Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 28 von 38

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Das Meer

Kapitel XXVII

 

Nein, Rosseherre war nicht gut auf mich zu sprechen. Auch Yann sagte es mir, als er am andern Tag zu mir kam. Tiens, tiens, wie böse sie auf dich ist!

Am Morgen war ich draußen gewesen und hatte einen schweren, dicken Fisch

gefangen, eine fette Kafferntante. Toll vor Wut hatte sie mich angefunkelt, als

ich sie aus dem Wasser zog. Nun aber lag sie da und die Schuppen flogen. Meine

Kafferntante war ein gefräßiger Klumpen mit dummen goldenen Glotzaugen und

hämischen fahlen Negerlippen, zwischen denen die spitzen porzellanweißen

Zähne grinsten. Hinten am Rachen hatte sie ein zweites Gebiß, ein Reibeisen aus

flachen Zähnen. Ihr fetter Wanst war von einem schleimigen, dicken Netz

überzogen, das schildkrotfarben und morchelähnlich war und ihr erlaubte,

getrost drunten in den Tangwäldern zu stehen ohne gesehen zu werden. Hatte ich

jemals etwas ähnliches an Habgier, Gefräßigkeit und Gemeinheit gesehen? O,

jawohl: Menschen! Oft sah ich gleich ein ganzes Dutzend porträtähnlicher

Exemplare beisammen. Hätte ich euch hier — unter meinen entblößten Armen

und blutigen Händen, es wäre mir ein Vergnügen —

Da kam Yann. Er schleppte einen großen irdenen Topf, und das bedeutete, daß

wir eine seiner berühmten bretonischen Suppen kochen würden.

Yann war in vorzüglicher Stimmung und ich sah ihm sofort an, daß etwas

besonderes vorgefallen sein mußte.

Nachdem er mir ein Kompliment gemacht hatte über die schwere

Kafferntante, griff er in die Brusttasche: „Willst du etwas sehen, he?“

„Was gibt es?“

„Nun, willst du etwas sehen?“ wiederholte Yann und blitzte mich mit den

hellblauen Augen an.

„Laß sehen!“ erwiderte ich neugierig.

Yann ließ den Rand eines großen Briefes erscheinen. Er zupfte daran und die

Ecken von Banknoten wurden sichtbar. Eins, zwei, drei — fünfhundert Franken!

Ich riß die Augen auf und starrte Yann an.

Dann zog Yann den Brief heraus und überreichte mir mit einer großartigen Geste das Schreiben.

Es war von der englischen Gesellschaft, der die „Indiana“ gehört hatte.

„Jeder meiner Matrosen hat hundert Franken erhalten!“ sagte Yann. „He, wie

höflich sie schreiben, wie? Und sieh das Kuvert an: es ist mit Leinwand

ausgeschlagen, hast du je solch ein Kuvert gesehen?“

Ich sah das Kuvert von außen und innen an. „Nom de pipe!“ sagte ich.

Yann richtete sich stolz auf und sandte einen kühnen Blick übers Meer. „Es ist

wie ein Geschenk vom Himmel. Pro Kopf über sechzig Franken! Ja, was kann

ich jetzt tun?“ Und Yann sah mir in die Augen. „Jetzt kann ich tun, was ich will,

siehst du!“

Über Nacht war er reich geworden.

„Wenn du nun Geld brauchst,“ fügte Yann hinzu, „du brauchst nur ein Wort zu

reden“ — und er hielt mir zwei-, drei-, vierhundert Franken hin — „du bist mein

Freund und kannst soviel haben wie du willst.“

Yann war doch ein prächtiger Bursche!

Dann stürzte er sich in die Arbeit. Er warf den Kittel weg, rückte die Mütze

ins Genick und stülpte die geschwärzten Hemdärmel auf. In dem Topf befanden

sich Kartoffeln, Gemüse, Kraut und Rüben, ein Klumpen graues Fett, grease

bretonne, eine Flasche Kognak und ein rundes Paket. Er wusch, schabte, schnitt,

machte Feuer an. Da der irdene Topf einen Sprung hatte, holte er rasch Erde,

knetete sie und verschmierte den Riß, eins, zwei —

Dann öffnete er das sorgfältig verschnürte, runde Paket. „Und hier ist ein

kleines Andenken, mein Freund!“ sagte er.

Es war eine Teekanne aus weißem Porzellan mit billiger Goldverzierung.

