Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 22 von 38

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Das Meer

Kapitel XXI

 

 

Die Glocken begannen im Nebel zu bellen wie kleine Hunde, die im Schlafe gestört wurden.

Das Dorf schlief noch. Aber da und dort rührte es sich schon, Holzschuhe

klapperten, Fenster erhellten sich, Stimmen kamen aus dem Nebel. Am Hafen

unten schloß der Maire den Schuppen auf, in dem sich das Rettungsboot befand.

Der Nebel war so dicht, daß man keinen Menschen sah, bevor man ihn anrannte,

und wenn man mit jemand sprach, so zerfloß sein Gesicht in Schleiern.

Zurufe, Flüche, Durcheinander. Ein Seil schleifte am Boden und unsichtbare

Hände zogen es straff. Ich griff zwischen ein paar Fäuste hinein und zog an.

Räder knarrten und das Rettungsboot erschien gespensterhaft hoch und lang auf

dem Wagen. Schatten warfen sich in die Radspeichen und eine Kette von

Schatten hielt den Wagen hinten am Seil fest, damit er nicht zu rasch den Steig

hinabrollte. Wie ein schwerfälliges, hundertfüßiges Ungeheuer aus der Vorzeit

bewegte sich das Boot zum Meer hinab und die Welle spritzte gegen seinen

Bauch.

„Vorwärts!“ schrie ich. Da draußen warteten sie —

„Wir müssen warten, bis es Tag wird! Man sieht ja nicht die Hand vor den

Augen!“

„Wo ist Kedril? He, Kedril, Pilot, dein Tag ist gekommen. Das ist eine Arbeit

für dich. Ich zeige dir, wo der Dampfer liegt.“

„Mein Freund,“ antwortete Kedril, „nicht für tausend Franken könnte ich das

Boot hinausbringen. Bei diesem Meer! Wir müssen auf die Ebbe warten.“

„Wenn du es auch sagst, Kedril!“ Ich war entmutigt, ich ging.

Im Dorf rannte ich gegen Noel, der sich ganz in geöltes Leder verpackt hatte

und ein Fernrohr in der Hand trug.

„Nun,“ rief er mir zu, „habe ich es Ihnen nicht gesagt, als Sie Sturmvilla

mieteten, alle Schiffbrüche vollziehen sich dicht vor Ihren Augen — haha!“

Ich gab ihm keine Antwort. Ich lief nach Sturmvilla zurück. Nichts war als

Nebel, das Branden des Meeres und alle drei Minuten grollte Creach in der Ferne wie ein todwundes Tier.

Etwas scharrte zwischen den Klippen. Es war Jean Louis. „Ein Dampfer ging

in die Klippen — hühü!“ sagte er und lachte idiotisch. „Rosseherre war wieder

die erste —“

„Was kann man tun?“ fragte ich.

„Was man tun kann? Nichts. Hühü! Die Klippen sind wie Messer da draußen.

Sie fahren alle an derselben Stelle auf. Sie werden vom Strom abgetrieben und

hören Creach erst, wenn sie festsitzen.“ Er trappelte hin und her und spähte auf

den Boden. Eine Gruppe von Fischern, Frauen und Kindern sammelte sich an,

und alle spähten sie auf die ankommende Welle mit vorgeneigten Köpfen und

gierigen Augen. Sie waren die Abkömmlinge von Seeräubern und ihr Herz hatte

das Meer gehärtet. Was war ein Schiffbruch für sie? Es hatte Nächte gegeben, da

drei Schiffe scheiterten, und wiederum hatte man in drei Nächten nacheinander

die Sturmglocken geläutet.

Etwas Dunkles trieb ans Land und alle stürzten sich gleichzeitig darauf. Es

war das Wrack eines kleinen, schwarzen Bootes. Wie ein zertrümmerter

Brustkorb. Dann wichen sie plötzlich alle zurück: mitten in der Welle stand ein

Mensch, der von Wasser troff und die Arme nach ihnen ausstreckte. Er fiel

vornüber und die Woge trug ihn ans Land und legte ihn schweigend nieder. Die

nächste Welle fuhr über ihn hin und er bewegte sich, als ob er sich aufsetzen

wolle. Dann zogen Jean Louis und ich ihn weiter aufs Land.

