Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
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folgende Beobachtungen dar.
Widerspruch war von jeher die Quelle neuer Entdeckungen in dem Reiche
der Wissenschaften. Geschwindere Aufklärung, tiefere und gründlichere
Kenntnisse, festere Ueberzeugung bey denen, auf deren Seite die Wahrheit ist,
waren von jeher die unmittelbaren Folgen desselben. Der menschliche Geist
gleicht einem Feuersteine, aus dem nur auf den Gegenschlag des Feuerstahles
Licht fährt. Auf die nämliche Art, wie die Wilden in Amerika Feuer machen,
erhielten die Europäer Aufklärung und Licht, sie rieben Geist auf Geist, wie jene
Holz auf Holz. Widerspruche erzeugt Anstrengung des Geistes, öffnet neue
Aussichten, treibt den Geist in unbekannte Gegenden, und verlängert und
verstärkt die Kette des menschlichen Wissens. Die Geschichte aller
Wissenschaften bestättiget diese Wahrheit. Wo man am meisten widersprach,
rückte man am geschwindesten vorwärts, daher der in Vergleichung mit anderen
Wissenschaften kaum glaubliche Vorsprung, den schon die Griechen in der
Philosophie machten. Wie eine Sekte gegen die andere verlor, gewann die
Philosophie. Eben so im Fache der Religion. Die beßten Schriften der
Kirchenlehrer haben wir den Einwürfen ihrer Gegner zu danken; und daß in den
finstern Zeiten des Christenthums der Widerspruch seine wohlthätige Wirkung
verlor, das machten die römischen Censuren und Interdikte, die den
menschlichen Verstand in Fesseln legten, und zur Unthätigkeit verdammten.
Wenn man nun diese Beobachtungen auf den Widersprechungsgeist unserer
Zeloten, die sich gegen jeden neuen Vorschritt der Aufklärung, gegen jede zum
Wohl der Menschheit gemachte Verordnung so sehr ereifern, anwendet, so
ergiebt sich der Schluß, daß diese Herren Widersprecher selbst durch die
Blössen, die sie in ihren Widersprüchen nothwendig geben müssen, und durch
die tiefere Erörterung gewisser Dinge, die sie selbst veranlassen, sich ihren
eigenen Fall bereiten, und an ihrer eigenen Grube arbeiten. Nichts ist
lichtscheuer, als Aberglaube und Vorurtheil: sie bestanden von jeher nur durch
den Schleyer von Ehrerbietung, der sie umgab, und der den Verstand des Layen
immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung davon zurückhielt: ihre Vertheidiger
selbst halfen den Schleyer wegziehen, und die Art, mit welcher sie für ihre
Götzen sprachen, brachte dieselben vollends um das Bischen Ehrwürdigkeit, das
ihnen der sonst tolerante Menschenverstand noch gelassen hatte. Indessen hat
die Wahrheit Ursache, selbst ihren Gegnern zu danken, daß sie ihr durch ihre
Widersprüche Gelegenheit verschaften, mit den Stralen ihres hellen Antlitzes die
in heiligen Nebel gehüllten Popanzen, Aberglaube und Vorurtheil näher
beleuchten zu dürfen.
Eine zweite Bemerkung, die sich jedem Beobachter des inländischen Schriftstellerwesens von selbst aufdringt, ist diese: daß die Schriftstellerschaft –
zumal in Wien – von ihrer eigenthümlichen Würde sehr viel verloren, und zu
einem beynahe verächtlichen Handwerk herabgesunken ist. So viel Officia
sordida die Römer hatten, und so eine Menge Schrifterlinge auch die Klagen
eines Juvenal und Horaz bey ihnen vermuthen lassen, so fiel es ihnen doch nie
ein, diese Gattung Beschäftigung unter die Officia sordida zu zählen; bey uns
aber ist das Barometer der öffentlichen Hochachtung für die Schriftstellerey
bereits auf so einen Grad gefallen, daß dieselbe, wenn man eine Klassifikation
aller Beschäftigungen, nach Grundsätzen des römischen Rechts festsetzen
wollte, sehr wahrscheinlicher Weise unter die Officia Sordida zu stehen kommen
würde. Die Ursache dieses auffallenden Unterschiedes scheint theils in dem
Zahlverhältniß der schlechten Schriften gegen die guten, theils in der
Beschaffenheit der Personen zu liegen, welche sich mit Schreiben abgeben.
Unstreitig überwiegt bey jeder schreibenden Nation die Anzahl der
schlechten und mittelmässigen Schriften weit die Anzahl der guten; steigt aber
die erstere so hoch, daß die letztere daneben zu verschwinden anfängt, so muß
die Achtung für die kleinere Zahl in eben dem Grade abnehmen, wie das
Uebergewicht der grösseren zunimmt. Der Grad des Verhältnisses zwischen
beyden, ist immer der Maaßstaab des allgemeinen Urtheils, und das lesende
Publikum gleicht einem Fischer, der, wenn er unter zehnmaligen Angelwerfen
nicht einmal ein Fischchen fängt, diese Wasserstelle für fischlos hält, und weiter
geht. Daß dieß der Fall der Wienerschriften sey, bedarf leider! keines Beweises.
Von dem ersten April des vorigen Jahres an bis Ende September des
gegenwärtigen, folglich in einer Zeit von 18 Monaten erschienen bloß allein in
Wien 1170. Schriften, die Nachdrücke fremder Werke nicht mitgerechnet. Welch
eine Zahl! und doch würde das Publikum noch um ein Paar hundert mehr zu
sehen gekriegt haben, wenn es bloß auf den guten Willen der Autoren
angekommen wäre. Angenommen nun, daß von diesen eilfhundert zwey und
siebzig Schriften drey Viertheile – welches doch für jeden Kenner derselben das
allerglimpflichste Postulatum seyn muß – mittelmäßiges, oder schlechtes Zeug
waren, so entsteht daraus ein Verhältniß von 293 guten, gegen 879 entbehrlichen,
oder gar schlechten Produkten. Wenn wir nun weiter annehmen wollen, daß eine
Schrift in die andere gerechnet, nicht mehr, als 10 Kreutzer gekostet habe –
welches man in Rücksicht so vieler periodischen Schriften, und so vieler
größeren Werke leicht annehmen kann, und wenn wir ferner voraussetzen, daß
von jeder Schrift im Durchschnitt nur 200 gekauft worden sind, – so geben uns
die sämmtlichen bisher erschienenen Schriften eine Summe von baaren 39066
Gulden 40 Kreutzern. Wenn wir nun von dieser Summe drey Viertheile, welche
auf Rechnung der entbehrlichen Schriften kommen, abziehen, so ergiebt sich daraus an unnütz verschwendetem Gelde eine Summe von 29299 Gulden 30