Das Meer
Kapitel XXXIV
Das war — wann war es? Vor drei Tagen. Heute aber ist alles anders. Ich habe nicht mit Rosseherre und Yann gesprochen, vielleicht hätte ich es doch tun
sollen.
Schon gestern begann es, aber ich verstand nicht. Wer sollte auch so etwas
denken?
Gestern machte ich mich auf den Weg zu Noel um mit ihm wegen eines
Bootes zu verhandeln, das er mir zum Kauf angeboten hatte. Ich kam an Jean
Louis’ Hütte vorbei. Soll ich hineingehen, dachte ich. Warum? Du hast ja Zeit.
Und ich ging nicht hinein.
„Da sind Sie also wegen der belle femme?“ sagte der rote Noel und setzte mir
wie gewöhnlich sein Konzert von Schnäpsen vor. „He, Françoise, Antoinette —
man muß Poupoul zu Fressen geben! Ihr Hund frißt aus dem Zwetschgensack,
haha, schadet nichts. Ein hübsches Boot, die belle femme! Sie haben sich also
entschlossen?“
„Ja, ich habe mich entschlossen.“
„Sie wollen es also machen wie die andern?“
„Weshalb nicht?“
„Nun, Sie wissen ich bin Fischhändler, ich verpflichte mich Ihnen alle Fische
abzunehmen.“
„Schön.“
„He, Antoinette, Maria — man muß den Schuppen im Hafen aufsperren!“
Ich verhielt mich etwas bei Noel, ich hatte nichts zu versäumen. Der verrückte
Gaston kam auf seinen geknickten Knien hereingesegelt und lud mich zu einem
Glas Wein ein. Dazu aßen wir Käse, und den spendierte ich. Dann kam der
Dorflump.
„Herr,“ sagte er, „geben Sie mir einen Franken und ich will Ihnen eine äußerst
wichtige Mitteilung machen!“
„Pack dich!“ sagte ich. „Eine Tracht Prügel, wenn du willst!“ Der Dorflump
grinste und entfloh.
Wir sahen uns die belle femme im Schuppen an.
Niemand hatte einen Bootsschuppen, nur Noel. Unter den bloßliegenden
Pfählen wateten Buben umher und drehten die Steine um. Sie ergriffen die
kleinen Krabben, die sich davonmachen wollten, an den Scheren, und den
jungen Aalen, die sie fingen, schnitten sie sofort die Kehle durch.
Ich klopfte die belle femme ab. Sie war breit gebaut.
„Sie ist das schnellste Boot auf der Insel!“ sagte Noel.
Bann und Kedril hatten mir schon früher gesagt, daß die belle femme ein
ausgezeichnetes Boot wäre. Sie gefiel mir. Steuerbord mußte ein Steven neu
eingesetzt werden, sonst war alles in Ordnung.
Wir einigten uns nach einigem Hinundherreden über den Preis. Ich unterbot
Noels Offerte so unverschämt, daß ihn fast der Schlag rührte. Nun, ich werde dir
nicht meine Louisdors in den Rachen werfen, Inselkönig.
In einer Gasse traf ich wieder den Dorflumpen. Er hatte mir aufgelauert.
„Herr!“ flüsterte er geheimnisvoll. „Geben Sie mir doch einen Franken, ich
werde Ihnen eine wichtige Mitteilung machen.“
Ich lachte. So frech, zerlumpt und schmutzig sah er aus.
„Nimm dich in acht, Schmutzfink!“ rief ich und hob den Arm. Der Dorflump
nahm die Mütze in die Hand und lief was er konnte.
Zu Hause vermißte ich Poupoul. Nun erst fiel mir auf, daß ich ihn, seit wir
Noels Bar verlassen hatten, nicht mehr gesehen hatte.
Ich pfiff und blickte über die Heide. Aber der rasche dunkle Knäuel tauchte
nirgends auf. Poupoul streunte. Er kam den ganzen Nachmittag nicht, erst spät
abends kläffte er vor der Türe. Haha, alter Vagabund! In einer elenden
Verfassung kehrte Poupoul von seinen Abenteuern zurück. Er hinkte und blutete
an mehreren Stellen zugleich. Seine Nase war zerschnitten und am rechten
Hinterfuß hatte er eine schreckliche klaffende Wunde. Am Hals aber hing ein
Stück von einem durchgebissenen Strick.