Er lag mit offenen Augen da, als ob er sehr erschrocken wäre, und lächelte mit

geöffneten Lippen, daß man die Zähne unter seinem kleinen dünnen Schnurrbart

sah. An der rechten Schläfe hatte er eine schwarze Schramme. Er war tot.

Die Fischer standen um ihn im Kreise. Jean Louis nahm die Mütze ab und

schlug das Kreuz. Alle folgten seinem Beispiel. Creach knurrte in der Ferne,

während sie das Gebet murmelten.

„Hier liegt er jetzt!“

„Es ist rasch gegangen mit ihm. Das Meer warf ihn gegen einen Felsen.“

Ein kleines Mädchen sagte leise und lachte vor Angst dazu: „Vater, er lacht

ja!“

„Nun beruhige dich, alle Toten lachen.“

„Ein junger Mensch ist er.“

„Zweiundzwanzig.“

Das kleine Mädchen sagte und wieder lachte sie etwas: „Vater, er sieht mich

an!“

„Alle Toten sehen dich an, beruhige dich!“

Dann durchsuchten sie ihm die Taschen. Aber der Tote besaß nichts. Eine

Pfeife, ein Messer, ein rotes Taschentuch. In der Brusttasche seines kurzen Kittels fand sich ein Brief.

„Ein Brief!“

Ich zündete ein Streichholz an.

„Er heißt — wartet — er heißt Joe Gordon, der Dampfer heißt Indiana und

kommt von Kapstadt.“

„Joe Gordon — Indiana —“

„Willst du die Streichhölzer nehmen?“

Der Brief war zerweicht und schwer leserlich. Er lautete ungefähr: „Dear Joe,

wenn du nach Liverpool kommst, so besuche mich. Fahre nicht gleich wieder

weg, wie das letztemal. Ich bin krank und mein Fuß tut mir weh. Ich gehe nicht

mehr aus und warte auf dich. Das Leben ist recht elend, wenn einen die Kinder

ganz vergessen. Deine alte Mutter.“

„Das Marineamt wird ihr eine Depesche senden.“

„Joe wird nicht kommen. Und sie ist alt und krank, hm.“

Da war auch plötzlich Rosseherre wieder da. Sie drängte die Leute zur Seite

und schrie und warf sich weinend über den Toten. Sie sprach mit ihm, sie nannte

ihn „mon cœur“, „mon petit“ und schluchzte herzzerreißend.

Ich ertrug es nicht länger, ich ging.

 

— — — — — — — —

 

„Vorwärts!“ schrie ich. „Worauf wartet ihr denn noch?!“

Es war Tag. Das Rettungsboot sah wie ein Phantom im bleichen Nebel aus,

unnatürlich hoch und lang, und die Welle leckte seinen weißen Bauch.

Gesichter gingen im Rauch. „Wir können unmöglich fahren.“

„Hunde seid ihr, wenn ihr nicht fahrt.“

„Aber das Meer ist schrecklich, wir kommen nicht zur Bai hinaus!“

Ich zitterte vor Erregung. Ich bot meine ganze Überredungsgabe auf. Aber sie

blieben kalt und ruhig.

„Da draußen sind sie!“

„Hier sind unsere Frauen und Kinder.“

Chikel hatte morgens um fünf Uhr die Bar geöffnet und eine Lampe

angezündet. Vielleicht ging es so! Ich ging umher und goß den Fischern ein. Sie

hatten keine Phantasie. Sie sahen nicht, wie sie da draußen auf dem Wrack

saßen, sich festklammerten und hofften, ah, pfui!

„Aber ihr müßt fahren!“ sagte ich. „Das bißchen Meer, was für Leute seid ihr

doch! Ich kenne euch nun so lange!“

Die Fischer rekelten sich.

„Unmöglich!“

„In die Hölle mit euch!“

Ich ging. Ich bebte vor Zorn.

Nebel. Dick und häßlich gelb, wie Eiter. Creach grollte alle drei Minuten, das

Meer schlug.

Bei den Klippen standen die Fischer und lauerten auf alles, was

geschwommen kam. Zerschmetterte Leichname trieben ans Land. Am Vormittag

zählte man sieben, am Abend dreizehn. Der Nebel aber stand wie eine Mauer.

