Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
Seite 62
welche die gegenwärtigen Besitzer in ihren Archiven mit der Ueberschrift:
ἀνέχου και ἀπέχου versiegelt und unberührt liegen liessen, ein zurückgelegter
Schatz für ihre Nachfolger sind, welche nicht Anstand nehmen werden, mit
diesen für das Wohl der Menschheit so wichtigen Geschenken zum Besten der
Religion, des Staates und der allgemeinen Aufklärung zu wuchern.
Die Aufhebung einiger Ordensgemeinden, die Verminderung und
Einschränkung der übrigen Mönche, die Verpflichtung derselben, ihre
wissenschaftliche Ausbildung einer öffentlichen Aufsicht zu unterwerfen, sind
eben so viele günstige Vorboten der Aufklärung, deren wohlthätigen Einfluß die
kommenden Generationen mit Dankbarkeit segnen werden. Der Mönchsgeist
war von jeher ein Melthau für die Blüthe der Wissenschaften, und der
ungünstige Einfluß desselben benahm fast allen Zweigen der Gelehrsamkeit
Saft, Fruchtbarkeit und Gedeihen. Unmöglich konnten auf einem so
engumzäunten Boden die Sprößlinge der Wissenschaften zu Bäumen
heranwachsen, und ihre Aeste in die Lüfte verbreiten, und wem ist nicht aus der
Geschichte bekannt, zu was für verwachsenen, dornichten, und an der Erde
hinkriechenden Gesträuchen Philosophie, Theologie und Kirchenrecht auf
mönchischem Grund und Boden geworden sind? Es ist nicht nöthig die Ursache
dieses allgemeinen Mißwachses in der bestimmten, kaum zu vermuthenden
Absicht zu suchen, vermöge welcher die Mönche darum alle Keime der
Aufklärung sollen erstickt haben, um die allgemeine Lichtmasse der Staaten in
einer zu ihrem Vortheil verhältnißmässigen Dämmerung zu erhalten – eine
Beschuldigung, die ihnen öfter gemacht, als erwiesen worden ist. – Genug, daß
sich die Unmöglichkeit des Gedeihens der Wissenschaften aus der Natur der
Klosterverfassungen ergiebt. Wie kann ein Mönch, dem gleich bey seinem
Eintritt in den Orden das Selbstdenken zur Sünde, und die Verleugnung seines
besseren Wissens zur Pflicht gemacht wird, der in dem größten Geisteszwang
erzogen, und von strengen Asceten – seinen einzigen ersten Wegweisern –
gelehrt wird, durch beständiges Abstumpfen seines Verstandes, und gänzliche
Verachtung alles irdischen Wissens seine höchste Vollkommenheit zu erreichen,
der in einer Lage lebt, die sich mit seinem Denk- und Empfindungsvermögen so
wenig verträgt, der, wenn sein Geist was immer für eine Wahrheit verfolgt, alle
Augenblicke Gefahr läuft, mit dem nächsten Schluß, den er daraus zieht, gegen
ein Gelübd, eine Regel, oder eine Ordensmeinung anzustossen, der endlich,
wenn er es auch wagt, sich aufzuklären, von seinen Mitbrüdern gehasset,
verfolgt, und als ein Geistes-Apostat angesehen wird, wie kann so ein Mann
Muth, und Thätigkeit genug behalten, das ganze weite Gebiet des menschlichen
Wissens zu umfassen, und seinen Geist unaufgehalten über alle Zweige desselben zu verbreiten? All dieß zusammengenommen, ist meines Erachtens
hinreichend, sich die Unbrauchbarkeit der Mönche zu vielen Zweigen der
Gelehrsamkeit zu erklären, und den Grund anzugeben, warum die Sprossen der
meisten Wissenschaften in ihren Händen entweder welken, oder verkrümmt und
verbogen werden mußten, ohne daß man nöthig hat, zu einer Beschuldigung von
vorsetzlicher Absicht seine Zuflucht zu nehmen, die vielleicht ihrem Herzen zu
viel Schande, und ihrem Kopfe zu viel Ehre machen würde. Genug, daß weder
die eine, noch ander Ursache in Zukunft mehr Statt haben wird, und daß die über
das Mönchswesen ergangenen Verordnungen bereits ihre wohlthätigen
Wirkungen äussern, und manchen fähigen Kopf, dem sonst vor allem irdischen
Wissen graute, veranlassen, sich nun auch mit der in Klöstern sonst so sehr
verabscheuten sapientia terrena, und prudentia carnis abzugeben, um sich auch
durch solche Kenntnisse in Rücksicht seiner künftigen ungewissen Bestimmung
sicher zu stellen.
