Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur

Seite 33

folgende Beobachtungen dar.

Widerspruch war von jeher die Quelle neuer Entdeckungen in dem Reiche

der Wissenschaften. Geschwindere Aufklärung, tiefere und gründlichere

Kenntnisse, festere Ueberzeugung bey denen, auf deren Seite die Wahrheit ist,

waren von jeher die unmittelbaren Folgen desselben. Der menschliche Geist

gleicht einem Feuersteine, aus dem nur auf den Gegenschlag des Feuerstahles

Licht fährt. Auf die nämliche Art, wie die Wilden in Amerika Feuer machen,

erhielten die Europäer Aufklärung und Licht, sie rieben Geist auf Geist, wie jene

Holz auf Holz. Widerspruche erzeugt Anstrengung des Geistes, öffnet neue

Aussichten, treibt den Geist in unbekannte Gegenden, und verlängert und

verstärkt die Kette des menschlichen Wissens. Die Geschichte aller

Wissenschaften bestättiget diese Wahrheit. Wo man am meisten widersprach,

rückte man am geschwindesten vorwärts, daher der in Vergleichung mit anderen

Wissenschaften kaum glaubliche Vorsprung, den schon die Griechen in der

Philosophie machten. Wie eine Sekte gegen die andere verlor, gewann die

Philosophie. Eben so im Fache der Religion. Die beßten Schriften der

Kirchenlehrer haben wir den Einwürfen ihrer Gegner zu danken; und daß in den

finstern Zeiten des Christenthums der Widerspruch seine wohlthätige Wirkung

verlor, das machten die römischen Censuren und Interdikte, die den

menschlichen Verstand in Fesseln legten, und zur Unthätigkeit verdammten.

Wenn man nun diese Beobachtungen auf den Widersprechungsgeist unserer

Zeloten, die sich gegen jeden neuen Vorschritt der Aufklärung, gegen jede zum

Wohl der Menschheit gemachte Verordnung so sehr ereifern, anwendet, so

ergiebt sich der Schluß, daß diese Herren Widersprecher selbst durch die

Blössen, die sie in ihren Widersprüchen nothwendig geben müssen, und durch

die tiefere Erörterung gewisser Dinge, die sie selbst veranlassen, sich ihren

eigenen Fall bereiten, und an ihrer eigenen Grube arbeiten. Nichts ist

lichtscheuer, als Aberglaube und Vorurtheil: sie bestanden von jeher nur durch

den Schleyer von Ehrerbietung, der sie umgab, und der den Verstand des Layen

immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung davon zurückhielt: ihre Vertheidiger

selbst halfen den Schleyer wegziehen, und die Art, mit welcher sie für ihre

Götzen sprachen, brachte dieselben vollends um das Bischen Ehrwürdigkeit, das

ihnen der sonst tolerante Menschenverstand noch gelassen hatte. Indessen hat

die Wahrheit Ursache, selbst ihren Gegnern zu danken, daß sie ihr durch ihre

Widersprüche Gelegenheit verschaften, mit den Stralen ihres hellen Antlitzes die

in heiligen Nebel gehüllten Popanzen, Aberglaube und Vorurtheil näher

beleuchten zu dürfen.

Eine zweite Bemerkung, die sich jedem Beobachter des inländischen Schriftstellerwesens von selbst aufdringt, ist diese: daß die Schriftstellerschaft –

zumal in Wien – von ihrer eigenthümlichen Würde sehr viel verloren, und zu

einem beynahe verächtlichen Handwerk herabgesunken ist. So viel Officia

sordida die Römer hatten, und so eine Menge Schrifterlinge auch die Klagen

eines Juvenal und Horaz bey ihnen vermuthen lassen, so fiel es ihnen doch nie

ein, diese Gattung Beschäftigung unter die Officia sordida zu zählen; bey uns

aber ist das Barometer der öffentlichen Hochachtung für die Schriftstellerey

bereits auf so einen Grad gefallen, daß dieselbe, wenn man eine Klassifikation

aller Beschäftigungen, nach Grundsätzen des römischen Rechts festsetzen

wollte, sehr wahrscheinlicher Weise unter die Officia Sordida zu stehen kommen

würde. Die Ursache dieses auffallenden Unterschiedes scheint theils in dem

Zahlverhältniß der schlechten Schriften gegen die guten, theils in der

Beschaffenheit der Personen zu liegen, welche sich mit Schreiben abgeben.

Unstreitig überwiegt bey jeder schreibenden Nation die Anzahl der

schlechten und mittelmässigen Schriften weit die Anzahl der guten; steigt aber

die erstere so hoch, daß die letztere daneben zu verschwinden anfängt, so muß

die Achtung für die kleinere Zahl in eben dem Grade abnehmen, wie das

Uebergewicht der grösseren zunimmt. Der Grad des Verhältnisses zwischen

beyden, ist immer der Maaßstaab des allgemeinen Urtheils, und das lesende

Publikum gleicht einem Fischer, der, wenn er unter zehnmaligen Angelwerfen

nicht einmal ein Fischchen fängt, diese Wasserstelle für fischlos hält, und weiter

geht. Daß dieß der Fall der Wienerschriften sey, bedarf leider! keines Beweises.

Von dem ersten April des vorigen Jahres an bis Ende September des

gegenwärtigen, folglich in einer Zeit von 18 Monaten erschienen bloß allein in

Wien 1170. Schriften, die Nachdrücke fremder Werke nicht mitgerechnet. Welch

eine Zahl! und doch würde das Publikum noch um ein Paar hundert mehr zu

sehen gekriegt haben, wenn es bloß auf den guten Willen der Autoren

angekommen wäre. Angenommen nun, daß von diesen eilfhundert zwey und

siebzig Schriften drey Viertheile – welches doch für jeden Kenner derselben das

allerglimpflichste Postulatum seyn muß – mittelmäßiges, oder schlechtes Zeug

waren, so entsteht daraus ein Verhältniß von 293 guten, gegen 879 entbehrlichen,

oder gar schlechten Produkten. Wenn wir nun weiter annehmen wollen, daß eine

Schrift in die andere gerechnet, nicht mehr, als 10 Kreutzer gekostet habe –

welches man in Rücksicht so vieler periodischen Schriften, und so vieler

größeren Werke leicht annehmen kann, und wenn wir ferner voraussetzen, daß

von jeder Schrift im Durchschnitt nur 200 gekauft worden sind, – so geben uns

die sämmtlichen bisher erschienenen Schriften eine Summe von baaren 39066

Gulden 40 Kreutzern. Wenn wir nun von dieser Summe drey Viertheile, welche

auf Rechnung der entbehrlichen Schriften kommen, abziehen, so ergiebt sich daraus an unnütz verschwendetem Gelde eine Summe von 29299 Gulden 30