Handbuch Strafvollzugsarchitektur, Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung
Architektur
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Die Anstalten im Stadtzentrum sind in der Regel Gerichtsgefängnisse, in denen die Untersuchungshaft beziehungsweise kurze Strafen (in Österreich bis zu 18 Mo-naten) vollzogen werden. Es macht sicherlich Sinn, die Untersuchungshaft in der Nähe des Gefängnisses zu platzieren, zumal sich Gerichtsprozesse über mehrere Wochen und Monate hinziehen können und der Zu- und Abtransport der Häftlinge erhebliche Kosten verursachen würde. Ein weiterer Vorteil ist, dass Gutachter, An-wälte usw. leichter zu erreichen sind. Dies trifft auch für anderes Fachpersonal zu, das nicht ausschließlich in der Anstalt beschäftigt ist, wie zum Beispiel Ärzte, Psycho-logen, Psychiater und Therapeuten. Dieses Personal ist oft auch in einem Spital oder einer Universitätsklinik beschäftigt. Demnach macht es Sinn, die speziellen Thera-pien in Anstalten zu vollziehen, die nicht allzu weit von den Kliniken entfernt sind. In seinem Buch Die Praxis der Unterbringung zurechnungsfähiger geistig abnormer Rechtsbrecher beschreibt W. Gratz die Situation der Justizanstalt Mittersteig:
Die Baulichkeit, in der die Justizanstalt Mittersteig untergebracht ist, liegt im dicht verbauten 5. Wiener Gemeindebezirk. Es handelt sich um ein in den Jahren
192 handbuch strafvollzugsarchitektur
083 Anrainerkontakt
082 Stadtzentrum: Maisson Arreté, Ajaccio 084 Maueraufsatz
1908 bis 1910 errichtetes Gerichtsgebäude, das bis zum Jahre 1979 nur zu einem arch kleinen Teil für Vollzugszwecke genutzt wurde. Die Durchführung des Maßnahmen-itek vollzuges in dieser Baulichkeit bringt Vor- und Nachteile mit sich: Vorteilhaft ist dietur
zentrale Lage der Anstalt in einer Großstadt. Sie erleichtert die Besuche der Ange-hörigen und ermöglicht in optimaler Weise jegliche Form von Außenkontakten. Für die Durchführung von Sozial-Training sind alle Voraussetzungen gegeben. Für den Einsatz von Insassen als Freigänger steht ein sehr großer Arbeitsmarkt und eine weite Palette von Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung. […] Nachteilig ist die unmittelbare Nachbarschaft zu Wohnhäusern. Es besteht die Gefahr von Belästigung der Anrainer und Sicherheitsproblemen. (gratz, S. 146) [abb·082 – 084] Oder architektonisch formuliert:
Die Wirkung der Grenze ist für die Nachbarschaft wesentlich, denn dort, wo diese Schwelle schwer erkennbar oder zu schwach ist, kann es zu Identifikations-problemen und Aggressionen kommen. (illera 2003, S. 249)
Stadtrand
Der Stadtrand scheint als Standort einer Strafvollzugsanstalt geeignet. Die Vorteile der Stadt werden durch die niedrigeren Grundstückspreise und die möglichen Frei-flächen noch potenziert. Mit dem Städtewachstum rücken die Anstalten, die sich bei ihrer Errichtung am Standrand befanden, in den Stadtraum. [abb·079]
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Ländliche Gegend
Auf dem Land macht es wenig Sinn, eine Untersuchungshaftanstalt zu errichten. Auch für Freigängerhäuser und den Entlassungsvollzug, in dessen Programm sich bestimmte Amtswege unter anderem zur Arbeitsbeschaffung finden, ist die ländliche Gegend ungünstig. Für den Normalvollzug hingegen ist das Land gut geeignet, falls es genug Arbeitsmöglichkeiten für die Insassen bietet. Beispiel: In Tschechien wurden im Kommunismus viele Gefängnisse, die auch als Zwangsarbeitslager dienten, in der Nähe der Braunkohlebergwerke errichtet. [abb·085] Die Arbeit schien so gesichert. Doch nach der samtenen Revolution (1989) schlossen die wirtschaftlich nicht relevanten und ökologisch nicht tragbaren Bergwerke und von einem Tag auf den anderen waren die Insassen der Anstalten ohne Arbeit. Durch die Schließung der Bergwerke stieg im gesamten Umkreis die Arbeitslosigkeit. So ist es auch kaum möglich, externe Betriebe in den Strafvollzugsanstalten anzusiedeln, und die Insas-sen bleiben ohne Beschäftigung.
Eine Strafvollzugsanstalt auf dem Land bietet den Bewohnern der umliegenden Dörfer Arbeitsmöglichkeiten, doch ist es aus psychohygienischen Gründen notwen-dig, einen gewissen Ausgleich zu fördern, um nicht die Entstehung von Justizwache-beamten-Familien zu fördern. Untersuchungen in Tschechien haben ergeben, dass sich in Familien, in denen seit Generationen der Beruf des Wachebeamten ausgeübt wird, eine bestimmte Ermüdung einstellt, die zum vermehrten Auftreten des Burnout-Syndroms sowie zu Korruption, Unachtsamkeit und Unflexibilität gegenüber Neue-rungen führt.
Aus der Sicht des geeigneten Standortes einer Strafvollzugsanstalt kann man den Strafvollzug demnach in vier Strafvollzugsetappen einteilen:
• Untersuchungshaft: Stadtzentrum, Gerichtsgefängnis • Normalvollzug (offen und geschlossen): Stadtrand, Land • Therapievollzug: Stadtrand, im Anschluss an diverse Kliniken • Entlassungsvollzug: Stadtrand, eventuell Stadtzentrum
Raumprogramm einer Justizanstalt
Eine der Ursachen für die andauernde Stagnation einer Strafvollzugsarchitekturent-wicklung liegt in den immer wieder unreflektiert übernommenen Vorgaben diverser Ausschreibungen. Meist unter dem Begriff ›Raum- und Funktionsprogramm‹ finden wir Angaben hinsichtlich der Raumbezeichnung und der dafür vorgesehenen Flächenmaße.
Eine Architektur, die auf die realen Bedürfnisse des Strafvollzugsalltags eingeht, kann nur dort entstehen, wo ein Hinterfragen möglich ist. Ein Bauprogramm sollte demnach basierend auf der Analyse folgender Bereiche entstehen:
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085 Standort: am Land
• Lage der Anstalt (Stadt, Land etc.) • In welchem Gefüge (Staat, Bundesland, Stadt) befindet sich
das angedachte Projekt?
• Umfeldanalyse hinsichtlich der Wechselwirkungen / Synergien: arch Bietet die Anstalt Arbeitsplätze für die in der Gegend lebenden Menschen?itek Bieten die in der Umgebung angesiedelten Betriebe möglicherweise Arbeittur
für die Insassen?
• Welche bestehenden Anstalten sollen durch den Neubau
entlastet /ergänzt werden?
• Vollzugsarten (Untersuchungshaft, Strafvollzug) • Vollzugsregime (offen /geschlossen, Freigang, wg-Vollzug) • Insassenarten /Insassenzahl (Männer, Frauen, Jugendliche etc.) • Besonderheiten (Therapien, Schießkeller etc.)
Nach der Beantwortung der oben genannten Fragen, die auch hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit untersucht werden müssen, kann ein Funktionsprogramm erstellt werden. Dabei kann man von folgender Teilung ausgehen:
1. Eingangsbereich / Schleuse
2. Administrationsbereich
3. Zugang, Abgang, Aufnahme der Insassen
4. Besucherbereich
5. Unterkünfte der Insassen
6. Räume der Gesundheitsfürsorge
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7. Betriebe: Wäscherei, Küche, Hauswerkstätten,
Arbeitswerkstätten, Systemerhaltung
8. Schulungs- und Therapieräume
9. Sportanlagen
10. Freizeiträume
11. Außenanlagen, Stellplätze, Garagen
12. Technische Räume
Nach der Analyse der Anordnung dieser Funktionsbereiche, die sich zwangsläufig durch die Anbindungen an den öffentlichen Raum sowie die konkreten Baugrund-spezifika ergibt, kann mit der Erstellung eines Raumprogrammes begonnen werden.
