Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 8 von 16

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Brennendes Geheimnis

Brennendes Geheimnis

B r e n n e n d e s G e h e i m n i s

 

W as hat sie so verwandelt?“ sann das Kind, das ihnen im rollenden Wagen

gegenübersaß. „Warum sind sie nicht mehr zu mir wie früher? Weshalb

vermeidet Mama immer meinen Blick, wenn ich sie ansehe? Warum sucht er

immer vor mir Witze zu machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden sie

nicht mehr zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als hätten sie

andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie muß sie gefärbt

haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht immer die Stirne kraus, als

sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch nichts getan, kein Wort gesagt, das sie

verdrießen konnte? Nein, ich kann nicht die Ursache sein, denn sie sind selbst

zueinander anders wie vordem. Sie sind so, als ob sie etwas angestellt hätten, das

sie sich nicht zu sagen getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie lachen

auch nicht, sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein Geheimnis ist

zwischen ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. Ein Geheimnis, das ich

ergründen muß um jeden Preis. Ich kenne es schon, es muß dasselbe sein, vor

dem sie mir immer die Türe verschließen, von dem in den Büchern die Rede ist

und in den Opern, wenn die Männer und die Frauen mit ausgebreiteten Armen

gegeneinander singen, sich umfassen und sich wegstoßen. Es muß irgendwie

dasselbe sein, wie das mit meiner französischen Lehrerin, die sich mit Papa so

schlecht vertrug und die dann weggeschickt wurde. All diese Dinge hängen

zusammen, das spüre ich, aber ich weiß nur nicht, wie. Oh, es zu wissen, endlich

zu wissen, dieses Geheimnis, ihn zu fassen, diesen Schlüssel, der alle Türen

aufschließt, nicht länger mehr Kind sein, vor dem man alles versteckt und

verhehlt, sich nicht mehr hinhalten lassen und betrügen. Jetzt oder nie! Ich will

es ihnen entreißen, dieses furchtbare Geheimnis.“ Eine Falte grub sich in seine

Stirne, beinahe alt sah der schmächtige Zwölfjährige aus, wie er so ernst vor sich

hin grübelte, ohne einen einzigen Blick an die Landschaft zu wenden, die sich in

klingenden Farben rings entfaltete, die Berge im gereinigten Grün ihrer

Nadelwälder, die Täler im noch zarten Glanz des verspäteten Frühlings. Er sah

nur immer die beiden ihm gegenüber im Rücksitz des Wagens an, als könnte er

mit diesen heißen Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis aus den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausreißen. Nichts schärft Intelligenz mehr als

ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet mehr alle Möglichkeiten eines

unreifen Intellekts als eine Fährte, die ins Dunkel läuft. Manchmal ist es ja nur

eine einzige, dünne Tür, die Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen,

abtrennt, und ein zufälliger Windhauch weht sie ihnen auf.

 

Edgar fühlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem großen Geheimnis so

greifbar nahe wie noch nie, er spürte es knapp vor sich, zwar noch verschlossen

und unenträtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und gab ihm diesen

plötzlichen, feierlichen Ernst. Denn unbewußt ahnte er, daß er am Rand seiner

Kindheit stand.

 

Die beiden gegenüber fühlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor sich, ohne

zu ahnen, daß er von dem Knaben ausging. Sie fühlten sich eng und gehemmt zu

dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen gegenüber mit ihrer dunkel in sich

flackernden Glut behinderten sie. Sie wagten kaum zu reden, kaum zu blicken.

Zu ihrer vormaligen leichten, gesellschaftlichen Konversation fanden sie jetzt

nicht mehr zurück, schon zu sehr verstrickt in dem Ton der heißen

Vertraulichkeiten, jener gefährlichen Worte, in denen die schmeichelnde

Unzüchtigkeit von heimlichen Betastungen zittert. Ihr Gespräch stieß immer auf

Lücken und Stockungen. Es blieb stehen, wollte weiter, aber stolperte immer

wieder über das hartnäckige Schweigen des Kindes.

 

Besonders für die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last. Sie sah ihn

vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie plötzlich in der Art, wie das

Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal eine Ähnlichkeit mit ihrem Mann

erkannte, wenn er gereizt oder verärgert war. Der Gedanke war ihr unbehaglich,

gerade jetzt an ihren Mann erinnert zu werden, da sie mit einem Abenteuer

Versteck spielen wollte. Wie ein Gespenst, ein Wächter des Gewissens, doppelt

unerträglich hier in der Enge des Wagens, zehn Zoll gegenüber mit seinen

dunkel arbeitenden Augen und dem Lauern hinter der blassen Stirn, schien ihr

das Kind. Da schaute Edgar plötzlich auf, eine Sekunde lang. Beide senkten sie

sofort den Blick: sie spürten, daß sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem

Leben. Bisher hatten sie einander blind vertraut, jetzt aber war etwas zwischen

Mutter und Kind, zwischen ihr und ihm plötzlich anders geworden. Zum ersten

Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu beobachten, ihre beiden Schicksale

voneinander zu trennen, beide schon mit einem heimlichen Haß gegeneinander,

der nur noch zu neu war, als daß sie sich ihn einzugestehen wagten.

