Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 14 von 38

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Das Meer

Kapitel XIII

 

Am andern Tag machte ich Jean Louis den versprochenen Besuch.

„Guten Tag, Meerkönig, da bin ich wegen des Segels.“

„Hü—hü — Segel?“

Er hatte alles schon wieder vergessen.

„Hühü — da ist er jetzt — tritt ein!“ heulte Jean Louis.

Rosseherre war nicht da. Aber in der Ecke hing ein schwarzglänzender Rock.

„Feinste Seide!“ sagte ich und der Meerkönig lachte geschmeichelt.

Das kleine, schmale Wohnzimmer besaß nur ein einziges viereckiges

Fensterchen in einer Nische. Die Bettschränke befanden sich an den Längsseiten

hinter kleinen, sauberen Vorhängen, wie Kasperltheater sahen sie aus. Ein Tisch

und Bänke rings an den Wänden, das war die ganze Ausstattung. Unter eine

Nische mit einer bunten Madonna aus Gips war jener Spruch geheftet, mit dem

vor Augen die Fischer ihr Leben verbringen:

Ar Maro

a zo eur moment terrubl

evit ar bec’herien,

galvet int ractal dirag.

Ar Barner Souveren.

 

(Der Tod ist ein schrecklicher Augenblick für die Fischer, denn sie werden ganz

plötzlich abgerufen vor den himmlischen Richter.)

Jean Louis goß Wein ein. Der Wein war dunkelgolden, was für ein Wein war

es doch?

„Dieses kleine Weinchen stammt aus einem Schiffbruch, mein Freund!“

Der Meerkönig verschwand und brachte von irgendwoher ein kleines

japanisches Lackschränkchen, das, hol mich der Teufel! tausend reizende

Schubfächer hatte.

„Schiffbruch!“

Ja, früher, da waren die Schiffe gekommen, hühü! Als die Feuer und

Nebelsirenen noch nicht so vollendet waren. Manchmal kamen zwei, drei in

einer Nacht. Man brauchte nur aufzulesen. Aber jetzt —? Das Leben wurde immer schwerer.

Und plötzlich sah ich, daß der Tisch, an dem ich saß, ringsum mit einem Rand

versehen war und seine Füße hatten unten Beschläge zum Festschrauben, was

sagst du dazu!

Der Meerkönig lächelte pfiffig, gewiß hatte er noch ganz andere Reichtümer

irgendwo versteckt.

Dann gingen wir zu Noel.

„Willst du also das Tuch bezahlen?“ fragte Jean Louis auf halbem Wege und

pflanzte sich mit gespreizten Beinen vor mir auf.

„Ja!“

„Wirklich bezahlen?“

„Wirklich!“

„Eh bien, mon vieux, en route!“

Jean Louis trat herausfordernd an den Kaufmann heran und heulte ihm ins

Gesicht: „Ich möchte Leinwand zu einem Segel kaufen, Noel!“

Der siegellackrote Noel aber hatte keine Eile. Er zuckte die Achsel und sagte

leise singend, indem er mit einem spöttischen Lächeln zum Fenster hinaussah:

„O, mein alter Freund, es ist mein Prinzip euch Fischern keinen Sou zu

kreditieren.“

Aber Jean Louis, der kaum über die Bar sehen konnte, deutete auf mich und

schrie wütend: „Mein Freund bezahlt!“ Dann wischte er sich den Schweiß von

der Stirn. Der kleine Meerkönig zitterte vor Erregung an allen Gliedern.

Sofort floß Noel von Freundlichkeit und Eifer über. „Ah, das ändert die

Sache!“ Er schleppte Ballen Tuch herbei, er brachte Gläser und Flaschen. Nun

begann die Arbeit des Meerkönigs. Er musterte die Ballen. Er nahm die

schmierige Kappe ab und setzte sie wieder auf. Dann stürzte er ein Glas Schnaps

in die Kehle. Er prüfte das Gewebe zwischen den Fingern, riß, scheuerte, hielt

gegen das Licht. Er nahm einzelne Fäden und zerriß sie. Nicht zu leicht, nicht zu

schwer, nicht zu dünn, nicht zu dick. — Dann trank er wieder einen Schnaps und

noch einen, er stotterte, taumelte gegen einen Mehlsack, er trocknete sich die

Stirn und sagte, er käme morgen wieder.

Erst am dritten Tag konnte er sich entschließen, und dann dämpfte er seine

Erregung mit so vielen gouttes, daß er mit dem Tuch unter dem Arm mitten in

der Heide auf einen Felsen rannte, kenterte und liegen blieb.