Brennendes Geheimnis

Stefan Zweig · Kapitel 5 von 16

PDF-Seiten

Brennendes Geheimnis

Angriff

A n g r i f f

 

N un schien es dem ungeduldigen Jäger an der Zeit, sein Wild anzuschleichen.

Das Familiäre, der Dreiklang in dieser Angelegenheit mißfiel ihm. Es war ja

ganz nett, so zu dritt zu plaudern, aber schließlich, Plaudern war nicht seine

Absicht. Und er wußte, daß das Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner

Begehrlichkeit das Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den

Worten die Glut, dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte über der Konversation

nie seine eigentliche Absicht vergessen, die er – dessen war er sicher – von ihr

bereits verstanden wußte.

 

Daß sein Bemühen bei dieser Frau nicht vergeblich sein würde, hatte viel

Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden Jahren, wo eine Frau zu

bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten Gatten treu geblieben zu sein,

und wo der purpurne Sonnenuntergang ihrer Schönheit ihr noch eine letzte

dringlichste Wahl zwischen dem Mütterlichen und dem Weiblichen gewährt. Das

Leben, das schon längst beantwortet schien, wird in dieser Minute noch einmal

zur Frage, zum letzten Male zittert die magnetische Nadel des Willens zwischen

der Hoffnung auf erotisches Erleben und der endgültigen Resignation. Eine Frau

hat dann die gefährliche Entscheidung, ihr eigenes Schicksal oder das ihrer

Kinder zu leben, Frau oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in

diesen Dingen, glaubte bei ihr gerade dieses gefährliche Schwanken zwischen

Lebensglut und Aufopferung zu bemerken. Sie vergaß beständig im Gespräch,

ihren Gatten zu erwähnen, der offenbar nur ihren äußeren Bedürfnissen, nicht

aber ihren durch vornehme Lebensführung gereizten Snobismus zu befriedigen

schien, und wußte innerlich eigentlich herzlich wenig von ihrem Kinde. Ein

Schatten von Langeweile, als Melancholie in den dunklen Augen verschleiert,

lag über ihrem Leben und verdunkelte ihre Sinnlichkeit.

 

Der Baron beschloß rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein von Eile

zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der Angler den Haken lockend

zurückzieht, dieser neuen Freundschaft seinerseits äußerliche Gleichgültigkeit

entgegensetzen, wollte um sich werben lassen, während er doch in Wahrheit der Werbende war. Er nahm sich vor, einen gewissen Hochmut zu outrieren, den

Unterschied ihres sozialen Standes scharf herauszukehren, und der Gedanke

reizte ihn, nur durch das Betonen seines Hochmutes, durch ein Äußeres, durch

einen klingenden aristokratischen Namen und kalte Manieren diesen üppigen,

vollen schönen Körper gewinnen zu können.

 

Das heiße Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er sich zur

Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer mit dem angenehmen

Bewußtsein, gesucht und vermißt zu werden. Aber diese Abwesenheit wurde

nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen die sie eigentlich gezielt war, sondern

gestaltete sich für den armen Buben zur Qual. Edgar fühlte sich den ganzen

Nachmittag unendlich hilflos und verloren; mit der Knaben eigenen

hartnäckigen Treue wartete er die ganzen langen Stunden unablässig auf seinen

Freund. Es wäre ihm wie ein Vergehen gegen die Freundschaft erschienen,

wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun. Unnütz trollte er sich in den

Gängen herum, und je später es wurde, um so mehr füllte sich sein Herz mit

Unglück an. In der Unruhe seiner Phantasie träumte er schon von einem Unfall

oder einer unbewußt zugefügten Beleidigung und war schon nahe daran, zu

weinen vor Ungeduld und Angst.

 

Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er glänzend empfangen. Edgar

sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter und das Erstaunen der

anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfaßte stürmisch seine Brust mit den

mageren Ärmchen. „Wo waren Sie? Wo sind Sie gewesen?“ rief er hastig. „Wir

haben Sie überall gesucht.“ Die Mutter errötete bei dieser unwillkommenen

Einbeziehung und sagte ziemlich hart: „Sois sage, Edgar! Assieds toi!“ (Sie

sprach nämlich immer Französisch mit ihm, obwohl ihr diese Sprache gar nicht

so sehr selbstverständlich war und sie bei umständlichen Erläuterungen leicht

auf Sand geriet.) Edgar gehorchte, ließ aber nicht ab, den Baron auszufragen.

