Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 2 von 38

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Das Meer

Kapitel I

 

Wir hatten alles, was das Herz begehrt. Wir hatten Frauen die Fülle, wir hatten zu trinken, wir hatten Stürme, die mit achtzig Seemeilen Geschwindigkeit

dahinfegten. Wir brauchten nichts, merci, hebe dich hinweg —

Auf unserer Insel gab es weder Baum noch Strauch. Wie ein in Schutt

zerfallenes Gebirge sah sie aus, und ringsum keuchten die Klippen in der

Brandung. Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer. Es wehte,

immerfort schrie der Wind, und wenn ein Mensch über die Heide ging, so

flatterte er wie eine zerfetzte Fahne. Zu jeder Stunde bei Tag und bei Nacht

schrillten die Möwen, denn ihnen gehörte Insel und Meer. Manchmal versank

die Insel buchstäblich unter ihrem markerschütternden, feilenden Lärm. Wenn

ich da draußen bei den Klippen schwamm, so reckten sie unruhig die weißen

Köpfe, es waren ihrer drei, fünf, zehn, aber sobald ich näher kam, waren es

Hunderte, Tausende. Sie umkreisten mich schrillend wie eine wetternde Wolke

und mich erfaßte eine mystische Furcht, denn es waren ihrer so viele. Sie

schreien noch oft in meinen Träumen.

En route! Das Großsegel donnert und wir jagen dahin. Unsere Muskeln sind

hart und unsere Herzen stählern und klingend — — —

Wann aber meine Augen zum erstenmal auf Rosseherre fielen, kann ich nicht

mehr sagen. Ich weiß nur, daß es an einem Posttag im Frühjahr war. Rosseherre

war das einzige blonde Mädchen auf der Insel, und es ist möglich, daß sie gerade

deshalb Eindruck auf mich machte. Sie war eigentlich nicht blond, sondern gelb,

wenn man so sagen kann. All die andern dagegen waren schwarz und ich kannte

sie alle.

Zuweilen unternahmen wir eine Expedition, Yann, der „kleine Kapitän“,

Poupoul, mein Hund, und ich, und auf diesen Entdeckungsreisen machte ich ihre

Bekanntschaft. Es gab auf der Insel dreimal mehr Frauen als Männer, denn die

Männer machten Dienst auf den Schiffen, Gott weiß, wo sie waren. Solange sie

jung waren, waren sie schön, und alten gingen wir aus dem Wege. Braun

gebacken von der Sonne waren sie und das Blut glühte in ihren Wangen und Augen, als ob sie gerade aus einem heißen Ofen kämen. Sie hatten weiße, starke

Gebisse und pechschwarzes Haar, das sie offen trugen bis zu den Schultern

herab. Sie waren einfältigen Herzens, munter und laut und zögerten nicht lange,

denn es fehlte ihnen an Zeit und Auswahl.

Yann und ich setzten in irgendeiner kleinen Bar Dampf auf, dann sah mich

Yann mit feuchtglänzenden Augen an und puffte mich: „Hehe?“

„Schön!“ sagte ich. Yann und ich verstanden einander auf eine nahezu

mysteriöse Art.

„Aber noch ein Glas! He, Patron, noch ein Glas, rasch!“

Wir brachen auf. Wir schlugen sofort ein derartig rasches Tempo an, als gälte

es Leben oder Tod. Nicht eine Minute Zeit hatten wir zu versäumen.

„Nur keine großen Umstände gemacht, hörst du?“ sagte Yann. „Sie warten nur

darauf —“

„Tiens!“ sagte ich, ärgerlich über Yanns ewige Bevormundung. „Habe ich je

Umstände gemacht? Sakrenomdedü“ —

„Allons, allons!“ Yann lachte.

Es war Nacht, alles schlief. Die Leuchtfeuer suchten nach uns wie riesige

Blendlaternen und wir schlichen wie Diebe zwischen den Hütten dahin. Oft

mußten wir uns hinter eine niedrige Mauer ducken um nicht gesehen zu werden.

„Nieder!“ kommandierte Yann. Dann pochte Yann an ein Fenster: „Mach’ auf,

mach’ doch auf!“ Er pochte geduldig eine Stunde lang und raunte: „Mach’ auf,

ich bin es, Yann!“ Endlich klirrte der Riegel und Yann schlüpfte ins Haus. Ich

wartete. Die schwarzen Wolken wälzten sich über den Himmel, der Wind knallte

in meinem Rock, ich fror. Endlich kam Yann wieder, satt und erhitzt sah er aus.