Yann stand mit gespreizten Beinen und sah mich vielsagend an. „Nun?“

„Nun, sie ist hübsch.“

Yann lachte höhnisch und betrachtete die Teekanne mit spöttischen Blicken.

„Das ist sie,“ sagte er, „das ist die berühmte Teekanne von der ‚Charlotte‘! Und

diese meineidigen Hunde schworen seinerzeit, ich hätte eine silberne Teekanne

mit Goldeinlage gestohlen! Haha, was sagst du dazu?“

Ich sah Yann an und lachte.

„Nun, willst du sie, diese silberne Kanne?“ fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Yann, merci. Ich will nichts besitzen, was man

nicht in die Tasche stecken kann, verstehst du?“

„Bien!“ Yann nahm die Kanne und warf sie in weitem Bogen in die Klippen,

wo sie zerschellte. „Au revoir!“

Darauf zog er eine Uhr aus der Hosentasche. „Drei Uhr,“ sagte er nebenhin,

„um acht ist die Suppe fertig.“ Ich aber sah die Uhr kaum an und so hielt sie mir

Yann dicht unter die Nase. „Ja, genau drei Uhr!“ Da fiel mir die Uhr auf. Sie war aus Gold und hatte einen Springdeckel, so etwas! Diese Uhr war dreihundert

Franken wert und das Geschenk eines Pariser Bekannten.

Ich staunte und schüttelte den Kopf. Yann ließ mich ins Werk hineinsehen, wo

es tickte und schwang.

Dann zeigte er mir, daß er die Hosentasche mit Putzwolle ausgestopft hatte,

damit die Uhr nicht beschädigt werde.

„Warum hast du dir denn von dem Pariser Freunde nicht lieber

Schiffsinstrumente schenken lassen, Yann?“ fragte ich arglistig, nachdem ich

mich von meiner Verblüffung erholt hatte.

Yann zog das Augenlid mit dem Zeigefinger herab. „Eh!“ rief er aus.

„Warum? Wie kann ein Mensch so dumm fragen? Man hätte behauptet, ich habe

die Schiffsinstrumente von der ‚Charlotte‘ gestohlen.“

Die Uhr war gut. Yann hatte keinen schlechten Tausch gemacht!

Ich mußte lachen: Yann, Yann, wie soll man klug aus dir werden? Wie oft hast

du mir jene Geschichte von der „Charlotte“ erzählt, da sie dich so frech

verleumdeten, und ich hatte Mitleid mit dir! Wie oft standen deine treuen

Kinderaugen voller Tränen und lachtest du höhnische Triller: Ich, ein Dieb? Ich?

Hahaha! Yanns Seele war derartig mit Ehrlichkeit imprägniert, daß sie den

Verdacht des Diebstahls entsetzt zurückwies. Nie, nie würde Yann glauben, daß

er gestohlen hatte, selbst mit der Kanne vor Augen und der goldenen Uhr in der

Tasche nicht, niemals, er war zu ehrlich dazu.

Unsere Suppe mußte fünf Stunden über langsamem Feuer kochen, und so

hatten wir Zeit ein wenig zu plaudern. Wir saßen vor dem Hause auf dem Boden

und Yann goß aus der Flasche ein, die er — ein reicher Mann — mitgebracht

hatte.

Plötzlich lachte er laut heraus. „Was in aller Welt hast du denn Rosseherre

getan?“ rief er aus. „Tiens, tiens, wie wütend sie auf dich ist.“

„Nichts habe ich ihr getan.“

„O, sie ist nicht gut auf dich zu sprechen, mein Freund!“ fuhr Yann fort. „Du

hast ein Auge auf Yvonne Amorik geworfen — sie ist Rosseherres beste

Freundin gewesen, trotzdem — wer kennt sich mit diesen Frauenzimmern aus!

Hast du Yvonne nicht eine Kette geschenkt? Hoho, ist es so? Und was glaubst

du, was Rosseherre mich fragte? Hehe — was glaubst du?“

„Nun?“

„Sie fragte mich, ob ich dich töten könnte.“

„Hallo!“

„Ja, haha, so verrückt sind diese Weiber, wenn sie eifersüchtig sind.“

„Und, Yann, was hast du ihr geantwortet?“

„Ja, habe ich gesagt, warum nicht? Ich wollte sie bei guter Laune haben.“

Ich pfiff durch die Zähne und lachte.