Die erweiterte Censursfreyheit, und das dadurch dem Widerspruche, und den
Meinungen der Schriftsteller eröffnete Feld versprach der allgemeinen
Aufklärung eine nicht minder gesegnete Erndte, und vielleicht ist diese zum
Besten des menschlichen Verstandes gemachte Verordnung die erste, die, so neu
sie noch ist, schon wirkliche Früchte aufzuweisen hat. Denn ausser den
sichtbaren, schon oben bemerkten heilsamen Folgen, welche die Kämpfe so
vieler eifrigen Gegner zum Besten der Wahrheit mit sich brachten, giebt es noch
manche tröstliche Beobachtung, die sich über den Fortgang der allgemeinen
Aufklärung machen läßt. Allerdings geht es mit der Zurechtweisung des
menschlichen Geistes sehr langsam, und eine durchaus aufgeklärtere
Denkungsart läßt sich höchstens erst von der zweyten Generation, wenn unsere
itzigen Kinder Väter seyn werden, erwarten. Auch ist es in Bestimmung dieser
Sache viel leichter, die zum Fortgang der Aufklärung gegebenen Ursachen und
Anläße herzurechnen, als die Wirkung derselben zu bestimmen. Die
entscheidendsten Data, um wie viel heller das Volk über gewisse Gegenstände
denke, liessen sich unstreitig aus den Verkauflisten der Rosenkranzkrämer,
Bilderilluminierer und Skapulierhändler, aus den Rechnungen der Wirthe an
größeren Wahlfahrtsorten, aus den neuesten Bruderschaftslisten, und dem
täglichen Absatz der wächsernen Opfer und der sogenannten Kerzelweiber
herhohlen. Indessen giebt es für den aufmerksamen Beobachter noch andere
Data, aus welchen er den höheren Grad der Aufklärung so ziemlich richtig
berechnen kann. Es giebt unter dem Volke bey besonderen Anlässen und
Erscheinungen gewisse Aeußerungen von dem – was ich aura popularis nennen
würde, wenn es die römischen Sprachgesetzgeber nicht in einem andern
Verstande gebraucht hätten – in denen immer der Grad des allgemeinen Vorurtheiles für gewisse Gegenstände sichtbar wird. Man erinnere sich des
Aufsehens und der fast allgemeinen Empörung, welche die Schrift: über die
Begräbnisse in bürgerlichen und adelichen Gesellschaften, in Schenken und
Koffeehäusern erregte, und halte den unbefremdeten Blick und die
Gleichgültigkeit dagegen, mit welcher das Volk itzt ungleich stärkere Doses von
Wahrheit als bewährte Hausmittel in sich schlürft, und man wird finden, daß das
Volk durch die kleineren Schriften dieser Art zu einer Bekanntschaft mit
gewissen Gegenständen gelanget ist, die durch eine Reihe von Jahren kaum zu
erwarten war. Das Lesen so vieler Schriften, das vielfältige Raisonniren darüber,
mußte dasselbe nach und nach mit Ideen vertraut machen, die es sonst gar nicht,
oder nur im Vorbeygehen zu denken gewohnt war. Und hätten die Schriftsteller
nicht selbst so oft ihr Ziel aus dem Gesichte verloren, hätten sie ihre Begriffe
nicht selbst verwirrt, und einer des anderen Arbeit vernichtet, so würde die
Aufklärung ihr Gebiet noch weiter ausgedehnt, und ihre Macht selbst bis auf
Handlungen erstreckt haben. Das Volk würde eingesehen haben, daß man ihm
wohl will, daß man ihm nur die Schlacken, nicht das Gold nehmen, und seine
Begriffe läutern, nicht umstürzen wolle, daß man ihm nichts nehme, ohne dafür
etwas besseres zu geben, und daß der Zweck einer wahren Aufklärung nur darin
bestehe, das eigne Wohl des Bürgers mit seinen Pflichten gegen Gott und den
Staat in das engste und genaueste Verhältniß zu bringen.
Möchten doch alle, die sich berufen glauben, an der allgemeinen Aufklärung
zu arbeiten, dieß beherzigen, möchten doch die hartnäckigen Zeloten und die zu
hitzigen Neuerer den Mittelweg nicht verkennen, auf welchem die Wahrheit
einhergeht, möchten sie doch ihre Geisteskräfte nicht an unnützem
Privatgezänke versplittern, möchten doch die Schriftsteller unseres Landes ihre
Mitbürger die Vortheile kennen und benützen lehren, welche ihnen die weisen
Verordnungen ihres Monarchen bereiten, möchten doch alle, denen die Natur ein
höheres Erkenntnißvermögen gab, mit vereinigten Kräften an dem Werke einer
wahren Aufklärung arbeiten, und bedenken, was für ein grosser,
seelenerhebender Gedanke das sey, der Wohlthäter eines Volkes und ganzer
Generationen von Menschenaltern zu werden!