Das Meer
Kapitel XV
In den Nächten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmöglichen
Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.
Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhören, und doch war es so still in
meiner Hütte, daß ich das feine, klingende Hämmern der Spinnen in den
Wänden hörte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal
nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das kleine
Fenster, zerschnitt die Hütte und mich. Ich achtete nicht mehr darauf.
In den klaren Nächten öffnete ich die Türe. Der schwüle Geruch des Meeres
strömte herein. Im Rahmen der Türe stand der tiefblaue Himmel und die
blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den nassen
Gräsern und ließ den Blick über die unendliche Kuppel des Firmaments
wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und
irgendwo draußen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grünes Licht, das
wanderte. Drüben über der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs Lichthiebe
atemlos dahin wie blendend erleuchtete Expreßzüge der Hölle, die, tausend in
der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war totenstill ringsum und ich
ging wieder ins Haus zurück. Aber horch! Hörst du nicht? Irgend etwas wanderte
da draußen, bald nah, bald fern, lautlos und unsichtbar, aber ich fühlte es,
während ich vor meinem Feuer saß. Es gab also noch etwas außer mir hier
außen? War es ein toter Seemann, der aus dem Meere stieg und sich zu seiner
Hütte schlich um durch das Fenster zu spähen? Was war es? Horch! Und
zuweilen dachte ich an das sonderbare Bibelwort: der Geist Gottes schwebte
über den Wassern —
Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Türe. Ich
warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in einer
Stunde tat. Die Möwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Möwen ziehen auf Raub
aus. Das Meer atmete erschöpft. Dann rollte das erste Dröhnen am Gestade
entlang: die Flut kam zurück. Und ich saß und hielt die Pfeife im Gang und lächelte zuweilen, wenn eine schöne Vision im Feuer erschien. O, ich verstand
es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund — so allein war ich, so
herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und ließ die Luft durch die
Nasenlöcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich ein Wort an ihn richtete, so
klopfte er mit dem Schwanzstumpen und öffnete schlaftrunken ein Auge.
„Schlafe, Poupoul!“ Da kroch er näher und legte den Kopf auf meinen Fuß und
schlief weiter.
Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in
ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen, die
ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.
Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die
ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt war
ich nun von ihnen.
Ich ging hinaus und blickte über das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz
spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glänzender Kohle. Auf dem
Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war zu
sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein Geist.
Es rieselte in einem Felsen, hörst du? Der Felsen altert.
Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab
antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.
In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. Über mir brauste
der große Raum. Von Getümmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod
sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind schlug
die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, daß er mein Genosse sei. Er
umtoste mich und plötzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken in
meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und ich ging
hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es wolle. Der
Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!
Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkämme
schneeweiß mit glühenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die
Welle zu Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich wühlte in grünem Feuer und war
selbst wie ein glühender Geist, der sich im nächtigen Meere bewegte. Da drunten
leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glühwürmchen.
Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmstoß empor und meine Arme waren
bedeckt mit phosphoreszierenden Klümpchen. Ich warf mich der Woge entgegen
und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins
Angesicht. Die Woge trug mich in die Höhe wie einen Span. Ich aber
verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn
ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Höhe, so heulte und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid saß ein leuchtendes Körperchen und
ich fühlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.
Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere
angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und meine
Arme zitterten nicht. Ich sah weit über das dunkle Meer hinaus.
Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schöne
Frauen.
Ich aber lachte. „Merci, behalte alles!“ sagte ich. Ich brauchte nichts, so stand
es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.
Wie schwül es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine
Lektüre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des New-
York Herald, European Edition, die ich zufällig in der Tasche mitgebracht hatte.
Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein paar Spinnen heraus.
Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und selbst die Annoncen.
Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine gehobene Stimmung, wenn
ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine Herrschaften, die Welt mit
Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten Mörderhänden.
Ja, haha, zu amüsant war das — prost!
Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett — er hütete das Bett —
wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im linken,
hol mich der Teufel! Ich wünsche seiner Heiligkeit rasche Genesung. Auf
derselben Seite rasselte ein betreßter Affengreis mit den Kinnladen und die
Affen ringsumher schlugen mit den Schwänzen vor Ergebenheit. Du wirst alt
Europa und beginnst zu stinken!
Es rüttelte an der Türe, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein! Niemand
antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden Seele, wimmerte
oben an der Türe.
Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete.
O nein, zurück, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht „zu einem
bestimmten Zweck in die Hölle“. Wenn es schon sein muß — prost, Bobby! —
Was sagst du übrigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien herrscht
momentan große Kälte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut und ein von
Druckerschwärze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz der Staaten
und konstatiert große Kälte. Ich werde einen glühendheißen Grog trinken, Sie
papierenes Rindvieh, denn bei dieser großen Kälte zwischen Deutschland und
Italien klappern mir die Zähne.
Regen prasselte über mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein
Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kümmerte mich nicht darum.
Ich war es gewohnt, daß nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Türritze. Da ließ Creach sein Gebrüll in der
Ferne hören. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.
Dann stürzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich
dreiunddreißig chamber-maids, governesses nicht über zwanzig, zarte
Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der Erde,
um einen Küchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste durch
die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich auf einen
Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern dahin, und die
Leute unten trieben im Strom. Hélas! Mein Küchenchef war eben ausgegangen
— also wartete ich in einem Café, hier traf ich ein hübsches Mädchen, Auto!
Und es ging dahin über die glitzernden Asphaltseen von Paris —