Diesbezüglich ist eine Analyse vorangegangener Bauprojekte, hinsichtlich der Strafvollzugsalltagstauglichkeit, unumgänglich. Nur so kann eine Wiederholung von suboptimalen Lösungen vermieden werden.
Das Raumprogramm entsteht aufgrund von gesetzlich geregelten Tätigkeits-abläufen die im Strafvollzugsgesetz aufgelistet sind (siehe dazu Ermittlung der Haftraummindestgröße nach A.S.).
Dieses Vorgehen ermöglicht eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema der Strafvollzugsarchitektur, die die Voraussetzung für eine zeitgemäße bauliche Lösung darstellt.
Funktionen, Tätigkeiten, Abläufe und Raumbedürfnisse
am Beispiel der Tätigkeiten der Insassen
Funktionen: Die Funktionen eines Raumes werden meist anhand der in ihm hauptsächlich ausgeführten Tätigkeit definiert. (Primärfunktion)
Beispiele:
• Schlafzimmer: Schlafen,
• Badezimmer: Baden etc.
Tätigkeiten: Die Primärfunktion beinhaltet meist eine Reihe von Tätigkeiten, ohne die sie nicht ausgeführt werden kann.
Beispiel:
• Schlafen: Betten machen, Ausziehen; • Baden: Waschen, Abtrocknen, An-und Ausziehen etc. Raumbedürfnisse: Alle ermittelten Tätigkeiten müssen auf ihre Raumbedürfnisse untersucht werden. So kann einerseits die Mindestgröße der Räume, aber auch deren Abfolge (Typologie) bestimmt werden. Oftmals ergeben sich aus der Primär-funktion Tätigkeiten, die besser in einem baulich abgetrennten Raum stattfinden sollten.
Beispiel:
Teilung der Haftraumes in Wohnraum und Nasszelle
Die Zuordnung mancher Räume zu bestimmten Bereichen ist teilweise Ansichtssache.
196 handbuch strafvollzugsarchitektur Aufnahmeprozeduren und Gehorsamsproben werden mitunter zu einer Art Initiation verfeinert, die ›Willkommen‹ genannt wird und bei der das Personal oder die Insas-sen, oder auch beide, sich alle Mühe geben, um dem Neuling einen klaren Begriff von seiner Zwangslage zu geben. […] Sobald dem Insassen seine persönliche Habe genommen ist, muss zumindest einiges durch die Anstalt ersetzt werden; dies er-folgt jedoch in standardisierter Form, die betreffenden Gegenstände wie die Art der Verteilung sind uniform. Diese Ersatzgegenstände sind deutlich als der Anstalt gehörend gekennzeichnet und in manchen Fällen werden sie von allen Spuren einer Identifikation gereinigt. (goffman 1973, S. 28f)
Beispiel
Funktion:
• Durchsuchen von mitgebrachten Paketen bei Besuchen Tätigkeit:
• Öffnen der Pakete
• Ausräumen der Pakete
• Untersuchen der einzelnen Gegenstände • Händewaschen
Raumbedürfnisse:
• Raum zum Durchsuchen
• wc / Waschgelegenheit des Personals Bei der Situierung dieser Räume gibt es verschiedene Möglichkeiten: 1. Möglichkeit: im Bereich der Kontrolle der Post
2. Möglichkeit: in der Nähe der Personenschleuse im Eingangsbereich 3. Möglichkeit: im Besucherbereich (während des Besuches, so dass der Besucher die unerlaubten Gegenstände wieder mitnehmen kann)
Die verschiedenen Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile und manche Länder verbieten das Mitbringen von Paketen bei den Besuchen gänzlich. Die Ermittlung der Mindestgrößen der Räume ist eine sehr umfassende Komponente und wird in diesem Kapitel unten am Beispiel der Haftraummindestgröße dargestellt.
In einer Strafvollzugsanstalt finden auf den ersten Blick die gleichen Tätigkeiten wie arch in Freiheit statt. Durch die Situation des Freiheitsentzuges und der Kontrolle kommenitek einige Spezifika hinzu.tur
Aufnahme
Die Aufnahme eines Gefangenen in den Strafvollzug kann
auf drei verschiedeneArten erfolgen:
• Antritt aus der Freiheit
• Zubringen durch die Polizei
• Überstellung nach der Untersuchungshaft Der Aufnahmebereich wird auch Filter genannt. In diesem Bereich wird der Verurteilte zum Anstaltsinsassen. Dazu E. Goffman:
Die Aufnahmeprozedur kann als ein Ent- und Bekleiden gekennzeichnet werden, wobei der Mittelpunkt physische Nacktheit ist. Selbstverständlich gehört zum Entkleiden auch die Wegnahme des Eigentums, denn die Menschen pflegen ihre persönliche Habe emotional zu besetzen. […] Die Wichtigkeit der Aufnahmeunter-suchung für die Selbstmordverhütung kann daher gar nicht genug unterstrichen werden. Sie soll noch am Tag der Aufnahme, spätestens binnen 24 Stunden erfolgen, insbesondere Selbstverletzungen, Selbstmordversuche, psychiatrische Behandlun-gen und Alkohol- und /oder Drogenabhängigkeit in der Anamnese erfragen. [..])
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Eine Garnitur persönlicher Sachen hat eine besondere Bedeutung für das Selbst des Individuums. Der Einzelne nimmt normalerweise an, dass ihm eine gewisse Kon-trolle darüber zusteht, in welcher Gestalt er vor anderen erscheinen will. Zu diesem Zweck benötigt er sowohl kosmetische Artikel und Kleidung als auch bestimmte Geräte, um jene zu verwenden, in Ordnung zu halten und zu reparieren, sowie einen zugänglichen, gesicherten Platz zur Aufbewahrung dieser Vorräte und Werkzeuge – kurz, der Einzelne braucht eine Art ›Identitäts-Ausrüstung‹ zur Aufrechterhaltung seiner persönlichen Fassade. (goffman 1973, S. 30)
Funktion:
• Aufnahme des Verurteilten in die Anstalt Tätigkeiten:
• Zubringen des Verurteilten
• Auskleiden und Durchsuchen des Gefangenen • Duschen / Desinfizieren des Gefangenen • Ankleiden des Gefangenen
• Registrieren des Gefangenen
• Aushändigen der Anstaltskleidung, -wäsche und des -bedarfs • Zuführen zum Haftraum
Raumbedürfnisse:
• Warteräume für Zugänge mit wc und Waschgelegenheit • Auskleide- und Durchsuchungsraum • Dusche und wc
• Ankleideraum
• Erkennungsdienst mit Photostudio und Labor, • Lager des Erkennungsdienstes
• Lager der Zivilkleidung
• Lager für Anstaltskleidung, Wäsche, Anstaltsbedarf • Bügel-, Näh- und Flickraum
• Wasch- und Trockenraum für Privatwäsche der Zugänge
198 handbuch strafvollzugsarchitektur • Putzraum und Waschmittellager • Raum für Schmutzwäsche
• Desinfektionsraum
• Büros, wc und Waschgelegenheit für Bedienstete • Putzraum und Waschmittellager • Lagerräume (mehrere)
Die Tätigkeitsabfolge ist aus dem Ablaufschema ›Aufnahme‹ ersichtlich. [abb·086]
Entlassung
Entlassen werden (aus der Justizvollzugsanstalt): seinen Abgang machen; Feierabend haben; gehen; an die Luft gehen; rausgeworfen werden; rauskommen; (laubenthal 2001, S. 198)
Funktion:
• Entlassung des Strafvollzugsinsassen Tätigkeiten:
• Auskleiden und Durchsuchen des abgehenden Insassen • Aushändigen der Privatkleidung und -sachen • Ankleiden des abgehenden Insassen (eigene Privatkleidung
oder aus der Kleiderspende)
• Abmelden des Insassen arch • Abgabe der Anstaltskleidung, der -wäsche und des -bedarfsitek • Begleiten des Insassen zur Torwachetur Raumbedürfnisse:
• Warteräume für Abgänge mit wc und Waschgelegenheit • Auskleide- und Durchsuchungsraum • Dusche und wc
• Ankleideraum
• Erkennungsdienst mit Photostudio und Labor • Lager des Erkennungsdienstes • Lager der Zivilkleidung
• Schmutzwäscheraum
