Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur

Seite 30

So verdächtig nun P. Pochlin selbst durch diese Art zu streiten seine eigene

Sache gemacht hatte, so fand er doch bald an dem mehrgedachten P. P. Fast

einen würdigen Gehilfen. Dieser eifrige Mann, der den bisherigen

Papierverderbern getreulich geholfen hatte, das weisse Papier zu vertheuren, und

das gedruckte wohlfeiler zu machen, fand die Wachsamkeit der Censur über die

Predigerwahrheiten unzureichend, und hielt es für Pflicht, über dieselben eine

Art von Superrevisionsgericht zu halten. Es that dieß, und thut es noch itzt in

seiner katholischen Prüfung der Predigerwahrheiten, die bereits auf 9. Stücke

gediehen, und in seiner bekannten Urmanier geschrieben ist.

Noch weit mehr ward dieses Institut von der Kanzel herab angegriffen. Es

ward bald der allgemeine Gegenstand der öffentlichen Kanzelreden, und die

meisten Prediger zeigten selbst bey dieser Gelegenheit deutlich, wie sehr es

ihnen zur Gewohnheit geworden sey, die geheiligte Stätte zum Tummelplatz

persönlicher Leidenschaften zu machen, und wie wenig die Heiligkeit des Ortes

vor Entheiligung sichere. Kurz, sie bewiesen selbst, wie sehr sie einer

öffentlichen Aufsicht vonnöthen haben. Das Auffallendste bey dieser Sache war,

daß Männer, die im Predigeramte beynahe grau geworden, die ein Recht zu

haben glauben, sich jüngern Predigern zu Lehrern und Mustern aufwerfen zu

dürfen, gerade die lautesten Beweise von jugendlicher Hitze, und gereizter

Leidenschaft gaben, und bey dem ersten Anlasse des kleinsten Tadels so ganz

vergassen, daß Sanftmuth und Bescheidenheit die wesentlichsten Eigenschaften

eines Verkünders der Lehre Christi seyen. Kurz, Männer, die von Amts wegen

uns ermahnen, Unbilden mit Geduld zu leiden, konnten die Wahrheit nicht

vertragen, und zeigten uns von Neuem die leidige, weite Kluft, welche die Worte

von den Werken trennet.

Nun ein paar Worte von der Predigerkritik selbst! Der Endzweck dieses

Institutes ist zweyfach. Es soll ein Zaum und ein Sporn für die Prediger, und ein

Belehrungs- und Verwahrungsmittel für die Zuhörer seyn. Der erste Endzweck

fordert freymüthigen, bescheidenen Tadel, ohne Ansehung der Person, wo was

zu tadeln ist, und gerechtes unpartheyisches Lob dessen, was Lob verdient. Der

zweyte Endzweck fordert Aufklärung über Dunkelheiten, Zurechtweisung irriger

Meinungen, Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen,

nützlichen und schädlichen, abergläubischen und erbaulichen

Religionsgebräuchen, genaue Kenntniß der geistlichen und weltlichen Gewalt,

und der Gränzlinie zwischen beyden, und endlich das Zutrauen der Leser, dazu

nur aufrichtige Wahrheitsliebe, Mässigung und Bescheidenheit ein gegründetes

Recht geben können. Daß die Predigerkritiker viele dieser Forderungen erfüllen,

ist unläugbar, aber auch eben so unläugbar ist es, daß sie noch weit mehr leisten könnten, als sie wirklich leisten. Wenigstens weiß ich nicht, was oft ein ganzer

Bogen voll Persönlichkeiten von sich und den Predigern zur Erreichung des

doppelten Endzweckes beytragen soll. Wozu die ewigen Repliken auf jeden

Ausfall eines Predigers? Das Publikum weiß ohnehin, daß Prediger Menschen

sind, und das alte Sprichwort: Wie man in den Wald schreyt, so hallts wieder

– so sehr es in der Schriftstellerwelt Mode ist – soll wenigstens hier nicht statt

haben. Der Schriftsteller, der von der Güte seiner Absichten überzeugt ist, hält

sich bloß an die Sache, geht festen Schritts seinen Weg fort, und sieht nicht um

nach dem Gebelle, das sich von dieser oder jener Seite hören läßt. Nebst einer

grösseren Mäßigung wäre den Verfassern auch oft mehr Klugheit in Ausrottung

der Vorurtheile, und Betreibung des Aufklärungsgeschäftes zu empfehlen. Sie

scheinen hierinn oft zu hastig, und schneiden einen Knoten mitten entzwey, den

sie nach und nach auflösen sollten. Das Werk der Aufklärung ist seiner Natur

nach allmähligen Ganges: das Verlernen von Dingen, die einmal fest in den Kopf

gehämmert sind, fodert viel mehr Zeit, als das Lernen; und Aberglaube und

Vorurtheil, die leisen Ganges geschlichen kamen, und nach und nach unvermerkt

Platz griffen, lassen sich nicht auf einmal aus ihrer Veste jagen, sie müssen so

fortgeführt werden, wie sie gekommen sind. – Diese Erinnerungen schienen mir

nöthig zu seyn, für ein Institut, das alles erfüllen muß, was man seiner Natur

nach davon erwarten kann.

Die übrigen kleineren Schriften dieser dritten Periode waren meist ein

leidiges Durcheinander. Gegenstände der Religion fiengen wieder mit allerley

Von und Ueber abzuwechseln an, und viele Schriften schienen nur der einmal in

Gang gebrachten Schreibegewohnheit der Hände ihr Daseyn zu danken. Und da,

wie natürlich, der Kopf den Händen nicht immer folgen kann, so paßten einige

jede Gelegenheit ab, und suchten ihre Schreibmaterialien auf der Gasse. So bald

der Pöbel was zu sprechen hatte, hatten sie was zu schreiben, und wie der

Hunger gierig an einer harten Brodkruste nagt, so nagte ihre Schreibsucht

heißhungrig an jedem Gassenspektakel. Die öffentliche Arbeit der geschornen

Verbrecherinnen war ihnen ein willkommener Stoff. Sogar die Musen mußten

sich von ihnen zu diesem Gegenstande brauchen lassen, aber die Lieder, welche

sie zur Welt brachten, sahen leider eben so aus, wie die Musen, welche sie zu

Gesängen begeistert hatten. Wobey sie noch die lächerliche Irrung begiengen,

die Criminalverbrechen mit den Polizeybetretungen zu vermengen, und alle

geschorne Verbrecherinnen für Gassenphrynen auszugeben, vermuthlich weil sie

von ihren Gegenständen begeistert, es ihnen nicht ansahen, daß so eine

Vermuthung die gröbste Satyre auf ihr eigenes männliches Geschlecht sey.

Dem unbefangenen Beobachter, der nun den gegenwärtigen Zustand des

Schriftstellerwesens mit dem vorigen zusammenhält, und den Bezug desselben auf Religion, Staat, und Wissenschaften beobachtet, stellen sich von selbst