Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 3 von 16

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Brennendes Geheimnis

Rasche Freundschaft

R a s c h e F r e u n d s c h a f t

 

A ls der Baron am nächsten Morgen in die Hall trat, sah er dort das Kind der

schönen Unbekannten in eifrigem Gespräch mit den beiden Liftboys, denen es

Bilder in einem Buch von Karl May zeigte. Seine Mama war nicht zugegen,

offenbar noch mit der Toilette beschäftigt. Jetzt erst besah sich der Baron den

Buben. Es war ein scheuer, unentwickelter nervöser Junge von etwa zwölf

Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel herumjagenden Augen. Er machte,

wie Kinder in diesen Jahren so oft, den Eindruck von Verschrecktheit, gleichsam

als ob er eben aus dem Schlaf gerissen und plötzlich in fremde Umgebung

gestellt sei. Sein Gesicht war nicht unhübsch, aber noch ganz unentschieden, der

Kampf des Männlichen mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu

wollen, noch war alles darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in

reinen Linien ausgesprochen, nur blaß und unruhig gemengt. Überdies war er

gerade in jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre Kleider passen,

Ärmel und Hosen schlaff um die mageren Gelenke schlottern und noch keine

innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr Äußeres zu wachen.

 

Der Knabe machte hier, unschlüssig herumirrend, einen ziemlich kläglichen

Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob ihn der Portier beiseite,

den er mit allerhand Fragen zu belästigen schien, bald störte er am Eingang;

offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem Umgang. So suchte er in seinem

kindlichen Schwatzbedürfnis sich an die Bediensteten des Hotels

heranzumachen, die ihm, wenn sie gerade Zeit hatten, antworteten, das Gespräch

aber sofort unterbrachen, wenn ein Erwachsener in Sicht kam oder etwas

Vernünftiges getan werden mußte. Der Baron sah lächelnd und mit Interesse dem

unglücklichen Buben zu, der auf alles mit Neugier schaute und dem alles

unfreundlich entwich. Einmal faßte er einen dieser neugierigen Blicke fest an,

aber die schwarzen Augen krochen sofort ängstlich in sich hinein, sobald er sie

auf der Suche ertappte, und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das amüsierte

den Baron. Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob ihm

dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als raschester Vermittler einer Annäherung dienen könnte. Immerhin: er wollte es versuchen.

Unauffällig folgte er dem Buben, der eben wieder zur Türe hinauspendelte und

in seinem kindischen Zärtlichkeitsbedürfnis die rosa Nüstern eines Schimmels

liebkoste, bis ihn – er hatte wirklich kein Glück – auch hier der Kutscher

ziemlich barsch wegwies. Gekränkt und gelangweilt stand er jetzt wieder herum

mit seinem leeren und ein wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.

 

„Na, junger Mann, wie gefällts dir da?“ setzte er plötzlich ein, bemüht, die

Ansprache möglichst jovial zu halten.

 

Das Kind wurde feuerrot und starrte ängstlich auf. Er zog die Hand irgendwie in

Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit. Das geschah ihm

zum erstenmal, daß ein fremder Herr mit ihm ein Gespräch begann.

 

„Ich danke, gut“, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte Wort war

schon mehr gewürgt als gesprochen.

 

„Das wundert mich,“ sagte der Baron lachend, „es ist doch eigentlich ein fader

Ort, besonders für einen jungen Mann, wie du einer bist. Was treibst du denn den

ganzen Tag?“

 

Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten. War es

wirklich möglich, daß dieser fremde elegante Herr mit ihm, um den sich sonst

keiner kümmerte, ein Gespräch suchte? Der Gedanke machte ihn scheu und stolz

zugleich. Mühsam raffte er sich zusammen.

 

„Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren wir auch im

Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, ich war krank. Ich muß

darum auch viel in der Sonne sitzen, hat der Arzt gesagt.“

 

Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer stolz auf

eine Krankheit, weil sie wissen, daß Gefahr sie ihren Angehörigen doppelt

wichtig macht.

 

„Ja, die Sonne ist schon gut für junge Herren, wie du einer bist, sie wird dich

schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den ganzen Tag dasitzen. Ein

Bursch wie du sollte herumlaufen, übermütig sein und auch ein bißchen Unfug

anstellen. Mir scheint, du bist zu brav, du siehst auch so aus wie ein

Stubenhocker mit deinem großen dicken Buch unterm Arm. Wenn ich denke,

was ich in deinem Alter für ein Galgenstrick war, jeden Abend bin ich mit

zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur nicht zu brav sein!“

Unwillkürlich mußte das Kind lächeln, und das nahm ihm die Angst. Es hätte

gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu selbstbewußt vor

diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit ihm sprach. Vorlaut war er

nie gewesen und immer leicht verlegen, und so kam er jetzt vor Glück und

Scham in die ärgste Verwirrung. Er hätte so gern das Gespräch fortgesetzt, aber

es fiel ihm nichts ein. Glücklicherweise kam gerade der große gelbe

Bernhardiner des Hotels vorbei, schnüffelte sie beide an und ließ sich willig

liebkosen.

 

„Hast du Hunde gern?“ fragte der Baron.

 

„O sehr, meine Großmama hat einen in ihrer Villa in Baden, und wenn wir dort

wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das ist aber nur im Sommer,

wenn wir dort zu Besuch sind.“

 

„Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend. Wenn du hier

brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen braunen mit weißen Ohren,

einen ganz jungen. Willst du?“

 

Das Kind errötete vor Vergnügen.

 

„O ja.“

 

Es fuhr ihm so heraus, heiß und gierig. Aber gleich hinterher stolperte, ängstlich

und wie erschrocken, das Bedenken.