• Raum für Zivilkleidung und Effekten • Raum für Fürsorgebekleidung • Putzraum und Waschmittellager • Raum für Schmutzwäsche
• Büros, wc und Waschgelegenheit für Bedienstete • Putzraum und Waschmittellager • Lagerräume (mehrere)
Die Tätigkeitsabfolge ist aus dem Ablaufschema ›Entlassung‹ ersichtlich. [abb·087]
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Torwache Zahlstelle Fahrzeugschleuse
Zugangshafträume Warteraum mit wc
Auskleide- und Raum für Zivil-
Durchsuchungsraum kleidung und Effekten
Aufnahme Dusche / wc Schmutzwäscheraum Personen
Sachen
Einkleideraum / Wäscherei
Handkammer
Anstaltskleidung,
Aufnahme- und -wäsche, -bedarf
Entlassungsraum
Erkennungs-
dienstraum
Warteraum mit wc
Hafträume
086 Ablaufschema: Aufnahme
Eskorte
Der Insasse kann aus verschiedenen Gründen eskortiert werden: gerichtliche Ver-handlung (wegen weiterer Delikte), Arztbesuch, Verlegung in eine andere Anstalt. Der Insasse verlässt die Anstalt durch den Bereich der Entlassung beziehungsweise Aufnahme, ohne die jeweiligen Prozeduren zu durchlaufen, es sei denn in der Anstalt ist keine Zivilkleidung erlaubt. Dann wird dem Gefangenen seine persönliche Klei-dung im Bereich der Entlassung ausgehändigt und er zieht sich im Ankleideraum um. Seine Anstaltskleidung bleibt in der Anstalt. Bei einem medizinischen Notfall hat die Gesundheit des Insassen Priorität und weitere Prozeduren entfallen. Funktion:
• Eskortieren des Insassen
Tätigkeiten:
• Abholen des Insassen durch den Wachebeamten und Zuführen
zum Aufnahme- und Entlassungsbereich
200 handbuch strafvollzugsarchitektur
Hafträume
Warteraum mit wc Schmutzwäscheraum
Auskleide- und Wäscherei
Durchsuchungsraum
Anstaltskleidung,
Entlassung Dusche / wc -wäsche, -bedarf Personen
Sachen
Einkleideraum / Raum für Zivil-
Handkammer kleidung und Effekten
Abgangs- Aufnahme- und Raum für hafträume Entlassungsraum Fürsorgebekleidung
Warteraum für
abgehende
Gefangene
a
r
c
Torwache it Zahlstelleh
Fahrzeugschleuse e
k
t
u
r
087 Ablaufschema: Entlassung
• Aushändigen der Privatkleidung • Auskleiden und Durchsuchen des Insassen • Ankleiden des Insassen
(eigene Privatkleidung oder aus der Kleiderspende)
Raumbedürfnisse: siehe Aufnahme / Entlassung
Eigene Warteräume für Insassen, die eskortiert werden, um unerwünschten Kontakt (Weitergabe von Substanzen etc.) zu vermeiden.
Wie ersichtlich, brauchen Aufnahme, Entlassung und Eskorte zum Teil die gleichen Räume. Es ist notwendig, diese so anzulegen, dass sich die zugehenden, abgehen-den und die zu eskortierenden Häftlinge nicht begegnen. In alten Anstalten, in denen das nicht der Fall ist, wird dies als Unzulänglichkeit wahrgenommen.
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088 Ausblick oder ›Käfig‹ 089 ›Wohnklo‹
090 ›Nato-Rolle‹ 091 Haftraum – Schwelle
Unterkunft
Haftraum: Appartement; Brotfach; Hütte; Justizschließfach; Käfig; Kombüse; Loch; Luftraum; Schließfach; Separee; Suite; Turm; Wohnklo; Zwinger; mit abgestaubten Gegenständen gefüllter: Hamsterhöhle; (laubenthal 2001, S. 201) [abb·088 – 092]
Die Unterkunft des Insassen ist primär der Haftraum. Sekundär können ihm jedoch weitere Räume zur ›freien‹ Nutzung zur Verfügung gestellt werden.
›Das Zuhause‹, das ist die bekannte Dimension der ›vier Wände‹, mit einer über-schaubaren und erträglichen Anzahl von umgebenden Menschen unter Auswahl der gewohnten Orte nach dem Bedarf des eigenen Befindens. (illera 2003, S. 185)
Dieter: »Ich bleibe in meinem Wohnklo. Der Knast, in dem ich hier bin, ist eine richtige alte Burg. Früher soll’s mal ein Kloster gewesen sein, dann haben die den Bau immer wieder umgebaut und vergrößert. Ich bin hier auf Haus ii. Nachdem ich vier Wochen im Zuganghaus war, bin ich hierher gekommen. Hier hab ich jetzt meine Zelle. Oder besser mein Wohnklo, denn hier musst du ja alles in einem Raum erledigen: Schlafen, Essen, Scheißen … Ich hab’ ja noch Glück, in manchen Zellen liegen zwei Mann, weil der ganze Knast restlos überbelegt ist. Normal können hier so um die 500 Gefangenen untergebracht werden, jetzt sollen über 600 Leute
202 handbuch strafvollzugsarchitektur
092 Nächtliche Sicherheitsbeleuchtung ›Knastmond‹
hier sein. Neben diesem Zellenhaus gibt es noch vier weitere, jeweils mit etwa 100 Zellen. Daneben noch die Arbeitsgebäude, Wirtschaftsgebäude und die Verwaltung. Zwischen den einzelnen Häusern sind dann noch der Sportplatz und die Fläche für
den Hofgang. Die kann man von meinem Zellenfenster aus sehen. Drum herum wie arch üblich die Mauer … da haben die hier sogar noch Nato-Stacheldraht oben drauf-itek gesetzt, obwohl die Mauer fast sechs Meter hoch ist… Das ist total für die Katz. Wertur
springt denn heute noch über die Mauer, das muss ja ein Bekloppter sein. Wenn jemand den Abflug machen will, dann macht er das im Hafturlaub oder während des Ausganges oder so … aber doch nicht über die Mauer. Die lassen sich hier noch so völlig bekloppte Sicherheitssachen einfallen: Nachts sind die Scheinwerfer an, in den Türmen sitzen Beamte mit ‘ner Knarre … Von meiner Zelle kann ich nachts die Scheinwerfer sehen, sieht immer wieder gespenstisch aus, wie im Film. Hier im Zellenbau läuft das so, dass drei Beamte ständig Dienst machen. Die schließen dann die Zellen auf und ab, schauen, dass der Laden läuft … Letztlich sind die froh, wenn wir auf der Zelle sind, wenn die Schließfächer zu sind. Da haben sie ja am wenigsten zu tun. In der Freistunde will ja jeder was … ist ein Kommen und Gehen. Da werden manche Beamten völlig nervig … wir haben da einige Spezialisten hier, die sollen lieber zur Bundeswehr … Gott sei dank gibt es aber noch andere. Gerade in letzter Zeit laufen hier ja die letzten Angebote: ständig Zellenrazzia, ständige Verordnungen, was man darf und was nicht … Jetzt sollen sogar die Bilder von den Wänden genom-men und die Anzahl der Bücher festgelegt werden … Ist ja wie im Kindergarten. So manche Grüne machen ständig Zellenkontrollen, damit sie ‘ne Meldung schreiben können. Das läuft nicht nur hier so, ich habe von anderen Gefangenen gehört, dass
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die in anderen Knästen genauso ausflippen. Ständige Hausverordnungen – manchmal hab’ ich den Eindruck, die machen sich selbst die Arbeit hier. Wenn ich von der Arbeit komm’, die ist ja hier total bekloppt … dann hau’ ich mich gleich aufs Bett. Ich will meine Ruhe haben. Im ganzen Zellenbau ist ja dann der Teufel los: ständig Lautsprecherdurchsagen, Schlüsselgerassel …, da bleib ich in meinem Wohnklo oder geh’ in der Freistunde mal zum Kumpel auf die Zelle. Am besten du lässt den ganzen Betrieb hier im Haus an dir vorbeilaufen, denn so richtige Angebote laufen hier ja nicht … dafür haben die ja wichtigere Dinge zu tun …« (ortner 1988, S. 69f)
Funktion:
• Unterbringen der Insassen. (Das Unterbringen der Insassen erfolgt in verschiedenen Abteilungen, die ihre Spezifika haben.)
