Handbuch Strafvollzugsarchitektur, Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung

Architektur

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

 

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143 Haftraumtür mit Hotelsperre 144 Sichtöffnung ›Spion‹

 

145 Aussicht 146 Aussicht

 

über dem Vollzug vor hundert Jahren eingetreten, als sich die Voraussetzungen für die bauliche Form der Sicherung des Zuganges zum Unterkunftsraum ebenfalls grundlegend verändert haben. Deshalb können die Sicherheitsanforderungen bei den Türblättern viel stärker differenziert und auf die jeweilige Haftart abgestuft werden, so dass zum Beispiel bei Untersuchungshaftanstalten und Gebäuden, die für Einzelhaft vorgesehen werden, die hohen Anforderungen bestehen bleiben, in den übrigen Teilen der Anstalt aber einfachere Konstruktionen möglich sind. (graul 1965, S. 258)

Bei Neubauten ist es von Vorteil, die Türrahmen so zu wählen, dass sie sowohl für Türen des geschlossenen (Klappe) wie auch für die des offenen Vollzuges geeignet sind. [abb·143] So kann eine Abteilung ohne große Mühen umgewidmet werden.

2. Haftraumfenster

Die Türschwelle überschreiten wir leibhaftig. Aus dem Fenster treten wir – ohne unseren Standort zu verlassen – einzig in Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen, Erwartungen. (kyra stromberg 1984, nach illera 2003, S. 215)

Dies gilt in der Situation des Freiheitsentzuges, in einem so beengten Raum wie dem Haftraum umso mehr. Der Ausblick spielt eine erhebliche Rolle in der zeitlichen Orientierung. [abb·145·146] Die Haftraumfenster haben sich in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich ihrer Größe (größer) und Parapethöhe (niedriger) verändert. [abb·148 – 151]

 

250 handbuch strafvollzugsarchitektur

147 Haftraumfenster (mit Zellennummerierung)

 

 

Die Fenstergröße soll nach den von den Vereinten Nationen beschlossenen ›Mindestgrundsätzen‹ (Beschluss und Empfehlungen des Ersten Kongresses der Vereinten Nationen in Genf, von 22. 8. bis 3. 9. 1955, über Verbrechensverhütung und

 

Behandlung Straffälliger) der eines Wohnraumes entsprechen. Bei der Bemessung arch der lichten Öffnung der Außenwand ist jedoch zu berücksichtigen, dass die gegenitek Entweichen notwendigen Vergitterungen etwa 18 bis 45 % der Lichtfläche versperren,tur

je nachdem ob die Gitter aus Stahl oder Stahlbeton bestehen. Da andererseits aus wärmewirtschaftlichen Gründen davon auszugehen ist, dass die Abkühlungsfläche, d.h. die Bruttofensterfläche einschließlich Rahmen und Gitterwerk, nicht größer sein sollte als etwa 1/7 der Raumgrundfläche, verringert sich die Nettolichtfläche auf etwa 1/8 bis 1/10 der Raumgrundfläche. Mit Ausnahme reiner Nordlage oder enger Bebauungsabstände, die bei Neubauten vermieden werden sollten, ist dieses Maß, wie sich bei den in jüngster Zeit ausgeführten Bauten gezeigt hat, für die Belichtung des Unterkunftsraumes aber vollkommen ausreichend. (graul 1965, S. 255)

Doch kann es zum gänzlichen Verlust von Schwellen kommen, wenn die aufge-löste Wand von außen nach innen mehr eindringen lässt, als der Raum zu verkraften vermag. Wird das Außen bestimmend, löst sich die Räumlichkeit auf und die drei-dimensionale Hülle wird zum zweidimensionalen Rahmen, der den Raum visuell kaum zu begrenzen vermag. Die Schwellen und Grenzen verschwimmen und diese Undifferenziertheit lässt eindeutige Zonen für bestimmte Aktivitäten nicht mehr erkennen: Die Ferne, die Aussicht oder die ›herannahende‹ Betonwand bewirken durch die übergroßen Öffnungen eine starke Sogwirkung, sodass der Innenraum

 

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148 Haftraumfenster: Parapethöhe um 1890 149 Haftraumfenster: Parapethöhe um 1960

 

ein Teil des Außenraumes wird: Die Schutzfunktion, die Intimität ist aufgehoben. (illera 2003, S. 244f)

Die Haftraumfenster sind im Allgemeinen durch Gitter gesichert.

Aus Sparsamkeitsgründen werden Fensterrahmen und Gitter gelegentlich in einer Konstruktion vereinigt und aus dem gleichen Material, zum Beispiel Formstahl, hergestellt. Gegen eine solche Verkoppelung zweier Elemente sprechen an sich schon die unterschiedlichen Funktionen, die diese Bauteile zu erfüllen haben. Denn das Fenster dient zur Belichtung und Belüftung, das Gitter jedoch als Sperre gegen Ausbruchversuche. Bedenklich ist aber die Tatsache, dass die Lüftungsöffnung in einer solchen Verbundkonstruktion nur sehr klein sein kann und dass sich zum Beispiel der Anstrich der Fensteraußenflächen später nur noch mit Hilfe eines Leitergerüstes und unter großen Schwierigkeiten erneuern lässt, weil die starre Konstruktion und die kleine Öffnung das sorgfältige und sachgemäße Instandhalten behindern. Aus psychologisch und technisch-wirtschaftlichen Gründen ist es daher besser, Fenster- und Gitterkonstruktion voneinander zu trennen. (graul 1965, S. 256)

Weitere Vorteile ergeben sich aus der Teilung von Fenster und Gitter bei verän-derten Nutzungsbedingungen. Wenn später nämlich einmal die Sicherheitsstufe einer Unterkunft geändert werden sollte, zum Beispiel bei der Umwandlung einer geschlossenen Anstalt in eine mit weitgehend offenem Vollzug, so können die Gitter,

 

252 handbuch strafvollzugsarchitektur

150 Parapethöhe der Architekten um 2000 151 Parapethöhe der Insassen um 2000

 

 

die dann als Sicherungselemente überflüssig sind, ausgebaut werden, ohne arch dass dabei der übrige Ausbau der Unterkunft in Mitleidenschaft gezogen wird.itek (graul 1965, S. 258)tur

Haftraumfenster: Gitterloch (laubenthal 2001, S. 210)

3. Wände

Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Fortifikationsanlagen, braucht es heute keine dicken Außenmauern mehr. Auch die Zwischenwände der Hafträume können heute wesentlich schlanker ausfallen, als noch vor 100 Jahren üblich. Im Allgemeinen kann man von den im Wohnungsbau üblichen Mauerstärken ausgehen, wobei allerdings von Gipskarton abzuraten ist.

Auch andere Leichtbauwände sind zu vermeiden, da in diesen von den Insassen leicht ›eingebunkert‹ werden kann, das heißt die Schutzleisten werden abgelöst, das Füllmaterial ausgehöhlt und der so entstandene Hohlraum zum Lagern / Verstecken unerlaubter Gegenstände und /oder Substanzen genutzt.