Creach brüllte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen war der Nebel dünner

geworden, und plötzlich unterschied man im Düster draußen den Dampfer. Er

lag schräg, sein Achterdeck stand über Wasser und bei jeder Woge stieg ein

Turm von Gischt daran in die Höhe. In den Tauwänden hing etwas wie graue

Flocken, das waren Menschen. Der Nebel zog und wir sahen sie nicht mehr.

Um zwei Uhr aber, zur Zeit der Ebbe, fuhr Yann hinaus.

Hoch Yann, und dreimal hoch!

Ja, plötzlich regte es sich auf dem „Arbeiter“, der draußen im Nebel inmitten

der Sturzseen tanzte. Die Ankerwinde rasselte. Wir sahen einander an. Wie? Es

zischte und aus dem Kamin quoll eine dicke Rauchwolke, die den „Arbeiter“ in

graue Nebelballen einpackte. „Der kleine Kapitän marschiert!“ Ja, natürlich

marschiert er! Das war Yann, der wie ein Mädchen weinte, wenn er betrunken

war. Nun aber zeigte es sich, was in ihm steckte! Er hatte lange genug gewartet

und nun ging er los und war nicht mehr zu halten. Entweder — oder. Gewiß

hatte er die Zähne gezeigt, als seine Mannschaft zögerte. Eine Stunde lang

rasselte die Ankerwinde, stoß- und ruckweise, der Anker saß fest. Plötzlich aber

hörten wir etwas, ein fürchterliches Gebrüll — trotz der Entfernung. Das war

Yann. Gleichzeitig bewegte sich der Nebeldampfer. Er fuhr rückwärts! „O, lala!“

sagte Noel. Dann stellte er sich auf die Hinterbeine und stürzte kopfüber hinab,

rollte und ging vorwärts. Wir sprachen kein Wort. Nur, da wir lange zusahen,

wie sich Yann Zoll um Zoll den Weg erkämpfte, sagte einer: „Wenn die

Maschine es aushält —!“ Wir warteten stundenlang auf demselben Fleck und

spähten in den Nebel hinein. So oft wir Yann tuten hörten, sahen wir einander an

und regten uns.

Yann kehrte mit acht Schiffbrüchigen zurück. Es war ihm gelungen, ein Seil

zu werfen, über das sie an Bord klettern konnten. Am nächsten Morgen ging das

Rettungsboot hinaus und holte die zehn übrigen. Nun waren sie alle gerettet bis

auf einen, einen Neger, einen Stoker, der sich nicht über das Seil wagte.

Man sah ihn den ganzen Tag über oben auf dem Mast hocken wie einen

kleinen dunklen Klumpen. Der Nebel zog und verbarg ihn, der Nebel wurde

dünner, und immer noch saß der Neger da. Der Mast hatte sich geneigt und ragte

nur noch zum vierten Teil aus dem Wasser. Gegen Abend ging das Rettungsboot

nochmals hinaus und fuhr so nahe wie möglich an den Mast heran. Gespenstisch wie der Fliegende Holländer tanzte das Boot im Nebel. Aber der Neger rührte

sich nicht vom Platze. Am andern Morgen hatte sich die Mastspitze bis aufs

Meer herabgesenkt. Das Spritzwasser ging über den Neger hin. Wieder fuhr das

Boot hinaus, aber der Neger rührte sich nicht. Er hockte da und heulte. Er hatte

den Verstand verloren. Am Abend, als sich der Nebel auf Augenblicke lichtete,

war die Mastspitze leer.

Man grub eine Reihe Gräber in der Heide. Alle Fischer standen mit der Mütze

in der Hand. Auch ich. Der Priester sprach, und der Totengräber spritzte in

gleichen Zwischenräumen den Tabaksaft durch die Zähne ins Grab hinab.

Und nun erschien auch ein Fleckchen blauer Himmel zwischen den

Nebelbänken.

In den Klippen aber saß ganz allein Rosseherre und starrte aufs Meer hinaus.

Die winzige Mastspitze war gesunken. Von der „Indiana“ war nichts mehr zu

sehen.

Ich ging nahe an Rosseherre vorbei. Sie sang leise mit einer hohen, weinenden

Stimme wie der Wind und wiegte den Kopf dabei.

Ich sah über die Insel: sie kam mir schrecklich vor.