Tätigkeiten:
• Schlafen
• Essen
• Waschen
• Schreiben / Lesen
• Ausruhen
• Körperliche Ertüchtigung.
Die genaue Auflistung aller Tätigkeiten kann dem Strafvollzugsgesetz entnommen werden. Im geschlossenen Vollzug müssen diese Tätigkeiten im Haftraum ermög-licht werden. Der offene Vollzug bietet hingegen die Möglichkeit der ›freien‹ Nut-zung anderer Räume der Abteilung. Meist sind dies ein Gruppenraum, ein Sport-raum, eine kleine Küche etc. So kann zum Beispiel das Zubereiten von Kaffee und Tee aus dem Haftraum in die Abteilungsküche ›ausgelagert‹ werden. Raumbedürfnisse: Siehe Ermittlung der Haftraummindestgröße nach A.S.
Arbeit
Arbeitspflicht
§ 44 (1) Jeder arbeitsfähige Strafgefangene ist verpflichtet, Arbeit zu leisten. (2) Zur Arbeit verpflichtete Strafgefangene haben die Arbeiten zu verrichten, die ihnen zugewiesen werden. Zu Arbeiten, die für die Strafgefangenen mit einer Lebensgefahr oder Gefahr schweren Schadens an ihrer Gesundheit verbunden sind, dürfen sie nicht herangezogen werden. (St )
Arbeit ist einer der wichtigsten Bereiche, in denen das soziale Lernen im Vollzug einsetzt. Ein guter Teil der Strafgefangenen ist nur mäßig ausgebildet und regelmä-ßige Arbeit nicht gewöhnt. Diese Mängel gilt es im Vollzug so weit als möglich zu beheben, um die Chance auf ein straffreies Leben nach der Haft zu verbessern. Wie weit es gelingt, diese Zielvorstellung zu verwirklichen, hängt nicht nur vom Arbeits-
204 handbuch strafvollzugsarchitektur
093 Arbeitsbetrieb: Sortierarbeit 094 Still stehende Betriebe
angebot in den Anstalten, sondern sehr wesentlich auch von den Persönlichkeits-schwächen und Sozialisierungsmängeln der Strafgefangenen ab. Es ist zu erwarten, dass sich das Arbeitswesen in den Anstalten, das derzeit zum Teil noch kleinhand-werklich strukturiert ist, zunehmend in Richtung Übernahme einfacher Arbeiten aus der Wirtschaft entwickelt, bei denen auch Personen, die nicht oder nicht weiter qualifizierbar sind, Beschäftigung finden können. Landwirtschaftliche Arbeiten wer-den, von gewissen arbeitstherapeutischen Tätigkeiten abgesehen, zurückgedrängt werden müssen, weil nur wenige Strafgefangene für diese schwere Arbeit geeignet sind und Ausbildung und Arbeit in diesem Bereich kaum mehr die Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Eine wesentliche Ergänzung für die Arbeit in den
Anstalten ist die Arbeit im Freigang, bei der sich der Strafgefangene am freien Markt arch und nicht im geschützten Bereich einer Justizanstalt zu bewähren hat. Hier hat alsitek Maxime zu gelten, dass jeder Strafgefangene, der aus tatsächlichen und rechtlichentur
Gründen für den Freigang geeignet ist, auf einen Freigangsarbeitsplatz zu bringen ist. (drexler, Stvg Rz 1, 2003) [abb·093·094]
Arbeitsfähige Untersuchungshäftlinge über achtzehn Jahre können unter den für Strafgefangene geltenden Bedingungen arbeiten, wenn sie sich dazu bereit erklären und die Arbeit ohne Beeinträchtigung der Sicherheit und Ordnung in der Anstalt möglich ist und von ihr auch keine Nachteile für das gerichtliche Untersuchungs-verfahren zu befürchten sind. Dazu ist eine Erklärung (Zustimmung) des Untersu-chungsrichters bzw. Vorsitzenden notwendig. (bmj, Strafvollzug in Österreich, 2004)
Arbeitsverschaffung
Die Insassen werden entweder in der Anstalt, d.h. in den hauseigenen Betrieben oder in der Systemerhaltung, oder außerhalb der Anstalt in anstaltsfremden Betrieben beschäftigt.
Arbeitspflicht
Die durchschnittliche Arbeitszeit der Strafgefangenen pro Tag beträgt ca. 6 Stunden. Im langjährigen Durchschnitt liegt der Beschäftigungsanteil auf knapp über 80 %
205
der Strafgefangenen. Die Beschäftigung mit nützlicher Arbeit hat sich als sinnvoll erwiesen, um eine längere Haft erträglich zu machen. Weiter sollen Fähigkeiten vermittelt werden, die nach der Entlassung den Aufbau einer geordneten Existenz erleichtern. Insgesamt hat Arbeit im Strafvollzug einen hohen Stellenwert. Aus der Perspektive der Häftlinge ist die Arbeit ein wesentlicher Faktor, um an den sozialen Kontakten einer Justizanstalt teilnehmen zu können, und zugleich die einzige Mög-lichkeit für den Insassen, Geld während der Haft zu verdienen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Arbeitswesens ist die Erhaltung bzw. Verbesserung der beruflichen Qualifikation der Insassen sowie deren sinnvolle Beschäftigung. Arbeit ist eine be-stimmende Voraussetzung dafür, die Insassen positiv beeinflussen zu können, und sie ist ein wichtiger Faktor für die Resozialisierung. Seit 1. 1. 1994 sind arbeitende Insassen in die Arbeitslosenversicherung eingebunden und haben nach der Entlas-sung entsprechende Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung. Die Berechnung der Arbeitsvergütung für arbeitende Insassen ist seit diesem Zeitpunkt an den Kollektivvertrag der Metallarbeiter gebunden. Zugleich sind die Insassen seit diesem Zeitpunkt zur Leistung eines Vollzugskostenbeitrages verpflichtet.
Arbeitsentgelt der Insassen
Die Höhe der Arbeitsvergütung für Insassen ist entsprechend dem von der Statistik Österreich errechneten Tariflohnindex indexgesichert und beträgt derzeit für die geleistete Arbeitsstunde:
a) für leichte Hilfsarbeiten 4,27 Euro
b) für schwere Hilfsarbeiten 4,81 Euro
c) für handwerksgemäße Arbeiten 5,35 Euro
d) für Facharbeiten 5,87 Euro
e) für Arbeiten eines Vorarbeiters 6,41 Euro. (bmj, Strafvollzug in Österreich, 2004)
Funktion:
• Sinnvolle Beschäftigung des Insassen Tätigkeiten: Die Tätigkeiten sind von der zu verrichtenden Arbeit abhängig. Die häufigsten Arbeiten der Strafvollzugsinsassen sind:
• Systemerhaltungsarbeiten:
– Dienst in der Anstaltsküche
– Dienst in der Anstaltswäscherei
– Dienst in der Anstaltsbibliothek
– Reinigen der Anstalt
• Arbeit in den anstaltsinternen Werkstätten (kleine Reparaturarbeiten). • Auftragsarbeiten:
– Komplettierungsarbeiten (Steckdosen, Kugelschreiber etc.) – Schreibarbeiten
– Call-Center
206 handbuch strafvollzugsarchitektur • Manche Anstalten verfügen über: – Druckereien
– Tischlereien
– Autowerkstätten
– Viehzucht
– Glasereien
Raumbedürfnisse: Abgesehen von den Raumbedürfnissen, die aus den jeweiligen Tätigkeiten resultieren, müssen noch Sammelorte zum Aufstellen, Abzählen und Abführen, Pausenräume sowie wcs mit Waschgelegenheit der Insassen bedacht werden. Die meisten Arbeitsräume haben einen kleinen verglasten Bereich, in dem die Justizwachebeamten über die Insassen wachen. [abb·095 – 099]
Besonders gefährliche Rechtsbrecher arbeiten meist in ihrem Haftraum. Da sie oft eine lange Haftstrafe verbüßen, sollten ihre Hafträume dementsprechend ausgestattet und dimensioniert werden. Hierbei muss vor allem das Verstauen von Arbeitsmaterial und den fertigen Arbeitsprodukten berücksichtigt werden.