„Es ist heute nichts mit ihr.“

„Nichts?“

„Nein, wir haben einen unglücklichen Tag gewählt.“

„O, Yann!“ Und wir steuerten einen anderen Kurs. „Mach’ auf, mach’ doch

auf, ich bin es, Yann.“ Wir lauschten, Poupoul knurrte. „Mach’ auf, mach’ doch

auf!“ In den Fischerhütten roch es süß und kräftig wie in einem Kuhstall.

„Umarme ihn, vorwärts!“ befahl Yann. „Er ist mein Freund — Napoleon —

hast du nie gehört von ihm?“

Dann hielten wir uns ein paar Striche westlich und klopften eine abseits

liegende Kneipe wach um uns zu stärken. Wir brachten den Wirt um seine

Nachtruhe, aber da wir die kapitale Zeche von einem Franken machten und bar

bezahlten, waren wir willkommene Gäste.

„Nun wollen wir nach Stiff gehen,“ sagte Yann, „eine halbe Stunde, dort

wohnt Jeanne, aber wir müssen uns in acht nehmen, sie muß herauskommen“ —

Unersättlich war Yann.

„Wird sie herauskommen, Yann?“

Yann blieb stehen und rückte die Mütze ins Genick. „Wenn ich klopfe? He?“

Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft der Schönheiten der Insel. Wir

litten keinen Mangel, das will ich nicht behaupten. Es wäre undankbar, nichts

anderes.

Rosseherre aber hatte ich noch nicht gesehen,

An einem Mittwoch nun ging ich zum Hafen hinüber um zu sehen, ob der

„Kommissionär“ heil hereinkäme. Das Meer war erregt.

Die Fischer standen oben auf den Felsen, turmhoch über der Bai, und blickten

regungslos auf den „Kommissionär“ hinaus, nur zuweilen spien sie aus, aber

ohne sich zu rühren. Sie sahen zerzaust und zerwühlt aus, ausgetrocknet von der

Sonne, die Augen geschliffen vom Wind. Manche schienen gerade aus dem

Wasser zu kommen, die dünnen Haare klebten an ihren Schläfen, die Kittel

hingen an ihren Schultern herab. Neben ihnen stand Noel, der Kaufmann und

„Inselkönig“, in einer schwarzen Lederjacke, den Feldstecher vor den Augen. Er

strotzte von Wohlhabenheit, sein Gesicht war siegellackrot und sein schwarzer

Vollbart knisterte vor Gesundheit. „O, lala!“ rief er und schüttelte besorgt den

Kopf, denn der „Kommissionär“ gehörte ihm. Ein paar Fetzen Tuch an den

Stangen watete der Kutter in der Ferne durch die sausende Dünung, unter

Sturzseen begraben. Manchmal versank er bis auf die Mastspitze — fahre wohl!

— nein, er tauchte wieder auf. Hinter ihm ging schräg der schwarzgraue Regen.

Plötzlich hielten alle Fischer inne — wenn jetzt ein Seil riß oder der Wind nur

eine Minute aussetzte — sie spien wieder aus, es gab keine Gefahr mehr. In den

Nischen der Klippen kauerten Trüppchen von Fischerweibern, wie Hühner, die

der Wind in einen Winkel wehte. Alles flatterte an ihnen, die schwarzen offenen

Haare, die Bänder der weißen Hauben, die Röcke. Die schwarze Jeanette saß bei

ihnen und blickte lächelnd zu mir empor. Ich stand bei den Fischern, regungslos

wie sie, und nur zuweilen nahm ich die Pfeife aus dem Mund und spie aus, auf

amerikanische Art, durch die Zähne; ich hatte es darin zur Vollkommenheit

gebracht.

Der „Kommissionär“ zog die Segel ein und warf mit Gerassel seinen

zerfressenen Anker aus. Eine kleine Rostwolke stieg auf und ich roch sie bis

herauf. Sofort kam aus dem Hafen wie stets jenes kleine Boot heraus, das sich

wie eine Kaulquappe bewegte, denn es wurde mit einem einzigen Ruder am

Stern gerudert. Ein halbes Dutzend flatternde Bündel (Menschen), Ballen, ein

Rudel kleiner Schweine, all das wurde mit einer Hast hineingeworfen, die

Seeleute an sich haben, wenn sie schon einmal arbeiten. Im Nu war der Nachen

zum Sinken voll.

