Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur

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Was ist der Teufel?

Was sind die Wienerschriften überhaupt?

Und man würde vielleicht noch mehr gefragt haben, wenn das Antworten

nicht so schwer wäre. Wenigstens machte ein Gegner dieser Herren Fragesteller

die feine Bemerkung: daß ein Narr mehr fragen könne, als zehn Weise

beantworten.

Noch eine Schrift, über welche bey Gelegenheit der Ankunft des Pabstes bis

zum Eckel gestritten ward, war: Die Vorstellung an seine päbstliche Heiligkeit

Pius VI. von Herrn Rautenstrauch. Der Ehrw. P. P. Fast, der sichs nun einmal

zum Geschäft gemacht zu haben scheint auf der erzbischöflichen Warte die

Aspekten der Aufklärung am Wienerhorizonte zu beobachten, konnte diesen

Irrstern nicht unangehalten vorbeylassen. Er glaubte an demselben durch sein

altes Sehrohr eine Menge Flecken wahrzunehmen, und, ohne erst zu

untersuchen, ob diese Flecken nicht etwa an den Gläsern seines eigenen Tubus

befindlich seyen, ereiferte er sich dagegen in einem Tone, der in den Zeiten, da

man mit Fäusten schrieb, einem Weislinger Ehre gemacht haben würde. Herr

Rautenstrauch, der keinem seiner Gegner gern das letzte Wort läßt, fieng an

Episteln an ihn zu schreiben, deren keine unbeantwortet blieb; und hieraus

entstand jener artige Briefwechsel, der, wenigstens von Seite des Ehrw. P. P.

Fasts einen herrlichen Beytrag zu deutschen Epistolis obscurorum virorum

abgeben würde. Unstreitig bleibt Herrn Rautenstrauch bey diesem ganzen

Handel die Ehre einer ungleich grösseren Mässigung, und die noch grössere, der

Verfasser einer Schrift zu seyn, wie seine Vorstellung ist.

Es erschienen in dieser zweyten Schriftstellerperiode, welche den Pabst zum

Gegenstand hatte, noch mehrere sehr gut geschriebene Abhandlungen, deren

Auseinandersetzung mich zu weit führen würde. Genug, aus allen

zusammengenommen, ergiebt sich der Schluß, daß sich von dem jungen

Nachwuchs der Autoren – derjenigen versteht sich, die nicht Pfuscher sind –

wenn nicht Schreibbegierde allein sie leiten, und Ueberlegung die aufbrausende

Hitze mässigen wird, noch viel Gutes hoffen läßt.

Mit dem Institute der Predigerkritiker begann für Wien eine neue

Schriftstellerperiode, die sowohl wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes, als

ihrer unstreitigen Gemeinnützigkeit merkwürdig ist. Wie wichtig die Rolle eines

Predigers, und wie groß der Einfluß eines öffentlichen Redners auf das Volk von

jeher gewesen sey, beweiset die durch alle Nationen und Alter immer gleich

fortlaufende Erfahrung von den Sophisten Griechenlands an, bis auf die

herumziehenden Bußprediger unserer Zeiten. Unzählig sind die Beispiele, daß

eine schwärmerische Rede feige Memmen zu Helden, und gutwillige Schaafe zu

reissenden Wölfen machte. Nicht selten haben Prediger ihre Macht über das menschliche Herz bis auf einen unerklärbaren Punkt getrieben; und daher kam

es, daß man das, was sie von der Kanzel herab wirkten, so oft Mirakel nannte.

Noch mehr: ein nur mittelmässiger Redner läßt an unmittelbarem Einflusse auf

sein Volk selbst den beßten Schriftsteller weit hinter sich zurück. Nie wird ein

Raynal seinen Lesern das werden, was Ziska auf seiner Tonne den Hußiten

ward. Der Grund hievon liegt in der Natur der Sache. Der Redner hat nicht nur

alle Vortheile des Schriftstellers, sondern er hat noch weit mehr, um auf sein

Volk zu wirken. Die Art, mit welcher beyde ihre Gedanken und Empfindungen

mittheilen, ist unendlich verschieden. Das Mittel zur Wirkung ist bey dem

Schriftsteller nur der todte Buchstabe, bey dem Prediger das lebendige Wort: der

Prediger ist gegenwärtig, um jedes seiner Worte durch Ausdruck und Geberde zu

unterstützen, und wirkt also auf zween Sinne zugleich, der Schriftsteller ist

abwesend, bleibt ungesehen, und kann nur auf einen Sinn wirken. Der Redner

wirkt auf Tausende zugleich, und hat da den wichtigen Vortheil, daß der gerührte

Zuhörer den ungerührten bewegt, und das Beispiel des größeren Theiles den

kleineren mitansteckt. Den Schriftsteller liest jeder allein, und der Leser sieht

keine Mitgerührten um sich, die seine Empfindung unterstützen oder heben

könnten. Der Redner kann fortreissen, wo er will, und zurückhalten, wo es ihm

beliebt, den Lauf des Schriftstellers kann jede Kleinigkeit hemmen, und seine

Ruhepunkte werden mit einem Blick übersprungen. Das Publikum des Redners

ist gleichartiger, es ist ihm mehr bekannt, um auf selbes zu wirken. Das

Publikum des Schriftstellers ist die Welt, unendlich mannigfaltig an Denkart und

Empfindungsvermögen, er kennt seine Leser nur nach dem allgemeinen Begriffe

der Menschen, und hat nur entfernte, unbestimmte Mittel, um auf sie wirken zu

können. Aus dieser Vergleichung, die allerdings noch weiter geführet werden

könnte, wird es einleuchtend klar, daß der Prediger von ungleich grösserem

Einfluß seyn müsse, als der Schriftsteller, daß dieser nur nach und nach

Proselyten machen, jener aber augenblickliche Empörungen veranlassen, und

folglich gefährlicher werden könne, und daher in einem Staate eine noch weit

strengere Aufsicht verdiene, als selbst der Schriftsteller.

Diese allgemeinen Betrachtungen, die, wie alles Allgemeine, ihre Ausnahme,

und Einschränkungen wohl haben mögen, machen die bisherige gänzliche

Censursfreyheit aller öffentlichen Predigten sehr auffallend, aber noch

auffallender die Klagen derjenigen, die sich berechtigt glauben, gegen ein

Institut zu murren, welches allein diesen Mangel einer öffentlichen Aufsicht

einigermaßen ersetzen kann. Seit der Zeit, da die Pfarrer den Besitz der Kanzel

mit den Mönchen zu theilen anfiengen, ist eine solche Aufsicht um so nöthiger,

da man weiß, was für Aberglauben und Irrthümer diese Gattung Prediger nicht

selten unter dem Volke verbreitet, und wie oft sie den Predigtstuhl zum Pranger der Pfarrer, der Obrigkeiten, und selbst ihrer Zunftgenossen, gemacht haben. Ist