Es entspräche nur einer unreflektierten Sichtweise, ein Gebäude für sich allein zu betrachten. Um es radikal zu formulieren: Es gibt schlechthin keine Gebäude, sondern nur Schwellen: ein-, zwei-, drei-, vier- und fünfdimensionale Schwellen, die Gebäude zum Inhalt haben. Denn die Gebäudekante oder die Gebäudehaut – die Fassade, die am deutlichsten die Polarität innen / außen anzeigt – gibt es für sich

 

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allein nicht. Auch sie steht in Wechselbeziehung zu den übrigen Schwellen der Außen- und Innenzonen. Die Mauer oder die Wand ist eine starke und wirkungsvolle Schwelle, die entweder durchschreitbar oder nur durchschaubar ist. Öffnungen sind Unterbrechungen. Sie schwächen zwar die Wand als Mauer, schaffen jedoch auf diese Art neue Übergänge. Die Abstufungen zeigen das große Panorama ihrer Wirkungsbreite. (illera 2003, S. 273) [abb·147]

4. Sanitäranlagen der Insassen

Vor etwa einhundert Jahren wurde das fließende Wasser in die Gefängnisse, in den siebziger Jahren das Warmwasser in die Zellen gebracht, das wc baulich abgetrennt und später wurden dann Waschbecken angebracht. Heute werden Hafträume mit Nasszellen ausgestattet, die über Duschen verfügen. Gemeinsame Duschräume sind für die Insassen sehr unangenehm. Auch für das Wachepersonal sind sie ein Ort der Probleme: Das Schützen der Insassen vor Übergriffen durch andere Insassen sowie die Kontrolle des regelmäßigen Lüftens und Sauberhaltens sind undankbare Aufgaben. [abb·152]

5. Möbel

Im täglichen Leben werden die für die primäre Anpassung verwendeten Besitz-tümer normalerweise, wenn sie nicht im Gebrauch sind, an besonders gesicherten Orten gelagert, die jederzeit erreichbar sind, zum Beispiel in Truhen, Schränken, Vitrinen, Schreibtischschubladen oder Tresoren. Diese Lagerplätze schützen das Objekt vor Beschädigung, Missbrauch und widerrechtlicher Aneignung und erlauben es dem Inhaber, seinen Besitz vor anderen zu verbergen. Noch bedeutsamer ist, dass diese Plätze eine Erweiterung des Selbst und seiner Autonomie darstellen können, wobei sie in dem Maß, wie das Individuum andere Quellen seines Selbstge-fühles verliert, immer wichtiger werden. Wenn jemand nichts für sich selbst behalten darf und alles, was er benützt, auch von anderen benützt wird, dann gibt es kaum einen Schutz vor der sozialen Kontamination durch andere. Außerdem handelt es sich bei einigen der Dinge, die er abgeben muss, gerade um solche, mit denen er sich besonders identifiziert und die er zu seiner Selbst-Identifizierung gegenüber anderen benötigt. […] Direkt mir gegenüber ist der prominenteste Schlafsaalbe-wohner untergebracht – ›Nocky‹ Johnson, einst politischer Führer von Atlantic City und, wenn ich mich recht erinnere, Konzessionär der meisten schmutzigen Geschäfte auf diesem Sektor. Nocky ist ein großer, kräftig gebauter Mann um die sechzig. Seine Stellung in der Gefängnishierarchie offenbart sich auf den ersten Blick in Form eines halben Dutzends guter Wolldecken, die auf seiner Pritsche gestapelt sind (wir anderen haben nur zwei von viel schlechterer Qualität), und eines Schlosses auf seinem Blechspind – definitiv unerreichbar für das geringere Pack. Mein Nachbar, der wegen Unterschlagung sitzt, erzählt mir, dass die Schreiber niemals Nockys

 

254 handbuch strafvollzugsarchitektur

152 Gemeinschaftsduschen 153 Möbelkennzeichnung durch Farbe

 

 

Sachen untersuchen, so wie sie es bei jedem anderen tun. Der Blick, den ich in seinen Schrank werfen konnte, zeigte mir, dass er mit Zigarettenstangen voll gestopft war – dem wichtigsten Tauschmittel in diesem bargeldlosen Asyl. (goffman 1973, S. 239f) Die Insassen werden sich immer um eine Aufwertung ihrer Haftraumausstattung bemühen. So werden Stühle und Kästen quer durch die Anstalt transportiert, ohne dass es dem Personal auffällt. Manche Anstalten bemalen deshalb ihre Möbel, um so ihre mögliche Wanderung zu erkennen. [abb·153]

Der beste und bis ins Letzte ausgefeilte Möblierungsplan ist aber zwecklos, wenn die Hausverwaltung andere, d.h. unpassende Möbel und Einrichtungsgegen-

 

stände bestellt, als der Architekt bei der Planung zugrunde gelegt hat. Deshalb arch kommt es bei der Möblierung und Ausstattung der Unterkunftsräume auf eineitek besonders enge und gute, d.h. erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem planen-tur

den Architekten und der nutzenden Verwaltung an. Da gelegentlich auch einmal keine Einigung über die Auswahl der Möbel erzielt wurde, ist dann versucht worden, Misshelligkeiten, die aus einer unfruchtbaren Zusammenarbeit entstehen, dadurch aus dem Wege zu gehen, dass die Bauleitung alle wichtigen Möbel, zum Beispiel Tisch, Bett und Schrank, fest eingebaut hat, weil sie nach fiskalischen Gepflogenhei-ten das alleinige Verfügungsrecht über die Einbauteile hat. Der Verwaltung mag es vielleicht sogar willkommen sein, auf diese Weise ihre Gerätefonds zu entlasten, weil alle Anschaffungskosten für fest eingebaute Möbel aus dem Baufonds bezahlt werden müssen. Vor solchen Überspitzungen kann aber nicht eindringlich genug gewarnt werden. Denn erstens verliert der Unterkunftsraum durch Betonpritschen und Betontische jeglichen wohnlichen Charakter, auf den es doch allein ankommt, und zweitens wird dadurch jedwede Flexibilität der Möblierung einzementiert. (graul 1965, S. 267)

Vor allem bei längeren Strafen, bei denen es zu einer Identifikation des Insassen mit seinem ›Wohnraum‹ kommt, ist es notwendig, eine Möblierung zu entwerfen, die ohne großen Aufwand eine individuelle Nutzung und Anordnung im Haftraum ermöglicht.

 

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Der Haftraum ist nicht nur der Wohnraum eines Gefangenen, sondern auch ein Teil des Arbeitsplatzes der Justizwachebeamten, die für die Sicherheit und Sicherung der Anstalt verantwortlich sind. In Bezug auf den Haftraum bedeutet das seine regelmäßige Kontrolle und Durchsuchung nach unerlaubten Gegenständen und Substanzen. Aus der Sicht der Gesetzgeber müssen ausreichend Einrichtungs-gegenstände im Haftraum vorhanden sein, um die erlaubten und erwünschten Tätigkeiten zu ermöglichen.

• Aus der Sicht der Insassen können es gar nicht genug

Einrichtungsgegenstände sein.

• Aus der Sicht der Justizwachebeamten können es nicht zu wenig sein. • Dem Architekten sind die meisten Funktionen der Einrichtungsgegenstände

aus der Sicht der Insassen geläufig.

Die Tendenz der Insassen, Sachen zu verstecken, ist nachvollziehbar, stellt jedoch ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Nicht nur unter dem Aspekt des Versteckens und der möglichen Verwendung der Gegenstände und Substanzen, sondern auch unter jenem der Aufmerksamkeit und des Zeitaufwandes der Justizwache sollte das Haftrauminventar entworfen werden. Je mehr Versteckmöglichkeiten der Haftraum bietet, desto mehr Zeit braucht der Wachebeamte, um diesen zu durchsuchen. Zwangsläufig fehlt bei chronischem Personalmangel die Zeit woanders. Bei fünf Minuten Zeitaufwand mehr pro Haftraum, macht dies bei 500 Hafträumen 41,6 Arbeitsstunden aus (5 Minuten x 500 Hafträume : 60 = 41,6 Arbeitsstunden).

Ein gelungener Haftraumentwurf muss sich mit allen Aspekten (Bedürfnissen der Insassen und des Personals) auseinander setzen.

