Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
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Kreutzern. Man rechne hiezu noch den mit Lesung dieser Schriften erlittenen
Zeitverlust, und addire damit das Lucrum cessans von Ideen und Kenntnissen,
mit welchen man während dieser Zeit den Verstand aus bessern Schriften hätten
bereichern können, und urtheile dann, ob man dem Publikum die Verachtung
und Geringschätzung so ganz und gar verargen könne, mit welcher dasselbe auf
die heutigen Schriftstellerprodukte herabsieht. Indessen würde das Publikum
sehr voreilig und ungerecht handeln, wenn es diese ganze unnütze Ausgabe bloß
auf Rechnung der Autoren schreiben und glauben wollte, daß diese beträchtliche
Summe von 29299 Gulden, nach Abzug der Druckkosten, ein reiner
unverdienter Gewinn der Autoren gewesen sey. Nach dem hiesigen Verlegerfuß,
der gerade für jene Autoren der schlechteste ist, die des Geldes am meisten
bedürfen, fallen von jeder Schrift im Durchschnitt sicher zwey Drittheile reinen
Gewinnstes in den Säckel derjenigen, die bey fremden Geistesgeburten
Hebammendienste verrichten, das ist, die, um ein Geisteskind in die Welt zu
setzen, ihre Hände, Maschinen und Windeln herleihen, oder sich wohl gar für
den blossen Aufenthalt fremder Kinder in ihrem Gewölbe einen grössern Zins,
als je in Wien für eine Wohnung gezahlt wird, abreichen lassen. Nach diesem
Zweydrittelfuß also kömmt von den obenangeführten unnützverwendeten 29299
Gulden ein sicherer Betrag von 19533 Gulden auf Rechnung der Verleger. Eine
Summe, die jene große Bereitwilligkeit allerdings begreiflich macht, mit welcher
dieselben noch immer fortfahren, jeder unreifen Geburt ohne Rücksicht auf
derselben künftiges Schicksal an das Tageslicht zu helfen, und sich der Schuld
zu frühe entbundener Autoren theilhaftig zu machen.
Noch mehr als das bloße auffallende Verhältniß der schlechten Schriften
gegen die guten schadet der Würde der Schriftstellerey die bekannte
Beschaffenheit derjenigen, die sich mit Schreiben abgeben. Lesen und Schreiben
können machte sonst die erforderlichen Eigenschaften des gemeinen Mannes
aus, der bloß von Handarbeit lebt; itzt scheinen sie hinreichend, den Beruf des
Schriftstellers zu machen, und so ist die Schriftstellerey zu einem Handwerk
geworden, in dem jeder pfuscht, der gesunde und schreibfähige Hände hat.
Pfuscherey veranlaßte von jeher den Verfall der Künste und Handwerke. Die
wohlfeile, wiewohl schlechte Waare des Pfuschers, verschlägt die besser
gearbeitete Waare des kunstgerechten Meisters, und dieser, weil ihm Niemand
den grösseren Aufwand von Zeit und Mühe auf seine Arbeit bezahlen will, muß
entweder darben, oder mit zum Pfuscher werden. Geschieht das, so nimmt mit
der Güte der Arbeit ihr Werth ab, das Handwerk fällt, und mit selbem die
Achtung, die man sonst dafür hatte. Der Einwohner des Landes sieht, daß er bey
aller Wohlfeile der Waaren verliert, daß er nun alle Jahr neu anschaffen muß, was ihm sonst vier bis fünf Jahre gedauert hatte; er will wieder gute Waare,
findet sie in seinem Lande nicht, kauft auswärts, und trägt das Geld aus dem
Lande. Das ist beyläufig das Schicksal unserer inländischen Schriftstellerey. Es
waren Zeiten, wo es bey uns wenig oder gar keine Schriftsteller gab, und der
Lesebegierige mußte sich auswärts Nahrung seines Geistes suchen. Jetzt haben
wir Schriftsteller die Menge, aber der Fall ist noch immer der nämliche, und
wird es so lange bleiben, so lange zwey Drittheile der gesammten
