Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
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So verdächtig nun P. Pochlin selbst durch diese Art zu streiten seine eigene
Sache gemacht hatte, so fand er doch bald an dem mehrgedachten P. P. Fast
einen würdigen Gehilfen. Dieser eifrige Mann, der den bisherigen
Papierverderbern getreulich geholfen hatte, das weisse Papier zu vertheuren, und
das gedruckte wohlfeiler zu machen, fand die Wachsamkeit der Censur über die
Predigerwahrheiten unzureichend, und hielt es für Pflicht, über dieselben eine
Art von Superrevisionsgericht zu halten. Es that dieß, und thut es noch itzt in
seiner katholischen Prüfung der Predigerwahrheiten, die bereits auf 9. Stücke
gediehen, und in seiner bekannten Urmanier geschrieben ist.
Noch weit mehr ward dieses Institut von der Kanzel herab angegriffen. Es
ward bald der allgemeine Gegenstand der öffentlichen Kanzelreden, und die
meisten Prediger zeigten selbst bey dieser Gelegenheit deutlich, wie sehr es
ihnen zur Gewohnheit geworden sey, die geheiligte Stätte zum Tummelplatz
persönlicher Leidenschaften zu machen, und wie wenig die Heiligkeit des Ortes
vor Entheiligung sichere. Kurz, sie bewiesen selbst, wie sehr sie einer
öffentlichen Aufsicht vonnöthen haben. Das Auffallendste bey dieser Sache war,
daß Männer, die im Predigeramte beynahe grau geworden, die ein Recht zu
haben glauben, sich jüngern Predigern zu Lehrern und Mustern aufwerfen zu
dürfen, gerade die lautesten Beweise von jugendlicher Hitze, und gereizter
Leidenschaft gaben, und bey dem ersten Anlasse des kleinsten Tadels so ganz
vergassen, daß Sanftmuth und Bescheidenheit die wesentlichsten Eigenschaften
eines Verkünders der Lehre Christi seyen. Kurz, Männer, die von Amts wegen
uns ermahnen, Unbilden mit Geduld zu leiden, konnten die Wahrheit nicht
vertragen, und zeigten uns von Neuem die leidige, weite Kluft, welche die Worte
von den Werken trennet.
Nun ein paar Worte von der Predigerkritik selbst! Der Endzweck dieses
Institutes ist zweyfach. Es soll ein Zaum und ein Sporn für die Prediger, und ein
Belehrungs- und Verwahrungsmittel für die Zuhörer seyn. Der erste Endzweck
fordert freymüthigen, bescheidenen Tadel, ohne Ansehung der Person, wo was
zu tadeln ist, und gerechtes unpartheyisches Lob dessen, was Lob verdient. Der
zweyte Endzweck fordert Aufklärung über Dunkelheiten, Zurechtweisung irriger
Meinungen, Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen,
nützlichen und schädlichen, abergläubischen und erbaulichen
Religionsgebräuchen, genaue Kenntniß der geistlichen und weltlichen Gewalt,
und der Gränzlinie zwischen beyden, und endlich das Zutrauen der Leser, dazu
nur aufrichtige Wahrheitsliebe, Mässigung und Bescheidenheit ein gegründetes
Recht geben können. Daß die Predigerkritiker viele dieser Forderungen erfüllen,
ist unläugbar, aber auch eben so unläugbar ist es, daß sie noch weit mehr leisten könnten, als sie wirklich leisten. Wenigstens weiß ich nicht, was oft ein ganzer
Bogen voll Persönlichkeiten von sich und den Predigern zur Erreichung des
doppelten Endzweckes beytragen soll. Wozu die ewigen Repliken auf jeden
Ausfall eines Predigers? Das Publikum weiß ohnehin, daß Prediger Menschen
sind, und das alte Sprichwort: Wie man in den Wald schreyt, so hallts wieder
– so sehr es in der Schriftstellerwelt Mode ist – soll wenigstens hier nicht statt
haben. Der Schriftsteller, der von der Güte seiner Absichten überzeugt ist, hält
sich bloß an die Sache, geht festen Schritts seinen Weg fort, und sieht nicht um
nach dem Gebelle, das sich von dieser oder jener Seite hören läßt. Nebst einer
grösseren Mäßigung wäre den Verfassern auch oft mehr Klugheit in Ausrottung
der Vorurtheile, und Betreibung des Aufklärungsgeschäftes zu empfehlen. Sie
scheinen hierinn oft zu hastig, und schneiden einen Knoten mitten entzwey, den
sie nach und nach auflösen sollten. Das Werk der Aufklärung ist seiner Natur
nach allmähligen Ganges: das Verlernen von Dingen, die einmal fest in den Kopf
gehämmert sind, fodert viel mehr Zeit, als das Lernen; und Aberglaube und
Vorurtheil, die leisen Ganges geschlichen kamen, und nach und nach unvermerkt
Platz griffen, lassen sich nicht auf einmal aus ihrer Veste jagen, sie müssen so
fortgeführt werden, wie sie gekommen sind. – Diese Erinnerungen schienen mir
nöthig zu seyn, für ein Institut, das alles erfüllen muß, was man seiner Natur
nach davon erwarten kann.
Die übrigen kleineren Schriften dieser dritten Periode waren meist ein
leidiges Durcheinander. Gegenstände der Religion fiengen wieder mit allerley
Von und Ueber abzuwechseln an, und viele Schriften schienen nur der einmal in
Gang gebrachten Schreibegewohnheit der Hände ihr Daseyn zu danken. Und da,
wie natürlich, der Kopf den Händen nicht immer folgen kann, so paßten einige
jede Gelegenheit ab, und suchten ihre Schreibmaterialien auf der Gasse. So bald
der Pöbel was zu sprechen hatte, hatten sie was zu schreiben, und wie der
Hunger gierig an einer harten Brodkruste nagt, so nagte ihre Schreibsucht
heißhungrig an jedem Gassenspektakel. Die öffentliche Arbeit der geschornen
Verbrecherinnen war ihnen ein willkommener Stoff. Sogar die Musen mußten
sich von ihnen zu diesem Gegenstande brauchen lassen, aber die Lieder, welche
sie zur Welt brachten, sahen leider eben so aus, wie die Musen, welche sie zu
Gesängen begeistert hatten. Wobey sie noch die lächerliche Irrung begiengen,
die Criminalverbrechen mit den Polizeybetretungen zu vermengen, und alle
geschorne Verbrecherinnen für Gassenphrynen auszugeben, vermuthlich weil sie
von ihren Gegenständen begeistert, es ihnen nicht ansahen, daß so eine
Vermuthung die gröbste Satyre auf ihr eigenes männliches Geschlecht sey.
Dem unbefangenen Beobachter, der nun den gegenwärtigen Zustand des
Schriftstellerwesens mit dem vorigen zusammenhält, und den Bezug desselben auf Religion, Staat, und Wissenschaften beobachtet, stellen sich von selbst