Zeit ist Dauer. Die Dauer von Tätigkeiten: zum Beispiel das Sitzen. Von der Zeit, die ein Sessel benutzt wird, hängt bezüglich seiner Konstruktion und Gestaltung mehr ab, als je allgemein angenommen wird. Das bedeutet, dass physiologische oder ergonomische Untersuchungen, die durch ein Datengerüst, ein Computer-schema, eine Matrix oder sonstige summarische Angaben, die auf Tabellen fest-gehalten werden, zusammen mit allen rationalen und nachprüfbaren Daten allein nicht ausreichen, um eine Form zu begründen. Sie allein können die Zusammen-hänge nicht erfassen ohne das Hinterfragen der Zeit: die Zeitdauer, in der ein solcher Sessel benutzt werden soll und auch bei welcher Gelegenheit; denn es ist ein Unter-schied, ob bei gleicher Zeitlänge ein Sessel im Konzert, im Theater, im Kino (wo Bewegungen kein Geräusch verursachen sollen), beim Fernsehen, im Warteraum oder in einem Büro bei der Dauer von acht Stunden Arbeit benutzt wird: Denn der menschliche Körper empfindet eine einzelne Sitzhaltung nicht länger als eine Vier-telstunde ohne Unterbrechung als bequem. (illera 2003, S. 32)

 

256 handbuch strafvollzugsarchitektur Die für die Haftraummindestgröße ermittelten Einrichtungsgegenstände sind: • Bett

• Kleiderschrank für Oberbekleidung, Leibwäsche • Regal für Bücher, Bastelbedarf, mitgebrachte Gegenstände • Zeichen- und Malbedarf

• Schrank für: Aufzeichnungen, Briefe, Erzeugnisse der bildnerischen • Betätigung, Handtücher, Wertsachen (verschließbar) • Schrank / Regal für Nahrungsmittel, Gegenstände des täglichen Bedarfs • Schreibwarenablage

• Stauraum für Taschentücher, Bettzeug, Schuhputzzeug • Stellfläche für Mistkübel, Blumen, zwei Paar Schuhe (Lüften / Trocknen) • Stuhl

• Tisch (Essen, Schreiben)

• Wandregal für Hausordnung • Bettlampe

• Deckenlampe

• Hausantennenanschluss

• Heizkörper

• Lichtschalter

• Notruftaste, Gegensprechanlage

 

• Steckdose für pc, Bettlampe, Radio, Tischlampe, tv, Wasserkocher, arch Elektroplatte, Kaffeemaschine, Kühlschrank, Tischlampeitek • Fenstertur • Sonnenschutz

• Tür der Nasszelle

• Tür des Haftraumes

• Bodenbelag

Alle Einrichtungsgegenstände sollten stabil, doch unter Berücksichtigung der engen Raumbedingungen nicht klobig sein. Sie sollten eine individuelle Anordnung ermöglichen. Hohlräume sowie Verblendungen und Wandtäfelungen müssen vermieden werden. Die häufigsten Verstecke in Hafträumen (auszugsweise): Bettdecke und Polster; Duschvorhangstange; Installationsrohre (Plastikbehälter versenkt, mit Bindfaden zum Herausziehen am wc-Rand befestigt); Schrankrück-wände; Schubladen von unten, hinten beklebt; Steckdosenverblendungen;

Auch von ausgefallenem Design ist abzuraten, denn Insassen sind in der Regel keine Architektur- beziehungsweise Designstudenten, sondern Menschen, für die ein Tisch vier Beine hat. Alle ausgefallenen Möblierungsversuche brachten bisher nur zusätzlichen Stress in die ohnehin unruhige Situation des Freiheitsentzuges.

 

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155 Holz

 

154 Metallmöbel 156 Textilien

 

Vier architektonische Werkzeuge

So spezifisch die Funktion einer Strafvollzugsanstalt ist, so spezifisch sind auch die Verwendungsmöglichkeiten der Werkzeuge der Architekten (Wechselspiele von weich / hart, Licht / Dunkelheit, Nähe / Entfernung, Enge / Weite, Neugier / Furcht, innen / außen, Geschlossenheit / Öffnung etc.). In ihrem Buch Die Trilogie der Fünf befasst sich C. Illera ausführlich mit dem Thema der Schwellen.

Auch in der Strafvollzugsarchitektur sind Schwellen ein wichtiges Ausdrucks-mittel der Architektur. Eine Analyse der Schwellen einer Strafvollzugsanstalt würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, deshalb führe ich im Folgenden nur einige Beispiele als Anregung für weitere Überlegungen an:

Die optischen Schwellen sind diejenigen, auf die wir Menschen am stärksten reagieren. Sie sind die am schnellsten erfass- und erkennbaren Schwellenträger. Nicht unwichtig ist es, die Dominanz des Sehens zu erwähnen, die vielfach unter-sucht wurde und als Wahrnehmung einen entscheidenden Faktor bildet: In diesem Zusammenhang sei festgestellt, dass der Mensch von den Psychologen als ein ›Augentier‹ eingestuft wird, das etwa 90 % seiner Information aus der optischen Wahrnehmung bezieht. […] Es ist eine wesentliche Eigenschaft des visuellen Systems, dass die Ausrichtung auf das Unveränderliche und nicht auf das Veränder-liche erfolgt. So sind beim Wahrnehmen eines Raumes die Raumbegrenzungslinien die Unveränderlichen. Über deren Aufnahme erfolgt dann der gesamte Wahrneh-

 

258 handbuch strafvollzugsarchitektur

157 Kunstglassichtblenden 158 ›Klappe werfen‹

 

 

mungsvorgang die räumliche Situation betreffend. (bartenbach in becker 1986, arch nach illera 2003, S. 232)itektur

Knast bleibt Knast – ganz gleich, wie viele bunte Ikea-Stühle es vom Himmel regnet. (wojciech czaja, Der Standard, Album, Frei hinter Gittern, 3. 3. 2007)

1. Material

Man beurteilt Materialien nicht nur nach dem Relief der Oberfläche, sondern auch nach der Härte und ihren Eigenschaften als Wärmeleiter. Am liebsten greift man Stoffe an, die keine guten Wärmeleiter sind. Man vermeidet gerne Drücker und Handgriffe, die zu kalt zum Angreifen sind, und solche, an denen man sich brennen kann. Holz ist ein sympathisches Material, da es beim Berühren niemals einen Tempe-raturschock verursacht. (schuster nach illera 2003, S. 232) [abb·154 – 157]

In der Architektur bedeuten diese Aussagen, dass das, was man messen kann, nicht eindeutig ist, sondern relativ, das Relative hingegen eindeutig – als klares Ergebnis von Wahrnehmung. Das hat zur Folge, dass alle ausgeführten Maße und Proportionen in der Wahrnehmung beeinflusst werden vom Material und seiner Struktur, dem Licht und den Farben. Die Psychologen allerdings hat es viele Jahre des Entdeckens gekostet, festzustellen, dass die wahrgenommenen und die tatsäch-liche Entfernung zwei sehr verschiedene Dinge sind. (illera 2003, S. 50f)

 

259

Im Gegensatz zu einem ›normalen‹ Bau, in dem sich der Architekt aller Materialien und räumlichen Ausdrucksmittel bedienen kann, um eine möglichst angenehme Atmosphäre herzustellen, muss er sich in der Strafvollzugsarchitektur den spezifi-schen Gegebenheiten (vor allem der Sicherheit und dem Freiheitsentzug) anpassen. Erst wenn es ihm gelingt, diese so selbstverständlich wie zum Beispiel die Gravitation zu akzeptieren und zu verinnerlichen, wird es ihm möglich sein, eine gelungene Strafvollzugsarchitektur zu erschaffen. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat es Karl Graul in seinem Buch Der Strafvollzugsbau einst und heute so formuliert:

Beim Innenausbau kommt es darauf an, Baustoffe zu verwenden, die eine hohe Verschleißfestigkeit haben, denn die Aufenthalts- und Unterkunftsräume werden mehr als alle vergleichbaren Wohn- oder Schlafräume strapaziert, weil sie ununter-brochen, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, benutzt werden. Auf ausreichende Wärme-dämmung, insbesondere auch auf die Fußwärmeableitung bei den nicht unter-kellerten Räumen, ist ebenso sorgfältig zu achten wie auf den Dampfdruckdiffusions-ausgleich bzw. die Vermeidung des Taupunktes im Mauerwerk und im Verputz. (graul 1965, S. 265)

Durch Versuche und Erprobungen wird es dann gewiss eines Tages möglich sein, Anstalten zu bauen, die weniger Beton und Stahl, weniger Mauerwerk, Gitter und Überwachungseinrichtungen, dafür aber mehr Licht und Behaglichkeit und dadurch geeignetere Wohn- und Arbeitsbedingungen für die Menschen erhalten, die eine Zeit lang darin zu leben gezwungen sind. (graul 1965, S. 274)

Die derzeitige Situation ist vielerorts ein Grund für die von Graul angesprochenen Versuche und Erprobungen. Leider handelt es sich oft nur um formale Spielereien, die nicht an die Aussagekraft eines pennsylvanischen Strafvollzugsbaues heran-kommen.

Die Aussagekraft ist durch die genaue Analyse aller Funktionen, Bedürfnisse und Möglichkeiten sowie deren gegenständliche und räumliche Lösungen gegeben. Der ganze Bau verfügt über bis ins Detail optimierte Lösungen der damals aktuellen Bedürfnisse und Anforderungen.

Sichtblende vor Haftraumfenster: Scheuklappe

(laubenthal 2001, S. 209)

Notsignal betätigen (im Haftraum): Fahne schmeißen; Klappe werfen

(laubenthal 2001, S. 206)

Der Begriff ›Klappe werfen‹ geht auf eine Zeit zurück, in der noch der mechanische Haftraumnotruf benützt wurde. [abb·158] ›Fahne schmeißen‹ entstand in einer Zeit, in der dem Insassen oft zwei verschiedenfarbige Fahnen (Stofffahnen) zur Verfügung standen und er so entweder nach Wasser (in einer Zeit. in der es noch keinen Wasser-

 

260 handbuch strafvollzugsarchitektur anschluss im Haftraum gab) oder nach Hilfe (bei Gefahr) ›rufen‹ konnte. Der Beamte sah anhand der Farbe, was der Insasse benötigte, ohne zu seiner Haftraumtüre gehen zu müssen. Eine Reduktion der Überwachungseinrichtungen ist nicht sinnvoll, doch haben es gerade der offene Vollzug und die modernen Überwachungsmöglich-keiten (Kameraüberwachung, Bewegungsmelder) ermöglicht, die architektonischen Überwachungseinrichtungen etwas in den Hintergrund treten zu lassen. Mehr Licht und Behaglichkeit sowie dadurch geeignetere Wohn- und Arbeitsbedingungen lassen sich mit einer geeigneten Material-, Farb-, Licht- und Formwahl erreichen. Gerade unter den beschränkenden Bedingungen des Freiheitsentzuges ist deren Zusammenspiel und Wirkung dominant. Die technologische Entwicklung hat beson-ders im letzten Jahrhundert viele neue Baumaterialien auf den Markt gebracht. Diese können, wenn sie richtig eingesetzt werden, einen wichtigen Beitrag zum reibungslosen Strafvollzugsalltag liefern. Eigenschaften wie haptische Qualität und Hygiene der Materialien sind selbstverständlich und werden hier deshalb nicht näher erörtert. Die Kriterien der Verwendung der Baumaterialien in der Strafvollzugs-architektur haben sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert. Es sind dies nach wie vor:

• Sicherheit

• Wirtschaftlichkeit

• Erhaltung

 

• Erneuerung architek • Sicherheit: Abgesehen von den allgemein üblichen Sicherheitsvorschriftentur (Brandschutz, Gesundheitsschutz etc.), liegt das Augenmerk auf dem Missbrauch der Materialen hinsichtlich der Gefährdung der Sicherheit innerhalb der Anstalt wie der Sicherung der Anstalt nach außen.

• Wirtschaftlichkeit: Die chronische Geldknappheit des Strafvollzugs zwingt die Anstalten oftmals auch im Bereich der Materialwahl zu ›zwischenzeitlichen Not-lösungen‹, die nach einiger Zeit als ›normal‹ angesehen werden. So etablieren sich schlechte Lösungen als ›üblich‹, tragen aber weiter zu Frustration bei. • Erhaltung: Die zum Teil sehr beanspruchten Materialien, werden auf Grund der Kostensenkung immer unter Aufsicht des Personals von den Insassen erhalten. Die unterschiedlichen Faktoren (Persönlichkeit und Kultiviertheit der Benutzer, Regime der Anstalten, durchschnittliche Haftdauer etc.) und deren Zusammenspiel bewirken, dass die Erhaltung der Materialien in den verschiedenen Anstalten sehr unter-schiedlich ausfällt.

• Erneuerung: Wenn die Erhaltung versagt, kommt es notwendigerweise zur Erneuerung der verschiedenen Bauelemente / Materialien. Materialien, die einen Alterungsprozess zulassen, zum Beispiel Holz, sind für den Strafvollzug sicherlich geeigneter.

 

261

159 Haftraumtüren blau 160 Haftraumtüren grün

 

Stimmungen werden von allen Sinnesorganen erfasst: das Hören, das Riechen, das Schmecken, das Spüren und das Sehen. Das bezieht sich auf die Akustik, den Geruch, das Gespür und die Sicht. Das höchste Maß an Stimmung rufen die Menschen selbst hervor durch Geräusche, Bewegungen, Farben, Gerüche. Die Archi-tektur kann Stimmung der Menschen ermöglichen, steigern oder anregen; sie kann auch Stimmungen erschweren, verhindern und gar abtöten. (illera 2003, S. 60) Es ist sinnvoll, dies bei der Einrichtung zu bedenken, denn es ist einer der wenigen Bereiche, in dem langfristig gespart werden kann. Deshalb sind weitgehend Mate-rialien zu bevorzugen, die in den Handwerkstätten der Anstalt von den Insassen repariert werden können (zum Beispiel Holz). Der pädagogische Wert der Repara-turen durch Insassen stellt eine weitere schwer ersetzbare Qualität dar.

