Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
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der allgemeinen Aufklärung in Wien bloß nach den Schriften dieser Stadt
bestimmen wollte, eine Bemerkung, welche – so wahr sie ist – meines Wissens
noch jeder fremde Reisende, der von Wien schrieb, zu machen vergessen hat.
Ich will hier eben nicht untersuchen, ob es für jeden guten Kopf Pflicht sey,
seine Talente so viel möglich gemeinnützig zu machen, ob bey einer so grossen
Ungleichheit der Geistesgaben, bey deren Austheilung die Natur meist eben so
willkührlich, als bey Vertheilung der Glücksgüter zu Werke zu gehen scheint, der
Aermere an Geist nicht ein Recht auf die Geistesfreygebigkeit des andern habe,
ob sich der Reichere, der mit Schätzen kargt, bey deren Vertheilung er nichts
verliert, nicht einer noch grösseren Filzigkeit schuldig mache, als der Geitzhals,
der nicht freygebig seyn kann, ohne selbst weniger zu haben, und ob der mit
seinem Wissen kargende Geist sich der Gelegenheit nicht selbst beraube, eine
Wohlthätigkeit der edelsten, höchsten Art auszuüben, eine Wohlthätigkeit, die, je
mehr man sie verschwendet, desto mehr vervielfältiget wird, die sich über
Millionen Menschen zugleich verbreitet, und von Jahrhundert zu Jahrhundert auf
ganze Nationen und Menschenalter sich forterbt. Zugegeben, daß all dieß nur für
sehr wenige Fälle entscheidend seyn könne, um die Schriftstellerey zur Pflicht
zu machen, so ist doch gewiß, daß der Einwurf: es werde ohnehin genug
geschrieben, im allgemeinen eben so wenig für das Gegentheil entscheide. Die
vortreflichsten Werke der größten Geister erschienen zu einer Zeit, da man viel
schrieb, und der menschliche Geist würde, im ganzen genommen, wenigstens
um zwey Drittheile ärmer seyn, wenn die reichsten Geister aller Zeiten, während
sie die minder Bemittelten unter sich kleine, oder gar falsche Münze mit vollen
Händen auswerfen sahen, mit ihren Gold- und Silberstücken hätten zurückhalten
wollen.
Ich weiß, wie leicht dergleichen allgemein gesagte Wahrheiten
mißverstanden werden können, und was für Unheil sie anrichten würden, wenn
selbe Leute auf sich anwenden wollten, denen sie nicht gesagt sind.
Ich ersuche daher alle und jede – die vielleicht eben itzt, trotz ihrer
Geistesarmuth, im Begriff sind, die vorräthige kleine Münze in allen
Winkeln ihres Verstandeskasten zusammenzusuchen, um uns dieselbe in
papierenen Beuteln an die Köpfe zu werfen – sich ja in keinen Aufwand zu
setzen, sondern zu bedenken, daß alle Gold- Silber- und Kupfermünzen,
welche ihre Eigenthümer vorlängst in Umlauf gebracht haben, bereits
vielmal bezahlt sind, und daß es unchristlich sey, eine fremde Waare, die
schon mehr, als hundertmal bezahlt worden, sich wieder von neuem
bezahlen zu lassen. Und da der Geister, welche Gold machen können,
ohnehin so wenig, und der gelehrten Beutelmacher so viele sind, so gelanget in unsern goldarmen und beutelreichen Zeiten an die sämmtlichen Herren,