„Aber vergiß doch nicht, daß der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht

langweilt ihn unsere Gesellschaft.“ Diesmal bezog sie sich selber ein, und der

Baron fühlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment warb.

 

Der Jäger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch hier die richtige

Fährte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor dem Schuß nun zu fühlen.

Seine Augen glänzten, das Blut flog ihm leicht durch die Adern, die Rede

sprudelte ihm, er wußte selbst nicht wie, von den Lippen. Er war, wie jeder stark

erotisch veranlagte Mensch doppelt so gut, doppelt er selbst, wenn er wußte, daß

er Frauen gefiel, so wie manche Schauspieler erst feurig werden, wenn sie die

Hörer, die atmende Masse vor ihnen ganz im Bann spüren. Er war immer ein guter, mit sinnlichen Bildern begabter Erzähler gewesen, aber heute – er trank

ein paar Gläser Champagner dazwischen, den er zu Ehren der neuen

Freundschaft bestellt hatte – übertraf er sich selbst. Er erzählte von indischen

Jagden, denen er als Gastfreund eines hohen aristokratischen englischen

Freundes beigewohnt hatte, klug dies Thema wählend, weil es indifferent war

und er anderseits spürte, wie alles Exotische und für sie Unerreichbare diese

Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das war vor allem Edgar, dessen

Augen vor Begeisterung flammten. Er vergaß zu essen, zu trinken und starrte

dem Erzähler die Worte von den Lippen weg. Nie hatte er gehofft, einen

Menschen wirklich zu sehen, der diese ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen

er in seinen Büchern las, die Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus

und das Dschaggernat, das furchtbare Rad, das tausend Menschen unter seinen

Speichen begrub. Bisher hatte er nie daran gedacht, daß es solche Menschen

wirklich gäbe, so wenig wie er die Länder der Märchen glaubte, und diese

Sekunde sprengte in ihm irgendein großes Gefühl zum ersten Male auf. Er

konnte den Blick von seinem Freunde nicht wenden, starrte mit gepreßtem Atem

auf die Hände da hart vor ihm, die einen Tiger getötet hatten. Kaum wagte er

etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt. Seine rasche

Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erzählungen herauf, er sah den

Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner Schabracke, braune Männer

rechts und links mit kostbaren Turbans und dann plötzlich den Tiger, der mit

seinen gebleckten Zähnen aus dem Dschungel vorsprang und dem Elefanten die

Pranke in den Rüssel schlug. Jetzt erzählte der Baron noch Interessanteres, wie

listig man Elefanten fing, indem man durch alte, gezähmte Tiere die jungen,

wilden und übermütigen in die Verschläge locken ließ: die Augen des Kindes

sprühten Feuer. Da sagte – ihm war, als fiele blitzend ein Messer vor ihm

nieder – die Mama plötzlich, mit einem Blick auf die Uhr: „Neuf heures! Au

lit!“

 

Edgar wurde blaß vor Schreck. Für alle Kinder ist das Zu-Bette-geschickt-

werden ein furchtbares Wort, weil es für sie die offenkundigste Demütigung vor

den Erwachsenen ist, das Eingeständnis, das Stigma der Kindheit, des

Kleinseins, der kindischen Schlafbedürftigkeit. Aber wie furchtbar war solche

Schmach in diesem interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerhörte

Dinge versäumen ließ.

 

„Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das laß mich hören!“

 

Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue Würde als

Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er bloß. Aber seine Mutter war heute merkwürdig streng. „Nein, es ist schon spät. Geh nur hinauf! Sois sage,

Edgar. Ich erzähl dir schon alle die Geschichten des Herrn Barons genau

wieder.“

 

Edgar zögerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette. Aber er wollte

nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz wollte diesem kläglichen

Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit retten.

 

„Aber wirklich, Mama, du erzählst mir alles, alles! Das von den Elefanten und

alles andere!“

 

„Ja, mein Kind.“

 

„Und sofort! Noch heute!“

 

„Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!“

 

Edgar bewunderte sich selbst, daß es ihm gelang, dem Baron und seiner Mama

die Hand zu reichen, ohne zu erröten, obschon das Schluchzen ihm schon ganz

hoch in der Kehle saß. Der Baron beutelte ihm freundschaftlich den Schopf, das

zwang noch ein Lächeln über sein gespanntes Gesicht. Aber dann mußte er rasch

zur Türe eilen, sonst hätten sie gesehen, wie ihm die dicken Tränen über die

Wangen liefen.