Licht ist nicht gleich Licht und Farbe ist nicht gleich Farbe. Ihre gegenseitigen Beeinflussungen dürfen nicht unterschätzt werden. (illera 2003, S. 58)

2. Farbe

Farbe und Formen zusammen bestimmen (im Sinne der Gestaltpsychologie) die Gestalt eines Objektes. Farbe ist daher nicht, wie häufig angenommen, ein oberflächliches Mittel der Farbgebung, sondern ein grundlegendes Mittel zur Ge-staltgebung. (daniels, in illera 2003, S. 48)

 

262 handbuch strafvollzugsarchitektur

162 Frauenabteilung

 

 

161 Haftraumtüren rot 163 Drogenabteilung

 

Mittel zur visuellen Unterscheidung und Orientierung. Die Ablesbarkeit beschränkt Farbschwellen erhöhen die ›Lesbarkeit‹ von Schwellen. Diese sind ein geeignetes architek sich nicht auf Formen, Materialien, Strukturen, sondern schließt auch Farben undtur

Licht wie auch Geruch und Berührung mit ein. (illera 2003, S. 232)

Die Instandhaltung der Strafvollzugsanstalten erfordert unter anderem eine regel-mäßige Erneuerung der Wand- und Türfarbe. [abb·159 – 161] Diese Arbeiten werden unter Anleitung des Personals meist von den Insassen erledigt. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lässt sich beobachten, wie die Farbwahl als Zeichen der Liberalisierung immer öfter den Insassen oder dem Anstaltspersonal – das bedeutet architektonischen Laien – überlassen wurde. Sie greifen selten auf den ursprüngli-chen, vom Architekten der Anstalt festgelegten Farbton zurück. Dieser Farbton war meist gebrochen und in einer höheren Potenz angesiedelt. Die aktuelle Farbwahl ist fast immer zu kräftig und von der strafvollzugsinternen Differenzierung der Insassen beeinflusst. [abb·162·163] Nicht selten wird die Farbwahl durch Wissen aus Frauenzeit-schriften ›untermauert‹:

Rot ist die Farbe der Liebe und der Leidenschaft, sie schenkt neue Energie,

Mut und Kraft – macht aber auch leicht aggressiv.

– Gelb symbolisiert die Sonne und damit Licht und Helligkeit. Die Farbe bringt

frischen Schwung, wirkt aber auch etwas oberflächlich.

 

263

164 Blaue Haftraumtür – Gangseite 165 Blaue Haftraumtür – Haftraumseite

 

166 Orange Haftraumtür – Gangseite 167 Orange Haftraumtür – Haftraumseite

 

– Grün steht für Wachstum und Fruchtbarkeit und gilt daher auch als Zeichen

der Hoffnung. Es bringt Ruhe – oder Passivität.

– Blau wie das Wasser und der Himmel verbreitet Ruhe und Beständigkeit.

Es fördert die Logik – kann aber auch unterkühlt wirken.

(lisa, Das junge Magazin – informativ und voller Ideen, 2 /2007, Seite 63)

So werden die Frauenabteilungen rosa, die Männerabteilungen hellblau oder grün und die Abteilungen der Jugendlichen oder Drogenkranken ›sonnig‹ gelb.

Die Haftraumtür ist aus der Sicht der Gangwand eine relativ kleine Fläche, aus der Sicht des Haftraumes jedoch fast eine ganze Wand. Dementsprechend dominant ist ihre Farbe im Haftraum. [abb·164 – 167] Bei der Wandgestaltung gibt es auch ›beliebte‹ Farbkombinationen: Gelb / Blau, Gelb / Rosa und Gelb / Grün. Die Farben werden weder im Einklang mit der vorhandenen räumlichen Situation, dem architek-tonischen Konzept noch dem auf sie treffenden Licht gewählt.

Stimmung erfahren wir – vor allem – durch Licht, Schatten und Farbe.

(illera 2003, S. 58)

So werden auch die Fassaden in einem kräftigen Ton angestrichen, was in manchen Fällen zu einer erheblichen Qualitätsminderung des ohnehin begrenzten Innen-raumes führen kann.

 

264 handbuch strafvollzugsarchitektur

168 Oranger Fassadenanstrich 169 Reflexion in den (weißen!) Haftraum

 

 

der ›Willkür‹ des Lichteinfalls und der Lichtstärke. Ein eigener Rhythmus entsteht: Das Licht verändert die Farbe des Raumes, es verstärkt oder schwächt sie nach architek Licht – Schatten – Licht, der die Dreidimensionalität steigert, die Raumproportionentur

beeinflusst und durch den Wechsel der Jahres- und Tageszeit Veränderungen her-vorruft, die als die unzählbaren Variationen des Themas Raum-Licht in Erscheinung treten. (illera 2003, S. 59)

Beispiel: Das Tageslicht im Haftraum erhält durch den grellen Farbton der gegen-überliegenden Hauswand eine starke Farbtönung, die vor allem bei Sonnenschein innerhalb kurzer Zeit zu Kopfweh führt. [abb·168·169]

Ein Überstreichen der Fassade ist sehr kostenaufwändig und das Aufstellen eines Malergerüsts bedeutet immer ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für die Anstalt. Die ›praktische Lösung‹ ist das Abdecken des Fensters und die Verwendung des künst-lichen Lichtes auch tagsüber. Der Stromverbrauch steigt, somit auch die Kosten, und bei einem längeren Aufenthalt in den betroffenen Hafträumen ist mit Sehbeschwer-den zu rechnen. Und all das nur wegen eines falschen Farbtons.

Aus den Medien ist uns meist ein Bild der Strafvollzugsanstalten in Schwarz / Weiß in Erinnerung. Dieses stilistische Mittel soll die Trostlosigkeit unterstreichen, doch ist die ›bunte‹ Wirklichkeit oft noch trister. Viele verschiedene ›Muster‹ in den unter-schiedlichsten Farben ergeben eine Unruhe und eine Unbehaglichkeit, die sich in Freiheit kaum wieder finden lassen.

 

265

170 Haftraum kurz nach der Fertigstellung 171 Haftraum bewohnt

 

Weiß ist eine neutrale Lösung, die mit allen anderen Farben harmoniert. Der Haft-raum wirkt sauber und ordentlich, bis ein Häftling kommt und ihn bewohnt. Schnell werden die Widersprüche zwischen den theoretischen Vorstellungen und der prak-tischen Nutzung sichtbar. [abb·170 – 173]

Grau / Weiß. In einem Therapieraum ist eine neutrale Farbgebung von Vorteil. Der Raum wirkt neutral. Die farblichen Akzente ergeben sich durch die Benützer. Die Patienten kommen deutlicher zur Geltung, der Raum kann nach einer Therapie-sitzung kurz gelüftet werden und wirkt wieder neutral für die nächste Therapie-gruppe. Der hier arbeitende Therapeut ist ausgesprochen zufrieden und von dieser Farbwahl überzeugt, da die Konzentrationsfähigkeit der Patienten / Insassen deutlich gestiegen sei.

Grau ist allerdings keine ideale Farbe für die Gestaltung von Innenhöfen. Der Hof wirkt trist und stimmt depressiv. Automatisch wird der Blick zu dem ziegelrot-weißen Teil der Mauer (rechts im Bild) gelenkt. [abb·174] Eine bunte Farbgestaltung der Innenhöfe ist sicherlich günstig, doch sollte sie mit Bedacht erfolgen. [abb·175] Negative Beispiele gibt es viele: Bei der Gestaltung sowie der Farbgebung der Spazierhöfe ist die Ideallösung sicherlich die kultivierte Bepflanzung, die einerseits ein durch die Jahreszeiten immer wechselndes Bild sowie Beschäftigungsmöglich-keiten für die Insassen bietet.

