Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 4 von 16

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Brennendes Geheimnis

Terzett

Te r z e t t

 

D er Plan war, wie sich eine Stunde später erwies, vortrefflich und bis in die

letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, mit Absicht etwas verspätet,

den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom Sessel auf, grüßte eifrig mit einem

beglückten Lächeln und winkte ihm zu. Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am

Ärmel, sprach hastig und erregt auf sie ein, mit auffälligen Gesten gegen den

Baron hindeutend. Sie verwies ihm geniert und errötend sein allzu reges

Benehmen, konnte es aber doch nicht vermeiden, einmal hinüberzusehen, um

dem Buben seinen Willen zu tun, was der Baron sofort zum Anlaß einer

respektvollen Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft war gemacht. Sie mußte

danken, beugte aber von nun ab das Gesicht tiefer über den Teller und vermied

sorgfältig während des ganzen Diners nochmals hinüberzublicken. Anders

Edgar, der unablässig hinguckte, einmal sogar versuchte hinüberzusprechen, eine

Unstatthaftigkeit, die ihm sofort von seiner Mutter energisch verwiesen wurde.

Nach Tisch wurde ihm bedeutet, daß er schlafen zu gehen habe, und ein emsiges

Wispern begann zwischen ihm und seiner Mama, dessen Endresultat war, daß es

seinen heißen Bitten verstattet wurde, zum andern Tisch hinüberzugehen und

sich bei seinem Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche

Worte, die wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte mit

ihm ein paar Minuten. Plötzlich aber, mit einer geschickten Wendung, drehte er

sich, aufstehend, zum andern Tisch hinüber, beglückwünschte die etwas

verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten Sohn, rühmte den

Vormittag, den er so vortrefflich mit ihm verbracht hatte – Edgar stand dabei, rot

vor Freude und Stolz –, und erkundigte sich schließlich nach seiner Gesundheit

so ausführlich und mit so viel Einzelfragen, daß die Mutter zur Antwort

gezwungen war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in ein längeres Gespräch, dem

der Bub beglückt und mit einer Art Ehrfurcht lauschte. Der Baron stellte sich vor

und glaubte zu bemerken, daß sein klingender Name auf die Eitle einen

gewissen Eindruck machte. Jedenfalls war sie von außerordentlicher

Zuvorkommenheit gegen ihn, wiewohl sie sich nichts vergab und sogar frühen

Abschied nahm, des Buben halber, wie sie entschuldigend beifügte.

Der protestierte heftig, er sei nicht müde und gerne bereit, die ganze Nacht

aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die Hand geboten, der

sie respektvoll küßte.

 

Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm von

Glückseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war etwas Neues in

seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er in die Schicksale von

Erwachsenen eingegriffen. Er vergaß, schon im Halbtraum, seine eigene

Kindheit und dünkte sich mit einem Male groß. Bisweilen hatte er, einsam

erzogen und oft kränklich, wenig Freunde gehabt. Für all sein

Zärtlichkeitsbedürfnis war niemand dagewesen als die Eltern, die sich wenig um

ihn kümmerten, und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe wird immer

falsch bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anlaß wertet und nicht nach der

Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln Raum von Enttäuschung

und Einsamkeit, der vor allen großen Ereignissen des Herzens liegt. Ein

überschweres, ein unverbrauchtes Gefühl hatte hier gewartet und stürzte nun mit

ausgebreiteten Armen dem ersten entgegen, der es zu verdienen schien. Edgar

lag im Dunkeln, beglückt und verwirrt, er wollte lachen und mußte weinen.

Denn er liebte diesen Menschen, wie er nie einen Freund, nie Vater und Mutter

und nicht einmal Gott geliebt hatte. Die ganze unreife Leidenschaft seiner

früheren Jahre umklammerte das Bild dieses Menschen, dessen Namen er vor

zwei Stunden noch nicht gekannt hatte.