Manfred: »Zweieinhalbtausend Kugelschreiber am Tag. Ich arbeite derzeit im Kugelschreiber-Betrieb, hier auch das ›Minen-Geschwader‹. Jeden Tag stecke ich dann runde zweieinhalbtausend Kugelschreiber zusammen … das ist nervtötend … Aber mir ist das lieber, als den ganzen Tag in der Zelle zu sitzen. Ich brauche doch ein paar Leute, mit denen ich mich auch mal am Tage unterhalten kann; ich brauche
Abwechslung, sonst geht die Zeit nicht rum und ich brauche ja auch Geld … auch arch wenn es so wenig ist.« (ortner 1988, S. 70)itektur
Schulung
Ausbildung der Insassen
– Berufsausbildung (§ 48 Stvg) – Erzieherische Betreuung (§ 56 Stvg) – Unterricht und Fortbildung (§ 57 Stvg) Grundsätzlich gibt es folgende Möglichkeiten der Aus- und Fortbildung:
Facharbeiterintensivausbildung
Die Facharbeiterintensivausbildung ist eine Kurzausbildung in der Dauer von 8 – 12 Monaten. Die Ausbildung findet in Zusammenarbeit mit dem ams und dem bfi in der Strafvollzugsanstalt (im jeweiligen Lehrbetrieb) statt und die Teilnehmer erhalten ein neutrales Zeugnis, aus dem nicht hervorgeht, dass sie diese Ausbildung in einer Justizvollzugsanstalt absolviert haben.
In Österreich finden folgende Facharbeiterausbildungen statt: • ja Wien-Simmering: 6 Berufe, rund 50 Teilnehmer • ja Stein: 2 Berufe, rund 25 Teilnehmer • ja Sonnberg: 1 Beruf, rund 15 Teilnehmer • ja Schwarzau: 1 Beruf, rund 15 Teilnehmer
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095 Arbeitsbereich Justizwache: Arbeitsplatzleitung
Fachkurse
Die meisten Fachkurse werden in Zusammenarbeit mit dem bfi oder wifi abge-halten. Diese Kurse sind von kürzerer Dauer als die Facharbeiterintensivausbildung und die Teilnehmer erhalten eine Teilnahmebestätigung. Folgende Kurse werden angeboten: Servier- und Kochkurse, Sprachkurse, Staplerfahrerkurse, edv-Kurse, Schweißkurse, Kurse zur Persönlichkeitsbildung usw.
Freigang zur Fortsetzung der Schul- und Berufsausbildung (§ 126 Abs. 2 Z3 Stvg): Jährlich werden in Österreich rund 150 solcher Freigänge gewährt.
Fernkurse:
Hierbei handelt es sich vor allem um Fernstudien. 2004 haben etwa 15 Strafgefangene ein Mittelschulstudium und 15 Strafgefangene ein Universitäts- bzw. Hochschul-studium betrieben.
Berufsschulunterricht:
Im Gegensatz zur Facharbeiterausbildung dauert diese Ausbildung 3 Jahre. Sie wird in den Anstalten ja für Jugendliche Gerasdorf und in der ja Graz-Karlau, in eigenen Berufsschulen des Bundes angeboten. In der ja Klagenfurt besteht die Möglichkeit für Häftlinge, die vor ihrer Festhaltung eine Berufsausbildung begonnen hatten, diese in einer öffentlichen Berufsschule fortzusetzen, bzw. kommen diese Berufs-schullehrer in die ja Klagenfurt.
Pflichtschulunterricht für jugendliche Strafgefangene:
Dieser Unterricht findet in der ja für Jugendliche Gerasdorf, in der ja Schwarzau für die weiblichen jugendlichen Strafgefangenen und nach Bedarf auch in den Jugend-abteilungen der Gerichtshofgefängnisse – insbesondere im Jugenddepartement
208 handbuch strafvollzugsarchitektur
096 Spazierhof – Wachturm 097 Überwachung – Besucherraum
098 Tagesraum der Justizwache 099 Besucherraum – Überwachung
der ja Wien-Josefstadt – statt. Fortbildender Unterricht für Jugendliche: Wie zum arch Beispiel muttersprachlicher Zusatzunterricht im Jugenddepartement der ja Wien-itek Josefstadt.tur
edv-Unterricht:
In vielen Justizanstalten ist es möglich, den Europäischen Computerführerschein zu erwerben.
Equal-Projekt ›Telelernen für Insassen von Justizanstalten‹:
Dieses von der eu geförderte Projekt hat im Herbst 2002 für eine Dauer von 3 Jahren begonnen. Folgender Unterricht wird angeboten: cad-Basisausbildung, Buchhaltung, theoretische Inhalte in Metall- und Holzbereich, Lagerarbeit, Sprachen etc. (bmj, Strafvollzug in Österreich, 2004)
Funktion:
• Aus- / Fortbildung der Insassen Tätigkeiten:
• Schreiben
• Lesen
• Lernen
Raumbedürfnisse:
• Schulungsräume
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• wc mit Waschgelegenheit für Instruktoren • wc mit Waschgelegenheit für Insassen • Lehrmittelkammer (Hi-Tech-Geräte)
Therapie
Funktion:
• Therapieren des /der Insassen
Tätigkeiten:
• je nach Therapieart
Raumbedürfnisse:
• Therapieräume, die optisch und akustisch abgetrennt sind • wc mit Waschgelegenheit für Therapeuten • wc mit Waschgelegenheit für Insassen • Lagerraum für Therapiebehelfe (Hi-Tech-Geräte, Matten etc.) Aufgrund von Raummangel werden in bereits bestehenden Anstalten oft Gruppen-räume der Abteilungen für Therapiegruppen genützt. Diese sind meist ungeeignet, da sie weder optisch noch akustisch genügend abgetrennt werden können und so die vertraulich in der Therapie besprochenen Themen nach außen dringen, was wiederum die Therapieerfolge erheblich schmälern kann. [abb·100] Auch benötigt ein Gruppenraum eine andere Möblierung als ein Therapieraum.
Freizeit
Manfred: »Die meisten hängen rum. Freizeit – das bedeutet, dass wir uns hier während einer festgelegten Zeit innerhalb unseres Hauses frei bewegen können. Während dieser Zeit sind dann die Zellen geöffnet. Hier in der Anstalt ist das wochen-tags nach der Arbeit von 15.15 Uhr bis 21.15 Uhr. Ausgenommen ist der Montag, da geht die Freizeit nur bis halb sieben abends. An den Wochenenden ist es so, dass wir dann von 13 Uhr bis 16.30 Uhr die Zellen auf haben. In diese Zeit fällt auch die tägliche Freistunde, also die Bewegung im Freien. Da kann man dann unten im Hof seine Runden drehen oder Sport machen. Die Freizeitregelung ist hier schon recht gut im Vergleich zu anderen Gefängnissen. Von Mitgefangenen weiß ich, dass es nicht überall so zugeht. Das hat hier mit dem Anstaltsleiter zu tun, der als liberal gilt und der das gegen den Widerstand des Aufsichtspersonals durchgesetzt hat. Denn Beamte wollen ja am liebsten, dass die Gefangenen in der Zelle sind, das macht am wenigsten Arbeit. Jedenfalls ist das ganz gut mit der offenen Zellentür, ich selbst bleibe dennoch oft auf meiner Zelle. Dann lese ich, schreibe meiner Frau oder bastle auch mal was. Während der Freizeit gibt es verschiedene Gruppen und Angebote hier im Haus: Theater, kirchliche Gesprächskreise, dann verschiedene Diskussions-gruppen, wie Selbsterfahrung, Ausländergruppen, aber auch Bastel-, Zeichen- und Musikangebote. Daneben gibt es auch noch ein paar Kurse Deutsch für Ausländer.
210 handbuch strafvollzugsarchitektur
100 Therapieraum
Der Nachteil der Gruppen ist aber, dass sie mal stattfinden, mal nicht … das ist meistens eine recht unsichere Sache … die Gruppenmitglieder wechseln oft … Am beliebtesten sind die Sportgruppen: Fußball, Tischtennis, Kraftsport, Laufen ….