 

266 handbuch strafvollzugsarchitektur

172 Haftraum bewohnt 173 Mülltrennung im Haftraum

 

 

3. Form arch »Form follows function.« (arts & crafts)itek Über den psychologischen Einfluss von Form und Farbe gibt es zahlreichetur

wissenschaftliche Untersuchungen, ebenso über die Relativität der Farben, wobei Goethes Farbenlehre nach wie vor unübertroffen ist, da ihre phänomenologisch-künstlerische Sicht den Menschen zum Ausgangspunkt nimmt, wie es die fünfte Dimension erfordert. Goethe setzte sich wiederholt dafür ein, dass gerade das Erleb-nis des die Natur betrachtenden Menschen der Ausgangspunkt für wissenschaftliche Untersuchungen sein müsse und nicht eine abstrakte Theorie, die sich von wo und wie auch immer herleiten lässt. (illera 2003, S. 49)

Wie schon bei der Materialwahl ist auch bei der Formwahl der einzelnen Räume die Sicherheit an erster Stelle. Sicherheit bedeutet hier vor allem: • Sicherheit der Insassen voreinander (Schikane) • Sicherheit der einzelnen Insassen vor sich selbst (Suizidgefahr) • Sicherheit des in den Haftraum eintretenden Personals Die Sicherheit in Bezug auf eine Fluchtgefahr des Insassen aus seinem Haftraum ist in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Aufgrund der ›Öffnung‹ des Vollzuges ergeben sich für den Insassen günstigere Möglichkeiten einer gelungenen Flucht (Arbeitsplatz, Spazierhöfe, Ausgang) als aus dem – meist tief im Gebäude-komplex befindlichen – Haftraum. Diese Sicherheitsansprüche an den Haftraum

 

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174 Spazierhöfe grau 175 Spazierhöfe bunt

 

haben sich seit Jahrhunderten nicht geändert. Die damals geschaffene Haftraum-form wird bis heute mehr oder weniger beibehalten. Sie ermöglicht eine gute Ein-sicht von der Haftraumtür aus und eine schnelle – durch nichts behinderte – Zugriffs-möglichkeit. Ein weiterer Grund für diese Haftraumform war die Überlegung der Erschließbarkeit möglichst vieler Hafträume von einem Gang aus. Der Gang galt als das Territorium, der Arbeitsplatz des Wachebeamten, der diesen mehrmals stündlich abzugehen hatte. Ein weiterer Grund war die mangelnde Beheizung der Hafträume und die deshalb so klein wie möglich gehaltene Fensterfront. Die geringe Breite des Haftraumes bewirkte, dass es üblich war, die Fenster gegenüber der Tür in einer Achse zu platzieren. Die Haftraumtüren wurden mit einem ›Spion‹ (Guckloch) aus-gestattet. Der Haftraum war so gut und schnell zu überblicken, ohne dass die Tür geöffnet werden musste. Etwa um 1910 begann man die bis dahin im Haftraum hochgelegenen (Parapethöhe über 1,90 m!) Fenster bei Neubauten tiefer zu platzie-ren und zu vergrößern. Die nicht bedachte Folge war, dass die so platzierten Fenster nicht selten den Einblick in den Haftraum durch den Spion – vor allem bei direkter Sonneneinstrahlung – unmöglich machten. Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Haftraumausstattung wesentlich. Hafträume wurden mit fließendem Wasser und wc ›aufgewertet‹. Zu einer baulichen Veränderung der Haftraumform kam es nicht. Auch nicht bei Neubauten. Die Ausstattung der Hafträume mit fließendem Wasser und wc erfolgte stufenweise. Zunächst wurde rechts oder links von der Haft-raumtüre ein wc angebracht, das später mit einem Vorhang vom Haftraum getrennt wurde. [abb·176] Der Wasseranschluss war oft über dem wc platziert, ein Wasch-becken war nicht vorhanden.

Im Laufe der Jahre stieg vor allem in den Mehrmannhafträumen das Bedürfnis nach einer baulichen Abtrennung des wc vom Haftraum. So veränderte sich die Haftraumform von einem rechteckigen Wohnbereich mit etwa 8 m² zu einem kleine-ren Quadrat – dem Wohnbereich (4 – 6 m²), einem rechteckigen Gang (1 – 1,5 m²) und einem baulich abgetrennten wc (etwa 1 – 1,5 m²). Der Wohnbereich wurde mit dieser ›Verbesserung der Haftraumbedingungen‹ deutlich kleiner und seine Form deutlich geändert. (vgl. Howard 1777: Haftraummindestgröße: 10 x 7 Fuß, rund 6,5 m²)

 

268 handbuch strafvollzugsarchitektur

176 Entstehung der Flaschenhalstypologie durch Einbau von Sanitäranlagen

 

 

177 Einsehbarkeit 178 Nische 179 Einsehbarkeit stark eingeschränkt

 

Diese ›Flaschenhalstypologie‹ ist aus der Hotel- und Spitalsarchitektur bekannt. arch In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zu einer weiterenitek Formänderung der Hafträume, bei der wieder Sicherheitsüberlegungen im Vorder-tur

grund standen:

• Unterbinden der Kommunikation von Haftraum zu Haftraum mittels Pendelns • bessere Einsicht in die Hafträume

Transportieren von Gegenständen entlang der Außenwand: bändeln; pendeln

(laubenthal 2001, S. 211)

Man wählte damals eine Typologie, die aus dem Wohnbau bekannt ist. Die zackige Fensterfront wurde für den Wohnbau aus Gründen der besseren Belichtung der Innenräume bei ungünstig ausgerichteten Fassaden entwickelt. Heute findet man sie bei Neubauten meist nur noch bei großen Hotelanlagen. Diese Bauform wurde in den 90er Jahren wieder verworfen, nachdem man eingesehen hatte, dass sie keine Verbesserung brachte. Im Gegenteil, in einem beengten Raum bringt diese Raum-form zusätzliche Probleme vor allem der Möblierbarkeit mit sich. [abb·181·182]

Derzeit greift man weltweit wieder auf die Flaschenhalstypologie zurück, gleich-zeitig kommt es zu Gesetzesnovellen, die immer mehr Tätigkeiten und Gegenstände in den Hafträumen zulassen. Die Hafträume der Neubauten bestehen mittlerweile immer aus einem Wohnraum und einer baulich abgetrennten Nasszelle, in der sich

 

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180 Zackenfassade: Spazierhof am Dach

 

181 Zackenfassade: Multifunktionsraum 182 Erschwerte Möblierbarkeit

 

wc, Waschbecken und /oder Dusche befinden. Die Tür der Nasszelle muss nach außen zu öffnen sein, um diese notfalls besser aufbrechen zu können. Abgesehen von der oben angeführten Verkleinerung des Wohnraumes, birgt die Flaschenhals-typologie noch weitere Probleme: Ausgehend von dem Bedarf des raschen Zugriffes in den Haftraum, ist dieser durch den engen, und meist noch durch Regale verstellten ›Gang‹ erheblich erschwert.

Haftraumeingang: Gasse (laubenthal 2001, S. 201)

Auch diese Bezeichnung aus dem Anstaltsjargon ist sehr bildlich. In einem so geformten Raum ist es wesentlich einfacher sich zu verbarrikadieren. Die Nische, die durch die Nasszelle entsteht, ist von der Haftraumtür nicht zur Gänze einsehbar. Oft wird gerade in dieser Nische das Bett platziert. Das Bett, dessen Kopfende der Insasse als seinen privatesten Bereich wahrnimmt. Dies ist meist der Bereich, in dem sich der Insasse am sichersten fühlt. Die Nische kann schnell zum Bereich der Unsicherheit werden. Dies ist vorwiegend in der Nacht, in Mehrmannhafträumen, wenn der Insasse durch Mitgefangene schikaniert und/oder misshandelt wird, der Fall. Wenn das Bett in einer von der Haftraumtür nicht einsehbaren Nische platziert wird, schafft man nicht nur einen besonders privaten Ort, sondern einen potenziellen ›idealen Tatort‹. [abb·178·179] Die architektonischen Lösungen, die in Freiheit gut sind, können für den Strafvollzug vollkommen ungeeignet sein.

 

270 handbuch strafvollzugsarchitektur

183 hr = wr + nz

 

 

Haftraumtypologieentwurf A.S.