 

Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige dieser

neuen Freundschaft nicht bedrängt zu sein. Was ihn so sehr verwirrte, war das

Gefühl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit. „Passe ich denn zu ihm, ich, ein

kleiner Bub, zwölf Jahre alt, der noch die Schule vor sich hat, der abends vor

allen andern ins Bett geschickt wird?“ quälte er sich ab. „Was kann ich ihm sein,

was kann ich ihm bieten?“ Gerade dieses qualvoll empfundene Unvermögen,

irgendwie sein Gefühl zeigen zu können, machte ihn unglücklich. Sonst, wenn er

einen Kameraden liebgewonnen hatte, war es sein Erstes, die paar kleinen

Kostbarkeiten seines Pultes, Briefmarken und Steine, den kindischen Besitz der

Kindheit, mit ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm gestern noch von hoher

Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm mit einem Male entwertet,

läppisch und verächtlich. Denn wie konnte er derlei diesem neuen Freunde

bieten, dem er nicht einmal wagen durfte, das Du zu erwidern; wo war ein Weg,

eine Möglichkeit, seine Gefühle zu verraten? Immer mehr und mehr empfand er

die Qual, klein zu sein, etwas Halbes, Unreifes, ein Kind von zwölf Jahren, und

noch nie hatte er so stürmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt, anders aufzuwachen, so wie er sich träumte: groß und stark, ein Mann, ein

Erwachsener wie die andern.

 

In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen Träume von

dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich mit einem Lächeln ein,

aber doch, die Erinnerung der morgigen Verabredung unterhöhlte seinen Schlaf.

Er schreckte schon um sieben Uhr mit der Angst auf, zu spät zu kommen. Hastig

zog er sich an, begrüßte die erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit Mühe aus

dem Bette bringen konnte, in ihrem Zimmer und stürmte, ehe sie weitere Fragen

stellen konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig umher, vergaß, daß

er frühstücken sollte, einzig besorgt, den Freund für den Spaziergang nicht lange

warten zu lassen.

 

Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er hatte natürlich

längst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der Knabe gierig auf ihn

losschnellte, mußte er lächeln über soviel Leidenschaft und zeigte sich bereit,

sein Versprechen einzuhalten. Er nahm den Buben wieder unterm Arm, ging mit

dem Strahlenden auf und nieder, nur daß er sanft, aber nachdrücklich abwehrte,

schon jetzt den gemeinsamen Spaziergang zu beginnen. Er schien auf irgend

etwas zu warten, wenigstens deutete darauf sein nervös die Türen abgreifender

Blick. Plötzlich straffte er sich empor. Edgars Mama war hereingetreten und

kam, den Gruß erwidernd, freundlich auf beide zu. Sie lächelte zustimmend, als

sie von dem beabsichtigten Spaziergang vernahm, den ihr Edgar als etwas zu

Kostbares verschwiegen hatte, ließ sich aber rasch von der Einladung des Barons

zum Mitgehen bestimmen.

 

Edgar wurde sofort mürrisch und biß die Lippen. Wie ärgerlich, daß sie gerade

jetzt vorbeikommen mußte! Dieser Spaziergang hatte doch ihm allein gehört,

und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt hatte, so war das nur eine

Liebenswürdigkeit von ihm gewesen, aber teilen wollte er ihn deshalb nicht.

Schon regte sich in ihm etwas wie Eifersucht, als er die Freundlichkeit des

Barons zu seiner Mutter bemerkte.

 

Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gefährliche Gefühl seiner Wichtigkeit

und plötzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde noch genährt durch das

auffällige Interesse, das beide ihm widmeten. Edgar war fast ausschließlich

Gegenstand der Konversation, indem sich die Mutter mit etwas erheuchelter

Besorgnis über seine Blässe und Nervosität aussprach, während der Baron

wieder dies lächelnd abwehrte und sich rühmend über die nette Art seines

„Freundes“, wie er ihn nannte, erging. Es war Edgars schönste Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe seiner Kindheit zugestanden worden waren.

Er durfte mitreden, ohne sofort zur Ruhe verwiesen zu werden, sogar allerhand

vorlaute Wünsche äußern, die ihm bislang übel aufgenommen worden wären.

Und es war nicht verwunderlich, daß in ihm das trügerische Gefühl üppig

wuchernd wuchs, daß er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen

hellen Träumen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid.

 

Mittag saß der Baron, der Einladung der immer freundlicheren Mutter Edgars

folgend, an ihrem Tisch. Aus dem vis-à-vis war ein Nebeneinander geworden,

aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. Das Terzett war im Gang, und die drei

Stimmen der Frau, des Mannes und des Kindes klangen rein zusammen.