Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur
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Haben Philosophie und Wissenschaften daselbst nicht einen viel weiteren
Wirkungskreis? Ist Aufklärung nicht in vollem Gange, und stehen nicht Männer,
wie manches weit hellere Land sie nicht hat, an ihrer Spitze? Sieht nicht alles auf
uns, und haben nicht selbst auswärtige Schriftsteller bekennet: wenn die
deutsche Litteratur, wie sie itzt ist, noch weiter rücken soll, so müsse sie von
Wien aus weiter geführt werden? – Aber wenn unsere besseren Schriftsteller nur
für das Ausland arbeiten, wenn sie die kleineren Bäche ihres Mutterlandes in
ausländische Flüsse leiten, wenn Dichter ihre auf mütterlichem Boden erzeugten
Blumen in auswärtige Beete verpflanzen, wenn selbst der Inländer die
Manufakturen und Staatsvorfälle seines Landes erst aus Schlözers
Staatsanzeigen, und die Talente seiner Landesleute aus fremden Journalen
kennen lernen muß, so läßt sich von der inländischen Litteratur nie ein wahres
Fortkommen hoffen, und wenn sich auch im Ausland hundert allzeitfertige
Verleger fänden, die – wie itzt erst unlängst einer – alle unsere
Zehnkreuzerbroschüren nachdruckten.
Ueberhaupt stehen alle übrigen Verfassungen unsers Landes auf einer
ungleich höheren Stuffe der Vollkommenheit, als der Zustand unserer Litteratur,
und die in so manchem Betracht kolossalische Grösse unseres Staates macht mit
der litterarischen Kleinheit desselben einen sehr auffallenden Kontrast. Der
österreichische Staat, der sich sonst überall in männlicher Stärke darstellet, wird
im Fache der Litteratur noch stets für unmündig angesehen, und muß sich noch
immer gefallen lassen, von fremden ungebetenen Geistesvormündern, theuer
bezahlte Leitung anzunehmen. Das Lesen ist einmal bey uns zum Bedürfniß
geworden, fast jeder nur halb bemittelte Privatmann hält sich – wärs auch nur
um ein paar Zimmerwände damit zu tapeziren – eine kleine Bibliothek, wer nur
lesen kann, hat wenigstens ein halbes Duzend Bücher, und dieser
Handlungsartikel, der nun bey uns so wichtig zu werden anfängt, ist gerade der
einzige, der uns den Ausländern am meisten zinsbar macht. Für die mehresten
Handlungszweige haben wir inländische Manufakturen, die das Geld im Land
erhalten, und uns die Waaren der Ausländer entbehrlich machen sollten, unsere
Büchermanufakturen aber, welche den edlen Zweck haben, für die
Geistesbedürfnisse des Landes zu sorgen, sind leider! noch in sehr mißlichem
Stande, und die beträchtlichen Summen, die wir jährlich den Niederdeutschen,
den Engländern, Franzosen und Holländern, baar bezahlen müssen, beweisen
deutlich, wie unentberlich uns ihre gelehrten Waaren sind, und wie wenig noch
unsere Manufakturen zureichen, um uns mit ihnen durch Tauschhandel in ein
Gleichgewicht setzen zu können. Ueberhaupt scheint mir, habe man die
Litteratur selten oder gar nie von dieser Seite betrachtet, und doch liesse sich meines Erachtens arithmetisch beweisen, daß der Gegenstand wichtig genug ist,