Schriftstellerzunft blosse Pfuscher sind. Bey den Handwerken hat man um den
bösen Folgen der Pfuscherey vorzubeugen, die Zunft- und Innungsrechte
eingeführt, welche den kunstgerechten Meister in dem ausschliessenden Besitz
seiner Kunst handhabten, und den Pfuschern das Handwerk legten; die
Schriftstellerey war in diesem Punkte von Anbeginn vogelfrey und ohne Schutz,
und die Kritiker, die sich freylich manchmal des bedrängten Autorwesens
annahmen, und sich den Eingriffen der Afterautoren entgegen stellten, waren
von jeher eine viel zu schwache Schutzwehre, ein Volk von ihrem Gebiete
hindan zu halten, welches nur zu gut wußte, daß die Waffen der Vertheidiger
desselben nur Gänsespuhlen sind, und ihre Worte zwar den Ton, aber nicht das
Vermögen einer gesetzgebenden Gewalt haben. Und dieser wehrlose Zustand der
Schriftsteller ist es, der das Gebiet der Wissenschaften zum Tummelplatz jedes
noch so unverschämten Federfechters macht, und der so viele litterarische
Kleinhändler veranlaßte, ihre kurze Waare an allen Orten auszukramen. Der
Name Schriftsteller hat durch die Leute, die ihn tragen, bereits so viel von
seiner ursprünglichen Würde verloren, daß er anfängt entehrend zu werden, und
wenns noch länger so fortgeht, Gefahr läuft, in Oesterreich eben so gut ein
Schimpfname zu werden, als es der Name: Fur bey den Römern ward. Bald wird
ein Autor, dem sein guter Name lieb ist, Anstand nehmen, mit Leuten dieses
Gelichters einerley Kleid zu tragen, und in einer Gesellschaft zu erscheinen, die
so übel berüchtigt ist. Er wird sich zurückziehen, und dem Pfuschergesindel ein
Gebiet überlassen, von dem der gesittete Mann wie von einer
Jedermannsschenke spricht. Das Publikum kann diesem Uebel allein
zuvorkommen. Es ist der einzige Herr, den das Autorvolk als seinen Richter
anerkennt, der einzige, dessen Gesetzen sich Schriftsteller und Pfuscher
unterwerfen muß. Es herrschet unumschränkt über alle Werke des Geistes, und
entscheidet über des Schriftstellers Leben und Tod. Wenn nun dieses Publikum,
das im Schauspielhause seine Rechte so streng und unerbittlich ausübt, so leicht
zum Mißfallen gereizt wird, und so geschwind fertig ist, ein langweiliges Stück,
oder einen schlechten Schauspieler auf der Bühne auszuzischen; wenn dieses
Publikum auf der grösseren Bühne der Litteratur eben so wenig seiner Rechte
vergässe, die unberufenen Gauckler auf derselben nicht duldete, ihre Bockssprünge und Balgereyen nicht belachte, und das Possenspiel, das diese
Schriftstellerbande wöchentlich zweymal im Wienerdiarium ankündiget, nicht
theuer bezahlte, so würde die Pfuscherey von selbst aufhören, und die
Schriftsteller würden ihr voriges Ansehen wieder erhalten.
Ueberhaupt trägt die hier eingerissene Mode alles, was man gedacht,
beobachtet, oder entdeckt hat, flugs in Broschüren, oder kleinen fliegenden
Blättern, in die Welt zu schicken, vieles zur Verkleinerung der Ehre unserer
Litteratur bey. Diese Methode ist allerdings sehr nützlich, um richtige Begriffe
und Meinungen von gewissen Gegenständen beym Volke in Umlauf zu bringen,
aber von allen Sachen ohne Unterschied so was Summarisches auf einen, oder
zween Bogen hinschreiben, heißt die Wissenschaften sehr geringfügig
behandeln. Was ist leichter, als ein paar Bogen mit hundertmal gesagtem Zeuge
vollzuschreiben, das Ding gedruckt unter einem Titel, der oft das Beste am
ganzen Werk ist, am nächst besten Gewölbfenster eines Verlegers aushängen zu
lassen: und dann auszurufen: