare, die von unten, von der hellen Stadt

heraufkamen und die Finsternis mit ihrer rätselhaften Gegenwart belebten. Was

wollten sie? Er konnte es nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn

er hörte keine Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und hie und

da sah er in der Lichtung ihre Gestalten flüchtig wie Schatten vorüberschweben,

immer aber so in eins verschlungen, wie er damals seine Mutter mit dem Baron

gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das große, funkelnde und verhängnisvolle, es

war also auch hier. Immer näher hörte er jetzt Schritte herankommen und nun

auch ein gedämpftes Lachen. Angst befiel ihn, die Nahenden möchten ihn hier

finden, und noch tiefer ins Dunkel drückte er sich hinein. Aber die beiden, die

jetzt durch die undurchdringliche Finsternis den Weg herauftasteten, sahen ihn

nicht. Verschlungen gingen sie vorbei, schon atmete Edgar auf, da stockte

plötzlich ihr Schritt, knapp vor seiner Bank. Sie preßten die Gesichter aneinander, Edgar konnte nichts deutlich sehen, er hörte nur, wie ein Stöhnen aus

dem Munde der Frau brach, der Mann heiße, wahnsinnige Worte stammelte, und

irgendein schwüles Vorgefühl durchdrang seine Angst mit einem wollüstigen

Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte wieder der Kies unter ihren

weiterwandernden Schritten, die dann bald in der Finsternis verklangen.

 

Edgar schauerte zusammen. Das Blut stürzte ihm jetzt wieder in die Adern

zurück, heißer und wärmer als zuvor. Und mit einem Male fühlte er sich

unerträglich einsam in dieser verwirrenden Finsternis, urmächtig kam das

Bedürfnis über ihn nach irgendeiner befreundeten Stimme, einer Umarmung,

nach einem hellen Zimmer, nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als wäre die

ganze ratlose Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn gesunken und

zersprenge ihm die Brust.

 

Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen, im hellen

Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen. Was konnte ihm denn

geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen, er fürchtete nichts mehr,

seit er dieses Dunkel gespürt hatte und die Angst vor der Einsamkeit.

 

Es trieb ihn vorwärts, ohne daß er sich spürte, und plötzlich stand er neuerdings

vor der Villa, die Hand wieder an der kühlen Klinke. Er sah, wie jetzt die Fenster

erleuchtet durch das Grün glimmerten, sah in Gedanken hinter jeder hellen

Scheibe den vertrauten Raum mit seinen Menschen darin. Schon dieses Nahsein

gab ihm Glück, schon dieses erste, beruhigende Gefühl, daß er nah sei zu

Menschen, von denen er sich geliebt wußte. Und wenn er noch zögerte, so war

es nur, um dieses Vorgefühl inniger zu genießen.

 

Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken:

 

„Edgar, da ist er ja!“

 

Das Dienstmädchen seiner Großmama hatte ihn gesehen, stürzte auf ihn los und

faßte ihn bei der Hand. Die Türe wurde innen aufgerissen, bellend sprang ein

Hund an ihm empor, aus dem Hause kam man mit Lichtern, er hörte Stimmen

mit Jubel und Schreck rufen, einen freudigen Tumult von Schreien und

Schritten, die sich näherten, Gestalten, die er jetzt erkannte. Vorerst seine

Großmutter mit ausgestrecktem Arm und hinter ihr – er glaubte zu träumen –

seine Mutter. Mit verweinten Augen, zitternd und verschüchtert, stand er selbst

inmitten dieses heißen Ausbruchs überschwenglicher Gefühle, unschlüssig, was

er tun, was er sagen sollte, und selber unklar, was er fühlte: Angst oder Glück.