Das Meer
Kapitel IX
Als sie aber kam, sagte ich gar nichts. „Ah, da bist du ja!“
„Ja, da bin ich,“ antwortete sie und zeigte die Zähne.
„Willst du nicht hereinkommen?“
Sie lugte neugierig durch die Türe.
„Nein, ach nein. Die Sonne scheint so schön!“
Da saß nun Rosseherre, die kleine Blume der Insel, auf dem Stein vor meiner
Türe und arbeitete an einem dicken weißen Strumpf. Die Holzschuhe hingen an
ihren Zehen, zuweilen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie
plapperte und ihr frischer, sechzehnjähriger Mund stand nicht einen Augenblick
still.
Ich rauchte und sah ihren flinken braunen Händen mit den hellen
Fingernägeln zu, und den Stricknadeln, die gegeneinanderschlugen wie ein
Bündel von Masten verankerter Fischerboote bei unruhiger See.
Ein paar Schritte entfernt standen die beiden Hammel Rosseherres, schwarz
wie Teufel. Der Wind spielte in ihrer Wolle. Stundenlang konnten sie ohne sich
zu bewegen uns Wundertiere wie hypnotisiert anstarren und die helle Angst und
Ehrfurcht blendete aus ihren schwarzgeschlitzten Bernsteinaugen. Zuweilen
schnupperten sie mit ihren sanften süffisanten Kamelsschnauzen und wichen
scheu zurück, denn sie fürchteten sich vor allem, dem Wind, den Insekten und
selbst vor Dingen, die wir Menschen nicht sehen. Wenn Poupoul sich nur
streckte oder gähnte, so rannten sie rasend vor Schrecken um ihren Pflock
herum. Gewiß erschien er ihnen wie ein schrecklicher, haushoher Bär, der sie mit
Haut und Haar verschlingen konnte, ohne im geringsten satt zu sein. Dann
standen sie wieder auf ihren dünnen eleganten Beinchen, auf den Zehen
sozusagen, und sahen uns ängstlich und neugierig an.
Auf dem Meere zog ein Dampfer. Winzige Flaggen kletterten an seinen Tauen
in die Höhe, er sprach mit unserem Semaphor. Ich machte die Augen scharf und
spähte hinaus: da ruderte ein Fischer verzweifelt in seinem kleinen Kahn um
nicht zerschmettert zu werden. Nein, es war eine schwarze Klippe, nichts sonst, immer wieder konnte ich mich täuschen. Die Wogen wanderten vorüber, endlos,
immer andere, immer die gleichen. Aus dem Meer hob sich eine weiße Tatze und
schlug nach den Klippen.
Es war warm, die Insekten summten. In den letzten Tagen waren vor
Sturmvilla kleine Blumen aufgeblüht, die ich noch nirgends gesehen hatte. Sie
sahen aus wie winzige gedrehte Wachskerzen, rundherum liefen kleine Blüten,
wächserne Glöckchen. Wir hatten es gut hier, und wie herrlich blau der Rauch
meiner Pfeife war!
Rosseherre schwang ihre Holzschuhe an den Zehen und sang halblaut. Es
klang wie das feine Weinen des Windes und zuweilen wie das Piepen der kleinen
Vögel, die auf der Insel lebten und nur leise und schüchtern sangen, als sei es
nicht der Mühe wert.
„Willst du mir nicht sagen, was du singst, Rosseherre?“
Rosseherre dachte lange nach, dann sang sie halblaut und rasch Strophe um
Strophe, erst Bretonisch und dann Französisch. Sie zögerte: „O, das kann man
nicht auf französisch sagen, es hört sich wie nichts an.“
„Was ist es?“
„Es ist ein Fischermädchen, das ins Kloster nach Quimper kommt. Der
Fischer besucht sie und klopft ans Fenster. Mach auf, mach auf! sagt er, blick
heraus. Du brauchst nur die Hand zu öffnen und ich lege einen Apfel und eine
Birne hinein.“
Sie wußte ein kleines trauriges Lied, das sie oft sang, und ich vergaß es nicht
wieder. Es braucht nur ein leiser Wind zu wehen und ich höre dieses Lied in den
Ohren. Denn das Lied und der Wind, das ist ein und dasselbe. Ein Mädchen will
einen Fischer heiraten, aber die Frauen sagen: Tu es nicht. Nichts als Kummer
wirst du haben, Kind, dann stirbt er und du bist allein. — Vielleicht nicht, sagt
sie und nimmt ihn. Der Fischer zieht fort nach St. Pierre zum Stockfischfang, auf
viele Monate. Nun kommt eine Nacht, eijo, wie wild und dunkel sie ist! Plötzlich
pocht es ans Fenster der Fischerfrau. Mach auf, ich bin’s, dein geliebter Mann.
Sie öffnet das Fenster. Da steht er und auf der Hand trägt er sein Herz. Sie
schreit und klagt und läuft zu den. Nachbarn: Mein geliebter Mann ist tot.
„Ist er auch wirklich tot gewesen, glaubst du?“
Rosseherre sah mich mit erstaunten Augen an. Sie antwortete gar nicht.
Am besten aber gefiel mir das Lied, das die Fischerfrauen ihren Kindern
singen.
Sobald Rosseherre es begann, mußte ich lächeln.
Rosseherre sang:
Die Fischerfrau kocht den Brei und spricht: „Ach, könnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang hab ich nichts von ihm gehört.“ — Der Gnom sitzt im Kamin und äfft ihr nach —
Aber Rosseherre sagte ja nicht „Gnom“, sie sagte Lutin und das klang ganz
anders. Lutin, Lutin. Und die Stimme des Lutin sang sie ganz hoch und
quiekend:
Der Lutin sitzt im Kamin und äfft ihr nach: „Ach, könnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang habe ich nichts gehört von ihm.“
Die Fischerfrau seufzt und spricht: „Ach, guter Mann, komm und hilf mir
doch.“
Der Lutin äfft ihr nach: „Ach, guter Mann, komm und hilf mir doch.“
Die Fischerfrau spricht: „Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und äfft
mir nach.“
Der Lutin äfft ihr nach: „Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und äfft
mir nach.“
Die Fischerfrau spricht: „Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.“
Der Lutin äfft ihr nach: „Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.“
Die Fischerfrau spricht: „Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!“
Der Lutin äfft ihr nach: „Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!“
Schrill und spottend klang hier Rosseherres Stimme. Ich lachte.
„Ich möchte das kleine Lied bretonisch haben,“ sagte ich, „willst du es mir
aufschreiben?“
„Ja.“
„Komm herein.“
Rosseherre sah mich mit heiteren vielsagenden Augen an. Sie schüttelte das
gelbe Haar. „Nein? Rosseherre, was du doch denkst!“ Ich brachte ihr ein Stück
Papier und sie beugte sich darüber und kritzelte: Rosse—herre.
„Aber das Lied?“
Rosseherre lachte. Sie konnte nicht schreiben.
Der Abend kam und Rosseherre pflöckte die Hammel ab.
Dann nahm sie den Strickstrumpf unter den Arm und lief. „Kenavo!“
„Kenavo!“
Die Bänder ihrer weißen Haube flatterten. Rasch und lieblich wie die Maus im
Felde bist du, Rosseherre — — —