 

„Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen Hund zu Hause.

Sie machen zuviel Schererei.“

 

Der Baron lächelte. Endlich hielt das Gespräch bei der Mama.

 

„Ist die Mama so streng?“

 

Das Kind überlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam fragend, ob man

diesem fremden Herrn schon vertrauen dürfe. Die Antwort blieb vorsichtig:

 

„Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt sie mir alles.

Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.“

 

„Soll ich sie darum bitten?“

 

„Ja, bitte tun Sie das“, jubelte der Bub. „Dann wird es die Mama sicher erlauben.

Und wie sieht er aus? Weiße Ohren hat er, nicht wahr? Kann er apportieren?“ „Ja, er kann alles.“ Der Baron mußte lächeln über die heißen Funken, die er so

rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte. Mit einem Male war die

anfängliche Befangenheit gebrochen, und die von der Angst zurückgehaltene

Leidenschaftlichkeit sprudelte über. In blitzschneller Verwandlung war das

scheue verängstigte Kind von früher ein ausgelassener Bub. Wenn nur die

Mutter auch so wäre, dachte unwillkürlich der Baron, so heiß hinter ihrer Angst!

Aber schon sprang der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf:

 

„Wie heißt der Hund?“

 

„Karo.“

 

„Karo“, jubelte das Kind. Es mußte irgendwie lachen und jubeln über jedes

Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen, daß sich jemand seiner in

Freundlichkeit angenommen hatte. Der Baron staunte selbst über seinen raschen

Erfolg und beschloß, das heiße Eisen zu schmieden. Er lud den Knaben ein, mit

ihm ein wenig spazieren zu gehen, und der arme Bub, seit Wochen ausgehungert

nach einem geselligen Beisammensein, war von diesem Vorschlag entzückt.

Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm sein neuer Freund mit kleinen, wie

zufälligen Fragen entlocken wollte. Bald wußte der Baron alles über die Familie,

vor allem, daß Edgar der einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus

der vermögenden jüdischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen

erkundete er rasch, daß die Mutter sich über den Aufenthalt am Semmering

durchaus nicht entzückt geäußert und den Mangel an sympathischer Gesellschaft

beklagt habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden Art, mit der Edgar die

Frage beantwortete, ob die Mama den Papa sehr gern habe, entnehmen zu

können, daß hier nicht alles zum besten stünde. Beinahe schämte er sich, wie

leicht es ihm wurde, dem arglosen Buben all diese kleinen Familiengeheimnisse

zu entlocken, denn Edgar, ganz stolz, daß irgend etwas von dem, was er zu

erzählen hatte, einen Erwachsenen interessieren konnte, drängte sein Vertrauen

dem neuen Freunde geradezu auf. Sein kindisches Herz klopfte vor Stolz – der

Baron hatte im Spazierengehen ihm seinen Arm um die Schulter gelegt –, in

solcher Intimität öffentlich mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und

allmählich vergaß er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen

wie zu einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gespräch zeigte, sehr klug,

etwas frühreif wie die meisten kränklichen Kinder, die viel mit Erwachsenen

beisammen waren, und von einer merkwürdig überreizten Leidenschaft der

Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien er ein ruhiges Verhältnis zu

haben, von jedem Menschen oder Ding sprach er entweder in Verzückung oder

mit einem Hasse, der so heftig war, daß er sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast bösartig und häßlich machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes,

vielleicht noch bedingt durch die kürzlich überstandene Krankheit, gab seinen

Reden fanatisches Feuer, und es schien, daß sein Linkischsein nur mühsam

unterdrückte Angst vor der eigenen Leidenschaft war.

 

Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde bloß, und

er hatte dieses heiße und unruhig zuckende Herz in der Hand. Es ist ja so

unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese Arglosen, um deren Liebe so selten

geworben wird. Er brauchte sich selbst nur in die Vergangenheit zu vergessen,

und so natürlich, so ungezwungen wurde ihm das kindliche Gespräch, daß auch

der Bub ihn ganz als seinesgleichen empfand und nach wenigen Minuten jedes

Distanzgefühl verlor. Er war nur selig von Glück, hier in diesem einsamen Ort

plötzlich einen Freund gefunden zu haben, und welch einen Freund! Vergessen

waren sie alle in Wien, die kleinen Jungen mit ihren dünnen Stimmen, ihrem

unerfahrenen Geschwätz, wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser

einen neuen Stunde! Seine ganze schwärmerische Leidenschaft gehörte jetzt

diesem neuen, seinem großen Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz, als

dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags

wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte von der Ferne, ganz

wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht die schönste seines Lebens. Es ist so

leicht, Kinder zu betrügen. – Der Baron lächelte dem Davonstürmenden nach.

Der Vermittler war nun gewonnen. Der Bub würde jetzt, das wußte er, seine

Mutter mit Erzählungen bis zur Erschöpfung quälen, jedes einzelne Wort

wiederholen – und dabei erinnerte er sich mit Vergnügen, wie geschickt er einige

Komplimente an ihre Adresse eingeflochten, wie er immer nur von Edgars

„schöner Mama“ gesprochen hatte. Es war ausgemachte Sache für ihn, daß der

mitteilsame Knabe nicht früher ruhen würde, ehe er seine Mama und ihn

zusammengeführt hätte. Er selbst brauchte nun keinen Finger zu rühren, um die

Distanz zwischen sich und der schönen Unbekannten zu verringern, konnte nun

ruhig träumen und die Landschaft überschauen, denn er wußte, ein paar heiße

Kinderhände bauten ihm die Brücke zu ihrem Herzen.