Hier gibt es richtige Profis, die üben jeden Tag. Einmal im Jahr soll sogar ein großes arch Sportfest stattfinden, ich glaube, es ist irgendwann im Juli. Die meisten Leute hier –itek so sehe ich es – hängen aber eher rum. Da gibt es verschiedenen Cliquen, die sichtur
abschotten, da kommt nicht jeder rein: die Ausländer, die Jüngeren, die Älteren, die Drogenleute, die Alkoholiker und andere kleinere Gruppierungen. Da gibt es teil-weise untereinander Rivalitäten, Kämpfe … ich beteilige mich daran nicht … Mir fehlt der Durchblick, außerdem habe ich Angst, ja Angst … irgendwo reingezogen zu werden. Ich will meinen Knast abmachen und schnellstens wieder zu meiner Familie, nichts sonst. Andere, die schon lange Jahre im Knast waren, sehen das anders. Die kennen sich ja schon, sehen sich hier wieder … Die meisten Leute sind hier in ihrer Freizeit sehr träge und passiv. Entweder spielen sie stundenlang Skat oder glotzen unten im Gemeinschaftsraum Fernsehen. Da wird immer das Abendprogramm von tags zuvor gezeigt und da sitzen die meisten. Andere Gruppenräume gibt es auf unserem Haus nicht, so hängen die meisten im Fernsehraum oder auf den Gängen herum … Richtig geht einfach nichts. Während der Freizeit – aber nicht nur dort – wird sehr viel geraucht und Kaffee getrunken, werden Tauschgeschäfte gemacht und das übliche Handeln hier im Gefängnis. Da kommt es schon vor, dass drogen-abhängige Leute einem eine Uhr anbieten, um sich Stoff zu kaufen, den es hier natürlich trotz aller Kontrollen gibt. Er kommt auf verschiedenen Wegen rein … jedenfalls ist er da. Während der Freizeit ist auch einmal wöchentlich Wäschetausch,
211
102 Freizeitraum am Gang
101 Sportraum 103 Sportraum
das heißt jeder Gefangene kann seine dreckige Wäsche tauschen. Aber das ist hier ein Dilemma, es gibt viel zu wenig Tauschwäsche … Überhaupt ist die Freizeit eigent-lich doch keine Freizeit, denn letztlich passiert alles kontrolliert, nach festen Zeiten. So ›frei‹ ist das nicht …« (ortner 1988, S. 73)
Es verfügen alle Justizanstalten über eine Gefängnisbücherei, in der die Insassen Bücher (auch fremdsprachige Literatur) entlehnen können. Österreichweit stehen diesen Büchereien rund 180.000 Bücher zur Verfügung. In vielen Gefängnisbüche-reien liegen auch Zeitschriften und Zeitungen auf. Video-, Audio- bzw. Spiele-Theken ergänzen das umfangreiche Buchangebot. Neben der Möglichkeit, am Rundfunk-und Fernsehempfang teilzunehmen, gibt es zahlreiche Hobby-, Musik- und Theater-gruppen, die eine sinnvolle Nutzung der Freizeit unterstützen. Weiters werden als strukturierte Form der Freizeitgestaltung Veranstaltungen wie Lichtbildvorträge, Lesungen, Theateraufführungen sowie musikalische Vorträge geboten. Der unbestrittene Schwerpunkt der Freizeitgestaltung liegt im sportlichen Bereich. In allen Justizanstalten gibt es entsprechende Einrichtungen für sportliche Betäti-gungen, wie Sportplätze, Turnsäle und Fitnessräume. Neben Tischtennis, Gymnastik und Joggen erfreuen sich vor allem Ballspiele und Krafttraining großer Beliebtheit. […] Die körperliche Betätigung der Insassen trägt wesentlich zum Aggressions-abbau und somit zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit in den Justiz-anstalten bei. (bmj, Strafvollzug in Österreich, 2004)
212 handbuch strafvollzugsarchitektur Funktion:
• Erholung der Insassen. Auch in einem so beengten und isolierten Bereich wie dem Strafvollzug bedarf es einer Erholung. Diese sollte möglichst vielfältig sein und Betätigungsmöglichkeiten für Einzelpersonen sowie Gruppen bieten. Tätigkeiten:
• Sport (Kraftsport, Ballspiele, Tischtennis etc.) • Gartenarbeiten
• Zeichnen / Malen
• Musizieren
• Sprachkurse
• Hofgang
Raumbedürfnisse:
Am erholsamsten ist es, wenn die Freizeit außerhalb des Haftraumes sowie des Arbeitsplatzes stattfinden kann. Ideal ist es, verschiedenartige Erholungsräume zu schaffen. [abb·101 – 103] Am besten Innenräume, wettergeschützte Außenräume sowie Flächen unter freiem Himmel. Oftmals (vorwiegend bei älteren Strafvollzugs-anstalten sowie Gerichtsgefängnissen) ist das Angebot an Freizeiträumen sehr gering. Auch wird das Zu- und Abführen der Insassen durch einen Justizwache-beamten (bei chronischem Personalmangel) als zu aufwändig erachtet. So wird in vielen Anstalten die Freizeit im Haftraum beziehungsweise der Abteilung praktiziert.
Dies fördert die negativen Haftfolgen. architekt Wäschewaschenur
Funktion:
• Reinigen der Wäsche
Im Strafvollzugsgesetz wird das Tragen eigener Leibwäsche als Vergünstigung angeführt. Manche Anstalten genehmigen das Tragen von eigener Wäsche und das Benützen eigener Bettwäsche und Handtücher von vornherein. Andere Anstalten – vor allem in den früheren Ostblockstaaten – halten an der Verwendung anstalts-eigener Kleidung und Wäsche fest. Der Insasse erhält bei jedem Wäsche- und Kleiderwechsel eine andere Garnitur, zum Beispiel auch die von jemandem, der ihm besonders unsympathisch ist. [abb·104]
Anstaltskleidung: Couture; Knastlook; Knastuniform; Outfit (laubenthal 2001, S. 193)
Wie gesagt, sind die Anstaltssachen, die anstelle der weggenommenen Habselig-keiten ausgegeben werden, normalerweise wahllos zugeteilt, schlecht sitzend, häufig abgetragen und einheitlich für große Gruppen von Insassen. In einem Bericht über inhaftierte Prostituierte wird beschrieben, wie dieser Ersatz sich auswirkt: Zunächst kommt die Aufseherin des Duschraumes, die sie zwingt, sich zu entkleiden,
213
104 Anstaltswäsche 105 Anstaltswäsche
ihnen die eigenen Kleider fortnimmt und darauf achtet, dass sie ein Bad nehmen und ihre Gefängniskleidung erhalten: ein Paar schwarze Halbschuhe mit breitem Absatz, zwei Paar schon gestopfte Socken, drei Baumwollkleider, zwei Baumwoll-schlüpfer, zwei Paar Höschen und einen Büstenhalter. Die Büstenhalter sind allesamt flach und nutzlos. Korsetts oder Strumpfhalter werden nicht ausgegeben. Kein tristerer Anblick, als ihn manche dieser fetten Gefangenen bieten, die draußen zumindest ein anständiges Äußeres wahren konnten, sobald sie sich zum ersten Mal in Anstalts-kleidung erblicken. (goffman 1973, S. 30f) [abb·105] Die Gründe für Anstaltskleidung sind unterschiedlich:
• Tradition (Festhalten an alten Regeln) • Gefügigmachen der Insassen (Identitätsverlust) • Kennzeichnung der Insassen (diese sind auch aus der Entfernung
sofort zu erkennen)
• leichtere Handhabung beim Waschen in der Anstaltswäscherei Die derzeitig immer häufiger applizierte Ideallösung ist: Privatwäsche, die vom Insassen selbst in der abteilungsinternen Waschmaschine gewaschen werden kann. Dabei wird der Platz zum Wäschetrocknen oft vergessen. [abb·106·107] Viele Anstalten verfügen nicht über abteilungsinterne Waschmaschinen und so muss die Privatwä-sche in der Anstaltswäscherei gewaschen werden. Sie wird meist von den Insassen in großen Stoffsäcken, die mit Namen gekennzeichnet sind, abgegeben. Die Beutel werden mitgewaschen. Die Wäsche wird so unweigerlich mit der Zeit verfärbt und unansehnlich. Die Stoffbeutel sind ein beliebtes ›Transportmittel‹ für den Schmuggel.