Der rechte Winkel ist uns Menschen am angenehmsten, denn es ist der Winkel, in dem wir sitzen, der, in dem wir uns zur Erdoberfläche bewegen. (otto wagner)

a

r

c

Die Aufwertung bestehender Hafträume durch den nachträglichen Einbau von wc hite

und Wasseranschlüssen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat auch bei k

t

u

r

Neubauten nicht zu einer Veränderung der Haftraumform geführt. Sie hat aber erheblich zu der Veränderung der Wohnraumform des Haftraumes beigetragen. Nach den heutigen Anforderungen (siehe Analyse des Stvg in Bezug auf die Ermitt-lung der Haftraummindestgröße) sowie der Analyse der bisher gebauten Hafträume und deren Nutzung steht fest, dass ein Haftraum aus zwei Räumen bestehen muss: dem Wohnraum und einer Nasszelle.

HR = WR + NZ

Haftraum = Wohnraum + Nasszelle

Die Nasszelle muss nicht direkt belüftet sein. Eine solche Teilung des Haftraumes ermöglicht eine effektive Raumnutzung wie auch eine zeitgemäße Unterbringung der Insassen. Die zunehmende Bewusstwerdung der unzureichenden Haftraum-größen bringt auch die Möglichkeit des Überdenkens der Haftraumform mit sich. Folgende Formlösung bietet sich an: [abb·183]

 

271

184 Haftraumtypologieentwurf A.S. Variante 1 185 Haftraumtypologieentwurf A.S. Variante 2

 

Diese typologische Lösung ermöglicht:

• gute Überschaubarkeit des Haftraumes von der Haftraumtüre aus • Fenster und Türe liegen nicht auf einer Achse, somit keine Blendung durch

Sonnenlicht bei Einblick durch den Spion in der Haftraumtür

• zunehmend quadratischer Wohnraum – flexible Möblierungsmöglichkeiten Bislang wird leider bei Neubauten die Flaschenhalstypologie unreflektiert übernommen.

4. Licht

In der Strafvollzugsarchitektur kann man sich in den einzelnen Bereichen (Wohnen, Arbeiten etc.) an die üblichen Vorschriften und Normen, die in Freiheit gelten, halten. Ein wesentlicher Aspekt ergibt sich durch den Freiheitsentzug. Jede noch so geringe Abwechslung – und sei es nur ein wanderndes Sonnenlicht – bringt eine erhebliche Besserung der strafvollzugsspezifischen Atmosphäre, die sich nicht zuletzt durch Monotonie und Deprivation auszeichnet, mit sich. [abb·186 – 190]

Es gibt eine physische und psychische Grenze von innen nach außen: Die den Öffnungen zugewiesenen physischen Funktionen sind das Ein- und Austreten von Menschen und Sachen, die Belichtung des Inneren von draußen und das Heraus-sehen von drinnen nach draußen; die psychischen Funktionen sind diejenigen, die ›Schwellenangst‹ signalisieren können oder als Schutzfunktion auftreten, indem sie Geborgenheit und Ungestörtsein gewähren. Die Intimität des Innenraumes verlangt Barrieren zwischen innen und außen. Türen verkörpern daher mehr als das bloße Ein- oder Ausgehen und Fenster stellen mehr dar als die bloße Belichtung oder die Gewährung einer Aussicht. (illera 2003, S. 154)

In seiner messbaren Größe kann das Licht der Quantität zugeordnet werden, was auch Richtlinien, Normen und Gesetze in Lux-Stärken bezogen auf den Raum oder auf Raumbereiche fordern. Diese Quantität ist aber für die qualitative Beurtei-lung eines Raumes bezüglich des Lichtes nicht ausreichend, da sie in ihren Angaben weder Position noch Größe oder Anzahl der Fenster und Lichtöffnungen berücksich-tigt. Der dreidimensionale Raum wird durch die Proportion der Unterbrechungen

 

272 handbuch strafvollzugsarchitektur

186 Sonnenlicht im Wohnraum des Insassen 187 Sonnenlicht im Arbeitsbereich der Justizwache

 

 

in Wand und Decke und das unterschiedliche Eindringen des Lichtes in seinem arch wesentlichen Erscheinungsbild zwingend geprägt. Die Qualität der Belichtung durchitek Tageslicht umfasst im Wesentlichen folgende Faktoren: die Ausrichtung der Öffnun-tur

gen zu den Himmelsrichtungen, die Art, Anzahl und Größe der Öffnungen und ihre Situierung. (illera 2003, S. 59)

Dauer und Aufenthalt erstellen unterschiedliche Nutzungsanforderungen an die Qualität von Ort und Raum. Dabei ist der direkte Zusammenhang zwischen Zeit-dauer, Aufenthalt und Lichtqualität anzugeben: An den Forderungen bezüglich des Arbeitsplatzes ist die Verknüpfung von Licht und Zeit klar abzulesen. Für die Augen ist das Arbeiten bei ausschließlich künstlichem Licht auf Dauer schädlich, da dieses Licht unveränderlich ist. Das Auge stellt sich mit der Retina und Linse auf diese un-veränderbare Helligkeit ein. Es verharrt in einer einzigen Stellung und das verursacht, wenn dieser Zustand längere Zeit andauert, Kopfschmerzen. (illera 2003, S. 32)

Das natürliche Licht hingegen bietet ständige, oft unbemerkbare Schwankungen, die sich durch die verschiedenen Stellungen der Sonne während des Tages steigern. Daher die enge Verknüpfung von Arbeitsdauer, Arbeitsplatzqualität und Licht. Sollte ein Nutzer für längere Zeit dem künstlichen Licht ausgesetzt werden müssen, dann kann durch die Möglichkeit von Distanzblicken durch ein Fenster ins Freie oder Räume unterschiedlicher Größe und Beleuchtung Abhilfe geschaffen werden. (illera 2003, S. 32)

 

273

188 Licht als Stimmungsträger 189 Licht als Stimmungsträger

 

Durch das Licht im Raum werden Änderungen hervorgerufen, die den Übergang von einem hellen zu einem dunklen Bereich kennzeichnen. Ein Zonenwechsel wird durch die Akustik von einem lauten zu einem leisen Raumteil angezeigt, bedingt durch den unterschiedlichen Klang der Materialien und Oberflächen. Schwellen-details, auch die subtilsten des Hörens und Sehens, sind das empfindlichte, aber beredteste Repertoire der architektonischen Sprache. (illera 2003, S. 258)

Licht, die Qualität des Lichtes, das Beleuchtungsniveau überhaupt, die klare Wegführung, die gute Orientierung, das Sich-Zurechtfinden zwischen Gebäuden und in Räumen: All diese sind nicht zu unterschätzende Einflussfaktoren auf das biologische Wohlbefinden des Menschen, dem unmittelbar das psychische Sich-Wohlfühlen folgt. Auch diese Komponenten eines Entwurfes drängen schon im Konzept auf eine Entscheidung. (illera 2003, S. 64)

Das Licht wirkt schon an sich ästhetisch, hat eine eigentümliche Schönheit: man kann sagen, es ist das erfreulichste der Dinge. Daher ist es auch das Symbol alles Guten und Heilbringenden geworden: seine Abwesenheit macht unmittelbar traurig: seine Wiederkehr beglückt. […]. Hieraus ist es abzuleiten, dass der Anblick des Lichts, d.h. eben die Erregung der Sinntätigkeit des Auges schon unmittelbar durch sich selbst und geistig erfreut. (schopenhauer 1820, nach illera 2003, S. 3)

