Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur

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welche die gegenwärtigen Besitzer in ihren Archiven mit der Ueberschrift:

ἀνέχου και ἀπέχου versiegelt und unberührt liegen liessen, ein zurückgelegter

Schatz für ihre Nachfolger sind, welche nicht Anstand nehmen werden, mit

diesen für das Wohl der Menschheit so wichtigen Geschenken zum Besten der

Religion, des Staates und der allgemeinen Aufklärung zu wuchern.

Die Aufhebung einiger Ordensgemeinden, die Verminderung und

Einschränkung der übrigen Mönche, die Verpflichtung derselben, ihre

wissenschaftliche Ausbildung einer öffentlichen Aufsicht zu unterwerfen, sind

eben so viele günstige Vorboten der Aufklärung, deren wohlthätigen Einfluß die

kommenden Generationen mit Dankbarkeit segnen werden. Der Mönchsgeist

war von jeher ein Melthau für die Blüthe der Wissenschaften, und der

ungünstige Einfluß desselben benahm fast allen Zweigen der Gelehrsamkeit

Saft, Fruchtbarkeit und Gedeihen. Unmöglich konnten auf einem so

engumzäunten Boden die Sprößlinge der Wissenschaften zu Bäumen

heranwachsen, und ihre Aeste in die Lüfte verbreiten, und wem ist nicht aus der

Geschichte bekannt, zu was für verwachsenen, dornichten, und an der Erde

hinkriechenden Gesträuchen Philosophie, Theologie und Kirchenrecht auf

mönchischem Grund und Boden geworden sind? Es ist nicht nöthig die Ursache

dieses allgemeinen Mißwachses in der bestimmten, kaum zu vermuthenden

Absicht zu suchen, vermöge welcher die Mönche darum alle Keime der

Aufklärung sollen erstickt haben, um die allgemeine Lichtmasse der Staaten in

einer zu ihrem Vortheil verhältnißmässigen Dämmerung zu erhalten – eine

Beschuldigung, die ihnen öfter gemacht, als erwiesen worden ist. – Genug, daß

sich die Unmöglichkeit des Gedeihens der Wissenschaften aus der Natur der

Klosterverfassungen ergiebt. Wie kann ein Mönch, dem gleich bey seinem

Eintritt in den Orden das Selbstdenken zur Sünde, und die Verleugnung seines

besseren Wissens zur Pflicht gemacht wird, der in dem größten Geisteszwang

erzogen, und von strengen Asceten – seinen einzigen ersten Wegweisern –

gelehrt wird, durch beständiges Abstumpfen seines Verstandes, und gänzliche

Verachtung alles irdischen Wissens seine höchste Vollkommenheit zu erreichen,

der in einer Lage lebt, die sich mit seinem Denk- und Empfindungsvermögen so

wenig verträgt, der, wenn sein Geist was immer für eine Wahrheit verfolgt, alle

Augenblicke Gefahr läuft, mit dem nächsten Schluß, den er daraus zieht, gegen

ein Gelübd, eine Regel, oder eine Ordensmeinung anzustossen, der endlich,

wenn er es auch wagt, sich aufzuklären, von seinen Mitbrüdern gehasset,

verfolgt, und als ein Geistes-Apostat angesehen wird, wie kann so ein Mann

Muth, und Thätigkeit genug behalten, das ganze weite Gebiet des menschlichen

Wissens zu umfassen, und seinen Geist unaufgehalten über alle Zweige desselben zu verbreiten? All dieß zusammengenommen, ist meines Erachtens

hinreichend, sich die Unbrauchbarkeit der Mönche zu vielen Zweigen der

Gelehrsamkeit zu erklären, und den Grund anzugeben, warum die Sprossen der

meisten Wissenschaften in ihren Händen entweder welken, oder verkrümmt und

verbogen werden mußten, ohne daß man nöthig hat, zu einer Beschuldigung von

vorsetzlicher Absicht seine Zuflucht zu nehmen, die vielleicht ihrem Herzen zu

viel Schande, und ihrem Kopfe zu viel Ehre machen würde. Genug, daß weder

die eine, noch ander Ursache in Zukunft mehr Statt haben wird, und daß die über

das Mönchswesen ergangenen Verordnungen bereits ihre wohlthätigen

Wirkungen äussern, und manchen fähigen Kopf, dem sonst vor allem irdischen

Wissen graute, veranlassen, sich nun auch mit der in Klöstern sonst so sehr

verabscheuten sapientia terrena, und prudentia carnis abzugeben, um sich auch

durch solche Kenntnisse in Rücksicht seiner künftigen ungewissen Bestimmung

sicher zu stellen.

