Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
Kapitel 2
also das Institut der Predigerkritiker von dieser Seite ein unentbehrlicher
Zaum, so dient selbes zugleich von der andern Seite den Predigern zum Sporn,
mehr Fleiß auf ihre Predigten zu verwenden, und den Orden selbst zum Antrieb,
ihre Subjekte besser zu wählen, und keinem eine Kanzel zu vertrauen, welcher
unfähig ist, derselben Ehre zu machen. Diese strenge Auswahl ist um so
nöthiger, da man leider! aus Erfahrung weiß, was für Subjekte nicht selten die
Kandidaten der meisten Mönchsorden waren. Wenigstens hat mich selbst ein
würdiger Professor einst versichert, und mit Vorweisung seiner Schullisten
überzeugt, daß er seit vielen Jahren her, von zwey- bis dreyhundert seiner
jährlichen Schüler um die Hälfte des Jahrs immer ein Drittel mit Attestaten der
zweyten oder gar dritten Klasse ausgemustert, und in die Kapuziner- und
Franziskanerklöster abgesetzt habe.
So einleuchtend nun die Nothwendigkeit irgend einer Art von öffentlicher
Aufsicht über die Prediger jedem unbefangenem Kopfe seyn muß, so nichtig
sind andererseits die Gründe, welche die Vertheidiger einer unbeschränkten
Kanzelfreyheit diesem Institute entgegen stellen. Alle ihre Gründe, in so
mancherley Formen sie dieselben auch einkleiden, laufen immer in den Punkt
zusammen: daß eine öffentliche profane Kritik das Ansehen des Worts
Gottes entkräfte, und der Ehrerbietung, die man den Verkündern desselben
schuldig ist, zuwider sey. Zween Einwürfe, die kaum einer Widerlegung werth
sind. Erstens, ist wohl das alles Gottes Wort, was ein Prediger spricht? ich traue
jedem Prediger zu viel Ehrerbietung gegen seinen göttlichen Lehrer zu, als daß
ich je glauben wollte, daß einer kühn genug sey, dem allerweisesten Wesen seine
oft so unlogischen Schlüsse, seine Läppereyen, seine lieblosen Ausfälle, und
seinen Legendenkram als eigen Wort unterzuschieben. Sind zweytens selbst ihre
Auslegungen des göttlichen Wortes immer logischrichtig, und dem
Menschenverstande gemäß? man lese die wöchentlichen Wahrheiten der
Kritiker, und man wird fast in jedem Stücke Beyträge zur Verneinung dieser
Frage finden. Man halte die Textverdrehungen eines Bruder (2) Gerundio ja nicht
für übertrieben. So ungereimt selbe sind, so gewöhnlich sind sie nicht nur bey
spanischen, sondern auch bey deutschen Predigern. Man höre zum Beweis ein
Beyspiel aus einer Wienerpredigt, welches eine kaum fünf Jahr alte Thatsache
ist. Es war eine Fastenpredigt, in welcher der Prediger seine Zuhörer zur
Enthaltung von Fleischspeisen ermahnte, und ihnen den Abscheu vor den
Fastenspeisen benehmen wollte. Unter andern Beweisen führte er das Beyspiel
des jungen Tobias an: wie derselbe mit dem Engel in die Ferne gegangen sey, ein
Mittel für das verlorne Augenlicht seines Vaters zu suchen, und wie er, als ihm
der Engel einen grossen Fisch gezeigt, vor demselben aus Furcht zurück gebebt, von dem Engel aber ermuntert worden sey, ihn herzhaft anzugreifen. »Also,«