Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 8 von 38

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Das Meer

Kapitel VII

 

Ich erwachte beim kläglichen Blöken eines Hammels. Die Türe stand offen und die Sonne schien herein. Sie leckte schon nach meinem schwarzen Kamin, es

war nach Mittag. Ich sprang auf, Poupoul kam herein um beim Lever

gegenwärtig zu sein. Ich schämte mich ein wenig vor ihm und blinzelte ihn

scheu an. Aber seine Hochachtung und Zuneigung hatte nicht im geringsten

gelitten. Dann ging ich hinunter zum Meer und schwamm, bis ich eiskalt bis in

die Knochen wurde. Nun war ich frisch und guter Dinge. Ich hatte heute nacht

eines der tiefsten Bohrlöcher meiner Existenz erreicht — nun würde es

gesetzmäßig in die Höhe gehen, immer höher, Gott weiß wohin.

Der Tag war herrlich und entfachte Mut.

Das Meer war spiegelglatt und blau wie Seide. Der Himmel war vollkommen

wolkenlos und von wunderbar tiefblauer Färbung. Er flimmerte und da und dort

war er durchsichtig wie Kristall: dort sausten die Windströme. Über die Insel

aber hauchte nur eine kaum fühlbare Brise. Sie streifte das Meer und breitete

einen großen stahlblauen Fächer darauf aus, der sich bald öffnete, bald schloß.

Ein Schwarm von kleinen leuchtenden Segeln stand draußen. All die Fischer, die

gestern betrunken vor dem Grandhotel rollten, waren bei der Arbeit. Es wurde

Abend, der Himmel färbte sich grünlich. Das Meer wurde rot wie Wein und die

leise Brise hauchte und tupfte das Meer mit fransigen metallgrünen Flecken, die

wanderten.

Die kleinen Segel glitten heimwärts durch die Bai und waren bleich.

Ich ging hinunter zum Hafen und stieg in Kedrils Boot. Als es dunkelte, zogen

wir das Segel auf. Unmerklich glitten wir dahin, lautlos wie ein großer Vogel,

und erst nach einer Stunde hatten wir die große Bai hinter uns. Die Mondsichel

gleißte. Alle großen Sterne funkelten am Himmel, die kleinen waren nicht zu

sehen. Es waren tausend Stockwerke des Raums über uns. Die Mondsichel

schwebte tief unten im Meer und die großen Sterne blitzten aus der Tiefe. Es

waren tausend Stockwerke unter uns. Zwischen Oben und Unten war eine dünne

Glasscheibe und darauf glitten wir dahin.

Die große Stille der Nacht machte uns still und jeder hing seinen Gedanken

nach. Am Horizont im Süden sprühte ein Stern, halb im Meer, wie ein

schwimmendes Feuer. Er sandte knisternde Strahlen nach mir — er sprach mit

mir. Ihr Wesen, die ihr euch an diesem Feuer wärmt, wie nennt ihr diese Sonne?

Hala? Wandelte ich einst unter Halas Strahlen oder ist es mir bestimmt auf

meiner großen Reise dort vorüber zu kommen?

Du großer Geist über den Wassern: Laß mich einst unter Hala wandeln, laß

meine Seele in den Bisonochsen fahren oder den Brüllaffen, einerlei — laß sie

nicht sterben —

Kedril nieste. Kedril, Unreiner, weshalb niesest du zu unrechter Zeit und

vermischst deinen Unrat mit dem Weihrauch, den ich dem großen Geiste

emporsende?

Wir lagen und warteten auf die „Lady of Ireland“ aus Queenstown. Creach in

der Ferne schwang seine Lichtwindmühle durch die Nacht und alle sieben

Sekunden blendete uns sein Feuer zweimal nacheinander. Dann schien es, als

wären wir hundert Schritte entfernt und blickten mitten in die gleißende Linse

und erblindeten.

Das Meer pochte am Boot und das Spiegelbild der Mondsichel verzerrte sich

und manchmal brach es in Stücke und Splitter. Die großen Sterne gleißten in der

Tiefe wie faustgroße Brillanten, und zuweilen lösten sie sich in ein Geflimmer

zitternder Funken auf, die sofort wieder zusammenschmolzen. Ich sah in das

schwarze glänzende Pech hinein, durch mein mattes Spiegelbild hindurch;

zuweilen wölbte es sich lautlos, als atme es. Feindselig und schaurig sah das

Meer in der Tiefe aus — man glitt hinab, ohne Laut, tiefer und tiefer, es war

dunkel und weich und immer noch fühlten die Füße keinen Grund . . . Plötzlich

fiel mir der Traum von heute nacht ein: da drunten feierte ich Hochzeit mit

Rosseherre —. Ich lachte leise.

„Siehst du das Licht?“ fragte Kedril.

Ich machte die Augen scharf. Ein rötliches Pünktchen flimmerte am Horizont,

hundertfach feiner als der verglimmende Docht einer Kerze in einem dunkeln

Raum.

„Verteufelt scharfe Augen hast du, Pilot!“

Die „Lady of Ireland“ rauschte heran. Ohne Laut. Das Deng-deng der Glocke

auf der Brücke klang klar durch die Stille. Ein paar Schatten beugten sich herab.

Kedril ging an Bord.

Wir wechselten einige Worte mit den Schatten da droben. Eigentümlich

klingen menschliche Stimmen in der Nacht auf dem Meer! Wie Gespenster

waren wir.