Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 12 von 16

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Brennendes Geheimnis

Der Überfall

D e r Ü b e r f a l l

 

E dgar trat atmend zurück vom Fenster. Das Grauen schüttelte ihn. Noch nie

war er in seinem Leben ähnlich Geheimnisvollem so nah gewesen. Die Welt der

Aufregungen, der spannenden Abenteuer, jene Welt von Mord und Betrug aus

seinen Büchern war in seiner Anschauung immer dort gewesen, wo die Märchen

waren, hart hinter den Träumen, im Unwirklichen und Unerreichbaren. Jetzt auf

einmal aber schien er mitten hineingeraten in diese grauenhafte Welt, und sein

ganzes Wesen wurde fieberhaft geschüttelt durch so unverhoffte Begegnung.

Wer war dieser Mensch, der geheimnisvolle, der plötzlich in ihr ruhiges Leben

getreten war? War er wirklich ein Mörder, daß er immer das Entlegene suchte

und seine Mutter hinschleppen wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien

bevorzustehen. Er wußte nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher, wollte er

dem Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es nicht noch jetzt

geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter nicht in ihrem Zimmer, noch

war sie mit diesem verhaßten, fremden Menschen. Zwischen der inneren Tür

und der äußeren, leicht beweglichen Tapetentür war ein schmaler Zwischenraum,

nicht größer als das Innere eines Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit

Dunkel preßte er sich hinein, um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. Denn nicht

einen Augenblick, so hatte er beschlossen, wollte er sie allein lassen. Der Gang

lag jetzt um Mitternacht leer, matt nur beleuchtet von einer einzelnen Flamme.

 

Endlich – die Minuten dehnten sich ihm fürchterlich – hörte er behutsame

Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war nicht ein rasches

Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer will, sondern schleifende,

zögernde, sehr verlangsamte Schritte, wie einen unendlich schweren und steilen

Weg empor. Dazwischen immer wieder Geflüster und ein Innehalten. Edgar

zitterte vor Erregung. Waren es am Ende die beiden, blieb er noch immer mit

ihr? Das Flüstern war zu entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zögernd,

kamen immer näher. Und jetzt hörte er auf einmal die verhaßte Stimme des

Barons leise und heiser etwas sagen, das er nicht verstand, und dann gleich die

seiner Mutter in rascher Abwehr: „Nein, nicht heute! Nein.“

Edgar zitterte, sie kamen näher, und er mußte alles hören. Jeder Schritt, so leise

er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die Stimme, wie häßlich schien sie

ihm, diese gierig werbende, widerliche Stimme des Verhaßten! „Seien Sie nicht

grausam. Sie waren so schön heute abend.“ Und die andere wieder: „Nein, ich

darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie mich los.“

 

Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, daß das Kind erschrickt. Was

will er denn noch von ihr? Warum fürchtet sie sich? Sie sind immer näher

gekommen und müssen jetzt schon ganz vor seiner Tür sein. Knapp hinter ihnen

steht er, zitternd und unsichtbar, eine Hand weit, geschützt nur durch die dünne

Scheibe Tuch. Die Stimmen sind jetzt atemnah.

 

„Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie!“ Wieder hört er seine Mutter stöhnen,

schwächer jetzt, in erlahmendem Widerstand.

 

Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine Mutter ist

nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen! Wohin schleppt er sie?

Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr einen Knebel in den Mund gestopft,

preßt er ihr die Kehle zu?

 

Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand stößt er die Türe eine

Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die beiden. Der Baron hat

seiner Mutter den Arm um die Hüfte geschlungen und führt sie, die schon

nachzugeben scheint, leise fort. Jetzt macht er halt vor seinem Zimmer. „Er will

sie wegschleppen,“ erschrickt das Kind, „jetzt will er das Furchtbare tun.“

 

Ein wilder Ruck, er schlägt die Türe zu und stürzt hinaus, den beiden nach.

Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel plötzlich etwas auf sie

losstürzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom Baron nur mühsam gehalten.

Der aber fühlt in dieser Sekunde eine kleine, schwache Faust in seinem Gesicht,

die ihm die Lippe hart an die Zähne schlägt, etwas, was sich katzenhaft an seinen

Körper krallt. Er läßt die Erschreckte los, die rasch entflieht, und schlägt blind,

ehe er noch weiß, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zurück.

 

Das Kind weiß, daß es der Schwächere ist, aber es gibt nicht nach. Endlich,

endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die verratene Liebe, den

aufgestapelten Haß leidenschaftlich zu entladen. Er hämmert mit seinen kleinen

Fäusten blind drauflos, die Lippen verbissen in einer fiebrigen, sinnlosen

Gereiztheit. Auch der Baron hat ihn jetzt erkannt, auch er steckt voll Haß gegen

diesen heimlichen Spion, der ihm die letzten Tage vergällte und das Spiel

verdarb; er schlägt derb zurück, wohin es eben trifft. Edgar stöhnt auf, läßt aber nicht los und schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm und

verbissen in dem mitternächtigen Gang. Allmählich wird dem Baron das

Lächerliche seines Kampfes mit einem halbwüchsigen Buben bewußt, er packt

ihn fest an, um ihn wegzuschleudern. Aber das Kind, wie es jetzt seine Muskeln

nachlassen spürt und weiß, daß es in der nächsten Sekunde der Besiegte, der

Geprügelte sein wird, schnappt in wilder Wut nach dieser starken, festen Hand,

die ihn im Nacken fassen will. Unwillkürlich stößt der Gebissene einen dumpfen

Schrei aus und läßt frei – eine Sekunde, die das Kind benützt, um in sein

Zimmer zu flüchten und den Riegel vorzuschieben.

 

Eine Minute nur hat dieser mitternächtige Kampf gedauert. Niemand rechts und

links hat ihn gehört. Alles ist still, alles scheint in Schlaf ertrunken. Der Baron

wischt sich die blutende Hand mit dem Taschentuch, späht beunruhigt in das

Dunkel. Niemand hat gelauscht. Nur oben flimmert – ihm dünkt: höhnisch – ein

letztes, unruhiges Licht.