„Hoho, Poupoul, was haben sie mit dir angestellt? Haben sie dich
festgebunden und du bist durch ein Fenster gesprungen?“
Poupoul winselte und sah mich beschämt an. So schlimm war es ihm noch nie
ergangen.
Ich wusch seine Wunden aus, verband sie, und nun lag Poupoul auf der linken
Seite, die Pfoten von sich gestreckt und zitterte an allen Gliedern. Am andern
Morgen machte er einen Versuch aufzustehen. Aber er brach winselnd
zusammen. Ich trug ihn vors Haus in die Sonne und stellte Wasser vor ihn hin.
„Morgen ist es schon wieder gut, Poupoul, bleibe hübsch liegen, adieu!“
Poupoul klopfte mit dem Schwanz, legte den Kopf flach auf den Boden und
bereitete sich geduldig auf ein langes Warten vor.
Ich sprach im Dorf mit dem Zimmermann, dann ging ich quer über die Insel
nach Stiff und arbeitete den Nachmittag über bei Herrn Boucher. Als ich
zurückkehrte war die Sonne im Begriff unterzugehen.
Ich fand Poupoul in genau derselben Lage vor der Türe, wie ich ihn verlassen
hatte.
„Hallo, Poupoul!“
Aber er regte sich nicht. Er lag, die bandagierten Pfoten von sich gestreckt,
und der Wind spielte in seinen Haaren. Ich kauerte mich nieder und ein paar
Fliegen summten auf. Ich berührte Poupoul — er war steif und hart. Poupoul
war tot.
„Bist du gestorben, mein Hund, und ich bin nicht bei dir gewesen?“ fragte ich
leise.
„Bist du gestorben, mein Hund!“ rief ich.
Ja, Poupoul war tot.
Ich stand auf und sah über das Meer.
Vielleicht hätte ich ihn retten können, wenn ich dagewesen wäre? Wie
merkwürdig, er war an diesen unscheinbaren Wunden gestorben.
Ich ging ein paar Schritte, um meinen Schmerz zu vergehen, dann kehrte ich
zurück. Ich setzte mich auf den Stein vor der Türe und sah Poupoul an. Der
Wind fegte und jammerte hoch in der Luft. Das Meer wogte wie Feuer.
Zwischen den mächtigen Schollen treibender schwarzer und glühender Schlacke
züngelten die hellen Flammen empor. Das Meer brannte bis zum Grunde. Eine
breite purpurne Lohe wälzte sich vom Horizont her übers Meer, der Himmel war
bedeckt mit Qualm, rot vom Widerschein, und spiegelte gespenstisch die
Feuersbrunst da unten wider. Auf dem brennenden Meere zog ein großer
Ostasienfahrer und zerschmolz. Seine Verdecke zerrannen, die Maste und Rahen
tropften herab und sein dicker Kamin wurde rings vom Feuer zerfressen. Eine
dicke, pechschwarze Rauchwolke stieg aus ihm empor —
Ich saß und sah Poupoul an. Meine Augen wurden trocken in den Höhlen.
„Poupoul, mein Kamerad!“ sagte ich und kniete nieder und küßte ihn
zwischen die Augen.
Da machte ich die Entdeckung, daß er eine dünne Schnur um den Hals hatte,
und meine Hände wurden ganz schwach. Es war eine Schnur, wie man sie zum
Fischen benützt, es war eine Schlinge —
Man hatte Poupoul ermordet!
Ich erhob mich und erbebte vor Schmerz und Wut.
„So seid ihr! Das seid ihr!“ schrie ich und schwang die Fäuste gegen das Dorf.
Da erblaßte ich.
„Yann! Yann!“
Warum hast du mir das angetan, Yann! Weil Poupoul dich neulich verriet, du
Wegelagerer? Deshalb? Yann, weshalb hast du nicht mir die Schlinge über den
Kopf geworfen, ich hätte mich wehren können, aber dieser da —
Poupoul hatte ja wohl noch die Hand geleckt, die ihm die Schlinge um den
Hals legte, hatte gebellt und gewedelt vor Vergnügen, weil jemand zu ihm
herauskam, da er so allein dalag.
Ich ging ins Dorf. Wo ich dich auch finde, Yann, ich werde dich an den
Schultern packen und zu Boden schleudern, ich werde dich an der Kehle fassen
und dir mit der Faust das Gesicht zerschlagen, bis du still bist, hüte dich, ich
komme!
