Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 34 von 38

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Das Meer

Kapitel XXXIII

 

Der „Kommissionär“ fuhr. Ich sah ihn durch die Bai kreuzen. Ich lachte. Nein, mein Freund, ich habe noch eine Menge vor auf der Insel! Heute ist Mittwoch

und Amorik, der Einäugige, hat Dienst.

In der tiefen Stille der Nacht erklang nur ein dumpfer Schritt. Das Meer

wusch, aber ich hörte es nicht mehr. Mein Schritt war es.

Ich pochte an ein Fenster.

„Ich bin es, Yvonne. Da bin ich wieder! Ja, wir wurden vom Unwetter

verschlagen.“

Ich küßte Yvonnes warmen Hals. Sie preßte meinen Kopf darauf und mein

Mund versank darin.

Dann erzählte sie mir flüsternd, daß sie um mich gebangt hatte in diesen

Tagen.

Über uns drehte sich die gleißende Windmühle und versprengte Lichtreflexe

kreisten glitzernd über den schwarzen Boden. Wir aber standen ganz im

Dunkeln. Es fiel! Was ist das? Es klang so weich. Es regnete weiche Geräusche,

Flattern.

„Das sind die Vögel!“

O ja, es waren die Vögel, die aus dem Norden kamen und ins Licht rannten.

„Yvonne?“

Selbst im Dunkeln sah ich die Grübchen in Yvonnes Wangen. Sie lächelte.

„Du weißt, was du mir versprochen hast?“

„Ich weiß es.“

„Und du wirst heute herauskommen?“

Yvonne nahm meine Hand in ihre heißen Hände und preßte sie. Sie zitterte.

„Nicht heute,“ flüsterte sie, „nicht heute. Morgen, übermorgen —“

Da fiel etwas Weiches auf meine Schulter. Ein Vogel. Ich erschrak und küßte

Yvonne, daß mich die Lippen schmerzten.

„Ich denke an dich, Yvonne,“ flüsterte ich, „ich bin auf dem Meere und denke

an dich. Ich kann dich nicht vergessen. Komm, Yvonne!“

Yvonne schüttelte den Kopf. „Übermorgen —“

Das Blut rauschte in meinem Kopf.

„Und übermorgen —?“ sagte ich laut.

„Um Gottes willen, sprich nicht so laut!“

Ich hielt mich am Gesims fest und schwang mich hinauf. Yvonne wich zurück.

Ich stand in der finstern Stube.

„Jesus,“ flüsterte Yvonne.

„Wenn du nicht herauskommst —!“ sagte ich und zog sie an mich. Yvonne

bebte und küßte mich auf die Wange —

Ich ging. Ich ging über die Heide. Ich nahm die Mütze ab um meinen heißen

Kopf zu kühlen.

„Ja, Yvonne,“ sagte ich, „wie lange wolltest du mich noch warten lassen? Wie

lange, haha!“

In der Heide tauchten Gruppen von weißen Zelten auf: das waren die bleichen

Giebel der Hütten im Schein von Creachs Feuer. Mitten unter ihnen stand ein

hohes, spitzes Zelt, die Kirche. Ich ging am Meer entlang, nach Hause.

Das Meer dampfte, es war still und die Welle klopfte in den Felsen. Tock—

tock—tock. Ich pfiff vor mich hin. Creachs Lichthiebe jagten Dunstkegel vor

sich her. Als ich nahe bei Poupons Schlucht war, begann mein Herz zu pochen,

und ich hörte auf zu pfeifen. Es war so still hier und die Welle klopfte

eigentümlich. Ich blieb stehen. Creachs Lichthiebe fegten über die Heide und

über Poupons Schlucht wallte ein haushohes Gespenst. Das war der Nebel, der

aus der Schlucht stieg. Ich wartete bis der Lichtkegel wiederkehrte: immer noch

stand das riesengroße Gespenst in der Nacht und winkte mir mit weißen Armen.

Ein Gefühl des Schwindels überfiel mich. Es ging dort turmhoch hinab ins

weiße Nichts.

Ich möchte einen Menschen bitten mir zu sagen, weshalb ich gerade in diesem

Augenblick und gerade an dieser Stelle den Schritt anhielt? Und weshalb mir

gerade jetzt der Gedanke durch den Kopf schoß, daß es dort turmhoch hinab

ging?

