Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 16 von 38

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Das Meer

Kapitel XV

 

In den Nächten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmöglichen

Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.

Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhören, und doch war es so still in

meiner Hütte, daß ich das feine, klingende Hämmern der Spinnen in den

Wänden hörte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal

nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das kleine

Fenster, zerschnitt die Hütte und mich. Ich achtete nicht mehr darauf.

In den klaren Nächten öffnete ich die Türe. Der schwüle Geruch des Meeres

strömte herein. Im Rahmen der Türe stand der tiefblaue Himmel und die

blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den nassen

Gräsern und ließ den Blick über die unendliche Kuppel des Firmaments

wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und

irgendwo draußen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grünes Licht, das

wanderte. Drüben über der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs Lichthiebe

atemlos dahin wie blendend erleuchtete Expreßzüge der Hölle, die, tausend in

der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war totenstill ringsum und ich

ging wieder ins Haus zurück. Aber horch! Hörst du nicht? Irgend etwas wanderte

da draußen, bald nah, bald fern, lautlos und unsichtbar, aber ich fühlte es,

während ich vor meinem Feuer saß. Es gab also noch etwas außer mir hier

außen? War es ein toter Seemann, der aus dem Meere stieg und sich zu seiner

Hütte schlich um durch das Fenster zu spähen? Was war es? Horch! Und

zuweilen dachte ich an das sonderbare Bibelwort: der Geist Gottes schwebte

über den Wassern —

Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Türe. Ich

warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in einer

Stunde tat. Die Möwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Möwen ziehen auf Raub

aus. Das Meer atmete erschöpft. Dann rollte das erste Dröhnen am Gestade

entlang: die Flut kam zurück. Und ich saß und hielt die Pfeife im Gang und lächelte zuweilen, wenn eine schöne Vision im Feuer erschien. O, ich verstand

es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund — so allein war ich, so

herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und ließ die Luft durch die

Nasenlöcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich ein Wort an ihn richtete, so

klopfte er mit dem Schwanzstumpen und öffnete schlaftrunken ein Auge.

„Schlafe, Poupoul!“ Da kroch er näher und legte den Kopf auf meinen Fuß und

schlief weiter.

Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in

ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen, die

ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.

Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die

ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt war

ich nun von ihnen.

Ich ging hinaus und blickte über das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz

spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glänzender Kohle. Auf dem

Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war zu

sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein Geist.

Es rieselte in einem Felsen, hörst du? Der Felsen altert.

Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab

antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.

In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. Über mir brauste

der große Raum. Von Getümmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod

sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind schlug

die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, daß er mein Genosse sei. Er

umtoste mich und plötzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken in

meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und ich ging

hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es wolle. Der

Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!

Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkämme

schneeweiß mit glühenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die

Welle zu Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich wühlte in grünem Feuer und war

selbst wie ein glühender Geist, der sich im nächtigen Meere bewegte. Da drunten

leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glühwürmchen.

Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmstoß empor und meine Arme waren

bedeckt mit phosphoreszierenden Klümpchen. Ich warf mich der Woge entgegen

und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins

Angesicht. Die Woge trug mich in die Höhe wie einen Span. Ich aber

verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn

ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Höhe, so heulte und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid saß ein leuchtendes Körperchen und

ich fühlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.

Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere

angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und meine

Arme zitterten nicht. Ich sah weit über das dunkle Meer hinaus.

Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schöne

Frauen.

Ich aber lachte. „Merci, behalte alles!“ sagte ich. Ich brauchte nichts, so stand

es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.

Wie schwül es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine

Lektüre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des New-

York Herald, European Edition, die ich zufällig in der Tasche mitgebracht hatte.

Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein paar Spinnen heraus.

Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und selbst die Annoncen.

Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine gehobene Stimmung, wenn

ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine Herrschaften, die Welt mit

Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten Mörderhänden.

Ja, haha, zu amüsant war das — prost!

Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett — er hütete das Bett —

wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im linken,

hol mich der Teufel! Ich wünsche seiner Heiligkeit rasche Genesung. Auf

derselben Seite rasselte ein betreßter Affengreis mit den Kinnladen und die

Affen ringsumher schlugen mit den Schwänzen vor Ergebenheit. Du wirst alt

Europa und beginnst zu stinken!

Es rüttelte an der Türe, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein! Niemand

antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden Seele, wimmerte

oben an der Türe.

Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete.

O nein, zurück, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht „zu einem

bestimmten Zweck in die Hölle“. Wenn es schon sein muß — prost, Bobby! —

Was sagst du übrigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien herrscht

momentan große Kälte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut und ein von

Druckerschwärze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz der Staaten

und konstatiert große Kälte. Ich werde einen glühendheißen Grog trinken, Sie

papierenes Rindvieh, denn bei dieser großen Kälte zwischen Deutschland und

Italien klappern mir die Zähne.

Regen prasselte über mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein

Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kümmerte mich nicht darum.

Ich war es gewohnt, daß nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Türritze. Da ließ Creach sein Gebrüll in der

Ferne hören. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.

Dann stürzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich

dreiunddreißig chamber-maids, governesses nicht über zwanzig, zarte

Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der Erde,

um einen Küchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste durch

die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich auf einen

Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern dahin, und die

Leute unten trieben im Strom. Hélas! Mein Küchenchef war eben ausgegangen

— also wartete ich in einem Café, hier traf ich ein hübsches Mädchen, Auto!

Und es ging dahin über die glitzernden Asphaltseen von Paris —