Die erweiterte Censursfreyheit, und das dadurch dem Widerspruche, und den

Meinungen der Schriftsteller eröffnete Feld versprach der allgemeinen

Aufklärung eine nicht minder gesegnete Erndte, und vielleicht ist diese zum

Besten des menschlichen Verstandes gemachte Verordnung die erste, die, so neu

sie noch ist, schon wirkliche Früchte aufzuweisen hat. Denn ausser den

sichtbaren, schon oben bemerkten heilsamen Folgen, welche die Kämpfe so

vieler eifrigen Gegner zum Besten der Wahrheit mit sich brachten, giebt es noch

manche tröstliche Beobachtung, die sich über den Fortgang der allgemeinen

Aufklärung machen läßt. Allerdings geht es mit der Zurechtweisung des

menschlichen Geistes sehr langsam, und eine durchaus aufgeklärtere

Denkungsart läßt sich höchstens erst von der zweyten Generation, wenn unsere

itzigen Kinder Väter seyn werden, erwarten. Auch ist es in Bestimmung dieser

Sache viel leichter, die zum Fortgang der Aufklärung gegebenen Ursachen und

Anläße herzurechnen, als die Wirkung derselben zu bestimmen. Die

entscheidendsten Data, um wie viel heller das Volk über gewisse Gegenstände

denke, liessen sich unstreitig aus den Verkauflisten der Rosenkranzkrämer,

Bilderilluminierer und Skapulierhändler, aus den Rechnungen der Wirthe an

größeren Wahlfahrtsorten, aus den neuesten Bruderschaftslisten, und dem

täglichen Absatz der wächsernen Opfer und der sogenannten Kerzelweiber

herhohlen. Indessen giebt es für den aufmerksamen Beobachter noch andere

Data, aus welchen er den höheren Grad der Aufklärung so ziemlich richtig

berechnen kann. Es giebt unter dem Volke bey besonderen Anlässen und

Erscheinungen gewisse Aeußerungen von dem – was ich aura popularis nennen

würde, wenn es die römischen Sprachgesetzgeber nicht in einem andern

Verstande gebraucht hätten – in denen immer der Grad des allgemeinen Vorurtheiles für gewisse Gegenstände sichtbar wird. Man erinnere sich des

Aufsehens und der fast allgemeinen Empörung, welche die Schrift: über die

Begräbnisse in bürgerlichen und adelichen Gesellschaften, in Schenken und

Koffeehäusern erregte, und halte den unbefremdeten Blick und die

Gleichgültigkeit dagegen, mit welcher das Volk itzt ungleich stärkere Doses von

Wahrheit als bewährte Hausmittel in sich schlürft, und man wird finden, daß das

Volk durch die kleineren Schriften dieser Art zu einer Bekanntschaft mit

gewissen Gegenständen gelanget ist, die durch eine Reihe von Jahren kaum zu

erwarten war. Das Lesen so vieler Schriften, das vielfältige Raisonniren darüber,

mußte dasselbe nach und nach mit Ideen vertraut machen, die es sonst gar nicht,

oder nur im Vorbeygehen zu denken gewohnt war. Und hätten die Schriftsteller

nicht selbst so oft ihr Ziel aus dem Gesichte verloren, hätten sie ihre Begriffe

nicht selbst verwirrt, und einer des anderen Arbeit vernichtet, so würde die

Aufklärung ihr Gebiet noch weiter ausgedehnt, und ihre Macht selbst bis auf

Handlungen erstreckt haben. Das Volk würde eingesehen haben, daß man ihm

wohl will, daß man ihm nur die Schlacken, nicht das Gold nehmen, und seine

Begriffe läutern, nicht umstürzen wolle, daß man ihm nichts nehme, ohne dafür

etwas besseres zu geben, und daß der Zweck einer wahren Aufklärung nur darin

bestehe, das eigne Wohl des Bürgers mit seinen Pflichten gegen Gott und den

Staat in das engste und genaueste Verhältniß zu bringen.

Möchten doch alle, die sich berufen glauben, an der allgemeinen Aufklärung

zu arbeiten, dieß beherzigen, möchten doch die hartnäckigen Zeloten und die zu

hitzigen Neuerer den Mittelweg nicht verkennen, auf welchem die Wahrheit

einhergeht, möchten sie doch ihre Geisteskräfte nicht an unnützem

Privatgezänke versplittern, möchten doch die Schriftsteller unseres Landes ihre

Mitbürger die Vortheile kennen und benützen lehren, welche ihnen die weisen

Verordnungen ihres Monarchen bereiten, möchten doch alle, denen die Natur ein

höheres Erkenntnißvermögen gab, mit vereinigten Kräften an dem Werke einer

wahren Aufklärung arbeiten, und bedenken, was für ein grosser,

seelenerhebender Gedanke das sey, der Wohlthäter eines Volkes und ganzer

Generationen von Menschenaltern zu werden!