 

Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten. Es war ein verunglückter Ausflug gewesen, alle fühlten es, und keiner wagte es zu sagen.

Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und

ging eilig hinauf. Sie war müde und wollte allein sein. Edgar und der Baron

blieben zurück. Der Baron zahlte dem Kutscher, sah auf die Uhr und schritt

gegen die Hall zu, ohne den Buben zu beachten. Er ging vorbei an ihm mit

seinem feinen, schlanken Rücken, diesem rhythmisch leichten Wiegegang, der

das Kind so bezauberte und den es gestern schon nachzuahmen versucht hatte.

Er ging vorbei, glatt vorbei. Offenbar hatte er den Knaben vergessen und ließ ihn

stehen neben dem Kutscher, neben den Pferden, als gehörte er nicht zu ihm.

 

In Edgar riß irgend etwas entzwei, wie er ihn so vorübergehen sah, ihn, den er

trotz alldem noch immer so abgöttisch liebte. Verzweiflung brach aus seinem

Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem Mantel zu streifen, ohne ihm ein

Wort zu sagen, der sich doch keiner Schuld bewußt war. Die mühsam bewahrte

Fassung zerriß, die künstlich erhöhte Last der Würde glitt ihm von den zu

schmalen Schultern, er wurde wieder ein Kind, klein und demütig wie gestern

und vordem. Es riß ihn weiter wider seinen Willen. Mit rasch zitternden

Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm, der eben die Treppe hinauf wollte, in

den Weg und sagte gepreßt, mit schwer verhaltenen Tränen:

 

„Was habe ich Ihnen getan, daß Sie nicht mehr auf mich achten? Warum sind Sie

jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch? Warum wollen Sie mich immer

wegschicken? Bin ich Ihnen lästig, oder habe ich etwas getan?“

 

Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte und weich

stimmte. Mitleid überkam ihn mit dem arglosen Buben. „Edi, du bist ein Narr!

Ich war nur schlechter Laune heute. Und du bist ein lieber Bub, den ich wirklich

gern hab.“ Dabei schüttelte er ihn am Schopf tüchtig hin und her, aber doch das

Gesicht halb abgewendet, um nicht diese großen, feuchten, flehenden

Kinderaugen sehen zu müssen. Die Komödie, die er spielte, begann ihm peinlich

zu werden. Er schämte sich eigentlich schon, mit der Liebe dieses Kindes so

frech gespielt zu haben, und diese dünne, von unterirdischem Schluchzen

geschüttelte Stimme tat ihm weh. „Geh jetzt hinauf, Edi, heute abend werden wir

uns wieder vertragen, du wirst schon sehen“, sagte er begütigend.

 

„Aber Sie dulden nicht, daß mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht wahr?“

 

„Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht“, lächelte der Baron. „Geh nur jetzt hinauf,

ich muß mich anziehen für das Abendessen.“

 

Edgar ging, beglückt für den Augenblick. Aber bald begann der Hammer im Herzen sich wieder zu rühren. Er war um Jahre älter geworden seit gestern; ein

fremder Gast, das Mißtrauen, saß jetzt schon fest in seiner kindischen Brust.

 

Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saßen zusammen bei Tisch.

Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu Bett. Schon wurde er

unruhig. Warum ließ sie ihn gerade heute so lange hier bleiben, sie, die sonst so

genau war? Hatte ihr am Ende der Baron seinen Wunsch und das Gespräch

verraten? Brennende Reue überfiel ihn plötzlich, ihm heute mit seinem vollen

vertrauenden Herzen nachgelaufen zu sein. Um zehn erhob sich plötzlich seine

Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und seltsam, auch der schien durch

diesen frühen Aufbruch keineswegs verwundert zu sein, suchte auch nicht, wie

sonst immer, sie zurückzuhalten. Immer heftiger schlug der Hammer in der Brust

des Kindes.

 

Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und folgte ohne

Widerrede seiner Mutter zur Tür. Dort aber zuckte er plötzlich auf mit den

Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde einen lächelnden Blick, der über

seinen Kopf von ihr gerade zum Baron hinüberging, einen Blick des

Einverständnisses, irgendeines Geheimnisses. Der Baron hatte ihn also verraten.

Deshalb also der frühe Aufbruch: er sollte heute eingewiegt werden in

Sicherheit, um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu sein.

 

„Schuft“, murmelte er.

 

„Was meinst du?“ fragte die Mutter.

 

„Nichts“, stieß er zwischen den Zähnen heraus. Auch er hatte jetzt sein

Geheimnis. Es hieß Haß, grenzenloser Haß gegen beide.