Poupoul zog die Luft ein und schlug kurz an. Stand jemand in der Heide?

„Ruhe, Poupoul!“

Creachs Licht kehrte wieder und beleuchtete den Pfad. Niemand. Nur ein

Haufen ausgeschichteter Tang lag am Wege.

Da aber begann Poupoul rasend zu kläffen. Seine Augen sahen grünschillernd

zu mir empor.

Ich lachte leise vor mich hin. Vielleicht war — Yann in der Nähe? „Yann,

Yann!“ rief ich. „Bist du hier?“ Und ich lachte dazu, um ihm zu zeigen, daß ich

keine Angst hätte, im Falle er hier wäre. Aber mein Rücken war eisig kalt, als sei mein Rock hinten aufgeschlitzt.

Ich schritt auf den Tanghaufen am Wege zu: ja, da stand Yann! Wirklich, da

stand er —

„Guten Abend, Yann!“ sagte ich. „Was tust du hier so spät in der Nacht, mein

Sohn?“

Yann entgegnete nichts, Poupoul hatte ihn nun erkannt und kroch ihm

wedelnd um die Füße. Aber Yann regte sich nicht. Er stand und sah mich an. Es

waren Yanns Augen und doch waren sie fremd. Sie brannten düster von dummer

Wut und bäurischem Trotz. Er rührte sich nicht, er sagte nichts, er stand und sah

mich an und seine Augen wurden immer größer.

In diesem Augenblick kam mir Yann höchst lächerlich vor. Wenn er hier auf

mich gelauert hatte, weshalb regte er sich nicht? Sollte ich in Poupons Schlucht

verschwinden ohne eine Spur im Rasen zu hinterlassen? Yann, Yann, heraus mit

dir! Zeige, wer du bist. Du wirst mich ja nicht umsonst bekommen, aber

vielleicht billig. Hoho, wie lächerlich er war!

„Wolltest du dir die Pfeife anzünden, Yann?“ sagte ich und lachte ihm ins

Gesicht. Sein dummer Trotz und das alberne Anstarren machte mich zornig. War

das eine Art mit mir zu verkehren?

Aber Yann regte sich nicht. Seine Augen waren nun wie große glühende

Löcher.

„Wenn du die Sprache verloren hast, Yann, dann gute Nacht!“ sagte ich

spöttisch um ihn zu reizen. „Ich werde jeden Abend diesen Weg gehen, verstehst

du mich, jeden Abend. Ich schwöre es dir. Und jeden Abend werde ich genau an

dieser Stelle ein wenig warten. Au revoir et merci, merci!“

Ich ging. Ganz langsam wandte ich Yann den Rücken zu, wartete noch ein

wenig und dann ging ich. Aber Yann rührte sich nicht. Ich lachte, immer noch

erregt und zornig.

Sollte er in Gottes Namen sehen, wie er aus diesem Wahnsinn herausfand, in

den ihn ein kleines Mädchen und der Schnaps hineinjagten. Das war nicht meine

Sache. Er ist ein Narr, Poupoul, und wir lassen uns nichts vorschreiben. Die

Winterstürme werden über die Insel rasen und wir wollen sie hören. Es wird

Schnee und Eis hageln und das wollen wir spüren, hörst du, Kamerad, wir

wollen über die Heide gehen, wenn sie gefroren ist. Und unser großes Feuer

wird prasseln und uns durch und durch blenden und die großen glitzernden

Höhlen in unserer Seele beleuchten, die wir noch nicht kennen. Siehst du, wie

wir mit gelben Augen ins Feuer starren und um uns heult der Wind seinen

großen Gesang?

Yann, Yann!

Am Morgen fand ich einen Brief unter der Türe. „Hüte dich!“ stand darin.

Yann hatte nicht einmal seine Schrift verstellt. Wie unvorsichtig, wenn man

den Brief später bei mir fände? Ich zerriß ihn in kleine Stückchen und streute sie

in den Wind. Dann aber begann ich nachzudenken.

Nein, Yann, es ist genug! Du sollst wieder Ruhe haben. Ich will zu Rosseherre

gehen und mit ihr reden, und ich will zu dir gehen und deine Versöhnung

erbitten.

Yann wird sich ja tot trinken und wir sind trotz alledem Freunde.