Tätigkeiten:
• Wäsche waschen
• Trocknen
• Sammeln
• Bügeln
• Verteilen
• Kontrollieren
214 handbuch strafvollzugsarchitektur
106 Wäschetrocknen im Bett 107 Wäschetrocknen am Gang
Raumbedürfnisse: arch • Anstaltswäschereiitek • Abteilungswäschereitur
• Trockenraum
• Bügelraum
• Sammelraum für Schmutzwäsche • Waschmittellager
• Lager der Anstaltskleidung
• Lager der Anstaltswäsche
• Näh- und Flickraum
Kochen / Essen
Der Abteilungsbeamte öffnet die jeweilige Zelle und der Insasse kommt mit Porzellanteller, Schüssel oder Gefäß, dem jeweiligen Essen entsprechend, und empfängt dann von den Essen ausgebenden Leuten seine Mahlzeit. Hier hat der Abteilungsbeamte besonders darauf zu achten, dass die Essensträger peinlich sauber sind, das von ihnen benützte Küchengerät – Löffel, Kellen, Töpfe – ebenfalls. Ihre Haare müssen von den weißen Mützen bedeckt sein, die Hände haben sauber und die weitere Kleidung hat ordentlich und keinesfalls ungepflegt zu sein. Sollte es hier Unstimmigkeiten geben, dass etwa ein Inhaftierter an der Ordnung oder an
215
108 Ausspeisung
dem Benehmen eines Essensträgers etwas auszusetzen hat, wird der entsprechende Mann abgelöst. Nicht nur das hygienisch einwandfreie, sondern auch ein gerechtes und geordnetes Verteilen überwacht der Abteilungsbeamte. (ortner 1988, S. 102)
Funktion:
• Verpflegung der Insassen
Die Verpflegung der Insassen ist meist ebenso ganzheitlich geregelt wie das Wäschewaschen. Das heißt in einer Anstaltsküche, in der von dort beschäftigten Insassen eine bis mehrere Speisen (vegetarisch, Diätkost) zubereitet werden. Die Speisen werden dann in Thermowägen auf die einzelnen Abteilungen gebracht und dort entweder im Abteilungsspeiseraum oder den einzelnen Hafträumen verteilt. [abb·108] Mit der Entstehung des offenen Vollzuges und des Wohngruppenvollzuges wurde immer mehr auch die Selbstversorgung der Insassen gefördert. Diese können sich in der Abteilungsküche ihre Speisen selbst zubereiten. Ein gewisser Aufwand entsteht bei der Besorgung der verschiedenen Lebensmittel. Dieses Problem wird meist auf zwei Arten gelöst: Die Freigänger, falls die Anstalt über welche verfügt, gehen die Lebensmittel in der Umgebung der Anstalt besorgen oder die Anstalt kann bei einem nahe gelegenen Supermarkt Bestellungen abgeben und diese werden geliefert. Ebenso werden Großeinkäufe für die Anstaltsküche gehandhabt. Tätigkeiten:
• Zubereiten des Essens
• Lagerung der Lebensmittel
• Reinigen der verwendeten Utensilien
216 handbuch strafvollzugsarchitektur
109 Speisesaal
Raumbedürfnisse:
• Lagerräume für die Lebensmittel • Großküche (wie in Hotels, Krankenhäusern etc.)
• Abteilungsküche mit verschließbaren Schränken und Kühlschränken arch (besonders auf Frauenabteilungen werden Nahrungsmittel gestohlen,itek die Milch absichtlich mit Zitrone sauer gemacht etc.)tur • wc / Waschgelegenheit für Insassen • wc / Waschgelegenheit für Personal
Die Nahrung hat in der Strafvollzugsanstalt immer eine besondere Wichtigkeit. Sie kann das Fass der verschiedenen Unzulänglichkeiten des Strafvollzuges zum Überlaufen bringen. So werden auch viele Häftlingsrevolten durch schlechtes Essen ausgelöst.
Das Essen muss nicht immer schlecht sein, um zu Problemen zu führen: Vor einiger Zeit wurde eine Anstaltsküche renoviert und war so für ein paar Tage außer Betrieb. Der Anstaltsleiter wollte seinen Insassen etwas Gutes tun und bestellte für diese Zeit das Essen in einem nahe gelegenen Hotel. Das Hotel war für seine gute Küche bekannt und lieferte auch pünktlich Essen in guter Qualität. Am zweiten Tag kam plötzlich der Anruf des Abteilungsleiters, die Häftlinge hätten sich im Speisesaal verbarrikadiert, würfen das Essen aus den Fenstern und wollten mit jemandem aus der Generaldirektion sprechen. Eine Delegation machte sich auf den Weg, um die Situation zu beruhigen. Im Speisesaal [abb·109] probierten sie das Essen und stellten keinen Qualitätsmangel fest. So erkundigten sie sich bei den
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Insassen, wo das Problem sei. Diese beschwerten sich, dass die Speise aussehe wie ein Schnitzel, dies jedoch Betrug sei, da sich unter der Panier Schinken und Käse be-fänden und nur wenig Fleisch. Den Insassen war ein Cordon Bleu unbekannt und die feiner gewürzte Beilage ungewohnt. Sie empfanden das Essen als schlecht, fühlten sich ungerecht behandelt und reagierten auf ihre Weise. Aus der Hotelspeisekarte wählte man für die verbleibenden Tage einfache Hausmannskost.
Ein weiteres Problem, das die Wichtigkeit der gesamten Problematik der Nahrungsaufnahme in einer Strafvollzugsanstalt unterstreicht, ist die Hygiene:
Die von Orwell geschilderten Verhältnisse in seinem Internat veranschaulichen dies: Da gab es zum Beispiel jene Zinnschalen, aus denen wir unseren Haferbrei aßen. Sie hatten gerillte Ränder und unter den Rändern klebte eingetrockneter Brei, der sich in langen Streifen abziehen ließ. Der Brei selbst enthielt mehr Klumpen, Haare und undefinierbare schwarze Gegenstände, als man für möglich halten sollte, es sei denn man wollte annehmen, dass jemand sie absichtlich hineintat. Man konnte diesen Brei nie essen, ohne ihn vorher zu untersuchen. Und dann das schleimige Wasser im Bad – das Becken war 12 bis 15 Fuß lang und die ganze Schule musste je-den Morgen dort hineinsteigen, aber ich bezweifle, ob das Wasser überhaupt jemals erneuert wurde. Und dann die immer feuchten Handtücher mit ihrem Käsegeruch und der Schweißgeruch des Umkleideraumes mit seinem schmierigen Waschbecken und daneben die Reihe von dreckigen, verkommenen Toiletten, deren Türen keinerlei Riegel hatten, so dass immer, wenn man dort hockte, garantiert jemand herein-platzte. (george orwell, Such, such were the Joys, in: goffman 1973, S. 36)
Anstaltsverpflegung: Fraß; Mampf; Pampe; Pamps; Papp; Popp; Schlick; Schlunz (laubenthal 2001, S. 193)
Instandhaltung
Funktion:
• Instandhaltung der Anstalt
Tätigkeiten:
• Reinigen der Anstalt
Das Reinigen der Anstalt wird in der Regel von den Insassen übernommen. Jeder Insasse ist für seinen Haftraum verantwortlich (Stvg). Die Abteilungsräume (Gruppen-räume, Abteilungsküchen etc.) werden meist in abwechselnden Diensten von den Insassen der jeweiligen Abteilungen geputzt. Die Gänge und weitere Abteilungen (außer den Haftabteilungen, das heißt Schulungsräume, Therapieräume etc.) werden ebenfalls von Insassen gereinigt, die in der Instandhaltung beschäftigt sind. Besonders ›vertrauenswürdige‹ Insassen reinigen den Administrationsbereich. Unter anderem sollten die verschiedenen Administrationsbüros über genügend Stauraum verfügen, um dem freien Herumliegen von vertraulichen Materialien entgegenzuwirken.