Die Schweine schrien mörderisch, und die Weiber in den Felsennischen kreischten vor Lachen. Plötzlich aber begannen sie zu rufen. Sie schwenkten die

Arme und schrien: „Rosseherre! Rosseherre!“

Im Schnabel des kleinen schlingernden Bootes stand ein Mädchen mit

flatternden messinggelben Haaren.

Ich hatte sie noch nie gesehen. Gelbes Haar hatte sie! Und sie stand so ruhig.

Die quiekenden Schweine wurden herausgeworfen, die Ballen, der Postsack

und ein ganzes Gebirge von großen Brotlaiben mit schmutziggrauer Kruste. Die

Schweine liefen darüber, die gelbe Welle leckte nach ihnen und färbte einzelne

dunkel, ehe Noel sie wegräumen konnte.

„Pack an, pack an!“ schrie er, und der Dorflump in seinen klaffenden Hosen,

Noels Schützling, sprang mitten in das Gebirge von Brot hinein.

Rosseherre stieg geschickt zwischen zwei Wellen aus dem Nachen und

klapperte rasch in ihren Holzschuhen den Steig hinauf. Je näher sie kam, desto

gelber wurde ihr Haar. Sie war klein und schmal, ein Mädchen von sechzehn

Jahren; sie trug eine weiße Haube, ein Tuch um die Schultern, und war schwarz

gekleidet wie alle Frauen der Insel.

Wir wandten uns ihr zu. Die Fischer taten es, ohne die Füße zu regen, ihre

Holzpantinen waren festgenagelt am Boden. Kedril nahm den Tabakklumpen aus

dem Mund und legte ihn unter die Mütze auf den Kopf. „Da ist ja Rosseherre

wieder!“ sagte er. Die andern sagten nichts. Sie spritzten den Tabaksaft mit

kindlicher Freundlichkeit durch die Zähne und nickten. Man sah ja, daß sie da

war.

In diesem Augenblick sah Rosseherre zu uns her. Das gelbe Haar wehte um

ihr kleines kindliches Gesicht und sie strich es mit der Hand zurück. Die Weiber

schrien ihr lachend etwas zu, und sie sah mich von oben bis unten neugierig an.

Ich nahm die Pfeife aus dem Mund, bewegte aber keine Miene. Da kehrte

Rosseherres Blick nochmals zu mir zurück und haftete an meiner Hand, an der

ich einen unscheinbaren Ring trug. Dann sah sie mir rasch in die Augen. Was für

ein Blick war es doch?

Die Weiber lachten breit, plapperten und gingen mit Rosseherre davon. Im Nu

hatte sie der Wind um die Ecke geweht. Aber bevor Rosseherre verschwand,

blickte sie nochmals zurück.

Drunten in der Bai schaukelte verlassen der „Kommissionär“; ein Matrose in

rotem Hemd kletterte auf dem Deck. Der Briefträger und Chef der Post ging an

die Arbeit. Bis an die Zähne bewaffnet stürzte er sich ins Feuer. Er hatte hohe

Reiterstiefel an und schwang einen lächerlich kleinen Korb mit den Briefen in

der Hand. Sein Dienst war mörderisch. Wohin er kam, mußte er ein Gläschen

trinken. Am Abend kehrte er aber stets als Sieger zurück, schnaubend wie ein

Nilpferd, in Schweiß gebadet, um in Chikels Bar zusammenzubrechen unter der ungeheuren Last von Verantwortung, Wichtigkeit und eines höllischen Dienstes,

für den er acht Tage lang Kräfte gesammelt hatte.

Der Karren mit dem Schimmel kam, um die Säcke und Ballen fortzuschaffen.

Dieser Schimmel stand und ging, in einer Art Kniebeuge, er hatte rote Ränder

um Augen und Nüstern und war fast gänzlich haarlos. Er schlief augenblicklich

ein, und der Dorflump kitzelte ihn mit einem Strohhalm aussichtslos in den

Nasenlöchern.

Der Karren fuhr ab — und nun war wieder Ruhe auf der Insel für eine ganze

Woche.

Ich kaufte im Dorf für zwei Sou Fische und wanderte nach „Sturmvilla“

zurück.

„Hast du gesehen, daß sie auf deinen Ring blickte?“ sagte ich zu mir. „Sie sind

doch auf der ganzen Welt die gleichen. Was für gelbes Haar sie hat, oho, das ist

schon fast nicht mehr erlaubt, wie, Poupoul!“

Plötzlich fiel mir ihr Blick wieder ein. Merkwürdig. Es war ein — wie soll ich

sagen? — es war ein Blick wie ihn Wahnsinnige haben.