Auch Yann lachte. Er lachte mit der heiteren Sicherheit eines Liebhabers,

dessen Rivale endgültig ungefährlich geworden ist. „Ich habe ihr sogar

versprochen dich zu töten,“ sagte er, „dann wurde sie demütig und gefügig wie

ein kleiner Hund!“ Yann brach ab und zog mit erstaunter Miene einen Ring

zwischen den Gräsern hervor. „He, was ist das?“

„Hier ist der andere, unter dem Stein,“ antwortete ich, „sie hat mir die Ringe

zurückgebracht.“

Yann steckte die Ringe in die Tasche. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. „So ein

verrücktes Frauenzimmer, he! Ich werde ihr die Ringe geben, wenn sie

vernünftiger geworden ist.“

„Also, du hast ihr versprochen —?“

„Ja!“ sagte Yann lachend. „O, sie war so verrückt, sie verweigerte sich mir —

sie machte eine Bedingung daraus, hahaha — aber sie hat mir keinen Termin

gesetzt — das hat sie vergessen. Ich gebe dir noch viele Jahre Zeit, mein Freund!

Keine Eile!“

Dann sprachen wir von etwas anderem und Rosseherres Name wurde nicht

mehr erwähnt.

Die Suppe war fertig. Yann schnalzte mit der Zunge, solch eine Suppe! Er

schlürfte voller Entzücken die beiden Augen meiner Kafferntante. Wir saßen und

schmausten, wir drei, Yann, Poupoul und ich. Die Türe stand offen, und draußen

dröhnte das Meer.

Eine Stunde lang fuhren wir mit den Löffeln in den Topf hinein, bis wir uns

nicht mehr regen konnten. Der Topf aber war noch lange nicht leer, wir aßen

stets zwei, drei Tage daran. Dann setzten wir uns vor der Türe in die Heide und

tauchten.

„Spiele ein kleines Lied,“ sagte Yann, „gerade jetzt, wo es dunkelt —“

Ich spielte. Aber während ich die kleine Flöte schwang, schielte ich zu Yann

hin: da saß er, die fünfhundert Franken in der Hand und sah hinaus aufs Meer

und träumte.

Es wurde Nacht und wir gingen ins Haus zurück um ein Gläschen zu trinken.

Yann breitete seine Banknoten aus, er ließ unendlich oft den Springdeckel der

Uhr springen. Er strahlte vor Glückseligkeit. Ein wenig später aber legte er die

Uhr unter den Holzschuh und trat ein wenig darauf um zu sehen, was die Uhr

aushalte. Knax, das Glas sprang. Aber deshalb ist die Uhr doch noch nicht

kaputt, wie, hahaha! Er nahm die Banknoten, machte eine Kugel daraus und ließ

sie von Poupoul apportieren. Dieses Geld, pfui, man sollte es einem Hund zum

Fressen geben, man sollte es ins Feuer werfen!

Yann führte einige seiner Kunststücke vor. Er holte eine Münze aus einem Teller voll Wasser, ohne sich auch nur die Fingerspitzen zu netzen. Das

vollführte dieser Tausendsasa vermittels heißer Luft in einem Weinglas.

Er schüttete sich Kognak in die Kehle und erzählte von der Seeschlange, die

er in der Südsee gesehen hatte. Dabei entblößte er den Arm, spitzte die Hand zu

und bewegte sie im Gelenk; genau so reckte sich die Seeschlange aus den Fluten

und sagte: Guten Morgen, Yann aus Roskoff! Und in den Molukken gab es ein

Meer, das schwer wie Blei war; fuhr ein Schiff hindurch, so blieb das Kielwasser

eine ganze Woche lang stehen.

Haha! O Yann!

Es war tief in der Nacht, als wir uns trennten. Yann glättete die Scheine und

zählte sie zweimal — ob er nichts vergessen habe, immer noch suchte er mit den

Augen auf dem Boden. Er war eine einfache Natur und konnte es deshalb nicht

unterlassen mich dutzendmal seiner ewigen Freundschaft zu versichern.

„Wegen eines verrückten Frauenzimmers werden wir uns nicht verfeinden!“

sagte er und sah mich mit Tränen in den Augen an. „Wie?“

„Das fehlte noch, Yann!“

Yann preßte mir die Hand.

„Noch eines, Yann. Ist es wahr, daß Yvonne es mit allen Matrosen hält und mit

sechzehn Jahren ein Kind hatte?“

„Tiens!“ lachte Yann. „Wie kann jemand solch eine Lüge ersinnen!“