Gefüge von innen und außen ist in die wechselnden Konstellationen des Wetters und der Sonne eingebunden. […] Die Ausrichtung einzelner Zimmer zum Morgen, Mittag, Abend oder zur Nacht, Sonnen-, Schatten- und Wetterseiten eines Hauses bestimmen im Wechsel der Jahreszeiten und ihrer entsprechend unterschiedlichen Licht- und Witterungsverhältnisse über den vielfältig verflochtenen Zusammenhang von Innen- und Außenwelt des Menschen. Je unabhängiger von diesen Voraus-setzungen die Architektur gebaut wurde, umso verlorener fühlten sich die Menschen in ihren Häusern. Das Bauen ist heute abstrakt geworden, weil diese konkreten Bedingungen in letzter Zeit zu wenig Beachtung fanden. (sundermann 1984, nach illera 2003, S. 3)

 

274 handbuch strafvollzugsarchitektur

190 Licht als Stimmungsträger

 

 

Wenn wir das warme schräge Streifenlicht der Nachmittagssonne in einem Raum mit der Struktur seiner Wände bewundern und uns von diesem Farbenspiel bezaubern lassen, müssen wir als Architekten wissen, was dieser Wirkung vorangeht:

 

– die Orientierung des Gebäudes mit den Öffnungen nach Westen, arch um das Eindringen der Nachmittagssonne zu ermöglichen;itek – die Größe und Platzierung der Lichtöffnungen und die Art der Fenster,tur

die Einfluss auf die Helligkeit und auf den Charakter des Raumes nehmen:

Oberlicht, Seitenlicht, indirektes Licht, gerichtetes Licht, Streulicht; – Die Größe des Raumes und das Verhältnis der Wandflächen zu den Öffnungen

zeigen die Beziehung innen / außen des Raumes an.

– Die Raumhöhe ermöglicht geringeres oder größeres Vordringen des Lichtes

in die Tiefe des Raumes – möglicherweise bis zur Wand, die in der Regel

die Raumgrenze bildet.

– Die Oberflächenstruktur der (farbigen) Wand ergibt das Lichtspiel von

Schatten und Sonnenflächen in kontrastvollen Farbtönen. Unter dem Licht sind

Strukturen und Texturen schattenerzeugend und somit für das architektonische

Erscheinungsbild bestimmend.

Diese formalen und gestalterischen Entscheidungen, die unterschiedliche Raum-eindrücke bewirken und Raumstimmungen ermöglichen, sind bereits in der Konzept-phase eines Entwurfes zu berücksichtigen. (illera 2003, S. 59f)

Es ist die Qualität, die das Licht zu einem der wichtigsten Gestaltungsfaktoren macht, wodurch es zum Stimmungsträger schlechthin wird. (illera 2003, S. 163)

 

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Verkehrswege und die räumliche Erschließung

Der Orientierungserfolg steht in Relation zur Weglänge und zur Anzahl der Richtungswechsel. Daraus kann man folgern: Je länger der Weg ist und je öfter die Richtung wechselt, desto höher ist der Anteil der ›Verirrten‹. Je stärker ein Weg benutzt wird, desto mehr Personen verirren sich womöglich aufgrund falscher Richtungshinweise. Außerdem lässt die wachsende Anzahl von Entscheidungs-punkten die Zahl der ›Verirrten‹ ansteigen. Ein Entscheidungspunkt ist eine Stelle, an der Personen sich zwischen zwei oder mehr Wegen entscheiden müssen. (best 1973, nach illera 2003, S. 241)

Fußgänger

Der Baukörper, der architektonische Raum und das räumliche Umfeld sind nur durch die Bewegung erfahrbar. Das bedeutet, dass die Wahrnehmung sich in eine Folge von Erfahrungsabschnitten gliedert, die in der Zeit verankert sind. Durch diese untrennbare Verknüpfung wird die Zeit ein konstituierendes Element und muss auch in der Architektur als vierte Dimension in Rechnung gestellt werden. Aber nicht nur durch die körperliche, sondern vor allem durch die seelische Sinneserfahrung des Menschen wird Bauen erst sinnvoll. Im Mittelpunkt solcher Planung steht der Mensch. (illera 2003, S. 4)

Wenn Menschen in Blöcken bewegt werden, können sie durch Personal be-aufsichtigt werden, dessen Hauptaufgabe nicht die Führung oder periodische Inspektion ist (wie in vielen Arbeitgeber-Arbeitnehmerverhältnissen), sondern die Überwachung – wobei darauf geachtet wird, dass jeder das tut, was ihm klar und deutlich befohlen wurde, und zwar unter Bedingungen, unter denen ein Verstoß des Einzelnen sich deutlich gegen die sichtbare, jederzeit überprüfbare Willfährigkeit der anderen abhebt. Ob den großen Gruppen von gemanagten Menschen oder dem zahlenmäßig geringeren Aufsichtspersonal die Priorität zukommt, steht hier nicht zur Debatte: Hauptsache, sie sind aufeinander angewiesen. (goffman 1973, S. 18) Jeder, der sich durch eine Strafvollzugsanstalt bewegt, wird überwacht. Die Insassen, die Besucher sowie das Personal – zu seinem eigenen Schutz.

Die in den letzten Jahrzehnten entwickelten technischen Möglichkeiten erleich-tern diese Überwachung. So ist es nicht unbedingt nötig, dass alle Personengruppen physisch durch die Anstalt begleitet werden müssen. In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es Hochsicherheitsgefängnisse, die ganz auf den Kontakt der Insassen mit Personal verzichten. Dieses Konzept steht in direktem Widerspruch zum euro-päischen Strafvollzug, der ja auf die Resozialisierung ausgerichtet ist.

Dennoch können bestimmte Verkehrswege von den Insassen allein zurück-gelegt werden. Diese Abschnitte werden mit Hilfe von Kameras überwacht und an ihren Enden befinden sich Türen, die elektrisch geöffnet werden können.

 

276 handbuch strafvollzugsarchitektur Der Behandlungsvollzug unterscheidet sich vom Verwahrungsvollzug unter anderem darin, dass die Insassen nicht die meiste Zeit in ihren Hafträumen verbringen, sondern allen möglichen Aktivitäten nachgehen. Für diese braucht es nicht nur geeignete Räumlichkeiten, sondern auch Verbindungswege. Wenn man davon ausgeht, dass es für die Sicherheit der Anstalt günstig ist, die Insassen in kleinere Gruppen zu teilen (Abteilungen), so gilt dies auch für das Bewegen der Insassen durch die Anstalt. Es kann zwischen Personalwegen und Insassenwegen unterschieden werden (etwa wie in Spitälern oder Flughäfen).

pkw- / lkw-Verkehr

Prinzipiell ist es aus Sicherheitsgründen empfehlenswert, die Zahl der in die und aus der Anstalt fahrenden Fahrzeuge so gering wie möglich zu halten. So sind Park-plätze der Angestellten sowie der Besucher außerhalb der Umfriedung anzulegen. Von Vorteil ist es, wenn diese von der Torwache einzusehen sind. Im dicht bebauten Stadtgebiet ist dies oft nicht möglich. Fahrzeuge, die in die Anstalt zufahren: • Insassentransporte

• Nahrungsmittellieferanten

• Belieferung der Arbeitsstätten • Krankenwagen

• Feuerwehr

 

• Fahrzeuge mit Hebebühnen (zur Fassadeninstandhaltung, denn Gerüste arch sind in den Anstalten im Allgemeinen sicherheitstechnisch ungünstig)itek • Müllabfuhrtur Wie viele Fahrzeuge in die Anstalt zufahren, hängt von vielen Faktoren ab. Manche Anstalten versuchen die Hauptzufahrt zu entlasten, indem sie zum Beispiel die Transporter der Arbeitsstätten oder die Müllabfuhr über eine zweite Schleuse ein- und ausfahren lassen.

Möglichkeiten gibt es viele.

 

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