218 handbuch strafvollzugsarchitektur • Reparaturen
Reparaturen werden von einem Hauswart im Zuge der Wartungsarbeiten getätigt. In den anstaltsinternen Werkstätten können jedoch auch Insassen beschäftigt wer-den. In diesen Werkstätten werden kleine Schlosser- und Tischlerarbeiten gemacht. Raumbedürfnisse:
• Putzmittelräume (belüftet)
Wie schon erwähnt, verfügt eine Strafvollzugsanstalt über viele verschiedene Be-reiche. Diese werden, um die Sicherheit und Übersichtlichkeit zu erhalten, durch Sperrgitter und Türen getrennt. Die Reinigung der Anstalt wird von verschiedenen Insassen übernommen, deren Bewegung zwischen den einzelnen Bereichen nicht erwünscht ist. Deshalb ist es günstig, möglichst für jeden Bereich einen eigenen, belüfteten Putzmittelraum einzurichten.
• Anstaltsinterne Hauswerkstätten
Briefverkehr
Strafgefangene haben das Recht auf Briefverkehr (§ 87 Stvg). Bei Strafgefangenen erfolgt die Überwachung durch den Anstaltsleiter (§ 90 Stvg) oder einen von ihm bestellten Strafvollzugsbediensteten stichprobenweise oder aus besonderen An-lässen. Wird durch den Umfang des Briefverkehrs die Überwachung beeinträchtigt,
können Beschränkungen angeordnet werden. Briefe müssen leserlich, verständlich arch und in deutscher Sprache geschrieben sein. Nur wenn der Strafgefangene deritek deutschen Sprache nicht mächtig ist, ist auch der Gebrauch einer Fremdsprachetur
zulässig. Der Schriftverkehr mit öffentlichen Stellen, Rechtsbeiständen und Betreu-ungsstellen darf an sich inhaltlich nicht überwacht werden. Ausnahmen bestehen nur unter den besonderen Voraussetzungen des § 90b Stvg (begründeter Verdacht missbräuchlicher Verwendung). (bmj, Strafvollzug in Österreich, 2004)
Funktion:
• Brief- und Paketverkehr
Der Briefverkehr einer Strafvollzugsanstalt ist sehr aufwändig. Die Insassen haben meist das Recht, zweimal im Jahr Pakete zu empfangen, die entweder per Post verschickt oder bei Besuchen überreicht werden. Diese Pakete müssen vor dem Dienst habenden Wachebeamten geöffnet und der Inhalt von diesem kontrolliert werden. Vor allem gilt es möglichen Rauschgiftschmuggel zu unterbinden. Briefe der Insassen werden stichprobenweise kontrolliert, wobei es um die Vereitelung möglicher weitere Straftaten, Einschüchterung der Angehörigen anderer Insassen etc. geht. Auch die Post des Personals wird bei Verdacht untersucht. Anstaltsinterne Post (von Insassen an das Personal) wird meist von den Abteilungsleitern übernom-men, diese verteilen auch die Post an die Insassen.
219
111 Verkaufslokal
110 Ordination 112 Verkaufslokal
Tätigkeiten:
• Sortieren der Post
• Kontrolle der Post
Raumbedürfnisse:
• Raum zum Sortieren der Post
• Raum zur Kontrolle der Post
Briefkontakt: Federkrieg (laubenthal 2001, S. 197)
Gesundheitsversorgung
Funktion:
• Gesundheitsversorgung der Insassen Die Krankenabteilungen der Strafvollzuganstalten sind sehr unterschiedlich aus-gestattet, manche haben ein Krankenzimmer und eine Ordination eines Praktischen Anstaltsarztes, andere wiederum die Ausstattung eines Bezirkskrankenhauses und können auch kleine Operationen durchführen. Für die ideale Dimensionierung gibt es keine einheitlichen Richtwerte. Das Spezifische bei einer Krankenabteilung einer Strafvollzugsanstalt ist, dass auch sie von den Insassen zum Austausch von Waren und Informationen missbraucht werden kann. Deshalb ist es notwendig, mehrere Warteräume sowie gesicherte Krankenzimmer zu planen. [abb·110] Bei der Planung ist eine enge Zusammenarbeit mit den Anstaltsärzten unerlässlich.
220 handbuch strafvollzugsarchitektur Tätigkeiten:
• Behandlungen
• Untersuchungen
Raumbedürfnisse:
• Ordinationen
• Untersuchungsräume
• Krankenzimmer
• Lagerräume
• Wartezimmer
• wc / Waschgelegenheit für Insassen • wc / Waschgelegenheit für Personal
Einkauf von Gegenständen des täglichen Bedarfs
Die teilweise freie Verwendung des Verdienstanteiles zum Ankauf von Zusatz-nahrungsmitteln würde zu großen Ungleichheiten in der Lebensführung der Gefangenen untereinander Veranlassung geben; denn Maß und Häufigkeit solcher Genussbeschaffung hängt ab von dem gutgeschriebenen Arbeitsverdienst. Da die schlimmsten Verbrecher meist sehr tüchtige Arbeiter sind, so wäre gerade diese Kategorie der Gefangenen die privilegierte Schicht, was die Beköstigung betrifft. Die Gewährung von Zulagen an Speise und Trank auf Rechnung des gutgeschrie-
benen Arbeitsverdienstes setzt gewöhnlich das Kantinewesen voraus. Dieses aber arch wurde seit alters als ein Hauptübelstand des Gefängniswesens bekämpft. Die Kantineitek gewöhnt die Gefangenen an übermäßige und unüberlegte Ausgaben, ist ferner im-tur
stande, den Anstaltsleiter zu korrumpieren, der in die Möglichkeit versetzt ist, großen Gewinn aus dem Viktualienhandel zu ziehen. Insbesondere wird durch die Kantine der Verschleiß von alkoholhaltigen Getränken begünstigt, der früher in den Gefäng-nisanstalten jeder Gattung zu wahren Orgien geführt hat. (guggenheim 1923, S. 19)
Funktion:
• Möglichkeit der Insassen, Nahrungsmittel, Hygieneartikel etc. zu kaufen Tätigkeiten:
• Warenverkauf (meist von anstaltsexternem Personal betrieben) Raumbedürfnisse:
• Verkaufslokal
Das Verkaufslokal sollte ebenfalls mit Bedacht auf die reale Situation eingerichtet werden. [abb·111·112] Da in ihm meist nicht speziell im Umgang mit Strafvollzugsin-sassen geschultes Personal arbeitet, sollte die Einrichtung so beschaffen sein, dass es zum Beispiel nicht möglich ist, Geiseln zu nehmen, Waren zu stehlen etc. • Lagerräume
• Büro des Betreibers
221
Einkauf im Knast
einmal monatlich ca. siebzig dm,
belohnung für hundertsiebzig stunden arbeit.
Zu siebzig pfennig die stunde.
Der rest geht in die rücklage.
Schlange stehen, geduldig warten, wie in kriegs- und krisenzeiten,
endlich tabakwareneinkauf, das ›non plus ultra im knast‹.
Vorlegen der einkaufsbescheinigung,
fünfzehn pakete bataviastandardmarke im knast.
Fünfzehn pakete zigarettenpapier, ärgerlich
die knastmarke klebt schlecht.
Rückgabe des einkaufzettels;
Dreiunddreißig dm.
Erneutes schlangestehen,
lebensmitteleinkauf,
erneute vorlage eines einkaufzettels.
Zweihundert g pulverkaffee,
fünf dosen milch,
zwei kg zucker; zweiundfünfzig dm rest achtzehn dm.
Gewissensnotstand
Was mehr kaufen?
Butter zum wucherpreis?
Fettes schweinefleisch in der dose?
Eventuell zahnpasta zum aufgedruckten richtpreis?
Vielleicht ein stück anständige seife?
Obst wäre auch dringend notwendig,
oder lieber ein wenig käse in klarsichtfolie?
Ein stück kuchen könnte auch mal schmecken?
Die schokolade sieht verlockend aus?
Eine knackige mettwurst einmal etwas anderes?
Die haare fallen aus
Haarwasser könnte vielleicht helfen?
Nivea creme,
die haut ist spröde geworden?
salz und paprika darf ich nicht vergessen?
Briefmarken auf jeden fall,
damit die verbindung nach draußen nicht abreißt.
Die wartenden werden ungeduldig,
zwei dosen schweinefleisch,
mal was deftiges,
222 handbuch strafvollzugsarchitektur
eine kleine dose nivea,
die haut wird sich freuen.