„Ist Yann an Bord!“ fragte ich, steif und blaß.
„Nein, Yann ist an Land.“
„Wo ist er?“
Sie lachten. Wie sollten sie wissen, wo er sei?
„Jean Louis, guten Abend, ist Yann nicht bei dir?“
„Yann, hühü — nein, mein Freund.“
„Chikel, hast du Yann gesehen?“
„Nein!“
Yann, Yann, wo hältst du dich verborgen? Heraus mit dir!
Es wurde dunkel. Das Dorf lag friedlich da mit seinen spärlichen Lichtern.
Der Lichtkegel Creachs fegte heran und die Silhouette der Dächer hob sich
scharf und schwarz davon ab, dann versank alles in Dunst und Nebel, Häuser,
Lichter, und der Lichthieb flog über mich hin und blendete mich. Und wieder lag
das dunkle Dorf friedlich mit seinen blinzelnden Lichtern da.
Ich kehrte wieder nach Sturmvilla zurück. Fliegen summten über Poupouls
Leichnam. Ich nahm ihn auf den Arm und trug ihn hinab zum Meer. „Du hast ja
immer auf dem Meer gelebt, Poupoul,“ sagte ich. Poupoul war steif, als ob er
ausgestopft wäre. „Lebe wohl, mein Kamerad!“
Poupoul trieb. Er schwamm langsam hinaus, dann aber kam er in einen
Strudel und verschwand. Eine Welle schoß heran und als ihr Gischt zerstoben
war, lag Poupoul wieder vor mir.
„Nun, lebe wohl, Poupoul, es muß ja doch sein!“
Merkwürdig! Ich versuchte es an drei, vier Stellen, immer wieder kam
Poupoul zu mir zurück.
Da nahm ich ihn wieder auf den Arm, triefend naß wie er war, und trug ihn
quer über die Insel. Er war schwer und ich keuchte.
Im Osten waren Meer und Himmel blauschwarz, im Westen kupferrot. Eine
kleine braune Mondsichel stand über der Insel und der Wind fegte.
Wo die Klippen senkrecht abfallen, warf ich Poupoul ins Meer. Ich sah wie er auffiel, ich hörte es. Nun konnte er nicht mehr zurückkommen. Er rollte an den
Klippen entlang, dann packte ihn der Strom und er verschwand.
Ich begleitete ihn auf seiner Fahrt, bis ich zur Markonistation kam. Hier trat
ich ein.
„Nehmen Sie Platz,“ sagte Herr Boucher liebenswürdig, „wie sehen Sie aus?“
„Danke,“ erwiderte ich, „ich will stehen, mein Hund ist gestorben.“
„So so, Ihr Hund ist gestorben?“
„Ja!“
Ich ging wieder. Ich setzte mich auf einen Stein und blickte hinaus aufs Meer.
Pechschwarz lag es unter dem schwarzvioletten Nordhimmel, schrecklich leer
und öde. Dort draußen reiste Poupoul und die Wogen spielten mit ihm.
Ich kam erst spät nach Hause. Ein paar Stunden hatte ich bei Poupons
Schlucht auf Yann gewartet. Er war nicht gekommen.
In meiner Hütte war es einsam. Der Regen prasselte über das Dach und tropfte
durch die Risse und ich dachte an Poupoul.
„Erinnerst du dich, mein Freund, wie wir uns kennen lernten? Das war drüben
an der Küste. Du hieltst mich mit deinen scharfen Zähnen am Bein fest, ohne zu
beißen. Das gefiel mir! Erinnerst du dich, wie ich deine Treue prüfte und mich
beim Schwimmen stellte, als ob ich ertränke — du aber hast nicht gezögert und
sprangst augenblicklich ein Stockwerk hoch ins Meer um mir beizustehen.“
Tip — tiptip — der Regen tropfte und telegraphierte wirre sinnlose Worte,
hinter denen eine schreckliche Bedeutung zu lauern schien. Der Wind fegte
draußen — und horch: kläffte nicht ein Hund in der Heide? Ich richtete mich auf.
Schreie waren draußen in der Nacht, Schreie einer mörderischen Lust und das
schrille Lachen Gemarterter. Das Blut gerann in meinen Adern und ganze Teile
meines Körpers waren wie gelähmt.
Nein, hier gefiel es mir nicht. Ich ging hinaus und legte mich unter einem
Felsen schlafen.